ra-2 p-4ra-3H. DietzelM. LadenA. WalsemannL. P. BoggsL. NelsonHerbart     
 
WILHELM OSTERMANN
Das Interesse
[eine psychologische Untersuchung
mit pädagogischen Nutzanwendungen]


"Das ist die Probe eines vollkommenen (erzieherischen) Unterrichts, daß die Summe von Kenntnissen und Begriffen, welche er zur höchsten Gelenkigkeit des Denkens erhoben hat, zugleich vermöge der vollkommenen gegenseitigen Durchdringung aller ihrer Teile fähig sei, als Masse von Interessen mit höchstem Nachdruck den Willen zu treiben. Weil es daran fehlt, wird die Kultur so oft das Grab des Charakters."

"Ganz allgemein gefaßt und von jeder näheren psychologischen Deutung hier noch absehend, können wir also das Interesse als  Wertbewußtsein  oder  Wertschätzung  bestimmen. Diese Definition steht in Einklang mit der lateinischen Herkunft des Wortes: mea interest = mir liegt an einer Sache, ich lege wert darauf."

"Je nachdem sich die Wertschätzung auf sinnliche oder geistige Güter richtet, hat man  sinnliche  (niedere) und  geistige  (höhere, ideelle) Interessen zu unterscheiden. Die geistigen Interessen kann man, je nach der Verschiedenheit der Objekte der Wertschätzung, wieder einteilen in  intellektuelle  Interessen (am Wissen, Forschen, Erkennen),  sympathetische  Interessen (am Wohl und Wehe der Mitmenschen),  ethische, religiöse, patriotische  Interessen, Interessen der Ehre etc."


Vorwort zur ersten Auflage

Es gibt für die Psychologie wie für die Pädagogik kaum eine Frage von größerer Wichtigkeit, als die nach dem Wesen und der Bedeutung des  "Interesses".  Dennoch ist von einer befriedigenden Lösung und von einer auch nur in den Hauptsachen zusammentreffenden Übereinstimmung der Ansichten gerade diese Frage weiter entfernt als irgendeine andere. Bald wird das Interesse als eine Angelegenheit des Intellekts aufgefaßt, bald als Sache des Gefühls, bald als Sache des Willens, bald als das eine und das andere zugleich. Dem einen ist es gleichbedeutend mit dem Begriff der Apperzeption, dem anderen mit dem der Aufmerksamkeit usw. Auch an Klarheit und Folgerichtigkeit lassen die Definitionen oft zu wünschen übrig, sei es, daß in den Begriff selbst Widersprechendes aufgenommen wird, sei es, daß Determinationen aufgestellt werden, die mit den zugrundeliegenden psychologischen Voraussetzungen unvereinbar sind. Daß nicht einmal die HERBARTsche Schule, die gerade diesen Gegenstand gründlicher und liebevoller, als es sonst zu geschehen pflegt, behandelt hat, von jenem Vorwurf ganz freizusprechen ist, glauben ich bereits in meiner Schrift "Die hauptsächlichsten Irrtümer der Herbartschen Psychologie" (Seite 130f und 208f) dargetan zu haben.

Daß die Lehre vom Interesse aus dieser Verworrenheit der Ansichten zu größerer Klarheit und Einheitlichkeit herausgearbeitet werde, muß bei der fundamentalen Bedeutung, welche sie besonders in praktisch-pädagogischer Hinsicht beansprucht, zweifellos als ein dringendes Bedürfnis anerkannt werden, und eben hieraus ergab sich für den Verfasser die Veranlassung, das nachstehende Schriftchen zu veröffentlichen, welches nichts weiter sein will als ein Versuch, zur Lösung der beregten Frage einen bescheidenen Beitrag zu liefern.

Die drei ersten Abschnitte der vorliegenden Schrift
    1. Ursprung, Wesen und Arten des Interesses,

    2. Bedeutung des Interesses für das Vorstellungs- und Gedankenleben,

    3. Bedeutung des Interesses für das Wollen und Handeln
erörtern den Gegenstand nach seiner  psychologischen  Seite. Von  kritischen  Untersuchungen, wie wir sie hie und da in früheren Schriften anzustellen Veranlassung fanden, haben ich hier abgesehen; es kam mir lediglich darauf an, positive Fingerzeige zu geben, wie sich aufgrund der gegenwärtig vorherrschenden psychologischen Grundanschauungen eine Interessenlehre ausgestalten läßt, die sich frei hält von Widersprüchen mit jenen psychologischen Voraussetzungen wie in sich selber.

Der letzte Abschnitt enthält pädagogische Schlußfolgerungen und Nutzanwendungen, die zumindest andeutungsweise in Erinnerung bringen sollen, wo und wie die Ergebnisse der psychologischen Untersuchungen pädagogisch zu verwerten sind



Vorwort zur zweiten Auflage

Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieser Schrift sind nahezu 12 Jahre verflossen; es wird darum nicht befremden, daß sie in der neuen Auflage - ohne Verschiebung des grundsätzlichen Standpunktes - doch manche Änderung und eine wesentliche Bereicherung des Inhalts erfahren hat. Eigene Beobachtungen und wiederholtes Durchdenken des Themas und mehr noch eine aufmerksame Verfolgung des Entwicklungsganges der neueren psychologischen Forschung führten von selbst zu neuen Gesichtspunkten und einem tieferen Eingehen in einzelne Seiten des Gegenstandes. Auf die neu hinzugekommenen Abschnitte I (Geschichtliches), III, 2 (Das Gefühl als Ausdruck einer Förderung oder Störung des Seelenlebens), IV, 1 (Die psychische Kausalität), IV, e, f, g (Bedeutung des Interesses für Phantasie, Denken und Bewußtseinsinhalt) darf besonders aufmerksam gemacht werden.

Ich hoffe, daß die Kritik die "stark vermehrte" Neuauflage auch als eine "verbesserte" anerkennen wird, und daß seine Schrift zu einer weiteren Klärung des behandelten Gegenstandes auch in dieser neuen Gestalt an ihrem bescheidenen Teil beitragen wird.



I. Geschichtliches

Das Wort "Interesse" ist bekanntlich der lateinischen Sprache entlehnt. Hier bedeutete es - als Kompositum des Zeitwortes "esse" mit der Präposition "inter" -
    1)  Dazwischensein,  räumlich wie zeitlich (via interest = ein Weg ist dazwischen, annus interest = ein Jahr liegt dazwischen);

    2)  Dabeisein,  ebenfalls räumlich wie zeitlich (in convivio oder convivio interesse = bei einem Gastmahl zugegen sein, daran teilnehmen).
Aus dem letzteren Gebrauch des Wortes entwickelte sich dann die übertragene Bedeutung einer  geistigen Anteilnahme,  einer  Bewertung,  wie besonders zum Ausdruck kommt in der unpersönlichen Form "interest" = es ist daran gelegen, ist von Wichtigkeit, "mea interest" = mir ist daran gelegen, ich lege Wert darauf. Ins Deutsche wurde das Wort nachweislich erst im späteren Mittelalter herübergenommen, und zwar zunächst in die  Rechtssprache Hier bezeichnete man damit "den Anteil, der dem Vermögen von jemandem aus der Handlung eines anderen entsteht, einen entgangenen  Nutzen  oder erwachsenen  Schaden".  (Grimm, Deutsches Wörterbuch). Nach und nach ging der Ausdruck dann auch in den gemeinen Sprachgebrauch über, nahm hier aber neben jener juristischen noch andere Bedeutungen an, die sich sämtlich bis in die Gegenwart erhalten haben:
    1. Zins ("ein Kapital mit Interessen zurückhalten"),

    2. Nutzen, Vorteil überhaupt ("im Interesse jemandes handeln"),

    3. Eigennutz ("man ist bei einer Sache interessiert", "man handelt nicht aus edlen Motiven, sondern aus Interesse".

    4. der Anteil, den man an einer Sache nimmt, der Wert, den man ihr beimißt.
In der letzten Bedeutung, die gegenwärtig die vorwaltende ist, begegnet uns das Wort im 18. Jahrhundert hier und da schon in der gewählteren Sprache der Dichter und Gelehrten. ("Die Jugend ist vergessen aus geteilten Interessen", GOETHE) Um dieselbe Zeit wird der Begriff vereinzelt auch schon philosophisch verwertet, so von HELVETIUS ("Wenn das physikalische Universum den Gesetzen der Bewegung unterliegt, dann das moralische Universum nicht weniger solchen des Interesses." De l'esprit I, Seite 87f) und GARVE ("Alles das interessiert uns, was uns durch den Eindruck des Wohlgefallens, den es auf uns macht, ohne unseren Vorsatz aufmerksam und nach der Fortsetzung und Folge begierig erhält." Sammlung einiger Abhandlungen I, Seite 215)

KANT bestimmte das Interesse als "das Wohlgefallen, das wir mit der Vorstellung der Existenz eines Gegenstandes (oder einer Handlung) verbinden", auch als "das, wodurch Vernunft praktisch, d. h. eine den Willen bestimmende Ursache wird". Das Interesse hat danach "immer zugleich eine Beziehung auf das  Begehrungsvermögen,  entweder als Bestimmungsgrund desselben oder doch als mit dem Bestimmungsgrund desselben notwendig zusammenhängend". Es ist daher nicht jedes Wohlgefallen = Interesse. Insonderheit ist das Wohlgefallen am  Schönen  "ohne alles Interesse", da hier die  Existsenz  des Gegenstandes gleichgültig ist (nicht begehrt wird), vielmehr "die bloße  Vorstellung  des Gegenstandes in mir mit Wohlgefallen begleitet ist". (1) Dagegen ist sowohl "das Wohlgefallen am  Angenehmen  wie das am  Guten  mit Interesse verbunden". "Ungeachtet aller Verschiedenheiten zwischen dem Angenehmen und Guten kommen beide doch darin überein, daß sie jederzeit mit einem Interesse an ihrem Gegenstand verbunden sind, nicht allein das Angenehme und das mittelbar Gute (Nützliche), welches als Mittel zur irgendeiner Annehmlichkeit gefällt, sondern auch das schlechterdings und in aller Absicht Gute, nämlich das moralische, welches das höchste Interesse bei sich führt. Denn das Gute ist das Objekt des  Willens ... etwas aber wollen und am Dasein desselben (der guten Handlung) ein Wohlgefallen haben, d. h. daran  Interesse  nehmen, ist identisch." Das  moralische  Interesse ist ein echtes ("reines", "unmittelbares") nur dann, wenn es - frei voll allen egoistischen Motiven - das Sittengesetz (das Pflichtgebot, den "kategorischen Imperativ") um seiner selbst willen, aus  "Achtung"  vor ihm, befolgt wissen will. (Kant "Kritik der Urteilskraft", I. Teil, 1. Abschnitt, 1. Buch § 1-4; "Kritik der praktischen Vernunft", I. Teil, 1. Buch, 3. Hauptstück)

Einer eingehenderen - philosophischen (psychologischen) wie pädagogischen - Bearbeitung hat den Begriff des Interesses erst HERBART unterzogen. Wie er ihn auffaßte, möge nachstehend durch einige kurze Zitat aus seinen Schriften gezeigt werden.
    "Es entsteht uns der Begriff des Interesses, indem wir gleichsam abbrechen von den Sprossen der menschlichen Regsamkeit, indem wir der inneren Lebendigkeit (der Vorstellungen) zwar keineswegs ihr mannigfaches Hervortreten, aber wohl ihre letzten Äußerungen versagen. Was ist nun das abgebrochene oder Versagte? Es ist die Tat und, was unmittelbar dazu treibt, die Begehrung. So muß Begehrung mit dem Interesse zusammengenommen das Ganze einer hervortretenden menschlichen Regung darstellen."

    "Das Interesse, welches mit der Begehrung, dem Wollen und dem Geschmacksurteil gemeinschaftlich der Gleichgültigkeit entgegensteht, unterscheidet sich dadurch von jenen dreien, daß es nicht über seinen Gegenstand disponiert, sondern an ihm hängt. Wir sind zwar innerlich aktiv, indem wir uns interessieren, aber äußerlich so lange müßig, bis das Interesse in Begierde oder Wille übergeht. Dasselbe steht in der Mitte zwischen dem bloßen Zuschauen und dem Zugreifen. ... Nur dadurch erhebt sich das Interesse über der bloßen Wahrnehmung, daß bei ihm das Wahrgenommene (Vorgestellte) den Geist vorzugsweise einnimmt und sich unter den übrigen Vorstellungen durch eine gewisse Kausalität geltend macht." (Herbart, sämtliche Werke, ed. HARTENSTEIN, Bd. X, Seite 51f)
Im Grunde ist das Interesse nichts anderes als eine (andauernde) unwillkürliche Aufmerksamkeit.
    "Das Interesse, welches wir beabsichtigen, liegt in der unwillkürlichen Aufmerksamkeit." (a. a. O., Seite 216) Diese selbst aber "beruth auf der  Kraft  einer Vorstellung (oder Vorstellungsmasse) gegen die anderen, also teils auf ihrer eigenen absoluten Stärke, teils auf der Leichtigkeit des Zurückweichens der übrigen." (a. a. O., Seite 67)
Nach HERBART besteht also das Interesse, mit welchem gewisse Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewußtsein auftreten, in deren  Stärke  und dem sich daraus ergebenden  Übergewicht,  welches sie anderen Vorstellungen gegenüber geltend machen. Insofern erweist es sich zugleich als derjenige Geisteszustand, welcher das Begehren (Wollen) einleitet und bedingt; denn dieses ist nichts anderes als das "Sichemporarbeiten einer Vorstellung gegen Hindernisse", welches eben aus deren Übergewicht an Stärke anderen Vorstellungen gegenüber folgt.
    "Im Interesse besitzt der Charakter eine Leichtigkeit, seine Entschließungen zu vollziehen, die ihn auf allen Wegen begleitet." (a. a. O. Seite 53)
Da jenes Übergewicht der Vorstellungen oder Vorstellungsmassen nicht bloß von dem ihnen ursprünglich zukommenden Stärkegrad, sondern sehr wesentlich auch davon abhängt, ob und in welchem Grad der Innigkeit, Vielseitigkeit und Gelenkigkeit sie unter sich wie mit anderen Vorstellungen  verknüpft  sind, so hat der Unterricht, um Interesse zu erzeugen, vor allem auf eine angemessene  Verbindung (Konzentration)  seiner Gedankenmassen Bedacht zu nehmen und besonders das Gedankenmaterial, welches auf den Willen normierend einwirken soll, in sich selbst wie mit den übrigen Vorstellungsmassen möglichst innig, vielseitig und wohlgeordnet zu verknüpfen.
    "Das ist die Probe eines vollkommenen (erzieherischen) Unterrichts, daß die Summe von Kenntnissen und Begriffen, welche er zur höchsten Gelenkigkeit des Denkens erhoben hat, zugleich vermöge der vollkommenen gegenseitigen Durchdringung aller ihrer Teile fähig sei, als Masse von Interessen mit höchstem Nachdruck den Willen zu treiben. Weil es daran fehlt, wird die Kultur so oft das Grab des Charakters." (a. a. O., Seite 141)
HERBART unterscheidet folgende 6 Arten des Interesses:
    a) das  empirische  (an der Erfahrung),

    b) das  spekulative  (an der Erkenntnis des ursächlichen Zusammenhangs),

    c) das  ästhetische  (am Sittlichen und Schönen. Ästhetik bei  Herbart  die Wissenschaft von den Werturteilen, den ästhetischen wie den ethischen),

    d) das  sympathetische  (am Wohl und Wehe einer anderen Einzelpersönlichkeit),

    e) das  soziale  (am Wohl und Wehe der menschlichen Gesellschaft),

    f) das  religiöse  Interesse.
Die drei ersteren Interessen bezeichnet er als Interessen der  Erkenntnis,  die drei letzteren als Interessen der  Teilnahme  (die sich auf besselte Wesen beziehen). Alle diese Interessen sollen gepflegt werden, und zwar möglichst gleichmäßig ("gleichschwebendes, vielseitiges Interesse"). Vielseitiges Interesse auszubilden, ist besonders Sache des Unterrichts.
    "Der Endzweck des Unterrichts liegt zwar im Begriff der Tugend; allein das nähere Ziel, welches, um den Endzweck zu erreichen, dem Unterricht insbesondere muß gesteckt werden, läßt sich durch den Ausdruck  Vielseitigkeit der Interessen  angeben."

    "Es ist zwar eine bekannte padägogische Vorschrift, der Lehrer müsse suchen, seine Schüler für das, was er vorträgt, zu interessieren. Allein diese Vorschrift wird gewöhnlich in dem Sinne gegeben und verstanden, als wäre das Lernen der Zweck, das Interesse das Mittel. Dieses Verhältnis kehre ich um. Das Lernen soll dazu dienen, daß Interesse aus ihm entsteht. Das Lernen soll vorübergehen, und das Interesse soll während des ganzen Lebens beharren (Umriß padögogischer Vorlesungen, a. a. O., Bd. X, § 62)
HERBARTs Definition des Interesses steht und fällt mit seinen psychologischen Grundanschauungen. Diese laufen, ganz kurz gesagt, darauf hinaus, daß das Wesentliche und Wirkende im Geistesleben allein die Vorstellungskräfte sind, aus deren Intensitäten und - mechanisch gedachtem - Zusammen- und Gegeneinanderwirken (Verschmelzungen, Hemmungen, Komplikationen etc.) sich das gesamte geistige Leben aufbauen bzw. erklären lassen soll. Die moderne Psychologie lehnt diese mechanistische und einseitig intellektualistische Auffassung des Seelenlebens, die insonderheit die Gefühlskräfte und deren Bedeutung nicht zu ihrem Recht kommen läßt, ziemlich einstimmig ab, damit aber auch die HERBART'sche Definition des Interesses (2). Immerhin gebührt HERBART das Verdienst, durch seine eingehende Erörterung und nachdrückliche Bewertung des Interesses diesem wichtigen Begriffe - besonders in der Pädagogik - erst die gebührende Beachtung verschafft zu haben.

Nachhaltigen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Interessenlehre hat nach HERBART besonders LOTZE gewonnen. Zwar hat er selbst den Begriff des Interesses weder psychologisch noch pädagogisch näher bearbeitet; aber indem er in seiner Psychologie - im Gegensatz zu HERBART - die kausale Bedeutung des  Gefühls  wieder zur Geltung brachte und dieses als  Organ allen Wertbewußtseins  erkennen lehrte, hat er doch für eine richtige, mit den Erfahrungstatsachen des Bewußtseins übereinstimmende Auffassung des Interesses die psychologische Grundlage geschaffen und zu einem weiteren Ausbau des Begriffs auf dieser Grundlage eine wirksame Anregung gegeben (3).

Die kausale Bedeutung des Gefühls und dessen inniger Zusammenhang mit dem Interesse (Wertbewußtsein) wird auch von den meisten Vertretern der Psychologie der Gegenwart anerkannt. Wenn sie von einer eingehenderen psychologischen Erörterung des Interesses in der Regel absehen, so hat das seinen Grund weniger in mangelnder Erkenntnis und Würdigung der Bedeutung des Interesses, als vielmehr darin, daß sie es mit dem Gefühl identifizieren, bzw. in dieses irgendwie mit einbegreifen, oder es auch als eine Teilerscheinung des Wollens behandeln. Freilich kommt dabei das Interesse nicht in seinem ganzen - auch in das Intellektuelle hineinreichenden - Umfang voll zur Geltung: einer der Punkte, in denen die Lehre vom Interesse zweifellos des Ausbaus bedarf, wozu diese Schrift einen bescheidenen Anteil liefern möchte.

Die moderne Pädagogik, die sich über die fundamentale Wichtigkeit des Interesses für Unterricht wie Erziehung einig ist, steht mit ihrer Auffassung seines Wesens zum Teil noch auf HERBARTs Standpukt, zum Teil hat sie sich dem LOTZEs, das Interesse auf das Gefühl basierenden Ansicht angeschlossen, zum Teil sucht sie eine zwischen diesen beiden Standpunkten vermittelnde Stellung einzunehmen, die dann freilich wegen der sich ausschließenden Gegensätze, die man auszugleichen bemüht ist, oft die nötige Konsequenz und Klarheit vermissen läßt.


II. Definition und Arten des Interesses

Schon HERBART bemerkte - und jeder, wie er im übrigen auch den Begriff definiert, wird ihm darin beistimmen -, daß das Interesse im Gegensatz zum Begriff des  "Gleichgültigen"  steht. Was uns interessiert, das ist uns insofern nicht gleichgültig, und was uns gleichgültig ist, das interessiert uns eben insofern nicht. Daß eine Sache uns nicht gleichgültig ist, bedeutet aber,  positiv  ausgedrückt, doch wohl nichts anderes als dies, daß sie irgendeinen  Wert  für uns hat, oder noch präziser: daß wir uns dieses Wertes irgendwie  bewußt  sind, sie  wertschätzen.  Ganz allgemein gefaßt und von jeder näheren psychologischen Deutung hier noch absehend, können wir also das Interesse als  Wertbewußtsein  oder  Wertschätzung  bestimmen. Diese Definition steht in Einklang mit der sprachlichen Herkunft des Wortes (latein. mea interest = mir liegt an einer Sache, ich lege wert darauf) wie auch mit dem vorwaltenden Sprachgebrauch.

Die Beobachtung, daß die Wertschätzung einer Sache in der Regel auch unser Wollen und Handeln irgendwie beeinfluß, hat Veranlassung gegeben, in den Begriff des Interesses außer dem des Wertbewußtseins auch eine bezügliche Richtung des  Willens,  das aktive Sich-Hingeben an die bewertete Sache, mit aufzunehmen. Die Berechtigung dieser Fassung wollen wir nicht bestreiten. Ob man den Begriff in diesem erweiterten oder in jenem engeren Sinn fassen will, ist schließlich nur eine Frage der Terminologie, die für das Wesen der Sache von untergeordneter Bedeutung ist. Da es sich aber doch empfiehlt, nicht ohne zwingende Gründe vom sprachlichen Herkommen abzuweichen, und da die betreffenden psychischen Vorgänge, wenn auch ursächlich noch so innig zusammenhängend, doch ihrem Wesen nach zu verschiedenartig sind, als daß sie ohne logische und psychologische Bedenken in die Einheit eines Begriffs zusammengefaßt werden könnten, ziehen wir es vor, an der gegebenen Erklärung: Interesse = Wertschätzung festzuhalten. Die mit ihm zusammenhängenden Vorgänge des Strebens und Wollens fassen wir also nicht als Begriffsmomente, sondern als notwendige  Folgeerscheinungen  des Interesses auf. Als solche werden sie in einem späteren Abschnitt einer näheren Betrachtung zu unterziehen sein.

Auf den ersten Blick mag es scheinen, daß von einem Interesse nur da die Rede sein kann, wo wir uns des  positiven  Werts einer Sache (ihrer Vortrefflichkeit, Güte, Schönheit, Nützlichkeit etc.) bewußt werden, Gefallen an ihr finden. In Wahrheit gehören aber auch die gegenteiligen Fälle hierher, wo wir uns also durch eine Sache abgestoßen fühlen, uns ihres Unwertes bewußt werden: das Wort "Unwert" hier nicht im Sinne des Gleichgültigen genommen, sondern im Sinne des Mißfälligen, Abstoßenden. Man denke beispielsweise an das lebhafte Interesse, welches der Anblick einer bösen Tat oder die Nachricht von einem uns nahe angehenden Unglück in uns zu erregen vermag. Man würde also eine zweifache Art des Interesses zu unterscheiden haben, ein  positives  und ein  negatives.  Vom ersteren ist überall da die Rede, wo uns ein Gegenstand, ein Ereignis etc. um seinen positiven Wertes willen gefällt, uns anzieht; von letzterem da, wo uns ein Gegenstand etc. durch seinen Unwert (im oben bezeichneten Sinn) mißfällt, uns abstößt. Zwischen diesen beiden Polen des Positiven und Negativen liegt das Gebiet des  Gleichgültigen,  was weder gefällt noch mißfällt, weder anzieht noch abstößt. Das positive Interesse hat, wie wir später darzulegen haben werden, ein bezügliches  Streben,  das negative Interesse ein  Widerstreben  zur Folge. Das Gleichgültige dagegen übt auf unser Streben und Wollen überall keinen Einfluß.

Je nachdem sich die Wertschätzung auf sinnliche oder geistige Güter richtet, hat man  sinnliche  (niedere) und  geistige  (höhere, ideelle) Interessen zu unterscheiden. Begrifflich zumindest läßt sich diese Scheidung rechtfertigen, wenn auch in Wirklichkeit die eine Art oft in die andere hinüberspielt und eins mit dem andern sich verquickt. Die geistigen Interessen kann man, je nach der Verschiedenheit der Objekte der Wertschätzung, wieder einteilen in  intellektuelle  Interessen (am Wissen, Forschen, Erkennen),  sympathetische  Interessen (am Wohl und Wehe der Mitmenschen),  ethische, religiöse, patriotische  Interessen, Interessen der Ehre etc.

Nach KANT und HERBARTs Vorarbeiten pflegt man ferner ein  unmittelbares  und  mittelbare  Interesse zu unterscheiden. Wir haben an einer Sache ein unmittelbares Interesse, wenn wir sie um ihrer selbst willen schätzen, ein mittelbares Interesse, wenn dieses an Nebenrücksichten hängt, die mit dem Wert, den die Sache ansich besitzt, nichts zu tun haben. Das Interesse an der Wissenschaft z. B. ist ein unmittelbares, wenn das, was interessiert, das Forschen und Erkennen selbst ist, ein mittelbares, wenn sie nur als Mittel zu eigennützigen Zwecken (Ehre, Gewinn) geschätzt wird.
    "Einem ist die Wissenschaft die hohe, die himmlische Göttin,
    Dem andern die tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt."

    blindfisch- Schiller
)Wer das Gute um seiner selbst willen liebt und ausübt, bekundet damit ein unmittelbares, wer es dagegen ausübt, um Lohn zu empfangen oder Strafe zu meiden, ein nur mittelbares Interesse am Guten. Daß die eine Art oft mit der anderen Hand in Hand geht, ist nicht zu leugnen; dennoch ist diese Scheidung nicht bloß logisch berechtigt, sondern auch in ethischer und besonders pädagogischer Beziehung von Wichtigkeit.


III. Psychologische Bedeutung

1. Zusammenhang des Interesses mit dem Gefühl

Nachdem das Interesse als Wertbewußtsein erkannt ist, gilt es, seine Entstehung und Entwicklung im menschlichen Geist psychologisch zu erklären.

Alles Wertbewußtsein - so dürfen wir in Übereinstimmung mit den namhaftesten Vertretern der neueren Psychologie behaupten - ist letzten Endes auf Vorgänge des  Gefühlslebens  zurückzuführen, hat im Gefühl seine Wurzel und Quelle. Wohl geht das Wertbewußtsein (Interesse) nicht, wie manche meinen, im Gefühl auf, sondern wächst im Laufe seiner Entwicklung auch in die Sphäre des Intellekts hinein und nimmt hier intellektuelle Formen an; aber es wurzelt mit seinen Ursprüngen doch auch dann stets im Gefühl. Daß nämlich dem Geist die Dinge, die auf ihn wirken, mehr sind und mehr gelten als gleichgültige Objekte der Wahrnehmung und Erkenntnis, daß er zu ihnen in jene warme Beziehung subjektiver Teilnahme zu treten vermag, die in jeer echten Bewertung zum Ausdruck kommt: dazu liegt ausreichender Grund und Antrieb für ihn allein in den Gefühlen der Lust und Unlust. Ihre Eigenart und ihr spezifischer Unterschied von allgen Vorgängen des bloßen Wahrnehmens, Vorstellens und Erkennens liegt ja eben darin, daß die Eindrücke, die für die theoretische Erkenntnis etwas bloß Gegenständliches, Objektives bleiben, durch sie zur subjektiven Angelegenheit des Ich erhoben werden, so daß dieses den Eindrücken nun nicht mehr als gleichgültiger Beobachter gegenübersteht, sondern sich in Lust und Unlust zu ihnen hingezogen oder von ihnen abgestoßen fühlt, mit anderen Worten: sie (unmittelbar)  bewertet. 

Nicht als ob diese Bewertung in ihren mannigfachen Abstufungen nur nach dem  Intensitätsgrad  des Gefühls erfolgte. Lust und Unlust ist keineswegs - wie diese Mißdeutung voraussetzen würde - etwa einfürallemal Gleichartiges, was in allen Gefühlen in gleicher Weise und nur dem Grad nach verschieden sich geltend machte; vielmehr hat jedes Gefühl der Lust und Unlust auch seine eigentümliche  Färbung,  und vorwiegend hierin, durchaus nicht bloß in dem Stärkegrad, kommt der Wert dessen zum Ausdruck, wodurch es erregt wurde. Das Gefühl des sittliche Wohlgefallens an einer edlen Tat kann an Intensität einem sinnlichen Lustgefühl erheblich nachstehen, und dennoch offenbart sich uns in jenem Gefühl deutlich genug, wenn auch vielleicht unerklärbar, der unvergleichlich viel höhere Wert des darin Erlebten.

Mit dem Wertungscharakter, den wir dem Gefühle zuschreiben, mag dessen Wesen und Bedeutung nicht erschöpft sein; jedenfalls ist er eine psychische Tatsache, von der jede rationale Deutung des Interesses wird ausgehen müssen. Auf keine andere Weise ist dies befriedigend zu erklären. Nicht aus den Vorgängen des Begehrens und Wollens - etwa als Ausdruck der Befriedigung oder Nichtbefriedigung des Willensdranges - denn jedes Wollen setzt als Antrieb irgendein Wertbewußtsein, wenn auch in Form dunkelster Gefühle, schon voraus. Ebensowenig aus dem reinen Intellekt, der, von allem Gefühlsmäßigen losgelöst, seinen Objekten immer nur als gleichgültiger Beobachter gegenüberstehen, niemals zu ihnen in jene warme Beziehung subjektiver Teilnahme treten würde, die wir mit dem Wort "Interesse" ausdrücken wollen. Wohl vermag der Geist, der entwickelt zumindest, über Wert und Unwert auch verstandesmäßig zu entscheiden; er könnte dies aber nicht, es würde ihm überhaupt jeder Sinn für Wertverhältnisse fehlen, wenn er solche nicht irgendwie und irgendwo bereits im Gefühl erlebt hätte und sich dessen zu erinnern vermöchte. Man denke sich einen Geist, der ganz im Intellektuellen aufginge, vom ersten Beginn seines Daseins keinerlei Gefühlsregung der Lust oder Unlust empfunden hätte: ihm würde die ganze Welt seines äußeren und inneren Lebens vollkommen  gleichgültig  erscheinen; nichts würde ihm wertvoll oder unwert, wichtig oder unwichtig sein, sondern alles nur wirklich (4).

Ob der Geist auf  jede  ihm zugeführte Erregung außer in den Vorgängen des Wahrnehmens, Vorstellens etc. auch in Wertgefühlen der Lust und Unlust reagiert, ist eine schwer zu entscheidende und tatsächlich unentschiedene Streitfrage der Psychologie. Bejaht wird sie u. a. von LOTZE, der deshalb auch von einer "Allgegenwart des Gefühls" redet.
    "Man wird sich entwöhnen müssen, die Gefühle als Nebenereignisse zu nehmen, die im Verlauf der inneren Zustände zuweilen einträten, während der größere Teil der letzteren in einer gleichgültigen Reihe leid- und lustloser Veränderungen bestände. Außer der völligen Ruhe würden wir uns keinen Zustand denken können, der nicht mit den eigenen Entwicklungsbedingungen der Seele entweder übereinstimmte oder in irgendeiner Weise ihnen zuwider wäre.  Welche Erregung daher die Seele auch immer erfahren mag, von jeder werden wir einen Eindruck der Lust oder Unlust erwarten müssen;  und eine genauere Selbstbeobachtung, soweit sie die verblaßten Farben dieser Eindrücke zu erkennen vermag, bestätigt diese Vermutung, indem sie keine Äußerung unserer geistigen Tätigkeit findet, die nicht von irgendeinem Gefühl begleitet wäre. Verblaßt sind jene Farben allerdings in einem entwickelten Gemüt vor dem übermächtigen Interesse, das wir einzelnen Zwecken unserer persönlichen Bestrebungen zuwenden, und nur eine absichtliche Aufmerksamkeit findet sie wieder auf, ebenso wie unsere mikroskopische Beobachtung die regelmäßige Bildung unscheinbarer Gegenstände, über die unser Blick gewöhnlich unachtsam hinwegsieht. Jeder einfachen sinnlichen Empfindung, jeder Farbe, jedem Ton entspricht ursprünglich ein eigener Grad der Lust oder Unlust; aber gewöhnt, diese Eindrücke nur in ihrer Bedeutung als Merkmale der Gegenständen aufzufassen, deren Sinn und Begriff uns wichtig ist, bemerken wir den Wert des Einfachen nur dann noch, wenn wir mit gesammelter Aufmerksamkeit uns in seinen Inhalt vertiefen. Jede Form der Zusammensetzung des Mannigfaltigen erregt neben ihrer Wahrnehmung in uns einen leisen Eindruck ihres Übereinstimmens mit den Gewohnheiten unserer eigenen Entwicklung, und diese oft unklaren Gefühle sind es, welche für jedes einzelne Gemüt jedem einzelnen Gegenstand seine besondere Färbung geben, so daß er, mit demselben Tatbestand der Merkmale für alle, doch für jeden von uns ein anderer scheint. Aber selbst die einfachsten und scheinbar trockensten Begriffe des Denkens sind nie von diesem nebenhergehenden Gefühl ganz entblößt. Wir fassen den Begriff der Einheit nicht, ohne zugleich ein Glück der Befriedigung zu genießen, das sein Inhalt einschließt, den des Gegensatzes nicht, ohne zugleich die Unlust der Feindseligkeit mitzuempfinden. Ruhe, Bewegung und Gleichgewicht beobachten wir weder an den Dingen, nocht entwickeln wir uns ihre Vorstellungen, ohne uns mit unserer ganzen Lebendigkeit in sie hineinzuversetzen und den Grad und die Art der Förderung oder der Hemmung mitzufühlen, die für uns aus ihnen hervorgehen könnte." (Mikrokosmus I, a. a. O., Seite 272f.)
Gewiß wird man dieser Auffassung darin beipflichten müssen, daß in den ersten Entwicklungsstadien des Geistes jeder Eindruck irgendwie gefühlsbetont ist; ja es mag die Ansicht zu recht bestehen, daß das Seelenleben in seinen ersten Anfängen ganz in Gefühlen (bzw. Trieben) aufgeht. Aber infolge der häufig wiederholten Erregung und Anpassung an die erregenden Reize verliert doch vieles von diesem Gefühlsmäßigen nicht nur seine ursprüngliche Intensität, sondern schwindet allmählich ganz oder verwandelt sich in objektive Bestandteile der Wahrnehmung und Vorstellung. Auch im entwickelten Geistesleben freilich läßt sich schwerlich ein völlig indifferenter Bewußtseinszustand nachweisen, sondern wird jeder irgendwie gefühlsmäßig charakterisiert sein. Aber es darf nicht übersehen werden, daß sich dieses Gefühlsmäßige großenteils doch auf bloße  "Stimmungen"  reduziert, die - bald als seelische Resonanz des leiblichen Befindens, bald als allmähliches Ab- oder Nachklingen eines Affekts - sich den übrigen Bewußtseinsvorgängen chronisch anheften, sodaß es dann wohl den Schein gewinnt, als ob sie aus diesen hervorgingen, während sie in Wirklichkeit doch aus anderen, der Beobachtung oft ganz unzugänglichen Quellen entspringen. Ziehen wir das Stimmungshafte ab, so treffen wir im Bewußtsein neben den gefühlsbetonten zweifellos auch indifferente Vorgänge (des Wahrnehmens, Vorstellens etc.) an, die keinerlei spürbare Lust oder Unlust in uns erregen. Sogar die Akte der Wertung selbst sind, wie bereits angedeutet wurde und später noch weiter auszuführen sein wird, ansich nicht selten rein intellektueller Natur, nur daß sie dann freilich doch auf früher im Gefühl Erlebtes sich zurückbeziehen, also im Gefühl wurzeln, in dem allein - dabei bleibt es - der Geist ursprünglich Wert und Unwert innezuwerden vermag.

Die Auffassung, daß alles Interesse auf Gefühlen beruht, findet in den Tatsachen des Seelenlebens die allseitigste Bestätigung.

Wir erinnern zunächst an die  sinnlichen  Interessen, die, in den ersten Lebensstadien alleinherrschend, auch in einem ausgebildeten Leben noch einen weiten Umfang einnehmen und vielfach das Wollen und Handeln bestimmen: Interesse an Speise und Trank, Bewegung und Ruhe, Schmerz und Wollust, Gesundheit und Kranksein und dgl. Alle diese Interessen beruhen ganz und Gar auf  sinnlichen Gefühlen  der Lust und Unlust, des Angenehmen und Unangenehmen. Täte der Hunger nicht weh und wäre der Genuß der Speise nicht angenehm, wäre das körperliche Wohlbefinden nicht mit Lustgefühlen, das Kranksein nicht mit Unlustempfindungen verbunden, kurz: machten sich alle jene sinnlichen Güter und Übel nicht in Gefühlen der Lust und Unlust als solche bemerkbar: sie würden uns vollkommen gleichgültig lassen, kein Interesse, keinerlei Wertschätzung im positiven wie im negativen Sinn in uns hervorzurufen imstande sein. Eben erst durch das Gefühl und im Gefühl werden sie für uns zu "Gütern" und "Übeln", die unser Interesse in Anspruch nehmen, uns anziehen oder abstoßen, uns gefallen oder mißfallen.

Oder man denke an das Interesse am Mammon, welches - leider aber doch wirklich - im Leben der Menschen eine so ungeheure Rolle spielt. Hier tritt die Beziehung zum Gefühlsleben zwar nicht so sichtbar an die Oberfläche, liegt aber doch in ganz derselben Weise wirklich vor. Der Grund, weshalb das Geld so sehr geschätzt wird, liegt doch wohl nur darin, daß mittels desselben mancherlei Güter, Genüsse und Annehmlichkeiten des Lebens erworben und umgekehrt mancherlei Übel, Leiden und Unbequemlichkeiten vermieden werden können. All jene Güter und Übel aber, das bedarf keines weiteren Beweises, werden als das, was sie sind, wieder nur durch Gefühle der Lust und Unlust aufgefaßt. Man denke sich diese Gefühle weg aus dem Leben der Seele, und jedes Interesse an jenen Gütern und Übeln, damit aber auch jedes Interesse am Geld, wäre ausgeschlossen.

Aber auch die  höheren  Interessen des menschlichen Lebens - Interesse am Forschen und Erkennen, Interesse am Wohl und Wehe unserer Mitwelt, alle ästhetischen, ethischen, religiösen Interessen - wurzeln gleichfalls ganz und gar in  Gefühlen. 

Jeder Akt klaren und wahren Erkennens, jedes Bewußtwerden eines geistigen Fortschritts, einer Bereicherung unserer Kenntnisse und Erkenntnisse ist mit einem Gefühl der Lust, wie umgekehrt jede Hemmung der Denktätigkeit, jedes Bewußtwerden mangelnder Kenntnis und Einsicht mit einem Gefühl der Unlust verbunden. Mögen auch diese Gefühle manchmal zu zart anklingen, als daß sie sofort deutlich ins Bewußtsein treten, einer genaueren Selbstbeobachtung werden sie doch in keinem jener Fälle ganz verborgen bleiben. In diesen Gefühlen aber - man bezeichnet sie als "intellektuelle", weil sie die Tätigkeiten des Intellekts begleiten - liegt oder auf ihnen beruth doch alles echte Interesse am Forschen und Erkennen. Alles "echte" Interesse sagen wir und meinen damit das Interesse, welches aus der Sache selbst entspringt, welches sich am Erkennen um seiner selbst willen erfreut, ganz abgesehen von etwaigen  Zwecken denen es dient. Daß auch um dieser willen Erkenntnis und Wissen geschätzt wird, sei es daß der Gedanke an Vorteil und Ehre, sei es daß der Gedanke an den Nutzen für die Mitwelt, sei es daß andere Zweckrücksichten zugrunde liegen, das soll natürlich nicht in Abrede gestellt werden; nur daß solche Nebeninteressen nicht mit dem "intellektuellen" Interesse zu verwechseln und nicht wie dieses auf die intellektuellen, sondern auf andere Gefühle (sinnliche Gefühle, Ehrgefühl, sympathetisches Gefühl etc.) zurückzuführen sind.

Das  Interesse am Wohl und Wehe unserer Mitmenschen  beruth auf den  sympathetischen  Gefühlen des Mitleids und der Mitfreude. Das Ergehen und die Erlebnisse unserer Mitmenschen berühren uns nicht bloß in dem Sinne, daß wir sie theoretisch wahrnehmen oder vorstellen bzw. mit unserer Phantasie in die Situation der anderen uns hineinversetzen, sondern auch in unserem Gemüt, in unserem  Gefühl  klingt des anderen Leid und Freude mehr oder weniger lebhaft wieder und wird so zu unserem eigenen Leid und zu unserer eigenen Freude. Eben hierin beruth jenes sympathetische Interesse, welches - als der Schlüsse zum innersten Verständnis unserer Mitmenschen, als der kräftigste Magnet menschlichen Gemeinschaftslebens, als der wirksamste Hebel werktätiger Nächstenliebe - von so tiefgreifender Bedeutung ist.

Auch die  ästhetischen, ethischen  und  religiösen  Interessen sind ganz und gar durch die bezüglichen Gefühle bedingt. Wer die Schönheit der Musik niemals selbst  empfunden  hat oder überhaupt nicht zu empfinden imstande ist, der mag wohl darüber reden können und an ihre Vortrefflichkeit auf die Aussage anderer hin glauben; aber das ist dann doch nur eine äußerlich angenommene  Meinung,  ein totes  Fürwahrhalten,  kein wirkliches  Interesse.  Dieses setzt, wie überall, so auch hier, das eigene Erleben oder, was dasselbe ist, eigenes Empfinden und Fühlen unbedingt voraus. Über sittliche und religiöse Dinge mag jemand noch so genau unterrichtet sein, er mag sie noch so oft haben preisen hören und auf guten Glauben selbst gepriesen haben: wenn er vom Wert dieser höchsten Güter nie in seinem  Gemüt  ergriffen ist, wenn er niemals Wohlgefallen Am Guten und Abscheu gegen das Böse selbst empfunden hat, wenn Gottes Größe und Güte nie sein Herz bewegt, Gottes Herrlichkeit in der Natur, Gottes Geist aus der Schrift nie zu seinem Gefühl gesprochen hat, so kann von einem Interesse für diese Dinge bei ihm nicht die Rede sein. Äußerlich anlehren und anlernen läßt es sich nicht; es gilt auch hier des Dichters Wort: "Wenn ihr's nicht  fühlt,  ihr werdet's nie erjagen."

Freilich gibt es auch ein Interessen an diesen Dingen, welches nicht aus der Sache selbst entspringt, die ästhetischen, sittlichen und religiösen Güter nicht ihrer selbst wegen wertschätzt, sondern um eigennütziger Zwecke willen, denen sie dienen sollen; doch sind das dann eben  Nebeninteressen,  die von den hier in Rede stehenden wohl zu scheiden sind. Daß sich auch diese Nebeninteressen wieder auf bezügliche Gefühle zurückführen lassen, bedarf nach den bisherigen Ausführungen wohl keines weiteren Beweises mehr.



LITERATUR - Wilhelm Ostermann, Das Interesse, Oldenburg und Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Die Ansicht KANTs, daß das ästhetische Wohlgefallen außer Beziehung zum Begehrungsvermögen steht und die damit zusammenhängende Leugnung eines ästhetischen Interesses ist nicht aufrechtzuhalten. Wohl folgt aus dem Wohlgefallen am Schönen nicht mit Notwendigkeit ein Begehren nach dem  Besitz  des schönen Gegenstandes ("die Sterne, die begehrt man nicht"), wohl aber ein  Begehren ästhetisch zu genießen. 
    2) Eine nähere Auseinandersetzung mit der Lehre HERBARTs scheint mir hier nicht am Platz. Zu weiterer Orientierung darf ich aber auf meine Schrift "Die hauptsächlichsten Irrtüm der Herbartschen Psychologie und ihre pädagogischen Konsequenzen" hinweisen.
    3) Zu näherem Eingehen in LOTZEs Gedanken wird sich später noch Gelegenheit finden, sodaß wir hier davon absehen dürfen.
    4) Ebenso oder doch ähnlich die meisten Vertreter der modernen Psychologie. "War es eine ursprüngliche Eigentümlichkeit des Geistes, Veränderungen nicht nur zu erfahren, sondern sie vorstellend wahrzunehmen, so ist es ein ebenso ursprünglicher Zug desselben, sie nicht nur vorzustellen, sondern in Lust und Unlust auch des  Wertes  innezuwerden, den sie für ihn haben." "Das Gefühl ist das Licht, in welchem die objektive Vortrefflichkeit der Dinge  für uns  erst wahrhaft zu leuchten beginnt." "Weit entfernt, als eine nebenherlaufende Zugabe nur aus der Übung unserer vorstellenden Tätigkeit zu entstehen, beruth das Sittliche vielmehr auf dem Grund des  Gefühls,  das weit eigentümlicher als die Erkenntnis die wahre natur des Geistes bezeichnet." "Die ästhetischen Urteile der Billigung und Mißbilligung, also: "dies gefällt" und "jenes mißfällt", sind bloß ihrer sprachlichen Form nach Urteile oder Sätze; das aber, was durch sie ausgedrückt wird, ist gar keine Denkhandlung mehr, sondern ein  Gefühl von Lust oder Unlust."  (LOTZE, Mikrokosmus I, dritte Auflage, Seite 269f; Grundzüge der praktischen Philosophie, zweite Auflage, Seite 12) "Jede Wertbestimmung beruth auf Gefühlen." (WUNDT, System der Philosophie, erste Auflage, Seite 136) "Wem die Willens- und Gefühlsseite ganz fehlt, wer bloß reiner Verstand wäre, dem wären alle Prädikamente, die Wertverhältnisse ausdrücken, ganz unfaßbar." (PAULSEN, Einleitung in die Philosophie, zweite Auflage, Seite 237) "Das Gefühl zeigt mir den  Wert  an, den ein Reiz für micht hat." (ZIEGLER, Das Gefühl, dritte Auflage, Seite 99) "Der Verstand erschöpft nicht das Wesen des Geistes, und die Bestimmung des Menschen geht nicht im Erkennen auf ... Das Wirkliche, auf uns Wirkend wird nicht bloß mit dem Verstand erfaßt, es wird auch mit dem  Gemüt  erlebt, durch das  Gefühl  geschätzt, vom Willen erstrebt. Solcher Gestalt entspringen Ideen oder  Werte."  (ALOIS RIEHL, Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart", zweite Auflage, Seite 182) "Das Gefühl ist eine psychische Erregung, in welcher der  Wert  einer im Zustand des lebenden Organismus oder im Zustand des Bewußtseins eingetretenen Änderung für das Wohl oder Wehe des Subjekts unmittelbar als Lust oder Schmerz wahrgenommen wird." (JODL, Lehrbuch der Psychologie, Seite 374) "Die Gefühle sind das innerste Leben der Seelenmonade selbst; sie sind darum auch nichts weniger als Nebenprodukte des Vorstellens und Wollens; vielmehr liegen in ihnen die  feinsten und letzten Entscheidungen über den Wert der Güter des Lebens."  (RÜMELIN, Reden und Aufsätze, Seite 138f) "Das Gefallen oder Mißfallen, welches unwillkürlich und unmittelbar durch die Anschauung fremden Tuns in uns geweckt wird, ist  zunächst Empfindung (Gefühl);  indem wir die Empfindung auf das sie hervorrufende Objekt beziehen, wird erst das Gefallen oder Mißfallen zur Billigung oder Mißbilligung des Objekts, d. h. es entspringt aus der Empfindung (dem Gefühl) ein Urteil über das Objekt. Das Urteil spricht aus, ob das Objekt eine wohlgefällige oder nichtgefällige Empfindung (Gefühl) in uns erregt, und besteht in einer  Wertbestimmung  desselben nach Maßgabe der von demselbe in uns hervorgerufenen  Empfindungs(Gefühls)-Reaktion." "Die Empfindung (das Gefühl) hat den Vorrang, das Urteil spaziert nur als der hilfreiche Diener hinterher." (EDUARD von HARTMANN, Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins", zweite Auflage, Seite 98f)