ra-1cr-2MauthnerSigwartR. HönigswaldH. LanzHerbart     
 
OTTO von der PFORDTEN
Der Dingbegriff
und die Sinnespsychologie


"Auf die sich ergebenden Fragen nach dem Erkenntniswert des Dingbegriffs antwortet die  Erkenntnistheorie  durch das Aufwerfen des eigentlich philosophischen  Realitätsproblems.  Nur hier konnte der Begriff des  Ding-ansich  entstehen, und nur hier hat er eine Bedeutung; Physiologie und Psychologie haben mit dem Ding ansich absolut nichts zu tun und können dieses Problem niemals beantworten. Denn es lautet etwa so: haben wir logisch berechtigte Gründe, an der Existenz einer Außenwelt zu zweifeln oder sie zu statuieren; es bedeutet also eine logische  Prüfung  des naiven Realitätsbewußtseins."

"Erkenntnis ist ein Problem der Vernunft oder des logischen, wissenschaftlichen, möglichst  vollkommenen  Denkens. Niemand nimmt an, daß die Sinne uns Erkenntnis ohne denkende Bearbeitung liefern. Daß wir die Welt nicht einfach  sehen,  wie sie  ist,  das lehrt schon die Tatsache der Verkehrtheit unserer Netzhautbilder und die sogenannten Sinnestäuschungen. Niemand sucht die Vernunft in unserem Sehorgan. Auch die  Naturwissenschaft  in ihren Begriffsbildungen nicht, sonst gäb es es neben der Physiologie gar keine Physik. Ihre Begriffe fallen nicht in unser sinnliches Bewußtsein, sondern sind Produkte unseres Nachdenkens und ob wir ein Recht haben, in ihnen mehr zu sehen, als subjektive und etwa denkökonomische Hilfsmittel, das kann niemals aus Vorgängen beim Sehen bewiesen oder geleugnet werden."

Es ist dem  Logos  in der Philosophie nie günstig gewesen, wenn die Kompetenzen der einzelnen Gebiete überschritten und von Resultaten einer methodischen Betrachtungsweie kühn Schlußfolgerungen für eine davon verschiedene gezogen worden sind. Mag man auch hier die LEIBNIZsche  lex continui  [Gesetz der Kontinuität - wp] oder KANTs  commercium omnium  [Gemeinschaft aller - wp] anrufen, so muß doch bestehen bleiben, daß die verschiedenen Denkweisen verschiedene Aufgaben zu lösen haben, mag auch das Ganze dem einen Menschengeist entspringen und sich auf die eine Welt als Objekt beziehen. Beim Problem der  Realität  der Dinge und der Außenwelt ist doch folgendes scharf zu unterscheiden:

    1. Das sogenannte  Realitätsbewußtsein,  also das, was uns  vor wissenschaftlich im sogenannten naiven Realismus des Lebens vorliegt und die ungeprüfte Überzeugung der Menschheit bildet. Auch hier findet die Wissenschaft Probleme; zunächst in den Fragen: wie kommt es zustande? Und wie ist es näher betrachtet  beschaffen,  aus welchen Daten setzt sich diese vorwissenschaftliche Überzeugung zusammen? Speziell für den Begriff eines  Dinges  also: wie ist er in unserer gesamten  Organisation  begründet? Entsteht er durch Sinnesempfindungen und durch welche? Und gehört er dann zu den vererbten Anlagen, die uns zwingen, ihn zu bilden? Darauf antworten  Physiologie  und  Psychologie,  und hier kann auch die experimentelle Beobachtung neues Material zur Klärung und Verfeinerung bringen.

    2. Das  Realitätsproblem  der Erkenntniskritik bzw. Metaphysik. Hier ist das Realitätsbewußtsein gegebene Voraussetzung, denn ohne es würde das Problem nicht auftauchen, andererseits aber sind seine Beschaffenheiten in keiner Weise maßgebend.
Denn daß uns die  Sinne  ohne weiteres  keine  richtige, klare oder adäquate Erkenntnis verschaffen, ist eine Überzeugung, die für alle Erkenntnistheorie von vornherein feststeht. Sonst wäre auch ihre eigene Bemühung völlig zwecklos. Es steht hier nicht in Frage,  wie  unsere psychische Organisation zustande kommt, sei es nun beim einzelnen oder bei der ganzen Gattung, sondern ob und was wir mit dieser fertigen und hochentwickelten Organisation anfangen bzw. leisten können. Das Erkenntnisproblem ist in keiner Hinsicht  genetisch,  es zieht auch nur höchste Leistungen des Menschen in Betracht, nicht etwa die von Kindern, Naturvölkern oder pathologischen Individuen, die wiederum der Psychologie die wichtigsten Aufschlüsse geben können. Nur das möglichst vollkommene Denken und seine mögliche Leistung steht hier in Frage. Speziell beim  Dingbegriff  also  nicht  sowohl seine populäre, als auch seine wissenschaftliche Formulierung in Begriffen wie:  Substanz - Materie - Atom - Molekül - Elektron - Äther  usw., sowie deren Zusammensetzungen, sei es in geometrischen Figuren, bei denen eine ideale Raumerfüllung gedacht wird, sei es in physikalischen und chemischen Begriffsbildungen komplizierter Art. Auf die sich da ergebenden Fragen nach dem Erkenntniswert des Dingbegriffs antworten   target="_blank"Logik  und  Erkenntnistheorie die erstere durch eine sorgfältige Analyse logischer Bedeutungen und Normierung der wertvollen und vollkommenen; diese durch das Aufwerfen des eigentlich philosophischen  Realitätsproblems  und seine verschiedene Beantwortung. Nur hier konnte der Begriff des  "Ding-ansich"  entstehen, und nur hier hat er eine Bedeutung; Physiologie und Psychologie haben mit dem Ding ansich absolut nichts zu tun und können dieses Problem niemals beantworten. Denn es lautet etwa so: haben wir logisch berechtigte Gründe, an der Existenz einer Außenwelt zu zweifeln oder sie zu statuieren; es bedeutet also eine logische  Prüfung  des naiven Realitätsbewußtseins. Der Phänomenalismus verneint nicht den psychologischen Dingbegriff, und der Realismus beweist ihn nicht; die Frage ist, ob ein Seiendes außerhalb von uns ihm zugrunde liegt.

KANT nun im besonderen hat sich für genetische Fragen kaum interessiert; seine gelegentlichen Bemerkungen über das "Angeboren" sein sind widerspruchsvoll; die Kategorien sind jedenfalls keine "eingepflanzten Anlagen zum Denken". (1) Physiologe war er gar nicht, und seine psychologischen Begriffe entnahm er bekanntlich anderen Autoren, besonders TETENS. Die mehr psychologisch gefaßte  erste  Redaktion der "Deduktion" hat er verworfen, und die einheitlichere zweite Fassung ist sicher als Verbesserung gemeint und nicht ein Zurückweichen in Bezug auf die Idealismus-Frage, wie es z. B. SCHOPENHAUER sonst für die Veränderungen der zweiten Auflage annimmt. Das Problem, das sich KANT gestellt hatte, lautet eben  nicht:  wie kommen wir dazu, einzelne Empfindungen in der Wahrnehmung zusammenzufassen (bzw. den Dingbegriff zu bilden); es ist durchaus  kein  Wahrnehmungsproblem (2). Das vorwissenschaftliche Ding gehört nicht in die reine Vernunft, und Erkenntnistheorie ist keine Theorie des Sehens. Auch so banal war KANTs Gedanke nicht, daß er feststellen wollte, daß wir vermöge unserer Organisation die Dinge anders auffassen, als etwa ein Löwe oder eine Molluske - oder ein Engel oder ein Marsbewohner; diese Art von Subjektivität ist nicht gemeint. Aber auch die seit DEMOKRIT diskutierte Subjektivität der Sinnesqualitäten ist nicht die Grundlage der Erkenntnisfrage, sonst müßte sie in den Prolegomena oder der "Kritik der reinen Vernunft" hervorgehoben sein; diese These stand etwa für GALILEI und seine Nachfolger im Vordergrund.

Sondern die kritische Frage lautete: wie sind apriorische synthetische Urteile möglich (3); d. h. wie kommt objektiv gültige Erfahrung zustande; noch kürzer: wie ist sichere Wissenschaft möglich? Auch in der Logik steigt KANT nicht vom psychologischen Urteilen zu den logischen Begriffen auf, sondern nimmt diese als fertig gegeben, und zwar schon in geläuterter Form (z. B. die NEWTONschen Naturbegriffe). Was unsere Begriffe leisten, ist die Frage; wie sie zustande kommen, nicht. SCHOPENHAUER, HELMHOLTZ, F. A. LANGE u. a. haben den sogenannten "transzendentalen" Gedanken mißverstanden, bzw. in ein Wahrnehmungsproblem umgedeutet. Die Kategorien, auch die der Substanz, sind ihm Erfahrungsbedingung (conditiones sine qua non [Grundvoraussetzungen - wp]), aber nicht Daten der Psychophysik; und auch die "Anschauungsformen" Raum und Zeit sind nicht physiologisch gemeint und wollen nicht die Theorie des Sehens erläutern.

Es wäre durchaus möglich, daß unsere Sinne uns nur "verworrene" und im groben Sinn subjektive Daten liefern und  dennoch  die Vernunft mit Recht Realitäten statuiert. KANT  verneint  dies, aber nicht wegen der Unzuverlässigkeit der Sinne, den mannigfachen Sinnestäuschungen und der Unsicherheit der Empfindung. Sondern weil nur das apriori Erkannte ihm allgemeine Gültigkeit garantiert; nur das "Ding-ansich", oder etwa das "Universum ansich" läßt er stehen. Die Wissenschaft ruht auf der psychophysischen Organisation; aber was diese in ihrer höchsten Funktion, dem vernünftigen Denken leistet, das ist die Frage. Auch die Naturwissenschaft benützt ja nur die sinnlichen Daten, um zu nur mehr logischen Begriffen fortzuschreiten; noch niemand hat ein Elektron gesehen. Welche Dignität diesen Begriffen zukommt, ist das Problem der Erkenntnis; und nicht, wie wir oder das  genus homo sapiens  es wohl anstellen mußten, sie zu gewinnen. Wir  haben  sie - und nun frägt es sich, was sie wert sind.

Dies alles wird vielen Lesern und jedenfalls allen Kennern der Philosophie KANTs recht selbstverständlich erscheinen; es ist auch schon in vielen Werken über KANT mit diesen oder anderen Worten zu lesen und wird meist in den Vorlesungen so vorgetragen. Allein diese Feststellungen haben wieder ein ganz  aktuelles  Interesse erhalten, da ein anerkannter Vertreter der experimentellen Psychologie, dessen Auffassungen als typisch für eine ganze Richtung gelten dürfen, die entgegengesetzte Auffassung vertritt.

ERICH JAENSCH betont schon im Titel seines Buches "Über die Wahrnehmung des Raumes" (4) die Anwendung auf die Erkenntnislehre. Den Hauptinhalt bilden Versuche zu folgenden Problemen: über das Wesen der Tiefenwahrnehmung, wobei die psychologischen Grundlagen der impressionistischen Malerei erörtert werden (5); dann über das Verhältnis der Querdisparation zur Aufmerksamkeitslokalisation; über die scheinbare Größe usw. und schließlich die psychologischen  Grundlagen  unseres  Weltbildes.  Nach Untersuchungen über das Kostersche Phänomen, ihrer Anwendung auf die Lehre von der scheinbaren Größe der Sehdinge und von der psychologischen Homogenität der drei Dimensionen des Sehraumes folgt im letzten Kapitel (Seite 449f) die Anwendung auf die Lehre vom Dingbegriff und vom Realitätsbewußtsein.

JAENSCH beginnt mit einem Zitat aus CHRISTOPH SIGWARTs "bedeutender" Logik, Bd. 2, dritte Auflage, 1904, Seite 120, an welcher Stelle lediglich die Unveränderlichkeit der Gestalt betont ist; SIGWART sagt darin ausdrücklich: "besinnen wir uns, was uns  zuerst  bestimmt, irgendein Wahrgenommenes als Ding zu betrachten". Denn sein Programm für die Analyse des Dingbegriffs ist, "beim Nächstliegenden zu beginnen",  dazu  gehört diese Stelle. Schon am Anfang des § 72 hatte er gesagt, der Vorstellung des Dings liege eine räumliche und zeitliche Synthese zugrunde, sowie eine Synthese verschiedener Empfindungsinhalte; "und hieraus entspringt die Unterscheidung des einen Dings von einen verschiedenen  Eigenschaften".  JAENSCH fügt  ergänzend  hinzu, daß wir den Dingen nicht nur bestimmte Gestalten, sondern auch bestimmte  Farben  zuschreiben: Der Kreide die weiße, dem Schwefel die gelbe, der Kohle die schwarze Farbe. Das ist aber keine Ergänzung, sondern ein völliger Widerspruch zu SIGWART; denn die Farbe ist doch eine Eigenschaft. Er sagt zwar auch schon (Seite 122), "was als Einheitliches abgegrenzt werdne kann, ist zunächst entweder durch die Farbe oder durch Empfindungen des Tastsinns bestimmt, eine  gesehene  oder  getastete  Gestalt", übersieht also die Farbe nicht. Weiterhin, bei der Kontinuität der Vorgänge (Seite 129), aber sagt er: "wenn sich vor unseren Augen ein blaues Papier rötet ... so haftet die Einheit des Dings jetzt an der zeitlichen Kontinuität der Empfindungsvorgänge usw." und später (Seite 133) bei der Trennung des Bleibenden vom Veränderlichen: "beim Blatt, das sich verfärbt, bleibt die  Form,  die  Farbe  wechselt usw. Auch einen Hummer halten wir für dasselbe Ding, obwohl er sich beim Kochen rot färbt (6). SIGWART würde zweifellos auch  Helligkeitsunterschiede  und  Beleuchtungsdifferenzen  zu den Eigenschaften und nicht zum Dingbegriff gerechnet haben.

Aber auch die logische Erklärung für die Beobachtungen des Physiologen E. HERING, zu denen JAENSCH dann fortschreitet, hat SIGWART schon an derselben Stelle gegeben. Er sagt (Seite 133)
    "und so schwebt uns in der Tt meist, wenn wir vom Verändertsein der Dinge reden, das  gewohnteste Bild als das eigentliche Ding  vor, und wir durchlaufen die Reihe der Veränderungen in der reproduzierenden Einbildung, um uns nachher allmählich an das neue Bild zu gewöhnen".
Nach Mitteilungen über Beleuchtungen und Helligkeiten heißt es bei JAENSCH: "durch einen schönen Versuch zeigt HERING, daß für unser Auge ein bei Tagesbeleuchtung blau erscheinendes Papier auch bei Gasbeleuchtung blau bleiben kann, obwohl es jetzt ein Strahlengemisch zurückwirft, welches wir bei Tage auch nicht im Enferntesten blau, sondern vielmehr braun sehen. HERING führt diese annähernd verwirklichte Farbenkonstanz der Sehdinge auf das Zusammenwirken mehrerer, im einzelnen genauer angebbarer  Regulierungsvorrichtungen  oder  Selbststeuerungen  des äußeren und inneren Auges zurück; was JAENSCH in der Anmerkung ergänzt: "im weitesten Sinne, d. h. unter Einrechnung der nervösen Funktionen, die dem Sehakt dienen". Er fährt dann fort: "es ist (trotz des Vorbehalts sinnesphysiologischer Korrekturen) gewiß, daß diesem Werk ein bleibender und als  wahrhaft  philosophisch zu bezeichnender Gedanke zugrunde liegt". Im nächsten Satz kommt JAENSCH auf KANT und LIEBMANN; dies ist also der entscheidende Punkt und erfordert genaue Beachtung. Hier läßt sich der Sprung von der Physiologie in die Logik und Erkenntnistheorie an einem klaren Beispiel festhalten.

SIGWART würde das HERINGsche Phänomen (meines Erachtens) so erklären: es handelt sich hier gar nicht um den Begriff des Dinges "Papier", sondern um den speziellen "blaues Papier". Dies ist das  gewohnte  Bild, denn wir sehen die Gegenstände meist bei Tagesbeleuchtung; dieses bestimmte Papier haben wir als blaues unter normalen Umständen festgestellt. Verändert nun dieses bestimmte blaue Ding, dasselbe Blatt Papier, unter normalen Umständen die Farbe, so halten wir doch zunächst das gewohnte Bild fest; wir sehen es zwar braun, beurteilen es aber gewohnheitsmäßig als blau. Es ist eine Urteilstäuschung; die Sinne lügen nicht, aber unser Urteil kann sich irren. Hier verleitet durch die Konstanz des eigentlichen Dings, des Blattes Papier, das als blau zu bezeichnen, eine schon eingewurzelte Assoziation ist; Zeit genug, um uns, wie SIGWART sagt, "nachher allmählich an das neue Bild zu gewöhnen", wird uns bei HERINGs, wie bei den analogen Versuchen JAENSCHs nicht gegeben; also bleibt die alte Verknüpfung bestehen. Die Physiologie erklärt das durch Selbststeuerungen, die Logik durch Urteile; beide können so niemals zusammenkommen. Logisch betrachtet, halten wir ein gewohntes, jetzt irriges  Urteil  fest; es gibt keine Sinnes-, sondern nur Urteilstäuschungen, denn die Sinne haben nicht den Begriff von richtig und falsch.

SIGWARTs Satz wäre also angesichts solcher Beobachtungen nur dahin zu erweitern, daß wir nicht nur beim eigentliche Ding (hier dem Papier),  sondern auch  bei einer damit bereits fest assoziierten Eigenschaft (dem blau) das gewohnteste Bild solange festhalten, bis wir bei einer Verlängerung Zeit gefunden haben uns an die neue Färbung zu gewöhnen. Wenn sich z. B. blaues Lackmuspapier langsam rot färbt, während wir auf anderes achten, werden wir es erst dann  richtig  rot sehen, wenn wir genau aufmerken, bzw. es noch eine Weile für blau halten, während es schon schwachrosa ist. Die Perseveration erstreckt sich hier auch auf die Farbe und kann nur durch einen Akt der Aufmerksamkeit gestört werden. So etwa denke ich mir einen Zusatz zu SIGWART inbetreff der Gedächtnisfarben, wie ihn JAENSCH (Seite 453) verlangt (7).

Damit ist gar nichts gegen HERINGs physiologische Erklärung gesagt, die hinwiederum der Logiker nicht beurteilen kann; nur gegen das Überspringen von einer Betrachtungsmethode zu einer ganz anderen, wie es schon in der Bezeichnung dieser Versuche als philosophisch wichtig zutrage tritt. Von der Selbststeuerung führt ihn kein Weg zu KANT. JAENSCH findet ihn mittels eines Zitates aus OTTO LIEBMANN (8), aus dessen Vorrede, das mit dem Satz vom "Medium" des menschlichen Bewußtseins als keine glückliche Fassung des kantischen Gedankens gelten kann. An anderen Stellen von LIEBMANNs Buch finden sich ganz anders klingende; z. B. die folgende (9):
    "während auf der anderen Seite die Transzendentalphilosophie, unter völligem  Mißverstehen  ihrer Idee, in empirische Psychologie  verwässert  oder durch Psychologie ersetzt werden sollte, damit aber die große Frage, welches denn überhaupt die letzten Vorbedingungen aller menschlichen Erkenntnis sind, durch die ganz andere,  untergeordnete  Frage aus der Stelle gedrängt wurde, wie im einzelnen menschlichen oder auch tierischen Individuum die Vorstellungen empirisch entstehen, und ein Wissen und Erkennen allmählich in zeitlicher Entwicklung heranreift."
OTTO LIEBMANN ist also kein günstiger Zeuge für die Auffassung JAENSCHs.

Aber dieser nimmt auch die Berufung auf KANT in Anm. 2, derselben Seite 452 halb wieder zurück, indem er sagt, es handle sich bei ihm nicht um eine transzendentalphilosophische, sondern um eine naturphilosophische Untersuchung (10). Dann konnte ja aber die Hereinziehung KANTs und LIEBMANNs ganz fortfallen. Es bleibt also noch die Frage, ob die mitgeteilten Versuche für die Erkenntnisfrage überhaupt, von KANT abgesehen, oder für den Dingbegriff entscheidend sind.

Aber auch dann muß bestehen bleiben, daß Erkenntnis ein Problem der Vernunft oder des logischen, wissenschaftlichen, möglichst  vollkommenen  Denkens ist; niemand nimmt an, daß die Sinne uns Erkenntnis ohne denkende Bearbeitung liefern. Daß wir die Welt nicht einfach  sehen,  wie sie  ist,  das lehrt schon die Tatsache der Verkehrtheit unserer Netzhautbilder und die sogenannten Sinnestäuschungen. Neue Beispiele und Verfeinerungen sind sehr interessant, ändern aber an der prinzipiellen Sachlage gar nichts; niemand sucht die Vernunft in unserem Sehorgan. Auch die  Naturwissenschaft  in ihren Begriffsbildungen nicht, sonst gäbes es neben der Physiologie gar keine Physik. Ihre Begriffe fallen nicht in unser sinnliches Bewußtsein, sondern sind Produkte unseres Nachdenkens und ob wir ein Recht haben, in ihnen mehr zu sehen, als subjektive und etwa denkökonomische Hilfsmittel, das kann niemals aus Vorgängen beim Sehen bewiesen oder geleugnet werden. Das wird vielleicht noch klarer an dem von JAENSCH im Anschluß an DILTHEY (Seite 468) eingeführten Gedanken "verschiedener Grade der Sinnfälligkeit", deren das Realitätsbewußtsein fähig ist; dieses kann bei pathologischen Fällen herabgesetzt oder gestört sein. Hier leuchtet wohl der Unterschied von Psychologie und Erkenntnis, Realitätsbewußtsein und metaphysischem Realitätsproblem unmittelbar ein.

Ontologisch  kann es doch nicht  Grade  der Realität geben; ein Ding, eine Außenwelt, eine Person existiert - oder sie existiert nicht.  Tertium non datur.  [ein Drittes ist nicht möglich - wp] Aber in unserer Auffassung kann es Grade geben; daher ja auch bei DILTHEY, der an dieser Stelle nur vom Zustandekommen des Realitätsbewußtseins spricht, der richtige Ausdruck: "Grade der  Sinnfälligkeit".  Das sind aber nicht Grade der objektiven Realität. Diese kann man leugnen, aber ihr eine gradmäßige abgestufte Qualität verleihen, das kann man nicht. Oder man hat eben von vornherein aus anderen Gründen sich für einen Idealismus bzw. Spiritualismus entschieden; dann gibt es von vornherein nur Realitätsbewußtsein verschiedener Grade. Aber die Welt "ansich" wird dadurch nicht verschieden "real".

Allgemeingültige Vernunfterkenntnis kann nicht  krank  werden, auch die Logik ist doch wohl nichts Pathologisches; nur das einzelne Denken kann getrübt sein. Und wir können die Dinge mehr oder weniger deutlich sehen und dann mehr oder weniger richtig beurteilen; wie groß diese Schwankungen sind (11), lehren solche Versuche und die Psychopathologie. Aber die Leistungen des begrifflichen Denkens wollen  gelten  und über der Sphäre der einzelnen Bewußtseine ihr Recht behaupten - oder es verlieren. Die Entscheidung darüber haben nicht die Sinne, von denen sie ausgingen.

Es bleibt noch zu untersuchen, ob für den Begriff des  Dings  hier wichtige Tatsachen vorliegen. SIGWART, den JAENSCH selbst "bedeutend" nennt, scheidet gerade hier genau Psychologie und Logik, was er sonst häufig durcheinandermengt.
    "Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, durch welche Prozesse sich die Beziehung verschiedener Sinnesempfindungen auf  dasselbe Objekt  psychologisch vollzieht; es kommt nur darauf an, uns klar zu machen, welche Vorstellungen in der gewohnten Auffassungsweise liegen. Und hier ist nun die Grundvoraussetzung, daß der gesehene und der getastete Raum ein und derselbe Raum ist." (Seite 122)
Und schon früher (Seite 117) spricht er von "räumlicher und zeitlicher Synthese". Also ist ihm das Ding das Produkt einer Synthese und ruht keinesfalls auf dem Sehen  allein,  wie man übrigens schon immer, lange vor SIGWART, angenommen hat. Ferner unterscheidet er zwischen der "populären Unbestimmtheit des Dingbegriffs" (Seite 136) und einer logischen Bearbeitung (117).

Aber JAENSCH will vom Tastsinn nichts wissen. Er erledigt ihn in einer Anmerkung (Seite 460). "Es ist auch nicht angängig, die Wahrnehmung des Konstantbleibens der Größe etwa auf Erfahrungen von seiten des Tastsinnes zurückzuführen. Der Tastsinn stellt ein recht unzuverlässiges Größenkriterium (12) dar." Aber er genügt doch zu einem "populär unbestimmten" Dingbegriff, denn den hat auch der Blinde oder jeder von uns bei völliger Dunkelheit. Keinen logisch vollkommenen, aber einen für das Leben in und mit den Dingen genügenden. Der Blinde bewegt sich sicher in vertrauter Umgebung, und wir finden im Dunkeln das Schlüsselloch, wenn wir nüchtern sind. Die  logische  Bearbeitung aber fußt, wieder nicht auf dem Außergewöhnlichen oder Krankhaften, sondern auf den möglichst vollkommenen Angaben des vollsinnigen, gesunden Menschen unter normalen Verhältnissen. Da wird dann niemand seinen Dingbegriff darauf gründen, was er erlebt, wenn er "die Oberfläche einer Steinwand mit dem Blick überstreicht" oder zwischen dem Standort und der Wand hin und her wandert (JAENSCH, Seite 471), sondern er wird alle ihm verliehenen Sinne zu Hilfe nehmen und nicht  einen  ausschalten, wie es zu Versuchszwecken im psychologischen Laber von ihm verlangt wird.

Wir erleben die Außenwelt nicht durch ein Funktionieren der Sinne, bei dem wir uns ihr gegenüber  ruhend  verhielten, sondern durch die Bewegung unseres Organismus  im  Raum und seinen Dingen (13). Der Säugling bildet den ersten sehr populären Dingbegriff nicht, indem sein Auge an rauhen Flächen hin und her wandert (14), sondern wenn er sein Näschen zum erstenmal an sein Fäustchen oder den Bettrand stößt; das dann erfolgende Schreien ist das Zeichen der vollzogenen Synthese. Und ebenso bleibt es ein sicheres Mittel, jemand von der empirischen Realität (nicht der metaphysischen) meiner Person zu überzeugen, wenn ich ihm eine kräftige Ohrfeige gebe. Hart im Raum  stoßen  sich die Sachen - und wir an ihnen. Auch der Blindgeborene wird an der empirischen Realität, die auch für KANT galt, nicht zweifeln, wenn er mit dem Kopf gegen die Mauer rennt und sich eine Beule holt; und anstatt nur mit den Augen daran auf und nieder zu fahren (15), überzeugen auch wir uns am sichersten von der Existenz einer Mauer, wenn wir unsere Körper damit in Berührung bringen. Es ist unser gesamter  Organismus,  der uns das naive und populäre Realitätsbewußtsein verschafft, das Leben, die Bewegung. Von da zu einem logisch befriedigenden Dingbegriff ist ein weiter Weg, den SIGWART skizziert und den man auch anders darstellen kann; aber auch in den ersten Anfängen bilden wir ihn nicht lediglich durch ein "Abtasten mit den Augen", sondern durch eine Synthese.

Auch die Frage, wie wir dazu kommen, den Objekten eine Unveränderlichkeit der Gestalt zuzuschreiben, während sich doch ihre scheinbare Größe fortwährend ändert, liegt im praktischen Leben anders. Wr betrachten das Ding nicht grübelnd, wie bei experimentellen Versuchen, sondern wir hantieren damit; wir bewegen es und bringen es dann in die ursprüngliche Lage zurück, oder wir drehen es nach verschiedenen Seiten und wieder in die ursprüngliche. Ein Buch stellen wir nach dem Lesen wieder an die leere Stelle und es paßt hinein; der Schlüssel paßt immer ins Schlüsselloch, trotz aller Manipulationen damit; und ein Baustein an die durch Herausnehmen leergewordene Stelle. So kommen wir dazu, ihm eine konstante Größe zuzuschreiben, und wiederum  nicht,  indem wir unser Auge an ihm spazieren gehen lassen.

So hat also von den Versuchen JAENSCHs der "populäre, unbestimmte" Dingbegriff des naiven Realismus nichts zu gewinnen und der logisch bearbeitete wissenschaftliche noch weniger. Wie man diesen feststellen kann, der dann zu den Begriffen  Substanz, Atom  usw. führt, mag man bei SIGWART nachlesen. Von physiologisch-psychologischen Experimenten, mögen sie noch so fein angestellt und beobachtet sein, hat weder  Logik  noch  Erkenntnislehre  einer Förderung ihrer Probleme zu erwarten; denn solche Versuche gehören nach der Unterscheidung am Anfang zum Realitätsbewußtsein (I) und nicht zum Dingbegriff und Realitätsproblem (II).
LITERATUR - Otto von der Pfordten, Der Dingbegriff und die Sinnespsychologie, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 150, Leipzig 1913
    Anmerkungen
    1) Die einschlägigen Stellen z. B. in den Kant-Kommentaren oder in  meinem Konformismus,  Bd. 1, 1910, Seite 143f.
    2) zum Beispiel sehr klar bei OSWALD EWALD, Kants kritischer Idealismus, 1908, Seite 85f.
    3) Bei KANTs Fassung: wie sind ... apriori möglich" kann man das Wort  a priori  irrtümlich zu "möglich" ziehen, statt zu "Urteile".
    4) Leipzig 1911. - 6. Ergänzungsband der "Zeitschrift für Psychologie". - In des Autors neueren Veröffentlichungen bzw. Vorträgen (Münchner medizinische Wochenschrift 1912, siehe den Sitzungsbericht des Straßburger naturwissenschaftlich-medizinischen Vereins und Bericht über den V. Kongreß für experimentelle Psychologie 1912, Seite 186) ist Neues zu dieser Anwendung nicht zu finden.
    5) Die hier Seite 55f diskutierten physiologischen Beobachtungen zeigen u. a. deutlich, daß die  Malerei  die am meisten  individuelle  Kunst ist.
    6) Bei der  Kreide  spricht man beim Zeichnen an einer Tafel auch von grüner, blauer und roter Kreide; beim  Schwefel  unterscheidet jedes Lehrbuch der Pharmazie gelben und roten Schwefel, daß Kohle auch als Brillant vorkommt, lehrt allerdings erst die chemische Analyse.
    7) Die übrigen Beobachtungen HERINGs, wie JAENSCHs sorgfältige und physiologisch sehr interessante Versuche stehen bezüglich der  philosophischen  Anwendung durchaus auf gleicher Linie; es muß hierfür auf das Original verwiesen werden. Die logische Erklärung wäre überall die gleiche; den Saum des Kupferstichs sind wir gewöhnt, als weiß zu beurteile, das MACHsche Quadrat haben wir vorher als solches beurteilt usw. Es sind durchweg Gedächtnis- bzw. Gewöhnungserscheinungen. Wenn HERING meint (Seite 452), wir könnten "jene  Erfahrungen  gar nicht machen, wenn nicht von Anfang an die Regulierungsvorrichten und Selbststeuerungen tätig wären", so frägt es sich, was man unter Erfahrung versteht. Es ist eben  nicht  nötig, "die mit der Entfernung vom Fenster zunehmende Schattigkeit oder Abnahme der Beleuchtungsstärke ... mit einzurechnen", sondern es genügt die irgendwann einmal gemachte Erfahrung, daß Kupferstiche meist einen weißen Rand haben, um diesen auch weiß zu nennen, wenn wir richtiger grau sagen würden. Die Annahme, daß wir etwas tatsächlich Graues wirklich weiß sehen, wenn wir aufpassen, nicht nur irrtümlich so bezeichnen, würde im Grund die ganze Naturkausalität und die ganze Naturwissenschaft umwerfen.
    8) OTTO LIEBMANN, Gedanken und Tatsachen, Bd. 1, Seite IV, 1899
    9) LIEBMANN, a. a. O., Bd. 2, Seite 8, 1904. Die Unterstreichungen sind von mir.
    10) Auf Seite 481 ist sie berufen, den Schlüssel zu jenem wichtigen  Grenzproblem  der Psychologie und Erkenntnislehre zu liefern.
    11) Vgl. auch die Schwierigkeiten der Beschreibung für die Versuchspersonen (Seite 175, Anm. 3).
    12) Es ist hier nicht die Frage, ob wir durch Tasten die Größe eines Dings  richtig  schätzen können, sondern ob es uns den Dingbegriff vermittelt.
    13) vgl.  mein  "Konformismus", Bd. 1, 1910, Seite 23.
    14) Wobei nach JAENSCH "seine Koordinatenachsen innerhalb der Sehdinge selbst liegen." (Seite 458)
    15) JAENSCH, Seite 474: Das Durchwandern der Oberfläche des Objekts; die Wanderung des Blicks usw.; passim bei den Versuchen.