p-4J. MüllerSchopenhauerH. HelmholtzGoetheA. Spir    
 
CARL ÜBERHORST
Die Entstehung der
Gesichtswahrnehmung

[Versuch der Auflösung eines
Problems der physiologischen Psychologie]


"Schon das bloße Haben einer Vorstellung, das Vorstellen irgendeines Inhaltes ist mit Bewußtsein verbunden. Es folgt, daß dem bloßen Vorstellen bereits ein Denken vorausgegangen sein muß und es handelt sich nur darum, dasselbe ausfindig zu machen. Das Vorstellen scheint sich gerade dadurch zu charakterisieren, daß es seine Inhalte ganz vereinzelt und keinerlei Verhältnis zwischen ihnen herstellt; so bestehen beispielsweise diese Feder, dieses Papier, dieser Tisch in der Vorstellung ganz beziehungslos nebeneinander; ebensowenig glauben wir einen Zusammenhang zwischen dem vorstellenden Subjekt und dem vorgestellten Objekt zu entdecken. Wie sollte jedoch, fragen wir, diese Isolierung anders denkbar sein, als dadurch, daß der eine Inhalt vom anderen getrennt wurde?"


Vorwort

Dem physiologisch-psychologischen Publikum übergebe ich die Darstellung einer neuen Theorie der Gesichtswahrnehmung. Abweichend von den verbreiteten sensualistischen und logischen Ansichten stellt sie den konsequent durchgeführten Versuch dar, unter Annahme einer ortsetzenden ("raumschaffenden") psychischen Tätigkeit überall sogenannte Innervationsempfindungen als die ursprünglichen bestimmenden Motive der wesentlichen Unterschiede jeder konkreten Raumanschauung nachzuweisen. Dabei unterlasse ich nicht zu bemerken, daß sie sich in vielen bedeutungsvollen Punkten in Übereinstimmung mit den Theorien von LOTZE, HELMHOLTZ und WUNDT befindet.

Die Abhandlung enthält einen dogmatischen und einen kürzeren kritischen Teil, von denen der letztere dem ersteren nicht vorhergeht, sondern nachfolgt. Wenn ich diese Reihenfolge wählte, so geschah das allein aus didaktischen Gründen, nicht aber etwa deshalb, weil der Kritik der früheren Theorien meine eigene zugrunde gelegt wäre. Stattdessen bin ich vielmehr bemüht gewesen, ausschließlich die rein  inneren  Mängel jener Lehren aufzudecken.

Die methodischen Grundsätze, welche mich bei der Ausarbeitung meines fundamentalen Gedankens geleitet haben, sind folgende drei:
    1. suchte ich der Doktrin eine festbegründete psychologische Basis zu verleihen,

    2. war ich bemüht, auch ihrem physiologischen Fundament durch Anschluß an alle bekannten Tatsachen eine möglichst große Wahrscheinlichkeit zu verschaffen und

    3. hatte ich immer die vollkommene Harmoine aller ihrer einzelnen Teile untereinander und mit allen sicher verbürgten Beobachtungen im Auge.
Es bleibt dem kundigen Leser überlassen, zu entscheiden, ob es mir auf solche Art gelungen ist, die Lehre von der Entstehung der Wahrnehmung zu einem wenigstens im Allgemeinen definitiven Abschluß gebracht zu haben.

Bei meiner Untersuchung war ich gegen die meisten früheren Bearbeiter des nämlichen Themas im Vorteil wegen der vielen vorzüglichen Arbeiten, welche bereits über den nämlichen Gegenstand erschienen sind. Verpflichtet bin ich deshalb den Verfassern dieser Schriften zu großem Dank, mehr als den übrigen zweien von ihnen, HELMHOLTZ und HERING, da des einen: "Handbuch der physiologischen Optik" und des anderen: "Die Lehre von binokularen Sehen" mir erst die konkreten Grundlagen meiner Theorie geliefert haben. Auf die beiden letzteren ausgezeichnet klaren und gründlichen Werk verweise ich alle die Leser, welchen die erforderlichen physiologischen Vorkenntnisse zum Verständnis der folgenden Abhandlung noch fehlen sollten.

Schließlich die Bemerkung, daß ich mich streng auf den Boden der Empirie gestellt und von allen metaphysischen Vorausetzungen fern gehalten habe. Nur von diesem Standpunkt aus ist, dahin geht meine Überzeugung, eine fruchtbringende Förderung der psychologischen Wissenschaften möglich.



Einleitung

In allen wissenschaftlich bewegten Zeiten gibt es stets eine gewisse Anzahl bestimmter Probleme, deren Auflösung vornehmlich das Interesse der Forscher in Anspruch nimmt. Zu diesen Problemen gehört in unserer Zeit zweifelsohne die der Psychologie angehörige Frage nach der Entstehung der Gesichtswahrnehmung, der nach den drei Dimensionen der Breite, Höhe und Tiefe ausgedehnten Raumanschauung. Zu ihrer Beantwortung sind deshalb in unermüdlichem Wetteifer von Physiologen sowohl wie von Psychologen immer wiederholte Versuche gemacht worden, ohne daß man jedoch bis jetzt, wie ich mich überzeugt habe, zu einer völlig befriedigenden Theorie gekommen wäre. Dennoch scheint mir die Sache so weit gediehen zu sein, daß es an der Zeit sein dürfte, eine endgültige Auflösung des Problems anzubahnen; und so soll dann hierin die Aufgabe der folgenden Untersuchung bestehen. Bevor es jedoch möglich ist, an das eigentliche Thema heranzugehen, sind einige Vorfragen zu erledigen, namentlich ist zunächst zu bestimmen, welche Stellung die Anschauung einerseits zur Empfindung, andererseits zur Vorstellung und dem Denken einnimmt, oder genauer, wie sie sich von ihnen unterscheidet. Die Empfindung unterscheidet sich dadurch von der Anschauung, daß, während diese als ein immanentes Moment die räumliche Ausdehnung besitzt, sie ihrerseits an der letzteren nicht teilhat. Wenn diese Wahrheit noch keine allgemeine Anerkennung gefunden hat, so liegt der Grund wohl mit darin, daß die Beweise, mit denen man sie bereits von anderer Seite zu stützen gesucht hat, nicht standhalten. Ohne jedoch näher auf sie einzugehen, will ich eine Erörterung folgen lassen, welche imstande sein dürfte, auch den hartnäckigsten Verteidiger der Ansicht, daß die Räumlichkeit schon der Empfindung angehört, bedenklich zu machen und ihm das Außergewöhnliche eines solchen Verhältnisses zum Bewußtsein zu bringen.

Wenn die Raumanschauung mit zur Empfindung gehören soll, so darf sie nach meinem Dafürhalten, gerade wie die Farbenintensität (Lichtstärke), für nichts anderes angesehen werden, als für eine Modifikation der jedesmaligen Farbenempfindung. Ich möchte nun fast glauben, daß eine solche Auffassung den meisten derjenigen Forscher, welche die Raumanschauung zu einer Empfindung machen wollen, nicht zusagen wird; dennoch können dieselben, wenn sie den eigentlichen Sinn ihres Gedankens festhalten wollen, eine derartige Konsequenz nicht vermeiden und so hat dann STUMPF in der Tat das Besagte mit anderen Worten folgendermaßen ausgesprochen (a. a. O., Seite 136):
    "Das einzig Ursprüngliche und wirklich Wahrgenommene waren und sind jene einheitlichen und ansich unnennbaren Inhalte, die beständig wechseln, denen wir dann im Hinblick auf diese Veränderungen ihre Namen Rot, Blau usw. geben und die wir schließlich  im Hinblick auf die Möglichkeit verschiedener Änderungsweisen  allgemein als qualitativ,  quantitativ  usw. bestimmt bezeichnen."
Hält man also daran fest, daß die Raumempfindung (die Empfindung der Örtlichkeit), wobei dieser Name im Sinne dieser Ansicht gewählt ist, eine Modifikation der Farbenempfindung bildet, so muß nunmehr, so wird erwartet, eine vollkommene Analogie zwischen den beiden Fällen bestehen, daß einerseits z. B. Gelb vom entschiedensten Braun durch alle Zwischenstufen zum vollkommensten Gelb übergeht und daß andererseits dieselbe Farbe (in gleicher Intensität) von einem Teil des Gesichtsfeldes zum anderen wandert. Diese Analogie liegt aber dem gemeinen Bewußtsein sehr fern; während nämlich Braun und Gelb durch ihre Farbenintensität so wesentlich bestimmt werden, daß sie fast der Art nach verschiedene Farben zu sein scheinen, so dünkt uns die Stelle, welche eine Farbe im Gesichtsfeld einnimmt, für die letztere ganz nebensächlich, gleich als ob sie rein äußerlich zu ihr hinzukommen würde.

Wir sind weit davon entfernt, diese Entgegensetzung als einen Beweis anzusehen, da der Einwand nahe liegt, daß die verschiedenen Modifikationen sich zur Farbenempfindung eben ganz verschieden verhalten. Unsere Deduktion verfolgt vielmehr den Zweck, die Aufmerksamkeit auf den Unterschied von Farbenempfindung und Räumlichkeit zu richten, um so die Vertreter der zurückgewiesenen Meinung bedenklich und damit einer anderen Ansicht zugänglicher zu machen. Daß die Raumanschauung nicht zur Sinnesempfindung gehört, mag also vorläufig als eine bloße Annahme angesehen werden, die wir unserer Theorie der Wahrnehmung zugrunde legen wollen, mit welcher sie alsdann stehen oder fallen wird.

Daß die Anschauung auch von der Vorstellung unterschieden werden soll, widerstreite der gewöhnlichen Ansicht, nach der alle Gebilde, welche zum sogenannten "Erkenntnisvermögen" gerechnet werden, schlechthin als Vorstellungen gelten. Trotzdem haben bereits zwei scharfsinnige Psychologen, ULRICI (Leib und Seele, Bd. 2 von "Gott und der Mensch", Leipzig) und WUNDT (Grundzüge der physiologischen Psychologie, Leipzig), das Irrige dieser Meinung erkannt und dargelegt, was unter einer Vorstellung zu verstehen ist. Das hindert jedoch nicht, daß wir hier nochmals den wahren Sachverhalt, welcher im Einzelnen von jenen Forschern nicht ganz richtig wiedergegeben ist, vorzuführen suchen. Zu diesem Zweck ist es erforderlich, etwas weiter auszuholen und sich zunächst über die Natur des Denkens Aufklärung zu verschaffen.

Einer der anerkanntesten Denkakte ist das Vergleichen. Dasselbe setzt zwei oder mehrere vorstellbare Inhalte, welche miteinander verglichen werden voraus und sein Resultat besteht in einem Bewußtsein der Gleichheit oder Ungleichheit der Inhalte, des Größer- oder Kleinerseins des einen derselben. Was bezeichnet nun das Gleich-, Ungleich- und Größersein? Es ist kein Prädikat eines vorstellbaren Inhaltes, welches ihm ganz für sich zukäme, es eignet ihm vielmehr nur in Beziehung zu einem anderen vorstellbaren Inhalt. Hiermit ist bereits ausgesprochen, was wir suchen, daß die Gleichheit usw. ein Verhältnis, das Vergleichen aber ein  in Verhältnis setzen  bedeutet. Doch könnten wir uns im zweiten Teil dieser Behauptung geirrt haben, da das Vergleichen vielmehr ein in Verhältnis treten, kein in Verhältnis setzen sein möchte. Der wesentliche Unterschied dieser beiden würde darin bestehen, daß, während der Gedanke der Gleichheit im zweiten Fall eine Tätigkeitsäußerung der Seele bildete, er im ersteren nichts weiteres wäre als ein zufälliger Zustand der verglichenen Inhalte (ein "Verschmolzensein nach dem Grad der Gleichheit" [BENEKE]). Dann aber erhebt sich die Frage, wie diese Gleichheit zu Bewußtsein kommen soll, da die Inhalte vom Verschmolzensein nicht im Geringsten tangiert werden. Noch weniger erhellt sich, wie man zum Begriff der Gleichheit zu gelangen imstande wäre. Einer solchen Forderung sucht ZIMMERMANN gerecht zu werden durch die Behauptung(Philosophische Propädeutik, Seite 388) daß, wenn verschiedene nach dem Prinzip der Gleichheit gebildeten Verstellungskombinationen von Neuem miteinander verschmelzen würden, die ungleichen Inhalte sich gegenseitig verdunkelten und nur das Bewußtsein der Gleichheit übrig bleibt. Diese Erklärung behauptet jedoch etwas geradezu Unmögliches. Denn wie soll, wenn die Vorstellungen im Bewußtsein erlöschen, ein ihnen anhaftender Zustand, welcher also doch nichts außer ihnen ist, erhalten bleiben? Unsere Behauptung hat sich also gerechtfertigt:  Das Vergleichen ist ein in Verhältnis  (oder Beziehung)  setzen und als solches eine selbständige Tätigkeit der Seele. 

Es wird jetzt behauptet, daß die Gültigkeit dieser beiden Bestimmungen über das Vergleichen hinausgeht, daß vielmehr in ihnen das Wesen eines jeden Denkens überhaupt ausgesprochen ist. Der Nachweis hierfür braucht jedoch bloß in Bezug auf die erste Bestimmung geführt zu werden, da die zweite eine reine Folgerung aus ihr ist und eigentlich nichts anderes leisten soll, als das Charakteristische des in Verhältnissetzens gegenüber einem etwaigen in Verhältnistreten in einem prägnanten Ausdruck wiederzugeben. Doch dürfte es auch nicht angebracht sein, auf die Wahrheit der ersten Bestimmung jedes Denken prüfen zu wollen, da ein solches Beginnen sehr weit ab führen würde; es mag genügen, einzelne Denkakte beliebig herauszugreifen und an ihnen die fragliche Untersuchung vorzunehmen. Ich wähle dazu das Verbinden, das Zählen, das Entgegensetzen von Ursache und Wirkung und das begriffliche Denken. Unter  Verbinden  soll die Synthesis der Teile eines Gegenstandes zum Ganzen verstanden werden. Hier ist nun klar, daß Teil zu sein nur einen Sinn hat in Bezug auf ein Ganzes, Ganzes zu sein aber umgekehrt nur in Bezug auf seine Teile. Die Existenz des Verhältnisses, welches wir suchen, ist also nachgewiesen. Daß auch die Zahl nichts anderes als eine Beziehung bildet, mag vielleicht den Meisten unbekannt sein. Und doch kann ich eine bestimmte Zahlgröße nur denken in Bezug auf die Einheiten, welche sie in sich faßt, und eine Einheit, zumindest als Einheit, nur in Bezug auf eine bestimmte Zahl, in welche sie aufgeht. In eine Zahl werden mehrere Gleiche (Einheiten) zusammengefaßt, ein Zusammengefaßtes aber kann man immer nur im Verhältnis zu seinen einzelnen Bestandteilen, niemals aber ohne die letzteren sich vergegenwärtigen. In Bezug auf das Entgegensetzen von Ursache und Wirkung ist eine Rechtfertigung meiner Meinung nach überflüssig. Wenn schließlich sogar das Denken eines Begriffs zu einem Beziehen gemacht werden soll, so fragt sich, worin dieses Verhältnis zu suchen ist. Ich finde, in dem des Allgemeinen zum Besonderen, denn wenn auch in einem Begriff überdies stets ein synthetisches Verhältnis mitgedacht wird, so ist doch das des Allgemeinen und Besonderen allein ihm wesentlich neu und hat als das unterscheidende Kennzeichen desselben zu gelten. Sollte man hiergegen einwenden, daß in einer Definition doch niemals diese Allgemeinheit des Begriffs angedeutet ist, so ist umgekehrt zu erwidern, daß vielmehr durch das Abstrakte der Begriffsbestimmung der Gedanke des Allgemeinen offen gelassen, ja sogar geradezu gefordert wird. Daß ferner ein Allgemeines nur in Bezug auf ein Besonderes gedacht wird und umgekehrt, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Daß alles Denken in einem Verhältnis setzen besteht, kann nach der gegebenen Erörterung natürlich noch nicht als erwiesen angesehen werden. Es ist damit jedoch auf den richtigen Gesichtspunkte, von dem aus das Denken betrachtet werden muß, hingewiesen. Wenn man diesen aber einmal gewonnen hat, so wird man sich, davon bin ich überzeugt, über die Richtigkeit unserer Behauptung nicht mehr im Zweifel befinden.

Das in Verhältnis setzen ist in allen Denkakten ein und dieselbe Tätigkeit. Es ist diese Behauptung schon an und für sich einleuchtend, da die Verschiedenheit seiner Resultate sich leicht aus der Verschiedenheit der vorstellbaren Inhalte erklärt, während eine Verschiedenheit der einzelnen Tätigkeiten ein unnötiger Luxus sein würde. Weiter aber wird dieselbe geradezu bewiesen duch eine bestimmte Tatsache, welche durch sie erst ihre Erklärung findet, die der Identität des Bewußtseins. Sie ist nicht zu verwechseln mit der sogenannten Einheit des Bewußtseins, die darin besteht, daß alle unsere Vorstellungen gleichsam in ein Netz von Beziehungen eingespannt sind, wodurch sie eben in die umschließende Einheit des Bewußtseins zusammengefaßt werden (vgl. KANT, Kritik der reinen Vernunft, § 16). Die fragliche Identität bezeichnet vielmehr die Eigentümlichkeit, daß, wenn der Inhalt unseres Bewußtseins auch fortwährend wechselt, doch derjenige Faktor, welcher das Bewußtsein gerade zum Bewußtsein macht, immer erhalten bleibt. Letzteres lehrt die unmittelbare Selbsterkenntnis, und es kann diese Erscheinung als ein unzweifelhaftes Faktum angesehen werden. Wenn die Identität des Bewußtseins also, wie behauptet wurde, ein Beweis sein soll für die Identität des in Verhältnis setzens (Denkens), so erhebt sich die Frage, in welcher Beziehung beider dann eine solche Erkenntnis begründet ist. Die Antwort lautet: darin, daß das Bewußtsein sachlich mit dem Denken zusammenfällt. Es bleibt darzulegen, welcher Sinn diesem Satz zukommt.

Wenn das Denken als ein in Verhältnis setzen charakterisiert wurde, so ist dasselbe hiermit doch nur einseitig als eine seelische Tätigkeit bestimmt; aus dieser Definition geht nämlich nicht hervor, welche Bedeutung es nun für den die Tätigkeit vollziehenden hat, d. h. welcher geistige Erwerb ihm daraus resultiert. Einem solchen Mangel wird dadurch abgeholfen, daß man sagt,  das Denken enthält das Bewußtsein der in Verhältnis gesetzten Inhalte als ein immanentes Moment.  Man kann freilich versuchen, das Bewußtsein als ein Erzeugnis oder eine Wirkung des Denkens ansehen zu wollen; ich wüßte jedoch nicht, wie man imstande wäre, sich hiervon einen klaren Begriff zu machen. Außerdem widerspricht eine solche Annahme der in der Selbstbeobachtung unzweifelhaft gegebenen Tatsache, daß "etwas denken" und "sich einer Sache bewußtsein" ein und dasselbe besagt.

Der soeben gefundene Satz, daß das Bewußtsein ein immanentes Moment des Denkens ist, hat eine große Tragweite; aus ihm folgt nämlich, daß sich Bewußtsein und Denken stets gleichweit erstrecken müssen, daß überall, wo sich noch ein Bewußtsein befindet, auch ein Denken existiert und umgekehrt. Nun ist schon das bloße Haben einer Vorstellung, das Vorstellen irgendeines Inhaltes mit Bewußtsein verbunden. Es folgt, daß dem bloßen Vorstellen bereits ein Denken vorausgegangen sein muß und es handelt sich nur darum, dasselbe ausfindig zu machen. Das Vorstellen scheint sich gerade dadurch zu charakterisieren, daß es seine Inhalte ganz vereinzelt und keinerlei Verhältnis zwischen ihnen herstellt; so bestehen beispielsweise diese Feder, dieses Papier, dieser Tisch in der Vorstellung ganz beziehungslos nebeneinander; ebensowenig glauben wir einen Zusammenhang zwischen dem vorstellenden Subjekt und dem vorgestellten Objekt zu entdecken. Wie sollte jedoch, fragen wir, diese Isolierung anders denkbar sein, als dadurch, daß der eine Inhalt vom anderen getrennt wurde? Und weiter: ist eine solche Trennung möglich, ohne daß die verschiedenen Inhalte sowohl ihrer Gestalt wie ihrer Lage nach miteinander verglichen und als verschieden befunden werden?

Wenn es nun das Denken ist, welches die einzelnen vorgestellten Inhalte einerseits vom vorstellenden Subjekt, andererseits voneinander abscheidet, wenn also ein in Verhältnis setzen die Bedingung des Vorstellens bildet, so wird damit auf ein weiteres psychisches Gebilde hingewiesen, welches den Stoff für dieses in Verhältnis setzen liefert und das der Art sein muß, daß es jene Scheidung der Vorstellungen voneinander und vom Subjekt noch nicht in sich enthält. Der gesuchte Faktor ist kein anderer, als die Anschauung, und es ist somit der im Anfang behauptete Unterschied von Anschauung und Vorstellung aufgezeigt worden.

Hier machen wir einen kurzen Halt, um nicht in die Gefahr zu kommen, einen Sprung in der Ableitung zu machen. Wir haben also die drei unterschiedenen Seelengebilde der Empfindung, der Anschauung und der Vorstellung. Die Empfindung betrachten wir als eine unmittelbare Funktion des Nervenreizes, welche noch nicht an der räumlichen Ausdehung partizipiert, von der Vorstellung haben wir gezeigt, daß sie die Unterschiede des vorstellenden Subjekts vom vorgestellten Objekt untereinander in sich enthält und daß diese Unterschiede durch das Denken erworben werden; schließlich haben wir von der Anschauung behauptet, daß sie die genannten Unterschiede noch nicht in sich trägt. Hiernach bleibt es immer noch ungewiß, auf welche Weise das Vorstellen aus dem Anschauen mit Hilfe des Denkens entsteht. Man gebe genau Acht, daß ich nicht gesagt habe, daß, wenn das Denken die in der Anschauung noch unentwickelt liegenden Unterschiede aufschließt, es hierdurch sofort das Vorstellen hervorbringt, sondern nur, daß im Vorstellen tatsächlich diese Unterschiede gesetzt sind, wobei es also unentschieden gelassen ist, ob nicht noch eine Zwischenstufe der Entwicklung zwischen dem Anschauen und dem Vorstellen besteht. Letzteres ist nämlich in der Tat der Fall. Anfänglich sind, wie schon angegeben wurde, und zwar nur anfänglich alle Unterschiede oder besser alle Verhältnisse noch ununterschieden in der Anschauung. Alsbald aber macht sich das Denken an sie heran und bemächtigt sich derselben (auf welchen Akt wir noch besonders hinweisen, weil er, wie wir später [§ 8] sehen werden, für die Entwicklung der Anschauung selbst von sehr großer Wichtigkeit ist). Zugleich wird auch das anschauende Subjekt bereits von den angeschauten Bildern unterschieden. Man darf jedoch nicht glauben, mit der letzteren Leistung - das nunmehr folgende enthält den Kern dessen, worauf unsere augenblickliche Deduktion ausgeht, es muß deshalb ganz besonders beachtet werden - schon zum Vorstellen gekommen sein, da sich das Bewußtsein des vorstellenden Subjekts von dem des anschauenden noch in einem sehr wesentlichen Punkt unterscheidet, darin nämlich, daß das letztere noch nicht, wohl aber das erstere ein Ich- oder Selbstbewußtsein in sich enthält. Es muß ohne weiteres einleuchten, daß das Denken zu einem Ichbewußtsein nur auf die Art zu gelangen imstande ist, daß es eben sich selbst als ein Denken von Anderem, wie auch von einem Nichtdenken unterscheidet, wodurch allein es sich in seiner spezifischen Natur auffaßt. Erst wenn dieser Akt vorhergegangen ist, kann das Denken nunmehr auch sich selbst als identisch mit dem Subjekt des Anschauens erkennen und sich zugleich den angeschauten Bildern entgegensetzen, wobei es letzterer Prozeß ist, durch den die Bilder zu Vorstellung oder Objekten erhoben werden.

Man darf nicht glauben, wenn eben auseinandergesetzt wurde, daß das Denken nur dadurch zu einem Selbstbewußtsein zu kommen vermag, daß es sich selbst als ein Denken von Anderem, als einem Nichtdenken unterscheidet, daß man hiermit in Wirklichkeit sich nur im Kreis dreht, da man das Denken als seiner selbstbewußt voraussetzen muß, um es hinterher von sich selbst erfassen zu lassen. Dies würde allerdings der Fall sein, wenn das Denken bereits das Bewußtsein seiner selbst mit sich brächte. Unsere Ansicht, welche wir für die Beziehungen der Objekte untereinander bewiesen haben und die wir auf den gegebenen Fall nach einer Analogie zu übertragen uns für berechtigt ansehen, ist jedoch die, daß jedes Bewußtsein überhaupt erst denkend erworben wird. Als kann auch das Ichbewußtsein nur im Denken, in der Unterscheidung des Denkens selbst vom Nichtdenken enthalten sein. Hier liegt nun, wie von selbst folgt, die Voraussetzung zugrunde, daß diesem unterscheidenden Denken ein anderes Denken, eben dasjenige, welches vom Nichtdenken unterschieden wird, vorangegangen sein muß. Es ist kein anderes, als das vorhin kennen gelernte, welches, wie wir angaben, sich der Verhältnisse der konkreten Anschauung bemächtigt und ihre einzelnen Teile voneinander absondert. Daß diese Denken dem Ichbewußtsein und mit ihm dem Vorstellen vorhergeht, wurde eben weiter oben behauptet; wir sehen also, was ich noch besonders hervorhebe, alle unsere Gedanken über die vorliegende Frage in einem konsequenten und einheitlichen Zusammenhang.

Den Unterschied von Anschauen und Vorstellen haben wir jetzt voraussichtlich hinlänglich klar gemacht. Wir sind bei dieser Ableitung genötigt gewesen, bis zu einem Stadium der seelischen Entwicklung fortzugehen, wo das Ich sich selbst erfaßt und sich von einem Nicht-Ich, als dem ihm Entgegengesetzten, unterscheidet. Wenn man nun glauben wollte, mit dieser Entstehung des Selbst- und objektiven Bewußtseins bereits zu der Höhe gelangt zu sein, welche man für gewöhnlich als die des Selbstbewußtseins bezeichnet, so würde man sich in einem entschiedenen Irrtum befinden. Vielmehr sind wir noch nicht weiter gekommen, als zu dem gemeinhin einfach sogenannten Bewußtsein - dieses enthält also tatsächlich bereits ein Selbst- und objektives Bewußtsein in sich - im Unterschied von dem, was hier kurz bemerkt werden mag, ein Selbstbewußtsein erst dann als erreicht angesehen wird, wenn das Ich nicht mehr einseitig den Objekten gegenübertritt, sondern sich gleichfalls als ein Objekt unter den übrigen erkannt hat, welcher Bestimmung der Erwerb eines konkreten Inhalts für das Ich vorhergegangen ist und vorhergegangen sein muß. Der Sprachgebrauch ist also hier nicht ganz korrekt; trotzdem soll derselbe beibehalten werden, damit wir nicht in eine fortwährende Kollision mit ihm geraten und so eine Veranlassung zu leichten Mißverständnissen geben.

Wir haben vorhin ein Denken kennengelernt, welchem die Aufgabe zufiel, die in der Anschauung enthaltenen Beziehungen zu entwickeln. Dieses Denken geht, wie wir bewiesen haben, dem (gemeinhin sogenannten) Bewußtsein voraus, vollzieht sich also selbst noch unbewußt. Nun ist uns früher die Erkenntnis gekommen, daß jedes Denken ein Bewußtsein der von ihm in ein Verhältnis gesetzten Inhalte in sich enthält. Es muß also auch jenem unbewußten Denken ein solches zukommen, woraus mit Notwendigkeit folgt, daß noch ein vom gewöhnlichen Bewußtsein verschiedenes Bewußtsein besteht, und in der Tat ist auch bereits die wissenschaftliche Forschung vielfach auf seine Existenz hingetrieben worden, man hat es jedoch unpassenderweise zu einem Unbewußtsein oder gar zu einem Gefühl gemacht. In Berichtigung dieses Fehlers wollen wir dasselbe jetzt als ein "Vorbewußtsein" bezeichnen, um damit seine doppelte Eigentümlichkeit auszudrücken, einerseits ein Bewußtsein zu sein, andererseits aber dem eigentlichen Bewußtsein noch vorherzugehen (ihm aber an Wert zugleich nachzustehen). Übrigens werden wir uns erlauben, an Stellen, wo kein Mißverständnis zu befürchten ist, das Vorbewußtsein auch wohl schlechthin als Bewußtsein zu bezeichnen. Um das Gesagte nochmals zu wiederholen, so ist sein wesentlicher Inhalt also der, daß zunächst ein unbewußtes Denken auftritt, das die Verhältnisse der konkreten Anschauung zur Entwicklung bringt, und daß ihm ein Vorbewußtsein dieser Verhältnisse immanent ist, daß aber dasjenige Denken, welches das Anschauen zum Vorstellen macht, und dem das eigentliche Bewußtsein innewohnt, dem genannten Vorbewußtsein erst nachfolgt.

Das unbewußte Denken (nicht unbewußte Vorstellen, welches durchaus nicht existieren kann) ist für das Verständnis des Seelenlebens von ganz außerordentlicher Bedeutung, wofür wir sogleich ein wichtiges Beispiel vorführen wollen. Die Empfindung lernten wir kennen als eine unmittelbare Reaktion gegen den Nervenreiz. Nun ist dieselbe hiermit nur etwas in der Seele, aber nicht für die Seele. Letzteres wird sie vielmehr erst dann, wenn das Denken sich ihrer bemächtigt, dadurch daß es sich an die Unterschiede derselben von anderen Empfindungen heranmacht und sie in das Bewußtsein erhebt. Daß sich dies in der Tat so verhälte, dafür mögen vorläufig folgende Erscheingungen als Beleg dienen:
    "Die rötliche Farbe eines Fasses Wasser, in welchem etwa nur ein Zehntel Gramm Karmin aufgelöst wurden, sind wir außerstande, wahrzunehmen; nach Beimischung einer etwas größeren Menge Karmin vermögen wir sie zwar zu erkennen, aber nur dann, wenn wir anderes, ungefärbtes Wasser daneben haben und jenes mit diesem vergleichen." (ULRICI, a. a. O., Seite 294)

    "Ich habe mich überzeugt" bemerkt  Aubert  (Physiologie der Netzhaut, Breslau, Seite 161) einmal, "daß die Beurteilung von reinem Grau sehr unsicher ist, daß eine Nuance nach Blau, Rot, Gelb nicht erkannt oder falsch bestimmt wird, wenn man nicht ein gleich helles Grau zum Vergleich daneben hat."
Aus diesen Beispielen geht deutlich hervor, was wir behaupteten, daß Empfindungen, wenn sie auch bereits in der Seele existieren, doch nicht auch von ihr perzipiert werden, daß sie vielmehr am Ende eine Vergleichung mit anderen von ihnen verschiedenen Empfindungen erfordern. Nun war in den angeführten Beispielen die Vergleichung mehr oder weniger eine bewußte; hieraus folgt ohne weiteres, daß in den Fällen, wo wir uns der Empindung unmittelbar bewußt zu sein glauben, bereits ein unbewußtes Denken tätig gewesen ist. Es ist also die große Bedeutung diese unbewußten Denkens zumindest für die Perzeption der Empfindung nachgewiesen worden.

Trotz der beigebrachten experimentellen Beweise wird man, so steht zu vermuten, Anstoß daran genommen haben, daß ich sogar von den Empfindungen behaupte, sie bedürften zu ihrer Perzeption, d. h. um zu Bewußtsein zu gelangen, der Vergleichung. Ich meine jedoch, daß ein Einwand gegen diese Auffassung allein darin seinen Halt hat, daß man dasjenige, was vom Standpunkt des eigentlichen Bewußtseins gilt, auf welchem allerdings nur bereits Bewußtes zueinander in Beziehung gesetzt werden kann, unberechtigterweise auf die hier vorliegenden Verhältnisse überträgt. Will man unserer Ansicht nicht beistimmen, so ist man anzunehmen genötigt, daß die Empfindungen bereits ein gewisses Bewußtsein ihrer selbst mit sich bringen, und man hat dann zwei Arten des Bewußtseins zu unterscheiden: eines, welches unmittelbar besteht und ein anderes, welches im Denken enthalten ist. Das erstere könnte man mit BENEKE (Psychologie, dritte Auflage, Seite 66) eine "Bewußtheit", das zweite ein "Bewußtsein im engeren Sinne des Wortes" nennen. Es ist jedoch offenbar, daß etwas, was im Denken als ein immanentes Moment enthalten ist, niemals mit einer unmittelbaren Wirkung des Nervenreizes, welcher Art die Bewußtheit sein müßte, seinem Wesen nach als gleich angesehen werden kann. Damit dürfte sich dann die gewöhnliche Ansicht vom Bewußtsein als unhaltbar beweisen. Es ist ein nicht gering anzuschlagendes Verdienst ULRICIs, hier zum erstenmal mit der richtigen Lehre hervorgetreten zu sein (a. a. O., Seite 274f).

Es erleidet wohl keinen Widerspruch, wenn Empfindungen, wie wir jetzt nachgewiesen zu haben glauben, erst durch die Vergleichung mit anderen Empfindungen von uns aufgefaßt werden, daß sodann folgende drei Sätze gelten müssen:
    1) daß die Perzeption von Empfindungen mit bedingt ist durch die Energie, mit welcher sie mit anderen Empfindungen verglichen werden,

    2) daß Empfindungen gerade so weit, wie sie von anderen unterschieden werden, zu Bewußtsein gelangen, daß also ihre scheinbare Qualität wesentlich mit von den mit ihnen verglichenen Empfindungen abhängt, und

    3) daß, da das Setzen von Unterschieden immer ein Setzen von etwas Relativem (nicht von etwas Absolutem) ist, die Perzeption eines gleichen Größenunterschiedes mehrerer Empfindungen allein die Perzeption eines gleichen Größenverhältnisses derselben bedeutet.
Zum Belegt dieser drei Sätze dienen nacheinen der Erfahrungen über den Einfluß der Aufmerksamkeit auf die Perzeption von Empfindungen, die Erscheinungen der Kontraste der Empfindungen und das sogenannte WEBERsche Gesetz. Obgleich die letzteren Tatsachen nun eigentlich nicht unmittelbar zu unserem Thema gehören, so sind sie doch für das Verständnis des Folgenden von so fundamentaler Bedeutung, daß ihre Erklärung uns als eine notwendige Pflicht obliegt.

Es ist sehr oft beobachtet worden, daß sogar sehr starke Empfindungen nicht zu unserem Bewußtsein gelangen, wenn die Aufmerksamkeit sehr energisch auf etwas anderes abgelenkt ist, und daß umgekehrt sehr schwache Empfindungen bemerkt werden, wenn die Aufmerksamkeit sich auf sie konzentriert. Ein eklatantes Beispiel der ersteren Art ist eine von RUETE (Über die Existenz der Seele vom naturwissenschaftlichen Standpunkt, Leipzig) berichtete, an sich selbst gemachte Erfahrung, daß er während einer sehr schmerzhaften Operation an einem jungen Mädchen, an deren Gelingen ihm sehr gelegen gewesen sei, das laute Schreien der Kranken nicht vernommen habe. Ferner gehört hierher das von FECHNER mitgeteilte Faktum, daß ihm eine intensive Farbempfindung, weil er sich in Gedanken vertieft habe, erst an ihrem Nachbild zu Bewußtsein gekommen sei (RUETE, a. a. O., Seite 17). Ein Spiel der zweiten Art besteht darin, daß man imstande ist, aus dem lautesten Straßenlärm die Stimme eines Menschen herauszuhören und daß Musikkenner es vermögen, einem einzelnen Instrument aus einem ganzen Orchester ausschließlich mit dem Gehör zu folgen. Worin besteht nun die Aufmerksamkeit, welche so etwas zu bewirken vermag? Sie gehört zu denjenigen Zuständen der Seele, welche man, je nachdem sie ohne oder mit Bewußtsein entstehen, als ein Streben oder Wollen bezeichnet, und zwar ist es sein Streben oder Wollen, welches den Zweck verfolgt, Empfindungen, Anschauungen oder sonstige Zustände der Seele zu anderen in ein Verhältnis zu setzen, in unserem Fall gegebene Empfindungen von anderen zu unterscheiden. Der fundamentale Fehler in Bezug auf die gewöhnliche Auffassung der Aufmerksamkeit besteht darin, daß man sie im Allgemeinen zu den intellektuellen Gebilden der Seele zählt, und selbst ULRICI, der Anfangs auf dem richtigen Weg zu sein scheint (a. a. O., Seite 305), hat sich schließlich diesen Irrtum zuschulden kommen lassen. Wenn nun die Aufmerksamkeit jenes Streben oder Wollen ist, so ist unser obiger erster Satz ohne weiteres gerechtfertigt.

Die Erscheinungen des Empfindungskontrastes, auf welche wir jetzt übergehen, enthalten lauter direkte Bestätigungen unserer zweiten Regel. Die folgenden Beispiele sind der Abhandlung von FECHNER "Über die Kontrastempfindung" entnommen. Dieser Forscher hatte einmal (a. a. O., Seite 80) durch wiederholtes Heben eines 9 Pfund schweren Gewichts den linken Arm sehr stark ermüdet. Er hob alsdann unmittelbar nach der Ermüdung von zwei Gefäßen, "deren eines 1000 und das andere 1060 Gramm schwer war, das schwerere links stehende Gefäß mit dem linken ermüdeten Arm zuerst, das rechte mit dem rechten nicht ermüdeten Arm danach." Dann "erschien bei dieser ersten Doppelhebung das linke schwerere und mit dem ermüdeten Arm gehobene Gefäß entschieden als das leichtere; indem seine Schwere offenbar gegen das vorgängige starke Gewicht von 9 Pfund so leicht befunden wurde, während das zweite gehobene weniger gegen dieses, als gegen das zuvor gehobene Gewicht von 1060 Gramm beurteilt wird." Ein anderes Mal bewirkte FECHNER, daß die Umgebung eines immer gleich dunkel bleibenden Schattens sich abwechselnd verdunkelte und erhellte. Dann trat der Erfolg ein, daß umgekehrt der Schatten sich abwechselnd bedeutend erhellte und verdunkelte, "so daß man sich kaum überreden kann, es sei bloß eine subjektive Erscheinung" (a. a. O., Seite 109).

Man wird vielleicht einwenden, daß durch den Einfluß einer bestimmten Vergleichung zwar die vorliegenden FÄlle, wo es sich um eine bloße Schwächung oder Hebung durch einen Kontrast handelt, zu erklären sind, daß dagegen die zugleich mit einer Farbenveränderung verbundenen sogenannten Farbenkontraste eines Grundes bedürfen, welcher mehr zu leisten imstande ist. Hierauf ist zu erwidern, daß die Farbenveränderung keineswegs, wie HELMHOLTZ, FICK (Lehrbuch der Anatomie und Physiologie der Sinnesorgane, Lahr) und WUNDT meinen, psychischen Ursprungs sein kann, daß sie vielmehr auf einen physiologischen Prozeß zurückgeführt werden muß; daß dagegen die Unterscheidung nichts mehr leistet, wie in den früheren Fällen, nämlich diese (physiologische) Umstimmung der Empfindung, welche nur eine sehr geringe ist, für das Bewußtsein außerordentlich zu heben. Damit uns nicht vorgeworfen wird, daß sich so etwas wohl ganz im Allgemeinen behaupten läßt, daß es jedoch gilt, dasselbe auch in bestimmter Weise durchzuführen, so möge es gestattet sein, die Gedanken, welche wir uns darüber gebildet haben, hier einzufügen.

Vorher müssen wir uns jedoch, um zu wissen, welche Erscheinung wir im Auge haben, mit einigen Beispielen derselben bekannt machen. Ich will deren zwei anführen. Man bedecke ein grünes Blatt Papier genau mit einem gleichgroßen dünnen weißen Briefpapier und schiebe zwischen beide ein Schnitzelchen graues Papier, so daß nunmehr durch das weiße Briefpapier das Grün und Grau der Unterlage nur ganz schwach hindurchschimmert, sodann erscheint das letztere deutlich und stark rosenrot. Überhaupt erscheint das graue Schnitzelchen immer in der Komplementärfarbe der Unterlage. Dieser bekannte Versuch wurde zuerst von H. MEYER angegeben (HELMHOLTZ, a. a. O., Seite 398). Sieht man mit dem rechten Auge durch den grünen Schleier, wobei das linke geschlossen sein soll, so erscheint nach kurzer Zeit ein weißes Papier rötlich, wobei dieser Vorgang ein einfaches Ermüdungsphänomen ist. Schließt man dann aber das rechte Auge und öffnet das linke, so erblickt letzteres das weiße Papier jetzt im Gegensatz dazu in grünlicher Farbe (HELMHOLTZ, a. a. O., Seite 409).

Unsere physiologische Mutmaßung ist nun einfach folgende: Von jeder Optikusfaser, welche Anhänger der YOUNGschen Farbentheorie sich auch in drei Teilfasern zerlegt denken können, gehen sowohl zu den benachbarten des nämlichen Auges als auch zu den korrespondierenden der anderen Verbindungsfaser, mittels welcher es möglich ist, die Erregung einer Optikusfaser auf die mit ihm auf diese Art verbundenen zu übertragen. Wird nun ein Teil der Netzhaut beispielsweise von rotem Licht (Ätherwellen von größter Länge) gereizt, so geht diese Erregung alsbald auf die von den benachbarten und korrespondierenden Netzhaut-Stellen auslaufenden Fasern über und ermüdet dieselben ein wenig für rotes Licht. Läßt man dann nicht zu starkes weißes Licht auf jene benachbarten und korrespondierenden Stellen einwirken, so wird ein Erregungszustand in ihnen entstehen müssen, welcher einem mit der Komplementärfarbe des Rot schwach tingierten Weiß entspricht. Das ist, so vermute ich, das Endergebnis des rein physiologischen Vorgangs. Wenn aber jetzt die schwache Komplementärfarbe als eine gesättigte erscheint, so ist das ein Werk des Unterscheidens, da die Differenz einer Farbe von ihrer Komplementärfarbe - ich meine selbstverständlich die Differenz für das Bewußtsein - eine größere ist, als von Weiß. Es wird deshalb die Komplementärfarbe auch in solchen Fällen am Entschiedensten hervortreten müssen, wo die Aufmerksamkeit ganz besonders energisch auf jenen Unterschied hingelenkt wird, und das ist beispielsweise bei dem MEYERschen Versuch ganz unzweifelhaft der Fall, da die kleine Unterbrechung der gleichmäßigen Farbenempfindung gewiß etwas Frappierendes hat. Unser eigentliches Thema verbietet uns, näher auf die kleinen Modifikationen der Kontrastversuche und die bei ihnen gemachten Erfahrungen einzugehen; doch dürfte die Erklärung derselben jetzt nicht mehr voll zählen. Schließlich ist zur Stütze der angegebenen physiologischen Hypothese noch bemerkt, daß mittels ihrer man auch imstande ist, eine ausreichende Begründung der sogenannten Phänomene der binokularen Farbenmischung zu geben, wobei freilich ein Vorhandensein individueller Unterschiede angenommen werden muß.

Kommen wir jetzt endlich zu dem sogenannten WEBERschen Gesetz, so drückt dasselbe tatsächlich nichts anderes aus, als eine Anwendung des obigen dritten Satzes, welche allerdings erst verborgen in ihm enthalten ist. ERNST HEINRICH WEBER hat für ein bestimmtes beschränktes Sinnesgebiet den Nachweis geliefert, welcher von FECHNER verallgemeinert wurde, daß Zuwächse einer Empfindung, welche noch eben wahrgenommen werden, stets die Wirkung sind nicht eines absolut, sondern eines relativ gleichen Zuwachses des Reizes, so daß also der Zuwachs stets einen gleichen Bruchteil des schon vorhandenen Reizes bildet. Es ist die Frage noch offen, welche Bedeutung diesem allgemeinen Befund zukommt. Drei Möglichkeiten sind vorhanden: das Gesetz ist entweder ein physiologisches und ist begründet in der Eigentümlichkeit des Nervenprozesses, oder es enthält eine Bestimmung über die Wechselwirkung von Nervenprozeß und Empfindung in sich, ist, wie man sich ausgedrückt hat, psychophysischer Natur, oder es ist schließlich ein rein psychologisches und erstreckt sich auf das Verhältnis der tätigen Seele zur leidenden (vgl. WUNDT, Vorlesungen über Menschen- und Tierseele, Bd. 1, Leipzig, Seite 133).

Wenn man nun mit FECHNER, HELMHOLTZ, FICK und auch WUNDT der Ansicht ist, daß ein eben merklicher Zuwachse der Empfindung eine sich immer gleich bleibende Empfindungsgröße bedeutet, so muß man die Regel entweder für eine physiologische oder für eine psychophysische ansehen. Gesetzt, sie sei physiologischer Natur, so würde sie bedeuten, daß in dem Reiz leitenden Nerv ein Verlust an Kraft stattfindet, welche etwa in irgendeine Weise gebunden oder auf einen anderen Nerv abgeleitet würde, und daß dieser Verlust zur Folge hat, daß die Zunahme der Nervenerregung nicht im gleichen Verhältnis mit der Zunahme des Reizes steht. Diese Annahme hat jedoch FICK insoweit, was die Nichtproportionalität der Zunahme der Nervenerregung mit der Zunahme des Reizes betrifft (a. a. O., Seite 349) experimentell zumindest an den motorischen Nerven widerlegt, sie ist also höchst wahrscheinlich auch für den sensiblen Nerv ungültig. Es bleibt also zunächst die zweite Mutmaßung, die Regel für eine psychophysische zu halten. Alsdann muß man behaupten, daß die Nichtproportionalität zwischen Nervenerregung und Empfindung eine Folge des Übergangs der ersteren in die letztere ist. Beweisendes weiß ich hiergegen nicht einzuwenden, nur kann ich mich nicht dem Glauben hingeben, daß, wie FECHNER einmal sagt, jene Nichtproportionalität "nach der wesentlichen Verschiedenheit zwischen physischem und psychischem Gebiet sehr wohl denkbar" ist.

Ein entscheidender Grund gegen die psychophysische Deutung liegt für mich jedoch darin, daß ich das WEBERsche Gesetz bereits durch unseren obigen psychologischen Satz, nach dem die Perzeption eines gleichen Größenunterschiedes mehrerer Empfindungen allein die Perzeption eines gleichen Größenverhältnisses derselben bezeichnet, als gefordert ansehen muß. Aus ihm ergibt sich nämlich ohne weiteres der folgende: Gleichartige Empfindungen, welche noch eben ununterscheidbar sind, differieren stets um einen gleichen Bruchteil ihrer eigenen Stärke voneinander. Es bedarf am allerwenigsten eines Beweises, daß das gesamte Gesetz im letzteren Sinn aufgefaßt werden kann und wir sind deshalb gezwungen, diese, die rein psychologische Interpretation desselben für die richtige zu halten. Übrigens soll nicht verschwiegen werden, daß WUNDT es ist, welcher zuerst die Notwendigkeit einer solchen psychologischen Deutung des WEBERschen Gesetzes eingesehen hat (WUNDT, Vorlesungen, Seite 134).
LITERATUR - Carl Überhorst, Die Entstehung der Gesichtswahrnehmung, Göttingen 1876