cr-4ra-1PyrrhonMontaigneE. DreherC. Stumpf     
 
JOSEPH MARIE DEGERANDO
Betrachtungen
über den Skeptizismus

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"Indem die Reihe von  neuen Pyrrhoniern,  welche im 15. und 16. Jahrhundert auftraten, die Nichtigkeit dessen, was man zu wissen wähnte, ins Licht setzten, machten sie das Bedürfnis eines gründlicheren Wissens fühlbarer. Eine der wirksamsten Ursachen, welche das Fortschreiten in den Erkenntnissen sichern, ist die Kunst, da wo es zweckmäßig ist, zu zweifeln."

"Ihr schlagt die Bücher der Weisen auf, betrachtet die Natur, kehrt durch die Reflexion in das Innere Eurer selbst zurück, Toren! Wozu dient all diese Arbeit, wenn sie damit endet, daß sie Euch die völlige Nutzlosigkeit, und das Lächerliche all Eurer Bemühungen, womit Ihr Eure Stunden verschwendet, kund tut."

"Das Verhalten des Menschen ist nichts als Torheit, wenn er nicht die Gewißheit von der Wirklichkeit eines Zwecks und der Angemessenheit der zur Erreichung desselben angewandten Mittel hat. Ein Wesen ohne Überzeugung würde ohne Bewegung, wie auch ohne Hoffnung sein."


Der Skeptiker AENESIDEMUS machte den Physikern seiner Zeit den Vorwurf, daß sie die Tatsachen nicht mit gehöriger Gewißheit bewährten, ehe sie anfingen, dieselben zu erklären; daß sie zu schnell und zu ausschließend für ihre besondere Hypothese eingenommen sind; daß ihre gegebenen Erklärungen oft mit ihren gegebenen Prinzipien im Widerspruch stehen; daß sie zu unbedachtsam von den beobachteten Phänomenen auf unbekannte Dinge schließen, und so den Gang der Analogien übereilen; daß sie willkürlich und gegen alle Vernunft die Zahl der verständigen Ursachen vermehren; daß sie einer einzigen Ursache die Phänomene zuschreiben, welche ebensogut die Folge verschiedener Ursachen sein könnten; daß sie mti einem Wort ihre Systeme auf Behauptungen gründeten, welche weder ansich einleuchten, noch durch eine gesunde Logik bewiesen sind (1).

Wie sehr ist es zu bedauern, daß AENESIDEMUS sich nicht eher zeigte und daß er bei den Alten nicht mehr Aufmerksamkeit erhielt. Vielleicht würde das Altertum, wenn dies geschehen wäre, eine vernünftige Physik bekommen haben. An der Stelle einer umgeworfenen Hypothese würde sich dann wahrscheinlich eine Entdeckung empor geschwungen, und dieselbe Ursache, welche die Irrtümer vernichtete, auch die Wahrheiten gegründet haben.

Die in die Schulen eingeführte Freiheit zu disputieren, führte ohne Zweifel große Mißbräuche herbei, erzeugte aber auch oft einen heilsamen Zweifel, welcher die Wiederherstellung der Wissenschaft vorbereitete (2). Indem die Reihe von  neuen Pyrrhoniern,  welche im 15. und 16. Jahrhundert auftraten, die Nichtigkeit dessen, was man zu wissen wähnte, ins Licht setzten, machten sie das Bedürfnis eines gründlicheren Wissens fühlbarer. Fast jeder Zweifel des MONTAIGNE schließt einen wissenschaftlichen Keim in sich. Eine der wirksamsten Ursachen, welche das Fortschreiten in den Erkenntnissen sichern, ist die Kunst, da wo es zweckmäßig ist, zu zweifeln.

Wir haben schon oft Gelegenheit gehabt, diesen  kritischen und reformierenden Skeptizismus,  welcher notwendig ist, um die Anmaßungen des menschlichen Geistes zu berichtigen, von einem  absoluten und entschiedenen Skeptizismus  zu unterscheiden, welcher Wahrheiten und Irrtümer in einen allgemeinen Bann zusammenwirft. Der erste verdient alles Lob, vorzüglich wenn er in den schicklichen Zeitumständen, das heißt, in solchen Zeitpunkten erscheint, wo sich die Philosophie durch aufgeblasene und übereilte Behauptungen verirrt hat. Als unerbittlicher Zensor und strenger Erzieher durchstreicht er die vorhandenen Ideen, lehrt aber dagegen, bessere an deren Stelle zu setzen; er zerreißt einige Blätter aus dem Buch der Wissenschaft, läßt aber das Buch vollständig in unseren Händen und lädt uns ein, es wieder zu vervollständigen. SOKRATES gab zuerst ein Beispiel davon, und zeigte, was man alles von demselben erwarten darf; er deckte den falschen Gelehrten das Geheimnis ihrer tiefen Unwissenheit auf. Diese langsame Entdeckung entschied die glücklichste Reform, welche die Philosophie je erfahren hat. Er sagte zu den Menschen:  lernt zweifeln;  aber er setzte auch hinzu:  lernt zweifeln, damit ihr in Zukunft einer vernünftigen Überzeugung vertrauen könnt. 

Man kann also den Skeptizismus als eine Art von geistigem  Heilmittel  betrachten, welches weise eingerichtet ist, um eine von den schlimmsten Krankheiten des menschlichen Verstandes zu heilen, und den Mißbrauch, den er mit seinen Kräften getrieben hat, wieder gut zu machen. Allein man wende dieses Spezifikum im Zustand der Gesundheit an; es wird ein Gift werden. Wird der Skeptizismus außerhalb der Umstände angewendet, welche seine Wirksamkeit erfordern; wird sein relativer Charakter in einen absoluten verändert, sein augenblicklicher Einfluß auf eine längere Reihe von Zeiten ausgedehnt; hört der Zweifel auf, das Vergangene zu berichtigen, und fängt an, allen Mut für die Zukunft niederzuschlagen; greift er die Rechte und die Würde der Vernunft selbst an, anstatt ihre Verirrungen zu tadeln: so wird nun alles am Skeptizismus verderblich; dann macht er, daß alle Ursachen, welche beim Fortschreiten der menschlichen Erkenntnisse zusammenwirken, in ihrer Quelle versiegen.

Darin hatten die Schüler des PYRRHO und die Anhänger der beiden neuen  Akademien  Unrecht. Indem sie die Maximen des SOKRATES übertrieben, blieben sie nicht mehr bei der Prüfung des Vorhandenen stehen, sondern wagten sogar die vollkommene Weisheit in die vollständigste Ungewißheit und Untätigkeit des Geistes zu setzen (3) Sie machten eine Kunst daraus, immer einen Grund zu finden, welchen man einem andern entgegensetzen könnte (14). Anstatt die Logik zu verbessern, suchten sie vielmehr die ganze Logik in ihrem Prinzip zu vernichten. Anstatt uns die Unterscheidung der Wahrheit vom Irrtum zu lehren, wagten sie vielmehr zu behaupten, die eine kann vom andern durch gar kein Merkmal unterschieden werden (5).

Indem sie sich ebensowohl gegen das Zeugnis der Sinne und gegen das innere Bewußtsein, wie gegen die methodischen Demonstrationen auflehnten, wurden sie nicht etwa Wiederhersteller der Philosophie - was sie hätten sein können, wenn sie sich in den gehörigen Schranken gehalten hätten - sondern vielmehr Feinde der Vernunft. Sie konnten nur dahin streben, die Vernunft herabzuwürdigen, und sie selbst für ihre rechtmäßigsten Bemühungen mutlos zu machen. Hätten sie triumphiert, so hätten sie nichts anderes getan, als die Rückkehr der Barbarei beschleunigt. Man forsche in ihren Schriften, man beobachte den Einfluß, den sie auf ihr Zeitalter gehabt haben. Haben sie dasselbe mit einer einzigen großen und fruchtbaren Idee bereichert? Diese Verächter aller Wissenschaft wurden selbst wiederum Gegenstand der allgemeinen Verachtung, und ihre Übertreibungen dienten zu nichts weiter, als den entgegengesetzten Übertreibungen neue Kräfte zu geben.

Alle Einwürfe, welche die alten Skeptiker der Gewißheit aller menschlichen Erkenntnisse entgegensetzten, können auf drei Hauptpunkte zurückgeführt werden.
    Die  eine  Art entlehnt die Gründe der spekulativen Philosophie gegen das Zeugnis der Erfahrung. Die Einwürfe der  zweiten  Art schließen nach gewissen Voraussetzungen der spekulativen Philosophie über die Natur der Wissenschaft. Die  dritte  Art von Einwürfen hält sich für berechtigt, wegen der Verirrungen der spekulativen Philosophie jede Art von Philosophie zu verdammen.
Also werden dem Skeptizismus die verschiedenen Waffen, deren er sich bedient, auf die eine oder die andere Art durch die spekulative Philosophie an die Hand gegeben.

In SEXTUS EMPIRICUS müssen wir den Geist des alten Skeptizismus studieren. Er allein hat uns die Überlieferungen desselben erhalten, und das ganze System der alten Skeptiker entwickelt. Sondern wir die Spielereien, welche sich in demselben eingemischt finden, und keine ernsthafte Aufmerksamkeit verdienen, und die Weitläufigkeiten und Wiederholungen dieses Erläuteres ab, so bleibt nichts, als die drei eben angegebenen Hauptpunkte, übrig.

Er stellt fünfzehn Gründe für den absoluten Zweifel auf. Die vier ersten und der sechste beziehen sich auf den ersten Hauptpunkt. Die Abweichung, welche sich unter den Sinnen verschiedener Tierarten, unter den Sinnen der Menschen, unter den sinnlichen Eindrücken, welche ein Mensch zu verschiedenen Zeiten empfängt, und zwischen den Zeugnissen verschiedener Sinne offenbart; die Mischung, welche sich in jedem sinnlichen Eindruck findet, durch die Wirkung gewisser Mittelmaterien, welche zwischen die Objekte und unsere Organe in die Mitte treten - dieses sind die Gründe, welche die spekulativen Philosophen dem Ansehen der Erfahrung, und die Skeptiker nach ihrem Beispiel der Gewißheit unserer Erkenntnisse entgegensetzen (6).

Allein es ist einleuchtend, daß diese Gründe in ihrer Vereinigung nur eine Sache, nämlich die Voraussetzung der  beständigen Identität zwischen den Empfindungen und den äußeren Objekten,  vernichteten. Sie bestritten einen gemeinen Irrtum, welchen die ersten Philosophen angenommen hatten; aber sie bewiesen durchaus nichts gegen die Gewißheit der Erfahrung, so wie sie von der wahren Philosophie vorgestellt wird. Denn sie erschütterten auf keine Weise die drei Grundwahrheiten: daß unsere Empfindungen reale Modifikationen unseres Seins sind; daß  gewisse  Empfindungen uns geradezu von der Existenz äußerer Objekte belehren, weil sie uns in Berührung mit denselben setzen; daß die Gegenwart dieser äußeren Objekte die Modifikationen, welche uns affizieren, veranlassen.

Die spekulative Philosophie hatte als Grundsatz aufgestellt,  daß es nur eine Wissenschaft für die notwendigen und absoluten Dinge gibt.  Die Pyrrhonier haben mit viel Kunst alles  Relative,  welches in unseren Erkenntnisse angetroffen wird, entwickelt. Auf diesen Zweck beziehen sich der fünfte, siebte, achte, neunte, dreizehnte unter den von SEXTUS angeführten Gegengründen. Die verschiedene Lage des Zuschauers; die Verschiedenheit in der Quantität und Größe; die Schätzung des Wertes der Dinge nach ihrer Seltenheit; der Gebrauch, den man im Urteil von den Vergleichungen macht. Dies macht die zweite Klasse der Einwürfe gegen die Gewißheit der menschlichen Begriffe aus (7).

Allein dies beweist nur die Unrichtigkeit der Definition, welche die spekulativen Philosophen von der Wissenschaft gegeben haben. Es wird daraus leicht bewiesen, daß die Wissenschaft, wie sie von den spekulativen Philosophen bewiesen wird, einer großen Anzahl unserer Urteile nicht zukommt. Aber daraus, daß es eine große Anzahl von  relativen  und  zufälligen Wahrheiten  gibt, folgt durchaus nicht, daß es keine  sehr positiven Wahrheiten  gibt. - "Wenn ihr", sagen die Skeptiker, die Dose eines Arzneimittels verändert, so verwandelt ihr dasselbe in ein Gift." (8)-

Was soll man daraus schließen? Dieses Spezifikum ist im ersten Fall kein wirkliches Heilmittel und im zweiten Fall kein wirkliches Gift? Gewiß nicht, sondern nur dies, daß diese beiden realen Wirkungen, ungeachtet dessen, daß sie entgegengesetzt sind, dennoch unter verschiedenen Umständen stattfinden können. Der Irrtum würde nicht in jedem besonderen Fall, sondern nur darin liegen, daß man die Folgerung vom einen zum andern zu schnell verallgemeinert. Jede Proportion wird unstreitig verändert, sobald man die Glieder derselben verändert; allein sie ist nicht weniger genau, wenn man diese letzten unverändert läßt, und diese sind eben so real, wenn man sie nur in der Reihe der Erfahrung nimmt. Darf man auch, was ohne Zweifel nicht geschehen darf, von dem einen besonderen Faktum nicht zu rasch auf ein Faktum von einer anderen Beschaffenheit schließen, so gibt es doch unveränderliche Analogien, welche man durch verständige Vergleichungen auffassen kann, welche den Wahrheiten der Wissenschaft den von den spekulierenden Denkern verkannten, aber von der Wahrheit gerechtfertigten Charakter der vernunftmäßigen Allgemeinheit geben - diesen Charakter der Allgemeinheit, welcher sich in den Resultaten, nicht aber in den elementaren Sätzen findet; diesen Charakter gegen welchen die Beispiele des SEXTUS gar keinen Zweifel erheben.

Die Pyrrhonier sind dann meisterhaft, wenn sie die Sinne dem Räsonnement, das Räsonnement sich selbst entgegensetzen. Man hat mit der Dialektik soviel Mißbrauch getrieben, daß sie einen sehr reichhaltigen Stoff für ihre Kontraste fanden. Eine Menge von spekulativen Systemen ist durch die Beobachtung um ihren Kredit gekommen; und die meisten strafen einander wechselweise Lügen (9). Welche traurigen Gründe des Triumphs für die Verächter der menschlichen Vernunft. Doch ist übrigens dieser Triumpf leicht, und bietet sich mittelmäßigen Köpfen selbst dar. Man darf nur auf gut Glück die Bücher der Philosophen aufschlagen, um ein langes Verzeichnis von entgegengesetzten Meinungen aufzustellen, welche verschiedene Männer zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten geäußert haben. Es ist natürlich, daß man dabei stehen bleibt, wenn man in sich keine weitere Kraft empfindet, um tiefer einzudringen, und zu untersuchen, welches die Ursachen der Widersprüche sind, welchen relativen Wert die Beweise haben, um nachzuforschen, ob nicht außer den vielen Dingen, über welche man sich entzweit, es doch nicht einige gibt, in welchen alle Menschen einstimmig sind. Es scheint einfacher und leichter zu sein, sich an die Erscheinungen zu halten, und an der Wahrheit zu verzweifeln, weil man rings herum nichts als Streitigkeiten erblickt. Allein der Weise wird zum höheren Nachdenken aufgefordert; mitten unter den Mißhelligkeiten, deren Augenzeuge er ist, fühlt er sich berechtigt, einige unparteiische Entscheidungen zu fällen. Jene Beispiele lehren ihm, in sich selbst ein Mißtrauen zu setzen, aber sie führen ihn nicht zu einer Verzweiflung an der Wissenschaft.

Die Gründe der Pyrrhonier können also auf folgende Formel zurückgeführt werden:
    "Man hat das Ansehen der Sinne zu weit ausgedehnt, also können uns die Sinne gar kein gewisses Zeugnis geben; man hat die Kunst zu verallgemeinern mißbraucht, es gibt lso gar keine Kunst zu verallgemeinern; viele Menschen haben unrichtig geschlossen, also kann man gar nicht richtig schließen.
Warum konnten doch diese Kritiker nicht bei ihrem eigentlichen Zweck stehen bleiben? Sie würden dann die Menschen gelehrt haben, ihre Sinne mit mehr Vorsicht zu gebrauchen; die Gelehrten, nur nach richtigen Analogien zu verallgemeinern, die Philosophen, sich durch eine bessere Logik leiten zu lassen.

Allein sie nehmen die Miene an, die  Nutzlosigkeit aller Logik  zu behaupten.
    "Es ist vergeblich", sagen sie, "ein  Kriterium,  ein ausgemachtes Zeichen und Merkmal aufzusuchen, an welchem man die Wahrheit eines Satzes ohne Beimischung von Zweifel und Irrtum erkennen könnte. Man kann es weder entdecken, noch auch, wenn es gefunden wäre, machen, daß es von Anderen anerkannt wird." (10) Welchem Gerichtshof könnte man das Ansehen zutrauen, welches erforderlich wäre, um das Wahre vom Falschen zu unterscheiden? Sollte der Mensch das vermögen? Aber wie sollte der Mensch die Objekte erkennen, die außer ihm sind, da er sich selbst nicht erkennt? Wir wollen indessen dem Menschen dieses Vermögen einräumen. Allein welcher Mensch soll mit diesem erhabenen Richteramt bekleidet werden? Wollt ihr euch euren eigenen Urteilen anvertrauen? Aber alle Menschen urteilen auf eine verschiedene Weise. Jeder würde daher in seiner eigenen Sache Richter sein, welches weder gerecht, noch vernünftig ist? Wollt ihr das Urteil Anderen überlassen? Welchem unter den Vielen wollt ihr denn dieses Zutrauen schenken? Etwa der größeren Menge? Allein die Verständigen machen immer die kleinere Anzahl auf der Erde aus, und wie ist es überhaupt möglich, die Stimmen des menschlichen Geschlechts zu sammeln? Wollt ihr nur die Weisesten hören? Allein wie soll man sie erkennen? Und ist nicht dieses Urteil noch weit schwerer, als dasjenige, wovon die Rede ist? (11)
Aber wie kann es noch befremden, daß die Pyrrhonier die Wirklichkeit und den Nutzen der Logik bestreiten, da sie so weit gehen, daß sie selbst die  Wirklichkeit jedweder Kunst,  und die  Möglichkeit eines Unterrichts in derselben  in Anspruch nehmen? (12) Da SEXTUS selbst die  Geometer  und  Grammatiker  angreift, und sogar behauptet, die Sprachzeichen könnten kein Mittel der Verständigung sein; was man allerdings eingestehen müßte, wenn man darüber nach dem unaufhörlichen Mißbrauch, den er in seinen Schriften von den Worten macht, urteilen sollte? (13)

Der große Irrtum der Pyrrhonier besteht darin, daß sie nach ihrem eigenen Geständnis, die  Unentschiedenheit des Verstandes, welcher nur ein vorübergehender und Mittelzustand sein darf, zu einem beharrlichen Zweck machten.  (14) Dieser beharrliche Zustand des Zweifels schien ihnen der höchste Grad von Weisheit; und während sie alle nützlichen Künste verwarfen, machten sie eine Kunst daraus, Mittel zu finden, welche zur Befestigung dieser Gemütsstimmung dienlich waren.

Die neuen Akademiker teilten mit ihnen diesen Irrtum (15). - Es ist schwer, eine scharfe Grenzlinie zu ziehen, welche sie von den Skeptikern trennt. Die Unterscheidungsmerkmale, welche SEXTUS zwischen ihnen finden will, scheinen uns sehr subtil zu sein (16). Wenn ARCESILAUS und KARNEADES von der einen Seite die Realität der äußeren Objekte anerkannten; wenn sie beide, vorzüglich der Letzte eine Art von  Wahrscheinlichkeit  annahmen von welcher sie verschiedene Grade bestimmten: was hatte denn diese Realität der äußeren Objekte zu bedeuten, da sie versicherten, sie sei unserem Verstand so fern, daß wir sie gar nicht zu erkennen imstande sind? Was hatte die Milderung zu bedeuten, welche sie in die verzweiflungsvolle Lehre der Skeptiker zu bringen schienen, da sie in einer anderen Beziehung viel weiter gingen, als die Skeptiker selbst, und sogar behaupteten, man müsse alle Hoffnung aufgeben, daß man je zur Gewißheit gelangt, was SEXTUS (17), als konsequenter Skeptiker nie entsheidend zu behaupten gemeint ist? (18)

Was die beiden  neue Akademien  in den Augen des Geschichtsschreibers am besten charakterisiert, ist nicht sowohl die eigentümliche Beschaffenheit ihrer Ideen, als die besondere Richtung ihrer Angriffe. Die Stoiker waren das beständige Objekt derselben; wenn man daher ihre Räsonnements denen der Stoa entgegensetzt, so setzt man die ersten in ihr wahres Licht.

Die  Stoiker  hatten in ihrer Lehre von den Prinzipien der menschlichen Erkenntnis einige Fehler begangen, aus welchen die Akademiker die größten Vorteile zogen. So betrachteten die Stoiker z. B. die Empfindungen als eine Darstellung und ein Bild der äußeren Objekte. Vergeblich suchten sie diesen repräsentativen Charakter durch verschiedene Vergleichungen zu erläutern; vergeblich verlangten sie, daß diese Bilder gewisse Bedingungen vereinigen, daß z. B. das Objekt real, das Bild angemessen ist. Da sie diese sinnlichen Vorstellungen zum Fundament aller Erkenntnisse machten, so blieb immer die Frage übrig, mit welchem Recht man urteilen kann, daß diese Vorstellungen treu, wie man erkennen kann, daß die Bedingungen erfüllt sind, daß das Objekt real, und dem Gemälde der im Geist nachgebildeten Form ähnlich ist. Die Akademiker setzten wirklich diese fürchterliche Frage ihren Gegnern entgegen.

Die  Stoiker  behaupteten ferner, es gibt nur eine einzige dem Weisen angemessene Art des Fürwahrhalten, nämlich dasjenige, welches absolut, unerschütterlich, von vollkommener Kraft und allgemeiner Anwendbarkeit ist. Sie erlaubten dem Weisen keine  Meinung,  das heißt, kein mit irgendeinem Zweifel vermischtes Fürwahrhalten (19). Dieses war eine große Übertreibung. Denn zwischen einer vollkommenen Gewißheit und der vollkommenen Unentschiedenheit gibt es eine große Menge von stufenweisen Nuancen, welche einer größeren oder kleineren Wahrscheinlichkeit entsprechen. Die Meinungen haben keine geringeren Ansprüche auf das Recht, unsere Führerinnen zu sein, wenn sie auch bloß wahrscheinlich sind; und sie sind umso weiser, je mehr sie mit einiger Zurückhaltung begleitet sind. Die menschlichen Wissenschaften würden sehr arm sein, wenn sie wahrscheinliche Meinungen, nachdem sie mit Klugheit geprüft wurden, anzunehmen sich weigerten. Die  Akademiker  konnten daher mit Recht den Stoikern vorwerfen, daß sie vom menschlichen Geist eine Zuverlässigkeit verlangen, welche er unmöglich genießen kann, und sie setzten der absoluten Gewißheit der Stoa diejenige Wahrscheinlichkeit entgegen, welche mit der Schwachheit unserer Natur besser übereinstimmt (20).

Die Stoiker beriefen sich immer auf das  Gefühl der Überzeugung.  Dieses Gefühl sollte nach ihrer Meinung zwischen der absoluten Gewißheit des Weisen und der Meinung, welche, wie sie sagen, nur den Toren zukommt, zum Richter dienen. Allein die Anhänger der Akademie waren zu fein, um nicht zu bemerken, daß ein Gefühl, von welchem sich der Irrende nicht weniger als der Weise durchdrungen fühlt, und welches in beiden mit gleicher Stärke wirkt, nicht Schiedsrichter zwischen beiden sein, vielmehr nur die Wirkung hervorbringen kann, den Einen und den Andern in den eingesogenen Vorurteilen zu bestärken. Zwei Menschen sagen und glauben, sie seien von derselben Überzeugung beseelt; welches Mittel ist vorhanden, um zu entscheiden, welcher von beiden töricht oder weise ist, welcher von beiden der Gewißheit oder der Meinung Gehör gibt?

Die Stoiker beriefen sich auf die  Evidenz Die Akademiker fragten, was Evidenz sein soll, wie man sie in Licht setzen und von den Täuschungen unterscheiden kann, welche vor unseren Augen denselben Schein annehmen?

Die Stoiker waren schließlich nicht genug auf ihrer Hut gegen übereilte Hypothesen, selbst nicht gegen abergläubische Ideen. Sie hatten z. B. angenommen, die Götter teilen sich den Menschen in den Träumen, Orakeln und Vorhersagungen, durch gewisse unmittelbar gegebene Eindrücke mit. Welcher Vorteil für die Akademiker, die eifrigsten  Apologisten  [Rechtfertiger - wp] der Vernunft, diese Weisen, welche sich nur allein durch die absolute Gewißheit leiten lassen wollten, in solchen Verirrungen zu überraschen? (21)

Überhaupt hatten die neueren Akademiker in diesem langen Kampf fast beständig dasjenige Übergewicht über ihre Gegner, welches feinen, geübten und gewandten Köpfen angehören kann, und außerdem all die natürlichen Vorteile auf ihrer Seite, welche gewöhnlich die Angreifenden vor den Verteidigenden voraus haben. Allein welchen Beifall erhielt nicht auch die Stoa dagegen in den Augen der verständigen und unparteiischen Menschen? Wurden sie vielleicht durch die dialektische Kunst von ihren Gegnern übertroffen, so war doch die ganze Stärke des Räsonnements, das ganze Ansehen des gesunden Menschenverstandes - des gesunden Verstandes, dem die Philosophen so viel Böses nachgesagt haben, welcher aber in den letzten Resultaten doch immer über die Gründe der Philosophie triumphiert - auf ihrer Seite.
    "Es ist umsonst", sagen die Stoiker, "daß ihr Euch bemüht, aus diesen oder jenen Wahrheiten, welche unter den Menschen mitten unter ihren Mißhelligkeiten vorhanden sind, gewisse Widersprüche hervorgehen zu lassen; unerschütterlich steht eine Reihe von Gefühlen und Eindrücken, welche allen Individuen gemein sind. Diese  gemeinsamen  und  allgemeinen Begriffe  sind die Grundlage unserer Erkenntnisse." (22)

    "Es ist umsonst, daß Ihr Euren Beifall für alle Gegenstände und unter allen Umständen zurückhalten wollt. Eure eigene Erfahrung straft Euch auf eine feierliche Weise Lügen, wenn Ihr sie ehrlich zu Rate zieht. Die Stimme der Natur ist stärker als die Stimme aller Systeme, und sie ruft Euch zu:  gebt der Evidenz Gehör.  Und ihr müßt Ihr notwendig gehorchen, denn es steht nicht in Eurer Macht, den vollkommen klaren Ideen den Beifall zu verweigern, und etwas anzunehmen, was durchaus widersprechend ist." (23)

    "Wenn die Menschen in ihren Urteilen abweichen, so kommt das daher, daß sie die gemeinsamen Begriffe auf verschiedene Weise anwenden. Irren sie, so rührt es daher, daß sie wahre und genaue begriffe unrecht anwenden. Wenn ein und derselbe Satz zuweilen wahr und falsch zugleich erscheint, so kommt es daher, daß er wirklich wahr in einer Beziehung, und falsch in einer andern ist (24), und alle Kunst Eurer vermeinten Paradoxen besteht nur darin, daß man diese Beziehungen untereinander verwechselt."

    "Vergeblich räsonniert Ihr aus den Täuschungen, welche den Menschen in Irrtum stürzen, wenn seine Organe durch Krankheiten oder andere Zufälle zerrüttet sind. Diese vorübergehenden Unordnungen beweisen nichts gegen die Urteile, welche er im Zustand gesunder Organe fällt. Selbst der Umstand, daß ihr zuletzt auf diese Anomalien zurückkommen müßt, spricht das Urteil gegen Euch. Ein Beweis, daß diese Täuschungen nichts gegen ordentliche Urteile schließen, ist, daß der menschliche Verstand beide unterscheiden kann, und daß die gemeinste Vernunft den einen von beiden Zuständen, welche Ihr verähnlichen wollt, dem andern hinreichend entgegen setzt." (25)

    "Ihr gebt vor, der Mensch erfahre völlig ähnliche Eindrücke, der Gegenstand möge real oder eingebildet, gegenwärtig oder entfernt sein. Diese Behauptung beweist nichts als die Flüchtigkeit Eurer Aufmerksamkeit. Denn wenn Ihr die Natur dieser Eindrücke sorgfältiger beobachtet, so werdet Ihr leicht erkennen, daß richtige Ideen mit einem anderen Grad von Evidenz in unserem Innern begleitet sind, als die unrichtigen." (26)

    "Zwei Objekte, sagt ihr ferner, haben oft eine so vollkommene Ähnlichkeit, daß es unmöglich ist, sie nicht miteinander zu verwechseln. Ihr seht z. B. den doppelten Abdruck des selben Siegelrings, zwei Eier, zwei Zwillinge usw. Allein wenn ein gescheiter Mensch zwei vollkommen ähnliche Objekte wechselweise betrachtet, so behauptet er nicht ihre Identität, sondern nur ihre Ähnlichkeit; sein Urteil ist also nach Eurem eigenen Geständnis wahr. Übrigens findet sich keine so vollkommene Ähnlichkeit in der Natur, als Ihr anzunehmen beliebt; es gibt tausend Verschiedenheiten auch zwischen den ähnlichsten Gegenständen, und wenn sie uns entgehen, so liegt die Ursache allein in der Grobheit unserer Organe, welche selbst dann, wenn sie das, was sie sehen, richtig sehen, doch nicht alles sehen können. Wir schränken uns auf die Bejahung dessen ein, was sie wirklich auffassen, ohne über das zu entscheiden, was sie nicht erreichen." (27)

    "Ihr verlangt ein  Kriterium,  um die Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden. Dieses  Kritierium,  welches Euch so schwer zu finden scheint, ist in Euch selbst; es liegt in euren eigenen Vermögen, bei denen es nur darauf ankommt, sie gut anzuwenden. Allein es gefällt Euch, sie zu mißbrauchen." (28)

    "Ihr verlangt ein Mittel, wodurch Ihr die Gewißheit erhaltet, immer auf richtige Ideen zu kommen. Dieses Mittel ist in den Händen aller aufmerksamen und arbeitsamen Menschen, und es entgeht nur oberflächlichen Köpfen. Es besteht darin, daß man sich bestrebt, keine andern als vollständige Begriffe zu haben. Man betrügt sich nur darum, weil man allgemeine Urteile mit besonderen Begriffen fällen will. Daher geben wir dem Zeichen der Wahrheit den Namen  Katalepsie  [Festhalten - wp], und wollen damit sagen, daß der Verstand den  Umfang der Objekte ganz umfassen  kann und sich nicht darauf einschränken muß, sie von einer Seite aus zu betrachten." (29)

    "Denkt nur einmal nach, wohin Euch die Folgen Eurer schädlichen Lehre führen. Ich vernichtet für den Menschen alle Philosophie, alle Weisheit, alle Wissenschaft. Ihr macht, daß der edelste Zweck, den er sich auf dieser Erde setzen kann, verschwindet. Denn gibt es keine Wahrheit, oder ist es für den Menschen unmöglich, sie zu erreichen, aus welchem Interesse soll er seine geistigen Kräfte zu gebrauchen streben? Welcher Grund kann ihn bestimmen, sie zu vervollkommnen? (30) Was sollen die Flügel und das Steuerruder nützen, wenn er, wie ein gebrechliches Schiff auf einem Meer ohne Ufer, der ewigen und grenzenlosen Ungewißheit hingegeben ist? Warum sollte er auf das Vorderteil ein wachsames Auge haben, wenn er den Blick der Hoffnung auf keine Seite hin richten kann?"

    "Ihr schlagt die Bücher der Weisen auf, betrachtet die Natur, kehrt durch die Reflexion in das Innere Eurer selbst zurück, Toren! Wozu dient all diese Arbeit, wenn sie damit endet, daß sie Euch die völlige Nutzlosigkeit, und das Lächerliche all Eurer Bemühungen, womit Ihr Eure Stunden verschwendet, kund tut."

    "Ihr glaubt, sagt Ihr, an keine Wahrheit. Indessen seid Ihr doch gezwungen, einige Handlungen zu vollbringen. Handelt Ihr also als Blinde? Oder handelt Ihr als vernünftige Wesen, fallt Ihr nicht in Widerspruch mit Euch selbst? (31) Für denjenigen, in dessen Augen die Wahrheit nichts ist, gibt es auch nichts Nützliches und Gutes, Selbst das Tier würde kein tätiges Wesen sein, wenn es sich nicht auf seine Empfindungen verließe. Das Verhalten des Menschen ist nichts als Torheit, wenn er nicht die Gewißheit von der Wirklichkeit eines Zwecks und der Angemessenheit der zur Erreichung desselben angewandten Mittel hat. Ein Wesen ohne Überzeugung würde ohne Bewegung, wie auch ohne Hoffnung sein."

    "Wenn aber der Mensch im Zustand der vollkommenen Ungewißheit immer unentschlossen in der Wahl selbst derjenigen Objekte sein muß, welche zur Erhaltung seiner Existenz notwendig sind, was wird aus der großen praktischen Wissenschaft werden, welche die allgemeine und unveränderliche Gesetzgeberin für unser und aller Menschen Leben sein muß? was wird aus der Moral werden? Wißt ihr also, wo die vollständigste Widerlegung Eures Systems ist? - Im Herzen des rechtschaffenen Menschen. Denn der rechtschaffene Mensch zweifelt nicht an der Heiligkeit seiner Pflichten; aber alle Handlungen sind gleichgültig für denjenigen, der keine andere als zweifelhafte Ideen hat, und es gibt keine Tugenden, wo es keine Wahrheiten gibt. Geht also hin und lehrt dem Menschen, er müsse das Wohl seines Nächsten befördern, er müsse vermeiden, was ihm schädlich werden kann! Euer Schüler wird auf alle Eure Regeln mit einem schrecklichen,  was weiß ich?  antworten. Er wird Euch sagen: weiß ich denn, was nützlich oder schädlich ist? Gesetzt, das Unglück trifft Euch, und nötigt Euch, ihn um Hilfe anzuflehen; ruhig und unbeweglich in der moralischen Apathie, welche ihr zu seinem höchsten Gut gemacht habt, wird er Euch mit einem gefühllosen Auge betrachten, und sagen: beweist mir, daß ich Euch helfen soll; beweist mir doch, daß Ihr leidet."

    "Doch ist es nicht Eure Absicht, sagt ihr, den Menschen zu einer absoluten Untätigkeit zu verurteilen. Ihr gebt ihm die Vorschrift, sich dem Instinkt, der Neigung, den Gewohnheiten zu überlassen. Fürwahr ein großes Resultat Eurer gelehrten Dialektik! Bedurfte er Eurer Untersuchungen, um solche bewunderungswürdige Regeln zu lernen? Warum will man aber ein Gesetz daraus machen, sie zu befolgen? Worauf will man ein solches Gesetz gründen? Was ist der Instinkt, dem man gehorchen: welches die Gewohnheiten, nach welchen man sich richten soll? Und weil Ihr uns eine ganz knechtische Existenz auferlegt, so würdigt uns doch wenigstens einer Belehrung, von welcher Art unsere Knechtschaft sein soll. Allein wir leben in verdorbenen Zeiten; wir sind in eine ausgeartete Gesellschaft hineingestellt; wir nehmen um uns nichts als den Triumph des Lasters wahr. Die in Eurer Schule gebildeten Schüler werden also dem Strom folgen müssen; der Herrschaft des Verbrechens werden sie nie eine ehrenvolle Beharrlichkeit entgegen setzen, sondern die Zahl der Nichtswürdigen vermehren, welche den Charakter der Menschheit brandmarken; sie werden die Schande fortpflanzen, weil sie dieselbe um sich herum herrschen sehen. Dies sind die einzigen Grundsätze, welche Euer allgemeiner Zweifel verschont; dies ist die einzige Entdeckung, mit welcher Ihr die Menschheit beschenkt. Ihr wißt nur eine einzige Sache, in welcher man, wenn sie auch wahr wäre, ewig unwissend sein wird."

    "Freunde der Wahrheit, Freunde der Moral, Ihr die Ihr einiges Interesse an der Vernunft und an den Schicksalen der Menschheit nehmt, fühlt Ihr nicht, daß sich Eure ganze Seele bei diesem Gedanken empört? Bedarf es noch Gründe, um Euch den Abgrund zu zeigen welchen diese vorgeblichen Weisen unter unseren Schritten eröffnet haben? Was bedeuten fernerhin alle ihre Subtilitäten in Gegenwart des einstimmigen Zeugnisses, welches sich aus dem Schoß aller gutgearteten Seelen und aller richtig denkenden Menschen gegen sie erheben, oder vielmehr in Gegenwart des authentischen und feierlichen Zeugnisses der ganzen Natur selbst? Kommt, vereinigt Euch mit uns, von welcher Art auch Eure individuellen Meinungen sein mögen, erhebt Euch mit uns gegen diese Künstler der Zerstörung, welche ihren Ruhm auf den Trümmern des doppelten Gebäudes der Wissenschaft und der Moral gründen wollen; welche unserer Natur ihren schönsten Vorzug, das Recht, zu erkennen, was recht und wahr ist, rauben; welche unseren Augen alle Hoffnung einer Vervollkommnung verschließen; welche in uns alle Keime des Mutes und der Tätigkeit ersticken wollen; welche unseren Verstand mit einer ewigen Nacht bedecken, und uns zur Unbeweglichkeit der Gräber verdammen. Unstreitig müssen wir sie beklagen, weil es für sie weder ein Studium, das den Gedanken erhebt, noch eine fruchtbare Erkenntnis, welche die Künste leitet, noch ein edles Interesse, welches die Herzen vereinigt, weil es für sie kein Gut, weder in der Realität noch in der Zukunft gibt. Aber warum öffnen sie eine Schule, stiften sie eine Sekte, kündigen sie ihren Plan an? Was wollen sie? Es ist vergeblich, die Menschen aus dem Irrtum zu reißen, wenn es keinen Irrtum gibt, und es gibt keinen Irrtum, wenn es keine Wahrheit gibt. Sind diese Männer, welche an allem zweifeln, ihrer eigenen Meinung so sicher, daß sie sich zu ihrer Fortpflanzung für berechtigt halten? Sie mögen also auch für diesen Fall den Zustand der Unentschiedenheit annehmen, welchen sie uns empfehlen und weil sie nichts wissen, so mögen sie wenigstens schweigen! " (32)
Was die Stoiker den Skeptikern der neuen Akademie sagten, werden wir den Skeptikern der neueren Zeit, und zwar mit noch mehr Recht sagen. Denn die großen Erfahrungen der philosophischen Geschichte haben uns jetzt über die Wirkungen eines solchen Systems aufgeklärt; und uns gezeigt, daß das Glück des absoluten Skeptizismus nur ein Vorbote von der Rückkehr eines unmäßigeren Dogmatismus ist; daß der menschliche Geist, wenn er einmal in ein Extrem gefallen ist, plötzlich in das entgegengesetzte Extrem zurückstürzt, und sich mit einer grenzenlosen Leichtgläubigkeit den willkürlichsten Hypothesen hingibt, nachdem er den einfachsten Wahrheiten den Beifall verweigert hat. So ließen die zwei neuen Akademien gar keine dauerhaften Spuren ihrer Bemühungen zurück, und anstatt den Dünkel der System etwas zu demütigen, verfielen sie vielmehr in einen allgemeinen Mißkredit, machten den mystischen Übertreibungen der Alexandriner Platz, und schienen sie gewissermaen zu rechtfertigen, weil sie dem menschlichen Verstand nichts als einen grundlosen Abgrund, der alles zu verschlingen drohte, dargeboten hatten.
LITERATUR - Joseph Marie Degerando Betrachtungen über den Skeptizismus - Vergleichende Geschichte der Systeme der Philosophie mit Rücksicht auf die Grundsätze der menschlichen Erkenntnisse, Bd. 2, Marburg 1806
    Anmerkungen
    1) Man sehe den Inhalt der acht pyrrhonischen Bücher des AENESIDEMUS, welchen und PHOTIUS (Cod. CCXXII) gegeben hat. Er läßt uns den Verlust des Textes von diesem Werk sehr bedauern. MENAGE und FABRICIUS haben jene Inhaltsanzeige kommentiert.
    2) "Die in den Klöstern errichteten Schulen", sagt HERDER (Ideen zu einer philosophischen Geschichte der Menschheit, Bd. 20, § 6), wurden ein Theater, auf welchem die Dialektik des ARISTOTELES beständig in Zank geriet mit der Dialektik des heiligen AUGUSTINUS; eine Art von wissenschaftlichem Turnier, in welchem die Gelehrten dieser Zeit wie in Schranken kämpften. Nichts ist so ungerecht wie die Verachtung und der Tadel, welcher jetzt bei uns diese Streitigkeiten trifft. Man ist übereingekommen, sie als eine von den unnützesten Anstalten des Mittelalters zu betrachten. Allein schon die Freiheit, welche sie begünstigten, war damals von großem Wert; man wurde durch sie dahin geführt, Probleme, deren ernsthaftere Behandlung die Zeit noch nicht herbeigeführt hatte, wenigstens als Fragen aufzustellen, und durch entgegengesetzte Gründe zu prüfen. - Es gab keinen Gegenstand der Theologie oder Metaphysik, welcher nicht der Text von subtilen Fragen und Unterscheidungen, und von einer Art von Analyse wurde. Die Resultate, welche sie hervorbrachten, hatten eben durch die Beschaffenheit derselben weit weniger Gründlichkeit, als das rohe Gebäude von positiven Überlieferungen, an welche man sich bisher blindlings angeschlossen hatte; sie konnten durch die menschliche Vernunft, welche sie gebildet hatte, auch wieder zerlegt werden. Wir wollen also die Vorteile dieses Disputiergeistes, welcher im Mittelalter herrschte, und das Verdienst derjenigen, welche ihn leiteten, nicht verkennen, weil er die Genies erzeugte, welche in der Folge diese Bruchstücke benutzen konnten. Wenn auch mehr als einer von diesen Athleten das Opfer des Neides oder seiner eigenen Unvorsichtigkeit wurde, so machte doch indessen die Kunst zu räsonnieren merkliche Fortschritte, und diesen verdankt es die Philosophie der Sprache, daß sie sich übte und in Europa rascher entwickelt wurde.
    3) Dieser Zustand der Unbeweglichkeit und Ruhe, dieses Untätigkeit des Verstandes bei den Skeptikern machte den Zweck ihrer Philosophie aus, und sie nannten ihn die  Ataraxis  (Sextus Empiricus Hypertypos. Pyrrhon I, c 12.
    4) Der Skeptiker, sagt SEXTUS, vergleicht die Ideen und Empfindungen in der Absicht, um ebenso starke Gründe für die Verwerfungen eines Satzes zu finden, wie sich für die Annahme desselben finden, und umgekehrt. (Hypotypos. Pyrrhon, I. c. 4.
    5) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 22
    6) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 14
    7) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 14, 15
    8) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 14, § 7
    9) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 15. 1.4.5. III. c.4
    10) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. II. c. 4
    11) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. II. c. 5.6. adversus Logicos I. § 1. 2.
    12) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. II. c. 27. 30.
    13) Ich werde mich auf die Anführung einiger Beispiele einschränken. SEXTUS unternimmt es, den Satz:  das Ganze ist größer als ein Teil desselben,  zu bestreiten. Unter anderen Gründen von gleicher Stärke will er zeigen, daß  Zehn  mehr als  fünzig  in sich begreift, indem er die mannigfaltigen Kombinationen aufzählt, welche die Bestandteile von  zehn  in sich fassen. (SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. II. c. 19) - - - Der Begriff einer Gattung ist in seinem Kopf nicht bestimmter. "Der Mensch ist eine Gattung", sagt er, "an welcher Alexander und Theon gleichen Anteil haben. Entspringen sie aus derselben Gattung, so kann der Eine nicht sitzen, während der Andere geht. Wenn Alexander lustwandelt, so lustwandelt der Mensch als Gattung, und Theon, welcher an der ganzen Gattung teilnimmt, muß folglich auch lustwandeln." - - - Nicht anders spricht er von den Akzidenzien. "Wenn das Atemholen des Theon dasselbe ist, wie das des Dion, so kann der Erste unmöglich noch atmen, wenn der Zweite aufgehört hat zu leben." SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 20. 21. - - - "Ein Räsonnement", sagt SEXTUS ferner (SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 8. 9.), welches man für demostrativ ausgibt, besteht aus Sätzen. Man hat aufgehört, den ersten auszudrücken, wenn man den folgenden aussagt; dieser kann daher nicht das Zeichen von jenem sein; denn wie sollte das, was nicht mehr ist, das Zeichen von dem sein, was ist?" - - - "Was klar und bekannt ist, bedarf keiner Zeichen um erkannt und bekannt gemacht zu werden. Was dunkel ist, kann nicht durch ein Zeichen aufgeklärt werden. Denn wer ein  Zeichen  sagt, sagt etwas, welches sich auf die  bezeichnete Sache  bezieht. Um also zu erkennen, daß eine Sache ein Zeichen ist, muß man schon die  bezeichnete Sache  erkennen usw." - - -  Ein  Räsonnement ist nicht demonstrativ, wenn es aus  ungewissen Teilen  besteht. Nun ist der Schlußsatz, welcher ein Teil desselben ist, nicht  gewiß,  denn wäre er es, so würden man ihn nicht zu beweisen suchen usw." - - - Auf jeder Seite des SEXTUS findet man ähnliche Unbestimmtheiten, welche freilich oft durch die in den Schulen damals eingeführten schwankenden Definitionen gerechtfertigt werden, wie wenn man z. B. sagte:  Das Wahre ist unkörperlich, aber die Wahrheit ist körperlich.  (SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 8)
    14) Dies ist die Definition selbst, welche uns SEXTUS vom Pyrrhonismus gibt. SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 4. 5.
    15) SEXTUS EMPIRICUS, advers. Mathemat. VII, § 129, 163; CICERO, Academic. Quaest. IV, c. 13. 26.
    16) SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. I. c. 33
    17) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 8. SEXTUS EMPIRICUS, advers. Mathemat. VII, § 50.
    18) KARNEADES sagte: Man muß die objektive Übereinstimmung der Vorstellungen mit den Objekten, und die subjektive Beziehung derselben auf das vorstellende Wesen unterscheiden. Jene ist kein Gegenstand der Erkenntnis für uns, sondern nur die letzte. Der Mensch kann kein objektives Wissen, absolute Erkenntnis, von den Objekten Haben, aber eine subjektive Gewißheit, Wahrscheinlichkeit. Wenn die Akademiker gegen die Gewißheit der Erkenntnis überhaupt zu streiten scheinen, so verstehen sie immer die objektive, die Erkenntnis der Dinge-ansich, und sind darin mit den Skeptikern einstimmig, nur daß diese eine problematische Möglichkeit derselben übrig zu lassen scheinen wollen. Dagegen nahmen die Pyrrhonier auch nicht die wahrscheinliche Erkenntnis an, um ihre Gemütsruhe nicht stören zu lassen.
    19) CICERO, Academicar. Quaestion. IV. c. 20; SEXTUS EMPIRICUS, advers. Mathemat. VII, § 151. 152
    20) SEXTUS EMPIRICUS, advers. Mathemat. VII, § 153. 154.
    21) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 15
    22) Epicteti Dissertat. III. c. 26
    23) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 6. 12. 1. 9. 11.
    24) SEXTUS EMPIRICUS, advers. Logic. I, § 242, 243
    25) SEXTUS EMPIRICUS, advers. Logic. I, § 253
    26) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 13. 15; SEXTUS EMPIRICUS, advers. Logic. I, § 153. 403 27)
    27) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 16. 18
    28) DIOGENES LAERTIUS , § 54, Seite 171
    29) CICERO, Academic. Quaestion I, c. 11; IV, c. 47; SEXTUS EMPIRICUS, advers. Logic. I, § 152. 227; SEXTUS EMPIRICUS, Hypotypos, Pyrrhon. III. § 241.
    30) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 8. 9.
    31) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 7.
    32) CICERO, Academic. Quaestion IV, c. 12.