cr-2L. NelsonG. NeudeckerF. EnriquesO. CaspariPaul Stern     
 
LUDWIG STEIN
Das Erkenntnisproblem

"Die Erfahrung gibt nur Gegenstands-, Eigenschafts- und Zustandsbegriffen die  Inhalte,  während die Beziehungsbegriffe, wie Substantialität, Kausalität, Raum, Zeit, Zahl etc. nur die reine  Form  des Denkens darstellen.  Gegeben  sind uns doch im günstigsten Fall nur Dinge, Eigenschaften und Zustände, aber doch niemals ihre Beziehungen zueinander, die wir vielmehr mittels unserer unaufgebbaren Einheitsfunktion zwischen der Vielheit der Erscheinungen aus Eigenem hineinlegen. Wir  introjizieren  unsere Icheinheit schon in jede Dingeinheit. Denn jeder "Gegenstand", jedes  Ding  enthält bereits unsere Einheitssetzung, durch welche das "Ding", ungeachtet der Vielheit seiner Merkmale, als  "ein"  Ding erscheint. Wir fühlen schon dem  Gegenstand unsere  Einheit  ein,  vollends den Beziehungen der Gegenstände, Eigenschaften und Zustände  unter einander. Beziehen aber ist lediglich und ausschließlich ein Funktion unserer Icheinheit, also eine bloße Form, die wir aus Eigenem den Gegenständen, Eigenschaften und Zuständen aufprägen."

Erkenntnistheorie nennen wir denjenigen Zweig philosophischer Disziplinen, welcher Umfang und Grenzen menschlicher Erkenntnis zu untersuchen, Art und Grad unserer Gültigkeitsurteile zu prüfen, Wahrscheinlichkeit und Gewißhei gegeneinander abzugrenzen, kurz: die Kriterien menschhlicher Wahrheit aufzustellen hat. Die Gültigkeitsgrade menschlicher Urteile haben in Sprechen und Denken, in Grammatik und Logik ihren reglementierenden Niederschlag gefunden. In der Logik kennen wir verschiedene Sicherheitsgrade unserer Aussagen. Wir haben in der formalen Logik Wahrnehmungsurteile, die sich auf unmittelbare Erlebnisse stützen; sie gelten natürlich nur für hier und jetzt. Ferner Gedächtnisurteile, die sich auf unmittelbare Erlebnisse beziehen; ihre Geltung ist eine zeitlich fixierte. Endlich kennen wir Begriffsurteile (z. B. die Tugend beglückt), welche zeitlose Geltung beanspruchen. Unser Urteil ist ein assertorisches [als gültig behauptetes - wp] ("so ist es"), wenn es sich auf ein bestimmtes Erlebnis der Sinne bezieht, und das nennen wir Wirklichkeit. Die  ratio sensitiva,  das Zeugnis der Sinne, das zwar lebhaft und anschaulich, aber zufällig und unzusammenhängend ist, weil es sich nur auf Augenblickserlebnisse oder Eindrucksatome beschränkt, wird darum von den großen Rationalisten, wie DESCARTES und SPINOZA, als dunkel und verworren bezeichnet und eben damit an die unterste Stufe der Erkenntnis gewiesen. Allgemeingültigkeit kann daher immer nur ein Mehrheitsurteil oder sogenannt pluralem Urteil zugesprochen werden. Nur Mehrheitsurteile, wie: "Viele Germanen sind blond", "alle Menschen sind sterblich", "alle Körper sind ausgedehnt", erheben den Anspruch auf notwendige Geltung. Erst in den Mehrheitsurteilen liegen die Ansätze wie zu induktiven Generalisationen und Empeiremen, so zu wissenschaftlichen Klassifikationen, vollends zu jenen unbedingt gültigen Lehrsätzen der Mathematik, die auf der formal-identischen Gleichung  a = a  oder  Ich = Ich  beruhen. Apodiktizität [Gewißheit - wp] der Geltung kommt nur den formalidentischen Urteilen in der Mathematik und Logik, nicht aber den realidentischen in Physik und Chemie zu. Darin hat HUME gegen KANT Recht behalten. Von jeder erzählten Wirklichkeit  (matter of fact  bei HUME) ist das Gegenteil prinzipiell möglich, wofern es keinen inneren logischen Widerspruch in sich birgt, wenn dieses Gegenteil auch in diesem speziellen Fall infolge der Wirklichkeit des erzählten Vorganges ausgeschlossen ist. Jedem einmalien Erlebnis, Vorgang oder Geschehnis wohnt also Wirklichkeitscharakter, aber kein notwendiger Wahrheitscharakter inne. Unser Urteil ist ferner ein problematisches, wenn es nicht ein Wirkliches oder Tatsächliches, sondern nur ein Mögliches zum Inhalt der Aussage macht ("es könnte, es dürfte, es möchte so sein"). Alle hypothetischen Urteile haben daher nur einen Wahrscheinlichkeitswert der Aussage. Was möglich ist, hat natürlich niemals jenen Grad der Sicherheit, der einem tatsächlich erlebten Vorgang zukommt, vollends nicht jene unumstößliche Gewißheit, wie er Naturgesetzen oder gar logisch-mathematischen, sogenannten ewigen Wahrheiten  vérités de raison  [Vernunftwahrheiten - wp] innewohnt. Erst im apodiktischen [logisch zwingenden, demonstrierbaren - wp] Urteil, das wir bedingungslos abgeben, das also kein "Wenn" und an kein "Aber" gebunden ist, wird der Sicherheitsgrad unserer Aussage ein kategorischer ("so muß es sein, anders kann es nicht sein"). RENAN trifft einmal die Unterscheidung:  Certitudes, Probabilités, Rêves  [Gewißheiten, Wahrscheinlichkeiten, Träume - wp]. Die drei Arten (Modalitäten) der Aussage von der Gewißheit der Wirklichkeit, von der abgeschwächten Sicherheit der Wahrscheinlichkeit bis hinauf zu unbedingten Zuverlässigkeit der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit, wie sie nur Begriffsurteilen innewohnt, wollen wir an einem Beispiel unserer täglichen sinnlichen Erfahrung illustrieren. Sage ich: die Sonne scheint, so kommt diesem Urteil zunächst nur Wirklichkeitswert, kein Notwendigkeitswert zu. Es ist ein assertorischer Satz. "Die Sonne scheint" heißt: jetzt und hier, für mich und zu dieser Sekunde. Dieser erlebte Vorgang ist ein einmaliger und als solcher: Wirklichkeit, aber keine logische Wahrheit, weil er keine Erwartungsgefühle für die Zukunft weckt. An einem anderen Ort und zu anderer Zeit hat dieses Urteil keine Gültigkeit. Sage ich aber: die Sonne dürfte morgen durch die Wolken brechen, so hat meine Aussage den abgeschwächten Sicherheitswert eines problematischen Urteils. Es ist möglich, wahrscheinlich sogar (nach dem Stand des Barometers) und nach den mit Wahrscheinlichkeitsrechnung den Rat erteilen, wie wir uns kleiden oder ausrüsten sollen. Erfahrungsverallgemeinerungen unserer Vorfahren, die im Gattungsgedächtnis ("Mneme") niedergelegt sind, gerinnen zu Begriffen, welche uns in großen Zügen orientieren. Sage ich aber: "die Sonne scheint" im Sinne einer bleibenden Eigenschaft, indem ich den physikalischen Prozeß darlege, nach welchem der Sonnenkörper funktioniert, d. h. Licht, Wärme oder Elektrizität, ausstrahlt, so ist in dieser Aussage das Scheinen der Sonne kein einmaliger, sondern ein ewiger Vorgang, kein zufälliges, sondern ein notwendniges Erlebnis, kein Einzelurteil, sondern ein Allgemeinurteil, also weder eine assertorische, noch eine problematische, sondern ein apodiktische Aussage. Denn diese Aussage gilt nicht nur für jetzt und hier, sondern für immer und überall; sie ist also nicht bloß wirklich oder gar nur möglich, sondern sie ist notwendig und allgemeingültig. Die drei Sicherheitsgrade von Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit verhalten sich zueinander wie etwa die Feststellungen des Thermometers, das die augenblickliche Temperatur, also die Wirklichkeit anzeigt, zu denen des Barometers, das die kommende Temperatur ahnen läßt bis hinauf zum zuverlässig orientierenden Kompaß oder zu einer angekündigten Sonnenfinsterns der Astronomen, deren Vorhersagungen nicht wie die der Wetterpropheten eintreten  können  und in achtzig und einigen Prozent der Fälle etwa wirklich eintreten, sondern den hohen Sicherheitsgrad von hundert Prozent beanspruchen, unsere Erwartungsgefühle daher aufs höchste spannen und befriedigen, weil in der bisherigen wissenschaftlichen Erfahrung noch niemals ein Fall beobachtet wurde, der den genauen Berechungen der Astronomen widersprochen hätte. Die beobachtete Einzelwirklichkeit belehrt uns darüber, was  ist,  die hypothetischen urteil über das Kommende geben uns einen Fingerzeig darüber, was nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung eintreten  dürfte,  die apodiktischen Aussagen oder "Gesetze" der Astronomen, Physiker, Chemiker und Biologen künden mit unbeirrbarer Sicherheit, d. h. sie behaupten kategorisch, was eintreten wird oder  muß. 

Wir vertreten in der Erkenntnistheorie den Standpunkt eines evolutionistischen Kritizismus. Wir sind Empiristen für den  Ursprung,  aber Aprioristen oder Logisten für die  Geltung  unserer Allgemeinbegriffe. Daß unsere konkreten Begriffe ihrem Ursprung nach auf sinnlichen Erfahrungen beruhen, welche sich häufig wiederholt haben und infolgedessen zusammen assoziiert werden (nach dem Gesetz der Kontiguität [Nachbarschaft - wp], geben wir MACH und OSTWALD unbedenklich zu. Die identischen Erlebnisse stehen im Verhälnis assoziativer Zuordnung zueinander. Sie gerinnen aber mittels der "Mneme" zu Begriffskomplexen. Dieses "Zuordnungsverfahren" gibt uns die Möglichkeit, "Zusammenhang in die Gesamtheit unserer Erfahrung zu bringen" (WILHELM OSTWALD, Grundriß der Naturphilosophie, 1908, Seite 94). Wir gehen noch einen Schritt weiter. Auch in der von JAQUES LOEB aufgestellten "Theorie der Kettenreflexe", auf welcher RICHARD WAHLE, "Über den Mechanismus des geistigen Lebens", Wien 1906, seinen strengen und methodisch durchgeführten psychologischen Materialismus aufgebaut hat, sehen wir keinen hinlänglichen Grund zu einem wissenschaftlichen Anathema [Bannfluch - wp]. Die "Kettenreflexe" als aufgespeicherte und zu Komplexen verdichtete Erinnerungsbilder werden sich ebensowenig um den Widerspruch der Logisten kümmern, falls sie wirklich jenen Hypothesenduft, der ihnen heute noch anhaftet, verlieren, wie das kopernikanische System um den Befehl JOSUAS: "Sonne stehe still zu Gibeon". Werden sich LOEBs Theorien im Feuer der physiologischen Kritik erproben und bewähren, so werden sich die Logisten mit ihnen dermaleinst ebenso abzufinden haben, wie sich die Kirche schließlich doch an die kopernikanische Lehre anpassen oder vielmerh sich ihr anbequemen mußte. Unser Standpunkt des evolutionistischen Kritizismus wird von LOEB und WAHLE gar nicht getroffen. Wenn wir uns selbst ihre Ergebnisse aneignen, ja sogar die FLECHSIGschen Denk- oder Assoziationszentren gelten lassen müßten, so bliebe die Berechtigung unserer vermittelnden Stellung zwischen HUME und KANT, zwischen genetischer und kritischer Methode unangetastet. Wir können uns genetisch auch mit "Kettenreflexen" und "Assoziationszentren" einrichten, bleiben dabei trotz alledem Aprioristen für die Geltung der intuitiv erkannten logisch-mathematischen Wahrheiten.

Denn die Erfahrungserkenntnisse, welche unser Gattungsgedächtnis zu Begriffen oder Empfindungskomplexen verdichtet hat, entsprechen der Wirklichkeit nur ungenau, während unsere künstlichen, menschlichen "Setzungen" in der Geometrie oder Arithmetik, wo wir Punkte, Linie, Flächen, Vierecke, Kreise, Zahlen und ihre Proportionen "setzen", "fordern", die ewige Ordnung der Natur, die logisch-mathematische Gesetzlichkeit des Weltganzen, mit unerreichter Präzision wiedergeben. Die logischen und mathematischen Axiome sind unsere Setzungen; sie sind analytische Wahrheiten, rein intuitive Erkenntnisse. In unsere "Setzungen" aber sind wir souverän, von keiner Erfahrung zu widerlegen. Mag also der Ursprung aller Erkenntnisformen empirisch-genetisch abgeleitet werden, so bleibt die  Geltung  unserer axiomatisch gesetzten logischen und mathematischen Wahrheiten überempirisch. Die Wirklichkeit belehrt uns nur für die Gegenwart, die Möglichkeit gibt uns Fingerzeige zur Erklärung der Vergangenheit und Deutung der Zukunft, die Notwendigkeit endlich gibt uns feste Orientierungsmaßstäbe für das Kommende, das eintreten muß. Diese Notwendigkeit stammt aus uns selbst; sie ist eine zeitlose Denknotwendigkeit, die der Icheinheit entstammt. Das "Müssen" ist der Sphäre des des Glaubens entrückt und gehört zur unbestrittenen Domäne der Wissenschaft, der Naturwissenschaft zumal. Das Erwartungsgefühl, as sich an eine vorausberechnete Sonnenfinsternis knüpft, ist ein unbeirrbares. Wenn auch zwischen KANT und HUME noch darüber gestritten wird, ob die Grenze des Glaubens hinter Mathematik und Logik oder erst hinter Physik, Chemie und Biologie beginnt, so herrscht doch in dem einen Punkt wenigstens auch zwischen ihnen volle Übereinstimmung, daß die mathematisch-logischen Wahrheiten, deren Gegenteil undenkbar ist, weil es mit einem logischen Widerspruch behaftet bliebe, in den Bereich des Wissens fallen müssen, also nicht mehr Gegenstand des Glaubens sein können. So weit nun die uns umgebende Welt zähl-, wäg- und meßbar ist, lassen sich allgemeine Urteile oder apodiktische Aussagen über das Seiende, aber auch über das notwendig Eintretende formulieren, und diese kategorische Aussage belegen wir, sofern unter den anerkannten Fachkennern Einstimmigkeit bezüglich der Geltung dieser allgemeinen Formel besteht, mit dem Namen oder richtiger wir bekleiden sie mit der Würde eines Naturgesetzes, dem wir notwendige und allgemeine Gültigkeit zusprechen. Das "Evidenzgefühl", worauf letzten Endes das eigentliche Kriterium der Wahrheit beruth (die stoische  kataleptike phantasia  [erfassende Phantasie - wp]), stellt sich nur dort ein, wo das "Ablehnungsgefühl" ganz auszuschalten ist.

Kann nach alledem eine religiöse Wahrheit jemals den Grad der Sicherheit einer wissenschaftlichen Wahrheit erreichen? Die ewigen Wahrheiten der Logik und Mathematik haben die unerreichbare Gewähr der Undenkbarkeit, d. h. also des "Evidenzgefühls", der logischen Unmöglichkeit des Gegenteils für sich. Die physikalisch-chemischen Lehrsätze gewährleisten zumindest die hohe Bürgschaft, daß in der bisherigen Erfahrung noch niemals ein Fall beobachtet worden ist, der diesem oder jenem physikalischen oder biologischen Gesetz widerspräche, zumal jede dem Gesetz widerlaufende Erfahrung das Gesetz, das ja nur eine Generalisation der Erfahrung darstellt, in seinem Geltungswert aufhebt. Wie anders die religiöse Wahrheit, sei es die geoffenbarte, sei es die als gefühlsnotwendig geforderte.

Hier ist, wie man glaubt, in allseits von Wissen, von apodiktischen Lehrsätzen, kurz von einem  Müssen  keine Rede, sondern im günstigsten Fall von einem  Sollen.  Die religiöse Wahrheit, heißt es gewöhnlich, hat nicht, wie unser Naturerkennen, die seiende Welt, den in Maß, Gewicht und Zahl darstellbaren Ausschnitt des Universums zum Inhalt, sondern die höhere, rein menschliche Welt der Werte und Zwecke. In die Welt des Seins oder in die Natur ist der Mensch selbst als Glied einer unentrinnbaren Kausalkette unausweichlich eingeschlossen, also streng determiniert, aber in der Welt der Werte und Zwecke, die er sich aus Eigenem aufbaut, ist der Mensch nicht mehr Sklave, sondern Herr der Natur, nicht ihr willenloses Werkzeug, sondern ihr Gesetzgeber. Soweit wir Menschen daher dem Reich der Natur angehören, in unserem Mechanismus und Chemismus, in unseren biochemischen Prozessen und physiologischen Verrichtungen, in denen der Mensch, wie jedes andere Lebewesen, den unwandelbaren Gesetzen des Lebens unterworfen ist - gleichviel, woher diese Gesetze stammen und auf welche Rechtstitel sie sich stützen - hat die Wissenschaft das letzte Wort zu sprechen, und nicht die Religion. Die drei Testamente der monotheistischen Religionen sind daher in dieser Beleuchtung gesehen, wie SPINOZA im "theologisch-politischen Traktak" für immer dargetan hat, keine Erkenntnissysteme, sondern nur Erbauungsquellen. Wie Himmel und Erde entstanden sind, das haben wir nicht aus Religionsbüchern erfahren, sondern aus astrophysischen oder geophysischen Werken. Und wenn uns die großen religiösen Urkunden des Menschengeschlechts nebenher auch Kosmogonien bieten, die der wissenschaftlichen Einsicht jenes Zeitalters entsprachen, dem sie angehören, so besitzen diese Weltentstehungslegenden, die übrigens ganz bestimmten Sagenkreisen anzugehören pflegen, wohl geschichtlichen Überlieferungswert für die Vergangenheit, aber keinen orientierenden oder gar verpflichtenden Erkenntniswert für das Wissen der Gegenwart. Es berufen sich die monotheistischen Religionen freilich ganz besonder auf  ein  Kriterium der religiösen Wahrheit, und zwar auf Offenbarungen, Erleuchtungen, Eingebungen, die ihren Stiftern im unmittelbaren Verkehr mit der Gottheit zuteil geworden sind. Wer sich bei diesen krass-anthropomorphischen Vorstellungen, die einer überwundenen Phase der Religionsentwicklung angehören, beruhigt und bescheidet, der gehört mit seinem Denken und Fühlen der Längstvergangenheit, nicht der Gegenwart an. Denn mit dieser äußeren Offenbarung wäre die Naturordnung, wie sie die Wissenschaft formuliert, zugunsten eines Wunders durchbrochen, zugleich aber ganz aufgehoben. Wahrheit heißt aber: "Übereinstimmung mit Denken und Erfahrung" (RAOUL RICHTER). Von Erfahrung ist jedoch hierbei überall keine Rede. Hätte die religiöse Gewißheit kein anderes Wahrheitskriterium, als einen unkontrollierbaren, auf Treu und Glauben ungeprüft hingenommenen Offenbarungsakt, der in verschiedenen Strahlungen und Brechungen MOSES, JESUS und MOHAMMED zuteil geworden sein soll, so wäre es um den bleibenden Wahrheitsgehalt der monotheistischen Religionen genaus wie aller übrigen Bekenntnisse und Kulte traurig bestellt. In diesem Fall wäre die vernichtende Kritik der Sophisten und EPIKURs, der Renaissance-Atheisten und modernen Materialisten berechtigt. Denn alles diese religionsphilosophischen Jllusionstheoretiker sehen in jeder wie immer gearteten Religion nichts anderes, als "ein Erzeugnis der wissenschaftlichen Phantasie, ein Produkt von Furcht und Hoffnung, eine politisch-zweckmäßige Institution und Gründung" (TROELTSCH). Dies ist der Standpunkt des berüchtigten Buches:  de tribus impostoribus  [die drei Lügner - wp]. Die Kirchenväter und Scholastiker haben jedoch in der Lehre von der doppelten Wahrheit das Verhältnis von Wissen und Glauben?, des  lumen naturale  und  lumen supranaturale  in unzähligen Variationen untersucht. Nur behaupten sie das Übergewicht, den logischen Primat des "übernatürlichen" Lichts (der Offenbarung). Der Glaube hat für sie einen höheren Gewißheitsgrad als das logisch-mathematische Wissen mittels des "natürlichen Lichtes". Treffend führt RAOUL RICHTER aus ("Der Skeptizismus in der Philosophie und seine Überwindung", Leipzig 1908, Seite 509f), daß der "Glaube den Kirchenvätern Erkenntnis bedeutete und "nicht etwa einen niedereren Grad der Erkenntnis darstelle als das Wissen". Während im gewöhnlichen Sprachgebrauch (bei LOCKE und HUME) Glaube bedeutet, etwas für wahrscheinlich, Wissen dagegen, etwas für gewiß zu halten müssen, gilt der Glaube den Kirchenlehrern "als eine mindestens so sichere, ja als eine sicherere Gewißheit von der Wahrheit der geglaubten Inhalte als das Wissen" . . . "Die Objekte des Glaubens sind metaphysisch-religiöse Sätze, und die Auffassungsart, in der der Glaube sie ergreift, ist entweder die unmittelbare, beweisunfähige, beweisunbedürftige, durch Gnade verliehene Intuition, d. h.  innere Offenbarung;  oder es ist die Überzeugung von einer durch schriftliche Dokumente und mündliche Tradition verbürgten . . . äußeren Offenbarung."

Hielte die religiöse Gewißheit krampfhaft daran fest, daß ihr Wahrheitsgehalt nur durch einen Gnadenakt der Offenbarung mittels der Intuition oder gar nur durch einen geschichtlichen Akt einer äußeren Offenbarung verbürgt werden kann, der auch dann auf einer Unfehlbarkeit seiner Geltung besteht, wenn ihm die wissenschaftliche Gewißheit unserer Tae nicht nur nicht entspricht, sondern geradezu widerspricht, so wären die großen geschichtlichen Religionen unrettbar dem Untergang geweiht. Die religiöse Krise, der wir seit der Renaissance verfallen sind, wäre dann nur ein Übergangsstadium, und der Prophet des Atheismus behielte mit seiner blasphemischen Weissagung recht, nach welcher es heißen wird: einst  war  Religion. Zum Glück für die historischen Religionen trat die äußere Offenbarung mit ihrem vergilbten geschichtlichen Anrecht immer mehr in den Hintergrund, um der inneren Offenbarung im menschlichen Bewußtsein selbst den Platz zu räumen. An die Stelle einer Offenbarungstheologie trat seit HUME eine Religionspsychologie. Die Religion hörte damit auf, eine bloß geschichtliche Kategorie zu sein, die sich auf einen historischen Akt, die supranaturale Offenbarung, berief, für welchen die Anhänger der monotheistischen Religionen einen ebenso blinden Glauben aufbrachten, wie die Verächter des Kirchenglaubens, das Aufklärungszeitalter, obenan VOLTAIRE, ihm einen fanatischen Unglauben entgegensetzten. Seit HUMEs klassisch gewordenen posthumen "Dialoge über die natürliche Religion" gelangten die Tieferdenkenden zu der Einsicht, daß die Religion eine psychologische Notwendigkeit ist. Alles nur geschichtlich Gewordene ist zeitlich und örtlich begrenzt, befindet sich im ständigen Fluß des Werdens, hat also eine relative, keine absolute Gültikeit. Denn alles, was geworden ist, ist unfehlbar dem Prozeß des Werdens, der Veränderung und Wandlung, dem Auf- und Abstieg, der Blüte und dem Verfall unterworfen. Was nur geschichtliche, aber keine psychologische oder logische Beglaubigung aufzuweisen vermag, hat auch nur zeitlichen und örtlichen, aber keinen zeitlosen, überörtlichen, d. h. logischen oder Ewigkeitswert. Soll der religiösen Gewißeit neben der wissenschaftlichen Wahrheit Ewigkeitswert innewohnen, so muß sie sich, wie das Urbild aller Wissenschaft, die Mathematik, aus einer zeitlich-örtlichen Wirklichkeit zu einer überzeitlichen und überräumlichen Wahrheit erheben. Die uralte, von AVICENNA stammende Lehre von der doppelten Wahrheit erscheint seit HUME in einem ganz neuen Licht. Das Urbild dieser doppelten Wahrheit ist schon die Scheidung des PARMENIDES in Worte der "Wahrheit" und Worte der "Meinung", sowie die parallele Trennung bei DEMOKRIT in zwei Erkenntnisarten. Das  clare et distincte percipere  [das Evidente als wahr hinnehmen - wp] von DESCARTES und seiner Schule ist nur eine Umschreibung jener logischen Wahrheit, welche schon PARMENIDES und DEMOKRIT im Auge hatten. Die Einheitstendenz, die allen Hylikern [Geist in der Materie - wp] gleichsam im Blut steckte, gewinnt bei XENOPHANES und den Juden einen theologsichen Ausdruck, bei PARMENIDES einen logischen. Genauso in der Renaissane. Gerade weil die Organisationseinheit der katholischen Kirche durch die Reformation in die Brüche zu gehen drohte, wurde diese Einheit seit DESCARTES nach innen verlegt:  sum cogitans,  logische Einheit, Substanz,  vérité éternelle.  Es gibt logische Wahrheiten, die einen Anschauungszwang entspringen, und darauf gründen sich nicht bloß die beschreibenden oder exakten Naturwissenschaften, sondern auch die zeitlosen Religionsformen, die sogenannte Vernunftreligion, die bei HUME ihre tiefere psychologische Begründung dadurch erfährt, daß schon das Dasein einer Außenwelt nach ihm nicht mehr Sache des Wissens, sondern nur des Glaubens ist. Nur die logisch-mathematischen Wahrheiten sind ein unumstößliches Wissen mit dem Erwartungsgefühl von hundert Prozent der Wiederkehr aller Fälle, und das allein nennt HUME unbedingtes Wissen. Daher sein stolzes Wort: "Ins Feuer mit allem, was nicht entweder mathematische Untersuchungen oder Beobachtungen über Tatsachen und über die Wirklickeit enthält." Mathematische und logische Axiome, analytische Wahrheiten haben deshalb den höchsten Grad der Gewißheit, das "Evidenzgefühl" der Undenkbarkeit des Gegenteils oder das unbedingte "Erwartungsgefühl" für die Zukunft, weil die  Geltung  dieser Axiome auch dann eine unbedingte, d. h. überzeitliche und überräumliche bliebe, wenn selbst ihr  Ursprung  von Haus aus ein empirischer wäre, wie lange vor HELMHOLTZ und MILL schon der Renaissance-Denker BERNARDINO TELESIO behauptet hat. Denn die Erfahrung gibt nur Gegenstands-, Eigenschafts- und Zustandsbegriffen die  Inhalte,  während die Beziehungsbegriffe, wie Substantialität, Kausalität, Raum, Zeit, Zahl etc. nur die reine  Form  des Denkens darstellen. "Gegeben" sind uns doch im günstigsten Fall nur Dinge, Eigenschaften und Zustände, aber doch niemals ihre Beziehungen zueinander, die wir vielmehr mittels unserer unaufgebbaren Einheitsfunktion zwischen der Vielheit der Erscheinungen aus Eigenem hineinlegen. Wir "introjizieren" unsere Icheinheit schon in jede Dingeinheit. Denn jeder "Gegenstand", jedes "Ding" enthält bereits unsere Einheitssetzung, durch welche das "Ding", ungeachtet der Vielheit seiner Merkmale, als  "ein"  Ding erscheint. Wir fühlen schon dem "Gegenstand"  unsere  Einheit "ein", vollends den Beziehungen der Gegenstände, Eigenschaften und Zustände  unter einander. Beziehen aber ist lediglich und ausschließlich ein Funktion unserer Icheinheit, also eine bloße Form, die wir aus Eigenem den Gegenständen, Eigenschaften und Zuständen aufprägen. Darum konnte HERBART sagen: Wir leben nun einmal in Relationen und bedüfen nichts weiter. Ebenso meint HERBERT SPENCER: "We think in relations." Seit der Vorherrschaft des beziehentlichen Denkens, das mit LEIBNIZ und HUME einsetzt (vgl. meinen "Sinn des Daseins", 1904, Seite 122f), versteht man erst den wahren Wert der intuitiven Erkenntnis mathematisch-logischer Axiome. Sind Beziehungen reine  Formen  des Denkens, so sind unsere axiomatischen "Setzungen" weder durch Erfahrung zu begründen, noch viel weniger durch eine neue Erfahrung umzustoßen. Im beziehentlichen Denken wird von "Inhalten", die aus der "Erfahrung" stammen, abgesehen, und nur die Form, in welcher wir diese Erfahrungsinhalte verbinden, herausgestellt. Und so liefert uns, mit KANT zu sprechen, die Erfahrung die Inhalte; die Icheinheit aber, die "transzendentale Einheit der Apperzeption" mittels des rein beziehentlichen Denkens (Kategorien der Substantialität und Kausalität) vermittelt die  Form  der Verknüpfung. Solange aber unser "setzendes" Ich Punkte, Linie, Kreise, Dreiecke "setzt", Zeitteile "fordert", Zahlen und ihre Proportionen "konstruiet", kausale Verknüpfungen unter seinen Erfahrungsinhalten "herstellt", bleibt es in seiner eigenen Domäne, in welcher ihm unantastbare Hoheitsrechte zustehen. In den logisch-mathematischen Wahrheiten, deren Geltung überempirisch ist, hat es der Verstand nur mit seinen eigenen Funktionen und Operationen zu tun (Satz der Identität, Satz des Widerspruchs, Satz vom ausgeschlossenen Dritten, "vierfache Wurzel" des Satzes vom zureichenden Grunde), und da kann er sein apodiktisches  hoc volo, sic jubeo  [Das will ich, das befehle ich. - wp] in die Welt schleudern, ohne Gefahr zu laufen, von der erstbesten sinnlichen Erfahrung Lügen gestraft zu werden. GOETHE sagte einmal: "Die ganze Sicherheit der Mathematik ist weiter nichts als Identität. Da wir, wie RAOUL RICHTER (Der Skeptizismus etc. 1908, Seite 506) ausführt, eine identisch organisierte Vernunft und identische Erfahrungen haben, die von einer identischen Wirklichkeit herrühren, so ist es kein Wunder, daß zwischen unseren Denkformen und der "Wirklichkeit" der von SPINOZA behauptete Parallelismus oder der von LOTZE erneuerte "Okkasionalismus" [Lehre von den Gegelenheitsursachen - wp] herrscht. In der gleichen Linie liegt die STUMPFsche Unterscheidung von Erscheinungen und psychischen Funktionen. In einer gleichnamigen Abhandlung der preußischen Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1906 (Berlin, 1907) stellt sich STUMPF auf die Seite derjenigen Psychologen, welche ursprüngliche "Funktionen", "Akte" oder "Zustände" des Bewußtseins annehmen, die wir an die "Bilder", "Eindrücke", "Erlebnisse", "Sensationen", kurz an die "Gegenstände" oder "Dinge", wie sie uns unsere Sinnesapparate in Farben und Tönen zeigen, heranbringen. Die "Bilder selbst", welche die Sinne uns liefern, nennt STUMPF "Erscheinungen", die Bearbeitung dieser Bilder aber mittels der Vereinheitlichungsfunktion des Bewußtseins nennt STUMPF "Funktionen". Man denke daran, daß MACH den Kausalbegriff ebenfalls in den Funktionenbegriff auflöst. Als solche Funktionen bezeichnet STUMPF: das Bemerken, das Zusammenfassen, die Begriffsbildung, die Urteilsfunktion, endlich die Affekte und die Willenshandlungen. Unsere Funktionen sind und bleiben natürlich unser Eigentum. Mittels ihrer "setzen" oder "schaffen" wir "ewige Wahrheiten".

Neben dieser unversiegbaren Quelle ewiger d. h. zeitloser Wahrheiten, wie sie in der Mathematik und Logik vorliegen, kennt HUME eine zweite, minder zuverlässige, aber gleichwohl unerläßliche Quelle des Denkens, nämlich den auf Assoziationsgesetzen beruhenden Anschauungszwang, dem wir die Kategorien der Substantialität und Kausalität verdanken. Hier haben wir nicht mehr die unfehlbare Sicherheit der logisch-mathematischen Wahrheiten, deren Gegenteil undenkbar ist, aber doch die Sicherheit zweiten Grades, daß nämlich in der menschlichen Erfahrung noch niemals ein Fall beobachtet worden ist, der dieser Gewißheit widerspräche. Physikalische und chemische Gesetze gelten nach HUME freilich nur provisorisch und auf Widerruf, d. h. neue Erfahrung vorbehalten - für das praktische Leben reicht die Sicherheit, daß uns bisher kein gegenteiliger Fall bekannt geworden ist, vollkommen aus. Aber das Interessante bei HUME ist, daß wir von ihm zum ersten Mal eine Psychologie der Religion erhalten. Damit rückt die religiöse Gewißheit in die unmittelbare, sehr willkommene Nachbarschaft von Physik, Chemie und Biologie. Freilich bieten die großen Religionstypen kein unumstößliches Wissen wie die Mathematik, sondern sie fordern Glauben für die von ihnen verkündeten religiösen Wahrheiten. Worauf gründet sich diese Forderung? Sagen wir mit dem supranaturalen Offenbarungsgläubigen: auf einen geschichtlichen Akt der äußeren Offenbarung, dann hat die Forderung auf Anerkennung dieses angeblichen geschichtlichen Aktes nur räumlich-zeitliche Geltung. Niemand kann uns zwingen, an einen solchen geschichtlichen Akt zu glauben. Die verpflichtende Kraft der auf äußere Offenbarung sich stützenden religiösen Gebote und Verbote fällt daher für jeden dahin, der diesem angeblich oder vermeintlich geschichtlichen Akt seinen Glauben versagt. Anders gestalten sich die Dinge, wenn wir in der zeitlosen Religion, wie sie sich ihrem Kern nach bei allen geschichtlichen Völkern im Großen und Ganzen parallel herausgebildet hat, keinen willkürlichen historischen Prozeß sehen, sondern einen inneren seelischen Zwang, ein notwendiges Produkt des allgemein menschlichen Erlebens. Dann verliert die  fable convenue  [ohne Prüfung als wahr angenommen - wp] der Atheisten und Religionsverächter, welche hinter jeder Religion entweder leere Jllusionen oder Königslug und Priestertrug wittern, jedes logische Daseinsrecht. Legt man nämlich mit HUME den Religionen die psychologischen Kategorien statt der geschichtlichen zugrunde, dann ist der Glaube an eine übernatürliche Weltordnung, in welcher jene natürliche Weltordnung, wie sie uns die Wissenschaft begreiflich macht, nur ein Glied in der Kette der Erscheinungen darstellt, psychologisch ebenso notwendig wie der Glaube an das Dasein der Außenwelt oder der Glaube an die Gültigkeit der physikalisch-chemischen Naturgesetze. Hat sich auf allen Linien menschlicher Gesittung in großen Zügen ein gemeinsamer Glaube an eine vernünftige Weltenordnung herausgebildet, so ist Religion in diesem höheren Sinne ein unabtrennbares Charakteristikum jedes Kulturmenschen. Steht man also mit HUME auf dem Boden einer Psychologie der Religion und sieht man daher in dem mit jedem Wissenschafts- und Kulturfortschritt wachsenden Glauben an die kosmische Vernunft, an Sinn und Plan der Welt, an Methode und System im Universum, an Ordnung und Zusammenhang im gesamten Fugenbau der Natur ein notwendiges Erzeugnis in der Entwicklung des menschlichen Geistes selbst, so wird Religion zum unaufhebbaren und unaufgebbaren Bestandsstück des kultivierten Menschengeistes, wie die CHAMBERLAIN und Graf HERMANN KEYSERLING nachdrücklich betont und unter Hinweis auf die allen Religionen gemeinsamen "Urmythen" hervorgehoben haben.

Die religiöse Wahrheit unterscheidet sich grundwesentlich von der wissenschaftlichen durch ihre größere Subjektivität. Die wissenschaftlichen Wahrheiten, die logisch-mathematischen Gesetze, die "Mathematik der Natur", wie sie bei den Romantikern hieß, haben transsubjektive Geltung, wenn sie auch, wie KANT annimmt, nur subjektive Bedingungen sind. Die Naturgesetze sind Beispiele wissenschaftlicher Wahrheiten, die Menschen nicht gefunden, sondern vorgefunden haben. Bevor es Menschen auf unserem Planeten gab, übten diese Gesetze ihre unfehlbare Wirkung aus. Anders die religiöse Gewißheit; sie gilt nur von Menschen für Menschen. Die Naturgesetze sind früher als das Menschengeschlecht, das ja schon nach diesen Gesetzen ins Dasein trat und seine Entwicklungsrichtung von ihnen vorgezeichnet erhielt. Die Religionen aber sind vergleichsweise späte Erzeugnisse des menschlichen Bewußtseins. Denn Jahrtausende haben unsere halbtierischen Vorfahren ohne jede Religion gelebt, und heute noch liegen die Dinge so, daß ein beträchtlicher Teil des Menschengeschlechts immer noch ohne Religion in einem höherem Sinn auskommt. Religionen und Kulte sind vielmehr so mannigfaltig und wechselvoll, so vielgestaltig und entwicklungsfähig wie Sprachstämme und Dialekte. Es gibt unzählige Idiome, ja im Grunde genommen spricht jedes entwickelte Individuum seine persönliche Sprache, wie es seinen eigenen Stil schreibt. So wenig es, nach einem bekannten Schulbeispiel, das sich wohl zuerst bei den Stoikern findet, später aber durch EULER populär geworden ist, zwei Blätter in der Welt gibt, die sich in allen Stücken gleichen, ebensowenig gibt es zwei kultivierte Menschen, die mit dem Gedanken an Gott genau dieselben Vorstellungen und Begriffe verbänden. Jedem offenbart sich sein Gott in der individuellen Weise, die seiner Fassungskraft und Gemütsbeschaffenheit angemessen ist. Und deshalb ist Religion nicht bloß Privatsache, wie eine politische Partei dogmatisch verkündet, sondern privateste Sache, das Allerheiligste unseres Selbst, das intimst Persönliche, das wir kennen. Das BOUFFONsche Wort "le style c'est l'homme" [sein Stil ist er als Mensch - wp] gilt doppelt und dreifach in der Biegung:  la religion c'est l'homme.  Wie in Sprache und Stil, so gelangt der tiefste Kern der menschlichen Persönlichkeit in der Regelung ihrer Beziehungen zum Übersinnlichen oder Göttlichen zur markantesten Ausprägung.

Soll dies heißen, daß die religiöse Wahrheit, die Offenbarung von innen, der Gott in der Menschenbrust, in  dem  Sinne individuell ist, daß kein gemeinsamer Grundstock religiöser Gesamtüberzeugung vorhanden wäre? Offenbar nein! Denn mag auch jeder Gebildete seine persönlich nuancierte Sprache reden oder seinen nur ihm eigentümlichen Stil schreiben, so hat er doch für alle Fälle den Regeln der Grammatik sich unterzuordnen, den phonetischen und semantischen, vollends den Gesetzen der formalen Logik sich zu unterwerfen. Was die Grammatik für die Sprache ist, nämlich jenes ordnende Prinzip, das der Willkür der Individualität Schranken setzt, das sind die Zeremonielle und Kulte für die einzelnen religiösen Bekenntnisse: das gemeinsame Band, das zusammenhaltende Prinzip, die Einheit des äußeren Kultes in der Mannigfaltigkeit einer individuellen Glaubensschattierung. Kultvorschriften und Zeremonielle sind, wie Sitten und Bräuche in der Soziologie, gleichsam die Grammatiken des religiösen Denkens, und sie verhalten sich zur Religion wie das Sprechen zum Denken, das Lautbild zum Gedankenbild. Ein Kultzwang hat nur den Sinn einer konventionellen Regel, wie Gruß, Händedruck oder jede sonstige durch stilles Übereinkommen sanktionierte Höflichkeitsbezeugung. Es ist ein äußeres Gebot der Schicklichkeit, der Sitte, des Kultgebrauchs, der Familientradition, aber bei Leibe keine innere Nötigung wie etwa die religiöse Überzeugung von einem allwaltenden Vernunftprinzip in Natur und Geschichte. Es gibt viele Sprachen, aber nur eine einzige Logik für alle Menschen, ja sogar für die Tiere (animalische Logik), weil wir ein identisch organisiertes Zerebralsystem mit identischen Erfahrungen haben. Derselbe Begriff (z. B. Haus) hat mannigfache Lautsymbole; es heißt in jeder Sprache anders. Die Axiome hingegen sind logische, auf dem Satz der Identität beruhende ewige Wahrheiten, weil sie zeitlose und überräumliche Geltung haben. Ihr Gegenteil ist undenkbar.

Bei logisch-mathematischen Wahrheiten gibt es keinen individuellen Spielraum wie bei Sprachen, Rechtsformen, Moralnormen oder kirchlichen Bekenntnissen. Ein euklidisches Axiom gilt für einen Mathematiker nicht um ein Haar mehr als für jeden Laien in der Mathematik. Eine solche überpersönliche Wahrheit, die für jedes denkende Wesen ausnahmslos gilt, die jede Veränderung oder Entwicklung ausschließt, endlich weder einer Erfahrung zu ihrer Beglaubigung bedarf, noch jemals von irgendeiner denkbaren Erfahrung aufgehoben oder umgestoßen werden kann, das nennen wir objektive, d. h. transsubjektive, an keine Bedingung, keine Zeit, an kein Volk, vollends an kein Individuum gebundene Wahrheit. Mit den Sinnen erfaßt man die Wirklichkeit, mit dem Verstand die Wahrscheinlichkeit, mit der Intuition die "Wahrheit"; jene bieten sinnliche, diese logische Gewißheit. Die Sinne zeigen uns nur die Gegenwart, der vergleichende, unterscheidende, zusammensetzende Verstand lehrt uns hingegen auf der einen Seite die Vergangenheit kennen und verstehen, auf der anderen gar die Zukunft ahnen oder auch, wie bei astronomischen Voraussagen, mit unfehlbarer Sicherheit verkünden. In seiner höchsten Potenz, der Vernunft, der  ratio intuitiva,  welche das Ganze nicht aus seinen Teilen aufbaut, sondern als unaufgebbares logisches Postulat setzt oder fordert, so daß das Ganze früher ist als seine Teile - für diese intuitive Erkenntnis allein gibt es ein Überall und Immer, ein Notwendiges und Allgemeingültiges. Erst hier gibt es "ewige Wahrheit".

Gibt es nun eine zeitlose Religion ebenso, wie es eine zeitlose Wissenschaft gibt? Läßt sich die religiöse Wahrheit zu jenem Grad überersönlicher, also transsubjektiver Gültigkeit steigern, wie es die Mathematik für Raum, Zeit und Zahl in demjenigen Ausschnitt ihrer Leistungen vollbracht hat, den man die "Mathematik der Natur" genannt hat? Läßt sich die religiöse Gewißheit, die auf einem Anschauungszwang beruth, in die Nachbarschaft der logisch-mathematischen Gewißheit bringen, die ihre Legitimation einem unausweichlichen Denkzwang verdankt? Und wieder bietet uns das Verhältnis von Sprechen und Denken einen wertvollen Fingerzeig. Auch das Sprechen ist nicht reine Willkür, sondern, wie wir wissen, den Regeln der Grammatik, weiterhin phonetischen Grundgesetzen untertan. Aber das grammatikalisch richtige Sprechen hat nur den Charakter der Konventionalregel, nicht den einer Legislation. Es gibt viele Menschen, die ungrammatikalisch sprechen, ohne damit aufzuhören, Menschen zu sein, wie es viele Gläubige einer Konfession gibt, die das vorgeschriebene Zeremoniell nicht befolgen, ohne dadurch aufzuhören, zum betreffenden Bekenntnis gezählt zu werden. Zeremonielle sind wie alle Konventionalregeln nur Etikettenfragen der Konfession. Nicht so in der Logik. Hier ist das individuelle Belieben sehr bald ausgeschaltet. Einen kleinen Denkfehler verzeiht man vielleicht im täglichen Umgang noch leichter als einen syntaktischen Fehlgriff. Aber wer dauernd Denkfehler begeht, wessen Denkvermögen logisch nicht funktioniert, den schließen wir als Geistesgestörten aus unserer Mitte aus. Wie wir Vergehen gegen Leben und Eigentum mit Gefängnis und Zuchthaus bestrafen, so konsequentes Versagen der Logik mit Irrenhaus. Wer ungrammatikalisch spricht, wird nur aus der Liste der gebildeten Menschen gestrichen, wer aber irre redet, d. h. seine logische Funktion einbüßt, der wird aus der Gemeinschaft der gesunden Menschen gewaltsam entfernt. Die psychologische Wahrheit nun, die auf Anschauungs- und Assoziationszwang genetisch zurückgeht, ist naturgewachsen (physis), die logische Wahrheit hingegen ist menschliche "Satzung" (thesis). Die Psychologisten erklären und die  Genesis,  die Kritizisten oder Logisten die  Geltung  unserer logischen Allgemeinbegriffe. Nur steht unserer Wertungsweise, im Gegensatz zur Antike, die  thesis  höher als die  physis. 

Wie sind nun alle Menschen einschließlich der höheren Tierwelt ohne Verabredung zu jener einen Logik gekommen, deren Gesetze zeitlose, d. h. also überpersönliche Geltung beanspruchen? Die Auskunft der Idealisten HEGELscher Artung oder COHENscher Prägung lautet: Die logischen Wahrheiten sind deshalb allen Menschen und Tieren gemeinsam, weil sie zeitlose Ideen der Weltvernunft darstellen, der Weltschöpfung also vorangehen, so daß unsere bestehende Welt in jenen Plan hineingebaut und hineingebildet worden ist, die in jenen Ideen oder ewigen Wahrheiten vorgebildet waren. Die Ideen Gottes gehen der Natur voran, ja die Natur und ihre Gesetze sind nichts anderes, als Selbstverwirklichungen oder Offenbarungsformen der göttlichen Ideen. Nenne man sie Ideen mit PLATON oder ewige Wahrheiten mit LEIBNIZ oder endlich  Logos  mit HEGEL - gleichviel, sie sind überzeitlich, vorweltlich, zureichender Grund für die Entstehung der Natur nach ewigen Gesetzen. Dann versteht man auch, weshalb es nur eine Logik gibt, aber viele Sprachen, im letzten Grund nur eine Religion, wenn auch viele Konfessionen. Es ist, so würde HEGEL etwa in der Terminologie unseres Zeitalters sprechen, derselbe göttlihe Geist oder dieselbe vorweltliche Idee, welche sich in der Form von Naturgesetzen oder der "Mathematik der Natur" der Materie mitgeteilt hat, der sich auf einer höheren Entwicklungsstufe der Natur, im Übergang von der unbelebten Materie zum belebten Organismus, in das Keimplasma, in die lebendige Zelle, in das tierische Zerebralsystem, obenauf in das Zentralnervensystem des Menschengeschlechts ergossen hat.

Die Vorstadien der religiösen Begriffsbildung, als da sind: Animismus und Fetischismus, Allbeseelung und Naturvergötterung münden bei reifer werdenden Denk- und Gefühlsformen allesamt in einen mehr oder minder klar empfundenen Monotheismus ein - weil dieser dem abstrahierenden Einheitsbedürfnis der Menschennatur am annehmbarsten erscheint, zumal er dem Kraftersparnisprinzip, das die Naturwissenschaft beherrscht, die wertvollsten Dienste leistet. Der Eingott übernimmt, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, sämtliche Funktionen der vorangegangenen zahllosen Gottheiten oder Naturkräfte, Fetische und Geister. Ein einziger Begriff reicht für all das aus, wofür die Fetischanbeter Millionen von Wesen, aber auch der griechische Polytheismus noch eine recht erkleckliche Schar von symbolisierten Naturkräften gebraucht haben. Ein einziges Prinzip wird jetzt als zureichender Grund aller Ordnung in Natur und Geist, als Quelle aller Gesetzmäßigkeit der kausalen Zusammenhänge in der anorganischen Natur und aller Zweckmäßigkeit in den Offenbarungsformen der Geschichte begriffen. Hausgötter und Stammesgötter, die örtlichen und zeitlichen Charakter an sich tragen, werden nach und nach aufgesogen von jenem Gott, der den offenkundigen Prozeß der Vereinheitlichung mittels Kraftersparnis zum vollendetsten, weil unüberbietbaren Ausdruck bringt. Die geschichtliche Tatsache, daß unser westeuropäisch-amerikanisches Kultursystem zu diesem Gottesglauben übergangen ist, mag immerhin eine historische Stütze für die Gültigkeit dieses Glaubens sein, aber ein zwingender Beweis für seine logische Zugänglichkeit ist dieser  consensus gentium  [Übereinstimmung der Völker - wp] noch nicht. Denn die Übereinstimmung auch der fortgeschrittensten Völker der Vorzeit im Aberglauben war keine geringere als sie heute im Glauben an eine vernünftige Weltregierung ist. Die Common-Sense-Theorie, welche die Zuverlässigkeit der Wahrheitskriterien an der Breite ihrer Gläubigen mißt, hat logisch Schiffbruch erlitten. Hätte der Gottesglaube kein tiefergehendes, logisches Fundament, als es die Übereinstimmung der Denkfähigen und Denkreifen aller Völker und Zeiten darbietet, so wäre er immer noch anfechtbar.

Ist es nun möglich, der religiösen Gewißheit, dem Gottesglauben, ungeachtet seines subjektiven Ursprungs jene überzeitliche logische Geltung zuzuschreiben, wie er mathematischen Lehrsätzen innewohnt? Läßt sich Gott wirklich  more geometrico  demonstrieren, wie es SPINOZA einst erstrebt hat? Ist das Dasein Gottes ein willkürlicher Glaubensartikel, den man annehmen, aber auch ablehnen kann, wie man einem erzählten Ereignis seinen Glauben erteilen, aber auch versagen kann, oder ist das Dasein Gottes als logische Notwendigkeit, deren Gegenteil undenkbar ist, zu erweisen? Ist die Forderung, die an jeden denkenden Menschen ergeht, den Grund aller Ordnung der Welt in einem einzigen Ordnungsprinzip zu suchen, nur eine Geschichtsnotwendigkeit oder eine bloße Gefühlsnotwendigkeit - oder ist diese Forderung eine unausweichliche Denknotwendigkeit? Das ist das religionsphilosophische Problem unserer Tage, soweit die Religionsphilosophie heute das Erkenntnisproblem zu ihrem Fundament hat.

Jeder Anspruch auf Ausschließlichkeit, Auserwähltheit, Einzigkeit und Unvergleichlichkeit, den einzelne positive Religionen einst erhoben haben, mußte angesichts der vergleichend-geschichtlichen Betrachtung entweder ganz fallen gelassen oder auf ein zum schwächlichen Symbol verdünntes Surrogat herabgemindert werden. Weltreihe, die für die Ewigkeit gehämmert schienen, gingen unter. Völker und Nationen, die einst der gesamten bekannten Welt ihren imperatorischen Machtwillen diktierten und den unterjochten Stämmen den Fuß auf den Nacken setzten, schwanden dahin. Weltsprachen, die einst die gebildeten Umwohner des gesamten Mittelmeerbeckens im Bann hielten, haben ihre lebendige Triebkraft eingebüßt und führen heute nur noch ein welkes, mumifiziertes Dasein in Grammatiken, Enzyklopädien und Lexika. Und vor dieser unübersehbaren Totenstadt untergegangener Sprachen und Sitten, Lehrmeinungen und Überzeugungen, Einrichtungen und Überlieferungen, vor diesen Trümmerfeldern von begrabenen Hoffnungen und zerschellten Jllusionen sollte die Wissenschaft den Mut haben, in dogmenstarrer Selbstsicherheit den Menschen ein herrisch-apodiktisches "So ist es" oder gar ein despotisch-kategorisches "So muß es sein" entgegenzuschleudern?

Stolz und hochgemut darf sich die Wissenschaft des bisher Errungenen ehrlich freuen. Sie hat die uns zugängliche Natur mitsamt dem Planetensystem gewissenhaft inventarisiert und katalogisiert; sie hat den Umkreis des Erfahrbaren mit unermüdlicher Forschergeduld von Tag zu Tag erweitert und bereichert; sie entlockt mit sinnreichen Apparaten, mit wunderbar vervollkommneten Instrumenten und Arbeitsmethoden der Sphinx ein Geheimnis nach dem anderen. Das Unerkennbare, das nach KANT und SPENCER hinter allen Offenbarungsformen der unseren Sinnen zugänglichen Welt sich verbirgt, wird durch beharrliches Erforschenn und Belauschen von unseren größten Denkern und Trachtern genötigt, immer wieder neue Seiten seines Wesens, die unseren Vorfahren noch durch den Schleier der Maja verhüllt waren, zu offenbaren. Dem großen Weltgeheimnis wird in unablässigem Ringen ein Mysterium nach dem anderen abgetrotzt. Aus dem Halbdunkel von Ahnungen und Visionen, wie sie Auguren und Propheten erfüllten, aus jenem "Urmythos", der es unseren Neuromantikern angetan hat, wird das Mysterium in das helle Tagesicht des Experiments gerückt und an die Stelle von Weissagungen treten mathematische Formeln. Wie einst die Propheten den Willen des einig-einzigen Gottes verkündeten, so weissagen uns heute die Priester der Wissenschaft, was im Schoß der Zukunft ruht. Nicht Priester, sondern Naturforscher erwecken in uns heute "Erwartungsgefühle für die Zukunft". Sie künden uns aufgrund astrophysischer Berechnungen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie formulieren uns Naturgesetze, die nach ERNST MACH nichts anderes bedeuten als "Einschränkungen, die wir unter Leitung der Erfahrung unserer Erwartung vorschreiben". Wie Prophezeiungen in religiöser, so sind Naturgesetze in wissenschaftlicher Richtung immer nur der Ausdruck des der Zukunft harrenden Gefühls. Wer dem Prophetenwort glaubt, vertraut sich in seinen Erwartungen dieses Weissagung an; und wer dem Naturgesetz glaubt, ist überzeugt, durch dieses Gesetz habe Gott seinen ewigen Willen offenbart. Jede neue Einsicht in das wunderbare Getriebe und Gewebe der Natur, jeder neue Einblick in die streng gegliederte und kausal verkettete Entwicklungsrichtung der Naturgeschehnisse und der Geschichtszusammenhänge bestärkt den Mann der Wissenschaft in der Überzeugung, daß das Universum kein blindes Willkürspiel von zufällig im Weltenraum umherwirbelnden Atomen oder Korpuskeln darstellt, daß vielmehr Plan und Sinn, Methode und System, Ordnung und Zusammenhang im Fugenbau dieser Weltmaschine, wie sie NEWTON nennt, oder dieses Weltorganismus, wie SCHELLING ihn begreift, obwalten müssen.

Mit dem berechtigten Stolz der Wissenschaft auf das schon Erreichte verbindet sich die bescheidene Demut vor dem noch zu Erreichenden oder vielleicht niemals Erreichbaren. Den mutwilligen Traum des ungeschichtlich denkenden achtzehnten Jahrhunderts, das dem starren Dogma der Kirche ein ebenso starres rationalistisches Dogma der Vernunft trotzig entgegensetzte, mußte das geschichtlich orientierte neunzehnte Jahrhundert preisgeben. Was Enzyklopädisten und Freidenker einst vermeint und marktschreierisch verkündet haben: ihnen sei endgültig gelungen, das "System der Natur" restlos zu enthüllen, alle Rätsel des Daseins in Mathematik, Physik und Chemie aufzulösen, alles Organische, Lebendige, ja sogar das geschichtlich-gesellschaftliche Leben auf eine bloße Mechanik der Atome zu reduzieren, kurz all das materialistisch-naturalistische Schellengeklingel und phraseologische Kinderklappengeräusch hat sich angesichts der historischen und soziologischen Forschungen des neunzehnten Jahrhunderts als der phantastische "Traum eines Geistersehers" entpuppt. Der Materialismus als Weltanschauung ist tot und begraben; und der verständnissinnige Nekrolog, den ihm FRIEDRICH ALBERT LANGE gewidmet hat, erzählt uns die Geschichte seiner dialektischen Tragik. Im zwanzigsten Jahrhundert hat die Wissenschaft nicht mehr jenen kecken, siegesgewissen Wagemut, jene naiv zupackende Tollkühnheit, wie sie das vorkantische, an den Geschichtsproblemen mit verbundenen Augen vorübergehende Aufklärertum ausgezeichnet haben. Das neunzehnte Jahrhundert, das vor allem zwei Wissensgebiete in den Mittelpunkt menschlicher Forschung geschoben hat: die Geschichte und die Biologie (insbesondere die Biochemie), hat die historisch und biologisch geschulte Menschheit Bescheidenheit gelehrt.

Wir sehen heute, nach hundert Jahren, ein, was unsere Großen, KANT und FICHTE, SCHELLING und HEGEL, vernehmlich genug verkündet haben: Die Wissenschaft ist nicht das letzte, sondern im günstigsten Fall nur das vorletzte Wort. Gegen unseren unstillbaren Wissensdurst schöpfen wir Meerwasser, dessen Salzgehalt den Durst nicht nur nicht löscht, sondern immer aufs neue reizt. Der Wissenschaft schien gelingen zu sollen, das Unerforschliche zu erforschen, das Unergründliche zu ergründen, das Unerschöpfliche zu erschöpfen. Am Ende ist es doch das alten Danaidenfaß.  Au dessus de dieu, il y a le divin  [Vor Gott ist alles göttlich. - wp] ruft ERNEST RENAN. Das Exempel Welt geht nicht restlos auf in Physik und Chemie. Ein Residuum bleibt, ein Unableitbares, ein Unerklärbares, das die Romantiker in mystischem Gefühlsüberschwang durch intuitives Schauen greifbar zu fassen vermeinen. Wir lehnen diesen dialektischen salto mortale ab, obgleich wir für die psychologischen Beweggründe der Romantiker, wie wir gezeigt zu haben glauben, Verständnis haben, weil wir der Gefahr entrinnen möchten, auf dem Umweg weichseliger Gemütsstimmungen Positionen zu verlieren oder geradezu preiszugeben, die sich der menschliche Verstand in seinem weltgeschichtlichen Ringen gegen die erdrückende Autorität der Kirche in Humanismus, Renaissance und Reformation mühselig genug erobert hat. Von den Triumphen des Intellekts über das zu Boden geworfene mittelalterliche Weltbild möchten wir zugunsten romantischer Sentimentalität nicht einen preisgeben. Angesichts der nicht wegzuleugnenden Tatsache, daß sich die wissenschaftlichen Theorien und Systeme von Tag zu Tag wandeln, wechseln, einander ablösen und verdrängen, ergänzen und vervollkommnen, gebietet uns aber die Ehrlichkeit, den Gedanken einer alleinseligmachenden Wissenschaft selbst den Ansprüchen auf alleinseligmachende Kirchen oder Nationalitäten unbarmherzig entgegenzutreten ist. Jenseits der Welt der Tatsachen, die uns die Wissenschaft demonstriert und deren Umkreis sich von Tag zu Tag erweitert, liegt das gewaltige Reich des Unbetretenen; hinter der wirklichen verbirgt sich die wahre Welt. Ich sage nicht mit DUBOIS-REYMOND: die Welt des Ignorabimus, sondern nur mit VIRCHOW: das Gebiet des Ignorabimus, daher auch nicht mit SPENCER: das  Unknowable.  Wir fassen dieses unbetretene Gebiet es Übersinnlichen nicht als Unerkennbares, sondern als Unerkanntes, mit unseren bisherigen Forschungsmethoden Unerreichbares auf, wobei wir dem fortschreitenden Menschengeist das Zutrauen schenken, besonders seinem metaphysischen Bedürfnis die Fähigkeit zuzusprechen, den Zipfel des Unerkannten mit der Hilfe unserer Forschungsmethoden immer mehr zu lüften. Von diesem Unerkannten selbst aber gibt es noch kein Wissen; nur einen Glauben an seine Existenz. Der Glaube an einen vernünftigen Weltengrund, von dem unsere eigene Menschenvernunft eine Ausstrahlung ist, heißt: Religion. Diese Religion wird in verschiedene Konfessionen gespalten, durch Symbole versinnbildlicht, durch Riten veranschaulicht. Konfessionen verhalten sich, wie wir bereits wissen, zur Religion in unserem Sinn wie die verschiedenen Sprachen zur Logik.

Wissenschaft im strengen Sinn, lehren uns unsere größten Denker und Forscher, ist nur dort vorhanden, wo Mathematik anwendbar ist. Jenseits von der relativ engen Provinz der logisch-mathematischen Wahrheiten liegt das Weltreich der reinen Erfahrungswissenschaften (der  matters of fact  bei HUME). Hier schon hat der Glaube einzusetzen. Während KANT die physikalisch-chemischen Gesetze noch in den Bereich des streng Wißbaren, also des Notwendigen und Allgemeingültigen, hineinzog, lehnt der angebliche Skeptiker HUME für Physik und Chemie, die auf Erfahrung und auf das aus Erfahrung hervorgegangene Kausalgesetz aufgebaut sind, den strengen Gesetzescharakter ab. Hier spielt sich ein absonderliches "quiproquo" [ähnlicher Ausdruck mit anderer Bedeutung - wp] ab: der kritische Zertrümmerer des Skeptizismus, KANT, hat die Grenzen des Wissens weiter und umfassender abgesteckt als sein erkenntnistheoretischer Gegenfüßler HUME. Nach HUME begintt das Reich des Glaubens (belief) gleich hinter der Mathematik, so daß Physik und Chemie, ja die ganze Existenz der Außenwelt nicht mehr Sache des Wissens sind wie die analytischen Lehrsätze der Mathematik, sondern nur noch Sache des auf Übung und Gewohnheit gegründeten Glaubens. Physikalische Naturgesetze wären demnach, wie sie auch MACH heute faßt, nur wohlbegründete Erwartungsgefühle für die Zukunft. Unserem Meister KANT aber sind Naturgesetze als apriorische Denkgesetze (Kategorien) genauso wißbar wie mathematisch-logische Lehrsätze. Physik und Chemmie sind ebenso strenge Wissenschaften von unverbrüchlichem Gesetzescharakter wie die Mathematik. Die seiende Welt, die Natur, ist eingeschlossen in die Anschauungsform von Raum, Zeit (und Zahl, so fügt ZELLER hinzu) und din die Denkformen (Kategorien) , insbesondere in die der Kausalität; und weil in der seienden Welt alles kausal verkettet und verknotet ist, vermögen wir mit Hilfe unserer Denkform der Kausalität den ganzen Naturprozeß mechanisch-kausal abzuleiten und restlos begreiflich zu machen. Das Dasein der Außenwelt, die Realität des Dings ansich ist also nicht Sache eines bloßen Glaubens (belief), wie bei HUME, sondern Sache des Wissens. Denn Substanzialität ist für KANT genau eine solche Denkform a priori wie Kausalität. Mit derselben logischen (gedanklichen) Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit also, die den Naturforscher, nach dem Axiom  causa aequat effectum  [Ursache gleich Wirkung - wp], nötigt, die Zusammenhänge in den Naturerscheinungen kausaliter abzuleiten, müssen sie auch das Dasein (Realität, Existenzialität, Substanzialität) der Dinge erkennen, und zwar als strengen Wissensinhalt und nicht als bloßes Postulat des Glaubens. Der Glaube beginnt bei KANT vielmehr erst da, wo das Wissen für ihn aufhört, nämlich in der praktischen Vernunft, der Welt des Sollens, der Handlungen. Die Welt des Seins und Geschehens, die dem Satz des Grundes unterworfen ist, erkennen wir als die Provinz des Wissens, deren Grenzen in der Kritik der reinen Vernunft abgesteckt werden. Die Welt des Handelns und Sollens aber, deren Aufgaben die Kritik der praktischen Vernunft abgrenzt, ist das Weltreich des Glaubens. Und KANT hatte das volle Bewußtsein vom Primat der praktischen über die theoretische Vernunft, da er, nach eigener Aussage, dem Wissen nur Grenzen zog, um dem Glauben Platz zu machen.

In meiner Schrift "Anfänge der menschlichen Kultur" (Leipzig 1906) bin ich dem Ursprung und der völkererziehenden Tätigkeit der Religionen prüfend nachgegangen. Dort zeigte ich im Schamanentum den Übergang von der sichtbaren Welt der Sinne zu den unsichtbaren Mächten, wie sie uns die Religionen lehren. Mit der Annahme einer unsichtbaren Welt betritt der Mensch das Gebiet der höchsten Abstraktion. Unsichtbar sind die Zahlenverhältnisse und Raumproportionen, in denen sich die höchste Form wissenschaftlicher Exaktheit und Zuverlässigkeit ausdrückt, genauso wie die unsichtbaren Götter oder das hinzugedachte übersinnliche Jenseits. Aber der Glaube an die unsichtbaren Mächte, die uns Vates [Propheten - wp], Auguren und Priester vermitteln, weckte und schärfte in uns den Glauben an jene unsichtbare und trotzdem unbezweifelbare Gesetzmäßigkeit von Maß und Zahl, die Geometer und Astronomen, Physiker und Chemiker uns beizubringen suchen. Der Glaube an die religiöse Transzendenz war vielleicht das Modell, vor dem der Glaube an die wissenschaftliche Transzendenz, an mathematische Funktionen und astrophysische Formeln erwacht und erstarkt ist. Das religiöse Credo war von jeher und ist bis auf den heutigen Tag der Vorbote des wissenschaftlichen. Daß wir an den Krückstöcken religiöser Mythenbildung intellektuell und moralisch gehen gelernt haben, darf auch der niemals übersehen, der sich ihrer nicht mehr zu bedienen braucht. In dieser Richtung hat CHAMBERLAINs Kant-Buch klärend und erhellend gewirkt.

Glaube und Wissen sind Erzfeinde nur in ihren Karikaturen. Ihre Fehde erinnert, wie SPENCER einmal sagt, an die beiden Riter, die sich um die Farbe des Schildes entzweien, ohne zu merken, daß jeder eine andere Seite des Schildes sieht. Die Karikatur des Glaubens heißt: Fanatismus, die des Unglaubens: Atheismus.  Peccatur intra muros et extra  [drinnen und draußen wird gesündigt - wp]. Apostel des Unglaubens sind nicht weniger widerlich als Apostel des Scheiterhaufens und des Ketzergerichts. Wer dem soziologischen Verhältnis von Glaube und Wissen auf den Grund sieht, merkt bald, daß der Glaube Schrittmamcher des Wissens war. Religiöse Konzeptionen der Weltauffassung gehen überall den wissenschaftlichen und philosophischen zeitlich voran. Und selbst auf den Höhepunkten des Denkens, bei HUME und KANT, bei FICHTE, SCHELLING und HEGEL, sind Glaube und Wissen einander ergänzende Hälften. Ihr Zwist ist Bruderzwist. Anfangs ebnete der Glaube dem Wissen die Wege. Das Wissen wurde, dank der Vorarbeit des Glaubens, stark und immer stärker, zumal es sich eine Provinz des Erkennens nach der anderen eroberte und dienstbar machte. Dadurch wurde das Land des Glaubens schmäler; doch an der Peripherie des Wissens bleiben die Grenzpfähle des Glaubens stehen. Dehnen wir getrost das Reich des Wissens so weit aus, wie es nur irgendwie geht. Suchen wir das Festland der beweisbaren Tatsachenwelt hinauszurücken bis an die denkbar äußersten Enden des Erfahrbaren. Am Dünenrand des Wißbaren wird uns stets die Woge des Glaubens umbranden. Das Wissen ist unser Festland, der Glaube das diesen intellektuellen Kontinent umspülende Weltmeer. Schlamm und Seetang des Aberglaubens haben sich, ähnlich den Kreideschichten der Geologen, an den Gestanden des Wissens abgelagert und den Umkreis des Festlandes täglich erweitert. Aber je größer das Territorium des Wissens wird, desto klarer empfinden wir, wie winzig das Reich des Wißbaren und wie endlos, wie unübersehbar das Weltmeer des Glaubens ist und immer bleiben wird. Je mehr wir wissen, desto bescheidener müssen wir werden, zumal ein gelöstes Rätsel uns tausend neue, ungelöste, die wir früher nicht einmal ahnten, zu hinterlassen scheint. So haben die jüngsten physikalischen Entdeckungen, die Röntgen- und Bequerelstrahlen, Helium und Radium, die Theorie der Ionen und Elektronen neue Geheimnisse dem erstaunten Blick enthüllt, aber dafür alte Theorien, die für die Ewigkeit wie Granitsäulen festzustehen schienen, bedenklich ins Wanken gebracht.

HUME behält, im Angesicht der gewaltigen Krisis, die unsere Physik heute noch zu überdauern hat, KANT gegenüber recht. Auch physikalishe Gesetze sind nur Erwartungsgefühle für die Zukunft; sie gelten provisorisch und auf Widerruf. Solange die Erfahrungen sich in die aufgestellten Gesetze, die deren Generalisation logisch berechtigt und die daran geknüpfte Erwartung, daß der künftige Prozeß dem vorangegangenen gleichen wird, begründet. Taucht aber eine einzige Erfahrung auf, die, wie die Entdeckung des Radiums, sich in die geltenden Theorien oder Naturgesetze durchaus nicht einordnen läßt, so bleibt die Tatsache unangetastet bestehen; und das Gesetz oder die Theorie muß fallen. Nur für mathematische Wahrheiten, die nach HUME analytischer Natur sind, so daß der Verstand immer in seiner eigenen Domäne bleibt, sind neue Erfahrungen belanglos. Keine Erfahrung ist denkbar, die ein euklidisches Axiom oder die Richtigkeit er Gleichung  2 x 2 = 4  aufheben könnte. Von jeder Erfahrungstatsache aber ist das Gegenteil prinzipiell möglich, zumal es keinen logischen Widerspruch in sich birgt. Deshalb begrenzt für HUME die Mathematik mit ihrer festen Linie das Wissen, während nach KANT die gesamte Naturwissenschaft noch im Bereich des exakt Wißbaren eingeschlossen bleibt und das Gebiet des Glaubens erst betreten wird, sobald man infolge der inneren Widersprüche des Denkens (Antinomien) zu den letzten Prinzipien gelangt.

Doch stimmen die beiden Gegenfüßler der Erkenntniskritik, KANT und HUME, wenigstens darin überein, daß all unser Wissen eingeschränkt bleibt auf die seiende Welt, auf die in Raum, Zeit und Zahl sich offenbarende Natur. Neben diesem Sein der Dinge gibt es für uns Menschen aber noch eine zweite, eine höhere, eine ungleich wichtigere Welt: die es Tuns oder Handelns. Ob die letzten Bestandteile des Universums Atome, Korpuskeln oder Energien heißen, kann uns zur Not kalt lassen, da unser persönliches Wohl und Weh von der definitiven Beantwortung dieser Frage gar nicht betroffen wird. Wohl aber sind wir mit unserem letzten Lebensnerv an der Frage interessiert: Wie sollen wir handeln? Was sollen wir tun? Was ist der Sinn der Welt? Und wie können wir unsere Handlungen diesem Sinn der Welt anpassen? Hier heißt es für jeden Tag  tua res agitur  [Es geht um deine eigenen Angelegenheiten - wp]. Gibt es nun ein ebenso strenges, mathetmatisch-exaktes Wissen von den menschlichen Handlungen wie vom natürlichen Geschehen? Gilt COMTEs Formel  voir pour prévoir  [wissen um vorherzusehen - wp] vom Tun des Menschen so wie vom Sein der Natur? Lassen sich Menschengeschicke oder gar Völkerschicksale mit ebenso astronomischer Sicherheit voraussagen wie Sonnen- und Mondfinsternisse?

Die Naturalisten der Moral antworten mit einem lauten Ja. Die Gesetze von Druck und Stoß, die mechanische Kausalität gelten vom Sein so gut wie vom Handeln. Denn Handeln ist nur eine Art, ein Moment des Seins (genau umgekehrt ist es bei den Dynamikern, besonders bei FICHTE). Die Mechanik der Atoeme konstituiert den Kosmos, die Mechanik der Vorstellungen regelt den inneren Kosmos, das menschliche Bewußtsein oder Erkenntnisvermögen; die Mechanik der Triebe oder Willenshandlungen endlich reguliert den sozialen Kosmos, den Staat. Die Gesetze der Mechanik sind also zugleich psychologische und soziologische Gesetze. Druck und Stoß allein beherrschen die Welt, auch die geistige, auch die soziale. Das ist der ethische Standpunkt des Materialismus (HOBBES), des Naturalismus (SPINOZA, SPENCER), des Atheismus (HOLBACHs "Systéme de la nature"). Damit ist natürlich ein strenger Determinismus, ja starrer Fatalismus gegeben, wie er sich kirchlich in der Lehre von der Prädestination, im Symbol vom Sündenfall, im römischen Fatum, im mohammedanischen Kismet, in der kalvinischen Leugnung aller menschlichen Freiheit ausspricht. Individuell gewendet erscheint dieser Fatalismus in SCHOPENHAUERs Lehre vom unveränderlichen intelligiblen Charakter, in seiner den Scholastikern entlehnten Formel von  operari sequitur esse  (das Tun folgt aus dem Sein). Noch krasser ist diese naturalistische Formel bei MACHIAVELLI, BUCKLE und TAINE, den radikalen Vertretern der Theorie vom "Milieu". Danach formen und kneten "Rasse", "Umwelt" und "Faculté maîtresse" [hervorstechendster Charakterzug - wp] den ganzen Menschen, ja ganze Völker. Aus diesen drei Komponenten gehen die menschlichen Handlungen als Ausschnitte der Gesamtnatur mit unentrinnbarer Notwendigkeit hervor, "wie Vitriol und Zucker den sie konstituierenden chemischen Gesetzen bedingungslos unterworfen bleiben".

Hier aber sprechen die großen Denker aller Zeiten ein schroffes Nein. Die Handlungen der Menschen, sagen sie, sind mathematischer Behandlung oder Bearbeitung unzugänglich, also sind Mathematik und Mechanik auf die Ethik unanwendbar.  Zählen,  Messen und Wägen gelten nur vom Sein, nicht vom Tun, nur vom physikalisch-chemischen Geschehen, nicht vom moralischen Sollen. Die Wissenschaften erklären uns nur, was wir sind und was wir nach strengen Naturgesetzen verrichten müssen; sie klären uns auf über unseren Mechanismus, Chemismus, über unseren anatomisch-histologischen Bau und unser biologischen Verrichtungen. Hier aber ist die Wissenschaft, die es nur mit Kausalerklärungen zu tun hat, mit ihrem Latein am Ende. Wie wir unser Leben gestalten, welchen Sinne wir unserem Dasein unterlegen, welchem Lebenszweck wir entgegenstreben, welchem Ideal wir nachleben, welche Lebensaufgaben wir uns setzen sollen: in diesen wichtigsten und entscheidensten Lebensfragen versagt die Wissenschaft völlig. Mag sie immerhin zureichend sein für eine Erklärung des Seins oder Geschehens, so erweist sie sich als ganz unzulänglich für die ungleich wesentlichere Deutung des Sinns der Welt und des Zwecks der Persönlichkeit. Im menschlichen Bewußtsein liegen Imponderabilien, die aller mechanischen Kausalität spotten. Das Exempel "Ich" geht nicht restlos auf in ein Bündel von Ganglien oder einen Komplex von Empfindungen. Es bleibt ein ungelöster oder vielleicht unlösbarer Rest in diesem Ich, in der geistigen Persönlichkeit zurück, die nicht passiv der Umwelt gegenübersteht wie die Platte DAGUERREs in der  camera obscura.  Das sich ist spontan, ist schöpferisch, ist selbstgestaltend. Das Ich hat eine eigene Kausalität; es eröffnet von sich aus ganze Ereignisreihen. In Momenten der Eingebung oder Intuition, wie sie die Dichter und Denker in ihren begnadeten Schöpferstunden haben, hören sie auf, ein passives Medium der Umwelt zu sein; sie erheben sich vielmehr zur  causa sui  [Eigenursache - wp], zur göttlichen Selbsttätigkeit, zu schöpferischer Aktivität, zur Freiheit. Die Natur ist das Reich der Notwendigkeit, in dem die mechanische Kausalität unumschränkt waltet; der menschliche Geist aber, wie er sich besonders im geschichtlichen Leben offenbart, gehört nicht der mechanischen Kausalität von Druck und Stoß, von Ursache und WIrkung, sondern der teleologischen Kausalität von Motiv und Handlung, von Zweck und Mittel an. In der Natur ist alles unbedingt, in der Geschichte dagegen alles nur bedingt notwendig. Was unbedingt eintreten muß, brauche ich nicht zu glauben; ich werde es ja sehen. Aber an das Schicksal. an die Bestimmung des einzelnen Menschen oder ganzer Völker kann man nur glauben. Unsere geschichtlichen Prophezeiungen haben im günstigsten Fall den Wert von Wahrscheinlichkeitsrechnungen, erreichen aber niemals denselben Sicherheitsgrad wie etwa Voraussagungen auf dem Gebiet der Astrophysik. Im geschichtlichen Leben also, in den Offenbarungsformen des objektiven Geistes (HEGEL), als da sind: Sitte und Recht, Sprache und Technik, Religion und Moral, Kunst und Wissenschaft, soziale Gliederung und staatliche Institutionen, gilt nicht die mechanische, sondern nur die teleologische Kausalität. Da die Geschichte von Menschen gemacht wird, die Menschen aber geistiges Eigenleben, Bewußtsein, Freiheit aus eigener Kausalität (mit KANT zu sprpechen: Autonomie) besitzen, so ist die Geschichte keine bloße Fortsetzung der Natur, wie HERDER oder SPENCER wollen, sondern eine Welt für sich, in welcher nicht Gesetze herrschen, sondern nur bestimmte Tendenzen obwalten. Gesetze lassen sich mit unfehlbarer Sicherheit formulieren, Tendenzen aber sind vieler Deutungen fähig. Hier sind unserer Erkenntnis Grenzen gesetzt. Die "Mathematik der Natur"  kennt  man, an die "Logik der Geschichte"  glaubt  man. Die Aussagen der Mathematiker haben apodiktischen, die der Naturforscher assertorischen, die der Soziologen und Geschichtsphilosophen aber nur hypothetischen Charakter.
LITERATUR - Ludwig Stein, Das Erkenntnisproblem, Philosophische Strömungen der Gegenwart, Stuttgart 1908