p-4ra-2Th. LippsM. SchelerTh. ElsenhansH. Corneliusvon Gebsattel     
 
ALFRED STORCH
Zur Psychologie und Pathologie
des Selbstwerterlebens


"Ein jeder, der dem Typ der Selbstwertunsicheren angehört, dürstet nach der Selbstwerterfülltheit der anderen, die ihm versagt geblieben ist, die ihm Sicherheit und Halt und eine Schutzwehr gegen Spott und Geringschätzung bedeutet. Er wäre nicht lebensfähig, wenn er nicht - was ihm im eigenen Innern mangelt - sich von außen zu verschaffen suchte in den mannigfachen Weisen der Selbstwertsuche."

"Dieser Typus späht nach den Wertniedrigkeiten der anderen; Menschen, die mit sich und der Welt zerfallen sind, Unglückliche, Trostbedürftige sucht er, aber nicht um zu helfen, sondern um sich an ihrer Unterlegenheit aufzurichten, und sollte er einmal helfend eingreifen, so wäre es doch nur um sich in solcher Tätigkeit seiner positiven Fähigkeiten fühlbar zu werden und so auf Umwegen zu einem Selbstwertgefühl zu gelangen. Nicht Mitgefühl treibt ihn, sondern das Streben nach Selbstachtung, die Selbstwertsuche."

Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden, einen Überblick über das Tatsachengebiet des Selbstwerterlebens (1) zu geben. Um eine erste Beschreibung und Gliederung der hierhergehörigen Bewußtseinstatsachen wird es sich handeln, an die die weitere phänomenologische Erforschung und Umgrenzung derselben anknüpfen kann. Von allen Erörterungen prinzipieller Art, von aller Theoriebildung wurde abgesehen, damit das tatsächlich Feststellbare umso klarer hervortritt.

1. Uns allen ist ein habituelles Selbstwerterleben eigen, in dem wir uns mit einer positiven oder negativen Gesamtwertigkeit umkleidet erleben. Das habituelle Selbstwerterleben mag mehr oder weniger bewußt in uns ablaufen, stets gewinnt es seinen entsprechenden Ausdruck in einer für uns charakteristischen seelischen konstitutionellen Haltung, die wir als  Selbstwerthaltung  bezeichnen wollen. Wir erleben aber unseren Selbstwert auch in einmaligen, abgesetzten, temporären Erlebnissen, wenn wir uns in einer bestimmten Wertqualität erblicken, eine Werterhöhung bzw. -erniedrigung erfahren oder uns eine solche zusprechen; in diesen Fällen wollen wir von  (aktuellen Selbstwerterlebnissen  reden.

Dem  konstitutionellen Selbstwerterleben  (der habituellen Selbsteinschätzung) oder der Selbstwerthaltung stellen wir als das  (aktuelle Selbstwerterlebnis  gegenüber, das wir dann als gegeben ansehen, wenn uns aufgrund irgendwelcher (noch zu beschreibender) eindrucksvoller Erlebnisse eine bestimmte Qualität unserer Wertigkeit fühlbar oder sichtbar wird, eine Zunahme oder Abnahme derselben erlebt wird oder eine Selbstbewertung eintritt. Was sich in solchen phänomenologisch ganz verschiedenen Weisen vollzieht, ist doch immer ein (aktuelles) Selbstwerterlebnis. -

Durch das Medium unseres konstitutionellen Selbstwerterlebens gesehen erscheint unsere Wertigkeit als ein undeutliches, dunkel bewußtes, "mitschwebendes" Moment unseres Bewußtseinsstroms. Im Selbstwerterlebnis hingegen wird sie in ihrer ganzen Fülle und Lebendigkeit erlebt. In einem solchen Erlebnis können wir uns mit dieser oder jener Wertigkeit umkleidet, werterhöht oder -erniedrigt schlicht erleben (fühlen), unser Wert usw. wird uns "fühlbar". Oder wir sehen in einem solchen Erleben nach unserem Wert, unserer Werterhöhung usw. hin, unser Wert wird uns "sichtbar".

Es kann ferner unsere  Gesamtwertigkeit  als einheitliche Totalität erblickt werden. Oder sie entfaltet sich vor unserem Blick, es heben sich vom Hintergrund der Gesamtwertigkeit die  einzelnen Werte  ab, die jene konstituieren, sie treten auseinander und werden isoliert erblickt und betrachtet. Der Beschauer "erfaßt" in einem solchen Selbstwerterlebnis seine Einzelwerte, die er sonst nur mehr oder weniger dunkel "mitgefühlt" hatte.

In allen Selbstwerterlebnissen erfassen wir eine qualitativ bestimmte Wertigkeit unseres Ich (bzw. dessen Einzelwerte). Oder aber wir erfassen nicht diese scharf charakterisierbare Wertigkeit selbst, als vielmehr ein unbestimmte Werthöher- oder Wertniedrigersein, ein Gestiegen- oder Gesunkensein an Wert, wobei der vormalige Zustand irgendwie miterlebt wird. Ja, es kann uns unter Umständen dieses Steigen und Sinken noch in seinem  Ablauf  fühlbar, die Wertsteigerung als  Vorgang  in uns erlebt und von uns aufgefaßt werden.

Wichtiger in unserem Zusammenhzang ist eine Gliederung der Selbstwerterlebnisse nach einem anderen Gesichtspunkt:

Dem Ich wird eine qualitativ bestimmte Wertigkeit, ein Zuwachs (bzw. eine Minderung) an Selbstwert (bzw. -werten) einfach zuteil, es "erfährt"  passiv  eine Werterhöhung bzw. -erniedrigung oder es spricht sich, sei es unmittelbar, sei es aufgrund irgendwelcher Überlegungen, eine Wertigkeit, höhere bzw. niedrigere Werte zu (2). Die passive Rolle, die dem Ich im ersten Fall zufällt, charakterisiert jene Erlebnisform im Gegensatz zu der zweitgenannten, die durch das  aktive  Verhalten des Ich gekennzeichnet ist. Diese letztere bezeichnen wir als  (aktive) Selbstbewertung  oder Selbsteinschätzung und stellen sie dem  passiven Selbstwerterlebnis  gegenüber.

In allen Selbstwerterlebnissen kann ferner die  Gegebenheitsweise des Selbstwertes  eine charakteristisch verschiedene sein, je nach der "Ichnähe" oder "Ichferne", in der er erscheint. Auch die  Beteiligung des Ich  am Selbstwerterlebnis, sei sie nun ein passives Affiziertsein oder eine aktive Betätigung, und die  "Tiefe" des Erlebnisses  ist mannigfaltiger Abstufungen fähig.

So kann uns z. B. ein Selbstwerterlebnis gänzlich "ausfüllen" oder es kann in uns ablaufen, ohne den Kern unserer Persönlichkeit zu berühren. Ich kann in einem Selbstwerterlebnis völlin "darin sein" oder es kann in mir noch Raum bleiben für nebenhergehende Erlebnisse und Stellungnahmen zu jenem Erleben.

Eine eigenartige Stellung nimmt eine Erlebnisform ein, die als  "Selbstwertenthüllung"  bzw.  Selbstwertentdeckung"  zu beschreiben wäre. Ein blitzartiges Sich-seines-Wertes- (bzw. Unwertes-)Bewußtwerden ist das entscheidende Phänomen (3). Je nach der Aktivität oder Passivität des Ichverhaltens mag diese Erlebnisform den Kategorien "passives Selbstwerterlebnis" - "aktive Selbstbewertung" untergeordnet werden. Das Moment der  Erscheinungsweise  des Selbstwertes - die unvermittelte Plötzlichkeit seiner Entdeckung bzw. Enthüllung bindet die auseinander strebenden "aktiven" und "passiven" Variationen zu einer einheitlichen Art von Selbstwerterlebnissen.

Eine Fülle von Variationen bietet das  gefühlsmäßige  und  willentliche Verhalten  dar, das das Ich dem Selbstwerterleben und den darin erblickten Werten bzw. Unwerten gegenüber einzunehmen vermag. Es kann sich dem gewonnenen Einblick freudig oder traurig, anerkennend oder ablehnend gegenüberstellen. Es kann das Bewußtsein seines Wertes (oder eines seiner Werte) besonders betonen oder unterstreichen (wie es z. B. im "Stolz" geschieht), oder es kann vor seinem Unwert die Augen schließen, ihn zu vergessen oder zu verdrängen suchen. (Hier wären ferner zu beschreiben die willentlichen Stellungnahmen: Zurückstoßen - Hervorheben und Festhalten des positiven oder negativen Selbstwertbewußtseins) (4). Wieder ein ganz anderes Verhalten als solcherlei anerkennendes oder ablehnendes Stellungnehmen, in dem sich das Ich seinem Werterleben gegenüberstellt, ist dann gegeben, wenn es sich ihm passiv überläßt. Statt einer  Stellungnahme  ist nun eine  Hingabe  (5) phänomenologisch vorfindbar. Es gibt ein berauschendes Genießen (vermeintlicher oder wirklicher) positiver Selbstwerte, ein peinvolles oder auch schwelgerisches Wühlen in (vermeintlichen oder wirklichen) negativen Selbstwerten. Beides sind Hingabe-Erlebnisse, phänomenologisch unterschieden von den Erlebnissen anerkennender oder verwerfender, freudiger oder trauriger Stellungnahme: Das Ich steht den erblickten Selbstwerten nicht mehr gegenüber, es ist in sie hineingezogen und verweilt und verliert sich in ihnen.

In allen Selbstwerterlebnissen erkannten wir in einem ersten Überblick als variable Momente allgemeinster Art: die (positive oder negative) Qualität, die Gegebenheits- und Erscheinungsweise des Selbstwertes (die Deutlichkeit und Fülle, in der er gegeben ist oder sichtbar wird, die "Bewußtseinshöhe" und "Ichnähe", in der er erschaubar wird), den Aktivitäts- oder Passivitätscharakter des Erlebnisses, die Ichbeteiligung und das gefühls- und willensmäßige Verhalten des Ich in Stellungnahme und Hingabe ans Erleben seiner Wertigkeit und an die darin erblickten Werte oder Unwerte (6).

2. Wir sagen, daß die  Motive zu Selbstwerterlebnissen  in irgendwelchen eindrucksvollen Erlebnissen zu suchen sind. Eine Beschreibung und Gliederung aller möglichen Anlässe von Selbstbewertungen müßte das ganze Gebiet menschlichen Erlebens umspannen: Naturereignisse und Vorgänge des geschichtlichen Lebens, Erfahrungen, die wir an uns machen oder die uns im Verkehr mit anderen zuteil werden, das eigene Tun und das Verhalten der Umwelt, alles kann zum Motiv von Selbstwerterlebnissen werden. Dabei braucht es nicht erst zu einem vollen Apperzipieren der Eindrücke aus jenen Erlebnissen zu kommen: die negative Selbstbewertung, die einer unedlen Tat folgt, kann phänomenologisch erst die Reaktion auf den Eindruck sein, den jene Tat in uns hinterlassen hat; oder wir erleben in jener unedlen Tat unmittelbar, wie jene negative Selbstbewertung in ihr "emporkeimt" und aus ihr "heraustritt". In beiden Fällen sprechen wir von "Hervorgehen" unserer Selbstbewertung aus unserem Tun, es mag nun ein unmittelbares Hervorgehen aus dem Erleben dieses Tuns oder ein mittelbares aus dem Eindruck vom Geschehenen gemeint sein.

Allerdings vermag das eindrucksvolle Erlebnis dem aus ihm hervorquellenden Selbstwerterlebnis noch keinerlei bestimmten Charakter aufzuprägen. Die Richtung schon, die das Selbstwerterleben einschlägt (nach der positiven oder negativen Seite), braucht in der inhaltlichen Bestimmtheit jenes eindrucksvollen Erlebnisses nicht vorgezeichnet zu sein:

Unsere Gemütsanlage, unser Temperament, unsere Neigung zu vorwiegend kritischer Selbstbewertung oder zur Selbstüberschätzung und andere Faktoren, unsere Veranlagung, unsere gesamte bisherige Selbstwerterhaltung sind es vornehmlich, die den Charakter des eventuell eintretenden Selbstwerterlebnisses bestimmen.

In allen Fällen trägt aber das Selbstwerterlebnis einen reaktiven Charakter, d. h. es muß aus den vorausgegangenen eindrucksvollen Erlebnissen (und eventuell vermittelnden Momenten wie der durch die bisherige Selbstwerthaltung vorgezeichneten Stellungnahme) irgendwie zu verstehen und zu motivieren sein. Die Häufigkeit des Auftretens der Selbstwerterlebnisse wird  ceteris paribus [unter vergleichbaren Umständen - wp] mit der stärkeren oder geringeren Eindrucksfähigkeit variieren, die dem einen Individuum vor dem anderen (eventuell auch den einen Lebensalter, dem einen Geschlecht usw. vor dem anderen) eigen ist. Bei einem nervösen, schon leisen Impressionen unterworfenen Individuum wird mithin die Neigung zu Selbstbewertungen sehr groß sein, besonders wenn noch andere Faktoren im Spiel sind, die gleichfalls die Häufigkeit von Selbstwerterlebnissen zu steigern pflegen, wie die vorwiegende Einstellung der Blickrichtung auf das Innenleben. -

Wir haben im Vorigen die aktuellen Selbstwerterlebnisse vom allgemeinen Hintergrund des habituellen Selbstwerterlebens bewußt losgelöst, um sie einer gesonderten Betrachtung zu unterwerfen. Wir würden aber dem vorhandenen Tatbestand nicht gerecht, wenn wir nicht andererseits das tiefe, beiderseitige Verflochtensein hervorheben würden.

Wir erwähnten, daß die Richtung der habituellen Selbsteinschätzung, sowie daß Tendenzen zur Selbstüber- oder -unterschätzung auf den Charakter von aktuellen Selbstwerterlebnissen in mannigfacher Hinsicht abfärben können.

Noch bedeutsamer vielleicht ist der Einfluß manches Selbstwerterlebnisses auf das fernere habituelle Selbstwerterleben und die Selbstwerthaltung. Schon ein einziges prägnantes Selbstwerterlebnis birgt in dieser Hinsicht eine oft überraschende Fülle an Wirkungsmöglichkeiten. (Ich denke hier z. B. an das uns psychologisch einigermaßen erschlossene Gebiet der religiösen Erfahrungen, in die ja mannigfache Selbstwertlebnisse eingehen.) (7) Völlige Umwälzungen im Gefüge des bisherigen Selbstwerterlebens, insbesondere eine gänzliche Richtungsumkehr desselben, wie sie im Gefolge mancher religiösen Erlebnisse zugleich mit einer "Erleuchtung" und mit einer "Umkehr" der bisherigen Willensrichtung plötzlich in Erscheinung treten können, sind nun allerdings seltene und dem Alltag fremde Vorkommnisse. Jedoch auch die gehäufte Wiederkehr weniger ausgeprägter Selbstbewertungen von gleichsinniger Richtung kann einen Zustand des Selbstwerterlebens herbeiführen, der im Vergleich zum früheren der Selbstwahrnehmung wie eine Verwandlung erscheint.

Wir sprachen den Selbstwerterlebnissen einen reaktiven Charakter zu, d. h. wir postulierten in Bezug auf sie die prinzipielle Möglichkeit, sie aus ihnen zugrunde liegenden Motiven zu verstehen.

Auch manche Selbstwerthaltungen können durch ein Zurückgreifen auf bestimmende Eindrücke einer mitunter fernen Vergangenheit begreiflich werden. Die Motive mögen noch so sehr versteckt, noch so tief ins Unterbewußte "verdrängt" sein, prinzipiell besteht doch die Möglichkeit, daß der verstehende Blick die schier undurchdringlichen Zusammenhänge schließlich durchblickt und den verborgenen "Komplex" entdeckt (8).

Wir  verstehen  ferner die hohe Selbstwerthaltung des Kraftvollen, Schönen, des vermögenden, bei der Umwelt in Geltung stehenden Menschen (9), wie wir die niedergedrückte Selbstwerthaltung des Schwachen, Häßlichen, Armen, Nichtgeachteten begreifen. Wir verstehen auch, daß das reiche und volle Leben, das vor Aufgaben gestellte Dasein eine höhere Selbstwerthaltung bedingt als das ärmliche, eingeschränkte, leere Dasein.

Das Begreifen von Selbstwerthaltungen hat jedoch seine prinzipiellen Grenzen, an denen das  "Verstehen"  aufhört und das  Erklären  aus kausalen Momenten einsetzt (10). Ein gutteil aller eigentümlichen Selbstwerthaltungen ist nur durch einen Rekurs aus somatische und Vererbungseinflüsse erklärbar. Und das, was an der hohen Selbstwerthaltung eines Kindes aus aristokratischem "Haus" schon als Imitation spezifischer Lebensformen seines Kreises verstanden werden kann (eine gewisse souveräne Herablassung des Kindes im Verkehr mit anderen Kindern), müssen wir bei einem anderen Kind, für dessen hohe Selbstwerthaltung Verstehensgrundlagen nicht auffindbar sind, als gegebene Anlage hinnehmen oder aus Gesetzmäßigkeiten der Vererbung zu erklären suchen (11).

3. Ich wende mich nunmehr zu einer Beschreibung und Charakteristik einiger bedeutsamer  Typen des Selbstwerterlebens.  Wir unterscheiden die vorwiegend selbstvertrauende und vorwiegend selbstkritische Gesamteinstellung und demgemäß die Typen der  Selbstwertsicherheit (-gewißheit) (12) und  -unsicherheit, Selbstwerterfülltheit  und  Selbstwertleere.  Innerhalb der gegensätzlichen Typen der Selbstsicherheit- und -unsicherheit unterscheiden wir wieder, wieweit die jeweils spezifische Haltung einem letzten Erleben, wieweit sie nur einem peripherischen Ichverhalten Ausdruck gibt oder eine bloße "Selbstwertdarstellung" ist:

Selbstwertsicherheit  kann ein gleichmäßig ruhiges  Erülltsein  der ganzen Persönlichkeit bis in ihre letzten Tiefen mit Selbstwertgefühl sein. Oder sie durchwaltet nur die äußersten Schichten des Ich als Ausdruck einer gewaltsamen Anspannung der Persönlichkeit, die bemüht ist, das Bewußtsein ihrer Wertigkeit, das ihr immer wieder zu entschwinden droht, festzuhalten und sich zu sichern. Dabei mögen die Tiefen des Ich von Wertunsicherheit und Wertzweifeln erfüllt sein, wenn sich nur die Persönlichkeit den Zweifeln gegenüber behauptet, sie nicht "aufkommen" läßt, sie immer wieder, wenn sie zur Oberfläche emporwollen, in die Tiefe hinabstößt. - Weil er den Glauben an sich zum Leben braucht, klammert sich dieser Typus an das Bewußtsein seiner positiven Wertigkeit, sucht er sich mit Selbstwertgefühl vollzusaugen. Werden schließlich auch nur die periphersten Schichten des Ich mit Selbstwertgefühl durchströmt und erwärmt, so ist damit doch für das innere Leben die Gewißheit des Wertbesitzes nicht völlig verloren, in jedem Fall aber nach außen hin der Ausdruck der Selbstwertsicherheit gewährleistet. Dieser Typus, dessen Selbstwertsicherheit nur ein krampfhaft angespanntes  Selbstwertbehaupten (13) ist, ist von jenem anderen gleichmäßig ruhigen  Selbstwerterfülltsein  völlig verschieden.

Der Habitus der  Selbstwertunsicherheit  dagegen ist der: Es besteht eine Labilität der Selbstwerthaltung, die sich in häufiger Selbstkritik und in Selbstwertzweifeln (14) äußert. Der Gesamtcharakter des Selbstwerterlebens ist ein negativer, es findet sich eine Stellungnahme zur eigenen Person und ihren Werten, die die ganze Skala der Selbstverneinung von Unbefriedigtsein bis zur Selbstflucht durchlaufen kann. Auch in dieser Sphäre, der Selbstwertunsicherheit, gilt es zu unterscheiden: die gesamte Persönlichkeit bis in ihre letzten Gründe mag von Selbstwertzweifeln erfüllt sein. Aber das ist wohl nur sehr selten der Fall. Auch wer das Bild eines völlig von Selbstwertzweifeln Zerrütteten der Welt darbietet, wer den Boden gänzlich unter den Füßen verloren zu haben scheint, vermag doch in einer tiefsten Schicht seines Ich noch den lebendigen Glauben an seinen Wert zu hegen. Mag aller Ausdruck und alles Handeln in Selbstwertunsicherheit getaucht sein, in ein letztes Sein der Persönlichkeit brauchen doch die alle Schichten durchwaltenden Selbstwertzweifel nicht hinabgedrungen sein. Hier mag noch der geheime Glaube an ihre Würde leben und in dem von Selbstwertunsicherheit Beherrschten zuzeiten mächtig und ergreifend nach Ausdruck ringend. (15)

Eine Abart des selbstwertunsicheren Typus, der in seinen Extremen bereits der Pathologie angehört, will ich als  "selbstwertempfangenden" Typus  besonders hervorheben.

Der Name deutet auf die eigenartige Motiviertheit dieses Selbstwerterlebens, das aus  fremden  Verhaltensweisen, aus Sein und Bewertung der  "Umwelt"  die bestimmenden Einflüsse "empfängt". Die uns allen eigentümliche relative Abhängigkeit unserer Selbstwerthaltungen von Sein und Geltung in den Augen der anderen, von unserem  "sozialen Ich" (WILLIAM JAMES) erscheint hier gesteigert und verdichtet zu einem völligen Unterworfensein unter die fremden Lebensäußerungen und Verhaltensweisen. Hoch oder gering  in Geltung stehen "bei den anderen"  bedeutet für den selbstwertempfangenden Typus zugleich ein werthöher- oder -niedriger sein vor sich selber.  Nicht aus eigenem Sein und Wirken erwächst ihm sein Wertgefühl, er "empfängt" es aus fremder Zustimmung und Anerkennung. Er empfängt es durch fremdes Vertrauen, fremde Teilnahme, Zuneigung und Bemitleidung. Die Liebe erhebt ihn erst durch das Wiedergeliebtwerden ("daß du mich liebst, macht mich mir wert"), die Freundschaft wird ihm erst schätzbar durch die Aufopferung des Freundes, die ihm seinen Wert enthüllt. Er lebt von der fremden Einschätzung und verliert sein Selbstverstrauen, sinkt in eine "Selbstwertleere", wenn ihn die Geringschätzung trifft, oder vielleicht schon, wenn die fremde Wertschätzung einem Dritten gilt (16). Und nicht erst die Bewertung von Seiten der anderen oder ihre emotionale Haltung ihm gegenüber, schon das bloße Dasein Anderswertiger hat auf sein Selbstwerterleben entscheidende Einflüsse. Das Erblicken (wirklich oder vermeintlich) werthöherer, selbstwertgewisser Menschen, ja das Erlebnis des irgendwie qualifizierten Andersseins vermag diesem Typus eine Quelle peinlicher Selbstwerterlebnisse zu werden. Es kann der Wertvergleich mit den anderen völlig in den Vordergrund seines Denkens rücken. An diesem Punkt geht der beschriebene Typus der selbstwertempfangenden Lebenshaltung in einen ihm nahestehenden Typus über, den ich als Typus des  vergleichenden  Selbstbewertens (17) bezeichnen möchte. Diesem Menschentypus ist das Herstellen von Relationen zwischen den (vermeintlichen) Eigen- und Fremdwerten ein Lebenselement. Immer gehört ein so gearteter Mensch auch dem Typ des Selbstwertunsicheren an, denn ein seines Selbstwertes Gewisser bedarf nicht des Vergleichens. Nicht aus sich, aus seiner Seinsart oder seinen Taten schöpft dieser Menschentyp seine Selbstachtung, sondern aus dem Vergleich mit den Schwächen und dem Versagen der anderen. Erst in der gefühlten Überlegenheit über den anderen wird er seines Wertes gewiß. Es ist schon ein fundamentaler Unterschied der gesamten Einstellung des Selbstwerterlebens, der den Typus des Selbstwertgewissen zu diesem Typus des selbstwertunsicheren Menschen in einen schroffen Gegensatz bringt: Das Selbstwertbewußtsein dieses Menschen ruht auf dem Bewußtsein seiner angestammten und persönlichen Vorzüge, der Selbstwertunsichere hingegen, der eben nicht an seine Vorzüge glaubt, muß sich seine Selbstwerthaltung erst im Vergleich zu erringen suchen.

Ein jeder, der dem Typ der Selbstwertunsicheren angehört, dürstet nach der Selbstwerterfülltheit der anderen, die ihm versagt geblieben ist, die ihm Sicherheit und Halt und eine Schutzwehr gegen Spott und Geringschätzung bedeutet. Er wäre nicht lebensfähig, wenn er nicht - was ihm im eigenen Innern mangelt - sich von außen zu verschaffen suchte in den mannigfachen Weisen der  "Selbstwertsuche" (18).

Unser Typus sucht seinen Wert im eifrigen Wertvergleichen. Insofern er nicht der Täuschung anheimfällt, die Qualitäten der anderen seien geringwertiger als die entsprechenden eigenen (19), so muß er nach Gelegenheiten suchen, in denen sich der Wertabstand der gewünschten Art für ihn deutlich erfüllt. Er späht nach den Wertniedrigkeiten der anderen; Menschen, die mit sich und der Welt zerfallen sind, Unglückliche, Trostbedürftige sucht er, aber nicht um zu helfen, sondern um sich an ihrer Unterlegenheit "aufzurichten", und sollte er einmal helfend eingreifen, so wäre es doch nur um sich in solcher Tätigkeit seiner positiven Fähigkeiten fühlbar zu werden und so auf Umwegen zu einem Selbstwertgefühl zu gelangen. Nicht Mitgefühl treibt ihn, sondern das Streben nach Selbstachtung, die Selbstwertsuche. - Sind aber Wertniedrigkeiten bei den andern nicht vorfindbar, so können schließlich die vorgefundenen Werte entweder gewaltsam zu überbieten versucht oder, falls dies hoffnungslos erscheint, bewußt heruntergerissen und erniedrigt werden. Und dieses krampfhafte Überbietenwollen oder rücksichtslose, geringschätzige Herunterreißen der anderen geschieht doch nur, um das eigene zerstörte Seins- und Selbstwertgefühl wiederzubeleben. (20)

Die "Selbstwertsuche" kann die verschiedensten Wege einschlagen. Ob jemand in der Bemitleidung der anderen oder gerade in der Mitleiderweckung für sich selbst sein Selbstwertbewußtsein findet, mag immerhin bezeichnend für ihn sein, wesentlich ist aber immer nur das Endziel, und das ist in diesem und jenem Fall das gleiche. Es braucht das Streben nach Selbstwertbewußtsein ferner nicht  vollbewußt  auf das Erreichen des Ziels zu gehen. Ich kann mich im Streben nach Bemitleidung gleichsam durch dieses Streben hindurch auf die Erringung von Selbstwertgefühl gerichtet finden, diese wird als "eigentlicher" Zielinhalt meines Strebens erlebt. Es braucht aber der eigentliche Zielinhalt im Strebenserlebnis nicht gegeben zu sein: es wird mir zum Beispiel erst im oder nach dem Erreichthaben der erstrebten Selbstwertgewißheit das Wissen, daß diese der eigentliche Zielinhalt meines während des Erlebens ganz anders qualifizierten Strebens war (21).

Am leichtesten durchschaubar als Lebensausdruck der Selbstwertunsicherheit wird die Selbstwertsuche, wenn sie in der markanten Form der  "Selbstwertdarstellung  in Erscheinung tritt. Das Darstellen, Betonen und Unterstreichen von Vorzügen und Fähigkeiten ist keineswegs dem eigen, der sich seiner Wertfülle gewiß ist, vielmehr gerade eine Ausdrucksform einer inneren Unsicherheit hinsichtlich des Eigenwertes, die verhüllt werden soll. Alle Selbstwertdarstellung beruth auf einer spezifischen Täuschung: Daß die Werte der eigenen Person für das fremde Leben erst erschaubar würden, wenn ihr Vorhandensein durch Leistungen irgendwelcher Art bewiesen wird. Jedoch die fremde Wertauffassung richtet sich auf das seelische Gesamtsein, auf die  Seinswertigkeit,  während sie das Vorzeugen irgendwelcher peripherer, aus dem Gesamtleben gleichsam herausgebrochener  Leistungswerte  als bloße Demonstration durchschaut.

Eine spezifisch pathologische Nuance erhalten die Typen des empfangenden und vergleichenden Selbstwerterlebens dann, wenn ihre Erlebnisse von besonders lebhaften und eindringlichen  "Selbstwertbildern"  begleitet sind, in denen sich für den Beschauer seine (vermeintlich niedrigen) Wertqualitäten widerspiegeln. Unter Selbstwertbildern verstehe ich bildhafte Vorstellungen vom Leibich, die, je nach dem Charaktier des Selbstwerterlebens mit eigenartigen Wert- oder Unwertcharakteren ausgestattet, jenes Erleben begleiten können. In solchen Bildern kann sich der selbstwertunsichere Betrachter mit körperlichen Fehlern aller Art, Unvollkommenheiten des Benehmens und allen möglichen Unwertcharakteren behaftet sehen. In pathologischen Fällen können derartige Selbstwertbilder bei jedem Selbstwerterleben auftreten, und ihr Erreichen kann von eigenartigen Gefühlsreaktionen gefolgt sein: Haßregungen gegen das Bild z. B. können aufkommen, die entweder auf die Mitmenschen zurückschlagen, deren Umgang durch die verhaßten Bilderlebnisse unleidlich geworden ist, oder auf das eigene Ich. Auch auf diesem Umweg können alle Arten der Abwendung vom eigenen Ich, Selbstflucht und Selbstverneinung entstehen. In anderen Fällen mag es einem so gearteten Menschen gelingen, durch irgendeine Form der Selbstwertsuche, z. B. durch ein "Hervorkehren" und "Demonstrieren" von Fähigkeiten irgendwelcher Art, sich zumindest zeitweise ein positives Selbstgefühl zu verschaffen oder durch das bloße "Annehmen" einer selbstbewußten Haltung der Umwelt zumindest den Eindruck zu erwecken, daß er Selbstachtung besäße.

Erwähnt werden mag noch, daß sich im Bereich positiver Selbstwerthaltung die entgegengesetzte gefühlsmäßige Stellungnahme zu einem positiven Selbstwertbild im Typus des Eitlen vorfindet. Der Eitle ist verliebt in sein Wertbild, das ihm mit allen möglichen positiven Werten ausgeschmückt erscheint. Für seinen "wahren" Wert ist er meist ebenso blind wie sein vorhin beschriebener Widerpart. Sein Wertbild aber liebt er ebenso närrisch, wie jener es oftmals haßt. Beide unterliegen einer analogen Täuschung: sie machen sich, ohne es zu wissen, ein entstelltes Bild ihres Wertes und meinen, daß sie mit den vermeintlich der Realität entsprechenden Wertcharakteren ihres Selbstbildnisses auch der Umwelt erscheinen. Aber sie wirken fast nie so, wie sie wünschen (bzw. fürchten), und ihr Stolz auf ihren "guten" Eindruck bei anderen - sowie ihre Furcht vor einem "schlechten" sind auf Täuschung begründet.

Die bisher in den Vordergrund gestellten Gesichtspunkte der Typengliederung es Selbstwerterlebens waren: die Einteilung nach gewissen Beschaffenheiten der  habituellen Selbstwerthaltungen (Selbstwertsicherheit, -unsicherheit), nach Beschaffenheit der  aktuellen Selbstwerterlebnisse (schlichtes und auf Wertvergleichen fundiertes Selbstwerterfassen).

Schließlich war auch eine Gruppierung nach gewissen Beschaffenheiten der  Beweggründe (der  Motivationen) des Selbstwerterlebens  möglich (aus eigenem und aus fremden Verhalten "hervorquellende" Selbstwerterlebnisse).

Eine typische Weise der Motiviertheit (positiven) Selbstwerterlebens ist einem Menschenschlag eigen, der im Gewinnen eines materiellen oder ideellen Gutes seines Wertes ansichtig zu werden pflegt. Eine ganz andere Weise jener Motiviertheit zeichnet hingegen einen Typus aus, der gerade erst im Verlust solcher Güter sich so recht seines Wertreichtums bewußt wird (22). Ein anderer Typus erfaßt seinen Wert in allem um die eigene Persönlichkeit zentrierten Schaffen und Wirken, wieder ein anderer gerade in allem die eigene Persönlichkeit verleugnenden Entsagen und Verzichten.

In der Tatsache, daß dem einen der beiden letztgenannten Typen sein Wert in allem auf  Selbstvervollkommnung  abzielenden Tun am deutlichsten sichtbar wird, dem anderen sich hingegen gerade in aller  Selbsthingabe und Selbstaufopferung  am lebendigsten offenbart, gewinnt die Gegensätzlichkeit dieser beiden bedeutsamen Typen des Selbstwerthaltens ihren letzten und prinzipiellsten Ausdruck.

LITERATUR - Alfred Storch, Zur Psychologie und Pathologie des Selbstwerterlebens, Archiv für die gesamte Psychologie, Bd. 27, Leipzig 1918
    Anmerkungen
    1) Einzelne auf dieses noch wenig bearbeitete Tatsachengebiet bezügliche Hinweise finden sich in den Schriften MAX SCHELERs (vgl. insbesondere die "Abhandlungen und Aufsätze"), denen ich wertvolle Anregungen verdanke.
    2) Führen diese Überlegungen zu keinem Ziel, so resultiert ein eigenartiges Zweifelserlebnis, das hier nicht näher beschrieben werden soll.
    3) Aus ganz unscheinbaren Erlebnissen vermag unter Umständen eine "Selbstwertentdeckung" oder "Selbstwertenthüllung" zu entspringen: Ein Blick einer geliebten Person vermag manchem seinen Wert plötzlich zu enthüllen oder kann ihn seinen Unwert auf das Tiefste empfinden lassen.
    4) Es kann geradezu zu einer systematischen Emporzüchtung eines gesteigerten Selbstwertbewußtseins kommen, so bei RICHARD III., dem ein solches als Waffe im Kampf um die seiner Machtgier vorschwebenden Ziele unentbehrlich ist.
    5) Zur Phänomenologie der Stellungnahme und Hingabe vgl. MORITZ GEIGER, Beiträge zur Phänomenologie des ästhetischen Genusses, im "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung", Bd. 1, zweiter Teil, Seite 608f.
    6) Eine eingehende phänomenologische Darstellung des Selbstwerterlebens hätte sich nach einer Vervollständigung der hier gegebenen Beschreibung gewissen mit jenem Erleben verknüpften Phänomenen zuzuwenden, z. B. den mit jedem lebhaften Wert- bzw. Unwertbewußtsein verknüpften eigentümlichen Organempfindungen, den noch zu erwähnenden "Selbstwertbildern" und dgl.; dann wären die Ausdruckserscheinungen des Selbstwerterlebens zu schildern usw.
    7) Vgl. die Darstellungen der Religionspsychologen von den Umwandlungen innerer Zerrissenheit" (WILLIAM JAMES, Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit", deutsch von G. WOBBERMIN, zweite Auflage 1914, z. B. Kap. VI).
    8) So vermag längst vergessene Schuld dauern die Selbstwerthaltung zu untergraben und manchmal enthüllt sich als Kern des Komplexes wie etwa in IBSENs  Baumeister Solness  nur eine  vermeintliche  Übeltat, eine bloße "Gedankensünde".
    9) JAMES betont mit Recht die nur relative Abhängigkeit der Höhe unserer Selbsteinschätzung von der Werthöhe unserer Erfolge; hohe Ansprüche und Erwartungen ließen uns die erzielten Erfolge und damit unser Sein und Wirken an Wert geringer erscheinen; so sei die Selbsteinschätzung ein Bruch, in dem unsere Erfolge den Zähler, unsere Prätentionen den Nenner bilden (WILLIAM JAMES, Psychologie, übersetzt von MARIE DÜRR, mit Anmerkungen von ERNST DÜRR, 1909) - JAMES scheint aber zu übersehen, daß überhaupt Erfolge und Mißerfolge als zufällige Einzeltatsachen eine viel geringere Bedeutung für die Selbsteinschätzung haben, als die uns einmal gegebenen Wertqualitäten und Reichtum und Weite unseres Gesamtdaseins.
    10) Über "Verstehen" und "Erklären" vgl. JASPERS, Allgemeine Psychopathologie, 1913, Seite 145f.
    11) Nach ALFRED ADLER baut sich die ursprünglich geringe Selbsteinschätzung des neurotischen Kindes auf körperlich vermittelte Empfindungen der Schwäche, des Leidens, der Unsicherheit auf. Doch wird über dem kausalen (insbesondere in Organminderwertigkeiten gegebenen) Fundament der so gearteten kindlichen Selbsteinschätzung die breite Verstehensgrundlage derselben keineswegs außer acht gelassen: Diese Selbstbewertung stellt für ADLER die "Antwort" dar, die das Kind auf das Problem des Lebens gegeben hat. In ihr "als einer Relation liegen alle Empfindungen der kindlichen Dürftigkeit und Unsicherheit, alle erfaßbaren und erfaßten Vergleichsresultate und die Richtungslinien für die Zukunft." (Zitiert nach A. ADLER, Das organische Substrat der Psychoneurosen, Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Bd. 13, 1912; vgl. insbesondere A. ADLER, Über den nervösen Charakter, Wiesbaden 1912.) - - - So  verstehen  wir, daß einem körperlich von der Natur Vernachlässigten ein hohes Selbstwertbewußtsein erwachsen (etwa bei RICHARD III.) oder als Kompensation für die gefühlten Mängel erstrebt werden kann (bei den Neurotikern ADLERs).
    12) Zum Typus der Selbstwertsicherheit gehören der seinem Wert Vertrauende, der von sich Überzeugte, von sich Eingenommene, Eitle usw., zum entgegengesetzten Typus der an seinem Wert Zweifelnde, sich Mißtrauende usw. Eine Charakteristik dieser Untertypen ist hier nicht beabsichtigt.
    13) Für SCHELER gehört der "Stolze" diesem Typus an, insofern ein starres "Festhalten" seines Wertes für ihn charakteristisch ist (MAX SCHELER, Das Ressentiment im Aufbau der Moralen", Seite 66 in den "Abhandlungen und Aufsätzen", Bd. 1, 1915)
    14) Zur Psychologie des Selbstwertzweifels und der Selbstwertproblematik vgl. die Ausführungen von GEBSATTELs in seinem Aufsatz: Der Einzelne und der Zuschauer (Zeitschrift für Pathopsychologie, Bd. 2, 1. Heft)
    15) Vgl. etwa den Ausbruch  Tassos gegen Antonio (GOETHE, Tasso II, 3). Der Scheinbar von Selbstwertunsicherheit völlig Beherrschte enthüllt hier, daß seine letzte und tiefste Überzeugung ein unterschütterter Selbstwertglaube ist.
    16) Vgl. wiederum  Tassos  Worte (2. Akt, 1. Auftritt) nach der rühmenden Hervorhebung fremder Vorzüge durch  Antonio:  Doch ach, je mehr ich horchte, mehr und mehr versankt ich vor mir selbst, ich fürchtete, wie Echo an den Felsen zu verschwinden, im Widerhall, im Nichts mich zu verlieren.
    17) Nach dem Voranschreiten von SCHELER, der diesen Typ, dessen "Selbstwerterfassung und Fremdwerterfassung sich nur fundiert auf eine Relationserfassung zwischen Eigen- und Fremdwert realisiert", als Grundlage zweier Untertypen, des Strebers und des Ressentimentmenschen, aufweist (a. a. O., Seite 67 und 68).
    18) Alle Arten des "Lebenempfangenwollens" durch äußere Betätigungen und dgl., durch eine "Konzentration auf eine äußere Totalität" (Kirche, Staat und Gesellschaft), wie sie MARIE LOUISE von ENKENDORFF in ihrem Buch "Vom Sein und vom Haben der Seele", Seite 94f schildert, sind auch Formen der Selbstwertsuche. Für die selbstwertunsichere Seele, die sich von außen zu stützen trachtet, sind Gott, Staat, Kirche, Gesellschaft usw. die anerkannten letzten Gegebenheiten, von denen sie sich tragen lassen, Lebens- und Selbstwertgefühl empfangen kann. Sich jenen überlassend, gewinnt sie das Bewußtsein der "Orientiertheit", des "Untergebrachtseins", dessen sie bedarf. Und sind die Wertreiche der Schönheit, Sittlichkeit oder Erkenntnis Felder ihrer Betätigungen, so sind auch diese Betätigungen oft nichts als Selbstwertversuche, die sich aus jenen Wertreichen den Schimmer der Idealität erborgt hat. - - - Auch gewisse Bemühungen der sogenannten "hysterischen Persönlichkeit", sich in eine angenommene Rolle hineinzuspielen, sich in ein vorgestelltes Erleben hineinzusteigern, brauchen nichts als eine Form der "Selbstversuche" zu sein, sofern im Spielen der Rolle ein gesteigertes Selbstgefühl gesucht wird (vgl. die Schilderung des "hysterischen Charakters" bei JASPERS, a. a. O., Seite 250).
    19) Und damit dem Ressentiment, denn dieses besteht eben in der "illusionären" Herunterdrückung der Werte, "unter deren Sein und Geltung die Vergleichsobjekte einen positiv wertvollen und hochwertigen Charakter besitzen." (MAX SCHELER, a. a. O., Seite 72)
    20) Die Selbstwertsuche im "Voneinanderlebenwollen" schildert MARIE LOUISE von ENKENDORFF (a. a. O., Seite 114f): "Wir leben einer vom andern und wir wollen voneinander leben; von der Zuneigung, Bewunderung, Ehrung, Achtung, von der Furcht, die man uns entgegenbringt. Es scheint, als ständen wir alle voreinander, immer nur mit der ausgestreckten Hand: gib mir, gib mir! Wir leben von der Liebe, die uns geschenkt wird, bereit und begierig, uns auszuschmücken in ihr. Wir leben von dem Bild, das in anderen von uns lebt, wir fordern von ihm, daß es ein solches sei, von dem wir leben können, wir hassen, wo uns dies versagt wird. Wir streichen und retuschieren bewußt und vielmehr noch unbewußt beständig an diesem Bild. Wir leben vom Nehmen, wir leben vom Geben." Ferner: "Trägt unser Sein uns nicht hinauf, haben wir kein  Glück,  Rache und Entschädigung und ein Sein suchen wir im Zerstören, das Gefühl des Selbst im Herabdrücken der anderen ... Je tiefer ein Seinsgefühl herabgedrückt ist, ... desto intensiver muß dieses Seinsgefühl wieder eingebracht werden in der Rache, in Verachtung und Leiden, die man zufügt mit dem Machtgefühl des Leidenmachens." Hinzugesetzt mag noch werden, daß (in selteneren Fällen) das herabgedrückte Selbstwertgefühl nicht zur "Selbstwertsuche" zu drängen braucht und auch nicht zum Umlügen der Werte (Ressentiment), sondern unter Umständen in der Betrachtung der eigenen Schwächen starr verharren und schließlich darin Lust finden kann. - - - Eigentümlich konstrastiert STRINDBERGs Charakter solche gelegentlich auftauchende Lust an der Rolle des Unterlegenen mit einer habituellen tiefen Angst vor dem "Herabsinken". Als Kind z. B. hält er sich abseits, wenn etwas Gutes verteilt wir, und "weidet sich" daran, wenn er übergangen wird. - Dem Weib gegenüber empfindet er häufig "Genuß, Schützling, Kind, der Kleine" zu sein, "immer ein wenig schlechter zu sein als sie". Doch bäumt sich dagegen immer wieder sein Grundgefühl: die Furcht, sich zu verlieren, "sein Selbst aufzugeben"; daher die Sucht, sei "Ich zu vergrößern", die "Selbstwertsuche" bildet in allen ihren Formen einen Wesenszug seines Charakters. Wonne und Qualen des  Kampfes um den Selbstwert  hat niemand tiefer gekannt und eindringlicher geschildert.
    21) Ein unterbewußtes Streben nach einer Erhöhung des Selbstwertbewußtseins aufgrund eine tiefen Minderwertigkeitsgefühls ist nach ADLER dem "Neurotiker" eigen. Die "Neurose" ist für ihn der "Versuch, aus dem Gefühl der Minderwertigkeit zum Empfinden der eigenen Größe, zur Erfüllung des Persönlichkeitsideals zu gelangen", und zwar "auf dem Weg seelischer Kunstgriffe und Finten". "Man sieht, sobald man die Linie des neurotischen Bestrebens erkannt hat, Attitüden, gewohnheitsmäßige Gebärden und Allüren des Patienten, deren Dynamik für ihn im Dunkel bleibt, wenngleich die Handlungen und gelegentlichen Gesten den Eindruck machen, als ob der Patient ein Ziel vor Augen hätte." So werden alle "Sicherungen, Sonderbarkeiten, Krankheitsbeweise" aus der neurotischen "Zielsetzung" verständlich. (Zitiert aus: "Das organische Substrat der Psychoneurosen") Vgl. auch meine in der Zeitschrift für die gesamte Neurologie erscheinende Abhandlung: "Von den Triebfedern des neurotischen Persönlichkeitstypus".
    22) "Wenn einen das Leben einmal recht räuberhaft behandelt hat und an Ehren, Freuden, Anhang, Gesundheit, Besitz aller Art nahm, was es nehmen konnte, so entdeckt man vielleicht hinterher ..., daß man reicher ist als zuvor, denn jetzt erst weiß man, was einem so zu eigen ist, daß keine Räuberhand daran zu rühren vermag ..." (NIETZSCHE, Menschliches, Allzumenschliches II, erste Abteilung, 343)