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JOHANNES ORTH
Gefühl und Bewußtseinslage

"Johannes von Salisbury betont unter augustinischem Einfluß die Bedeutung der Gefühle und Triebe. Die  imaginatio besitzt die Fähigkeit in sich, sich das Zukünftige vorzustellen und dadurch in angenehme oder unangenehme Zustände zu geraten.  Roger Bacon räumt dem Fühlen eine selbständige Stellung neben Vorstellen und Wollen ein und nähert sich mit dieser Dreiteilung des Seelenlebens der heutigen Popularpsychologie. Auf gleichem Boden steht der Franziskaner  Duns Scotus. Er lehrt, daß innerhalb des Bewußtseins der regulierende Verstand, der Wille und Lust/Unlust (als Leidenschaften) zu trennen sind."

"Die gesamte Empfindung besitzt etwas Gleichgültiges; sie ist keine Rührung; sie hat nichts Angenehmes oder Unangenehmes an sich. Sie unterrichtet nur den Verstand und stellt ihm Gegenstände dar, die auf uns wirken. Aber es liegt in der gesamten gefühlten Modfikation, die zum Empfindnis wird, noch etwas mehreres. Es ist ein eindividueller Eindruck, davon der größte Teil nur zusammen auf einmal dunkel gefühlt, nicht aber auseinandergesetzt und entwickelt werden kann. Insofern ist sie bloß Gefühl von einer Veränderung in uns, und insofern ist sie auch nur eine Rührung."

"Man pflegt gemeinhin das Vermögen der Seele in Erkenntnisvermögen und Begehrungsvermögen einzuteilen und die Empfindung der Lust und Unlust schon mit zum Begehrungsvermögen zu rechnen. Allein mich dünkt, zwischen dem Erkennen und Begehren liegt das Billigen, der Beifall, das Wohlgefallen der Seele, welches noch eigentlich von Begierde weit entfernt ist. Wir betrachten die Schönheit der Natur und der Kunst ohne die mindeste Regung von Begierden mit Vergnügen und Wohlgefallen."


Einleitung

Die Gefühlslehre gehörtzu den am meisten umstrittenen Gebieten der modernen Psychologie. Abgesehen vom Widerstreit der Theorien über die Natur der Gefühle, steht im Lager der die Gefühlsvorgänge eingehender behandelnden Psychologen die Frage nach der Zahl der Gefühlsqualitäten im Vordergrund des Interesses. In unserer Zeit des wissenschaftlichen Distinguierens [Unterscheidens - wp] und Spezialisierens ist es nur zu begreiflich, daß man sich mit dem überlieferten Gefühlsgegensatz "Lust - Unlust", als einfachen und einzigen Gefühlsqualitäte, nicht mehr zufrieden geben will. Man betrachtet vielmehr heute da und dort Lust und Unlust nur als Kollektivbegriffe für eine unabsehbare Menge unter sich qualitativ verschiedener Gefühle. Lust und Unlust bezeichnen demnach nur Hauptrichtungen im Gefühlsleben.

Neuerdings haben sich dazu durch WUNDT noch zwei solcher Richtungen oder Dimensionen gesellt, nämlich "Spannung - Lösung" und "Erregung - Beruhigung (Hemmung)" oder "Excitation [Aufregung - wp] - Depression", während schon früher LIPPS als besondere Gefühlsklasse Strebungs-, Widerstrebungsgefühle und neuerdings auch noch "Heiterkeit - Ernst" neben "Lust - Unlust" gestellt hat. Das sollen nun die Rahmen sein, in welche sich die einzelnen Erscheinungen unseres vielgestaltigen Gefühlslebens einordnen lassen.

Zu dieser Analyse der Gefühlserlebnisse durch LIPPS und WUNDT verhält man sich im Ganzen noch skeptisch, und die Anhänger der alten Zweiteilung "Lust - Unlust" als Einzelqualitäten haben sich durch die Argumente der genannten Psychologen nicht überzeugen lassen. So stehen sich zur Zeit im wesentlichen vier Anschauungen über die Zahl der Gefühlsqualitäten feindselig gegenüber, nämlich
    1) die alte Ansicht, Lust und Unlust als Einzelqualitäten;

    2) Lust und Unlust als Kollektivbegriffe;

    3) die Drei-Dimensionalität der Gefühle "Lust - Unlust", "Strebung - Widerstrebung" und "Heiterkeit - Ernst" bei  Lipps  und

    4) die drei Gefühlsrichtungen  Wundts:  "Lust - Unlust", "Spannung - Lösung", "Erregung - Beruhigung, von welchen die unter 3 und 4 erwähnten Richtungen wieder unzählige Einzelqualitäten umfassen.
Um sich nun für die eine oder andere dieser Anschauungen entscheiden zu können, muß man in erster Linie den Begriff "Gefühl" einer Untersuchung unterziehen und ihn genau abgrenzen. Da dieser Begriff nicht nur im landläufigen Sprachgebraucht, sondern auch in der Wissenschaft einen Bedeutungswandel erfahren hat, so soll die erste Aufgabe, die ich mir für diese Arbeit gestellt habe, die sein, die Bedeutung des Wortes "Gefühl" im Sprachgebrauch des täglichen Lebens und der Wissenschaft zu untersuchen. Im weiteren sollen die verschiedenen Anschauungen über die Zahl der Gefühlsqualitäten einer Kritik unterzogen und gezeigt werden, daß mancherlei bisher als Gefühl betrachtetes Psychisches durchaus nichts mit diesem zu tun hat, sondern einer anderen begrifflichen Fassung bedarf. Endlich sollen von mir unternommene experimentelle Untersuchungen mitgeteilt werden, die eine Erforschung unseres Gefühlslebens zum Gegenstand hatten. Sie sollen die Berechtigung der von mir geübten Kritik darlegen.


Abschnitt I.
Terminologisch-Historisches

Kapitel I: Der landläufige Sprachgebrauch

Nach dem GRIMMschen Wörterbuch liegt unserem Wort "fühlen" das gotische  falan,  ahd. [althochdeutsch - wp]  falan,  das Faktitiv davon ahd.  fuolan  zugrunde und bedeutet ursprünglich etwa "die Hand oder die Finger ins Ungewisse prüfend kommen machen, d. h. mit der Hand oder mit den Fingern prüfend oder forschend berühren, betasten." Im Mhd. [Mittelhochdeutsch - wp] ist das Wort nicht mehr anzutreffen, und an seiner Stelle steht  enphinden  oder  enpfinden,  unser  empfinden.  Nur im Mitteldeutschen kommt "fühlen" noch vor. LUTHER braucht das Wort in seiner Bibelübersetzung häufig, z. B.  Lukas  24, 39 "fühlet mich und sehet etc." Da aber innerhalb des Mittelhochdeutschen "fühlen" auf Mitteldeutschland beschränkt blieb, mußte in einem 1523 zu Basel erschienenen Neudruck von LUTHERs Übersetzung des Neuen Testaments das Wort, als ein im Oberdeutschen unbekanntes, durch  empfinden  erklärt werden (1).

Abgesehen von dieser Verwendung beider Wörter als  Synonyma - Meister ECKHART braucht  gefüelen  und  enpfinden des Gemütes  als gleichbedeutend (2) - erhielt sich die älteste Bedeutung des Wortes "fühlen", als durch den Tastsinn wahrnehmen, und wurde bald in mehr aktiver, bald in mehr passiver Beziehung gebraucht, wie folgende Beispiele zeigen: einem "den Puls fühlen" - und "wie er tappt und wie er fühlt" (GOETHE) - Schmerz, Hitze, Kälte fühlen - "quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz" - "wer nicht hören will, muß fühlen". In den letzten Beispielen hat "fühlen" den Sinn von "schmerzlich wahrnehmen". Die Bedeutungssphäre unseres Wortes erweiterte sich allmählich und umschloß neben dem sinnlichen auch geistiges Gebiet. "Fühlen" erhielt so die Bedeutung: "an oder in sich durch oder als sinnliche oder geistige Erregung wahrnehmen", z. B.
    "Ich fühlte deine feuervollen Blicke" - "bisher wußte er nicht, was Liebe ist, aber jetzt fühlte er". (Karl Wilhelm Ramler)
Mit dieser Ausdehnung ihres Bedeutungsbereiches sind "fühlen" und "Gefühl" in Konflikt gekommen mit "empfinden" und "Empfindung", worunter man ursprünglich das innerliche Wahrnehmen verstand, als wahrnehmen durch die mehr innerlichen Sinne Gesicht, Gehör etc. gegenüber dem Tastsinn, dem anfänglich ausschließlich das Gefühl eignete. In dieser Anwendung hat noch heute der landläufige Sprachgebrauch zumeist die beiden Wörter "empfinden" und "fühlen", kann man ja fast täglich von der tiefen und warmen Empfindung dieses oder jenes Künstlers hören und lesen. Hiermit deckt sich GRIMMs Meinung über die allgemeine Verwendung von  "empfinden". 
    "Mit "fühlen" erscheint es oft gleichbedeutend, nur ist uns jetzt (im 19. Jahrhundert) fühlen sinnlicher, empfinden geistiger und abstrakter. In  Empfindung  liegt etwas Geistiges, was dem sinnlichen Gefühl abgeht; die Empfindung ist subjektiver, das Gefühl objektiver; oft aber sind beide wieder gleichviel." (3)
Von großem Einfluß für die mehr auf das Innerliche gehende Bedeutung von "Gefühl" waren unsere Dichter, und daß man die Ausdehnung des Begriffs als dichterische Neuerung betrachtete, beweist GOTTSCHED, wenn er 1760 schreibt:
    "Brauchet man doch heutzutage schon das Gefühl, welches ein groberer Sinn ist (als der des Geschmacks), die feinsten Empfindungen der Seele auszudrücken."
Da die jeweilige Literatur ein Ausfluß der Kulturhöhe ihrer Zeit ist, diese aber im innigsten Zusammenhang steht mit der zeitgenössischen Wissenschaft und eine rege Wechselwirkung zwischen schöngeistiger Literatur und Wissenschaft konstatiert werden muß, so ist es selbstverständlich, daß wir auch in der Wissenschaft allmählich die mehr innerliche Bedeutung von "fühlen" und "Gefühl" finden. Ein kurzer historischer Rückblick auf die Geschichte der Psychologie wird das zeigen.

Fassen wir nun nach dem GRIMMschen Wörterbuch das sämtlichen Bedeutungen von "fühlen" Gemeinsame zusammen, so muß es im Wahrnehmen gefunden werden, welches aus sinnlicher oder geistiger Erregung hervorgeht. Man versteht darunter jedoch kein deutliches Wahrnehmen, vielmehr haftet ihm etwas nicht ganz Gewisses, nicht ganz Klares, etwas dem Dunkeln Verwandtes an.
    "Deshalb auch scheidet Fühlen sich streng von Wissen, Erklären, Denken, überhaupt von allem, was eine aufs Gewisse, aufs Deutliche gerichtete geistige Tätigkeit ausdrückt."
Nachstehende Beispiele belegen das.
    "Man kann sich gesund fühlen (aus dem behaglichen Gefühl seines Lebens urteilen), nie aber wissen, daß man gesund ist." (Kant)

    "Das Kind fühlt das Unrecht wohl, allein weil es ein Kind ist, weiß es das Unrecht nicht auseinanderzusetzen." (Lessing)

    "Ich sah sie an, mein Leben hing mit diesem Blick an ihrem Leben; ich fühlt' es wohl und wußt' es nicht." (Klopstock)

    "Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen, was wir gefühlt und was nur du erkennst." (Goethe)

Kapitel II: Historischer Rückblick

§ 1. Mit dem Wort- und Bedeutungsreichtum des Sprachgebrauchs kommt die Wissenschaft nicht aus. Sie muß je nach Bedürfnis modifizieren und differenzieren, um ihr Zeichensystem dem Tatsächlichen eindeutig und immer vollkommener anzupassen. Deshalb erübrigt mir, einiges aus der Geschichte der Psychologie über die Verwendung des Wortes "Gefühl" zu bringen, um zu erfahren, welche psychischen Erscheinungen man in den verschiedenen Zeiten mit der Bezeichnung  Gefühl  belegte, und welche Bedeutung ihm beigemessen wurde. Doch sei gleich eingangs ausdrücklich bemerkt, daß ich mir völlig bewußt bin, nicht erschöpfend und vollständig zu sein, und ich will es auch gar nicht sein. Vielmehr ist es mir nur darum zu tun, zu zeigen, daß der Bedeutungskreis des Wortes "Gefühl" in der Psychologie voriger Jahrhunderte im wesentlichen sich dem des Sprachgebrauchs anschloß, bis endlich im 18. Jahrhundert das Gefühl die Stelle eines Seelenvermögens errang und seine Bedeutung gewissermaßen mit der von Empfindung tauschte.

Auf deutschem Boden wurde dem Gefühl eine hervorragende Bedeutung beigemessen bereits im frühen Mittelalter, vornehmlich durch die Mystiker. Hatte schon AUGUSTINUS (um 400 n. Chr.) (4) die innere Erfahrung wegen ihrer Bedeutung für das Verständnis des göttlichen Wesens in den Vordergrund gerückt und sein Interesse dementsprechend hauptsächlich dem Fühlen und Wollen zugekehrt, so gingen die Mystiker in ihrem Streben nach dem Einswerden mit Gott einen beträchtlichen Schritt weiter und stellten in den Mittelpunkt ihrer erfahrungsmäßigen Seelenlehre die Gefühle. In der nebenherlaufenden scholastischen Richtung, aus welcher die Mystiker selbst hervorgegangen waren, führte der Universalienstreit zum Studium der seelischen Vorgänge, zumeist sofern sie der Erkenntnis dienen.

JOHANNES von SALISBURY (um 1150) betont unter augustinischem Einfluß die Bedeutung der Gefühle und Triebe. Außer einem Urteil höherer Art - im Vergleich zu dem mit der Wahrheit verknüpften - besitzt die  imaginatio  die Fähigkeit in sich, "sich das Zukünftige vorzustellen und dadurch in angenehme oder unangenehme Zustände zu geraten. (5) ROGER BACON (6) (um 1250) räumt dem Fühlen eine selbständige Stellung neben Vorstellen und Wollen ein und nähert sich mit dieser Dreiteilung des Seelenlebens der heutigen Popularpsychologie. Auf gleichem Boden steht der Franziskaner DUNS SCOTUS (um 1300). Er lehrt, daß innerhalb des Bewußtseins "der regulierende Verstand, der Wille und "Lust - Unlust" (als passiones) zu trennen sind (7). Meister ECKHART (1260-1327), der sprachgewaltigste der deutschen Mystiker, hat die philosophische Terminologie sehr bereichert und die Ausdrücke  empfinden  und  gefüelen,  wie schon erwähnt, gleichbedeutend gebraucht. Der Lust stellt er  urdruz = Unlust gegenüber und spricht von einem "enpfinden des Gemüetes" (8) (dieses schon bei OTFRIED als  gimuati = Lust, Freude), worunter er in einem weniger strengen Sprachgebrauch  Geist  oder die Totalität von Denken, Fühlen und Wollen versteht. Woe er aber genauer bezeichnet, ist ihm Gemüt "die tiefste Innerlichkeit, das eigentliche Wesen des Geistes (9), wobei die Mystik dieses Wort überhaupt in einem eingeengten Sinn gebraucht.

Um den Bedeutungswandel, den viele unserer wissenschaftlichen Termini im Laufe der Zeit durchgemacht haben, auch an einem anderen, zum Gefühl derzeit in engster Beziehung stehenden Wort zu zeigen, sei hier das Wort  Gemüt  in Kürze betrachtet. Auch der Görlitzer Theosoph JAKOB BÖHME gebraucht  Gemüt  in dem zuletzt angegebenen Sinn. Er schreibt:
    "Der syderische [stählerne - wp] und elementische Geist kans nicht schauen, viel weniger fassen, allein er fühlet es und schauet den Glanz im Gemüte, welches ist der Seelen Wagen, darauf sie fähret in dem ersten Principio." (10)
Später wurde die weitere Bedeutung der Philosophie geläufig, wie das z. B. LEIBNIZ beweist. Noch bei KANT überwiegt die allgemeine Bedeutung, und erst HERBART nähert sich wieder der engeren, wenn er definiert:
    "Die Seele wird Geist genannt, sofern sie vorstellt, Gemüt, sofern sie fühlt und begehrt." (11)
Dieser Abgrenzung des Begriffs folgt die moderne Psychologie, wenn sie unter Gemütsbewegungen oder emotionalen Zuständen Affekte und Stimmungen, also unter Gemüt die Disposition zu diesen oder auch ihre Gesamtheit in den Grenzen des Individuums versteht. Der landläufige Sprachgebrauch hat sich teilsweise dem angeschlossen, sofern von einem guten Gemüt oder einem Gemütsmenschen gesprochen wird, teilweise aber auch die ursprüngliche Bedeutung beibehalten, wie der Ausdruck "gemütskrank" zeigt. Und nun zurück zum Gefühl!

Über HOBBES (1588-1679), der in Lust und Unlust neben der Selbsterhaltung die Elemente der Seele nach der praktischen Seite sieht, über DESCARTES (1596-1650), welcher Lust und Unlust den Affekten zuzählt, und über SPINOZA (1632-1677) (12), welchem Lust, Unlust und Begierde als die drei Hauptaffekte galten, woraus er alle übrigen ableitet, wende ich mich LEIBNIZ (1646-1716) zu. Bei ihm liegen die Wurzeln für die spätere Auffassung des Gefühls als selbständiges Seelenvermögen, und durch ihn wird die Meinung der WOLFFschen Schule angebahnt, das Gefühl sein eine dunkle Erkenntnis.
    "Im Schema der Renaissancepsychologie begleitet das Gefühl die Begierden, nach der bei  Descartes  und  Spinoza  sich vorbereitenden Rückwandlung wird es trotz der Dunkelheit seines Inhaltes an die theoretische Erkenntnis angenähert.  Leibniz  wagt nicht, sich entschieden zu der einen oder der anderen Meinung zu bekennen, hat aber gerade durch seine Vermittlungsversuche es ermöglicht, daß Spätere das Gefühl zu einer selbständigen Seelenleistung emporheben konnten." (13)
Nach der älteren Richtung weist sein Gedanke, daß alles Tätigsein der Seele zur Lust gereicht, und daß der gefühlsmäige Schönheitsdrang zwischen der sinnlichen Begierde und dem vernünftigen Wollen steht. Der neueren Auffassung ist es zuzuschreiben, daß unser Philosophi die Lust aus der Empfindung einer Vortrefflichkeit ableitet, sie sei an uns oder an etwas anderem. Den Lust- und Unlustgefühlen liegt die Perzeption einer gewissen Vollkommenheit oder Unvollkommenheit zugrunde (14). LEIBNIZ nimmt einmal sogar für das Gefühl überhaupt die Wahrnehmung einer Wahrheit in Anspruch, und das Gute preist er als Ursache der Lust (15). Daß LEIBNIZ, dem Vorstellung alles ist, was in der Seele vorgeht, die Ausdrücke fühlen und empfinden noch im ursprünglichen Sinn oder als gleichbedeutend braucht, zeigt folgende Auslassung:
    "Wenn nun die Seele in ihr selbst eine große zusammenstimmung, ordnung, freyheit, krafft oder vollkommenheit fühlet und folglich daran lust empfindet, so verursachet solches eine Freude. ..." (16)
WOLFF (1679-1754), der Popularisator LEIBNIZscher Gedanken, unterscheidet als Seelenvermögen nur Verstand und Wille und versteht unter "Vorstellungen" Empfindungen, Begriffe und Gefühle, wie folgende Stelle seiner deutschen Metaphysik zeigt (17):
    "Fühlen heißt soviel als dasjenige sich vorstellen, was Veränderungen in unserem Leib veranlasset, wenn körperliche Dinge ihn oder er sie berühret."
Fühlen gilt ihm also im ursprünglichen Sinn als Wahrnehmen durch den Tastsinn. Gegenüber von Empfindungen und Begriffen vermittelt das Gefühl nur verworrene, dunkle Erkenntnis. Hierfür zeugt folgende Auslassung über das Gefühl:
    "cognitiva intuitiva perfectionis (imperfectionis) cuiuscunque, sive verae sive apparentis (falsa)." [intuitive Erkenntnis der Vollkommenheit (Unvollkommenheit), wie auch immer, ob wirkliche oder scheinbare (falsche) - wp] (18)
Seine Bestimmungen der Lust und Unlust weichen da und dort etwas voneinander ab.
    "Indem wir die Vollkommenheit anschauen, entsteht bey uns die Lust, daß demnach die Lust nichts anderes ist als ein Anschauen der Vollkommenheit: was schon  Cartesius  anmerkte" und "da die Lust aus dem Anschauen der Ähnlichkeit (aus einem Beispiel genommen) entsteht: so entsteht sie aus dem Anschauen der Vollkommenheit." (19)
Über die Unlust bemerkt er:
    "Es ist nämlich die Unlust nichts Anderes als eine anschauende Erkenntnis der Unvollkommenheit, es mag entweder eine wahre Unvollkommenheit sein oder sie mag nur den Schein haben." (20)
Unser Interesse verdienen des weiteren seine Anschauungen über den Schmerz.
    "Zur Unlust gehört mit der Schmerz, welcher nichts anderes ist als die Trennung des Stetigen in unserem Körper." (21)
Ein Beispiel über den Schmerz beim Schneiden in einen Finger erläutert das.
    "Da nun der Schmerz eine Unvollkommenheit des Leibes zu seiner Ursache hat, die Empfindung der Unvollkommenheit aber Unlust erregt, so gehört der Schmerz allerdings mit zur Unlust und daher pflegt es auch zu geschehen, daß man alle Unlust einen Schmerz nennt." (22)
Von der Reaktion gegen WOLFF ist besonders CRUSIUS (1715-1775) zu nennen. Er lehrt in seiner "Anweisung, vernünftig zu leben" (zweite Auflage 1751), daß die Gefühle vom Willen abhängen.
    "Derjenige Zustand unserer Seele, welcher aus der Erfüllung eines Willens entsteht, heißt angenehm, und wenn wir denselben mit Bewußtsein erkennen, Vergnügen. Das Gegenteil davon überhaupt heißt unangenehm ..."
Lust und Unlust sind ihm mehr als eine bloße Vorstellung und mehr als die Wirkung einer Vorstellung (23).

Dem im Bann WOLFFs stehenden JOHANN AUGUST EBERHARD (1739-1809) ist die einzige seelische Grundkraft dieses Erkennens. Empfinden ist ihm soviel wie Wahrnehmen und Fühlen, und das Denken unterscheidet sich von jenem durch die Klarheit. Doch geht er über WOLFF hinaus; denn im Zustand klarer Vorstellungen könnten wir nie ein ganz gleichgültiges Gemüt (im Sinn von Geist) haben (24).

Noch TIEDEMANN (1748-1803) will auch die höchste Gefühlstätigkeit aus dem Vorstellungsvermögen ableiten, (25) und FRANZ VOLKMAR REINHARD (1753-1812) sieht im Willen die Ursache unserer Empfindungen, Neigungen, Begierden und Handlungen. Später freilich schließt er sich der Lehre von den drei Seelenvermögen an (26). In dieser ganzen Zeit wird "fühlen" als sinnlich wahrnehmen und dunkel erkennen gebraucht. So sagt z. B. SCHULZE (1761-1833):
    "Das Gefühl nötigt uns, eine objektive Körperwelt anzunehmen, und will man dieses Gefühl von unserer Existenz und vom Dasein der Vorstellungen in uns für Täuschung ausgeben," (27)
und LEIDENFROST (1715-1794): "Die erste Empfindung eines jeden Menschen ist das Gefühl seines Körpers (28).

Im Gegensatz zur Auffassung dieser rationalistischen Psychologen über das Gefühl räumt die empirische Psychologie der folgenden diesem eine weit höhere Bedeutung, ja schließlich gar eine selbständige Stellung als Seelenvermögen ein. Denken und Fühlen betrachtet SULZER (1720-1779) als die Hauptrichtungen der Seele.
    "So mannigfaltig auch die Wirkungen der Seele zu sein scheinen, so laufen sie doch alle auf die Anwendung zweier Vermögen, welche die Quellen aller ihrer übrigen Bestimmungen und Veränderungen sind, hinau. Das eine ist das Vermögen, sich etwas vorzustellen, oder die Beschaffenheit der Dinge zu erkennen; das andere das Vermögen, zu empfinden oder auf eine angenehme oder unangenehme Art gerührt zu werden." (29)
SULZER schreibt also nach ursprünglichem Brauch  Empfinden  statt  Fühlen.  Dafür und für seine Auffassung von der Selbständigkeit des Gefühls zeugt nachstehende Stelle:
    "Empfindung nenne ich jede Vorstellung, insofern sie angenehm oder unangenehm ist, oder insofern sie Verlangen oder Abscheu hervorbringt. Die Empfindung ist also eine Handlung der Seele, die mit dem Gegenstand, der sie hervorbringt oder veranlaßt, nichts gemein hat." (30)
Die Entstehung des Gefühls denkt er sich folgendermaßen:
    "Die natürliche Tätigkeit der Seele rührt von einer ihr innewohnenden Kraft oder einem beständigen Streben, zu denken, her. Findet diese Kraft ein Hindernis, sich zu entwickeln, oder entspricht die Wirkung nicht der Größe ihres Strebens, so muß es ihr notwendig zuwider sein; sie muß diesen Zustand des Zwangs hassen, der ihrer Natur so gerade entgegensteht ... Dies ist der Ursprung der unangenehmen Empfindungen oder des Mißvergnügens." (31)
Die angenehmen Empfindungen dagegen entspringen aus der "Leichtigkeit und Schnelligkeit", mit welcher die Seele die Dinge bearbeiten kann. (32)

Gegenüber SULZER, dessen Einteilung der Gefühle er auch kritisiert, leugnet HUNGAR (1761 - 1804) die Selbständigkeit des Gefühls und bezeichnet als die ursprüngliche Seelenkraft ein "animalisches Empfinden".
    "Empfinden ist das Vorgefühl der Übung oder Einschränkung oder Überspannung meiner wesentlichen Kräfte. Das Vorgefühl des ersteren ist Vergnügen und das letztere je nach Verhältnis bald Mißvergnügen, bald Schmerz." (33)
Ebenso nimmt FEDER (1740-1821) nur eine seelische Grundkraft an, nämlich die Erkenntniskraft. "Eigentlich sind Verstand und Wille dieselbe Kraft oder doch dieselbe Seele." (34) Wenn man aber genauer zusieht, wird uns klar, daß der Wille erst durch die Vorstellungen wirksam wird. Die Gefühle aber fallen unter den Willen.
    "Wille heißt in der weitläufigeren Bedeutung des Wortes soviel wie die Seele, insofern sie der Sitz von Wohlgefallen und Mißfallen, Begierden, Verabscheuungen und Entschließungen ist. Eine Bestimmung des Willens zu besonderen Arten von Wohlgefallen und Begierden heißt Neigung, zu Verabscheuungen Abneigung ..." (35)
Das Ungewohnte und übermäßig Gewohnte erzeugt gleicherweise Unlust, und als allgemeines Gesetz gilt, daß wir Wohlgefallen am Gefühl unserer Kräfte und ein Mißfallen an deren Einschränkung haben (36). Von Interesse sind FEDERs Ausführungen über die gemischten Gefühle.
    "Nach der Art der Empfindungen, die den Gemütszustand bestimmen, ist derselbe entweder angenehm oder unangenehm oder gemischt ... Aber soviel ist gewiß, daß nicht leicht oder nicht lang ein Gemütszustand ganz angenehm oder ganz unangenehm ist, sondern daß Angenehmes und Unangenehmes insgemein, obgleich in verschiedenen Verhältnissen, dabei vermischt sind. Ein wenig Unangenehmes unter das Angenehme gemischt, kann das Gefühl des letzteren mittels des Kontrastes erhöhen oder mittels der Abwechslungen das Wohlgefallen daran dauerhafter machen." (37)
Hier zeigt sich ganz deutlich der Einfluß von LEIBNIZ auf die Gefühlsauffassung jener Zeit; denn nach seiner Anschauung trägt jede Lust schon den Keim der Unlust in sich.

MICHAEL HISSMANN (1752-1784), einer der selbständigsten unf fruchtbarsten empirischen Psychologen des 18. Jahrhunderts, nennt sich einen Schüler FEDERs und erhebt die Forderung nach einer physiologischen Psychologie, eine Forderung, die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihre Realisierung fand. Im Sprachgebrauch der Wörter "fühlen" und "empfinden" steht er noch ganz auf dem Boden der ursprünglichen Bedeutungen.
    "Sensationen  nenne ich alle angenehmen und unangenehmen und gleichgültigen Eindrücke äußerer Gegenstände auf unsere drei gröberen Sinne.  Empfindung  hat die Bedeutung, die die Franzosen mit dem Wort  sentiment  verknüpfen, nämlich die Aufnahme angenehmer und unangenehmer Eindrücke, die wir durch die zwei feineren Sinne, Auge und Ohr, erhalten. Die angenehmen und unangenehmen Veränderungen der Organe des inneren Sinnes werden innere Empfindungen genannt: sowie die gleichgültigen Modifikationen dieser inneren Organe innere Gefühle genannt werden." (38)
Über den inneren Sinn informiert uns folgende Ausführung:
    "Diese inneren Organe des Gehirns, die der Grund und die Werkstätte von den  ideas of reflexion  (nach  Locke)  sind, heißt der innere Sinn, und die verschiedenen Veränderungen dieser inneren Organe heißen innere Gefühle und innere Empfindungen. Die besten Philosophen setzen unter den inneren Gefühlen und den inneren Empfindungen folgenden gegründeten Unterschied fest. Die gleichgültigen Veränderungen des inneren Sinnes nennen sie innere Gefühle und diejenigen Modifikationen dieser inneren Organe, die mit einem merklichen Grad von Vergnügen oder Mißvergnügen vergesellschaftet sind, innere Empfindungen. Merkwürdig ist, daß man die Empfindungen der beiden edleren äußeren Sinne zu den Empfindungen des inneren Sinnes zählt. Auge und Ohr nannte man die beiden edleren oder feineren äußeren Sinne hauptsächlich deswegen, weil die Materie, durch welche die Nerven des Gesichts und des Gehörs gerührt werden, ungleich feiner ist als die Materie, die den Geruch, den Geschmack und das Gefühl merklich rührt." (39)
Im weiteren werden Gründe aufgezählt, um welcher willen man die angenehmen und unangenehmen Erschütterungen des Auges und des Ohres zur Klasse der inneren Empfinungen zog.

Während, wie schon erörtert, SULZER von Denken und Empfinden (im Sinne von Fühlen) als Grundkräften der Seele spricht, macht TETENS (1736-1807) in seinen "Philosophischen Versuchen" den weittragenden Schritt, ihr  drei  ursprüngliche Vermögen zuzuschreiben. Zunächst freilich erhält der Wille noch keine selbständige Bedeutung. TETENS schreibt:
    "Aus den vorhergehenden Untersuchungen halte ich mich für berechtigt, es als einen Grundsatz der Erfahrung anzunehmen, daß zu den Wirkungen der menschlichen Erkenntniskraft keine anderen mehr als diese drei Seelenvermögen, das Gefühl, die vorstellende Kraft und die Denkkraft erfordert werden. Alle Tätigkeiten der Erkenntniskraft, von den ersten sinnlichen Äußerungen an bis zu ihren feinsten und höchsten Spekulationen, bestehen in Gefühlen, im Vorstellen und im Denken." (40)
Nachdem er im Folgenden untersucht hat, ob den eben angegebenen Vermögen nicht ein einziges Urvermögen zugrunde liegt, kommt er zu dem Schluß:
    "Fühlen, Vorstellungen haben und Denken sind Fähigkeiten ein und desselben Grundvermögens und nur von einander darin unterschieden, daß das nämliche Prinzip in verschiedenen Richtungen auf verschiedene Gegenstände und mit größerer oder geringerer Selbsttätigkeit wirkt, wenn es sich bald wie ein fühlendes, bald wie ein vorstellendes und bald mehr als ein denkendes Wesen offenbart." (41)
Die drei Äußerungsformen dieses einen Grundvermögens lassen sich nicht scharf voneinander abgrenzen, sondern fließen ineinander über.
    "Die drei Kraftanwendungen ein und desselben Wesens, die oft ununterscheidbar genug sind und dann aufeinander folgen, verlieren sich auch oft an ihren Grenzen ineinander. Dennoch ist es nicht unmöglich, wie bei den Farben in einem prismatischen Bild, sie voneinander zu unterscheiden. Wenn man von den Empfindungen anfängt, so läßt sich folgende Ordnung erkennen. Zuerst die Empfindung oder der gefühlte Eindruck der Sache; dann Vorstellung; dann das Gefühl der Verhältnisse; dann die Beziehung der Vorstellungen und die Gewahrnehmung dieser Beziehung oder die Erkenntnis des Verhältnisses, das Urteil." (42)
Was TETENS unter Gefühl eigentlich versteht, erhellt sich auch aus einem Passus Seite 620:
    "Aus der Auflösung der Erkenntniskraft hat es sich ergeben, daß in der Seele ein dreifaches Vermögen unterschieden werden kann. Zuerst besitzt sie ein Vermögen, sich modifizieren zu lassen, Empfänglichkeit, Rezeptivität oder Modifikabilität; dann ein Vermögen, solche in ihr gewirkte Veränderungen zu fühlen. Beides zusammen macht das Gefühl aus."
TETENS versteht also hier unter Gefühl soviel wie Empfindung und Gefühl in unserer Terminologie zusammen. Wir müssen, fährt er fort (Seite 620f)
    "aus den bekannten Beschaffenheiten des Gefühls sicher annehmen können, daß es in der Seele ebenso etwas ist, wie beim Körper die Kraft der Trägheit, mit der er reagiert, so oft ihm eine Bewegung oder ein Trieb von Bewegungen mitgeteilt wird. Daher ist das Gefühl und die Rezeptivität ein und dasselbe Vermögen. Die Seele nimmt etwas an, indem sie fühlt, und fühlt, indem sie sich modifizieren läßt und etwas annimmt. Indessen mag man, wenn man will, die Modifikabilität vom Gefühl unterscheiden, und das letztere, daß nämlich die Seele ihre Modifikationen fühlt, als ein Unterscheidungsmerkmal einer geistlichen Empfänglichkeit ansehen. So mag es dann auch dahingestellt sein, ob jedewede Aufname einer Modifikation mit Fühlen verbunden ist. Aber dies wird hier nicht hindern, die Empfänglichkeit und das Gefühl zusammen unter dem letzteren Namen zu begreifen und so das Gefühl in diesem Verstand als eine von ihren Grundkräften anzunehmen."

    "Aber Denken wie auch Vorstellen sind beides Wirkungen einer selbsttätigen Kraft. Die Seele also besitzt Gefühl und tätige Kraft, das ist eine Kraft, tätig etwas hervorzubringen, wenn sie modifiziert worden ist. Jene ist ihre Rezeptivität, diese ihre Aktivität."
Damit hat TETENS seine vorige Dreiteilung verlassen und die endgültige Dreiteilung der Seelenvermögen angebahnt.
    "Um mich im folgenden kürzer ausdrücken zu können, will ich alle Tätigkeit der Seele, durch die sie neue Modifikationen in ihr und außerhalb von ihr hervorbringt, und die so von einem bloßen Fühlen als auch von den Aktionen des Vorstellens und Denkens unterschieden sind, unter einem Namen befassen, und das Vermögen dazu überhaupt die tätige Kraft der Seele in einer engen Bedeutung oder ihre Tätigkeitskraft nennen. Auf diese Art zähle ich drei Grundvermögen der Seele: das Gefühl, den Verstand und ihre Tätigkeitskraft. Das Gefühl begreift sowohl ihre Modifikabilität oder Empfänglichkeit wie auch das bloße Gefühl der neuen Veränderungen in sich. Die vorstellende Kraft und die Denkkraft zusammen gehören alsdann zum Verstand, und das übrige Vermögen, welches nun mit dem Gefühl und dem Verstand zu vergleichen ist, hat den letzten Namen, Tätigkeitskraft (Willen)." (43)
Neben dieser Konstatierung der drei Seelenvermögen wird noch immer an einer ihnen zugrunde liegenden Kraft festgehalten; aber
    "es ist genug, bei den ersten Sprossen dieser Grundkraft, nämlich bei dem Gefühl, der Denkkraft und der Tätigkeitskraft oder dem Gefühl, dem Verstand und dem Willen stehen zu bleiben." (44)
Zwischen einer "Empfindung überhaupt" und der "Empfindnis", worunter nach ABBTs Voranschreiten  Empfindung  verstanden wird, sofern sie uns über unseren subjektiven Zustand Aufschluß gibt, wird genau unterschieden.
    "Die Empfindung hat zwei Seiten ... So ein gefühlter gegenwärtiger Eindruck oder überhaupt so eine gefühlte gegenwärtige Modifikation hat etwas an sich, das für uns als Zeichen von ihrer Ursache, als ein Bild von ihr und als eine Vorstellung gebraucht werden kann. Das ist es, was in uns, in ihrer Spur, die sie zurückläßt, am meisten als das Zugehörige bemerkt wird und was, wieder hervorgezogen, ihre Wiedervorstellung ausmacht. Insoweit ist sie die Empfindung einer Sache. Es ist dies das klarere, am leichtesten erkennbare und am leichtesten zu reproduzierende im gesamten Eindruck, das wir nicht sowohl für eine Beschaffenheit von uns selbst ansehen, als vielmehr für eine Abbildung eines Objekts, das wir dadurch zu empfinden glauben. Insofern ist auch die gesamte Empfindung etwas Gleichgültiges; sie ist keine Rührung; sie hat nichts Angenehmes oder Unangenehmes an sich. Sie unterrichtet nur den Verstand und stellt ihm Gegenstände dar, die auf uns wirken. Aber es liegt in der gesamten gefühlten Modfikation, die zum Empfindnis wird, noch etwas mehreres. Es ist ein eindividueller Eindruck, davon der größte Teil nur zusammen auf einmal dunkel gefühlt, nicht aber auseinandergesetzt und entwickelt werden kann. Insofern ist sie bloß Gefühl von einer Veränderung in uns, und insofern ist sie auch nur eine Rührung." (45)
Empfindung und Gefühl sind für TETENS, wie ersichtlich, nur zwei Seiten  einer  psychischen Tatsache. In dieser Auffassung ist ihm die WUNDTsche Ansicht in der ersten Auflage seiner "Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele" nahe verwandt. Wenn TETENS weiter schreibt: "Die Empfindnisse sind das, was sie sind, nur insofern als sie Gefühle sind, nicht insofern sie Empfindungen sind", (46) so haben wir damit tatsächliche die Bedeutung des Wortes "Gefühl" bereits im modernen Sinn und das zu einer Zeit, wo, wie HISSMANNs Terminologie zeigt, noch die ursprüngliche Bedeutung überwog oder sich doch noch mit der modernen vermischt. Auch dafür finden wir bei TETENS Belege:
    "Die  gefühlte  Veränderung ist die Empfindung. Wenn diese nicht zu den gleichgültigen gehört, wenn sie affiziert, wenn sie uns gefällt oder mißfällt, so ist sie von dieser Seite betrachtet, was nach dem gewöhnlichen Gebrauch des Wortes  Empfindnis  oder eine  Rührung  genannt wird." (47)
Wir sehen also bei TETENs die beiden Bedeutungen im Kampf miteinander, und abgesehen davon, daß er das Gefühl zum Seelenvermögen erhob, gebührt ihm das Verdienst, auf die moderne Bedeutung des Wortes  Gefühl  hingewiesen und seiner Verwendung die Wege geebnet zu haben.
    "Die Wörter  Gefühl  und  Fühlen  haben jetzt beinahe einen so ausgedehnten Umfang erhalten, wie die Wörter  Empfindung  und  Empfinden.  Aber doch scheint noch einiger Unterschied zwischen ihnen stattzufinden. Fühlen geht mehr auf den Aktus des Empfindens, als auf den Gegenstand desselben; und Gefühle, den Empfindungen entgegengesetzt, sind solche, wo bloß eine Veränderung oder ein Eindruck in uns und auf uns gefühlt wird, ohne daß wir das Objekt durch diesen Eindruck erkennen." (48)
Wenn man sich der Bedeutung TETENS für die Gefühlslehre erinnert, so kann es kaum verwunderlich erscheinen, daß ich ihn mehr zu Wort kommen ließ als alle anderen bisher vorgeführten Psychologen.

MOSES MENDELSSOHN (1729-1786) trug viel dazu bei, daß die Ansicht von den drei Seelenvermögen Verbreitung und Annahme fand. Zwar stand er noch 1755 in seinen "Briefen über die Empfindungen" ganz und gar auf dem Boden WOLFFscher Anschauungen und hielt nur Verstand und Wille für seelische Grundkräfte, aber ein seiner "Bemerkung über das Erkenntnis-, Empfindungs- und Begehrungsvermögen" (1776) vertritt er die Ansicht, daß zwischen dem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen das Empfindungsvermögen liegt, "vermöge dessen wir an einer Sache "Lust und Unlust empfinden", sie billigen, gut heißen, angenehm finden oder mißbilligen, tadeln und unangenehm finden." Während hier das Empfindungsvermögen sich in Worturteilen äußert, wird in den 1785 erschienenen "Morgenstunden" die Empfindung der Lust und Unlust als Bildungsvermögen noch schärfer von einem Begehrungsvermögen unterschieden, welchem jetzt als Ziel die Erreichung des Guten zugewiesen ist. In den "Morgenstunden" (49) heißt es:
    "Man pflegt gemeinhin das Vermögen der Seele in Erkenntnisvermögen und Begehrungsvermögen einzuteilen und die Empfindung der Lust und Unlust schon mit zum Begehrungsvermögen zu rechnen. Allein mich dünkt, zwischen dem Erkennen und Begehren liegt das Billigen, der Beifall, das Wohlgefallen der Seele, welches noch eigentlich von Begierde weit entfernt ist. Wir betrachten die Schönheit der Natur und der Kunst ohne die mindeste Regung von Begierden mit Vergnügen und Wohlgefallen. Es scheint vielmehr ein besonderes Merkmal der Schönheit zu sein, daß sie mit ruhigem Wohlgefallen betrachtet wird; daß sie gefällt, wenn wir sie auch nicht besitzen und von dem Verlangen, sie zu benutzen, auch noch weit entfernt sind." ...

    "Wolle man allenfalls die Richtung, welche die Aufmerksamkeit durch das Wohlgefallen erhält, denselben Gegenstand ferner zu betrachten, wollte man diese eine Wirkung des Begehrungsvermögens nennen, so hätte ich im Grunde nichts dagegen. Indessen scheint es mir schicklicher, dieses Wohlgefallen und Mißfallen der Seele, das zwar ein Keim der Begierde, aber noch keine Begierde selbst ist, mit einem besonderen Namen zu benennen und von der Gemütsunruhe dieses Namens zu unterscheiden. Ich werde es in der Folge  Billigungsvermögen  nennen, um es dadurch sowohl von der Erkenntnis der Wahrheit wie auch vom Verlangen nach dem Guten abzusondern. Es ist gleichsam der Übergang vom Erkennen zum Begehren und verbindet diese beiden Vermögen durch die feinste Abstufung, die nur nach einem gewissen Abstand bemerkbar wird."
Diese Stelle bezieht sich jedoch, wie ersichtlich, nur auf das Wohlgefallen an der Schönheit, während sich die MENDELSSOHNsche Auffassung über das sogenannte sinnliche Vergnügen noch ganz im Rahmen der WOLFFschen Vollkommenheitslehre bewegt. Dafür zeugt folgende Auslassung:
    "Die Elemente der Vollkommenheit, das ist alle Merkmale, die in einem Ding etwas Sachliches setzen, erregen Wohlgefallen und Behaglichkeit; die Elemente der Unvollkommenheit hingegen oder die etwas Sachliches verneinenden Merkmale werden mit Mißfallen wahrgenommen." -

    "Dieses Wohlgefallen und Mißfallen aber bezieht sich auf den Gegenstand, geht nur auf die Sache, der das bejahende oder verneinende Merkmal zukommt. Wir empfinden über die Einrichtung und Beschaffenheit der Sache Lust oder Unlust, nachdem wir Realitäten oder den Mangel an derselben wahrnehmen." (50)
Im Bann TETENS'scher Gedanken steht LUDWIG HEINRICH JAKOB (1759-1827). In seinem "Grundriß der Erfahrungsseelenlehre" (1791) schreibt er:
    "Der merkwürdigste Unterschied unter den Empfindungen ist, daß durch einige der Zustand des Subjekts, durch andere aber Objekte der Dinge empfunden werden. Man kann daher jene subjektive, diese objektive Empfindungen nennen. Die subjektiven Empfindungen können auch Gefühle schlechthin, die objektiven aber Erkenntnis-Empfindungen genannt werden." (Seite 79)
Gegenüber der Auffassung der WOLFFschen Schule bemerkt JAKOB ausdrücklich:
    "... Die Gefühle sind überall keine Erkenntnisse, weder dunkle noch klare: man wird sich durch sie allein nicht des körperlichen Zustandes, der sie verursacht, bewußt, obgleich der letztere sie bestimmt und verursacht. Nicht die Ursachen werden in den Gefühlen mit empfunden, sondern das Subjekt fühlt sich nur selbst oder seinen Zustand ..." (Seite 88)
Und gegen den Hallenser Professor REIL, dessen Erfahrungen er anerkennt, führt er diese Auffassung noch genauer aus:
    "Aber mehr scheint mir nicht daraus zu folgen, als daß gewisse Veränderungen im Körper gewisse bestimmte Gefühle nach sich ziehen, nicht aber, daß diese Gefühle (es seien auch noch so dunkle) Erkenntnisse des Körpers sind. Ich treffe in einem Gefühl durchaus nichts an, was einer Erkenntnis ähnlich wäre; das vollkommenste Gefühl bleibt immer Gefühl, wird nie Erkenntnis. Beide sind nicht dem Grad, sondern der Art nach verschieden." (Seite 87)
Auch über die Entstehung der Gefühle erhalten wir Aufschluß:
    "Wenn die organischen Kräfte in gehöriger Harmonie wirken, sodaß sie zu ihrem Zweck, das ist dem Leben, eben hinreichen und weder Mangel noch Überfluß ist, noch auch ein ein Hindernis die organischen Kräfte in ihren zweckmäßigen Wirkungen stört, so entsteht ein gleichgültiges Lebensgefühl, welches gleichsam die Basis aller übrigen Gefühle und Vorstellungen ist und alle übrigen Seelenwirkungen begleitet. Werden die Kräfte in ihrer Wirksamkeit erhöht und in ein leichtes zweckmäßiges Spiel versetzt, so entsteht Lust, - ein Gefühl der Annehmlichkeit; werden sie in ihrer Wirksamkeit gehemmt und gestört, und geschieht dadurch dem Leben Abbruch, so entsteht Unlust, - ein Gefühl der Unannehmlichkeit." (51)
Seite 326 steht JAKOB auf dem Boden der WOLLFschen Vollkommenheitslehre.
    "Alle Vorstellungen, wodurch sich der Mensch die Vorzüge und Vollkommenheiten seiner Person und seines inneren und äußeren Zustandes vorstellt, erzeugen ein angenehmes inneres Gefühl. Alle Vorstellungen, wodurch sich der Mensch die Mängel und Unvollkommenheiten seiner Person und seiner inneren und äußeren Zustände vorstellt, erzeugen ein unangenehmes inneres Gefühl."
Im Ausdruck "inneres Gefühl" tritt uns noch die Ansicht entgegen, daß Lust und Unlust besondere Empfindungen des inneren Sinnes sind, eine Meinung, die immer noch auf die ursprüngliche Bedeutung von "fühlen" hinweist.

Unser besonderes Interesse darf schließlich der ehemalige Professor HEYDENREICH (1764-1801) beanspruchen, sprach er doch schon von empfindungsfreien Gefühlen. Er vertritt die Ansicht, daß sich die Gefühle auf nichts zurückführen lassen. Wenn ältere Psychologen das getan haben, so liegt das daran, daß sie
    "die Seelenmodifikation erstens bald mit den Vorstellungen vermengten, die sie entweder erregten oder nur begleiteten, zweitens bald mit der Vorstellung von einer Modifikation verwechselten, die der Seele übrig blieb, da sie schon vergangen war." (52)

    "Es gibt Gefühle ohne Vorstellungen, aber keine Vorstellungen ohne Gefühle und kein Gefühl ohne Begehren oder Verabscheuen." (53)
§ 2. Ehe ich nun zur Gefühlslehre KANTs übergehe, in welchem die Lehre von den Seelenvermögen ihren Gipfelpunkt erreichte, sei kurz eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegenden, bei den einzelnen Psychologen nachgewiesenen Auffassungen über das Gefühl gegeben.

Die Psychologie des 18. Jahrhunderts ging von der Ansicht aus, daß den äußeren Sinnen ein innerer Sinn entsprechen müsse, um das Bewußtsein von den seelischen Veränderungen erklären zu können. Die Wirksamkeit dieses inneren Sinns bezeichnete man früher schon als "Fühlen", dieses Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung genommen. Der Grund dafür ist in dem Umstand zu finden, daß man verschiedenerseits alle Sinne lediglich als Modifikationen des ursprünglichen Fühlens betrachtete. Man glaubte nämlich, die Sinnesnerven müßten auf irgendeine Weise  berührt  werden, damit irgendein Reiz dem Gehirn zugeführt werden könnte. So hielt man dann den Berührungssinn für den allgemeinsten und ursprünglichsten, und man stand nicht an, darunter auch den inneren Sinn zu verstehen und als dessen besondere Affektion Lust und Unlust anzusehen. Im Ganzen deckt sich diese Auffassung mit der Anschauung WUNDTs:
    "Da nun die Tast- und Gemeinempfindungen von viel intensiveren sinnlichen Gefühlen begleitet sind als die Empfindungen der objektiveren Sinne, (Gesicht, Gehör), so lag es nahe, auch bei den letzteren von einem begleitenden Gefühl zu reden, sobald sie sich mit derartigen subjektiveren Zuständen verbanden. Vom sinnlichen Gebiet ist dann mehr und mehr der Begriff auf die zusammengesetzteren und höheren Seelenzustände übertragen worden." (54)
Die Unsicherheit und das Schwankende in der Verwendung des Ausdrucks "Gefühl" blieb bestehen bis auf KANT und HERBART, und wir müssen es darum begreiflich finden, daß der Pädagoge LIEBERKÜHN wünscht,
    "daß man das Gefühl entweder gar nicht vom äußeren Sinn des  tactus  gebrauchte oder fürs innere, allgemeinere Gefühl ein eigentümliches Wort erfände." (55)
Rückblickend auf die Stellung des Gefühls im Rahmen der Vermögenstheorie bei den einzelnen Psychologen, muß uns LEIBNIZ zunächst interessieren. Bei ihm findet sich, wie früher gezeigt, die Ansicht, daß die vorstellende Kraft die ursprüngliche Kraft der Seele ist. Da er einen kontinuierlichen Zusammenhang im seelischen Leben aufgrund der  petites perceptions  annimmt und ein immerwährendes Tätigsein der Seele inhäriert, so konnte er und andere nach ihm leicht das ganze seelische Geschehen aus seiner Grundkraft erklären. So mußte seine Auffassung des Gefühls eine rationalistische sein, und das blieb die herrschende bis auf TETENS, welcher ja auch noch von einer Grundkraft spricht, sie bisweilen als Erkenntniskraft bezeichnend. Deren erste Sprossen sind ihm dann Gefühl, Verstand und Wille. CRUSIUS nahm zwar eine ganze Menge Seelenvermögen an, setzt aber Lust und Unlust in engste Beziehung zum Willen. Ebenso ordnet sie FEDER dem Willen unter, der seinerseits wieder von der Erkenntniskraft abhängt. WOLFF, REINHARD, PLATNER in der ersten Hälfte seines schriftstellerischen Schaffens und andere ersetzten die eine durch zwei primäre Kräfte, durch Erkenntnisvermögen und Willen, SULZER durch Denken und Fühlen (Empfinden genannt), und schließlich nahm man eine Dritte in den Bund auf, so daß die Dreiheit von Vermögen: Verstand, Gefühl und Wille, beisammen war. Für die Selbständigkeit des Gefühls traten nach SULZER MENDELSSOHN, HEYDENREICH, HOFFBAUER, VILLAUME u. a. ein. Doch noch MAASS betrachtete in einem 1811/12 erschienenen "Versuch über die Gefühle, besonders über die Affekte" das Gefühlsvermögen als einen Zweig des Vorstellungsvermögens und nennt die Gefühle subjektive Empfindungen im Gegensatz zu den Objektiven.

Über das Wesen des Gefühls stehen sich auch verschiedene Anschauungen gegenüber. Einmal besteht es in der Vorstellung von der Vollkommenheit des eigenen Körpers oder geistigen Zustandes oder, anders ausgedrückt, im Verhältnis der Tätigkeit zur Kraft. Nach MENDELSSOHN empfinden wir an einer Sache Lust oder Unlust, wenn uns an ihr Realitäten oder Mängel bewußt werden. Wie eine früher zitierte Stelle von HUNGAR ausweist, war er der Meinung, daß eine Betätigung oder Einschränkung unserer psychischen Kräfte Lust oder Unlust erzeugt, und WETZEL sieht in der "Angemessenheit an unsere Vorstellungen" die Ursache für die Lust. Nach HOFFBAUER ("Naturlehre der Seele", 1796) ist das Vergnügen umso größer, je größer die Zweckmäßigkeit und Vollkommenheit des Gegenstandes und je größer und ungehemmter die Geistesarbeit ist (56). Diesen Anschauungen gegenüber darf ich nicht versäumen, einer kritischen Äußerung HEYDENREICHs zu gedenken, die noch heute ihre Berechtigung hat.
    "Angenehm, sagen sie, ist alles, was den Trieb nach Leben und nach Ideen befriedigt, und wenn man sie fragt, warum sie denn fortzuleben, warum fortzudenken verlangen, so können sie nichts erwidern als: weil beides uns angenehm ist." (57)
Schließlich sei noch erwähnt, daß im Gegensatz zu WOLFF, dem das Empfinden als dunkles Erkennen galt, von SULZER, MENDELSSOHN und VILLAUME behauptet wurde, "je klarer und deutlicher die Vorstellungen von einer Vollkommenheit, desto größer das Vergnügen." (58)

§ 3. Und nun zu KANT! KANT scheint das erste Mal die Unterscheidung der drei Seelenvermögen strikt ausgesprochen zu haben in einem Brief an REINHOLD vom 28. Dezember 1787: "Denn der Vermögen des Gemüts sind drei: Erkenntnisvermögen, Gefühl der Lust und Unlust und Begehrungsvermögen." (59) Freilich hat sich diese Einsicht freilich schon früher bei ihm vorbereitet, ehe sie durch den Einfluß von TETENS und MENDELSSOHN zum Durchbruch kam. Schon 1763 scheint er den Unterschied zwischen Erkenntnis- und Gefühlsvermögen für richtig zu halten, wie folgende Auslassung zeigt:
    "Man hat es nämlich in unseren Tagen allererst einzusehen angefangen, daß das Vermögen, das Wahre vorzustellen, die Erkenntnis, dasjenige aber, das Gute zu empfinden, das Gefühl sei, und daß beide ja nicht sollen verwechselt werden." (60)
Eine weitere derartige Unterscheidung finden wir in den Worten:
    "Alle praktischen Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens oder Mißfallens, das ist der Lust und Unlust, mithin wenigstens indirekt auf Gegenstände unseres Gefühls. Da diese aber keine Vorstellungskraft der Dinge ist, sondern außerhalb der gesamten Erkenntniskraft liegt, so gehören die Elemente unserer Urteile, sofern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der praktischen, nicht in den Inbegriff der Transzendentalphilosophie, welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a priori zu tun hat." (61)
Inzwischen beschäftigte sich KANT mit teleologischen Fragen und seine 1788 erschienene Abhandlung "Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie" (Deutscher Merkur), sandte er unter Beigabe des vorhin zitierten Briefes an REINHOLD. Wir sehen also, daß ihn die Beschäftigung mit dem Zweckbegriff zur Annahme des Gefühls als mittleres Seelenvermögen zwischen Erkenntnis- und Begehrungsvermögens bewog; doch ist der Einfluß von MENDELSSOHN in dieser Angelegenheit unverkennbar. In dem Brief teilt er auch mit, daß er die Prinzipien  a priori  für das Gefühl der Lust und Unlust in der Teleologie fand. In der 1788 erschienenen "Kritik der praktischen Vernunft" will er zur Abgrenzung der Lust und Unlust vom Begehrungsvermögen noch nicht Stellung nehmen. Er erklärt nur vorläufig:
    "Lust ist die Vorstellung der Übereinstimmung des Gegenstandes oder der Handlung mit den subjektiven Bedingungen des Lebens (62), d. h. mit dem Vermögen der Kausalität einer Vorstellung in Anbetracht der Wirklichkeit ihres Objekts oder der Bestimmung der Kräfte des Subjekts zur Handlung es hervorzubringen." (Vorrede, Abschnitt VIII, Seite 112)
Dieser Abwehr gegen eine Zurückführung des Gefühls auf das Wollen folgt in der "Kritik der Urteilskraft" (1790) die öffentliche Feststellung und Anerkennung des Gefühlsvermögens (vgl. den mehrfach erwähnten Brief an REINHOLD!) zwischen den beiden anderen.
    "Alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grund ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen." (Einleitung Abschnitt III-IV, Seite 16)
KANT hat hier ein Interesse, das Lust- und Unlustgefühl vom Erkenntnis- und Begehrungsvermögen zu unterscheiden, und ein zweites, diese beiden und dadurch das Gebiet der Natur und Freiheit, theoretische und praktische Vernunft mittels Lust-Unlust wieder zu verbinden (63). Am bestimmtesten spricht er sich über die Unterscheidung der drei Vermögen so aus:
    "Wir können alle Vermögen des menschlichen Gemüts ohne Ausnahme auf die drei zurückführen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen. Zwar haben Philosophen, die wegen ihrer Gründlichkeit ihrer Denkweise übrigens alles Lob verdienen, diese Verschiedenheit nur für scheinbar zu erklären und alle Vermögen auf das bloße Erkenntnisvermögen zu bringen gesucht. Allein es läßt sich sehr leicht dartun, und seit einiger Zeit hat man es auch schon eingesehen, daß dieser, sonst im echten philosophischen Geist unternommene Versuch, Einheit in diese Mannigfaltigkeit der Vermögen hineinzubringen, vergeblich ist; denn es ist immer ein großer Unterschied zwischen Vorstellungen, sofern sie bloß auf das Objekt und die Einheit des Bewußtseins derselben bezogen, zur Erkenntnis gehören, ingleichen zwischen derjenigen objektiven Beziehung, da sie zugleich als Ursache der Wirklichkeit dieses Objekts betrachtet, zum Begehrungsvermögen gezählt werden, und ihrer Beziehung bloß auf das Subjekt, da sie für sich selbst Gründe sind, ihre eigene Existenz in demselben bloß zu erhalten und sofern im Verhältnis zum Gefühl der Lust betrachtet werden, wobei letzteres schlechterdings keine Erkenntnis ist, noch verschafft, wenn sie auch dergleichen zum Bestimmungsgrund voraussetzen mag." (64)
Mit diesen Ausführungen KANTs war die Selbständigkeit des Gefühls als Lust und Unlust dargelegt und begründet und die im Laufe des 18. Jahrhunderts angebahnte Verwendung der Ausdrücke  Gefühl  und  Empfindung  in der Philosophie im Gegensatz zum gewöhnlichen Sprachgebrauch sanktioniert. Diese Anschauung ist dann auch nach der Verwerfung der Vermögenstheorie im Wesentlichen geblieben.

§ 4. Auch im Englischen ist wie im Deutschen das Wort "Gefühl" (feeling) mehrdeutig. WARD unterscheidet vier Bedeutungen.
    "was die Bedeutung dieses Begriffs angeht, ist es klar, daß die folgende Definition ist Voraussetzung für dieses Wort das (a) eine Berührung, als Fühlen von Rauhheit, (b) als Organempfindung, wie das Fühlen von Hunger; (c) eine Emotion, wie das Empfinden von Angst; (d) als reines Gefühl, wie Lust oder Schmerz." (65)
Wir sehen daraus, daß der Engländer wie wir mit Gefühl auch die Tast- und Organempfindungen bezeichnet (a und b), ferner in der Wissenschaft sogar komplexe Erscheinungen, nämlich Verbindungen von Gefühl mit Empfindungen oder Vorstellungen, Gefühle nennt (c) und daneben Gefühl im strengen Sinn als Lust und Unlust (d) braucht. Die Verwendung des Wortes  feeling  läuft also im Ganzen der unseres Wortes  Gefühl  parallel, ja die Begriffsverwirrung in der Wissenschaft ist in diesem Punkt bei unseren Vettern über dem Kanal fast noch größer als bei uns zur Zeit.
LITERATUR - Johannes Orth, Gefühl und Bewußtseinslage, Sammlung von Abhandlungen aus dem Gebiet der Pädagogischen Psychologie und Physiologie, Bd. VI, viertes Heft, Berlin 1903
    Anmerkungen
    1) RUDOLF EUCKEN, Geschichte der philosophischen Terminologie, 1879, Seite 123, Anmerkung.
    2) MEISTER ECKHART, Schriftenausgabe von PFEIFFER, Seite 553 und 30. In KASPAR von STIELERs "Der deutschen Sprache Stammbaum 1691" wird  fühlen  und  empfinden  als gleichbedeutend gebraucht und da kommt auch zuerst das Gefühl (daz gefüele) vor. Vgl. EUCKEN, a. a. O., Seite 209.
    3) Vgl. EUCKEN, a. a. O., Seite 210f.
    4) Vgl. MAX DESSOIR, Geschichte der neueren Psychologie, zweite Auflage 1902, Bd. 1, Seite 11
    5) DESSOIR, a. a. O., Seite 13
    6) DESSOIR, a. a. O., Seite 16
    7) DESSOIR, a. a. O., Seite 18
    8) EUCKEN, a. a. O., Seite 120
    9) EUCKEN, a. a. O., Seite 211
    10) JAKOB BÖHME, Von den drei Prinzipien IV, Seite 17 (vgl. EUCKEN, Seite 211).
    11) HERBART, Lehrbuch der Psychologie, V, Seite 29
    12) SPINOZA, Die Ethik, (Ausgabe von STERN), III. Teil, 11. Lehrsatz
    13) DESSOIR, a. a. O., Seite 43
    14) GERHARDT, Die philosophischen Schriften von G. W. Leibniz, 1875-1890 II, Seite 86.
    15) GERHARDT, V, Seite 86. "jedes Gefühl ist die Wahrnehmung der Wahrheit"
    16) GERHARD VII, Seite 88
    17) WOLFF, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, fünfte Auflage 1747, Seite 221
    18) WOLFF, Psych. emp. §§ 511, 518.
    19) WOLFF, Vernünftige Gedanken, § 404, Seite 247.
    20) WOLFF, Vernünftige Gedanken, § 417, Seite 255.
    21) WOLFF, a. a. O., § 421, Seite 259
    22) WOLFF, a. a. O., Seite 260
    23) DESSOIR, a. a. O., Seite 107.
    24) Vgl. EBERHARD, Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens, 1776, Neue Ausgabe 1786
    25) Vgl. DESSOIR, a. a. O., Seite 181 und 183f
    26) Vgl. DESSOIR, a. a. O., Seite 181 und 183f
    27) SCHULZE, Grundriß der philosoph. Wissenschaften I, Seite 23.
    28) Vgl. DESSOIR, a. a. O., Seite 190
    29) SULZER, Vermischte philosophische Schriften, 1778, Seite 225
    30) SULZER, a. a. O., Seite 229
    31) SULZER, a. a. O., Seite 11f
    32) SULZER, a. a. O., Seite 11f
    33) Abhandlungen in Cäsars Denkwürdigkeiten I, 1785, Seite 268f.
    34) FEDER, Untersuchungen über den menschlichen Willen I, 1779, Seite 31.
    35) FEDER, Grundlehren zur Kenntnis des menschlichen Willens und der natürlichen Gesetze des Rechtsverhaltens, zweite Auflage 1785, Seite 5
    36) Vgl. DESSOIR, a. a. O., Seite 252f
    37) FEDER, Grundlehren etc., Seite 22
    38) HISSMANN, Geschichte der Lehre von der Assoziation, 1777, Seite 95
    39) HISSMANN, Psychologische Versuche, neue Auflage 1788 und Seite 98.
    40) TETENS, Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung, Bd. 1, 1787, Seite 590
    41) TETENS, a. a. O., Seite 615.
    42) TETENS, a. a. O., Seite 473.
    43) TETENS, a. a. O., Seite 625.
    44) TETENS, a. a. O., Bd. II, Seite 374.
    45) TETENS, a. a. O., Bd. I, Seite 214f
    46) TETENS, a. a. O., Bd. I, Seite 216
    47) TETENS, a. a. O., Bd. I, Seite 166/67 ("Herr Bonnet nennt die Empfindung, wenn sie ein Empfindnis ist, Sensatioin. Die gleichgültige Empfindung ... Perzeption."
    48) TETENS, a. a. O., Bd. I, Seite 167
    49) MENDELSSOHN, Sämtliche Werke II, Seite 294f
    50) MENDELSSOHN, Rhapsodie über die Empfindungen (Sämtliche Werke I) Seite 239.
    51) LUDWIG HEINRICH JAKOB, Grundriß der Erfahrungsseelenlehre, dritte Auflage 1800, Seite 84.
    52) HEYDENREICH, Aufsätze in Cäsars Denkwürdigkeiten, 1787, Seite 17
    53) HEYDENREICH, a. a. O., Seite 164
    54) WUNDT, Zur Lehre von den Gemütsbewegungen, Philosophische Studien VI, 1891, Seite 338
    55) PH. J. LIEBERKÜHN, Versuch über die anschauende Erkenntnis, 1782, Seite 26
    56) HOFFBAUER, Naturlehre der Seele, 1796, Seite 255
    57) HEYDENREICH, a. a. O., Seite 161
    58) VILLAUME, Vom Vergnügen, Bd. II, 1788, Seite 19
    59) Kants Schriften, Bd. 10, Briefwechsel I, Seite 487f (Ausgabe der Berliner Akademie)
    60) Ausgabe der Werke KANTs von ROSENKRANZ und SCHUBERT, Bd. 1, Seite 109.
    61) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1781, Seite 618, Anmerkung, Ausgabe von KEHRBACH, Seite 607/08.
    62) "Leben ist das Vermögen eines Wesens, nach Gesetzen des Begehrungsvermögens zu handeln."
    63) Vgl. JÜRGEN BONA-MEYER, Kants Psychologie, 1870, Seite 49.
    64) Über Philosophie überhaupt 1794, ROSENKRANZ und SCHUBERT, Bd. I, Seite 586f.
    65) Enzyklopädia Britannica, neunte Ausgabe, Bd. XX, Artikel Psychology: feeling, Seite 40