p-4p-4M. SchießlTetensK. TwardowskiA. BrunswigP. SternA. Meinong     
 
MAX SCHIESSL
Untersuchungen über die
Ideenassoziation

[und ihren Einfluß auf den Erkenntnisakt]
[1/2]

"Ich glaube klar erkannt zu haben, daß sich mit der bisherigen gewöhnlichen Erkenntnistheorie weder die Möglichkeit des Irrtums, noch das Verständnis der Erfahrung erklären läßt. Beides nun durch die Einwirkung der Ideenassoziation auf den Erkenntnisakt zu erklären, ist der Zweck dieser Abhandlung."

"Alles Denken ist nichts anderes als Vergleichen. Unter Denken verstehe ich die formschaffende Tätigkeit der menschlichen Seele. Alles Denken, Erkennen, Urteilen, Schließen, Verbinden, Trennen, Schätzen, Zählen, Messen, Wägen, Betrachten, Studieren, Erwägen, Addieren, Substrahieren usw. usf. ist nichts anderes als ein  Vergleichen, bzw. Unterscheiden, ist ein und dieselbe Tätigkeit."

"Ein einfaches Argument wird uns zeigen, daß  der Unterschied als solcher nicht  in den Dingen existieren kann. Aller Unterschied ist nämlich  relativ. Je nachdem ich ein Objekt so oder so vergleiche, ist das oder jenes sein Unterschied. Der Unterschied ist also nichts Festes, Bleibendes in den Dingen, sondern ändert sich mit dem Standpunkt meiner Vergleichung."

"In jeder Sinneswahrnehmung liegt daher bereits Geist. Sobald ich sage, ich sehe  etwas, muß ich, wenn auch unbewußt, schon verglichen und unterschieden haben; denn jedes  Etwas ist schon ein Unterschiedenes. Wo aber Unterschiedenes ist, da war Vergleichung und wo Vergleichung ist, da müssen sich auch  tertia comparationis finden, denn eine Vergleichung ohne Vergleichspunkte ist nicht denkbar."

Es ist immer ein mißliches Geschäft gegen Bestehendes und Althergebrachtes zu Felde zu ziehen. Jeder, der dies tut und neue Anschauungen geltend machen will, erscheint als Revolutionär und hat, wenn nicht Alle, so doch die Meisten gegen sich. Es liegt in einem solchen Unterfangen eben der Schein einer gewissen Anmaßung, eines Besserwissenwollens, und das verzeiht man dem kecken Unternehmer nicht so leicht. Allein wie denn ein Fortschritt in der Wissenschaft möglich, wenn jede angestrebte Verbesserung des Bisherigen als eine Sünde an der Wissenschaft betrachtet wird? Sollen wir denn ewig beim Alten stehen bleiben, selbst wenn wir die Unzulänglichkeiten desselben klar erkannt haben? Gewiß nicht! Wenn ich daher hier Althergebrachtes angreife, so möchte sich diese kecke Beginnen dadurch einigermaßen entschuldigen lassen, daß es mir nicht um eine Revolution, sondern um eine Evolution zu tun ist. Ich will nicht mit der ganzen historischen Vergangenheit brechen, sondern aufgrund derselben aus dem Hergebrachten Neues entwickeln und die Mängel des Alten zu verbessern suchen.

Der  Gegenstand der vorliegenden Untersuchung  ist die Ideenassoziation und vornehmlich der Einfluß derselben auf den Erkenntnisakt. Ich glaube nämlich klar erkannt zu haben, daß sich mit der bisherigen gewöhnlichen Erkenntnistheorie weder die Möglichkeit des Irrtums, noch das Verständnis der Erfahrung erklären läßt. Beides nun durch die Einwirkung der Ideenassoziation auf den Erkenntnisakt zu erklären, ist der letzte Zweck dieser Abhandlung.

Mit dem Beginn der neueren Philosophie trat die Frage über den Erkenntnisgrund in den Vordergrund, eine Frage, die man sich früher nie aufgeworfen hatte.  Vor KANT bildeten sich hauptsächlich zwei grundverschiedene Theorien aus: die  sensualistische (Empirismus, bis hin zum Materialismus, vornehmlich vertreten durch LOCKE, CONDILLAC und die französischen Enzyklopädisten) und die  idealistische Erkenntnistheorie (vertreten durch CARTESIUS, MALEBRANCHE, SPINOZA, LEIBNIZ etc.) Ins Extrem verfolgt, zeigte sich ihre Einseitigkeit, welche nun KANT zu versöhnen suchte. Das Resultat seines Kritizismus war: Das Erkennen ist das Produkt zweier Faktoren, des erkennenden Subjekts und der Außenwelt. Letztere liefert den Stoff, Ersteres gibt die Form, durch welche erst eine zusammenhängende Erkenntnis möglich wird. Anschauungen ohne Begriffe sind blind; Begriffe ohne Anschauungen leer. So versöhnte er jene beiden extremen Richtungen. - Nach ihm verfiel die Philosophie einerseits in einen  dogmatischen Idealismus (FICHTE, SCHELLING, HEGEL) andererseits neigte sie zum  Empirismus (HERBART), während der moderne  Materialismus (MOLESCHOTT, CARL VOGT, LUDWIG BÜCHNER etc.) nur eine Erneuerung des französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts ist (vgl. ULRICI "Gott und der Mensch", Bd. 1, Leipzig 1866, Seite 2).

So sehr nun auch die kantische Erkenntnistheorie, welche seitdem beständig unter dem Namen eines "Realidealismus" oder "Idealrealismus" wiederkehrt, die Einseitigkeiten der sensualistischen wie der idealistischen Erkenntnislehre vermieden und überwunden zu haben scheint, so ist dieselbe dennoch völlig unfähig das Rätsel des menschlichen Erkennens genügend zu erklären und hat wieder ihre eigentümlichen Schwierigkeiten. Denn ist es richtig, daß alle Erkenntnis nur aus diesen beiden Faktoren (Verstand und Sinnlichkeit stammt, dann läßt es sich schwer erklären,  wie Täuschungen und Irrtümer möglich sein sollen.  KANT fühlt dies selbst sehr wohl und sagt in seiner Logik (Werke I, Hartenstein, Leipzig 1838, Seite 380):
    "Wie Irrtum in formaler Bedeutung des Wortes d. h. wie die verstandeswidrige Form des Denkens möglich ist: das ist schwer zu begreifen, sowie es überhaupt nicht zu begreifen ist, wie irgendeine Kraft von ihren eigenen wesentlichen Gesetzen abweichen soll."
Der Grund des Irrtums kann aso im Verstand selbst nicht liegen. Er kann aber auch in den Sinnen nicht liegen; denn diese urteilen ja nicht. Da wir aber trotzdem in unserem Erkennen vielfachen Störungen, Täuschungen und Verirrungen ausgesetzt sind und weitaus öfter irren, als die Wahrheit finden, so muß offenbar außer jenen beiden Faktoren auf unseren Erkenntnisakt noch  ein dritter Faktor  wirken, welcher uns im Erkennen des Wahren stört, uns den Schein für die Wahrheit vorspiegelt und auf Irrwege leitet. Und dies führt mich über KANT hinaus. Es zwingen uns die vielfachen Störungen, Verwechslungen, Täuschungen etc. im Erkenntnisakt auf die Existenz eines weiteren Faktors zu schließen, welcher dieselben verursacht, da sie sich aus jenen beiden anderen Faktoren alein nicht erklären lassen. So hat auch LEVERRIER aus den Störungen der Bahn des Uranus die Existenz des Neptun erschlossen und diesen neuen Planeten gefunden.

Und wer ist nun dieser mächtige Dämon, der mit uns dieses trügerische Spiel der Täuschung treibt? Kein anderer als unsere  Ideenassoziation.  Um jedoch ihren merkwürdigen Einfluß auf den Erkenntnisakt nachweisen zu können, müssen wir uns vor allem eine nähere Kenntnis der Ideenassoziation selbst und des menschlichen Denkens und Erkennens überhaupt verschaffen. Ich beginne daher damit, die wissenschaftliche Wertlosigkeit der sogenannten "Vier Gesetze der Ideenassoziation" aufzuzeigen und dann das meines Erachtens allein wahre Gesetz derselben aus dem Wesen des menschlichen Denkens und Erkennens heraus zu entwickeln.

Es ist eine allgemeine zugestandene Tatsache, daß in unseren Vorstellungen ein gewisser Zusammenhang waltet, daß sie sich in gewissen Verbindungen wiedererwecken, und man hat diese merkwürdige Erscheinung "Ideenassoziation" genannt.

Über den Wert und die Bedeutung derselben scheint man sich jedoch seltsamerweise noch sehr im Unklaren zu befinden. Wenigstens wird der Ideenassoziation in philosophischen Lehrbüchern oft nur mit ein paar Worten gedacht und mehr als die sogenannten 4 Gesetze derselben bekommt man gewöhnlich nicht zu lesen. So kam es dann, daß dieser Gegenstand noch außerordentlich dunkel ist, und wie ULRICI sagt, "der wissenschaftlichen Begründung und Aufklärung" noch "dringend bedarf".

Über die Entstehung der Ideenassoziation  haben sich nun zwei verschiedene Ansichten gebildet. Die Einen behaupten,  die Vorstellungen verschmelzen und assoziieren sich  von selbst. Dieses ist die sogenannte Verschmelzungstheorie, welche von HERBART, BENEKE und ihren Anhängern aufgestellt und vertreten wird. Die Anderen dagegen meinen die  Ideenassoziation beruth auf einem Akt der Selbsttätigkeit der Seele  und diese Anschauung wird vornehmlich von ULRICI vertreten. Von der Richtigkeit der Verschmelzungstheorie konnte ich mich nicht überzeugen und habe daher für ULRICI Partei genommen. Ich sehe jedoch vorderhand von dieser Streitfrage ganz ab. Sie löst sich ohnehin im Laufe der Untersuchung ganz von selbst. Was aber die Widerlegung der HERBART-BENEKE-Theorie betrifft, so verweise ich auf die spezielle Kritik der Theorie HERBARTs bei ULRICI (Gott und der Mensch, a. a. O., Seite 505 Anmerkung, 508 und 524).

Beide Parteien erkennen nun an, daß die Ideenassoziation  nach gewissen Gesetzen  erfolgt. An diese wollen wir uns jetzt machen und zeigen, daß dieselben wissenschaftlich wertlos sind und nur die Bedeutung empirischer Regeln haben. Man nimmt gewöhnlich vier solcher Gesetze an. Sie lauten:
    1) Das Gesetz der Ähnlichkeit: "Ähnliche Vorstellungen wecken einander."

    2) Das Gesetz des Kontrastes: "Kontrastierende Vorstellungen wecken einander."

    3) Das Gesetz der Koexistenz: "Vorstellungen, die auch nur durch Zeit und Raum miteinander verbunden sind, wecken sich gegenseitig."

    4) Das Gesetz der Sukzession: "Vorstellungen wecken sich in derselben Ordnung, in welcher sie ursprünglich in uns hervorgetreten waren."
              (Wilhelm Esser, Psychologie, Münster 1854, Seite 157f)
Daneben existieren noch andere Definitionen. So behauptet von KIRCHMANN in seiner "Lehre vom Wissen" (Berlin 1868, Bd. 1, Seite 12):
    "Das Gesetz der Ideenassoziation ist, daß von Vorstellungen, welche zugleich oder unmittelbar einander folgend in der Seele gewesen sind, die eine oder die erste, wenn sie in der Seele später auftritt, die andere wieder erweckt."
Doch ich verzichte darauf mich auf weitere Modifikationen einzulassen und gehe sogleich zur  Kritik dieser angeblichen Gesetze  über:

Allerdings läßt sich allen diesen sogenannten Gesetzen eine gewisse empirische Berechtigung nicht absprechen; nach Umständen kann es ja vorkommen, daß sich Ideen nach dem einen oder anderen dieser Gesetze erwecken und ist auch tatsächlich der Fall - aber wissenschaftlichen Wert haben diese Formeln nicht; sie sagen nur was sein  kann,  nicht aber was sein  muß  und  warum.  Sie sind auch nnincht nach einem bestimmten Prinzip aufgestellt, sondern zufällig aus der Erfahrung aufgelesen und zusammengestellt, von Anderen vermehrt oder vermindert, oder anders gefaßt. Kurz es sind  empirische Regeln,  aber  keine wissenschaftlichen Gesetze. 

Die empirische Regel unterscheidet sich nun vom wissenschaftlichen Gestz dadurch, daß diesem ein apriorischer Gehalt zukommt, d. h. daß es allgemein und notwendig gilt, jene nicht. Bloße Regeln gestatten Ausnahmen: "Keine Regel ohne Ausnahme", Gesetze müssen dagegen ausnahmslos gelten, dürfen keine Ausnahmen zulassen: denn würden sie dies tun, so würden sie den Charakter ihrer Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, worin ihre wissenschaftliche Bedeutung besteht, einbüßen und wieder zu bloßen Regeln herabsinken.

Nun verhalten sich aber die Regeln zum Gesetz wie die Arten zur Gattung. In jeder Regel muß, wenn etwas Wahres daran sein soll, das wissenschaftliche Gesetz  implizit  enthalten sein. Obige vier Regeln wären demnach nur einzelne Fälle (Arten) eines viel allgemeineren Gesetzes (Gattung) und dieses Gesetz muß, wenn jene Regeln wahr sein sollen,  implizit  in ihnen enthalten sein.

Nun ist nicht zu leugnen, daß unsere Ideenassoziation sich häufig nach diesen Regeln richtet, ja daß, wenn man diese fälschlich sogenannten vier Gesetze der Ideenassoziation, wie es in der Mnemotechnik geschieht, praktisch verwertet, wirklich die gewünschte Reproduktion der aufgrund jener Gesetze verbundenen Vorstellungen wieder eintritt. Etwas Wahres ist also unbedingt an ihnen. Es muß daher in diesen Regeln das geheimnisvolle Gesetz der Ideenverbindung  implizit  enthalten sein, und unsere Aufgabe ist es nun, dasselbe aus jenen zu entwicken.

Betrachten wir diese 4 Regeln näher, so finden wir, daß sie alle das Gemeinsame haben, daß sie sich auf einen  Vergleich  zurückführen lassen.

Zu diesem wichtigen Resultat sind auch schon Andere gekommen. So setzt z. B. HERMANN KOTHE in seinem "Katechismus der Mnemotechnik" (Leipzig 1863, Seite 29f) ganz vortrefflich auseinander, daß allen 4 Gesetzen der Ideenassoziation "die  Bezogenheit der Vorstellungen"  zugrunde liegt.
    "Schon um die Objekte zweier gleichzeitiger Vorstellungen zunächst eben als zwei voneinander verschiedene zu erkennen, mußte die Seele sie miteinander  vergleichen. Beide Vorstellungen sind folglich mehr oder weniger  aufeinander bezogen" usw.
Aller Ideenassoziation liegt demnach eine  Vergleichung  zugrunde. Bekanntlich ist nun das Band, welches die einzelnen Vorstellungen einigt, kein physisches, sondern ein ideales. Durch ein unsichtbares Band aneinander geknüpft wecken sich die Vorstellungen gegenseitig. Wenn sich nun alle jene sogenannten Gesetze auf einen Vergleich, auf ein "Bezogensein aufeinander" zurückführen lassen: was könnte dann wohl das Band sein, das sie zusammenkettet? Offenbar nichts anderes als das  tertium comparationis [gemeinsames Drittes - wp]. Denn überall wo Vergleichung ist, da müssen sich auch  tertia comparationis  finden. Demnach würde das  Gesetz der Ideenassoziation  lauten:
    Alle möglichen Ideen können sich erwecken, wenn sie nur durch tertia comparationis miteinander verbunden sind, 
d. h. irgendwann einmal in irgendeiner Beziehung miteinander verglichen wurden.  Der Beziehungspunkt  wäre dann ihr einigendes Band.

Auf dieses  eine  allgemeine Gesetz lassen sich nun leicht die bisherigen sogenannten 4 Gesetze der Ideenassoziation zurückführen. Sie sind nur einzelne Fälle desselben. Ähnlichkeit, räumliche und zeitliche Koexistenz und Sukzession sind  einzelne tertia comparationis,  konkrete Erscheinungen des Gesetzes, aber nicht das Gesetz selber. Auch kontrastierende Vorstellungen haben Beziehungspunkte (tert. comp.); denn konträre Gegensätze sind ja gleichartig, während der kontradiktorische Gegensatz nur logische Realität hat.

Es ist daher durch Induktion höchst wahrscheinlich gemacht, daß das eben aufgestellte Gesetz wirklich das  wahre  Gesetz der Ideenassoziation ist. Damit können wir uns aber nicht begnügen. Unsere Aufgabe wird jetzt sein, den apriorischen Gehalt dieses Gesetzes, ein solches soll es ja sein, nachzuweisen. Jedes wissenschaftliche Gesetz muß nämlich allgemein und notwendig gültig sein. Diese Allgemeinheit und Notwendigkeit überhaupt kann nun ihren Grund entweder in den Dingen haben, in der Einerleiheit der Objekte (in der Sinneswahrnehmung) oder in der Wesensgleichheit aller Menschen. Ersteres ist der Standpunkt des Dogmatismus, ein, wie KANT gezeigt hat, unhaltbarer Standpunkt; wir stellen uns daher auf den anderen, auf den auch KANT sich gestellt hat, auf den Standpunkt des  Kritizismus,  und suchen nun die  subjektive  Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit des Gesetzes der Ideenassoziation nachzuweisen. Dies geschieht entweder durch eine Zurückführung eines Satzes auf die gemeinsame Organisation (Wesensgleichheit) der gesamten Menschheit d. h. all jener Individuen, die unter den Begriff  Mensch  fallen und gleichmäßig organisiert sein müssen, um unter diesen Begriff zu fallen, oder dadurch, daß wir zeigen, daß ein bestimmter Satz nur die notwendige Konsequenz eines allgemein gültigen menschlichen Gesetzes ist.

Ich werde nun zu zeigen versuchen, daß sich  unser Gesetz der Ideenassoziation auf das Gesetz des menschlichen Denkens und Erkennens zurückführen  läßt. Daher muß ich vorerst vom menschlichen Denken und Erkennen selbst sprechen.


Das Problem des
menschlichen Denkens

Um die Lösung psychologischer und erkenntnistheoretischer Fragen hat sich in unseren Tagen namentlich Professor ULRICI in Halle verdient gemacht. ULRICI suchte nämlich in seinen verschiedenen Schriften ("System der Logik", Leipzig 1852, Seite 13f; "Kompendium der Logik", Leipzig 1860, Seite 20f; "Gott und der Mensch", Leipzig 1866, Seite 293 und besonders 239f und an vielen anderen Stellen) nachzuweisen, daß allem Bewußtsein und Denken eine  unterscheidende Tätigkeit  zugrunde liegt.
    Alle unsere Vorstellungen", sagt er, "alle Wahrnehmungen und Anschauungen von den mannigfaltigen Dingen außerhalb von uns, wie alles, was wir von uns selbst wissen und was wir wissentlich tun und lassen, kurz der gesamte Inhalt unseres Bewußtseins und Selbstbewußtseins, beruth auf der unterscheidenden Tätigkeit und erhält nur durch sie seine Bestimmtheit für das Bewußtsein." (Kompendium der Logik, Seite 28)
Diesem Resultat der Untersuchungen ULRICIs stimme ich von ganzem Herzen bei. Auch mir scheint derselbe das Richtige getroffen zu haben, wenn er das Denken als eine unterscheidende Tätigkeit bezeichnet. Wir sehen es ja überall: wir können nichts wahrnehmen, nichts denken, was nicht ein Unterschiedenes wäre.

Indessen dünkt mich, daß dem Unterscheiden doch noch eine andere Tätigkeit, nämlich ein Vergleichen vorausgeht, deren Resultat erst das Unterscheiden ist. Die Gründe, die mich bewegen, in diesem Punkt von ULRICI abzuweichen, sind in Kürze folgende:

Es ist nicht einzusehen, wie ich zwei Objekte voneinander unterscheiden soll, ohne daß und ehe ich beide miteinander verglichen habe. Ich kann doch z. B. nicht sagen, wieviele Fenster ein Haus hat, ohne daß und ehe ich meinen Blick über dieselben hingleiten ließ d. h. sie verglichen habe. Es ist ferner eine Tatsache, daß wir uns erst infolge wiederholten Vergleichens der Unterschiede der Dinge bewußt werden. Je mehr wir die Dinge vergleichen, umso mehr unterscheiden wir sie. Sagt man aber, ich müsse, um ein paar Objektie miteinander vergleichen zu können, dieselben erst als zwei unterschieden, d. h. sie voneinander geschieden, einander gegenübergestellt haben, so ist das richtig; allein ich hätte sie doch überhaupt nicht als zwei unterscheiden können, wenn ich nicht zuvor auf das eine und dann auf das andere Objekt geblickt, d. h. beide aufeinander bezogen, d. h. verglichen hätte.

Der wichtigste Grund aber ist der, den ich im Folgenden näher erörtern will, daß nämlich aller Unterschied subjektiv-relativ ist, d. h. vom Standpunkt meiner Vergleichung abhängt, daß es mithin keinen absoluten, objektiven oder gegebenen Unterschied geben kann. Aus dieser Relativität desselben folgt klar, daß aller Unterschied ein Vergleichen voraussetzt und erst das Produkt einer Vergleichung ist.

Aus diesen Gründen muß ich behaupten, daß allem Unterscheiden ein  "Vergleichen"  zugrunde liegt, daß mithin die primitive Tätigkeit unseres Denkens ein "Vergleichen", das "Unterscheiden" aber erst das Resultat dieses Vergleichens ist. Beide verhalten sich wie Tätigkeit und Tat, wie Ursache und Wirkung; eines ist nur die andere Seite des anderen. Es sind nicht zwei verschiedene Tätigkeiten, sondern es ist immer nur  ein und dieselbe Tätigkeit,  die in ihrem Anfangspunkt  "vergleichen"  in ihrem Endpunkt  "unterscheiden"  heißt.

Indessen ist diese Differenz mit ULRICI nicht so bedeutend, als es scheinen möchte, da auch er anerkennt, daß das "Beziehen" ein notwendiges Moment jeden Aktes der unterscheidenden Tätigkeit ist (Kompendium der Logik, a. a. O., Seite 36). Nun sind aber "Beziehen" und "Vergleichen" nur verschiedene Worte für ein und dieselbe Tätigkeit. Beides ist ein wechselseitiges Betrachten zweier oder mehrerer Objekte mit der bewußten oder unbewußten Absicht, dadurch ihre Identität oder ihren Unterschied festzustellen. Jedes derartige wechselweise Betrachten heißt ein "Beziehen"; "Vergleichen" aber wird dieses Beziehen genannt, wenn die Objekte "gleichartig" sind. Indessen wird im gewöhnlichen Sprachgebrauch zwischen beiden Begriffen gar nicht unterschieden und es werden beide als synonym gebraucht, da sie ja doch an und für sich ein und dieselbe Tätigkeit bezeichnen. Wir streiten uns daher schließlich höchstens um den Ausdruck, indem ich den Begriff "Vergleichen" im Anschluß an das populäre Sprachbewußtsein und um eine einfachere Terminologie zu erhalten in einer allgemeineren Bedeutung fasse als ULRICI. Im Resultat kommen wir ja ohnehin auf dasselbe hinaus. Auch mir ist das Denken schließlich ein "Unterscheiden" und alles Gedachte ein "Unterschiedenes". -

Da nun kein Unterscheiden ohne Vergleichen möglich ist, mithin alles Unterscheiden ein Vergleichen notwendig voraussetzt, so habe ich ein Recht darauf, alles, was ULRICI für seine unterscheidende Tätigkeit anführt, für meine vergleichende Tätigkeit in Anspruch zu nehmen und ich verweise daher zur nächsten Begründung meines Prinzips:  "Alles Denken ist Vergleichen",  auf das, was ULRICI in seinem "System der Logik", "Kompendium der Logik", "Gott und der Mensch" etc. für seine unterscheidende Tätigkeit vorbringt. Ich müßte sonst größtenteils nur wiederholen, was ULRICI bereits gesagt hat.

Gestützt auf das Resultat der Untersuchungen ULRICIs und obige Auseinandersetzung der beiden Begriffe  Vergleichen  und  Unterscheiden,  behaupte ich daher:  Alles Denken ist nichts anderes als Vergleichen.  Unter Denken aber verstehe ich diejenige Tätigkeit der Seele, welche der Erfahrung die Form gibt, welche die Erfahrung eben zur menschlichen Erfahrung macht, kurz die formschaffende Tätigkeit der menschlichen Seele. Alles Denken, Erkennen, Urteilen, Schließen, Verbinden, Trennen, Schätzen, Zählen, Messen, Wägen, Betrachten, Studieren, Erwägen, Addieren, Substrahieren usw. usf. ist nichts anderes als ein  Vergleichen,  bzw. Unterscheiden, ist ein und dieselbe Tätigkeit und nur nach den verschiedenen Gesichtspunkten, nach welchen sie ausgeübt wird, wird sie verschiedentlich benannt.

Und was ist nun das  Erkennen?  Das Erkennen ist jedenfalls ein Akt unserer Denktätigkeit. Fasse ich nun diesen Denkakt in seiner Tätigkeit, so kann ich mit Recht alles Erkennen ein Vergleichen nennen. Richte ich mein Augenmerk dagegen auf das Resultat dieser Tätigkeit, so muß ich sagen, das Erkennen ist Unterscheiden, das Erkannte ein Unterschiedenes. Wir kommen hiermit zu folgendem Prinzipalsatz:
    Alles  Denken ist  Vergleichen; alles  Erkennen beruth auf Vergleichen, ist  Unterscheiden. 
Denken und Vergleichen, Erkennen und Unterscheiden sind vollkommen identische Begriffe, die jederzeit füreinander gesetzt werden dürfen und im praktischen Leben auch beständig füreinander gebraucht werden. -

Was nun den Grad der Gewißheit unseres Prinzips betrifft, so muß ich gestehen, es hat nur assertorische [behauptende - wp] und keineswegs apodiktische [sichere - wp] Gewißheit. Die Erfahrung zeigt, es ist so; warum? weiß ich ebensowenig, wie der Geomater mir den Grund sagen kann, warum der Raum gerade 3 und nicht 2 oder 4 Dimensionen hat. Letzte Prinzipien haben immer nur assertorische und nie apodiktische Gewißheit.

Es wäre überhaupt eine  contradictio in adjecto [Widerspruch in sich - wp] von einem letzten Prinzip mit apodiktischer Gewißheit zu sprechen. Denn alle apodiktische Gewißheit beruth auf dem Satz vom Widerspruch. Nun lassen sich die letzten Prinzipien mit dem Satz vom Widerspruch wohl prüfen, haben aber nicht den Grund ihrer Wahrheit in demselben (vgl. KANT, "Kritik der reinen Vernunft", Hartenstein, Bd. II, Seite 46). Alle apodiktische Gewißheit ist somit eine nach dem Satz vom Widerspruch abgeleitete. Da sich aber die letzten Prinzipien nicht weiter ableiten lassen, sondern vielmehr alles Übrige selbst aus ihnen abgeleitet ist, so können sie auch nie apodiktische, sondern immer nur assertorische Gewißheit haben.

Zu demselben Resultat kommt auch ULRICI in seinem "System der Logik", Seite 25. Der Beweis der Grundvoraussetzungen der Philosophie, sagt er dort, ist "nur ihre unleugbare Tatsächlichkeit."

Das einzige materielle Kriterium der Wahrheit oder Unwahrheit, das wir haben, ist die Übereinstimmung oder der Widerspruch mit der Erfahrung. An sie also müssen wir appellieren. Sie bestätigt die Richtigkeit der mathematischen Gesetze, sie bestätigt auch, daß allem Denken und Handeln der Menschen ein vergleichender bzw. unterscheidender Geist zugrunde liegt. In der Praxis muß die Theorie ihre Wahrheit zeigen. -

Ein schlagender Beweis für die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit unseres Denk- und Erkenntnisprinzips ist die Sinneswahrnehmung. Wohin wir nämlich blicken, überall nehmen wir Unterschiede in den Dingen wahr, ja jedes Ding ist selbst nichts anderes als ein Unterschiedenes, denn wir würden nicht von Dingen sprechen, wenn wir nicht das eine vom anderen unterscheiden würden.

Es ist nun aber klar, daß wir keine Unterschiede wahrnehmen könnten, wenn unser Denken und Erkennen keine vergleichende und unterscheidende Tätigkeit wäre. Der Grund, warum wir Unterschiede wahrnehmen, liegt somit zunächst nicht in den Dingen, sondern in der  Beschaffenheit  unseres  Denkvermögens,  und wenn wir Unterschiede erblicken, so ist dies hiermit nur eine Folge unserer Organisation. Mithin  richtet sich unser Erkennen,  wie schon KANT so sehr betonte,  nicht nach den Dingen, sondern die Dinge müssen sich nach unserem Vermögen richten.  Nur darum nehmen wir Unterschiede wahr, weil wir unterscheidende Wesen sind; anders organisierte Wesen würden weder Dinge noch Unterschiede in den Dingen erblicken. Unsere ganze Weltanschauung ist also nur die Folge unserer eigentümlichen Organisation. Wir fassen die Welt in unserer Weise auf. Unsere Weise aber, menschliches Denken, ist Vergleichen bzw. Unterscheiden; wir müssen daher die Welt als einen Komplex von Dingen, von Unterschieden auffassen und können sie nicht anders denken, auch wenn wir anders wollten.

Der Mensch muß sich also die Welt nach einer bestimmten Norm denken, die ihm in seiner Vernunft vorgezeichnet ist. Er muß Dinge und Unterschiede in der Welt erblicken und kann sich die Welt auch nicht anders denken, als seine Vermögen es verlangen. Wie sehr unsere ganze Weltanschauung von dieser vergleichenden und unterscheidenden Tätigkeit abhängt, werden wir unten noch sehen: es geht nur soviel in unser Bewußtsein ein, als wir verglichen und unterschieden haben. Was daher der Mensch in sich aufnimmt, ist seine Tat und die Welt in unserem Bewußtsein ist kein bloßes Spiegelbild der  Außenwelt

Wenn ich nun aber einmal weiß, ich muß mir die Welt so denken, wie ich sie mir denke, und kann sie nicht anders denken, auch wenn ich anders wollte, dann kann es mich eigentlich wenig kümmern, ob die Welt in der Wirklichkeit auch so ist, wie ich sie mir denke, ich kann sie ja doch nicht anders denken als meine geistige Organisation mir vorschreibt. Indessen läßt auch diese Frage sich entscheiden und ein einfaches Räsonnement [Argument - wp] wird uns zeigen, daß  der Unterschied als solcher nicht in den Dingen existieren kann. 

Aller Unterschied ist nämlich  relativ.  Je nachdem ich ein Objekt so oder so vergleiche, ist das oder jenes sein Unterschied. Der Unterschied ist also nichts Festes, Bleibendes in den Dingen, sondern ändert sich mit dem Standpunkt meiner Vergleichung. Vergleiche ich z. B. zwei Menschen in Bezug auf ihre Haare, so unterscheidet sich der eine vom andern z. B. durch schwarze Haare, während der andere blonde hat. Dies ist also ihr Unterschied. Vergleiche ich dagegen beide im Hinblick auf ihre Beschäftigung, so ist der eine ein Handwerker, der andere ein Gelehrter, und nun liegt hierin ihr Unterschied, während die Haare keinen Unterschied für ihre Beschäftigung ausmachen und gleichgültig sind. Nun sage mir Einer,  ohne sich auf einen bestimmten Standpunkt zu stellen,  was ist der Unterschied dieser beiden Individuen? wodurch unterscheiden sie sich voneinander? Kein Mensch ist imstande hierauf eine Antwort zu geben; denn was er auch immer antworten würde, wäre ebenso relativ wie das bereits Erwähnte und lediglich von dem Standpunkt bedingt, den er gewählt hat. Es nützt auch nichts zu sagen: der Unterschied beider liegt in der Summe ihrer unterscheidenden Merkmale; denn alle diese sind  subjektiv,  können daher auch in ihrer Gesamtheit keinen  objektiven  Unterschied begründen.  Es gibt also keinen objektiven, absoluten, vom Subjekt unabhängigen Unterschied;  aller Unterschied ist vielmehr subjektiv, relativ, d. h. er  hängt vom subjektiven Standpunkt unserer Vergleichung ab.  Daher kann der Unterschied als solcher (als objektiver Unterschied) in den Dingen selbst nicht existieren.

Freilich fällt es uns unendlich schwer, diesen Satz zu begreien, und man wird erstaunt fragen: Wie? ein Baum, ein Haus, ein Gebirge etc. das sind  keine  Unterschiede? Allein man vergißt eben, daß wenn wir sagen, wir sehen "etwas", wir unbewußt schon unterschieden haben, und daß wir nur deshalb Unterschiede erblicken, weil wir eben unterscheidende Wesen sind. Die Dinge müssen sich ja nach unseren Vermögen richten und nicht umgekehrt. Es ist daher auch verzeihlich, wenn es uns so schwer fällt jenen Satz zu begreifen, da unsere ganze Organisation uns nötigt, wohin wir blicken Unterschiede wahrzunehmen. Allein eine nähere Reflexion zwingt uns doch zu gestehen, daß der Unterschied als solcher nicht in den Dingen existieren kann, da derselbe nur das Produkt unserer unterscheidenden Tätigkeit, und vom subjektiven Standpunkt unserer Vergleichung bedingt ist.

Dieser Satz verwickelt uns jedoch in eine bedenkliche Antinomie. Freilich ist es klar bei der Relativität und Subjektivität allen Unterschiedes, daß derselbe als solcher in den Dingen nicht existieren kann; es ist aber ebenso klar, daß wir keine Unterschiede aus den Dingen herauslesen könnten, wenn solche nicht in denselben wären. Jene Reflexion niegiert den Unterschied in den Dingen diese postuliert ihn. Diesen Widerspruch löst nun:  Das Gesetz der Koexistenz. 

Es ist eine Tatsache, wohin wir blicken: überall nehmen wir Unterschiede wahr. Der Unterschied kann aber als solcher in den Dingen selbst nicht existieren, er soll jedoch und muß in den denselben existieren, da wir sonst keine Unterschiede wahrnehmen könnten,  also: kann er in den Dingen nur koexistieren,  d. h. die unterscheidenden Merkmale koexistieren in den Dingen neben anderen Merkmalen, die keinen Unterschied begründen. Ich nenne diese wichtige Folgerung das  Gesetz der Koexistenz.  Wir müssen demnach fragen: Allerdings sind Dinge und überhaupt Unterschiede in der Welt; aber sie existieren nicht als solche, als fertige objektive Unterschiede in einem dogmatischen Sinn, sondern nur als  Unterschiede der Potenz, der Möglichkeit nach,  d. h. jedes Ding und jeder Teil eines Dings hat die Befähigung in sich, ist dazu angelegt, Unterschied werden zu können.  Die Welt  und jedes Ding ist  ein Komplex von unendlich vielen möglichen Unterschieden,  und es kommt nur auf den subjektiven Standpunkt meiner Vergleichung an, ob ich diesen oder jenen möglichen Unterschied zum wirklichen Unterschied mache.  In der Welt koexistieren alle Unterschiede  heißt nicht, sie sind nicht vorhanden, sondern sie sind vorhanden aber nur der Potenz, der Möglichkeit nach.  Wirklich  werden die Unterschiede erst  in  unserem Denken  durch  die vergleichende und unterscheidende Tätigkeit.

Damit ist jene scheinbare Antinomie gelöst und es ist gezeigt, aß die beiden Sätze: "der Unterschied existiert als solchen in den Dingen selbst nicht" und "es müssen Unterschiede in der Welt existieren, da sonst keine Unterschiede wahrgenommen werden könnten", keinen Widerspruch enthalten.

Dieses Gesetz ist in seiner Anwendung von der größten Tragweite. Indessen kann ich mich hier darauf nicht einlassen, da es mich zu weit führen würde. Es genügt mir die durchgängige Subjektivität unserer Weltanschauung gezeigt zu haben. Es ist durchaus nicht zufällig, daß wir die Welt als einen Komplex von unendlich vielen Dingen, die Dinge wieder als einen Komplex von vielen Merkmalen, Beschaffenheiten, Eigenschaften, Atomen, Monade etc. denken; Dinge, Merkmale usw. all das sind nichts anderes als Produkte unserer vergleichenden bzw. unterscheidenden Tätigkeit, es sind Unterschiede und wir müssen uns die Welt als einen Komplex von unendlich vielen Unterschieden denken, weil wir unterscheidende Wesen sind.

So ist  unsere ganze Weltanschauung unsere subjektive Tat  und nichts weniger als das bloße Abbild der wirklichen objektiven Außenwelt. -

Ich kehre zurück zu dem Satz: Alles Erkennen beruth auf Vergleichen, ist Unterscheiden. "Vergleichen" heißt nun nichts anderes, als zwei oder mehrere Objekte unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt (tertium comparationis) zusammenzustellen und ihr Verhältnis zu diesem zu bestimmen. Ein solcher gemeinsamer Beziehungspunkt muß immer vorhanden sein, d. h. die Dinge, die ich vergleichen will, müssen "gleichartig" sein, wenn ein Vergleich und hiermit positive Erkenntnis möglich sein soll. Wo kein tert. comp. da ist, ist auch kein Vergleichen möglich. Daher lautet das erste Gesetz der Erkenntnismöglichkeit, das  Gesetz der Gleichartigkeit Gleichtartiges wird durch Gleichartiges und nicht durch Ungleichartiges erkannt. Also Individuum durch Individuum, die Art durch Vergleichung mit anderen Arten, Gattung durch Gattung, Historisches durch Historisches, Chemisches durch Chemisches etc.

Dieses Gesetz ist so allgemein bekannt, daß ich nichts weiter darüber zu sagen brauche. Ich erwähnte es hier nur, um mich später darauf berufen zu können.


Das Problem des Bewußtseins

Bevor ich nun wieder auf die Ideenassoziation übergehe, muß ich noch ein Thema berühren, welches für die spätere Untersuchung ebenfalls von Wichtigkeit ist, nämlich die Frage über die Entstehung des Bewußtseins.

Auch über diesen Punkt hat ULRICI wohl die trefflichsten Aufschlüsse gegeben, indem (Gott und der Mensch, Seite 274-362; Kompendium der Logik, Seite 18f und öfter) eingehend nachzuweisen suchte, daß das Bewußtsein auf derselben unterscheidenden Tätigkeit beruth, die wir bereits als Denktätigkeit kennen gelernt haben. Ich stimme ihm auch hierin vollständig zu.

Wenn aber das Bewußtsein auf Unterscheiden beruth, so wird man mir auch zugeben, daß es auf einem  Vergleichen  beruth, da alles Unterscheiden, wie oben gezeigt, ein Vergleichen voraussetzt. Demnach erscheint mir das Bewußtsein als das Produkt einer gewissen Entwicklung, welche mit Vergleichen beginnt und mit Unterscheiden endet.

Über diesen Entwicklungsprozeß läßt sich im Allgemeinen Folgendes sagen (Details finden sich bei ULRICI, Gott und der Mensch, Seite 274-362): Wir werden uns der Dinge, die um uns her vorgehen, nur dann bewußt, wenn sie eine Veränderung unseres Zustandes herbeiführen. Nur die Veränderung oder genauer der Unterschied zwischen früher und jetzt kommt uns zu Bewußtsein und zwar muß derselbe mit einer gewissen Stärke auftreten (vgl. die Untersuchungen von E. H. WEBER und FECHNER über den Stärkeunterschied der Sinneseindrücke; ULRICI, Gott und der Mensch, Seite 236f). Doch vermögen wir auch durch einen spontanen Akt der Seele uns Dinge zu Bewußtsein zu bringen, die uns sonst nicht zu Bewußtsein kämen (z. B. das Gleichmäßig auf uns Einwirkende), wenn wir aus irgendeinem Interesse unsere Aufmerksamkeit darauf richten. Aber auch hier ist das Gegebensein eines möglichen Inhaltes des Bewußtseins und eine gewisse Passivität, in welche er uns versetzt, wenn wir sie auch nicht mehr fühlen, da wir uns daran gewöhnt haben, die Vorbedingung des Bewußtseins.

Das Bewußtsein selbst nun entsteht durch einen Akt der Unterscheidung, indem wir durch unbewußte, unwillkürliches Vergleichen unseres früheren Zustandes mit dem jetzigen, den Unterschied beider wahrnehmen und fühlen, daß wir Andere geworden sind.

Dadurch nun, daß wir die Ursache unserer Beschränkung, die Sinnesempfindung, von unserem Selbst unterscheiden, kommen wir zum Bewußtsein, daß  überhaupt etwas  auf uns wirkt. Damit weiß ich aber noch nicht, was auf mich einwirkt, d. h. ich habe noch kein Bewußtseins, kein Verständnis und keine Erkenntnis  des Gegenstandes,  der mich in eine Passivität versetzt und sich mir aufgedrungen hat. Um nun aus meiner Beschränkung herauszukommen und mir ein Verständnis meiner Empfindung zu verschaffen, vergleiche ich den Inhalt meiner Empfindung mit anderen früheren gleichartigen Inhalten meines Bewußtseins und gewinne so das klare Bewußtsein des  Gegenstandes der sich mir aufgedrängt hat. Dieses Stadium des Bewußtseins, in welchem uns das Verständnis der Erfahrung aufgeht, heißt der Erkenntnisakt, von dem wir Näheres unten ansprechen werden.

Der Gegenstand meiner Empfindung wird mir also dadurch bewußt, daß ich ihn mit anderen gleichartigen Inhalten meines Bewußtseins vergleiche und ihn von denselben unterscheide. Dieses aber setzt voraus, daß ich den Inhalt meiner Empfindung zuerst in sich selbst, in seinen Bestandteilen unterschieden habe, was ich freilich erst genau infolge der Vergleichung mit anderen gleichartigen Vorstellungen zustande bringen kann. Allein zumindest die Form, den Umriß meines Inhaltes muß ich im Allgemeinen unterschieden haben, ehe ich daran kam, ihn mit anderen Umrissen zu vergleichen.

Im  Entwicklungsprozeß des Bewußtseins  von einem unbestimmten Gefühl der Beschränkung unseres Daseins angefangen bis zum klaren Verständnis des Gegenstandes, der diese Hemmung verursachte, dürften sich hiermit folgende 3  Stadien  mit Bestimmtheit unterscheiden lassen:

Vorbedingung des Bewußtseins  ist ein Inhalt, der eine  Veränderung  in meinem Dasein hervorruft und sich mir mit einer gewissen Stärke aufdrängt. Dadurch werde ich in eine gewisse unfreiwillige Spannung und  Passivität  versetzt, welche mich veranlaßt, meine Aufmerksamkeit auf die Ursache derselben, den Eindruck, den ich erleide, zu richten, d. h. diese zu vergleichen und zu unterscheiden und sie mir dadurch zum Bewußtsein zu bringen.

Im ersten Stadium  nun vergleiche ich unwillkürlich meinen jetzigen beschränkten Zustand mit dem früheren und unterscheide meine Beschränkung von meinem Selbst als dem Beschränkten, das Objekt meines Bewußtseins von mir selbst als bewußtem Subjekt und gelang zu dem Bewußtsein,  daß  etwas auf mich wirkt.

Im zweiten Stadium  vergleiche ich den Inhalt meiner Empfindung in sich selbst, d. h. in seinen Bestandteilen und unterscheide wenigstens den allgemeinen Umriß desselben. Ich bringe mir also den  Inhalt  meiner Empfindung im Allgemeinen zu Bewußtsein.

Im  dritten Stadium  endlich unterscheide ich den Inhalt meiner Empfindung von anderen früheren gleichartigen Inhalten meines Bewußtseins, wodurch ich dann ein Verständnis der Empfindung erlange und das klare Bewußtsein, die  Erkenntnis des Gegenstandes,  der auf mich wirkt, gewinne.

So viel über den Entwicklungsprozeß des Bewußtseins. Machen wir uns jetzt den  Unterschied zwischen Bewußtsein und Erkenntnis  klar. Beide Begriffe werden häufig verwechselt; sie sind aber nur verwandt und nicht identisch.  Bewußtsein  entsteht nämlich dadurch, daß wir einen gegebenen, sich aufdrängenden Inhalt von uns selbst als durch denselben beschränkten Wesen, ein Objekt des Bewußtseins von uns selbst als bewußtem Subjekt unterscheiden. Das  Erkennen  dagegen besteht darin, daß wir irgendeinen Inhalt unseres Bewußtseins von einem anderen Inhalt desselben unterscheiden. Im Erkenntnisakt also unterscheiden wir zwei Objekte des Bewußtseins voneinander, im Bewußtseinsprozeß dagegen ein sich aufdrängendes Objekt von uns selbst als bewußtem Subjekt.

Was das  Selbstbewußtsein  betrifft, so ist dieses nur eine spezielle Art des Bewußtseins, ein Bewußtsein, dessen Gegenstand mein eigenes Selbst ist. Im Selbstbewußtsein unterscheide ich meine eigenen Zustände, Vorstellungen, Gefühle etc., kurz meine Daseinsweise als die meinige von mir selbst als dem bewußten Grund derselben, mein Ich als Objekt meines Bewußtseins von meinem Ich als bewußtem Subjekt.
    "Das Selbstbewußtsein hat das Vorstellende Selbst zum Gegenstand."  (Carl Leonhard Reinhold, Theorie des Vorstellungsvermögens, Seite 326)
Endlich ist, da nichts Inhalt meines Bewußtseins werden kann, was ich nicht von mir selbst unterscheide, mir als Nichtich, als Objekt gegenüberstelle, also zum Gegenstand einer Vorstellung mache,  unser ganzes bewußtes Geistesleben in Vorstellungen erschöpft.  Alles was nicht Gegenstand einer Vorstellung ist oder werden kann, kommt uns nicht zu Bewußtsein. Gefühle, Triebe, Wille, Ideenassoziation, ja mein Bewußtsein selbst und die vergleichende und unterscheidende Tätigkeit selbst, auf welches jenes beruth, kurz all dies ist uns völlig unbewußt und vollzieht sich völlig unbewußt in uns. Nur wenn wir das eine oder andere zum Gegenstand einer Vorstellung machen und so uns dasselbe als Objekt des Bewußtseins gegenüberstellen, gewinnen wir ein Bewußtsein unserer Zustände und Tätigkeiten. -

Näher auf das Problem des Bewußtseins einzugehen ist hier nicht der Ort. Wir reichen mit dem Gesagten für die spätere Untersuchung aus. Was aber die BENEKE-HERBART-Theorie des Bewußtseins  betrifft, wonach die Empfindung bei gehöriger Stärke das Bewußtsein unmittelbar mit sich führt (BENEKE definiert z. B. das Bewußtsein geradezu als "Stärke des psychischen Seins", "Lehrbuch der Psychologie", 1845, § 57 Anm.), so verweise ich auf die treffliche Widerlegung derselben bei ULRICI, "Gott und der Mensch", Seite 285-288, 301f, 484f und öfter.


Das Gesetz der Ideenassoziation.
Apriorischer Inhalt desselben.
Ideengänge. Wechsel der Einfälle.

Ich kehre nun wieder zu meinem eigentlichen Thema zurück. Es handelt sich darum, den apriorischen Gehalt des oben aufgestellten Gesetzes der Ideenassoziation nachzuweisen.

Wir haben oben bereits durch Induktion gefunden, daß aller  Wahrscheinlichkeit  nach das  tertium comparationis,  der Beziehungspunkt, das Band der einzelnen Vorstellungen in der Ideenassoziation ist.

Durch  Deduktion  aus dem Erkenntnisprinzip aber gelangen wir zu folgenden Resultaten: Da alles Denken ein Vergleichen, alles Erkennen hiermit ein Unterscheiden ist, da ferner auch unser Bewußtsein nur auf dieser vergleichenden und unterscheidenden Tätigkeit beruth, so kann nichts in unser Bewußtsein eingehen, nichts gedacht und erkannt werden, ohne vorher verglichen worden zu sein. In jeder Sinneswahrnehmung liegt daher bereits in  nous [Geist - wp]. Sobald ich sage, ich sehe "etwas", muß ich, wenn auch unbewußt, schon verglichen und unterschieden haben; denn jedes "Etwas" ist schon ein Unterschiedenes. Wo aber Unterschiedenes ist, da war Vergleichung und wo Vergleichung ist, da müssen sich auch  tertia comparationis  finden, denn eine Vergleichung ohne Vergleichspunkte ist nicht denkbar. Da nun alle Vorstellungen nur durch Vergleiche in unser Bewußtsein eingehen können, so wird  jede  neue Erfahrung im Erkenntnisakt bereits mit dem früheren  durch tertia comparationis  verbunden, und es ist daher logisch sehr wohl  denkbar  und gerechtfertigt, daß das Band der Ideenassoziation kein anderes ist als diese Beziehungspunkte.

Das Resultat der Induktion und Deduktion würde sich also decken. Allein die  Induktion  gibt nur  Wahrscheinlichkeit, Deduktion  sagt nur, daß etwas  möglich  ist; die  Notwendigkeit  folgt aus keinem von beiden. Entscheidend für den wissenschaftlichen Wert dieses Gesetzes ist daher erst Folgendes:

Wir haben oben gesehen, daß unser Erkennen sich nicht nach den Dingen, sondern  die Dinge sich nach unserem Erkennen,  nach unserem  Vermögen richten müssen.  Daher kann auch das Gesetz der Ideenassoziation seinen Grund nur in unseren Vermögen,  nur in unserer eigentümlichen allgemeinmenschlichen Organisation  haben. Unsere Organisation besteht nun darin, daß alles, was in unser Bewußtsein eingeht, zuerst verglichen und unterschieden werden muß und eben durch diese Tätigkeit in unser Bewußtsein aufgenommen wird. Also muß das Gesetz der Ideenassoziation  notwendig in diesem Vergleichen seinen Grund haben  und aus dem Begriff des Vergleichens  deduziert  werden können. Dann kann das ideale Band der Vorstellungen aber kein anderes sein, als das  tertium comparationis,  denn nur durch dieses werden zwei Vorstellungen im Erkenntnisakt miteinander verbunden, und weil nun eben alles, was in uns eingeht, verglichen werden muß, und nur durch einen Vergleich in uns eingehen kann, so ist alles durch  tertia comparationis  miteinander verbunden und das  Gesetz der Ideenassoziation  kann nicht anders lauten als:
    Alle möglichen Vorstellungen können sich erwecken, wenn sie nur durch tertia comparationis miteinander verbunden sind, d. h. irgendwann einmal verglichen und unterschieden worden sind.
Dieses Gesetz hat  apriorischen Gehalt,  da es sich nur als eine Konsequenz der eigentümlichen geistigen Organisation des Menschen erwies, und ist somit nicht wie jene Regeln ein empirisches, sondern ein notwendig und allgemeingültiges, also  wissenschaftliches Gesetz Wie das Prinzip des Denkens für alle Menschen gilt, so auch dieses Gesetz der Ideenassoziation, da es nur ein Ausfluß, eine notwendige Folgerung aus jenem Denkprinzip ist.

Es wundert mich sehr, daß ULRICI dieses Gesetz nicht fand und sich lieber in seiner Darstellung der Ideenassoziation ("Gott und der Mensch", Seite 497-537) mit dem Hergebrachten begnügte, anstatt seine Prinzipien auch hier praktisch zu verwerten. Wie nahe er daran war, dieses Gesetz zu finden, zeigt seine Beantwortung der Frage: Wie ist Erinnerung möglich? (Seite 473-474).

Man darf sich indessen die Ideenassoziation nicht vorstellen als eine einzige endlose Reihe aneinanderknpüpfter Vorstellungen, sondern ähnlich wie die Gänge eines Bergwerks, in welchem sich immer ein Gang vom anderen abzweigt, und von diesem sich wieder andere abzweigen, und wieder verbinden  in infinitum [endlos weiter - wp]. Denn durch jede neue Erfahrung, welche mit den früheren verglichen wird, entstehen neue Verbindungen, neue  Ideengänge,  und so kann eine Vorstellung mit hundert anderen Vorstellungen verknüpft sein und daher auch mit hundert verschiedenen Ideengängen, je nachdem ich eben einmal die betreffende Vorstellung mit dieser oder jener anderen Vorstellung verglichen habe.

Daraus erklärt sich auch der  Wechsel  der Einfälle, daß mir z. B. beim Namen  Dresden  heute die berühmte Bildergalerie, morgen ein Freund, der dort wohnt, übermorgen ein angenehmer Vorfall, der mir dort begegnete, in Erinnerung kommt. Die Vorstellung, die ich mir von Dresden gemacht habe, ist ja mit allen anderen Vorstellungen verknüpft, mit denen ich sie verglichen habe und dadurch mit hundert Ideengängen in Verbindung gebracht. Es kommt daher nur auf die zufällige Veranlassung an, ob mir bei der Vorstellung Dresdens diese oder jene Verbindung wieder zum Bewußtsein kommt.

Den  Inhalt der Ideenassoziation  bildet die gesamte  Erfahrung.  In ihr ist all unser Wissen beschlossen. Alle Erfahrungen, die wir in jedem Augenblick durch die Sinne machen, gingen ohne sie sofort für uns wieder verloren. Im Geist kann keine Erfahrung (Vorstellung) allein stehen; wir könnten uns an sie nicht mehr erinnern, da uns das Mittel dazu fehlen würde.  Die Ideenassoziation aber ist das Mittel uns an die gemachten Erfahrungen wieder zu erinnern,  und darum müssen alle Erfahrungen in dieselbe aufgenommen werden, wenn sie nicht sofort wieder verloren gehen sollen. Dies geschieht auch unwillkürlich infolge des Denkens (Vergleichens) und Erkennens von selbst, indem hierdurch jede neue Erfahrung mit den früheren durch  tertia comparationis  verbunden und dadurch der Ideenassoziation einverleibt wird.

Auf der Ideenassoziation beruth auch unser ganzes  Wissen.  Ohne sie wäre weder ein zusammenhängendes Denken (Kontinuität) noch ein Wissen überhaupt möglich. Ohne sie gäbe es keine Geschichte, keine Philosophie, mit einem Wort: keine Wissenschaft. Ja ich kann mir gar nicht denken, wie wir ohne sie auch nur für einen Augenblick leben könnten, geschweige denn ein Bewußtsein von unserer Vergangenheit hätten. Von einer Zusammenfassung der mannigfaltigen Erfahrungen in der Einheit des Bewußtseins könnte keine Rede sein. Wir könnten uns weder eine räumliche Ausdehnung noch eine zeitliche Sukzession vorstellen, da wir immer ohne Ideenassoziation das vorhergehende Teilchen schon wieder vergessen haben würden, wenn wir auf das nachfolgende blicken. So aber  beruth alle Synthesis der Erfahrung auf der Verbindung durch tertia comparationis  und nichts verbindet sich von selbst, sondern alles nur  durch die Tätigkeit des Denkens,  wie sich deutlich in der Reproduktion zeigt, wo nur das wieder erscheint, was wir durch unsere vergleichende Tätigkeit in der unmittelbaren Anschauung verbunden haben.

Was ich aber ganz und agr für die weittragendste Bedeutung der Ideenassoziation halte, ist: daß das  Verständnis  jeder neuen Erfahrung ganz von unserer jeweiligen Ideenassoziation abhängt, und daß da, wo die Ideenassoziation nicht imstande ist, ein gleichartiges Medium zur Vergleichung zu liefern, auch ein Verständnis der Erfahrung  nicht  zustande kommt. Doch davon unten.

Den mächtigsten Einfluß hat die Ideenassoziation auch auf unser  Handeln.  Alle unsere Entschließungen, kurz der Wille und die Äußerungen desselben, all unser Tun hängt von ihr ab. Die jeweilige Vorspiegelung der Ideenassoziation ist gewöhnlich das oft halb unbewußte Motiv unserer Handlungen, und je weniger sich der Mensch die Triebfedern seines Handelns zu Bewußtsein bringt, umso mehr ist er der Sklave seiner (unbewußten) Ideenassoziation.

So wenig daher eine Freiheit im Sinne von "Unabhängigkeit von der Natur" denkbar ist, ebensowenig gibt es eine  Freiheit,  die unabhängig von der Ideenassoziation wäre (ULRICI glaubt dagegen, die menschliche Freiheit retten zu können, a. a. O., Seite 533). Wenig gebildete und wenig denkende Leute stehen ganz unter der Herrschaft ihrer Ideenassoziation und handeln unbewußt nach ihren Befehlen. Es lebt überhaupt niemand, der unabhängig von seiner Ideenassoziation wäre.  Frei  ist  nur  der, der sich, die unvermeidliche Notwendigkeit des Gesetzes erkennend, aus freier Wahl demselben fügt, und nun seiner Ideenassoziation selbst den Weg vorzeichnet, den er wandeln will, selbst die Grundsätze aufstellt, nach denen er denken und handeln will. Der freie Mann gibt sich selbst seinen Imperativ und lebt nach demselben. Je strenger er aber demselben nachlebt, umso mehr hängt er natürlich von seiner Ideenassoziation ab; aber diese Assoziation und die Abhängigkeit von derselben ist eine selbstgewollte selbstgesetzte, eine Assoziation die sich wieder aufheben und ändern läßt, und darin liegt seine Freiheit. Der unfreie Mensch dagegen ist der willenlose Spielball seiner Ideenassoziation, ein Spielball des Zufalls in der Verbingung seiner Vorstellungen und ein Sklave der augenblicklichen Laune, in die ihn seine Ideenassoziation versetzt. - Näher auf das Problem der menschlichen Freiheit einzugehen ist hier nicht der Ort. Diese Andeutungen genügen jedoch, um zu zeigen, daß der Determinismus in der Ideenassoziation keineswegs so gefährlich für die menschliche Freiheit ist, als es scheinen möchte.

Die größte Bedeutung erhält die Ideenassoziation schließlich auch dadurch, daß  in ihr die geistige Individualität des Menschen liegt.  Jeder Mensch hat eine doppelte Individualität: eine materielle, welche in seinem räumlich zeitlichen Dasein liegt und eine geistige; und diese ist bedingt durch seine Ideenassoziation. Es gibt keine zwei Menschen, welche genau dieselben Erfahrungen und daher genau dieselbe Ideenassoziation hätten. Es können ja schon zwei Menschen nicht einmal ein und denselben Gegenstand betrachten, ohne verschiedene Bilder desselben in sich aufzunehmen. Und nun vergleicht erst Jeder denselben noch mit seinen Erfahrungen und sagt auch unverhohlen, daß er mit seinen Erfahrungen dieses Objekt so betrachten muß. Dadurch entsteht eine unendliche Verschiedenheit in den Geistern, und es gibt keine zwei Menschen auf der Welt, die sich ein und denselben Gegenstand in genau derselben Weise vorstellen und über ihn genau dasselbe denken. Jeder Mensch ist nicht bloß körperlich, sondern auch geistig "nur die Summe von Eltern und Amme, Ort und Zeit, Luft und Wetter, Schall und Licht, von Kost und Kleidung." Jeder Mensch ist das Produkt seiner indidividuellen Erfahrungen und der individuellen Verbindung derselben in seiner Ideenassoziation. Darauf beruth seine Persönlichkeit und Individualität, sein ganzes Denken und Handeln Wer einen Menschen gründlich kennen lernen will, braucht nur seine Ideenassoziation zu studieren; ihr Inhalt ist ja der  terminus medius [Mittelbegriff - wp], an dem er alles, was er wahrnimmt und denkt, prüft.

Trotz dieser ungeheuren Verschiedenheit der geistigen Individualität der Menschen infolge der Ideenassoziation sind wir alle doch durch die gleichen Gesetze des Denkens und Erkennens zur Einheit gebunden, und so verschieden auch der Inhalt der Erfahrungen der einzelnen Menschen ist, die Formen derselben sind doch für alle die gleichen und alle denken und erkennen die Dinge nach denselben Gesetzen.

Die Stellung der Ideenassoziation zur Persönlichkeit und Individualität des Menschen ist von höchster Wichtigkeit für die  Unsterblichkeitsfrage  So interessant dieser Gegenstand wäre, begnüge ich mich doch damit dieses hier angedeutet zu haben und überlasse das Weitere dem eigenen Nachsinnen denkender Leser.

Da alle Erfahrung uns durch Vergleiche zum Bewußtsein und zur Erkenntnis kommt, durch dieselbe Tätigkeit aber auch zugleich in unsere Ideenassoziation aufgenommen wird, so können wir mit vollem Recht behaupten:  Der Gedanke des Menschen ist ewig,  d. h. was einmal in mein Bewußtsein und damit in meine Ideenassoziation eingegangen ist, ist und bleibt mein geistiges Eigentum, solange ich lebe und kann nicht wieder für mich verloren gehen, da ich in der Ideenassoziation das Mittel habe alle meine Erfahrungen unter günstigen Bedingungen wieder zu reproduzieren. So
    "lehrt die Erfahrung, daß Menschen besonders im Traum oder bei fieberhaften Anfällen, sogar im hohen Alter oft Vorstellungen reproduzieren, welche sie vor langer Zeit gehabt und woran sie in ihren späteren Jahren überhaupt nicht gedacht haben."  (Wilhelm Esser, Psychologie, Seite 173)
Dinge, deren wir uns Jahre lang nicht mehr erinnert haben, stehen plötzlich wieder klar und deutlich vor unserem Bewußtsein. Zum Beispiel eine Persönlichkeit, die wir viele Jahre nicht mehr gesehen und an die wir nicht weiter gedacht haben, erkennen wir, wenn wir zufällig wieder mit ihr zusammentreffen, oft sofort wieder. Was einmal in uns eingegangen ist, bleibt unser ewiges Eigentums und geht nicht wieder verloren. Darum können wir auch nicht leicht mit voller Bestimmtheit sagen, daß uns eine Vorstellung gänzlich abhanden gekommen ist, sondern wir lassen es dahingestellt und meinen: "Es wird uns schon wieder einfallen." Wie kommt es dann aber, daß wir manches doch so schnell wieder vergessen? Wenn der Gedanke ewig ist, möchte man glauben, ein Vergessen sei gar nicht möglich. Und so ist es auch.  Es gibt kein Vergessen. Alles Vergessen ist nur die subjektive Unfähigkeit zu unterscheiden.  Daraus erklärt sich die vermeintliche allmähliche Verdunkelung unserer Vorstellungen, welche keineswegs als eine "stetige Abnahme der Vorstellungen bis zum Nullpunkt hin" betrachtet werden darf. Der sogenannten Vergessenheit sind namentlich Erfahrungen ausgesetzt, die wir tagtäglich machen. So wissen wir am andern Tag oft schon nicht mehr, was wir alles am Tag vorher getan haben, am Samstag nicht mehr, was am Montag war. Wenn wir eben ein Geschäft alle Tage verrichten oder irgendeine Vorstellung häufig haben, so vermögen wir bald in der Masse ähnlicher und fast gleicher Vorstellungen, jede einzelne nicht bestimmt zu unterscheiden, und können daher oft nicht sagen, welche unter diesen vielen gleichartigen Vorstellungen diejenige ist, welche wir an diesem oder jenem Tag in uns aufgenommen haben. Man hat schon geglaubt, es bilde sich aus der Masse ähnlicher und gleichartiger Vorstellungen eine einzige Allgemeinvorstellung mit ineinanderfließenden Grenzen, welche alle übrigen in sich befassen würde, allein das ist wohl nicht richtig, vielmehr führt mir meine Ideenassoziation nur ganz konkrete Vorstellungen in der Schnelligkeit vorüber, von welchen ich aber wegen ihrer großen Ähnlichkeit, eine von der anderen nicht mehr leicht und bestimmt zu unterscheiden vermag. Alles Vergessen beruth also nicht auf einem Verblassungs- und Vernichtungsprozeß unserer Vorstellungen, sondern ist nur die subjektive Unfähigkeit des Denkvermögens in einem Komplex gleichartiger und ähnlicher Vorstellungen, die eine von der andern noch sicher und bestimmt zu unterscheiden. Wenn daher jemand über etwas nachdenkt und das Rechte gefunden zu haben meint, dann aber z. B. aus den begleitenden Umständen ersteht, daß er sich doch geirrt hat, so sagt er, er habe beide Vorstellungen  "verwechselt".  So verwechseln wir, was wir am Montag getan haben, in der Erinnerung mit dem, was wir am Dienstag taten und vermögen das Eine vom Anderen nicht mehr bestimmt zu unterscheiden. Gerade daraus aber erhellt sich klar, daß unsere Ideenassoziation uns kein verschwommenes Totalbild der einzelnen gleichartigen Erfahrungen vorführt, sondern immer ganz bestimmte, konkrete Vorstellungen; sonst wäre eine Verwechslung ähnlicher Vorstellungen gar nicht denkbar.

Andererseits aber ist es eine Tatsache, daß wir das Außergewöhnliche in unserem Leben z. B. Gefahren, die wir ausgestanden haben, folgenreiche Ereignisse etc. nicht leicht wieder vergessen, weil eben alles Erinnern nur ein Unterscheiden der reproduzierten Vorstellungen ist, und da, wo ähnliche Vorstellungen fehlen, die uns das Unterscheiden schwer machen könnten, eine Verwechslung möglich ist.

Es gibt also in der Tat kein Vergessen, keine Verdunklung oder Vernichtung, keine Verschmelzung unserer Vorstellungen, nichts geht spurlos verloren, sondern alles scheinbare Vergessen ist nur die subjektive Unfähigkeit unter einer Masse ähnlicher und fast gleicher konkreter Vorstellungen eine bestimmte Wahl treffen zu können.

Wenn es nun aber  tatsächlich  feststeht, daß wir Vorstellungen vergessen und zwar dergestalt vergessen, daß wir uns auch nicht erinnern, sie jemals gehabt zu haben, daß also keineswegs alle Vorstellungen erinnerbar sind, so wird es nötig sein, noch zu untersuchen, was denn überhaupt in unsere Ideenassoziation aufgenommen und von ihr reproduziert werden kann, damit wir nicht am Ende Dinge von ihr verlangen, die sie ihrer Natur nach gar nicht leisten kann. Hierfür läßt sich ein ganz bestimmtes Gesetz aufstellen:


Reproduktionsfähigkeit
der Ideenassoziation

Da nämlich in unsere Ideenassoziation nur dasjenige aufgenommen wird, was verglichen und unterschieden und dadurch mit den früheren Erfahrungen durch  tertia comparationis  verbunden wurde, so kann die Ideenassoziation auch nur das reproduzieren, was wir verglichen und unterschieden haben, und es ist ein unbilliges Verlangen, sie für anderes haftbar zu machen.  Das Gesetz der Reproduktion der Vorstellungen  lautet hiermit:
    Unsere Ideenassoziation reproduziert die Erfahrungen nur so weit, als wir sie verglichen und unterschieden haben. Was gar nicht verglichen wurde, reproduziert sie nicht wieder. Was nur flüchtig verglichen und daher auch nur unbestimmt unterschieden wurde, kommt nur dunkel und verschwommen entsprechend der Mühewaltung, die wir auf die Vergleichung desselben verwendet haben, in der Reproduktion wieder zur Erscheinung. (Vgl. auch Ulrici, Gott und der Mensch, Seite 478)
Es ist daher ganz richtig, daß wir uns keineswegs an Alles, was wir erlebt haben, wieder erinnern, ja daß wir aoft sogar nicht mehr wissen, irgendeine fragliche Vorstellung jemals gehabt zu haben. Allein man muß dabei eben auch auf die Reproduktionsfähigkeit der Ideenassoziation blicken. Was ich nicht verglichen habe, kann sie mir ja nicht reproduzieren, da es nicht durch Medien verbunden wurde. So könnte ich einem, der mich fragen würde, was für einen Rock dieser oder jener Bekannte gestern angehabt hat, oft mit bestem Willen keine Antwort geben, da ich auf solche Dinge nicht zu schauen (vergleichen) pflege. Junge und alte Damen dagegen wissen dies ganz genau, weil sie für dergleichen Dinge Interesse haben und sie vergleichen. Es ist daher auch ganz gewiß richtig, wie ULRICI ("Gott und der Mensch", Seite 489f) meint, daß das  Interesse das wir an den Sinneswahrnehmungen nehmen, wesentlich zur leichteren Wiedererinnerung derselben beiträgt, da wir ja alles, was uns interessiert, viel genauer vergleichen und daher bestimmter unterscheiden, als das, für was wir kein Interesse haben.

Andererseits aber kann man von mir auch nicht verlangen, daß ich das, was ich nur flüchtig verglichen und daher auch nur unbestimmt und verschwommen perzipiert (unterschieden) habe, klar und deutlich reproduziere. Wenn solche Vorstellungen, dann ebenfalls nur unbestimmt und verschwommen reproduziert werden, so liegt dieses nur in der Natur der Sache, und war nicht anders zu erwarten, Was nie bestimmt und klar in mein Bewußtsein einging, kann eben auch nie bestimmt und klar reproduziert werden.  Es gibt  also eigentlich  keine verblaßten und verdunkelten Vorstellungen,  und wo sich solche finden, sind sie nicht etwa durch einen allmählichen Verblassungs- oder Verschmelzungsprozeß entstanden, sondern der Grund ihrer Verschwommenheit liegt bereits  im Erkenntnisakt.  So sagt auch ULRICI ("Gott und der Mensch", Seite 342), daß wir uns der Vorstellungen umso leichter und sicherer erinnern "umso bestimmter klarer und deutlicher" sie ursprünglich gefaßt (d. h. unterschieden) wurden.

Indessen ist diese Verschwommenheit und Unbestimmtheit ein Mangel, an dem überhaupt alle reproduzierten Vorstellungen mehr oder weniger leiden. Wenn wir etwas auch noch so genau angesehen haben, wird es doch oft nur unvollkommen reproduziert, und erst wenn wir die gehabte Anschauung im Detail reproduzieren wollen, merken wir, wie wenig wir in der unmittelbaren Sinneswahrnehmung genau verglichen und daher bestimmt unterschieden haben. Der allgemeine Umriß, die allgemeine Gestalt einer Sache ist schnell unterschieden, das Detail dagegen wird gewöhnlich nur flüchtig verglichen und daher nur unbestimmt unterschieden, kann infolgedessen auch nicht bestimmter reproduziert werden, als es in die Ideenassoziation aufgenommen wurde.  Die Reproduktionsfähigkeit der Ideenassoziation deckt sich mit der Arbeitsleistung der Denktätigkeit in der Sinneswahrnehmung. 

Was dagegen einmal bestimmt unterschieden in die Ideenassoziation aufgenommen wurde, kann jederzeit unter günstigen Umständen reproduziert werden und geht nie wieder verloren, da wir ja in der Ideenassoziation eben den Schlüssel haben, den Gesamtinhalt unserer Erfahrung uns wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Sonst wäre auch in der Tat nichts trostloser als die Existenz eines Gelehrten. Sich mit Kenntnissen bereichern hieße Wasser in das Faß der Danaiden tragen. Soll die geistige Arbeit des Menschen kein vergebliches Bemühen und alles Lernen nicht eine Torheit sein, dann müssen wir festhalten an dem Satz:  Die Gedanken des Menschen sind ewig. -

Dieses Gesetz, glaube ich, ist der klarste Beweis auch dafür, daß sich  der Inhalt unserer Sinneswahrnehmung nicht von selbst in der Anschauung verschmilzt,  sondern  durch die Tätigkeit  unseres Denkens einheitlich durch  tertia comparationis  verbunden wird. Denn würde er sich von selbst zur Einheit einer Vorstellung verschmelzen, so müßte die Anschauung vollständig reproduziert werden können; so aber wird nur dasjenige reproduziert, was durch unsere Denktätigkeit verglichen und unterschieden wurde, und dadurch sich sowohl unter sich, als auch mit der früheren Erfahrung in der Ideenassoziation verbunden hat.

HERAKLIT hat gesagt: Alles fließt. Die Welt ist in einem beständigen Werden begriffen, nicht zweimal vermagst du in denselben Fluß zu steigen. Diese Lehre vom ewigen Fluß gilt auch für den menschlichen Geist. Auch unsere Gedanken sind in einem beständigen Werden begriffen:  Alles fließt in unserem Geist.  In jedem Augenblick machen wir ja neue Erfahrungen, die wir durch  vergleichen  und  unterscheiden  erkennen, dadurch aber zugleich auch in unsere Ideenassoziation aufnehmen und sie uns für immer einverleiben. Da nun aber die Ideenassoziation das Medium zu jedem Erkenntnisakt liefert mit dem wir jede neue Erfahrung vergleichen müssen, und dadurch ihr Inhalt beständig neue Verbindungen mit neuen Erfahrungen eingeht, so geraten unsere Gedanken in einen ewigen Fluß. Jeden Augenblick machen wir neue Erfahrungen und verbinden sie mit den früheren, jeden Augenblick ist daher der Mensch ein anderer und in keinem Augenblick ist er ein und derselbe, der er früher war. Da alles Denken und Erkennen wesentlich Tätigkeit ist und auf Vergleichen beruth, so ist ein Stillstand der Ideenassoziation, da sie die Medien zur Vergleichung schafft und ohne solche kein Vergleichen, also kein Denken möglich ist, ebensowenig denkbar, wie ein Stillstand des Denkens, wenn wir uns auch nicht immer klar bewußt sind, daß wir denken und daß unsere Ideenassoziation in Bewegung ist.  Der ewige Flußt der Gedanken  ist somit  ein notwendiges Postulat der eigentümlichen Organisation des Menschen.  Unsere eigentümliche Denktätigkeit ist der  Grund des ewigen Flusses der Ideenassoziation.  Wie der ewigwechselnde Mond so sind die Gedanken des Menschen. Sie sind dieselben und sind es nicht; in jedem Augenblick stehen sie unter einer anderen Beleuchtung, und du erkennst sie wieder und kennst sie nicht mehr die schönen ewigwandelnden Kinder der Natur und deines Geistes.

Ist so der psychische Mensch, der ja jeden Augenblick nur das Resultat seiner ganzen bisherigen Erfahrung ist, in einem beständigen Wechsel begriffen und zu keiner Zeit derselbe, der er früher war: was Wunder! wenn er nach Monden und Jahren die Welt mit ganz anderen Augen betrachtet, als früher. Wir vermögen ja nicht einmal ein und dasselbe Buch zum zweiten Mal mit denselben Augen zu lesen; so oft wir es lesen, lesen wir etwas anderes heraus, denken wir etwas anderes hinein, weil wir selbst schon wieder Andere geworden sind.

So erscheint dir die Welt schön und häßlich, du freust dich des Lebens und fluchst dem Tag, der dich geboren hat, bist heute froh und morgen traurig, weil du beständig ein Anderer und nie derselbe bist. In ewiger Veränderung sind des Menschen Gedanken begriffen; Nichts bleibt dasselbe, Alles wird gewandelt. Über dem Wechsel aber steht das Gesetz; dieses allein kennt den Wechsel nicht.

Der ewige Fluß existiert also auch im menschlichen Geist. Wir haben ein Bewußtsein davon und sprechen vom Wechsel der Vorstellungen und Gefühle, von einem Unterschied zwischen jetzt und früher usw. Dies wäre aber nicht möglich, wenn nicht etwas in uns wäre, was in allem Wechsel beharrt und sich gleichbleibt. Da nämlich alles Bewußtsein nur durch Vergleichen, bzw. Unterscheiden entsteht, so wissen wir von unserer Veränderung nur dadurch, daß wir unseren jetzigen Zustand mit dem früheren vergleichen und so den Unterschied beider wahrnehmen. Wäre aber unser Bewußtsein selbst mit in die allgemeine Veränderung verflochten und nur ein begleitendes Phänomen unserer Vorstellungen, so hätten wir kein Bewußtsein einer Veränderung, da das Bewußtsein unseres früheren Zustandes in dem des jetzigen aufgegangen, ein Vergleich beider Zustände also nicht möglich wäre. Daher ist die Verknüpfung der mannigfaltigen Vorstellungen in der  Einheit des Bewußtseins  die Grundbedingung und unabweisbare Voraussetzung der Möglichkeit des Bewußtseins unserer Veränderungen. Unser Bewußtsein geht nicht wie ein Keim in seiner Entfaltung in seinen wechselnden Vorstellungen auf, sondern bleibt über allem Wechsel als ein Beharrendes stehen. Das "Ich denke" sagt KANT, muß alle meine Vorstellungen begleiten können (Werke II, Seite 129).

Es könnte nun scheinen, als ob die Ewigkeit des Gedankens und der ewige Fluß derselben in einem Widerspruch stehen. Dem ist aber nicht so.  Ewig  sind nämlich unsere Erfahrungen so weit sie  Inhalt einer Ideenassoziation  geworden sind, weil wir dadurch im Besitz des Mittels sind, sie unter günstigen Umständen reproduzieren zu können.  Beständig wechselnd  dagegen sind die  einzelnen Formen (Verbindungen) der Erfahrung in der Ideenassoziation.  Beständig werden unsere Vorstellungen durch die Denktätigkeit teils unter sich, teils mit neuen Erfahrungen in neue Verbindungen gebracht, unter neue Gesichtspunkte gestellt; beständig erscheint uns daher unsere Gesamterfahrung, unsere Welt- und Selbstanschauung unter einer anderen Beleuchtung, in einem anderen Licht. Man verstehe mich daher recht: Nicht der Inhalt der Ideenassoziation auch nicht die Form, das Gesetz derselben ist dem Wechsel unterworfen, sondern  nur die einzelnen Verbindungen der Erfahrung in der Ideenassoziation, die tertia comparationis  wechseln und damit das Verständnis der Erfahrung (denn unter anderen Gesichtspunkten erscheint uns ein und dasselbe Ding wieder ganz anders);  tertia comparationis aber bleiben sie immer.  Sie werden auch nicht in dem Sinne andere, daß die früheren Verbindungen hierdurch gelöst würden, und an ihre Stelle nun die neue träte; jene früheren bleiben vielmehr, und wir wissen daher recht gut, daß wir irgendeinen Gegenstand früher ganz anders betrachtet und verstanden haben, zu den früheren Verbindungen aber gesellen sich neue, so daß ein und dasselbe Ding mit vielen anderen Vorstellungen durch verschiedene  tertia comparationis  verbunden ist. -

Da ich gerade von der Verknüpfung des Mannigfaltigen in der Einheit des Bewußtseins sprach, so ergreife ich diese Gelegenheit, um noch einmal auf den oben aufgestellten Satz zurückzukommen,  daß der Unterschied als solcher unabhängig von uns nicht existieren kann.  Alles unterscheiden setzt nämlich nicht nur Etwas, welches unterschieden werden soll, und Etwas von dem es unterschieden werden soll voraus, aller Unterschied ist also nicht nur erst das Produkt dieser beiden und eines dritten Faktors, des unterscheidenden Subjekts, sondern aller Unterschied setzt auch die Verknüpfung des Mannigfaltigen in der Einheit des Bewußtseins voraus. Denn ich könnte keine Unterschiede wahrnehmen, könnte zwei Dinge nicht voneinander unterscheiden, wenn ich, sobald ich auf das zweite Objekt blicke, das erste schon wieder vergessen hätte, und nicht beide Objekte als Inhalt  meines  Bewußtseins wüßte. Da also die Wahrnehmung des Unterschiedes die Verknüpfung des Mannigfaltigen in der Einheit des Selbstbewußtseins voraussetzt, mithin von unserer eigentümlichen Organisation bedingt ist, so folgt hieraus wieder, daß der Unterschied als solcher unabhängig von uns nicht auftreten kann.


LITERATUR - Max Schießl, Untersuchungen über die Ideenassoziation und ihren Einfluß auf den Erkenntnisakt, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge, Bd. 61, Halle/Saale 1872