p-4T. K. OesterreichJ. BergmannTh. ElsenhansP. Schilder     
 
ALEXANDER LASURSKI
Über das Studium
der Individualität

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"Veränderungen des Charakters sind auch bei Erwachsenen möglich, aber diese Veränderungen gehen dann meistens äußerst langsam und allmählich vor sich. Fälle des sogenannten plötzlichen Umschwungs im Charakter werden am erwachsenen Menschen höchst selten beobachtet; gewöhnlich beschränkt sich die Wandlung auf eine Veränderung in der Art der Äußerungen und ihrer Konfigurationen, aber die Neigungen selbst, die diesen zugrunde liegen, bleiben unverändert."

"Gewöhnlich lebt und handelt ein jeder von uns sozusagen nur zur Hälfte, indem er nicht entfernt das leistet, was er im äußersten Fall hätte leisten können. Das wird auch von der sehr verbreiteten und unserer Ansicht nach richtigen Meinung bestätigt, daß viele Leute im kritischen Moment Wunder verrichten, deren Vollbringung weder sie selbst, noch andere ihnen zugetraut hätten."

"Jede Persönlichkeit ein kompliziertes Ganzes dar, das aus einer größeren oder geringeren Zahl von notwendigen und zufälligen Verbindungen besteht, die wiederum in einige Hauptneigungen aufgelöst werden können. Der Reichtum der Kombinationen, welche als integrierende Teile einer Persönlichkeit erscheinen, bedingen den Reichtum oder die Dürftigkeit, den größeren oder geringeren Umfang der Persönlichkeit."


Kapitel I.
Neigungen und Gewohnheiten

Es ist uns allen wohlbekannt, daß jeder Mensch sich von seinen Mitmenschen durch irgendetwas unterscheidet, jeder seine "individuelle Physiognomie" besitzt. Neben einer ganzen Reihe von Eigenschaften, die in einem größeren oder geringeren Grad allen Menschen gemein sind, gibt es eine noch größere Zahl von Eigenschaften, die sowohl in Bezug auf ihre Qualität als auch in Bezug auf ihre Intensität bei verschiedenen Menschen scharf variieren. Freilich wird der Begriff der Individualität, wie wir weiter unten sehen werden, durch diese "individuellen Differenzen" noch nicht erschöpft, indem er noch andere, nicht weniger wesentliche Seiten enthält; nichtsdestoweniger erscheinen das Studium und die Gruppierung dieser Differenzen, sowie der ihnen zugrunde liegenden psychischen Fähigkeiten (oder Hauptneigungen, wie wir sie im Folgenden nennen werden) als eine der wichtigsten Fragen der individuellen Psychologie, weshalb wir uns ihnen auch in erster Linie zuwenden (1).

Nach einer längeren und systematischen Beobachtung eines beliebigen Menschen, während der die charakteristischen Äußerungen, nach denen wir die innere Welt der Menschen zu beurteilen pflegen, sorgfältig notiert werden, gelangt man leicht zu der Überzeugung, daß diese Äußerungen bei jedem gegebenen Individuum bei weitem nicht so mannigfaltig und unbeständig sind, wie es auf den ersten Blick hätte erscheinen können. Das zwei oder drei Wochen geführte Journal erbringt bereits Notizen, welche sich beinah in derselben Form wiederholen. Neben zufälligen Erscheinungen, die für das gegebene Subjekt nicht typisch sind und bloß infolge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens von Umständen entstehen, treten nach und nach die beständigen Züge der gegebenen Persönlichkeit hervor, die sich unabänderlich äußern, sobald die Umstände den geringsten Anlaß dazu bieten. Nach Ablauf einer bestimmten Untersuchungsperiode sind wir allezeit imstande zu behaupten, daß wenn auch im gegebenen Moment gewisse Äußerungen am betreffenden Menschen nicht wahrgenommen werden, die Möglichkeit ihrer Entstehung dennoch sehr groß ist, und daß sie früher oder später ans Licht treten werden. So gelangen wir zum Begriff der  psychischen Neigung,  die vorläufig als die Möglichkeit einer mehrmaligen Wiederholung irgendeines psychischen Prozesses bei ein und demselben Subjekt definiert werden kann.

Der Intensitätsgrad, den diese oder jene Neigung erreicht, oder ihre  Potenz (bzw. die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit der Wiederholung eines bestimmten Prozesses) ist bei verschiedenen Menschen ein verschiedener, und eben dieser quantitative Unterschied bedingt in beträchtlichem Maß die Mannigfaltigkeit der menschlichen Charaktere, denn, je nachdem diese oder jene Hauptneigung beim gegebenen Menschen dominiert, gestaltet sich auch seine Persönlichkeit anders. Wir besitzen mehrere Methoden, die uns erlauben die Potenz ein und derselben Neigung bei verschiedenen Menschen annähernd festzustellen, wie auch zu ermitteln, welche Neigungen bei ein und demselben Individuum die herrschenden sind, d. h. an Intensität alle übrigen übertreffen.

Um den ersten Zweck zu erreichen, versucht man das Minimum des Anreizers zu ermitteln, das imstande ist, eine entsprechende Erscheinung, z. B. die Entstehung irgendeiner Empfindung oder eines Gefühls, hervorzurufen; die Größes dieses minimalen Anreizers, erweist sich bei verschiedenen Personen als verschieden, was uns erlaubt die verhältnismäßige Entwicklung der entsprechenden Neigung bei ihnen zu beurteilen. Oder man vergleicht die Intensität, mit der sich ein und dieselbe Neigung (z. B. Neigung zur Angst, zum Zorn, aktive Aufmerksamkeit usw.) bei verschiedenen Menschen, bei gleich großem Anreizer und bei möglichst gleichen äußeren und inneren Umständen äußert; die größere oder geringere Intensität der Äußerungen bildet in diesem Fall, bei der Beurteilung der Potenz der entsprechenden Neigung, das Kriterium. So z. B., wenn wir das Leben zweier Menschen von derselben Gefahr bedroht sehen, halten wir (falls Nebenumstände, welche die Sache verwickeln, fehlen), denjenigen von ihnen für den größten Feigling, bei dem die Zeichen der Angst am deutlichsten zutage treten. (2)

Um die dominierenden Neigungen des gegebenen Subjekts zu ermitteln, beobachtet man die Fälle, wo unter der Einwirkung eines komplizierten Anreizers gleichzeitig mehrere einander widersprechende und einander hemmende Neigungen tätig sind. Diejenigen, die in diesem Wechselstreit stets die Oberhand behalten, zeichnen sich offenbar durch eine intensivere Entwicklung aus als die ihnen entgegengesetzten. Eine schüchterne und furchtsame Frau zeigt bei der Rettung ihres Kindes einen wunderbaren Mut; wir urteilen: ihre Liebe zum Kind ist stärker, als der Gefühl der Furcht.

Hier kann uns eine wesentliche Einwendung gemacht werden. Die Möglichkeit einer genauen Messung irgendwelcher psychischer Vorgänge ist, wie bekannt, eine vielfach bestritte Frage. Nach einer sehr verbreiteten und genügend motivierten Meinung, haben wir gar kein Recht, von einer verschiedenen Intensität der Empfindungen zu reden, da es unmöglich ist, die stärkeren Empfindungen mit den schwächeren auf die Weise zu messen, wie die Länge des Gegenstandes mit Arschinen [russisches Längenmaß - wp] und ihr Gewicht mit Pfunden gemessen wird: die starke, intensive Empfindung ist etwas, was sich qualitativ von der schwachen Empfindung unterscheidet, und der Unterschied zwischen ihnen kann ebensowenig gemessen werden, wie derjenige zwischen zwei verschiedenartigen Empfindungen, z. B. der roten und der grünen Farbe. Wird die Möglichkeit einer Messung sogar in Bezug auf die einfachsten Empfindungen bestritten, um wieviel mehr müssen wir auf das Gebiet der komplizierten Vorgänge, mit denen es die Individualpsychologie zu tun hat, beziehen.

Auf diese Einwendung darf erwidert werden, daß eine  derartige  Messung für die Individualpsychologie nicht unentbehrlich ist. Um die Neigungen und deren Verhältnis zueinander zu untersuchen, ist es nicht unbedingt erforderlich, zu wissen um "wieviel" oder "wieviel mal" eine psychische Erscheinung intensiver als eine andere ist. Es genügt schon, darauf hinzuweisen, daß zwischen ihnen ein Unterschied besteht und die eine von ihnen intensiver ist, als die andere. Die Existenz dieses Unterschieds aber ist eine unanfechtbare Tatsache, welche uns mittelbar und unmittelbar, auf dem Weg der inneren Erfahrung gegeben wird. Jede Empfindung, bzw. jedes Gefühl, welches im Menschen entsteht, und sich auf irgendeine Art dokumentiert, kann einmal schwach sein, ein anderes Mal etwas stärker, dann noch stärker usw. Und wenn von der Notwendigkeit gesprochen wird, die Potenz einer beliebigen Neigung zu definieren, so bedeutet es bloß, daß mittels Beobachtung von verschiedenen Erscheinungen bestimmt werden soll, welche von den im Voraus festgestellten Stufen der Skala den Äußerungen dieser Neigung beim beobachteten Subjekt entspricht.

Im Allgemeinen zeichnet sich jede Potenz einer beliebigen Neigung durch eine bedeutende Beständigkeit und Stabilität aus, besonders gilt das für das reifere Alter, wo der Charakter des Menschen sich bereits herausgebildet hat, und wo die wichtigsten individuellen Züge mehr oder weniger scharf hervortreten. Allerdings sind Veränderungen des Charakters auch bei Erwachsenen möglich, aber diese Veränderungen gehen dann meistens äußerst langsam und allmählich, unter dem Einfluß der in einer bestimmten Richtung beständig wirkenden, äußeren Umstände, vor sich. Fälle des sogenannten plötzlichen Umschwungs im Charakter werden am erwachsenen Menschen höchst selten beobachtet; gewöhnlich beschränkt sich die Wandlung auf eine Veränderung in der Art der Äußerungen und ihrer Konfigurationen, aber die Neigungen selbst, die diesen zugrunde liegen, bleiben unverändert.

Die verbreitete Meinung, daß der Charakter des Menschen etwas sehr Veränderliches und Unbeständiges ist, hängt ausschließlich damit zusammen, daß man die oben beschriebenen  wirklichen Veränderungen  mit den  scheinbaren  verwechselt, die schließlich auf die zu- oder abnehmende  Anspannung  der einzelnen Neigungen, zurückgeführt werden können. Bei ein und derselben Potenz kann die Neigung in verschiedenen Momenten einen verschiedenen Grad der Anspannung besitzen, was auch eine größere oder geringere Schärfe der entsprechenden Äußerungen zur Folge hat. Der Grad der Anspannung wird durch verschiedene Faktoren bedingt: durch die größere oder geringere Kraft des im gegebenen Moment wirkenden Anreizes, durch die vorangegangene Tätigkeit der betreffenden Neigung (Ermüdung), durch die Einwirkung anderer, auf irgendeine Weise mit ihr verbundenen Neigungen usw. Im Zusammenhang mit der wechselnden Anspannung der Neigung werden auch die Äußerungen der Persönlichkeit modifiziert, wobei diese "scheinbaren" Veränderungen wiederholt auftreten und sehr mannigfaltig sein können, im Gegensatz zu den "wirklichen" Veränderungen des Charakters, von denen oben die Rede gewesen ist.

Nimmt man die vorstehende vorläufige Begriffsbestimmung der  Neigung  oder der seelischen Eigenschaft an, so wird man eigentlich gezwungen anzuerkennen, daß beinahe jedem seelischen Erlebnis eine Neigung entspricht, denn nur die seltensten psychischen Prozesse zeichnen sich durch eine derartige Eigenartigkeit aus, daß ihre Wiederholung beim gegebenen Individuum als ausgeschlossen erscheint. Doch sind lange nicht alle Neigungen dem Psychologen und Charakterologen gleich wichtig; wir besitzen gewisse Kriterien, die uns erlauben, aus der unendlichen Mannigfaltigkeit der psychischen Neigungen oder Dispositionen die verhältnismäßig geringe Zahl der  Hauptneigungen  auszuscheiden, deren Gesamtheit das Tiefste und Wichtigste in der subjektiven Organisation des Menschen umfaßt. Von einer detaillierten Mitteilung über diese Kriterien abstehend, heben wir an dieser Stelle nur zwei derselben hervor, die als die wesentlichsten erscheinen und für die allgemeine Psychologie wie auch für die Individualpsychologie eine gleiche Bedeutung haben, nämlich - die  Einfachheit  und  Stabilität  der einzelnen Neigungen.

Es gibt  einfache (elementare)  und  zusammengesetzte (komplizierte)  seelische Eigenschaften. Zu den ersten gehören z. B. die Neigung zur größeren oder geringeren Geschwindigkeit irgendeines intellektuellen Prozesses, die größere oder geringere Erregbarkeit der Gefühle, die Fähigkeit, etwas im Gedächtnis zu bewahren, die Fähigkeit zu einer größeren oder geringeren Anspannung des Willens, zu den zweiten z. B. Heuchelei, Interesse für das Theater, rednerische Begabung, ethische Anschauungen, soziale Gewohnheiten. Eine scharfe Grenze kann allerdings zwischen den einfachen und zusammengesetzten Fähigkeiten nicht gezogen werden, da eine ganze Reihe von Übergangsstufen möglich ist; doch bleibt der Unterschied zwischen den extremen Repräsentanten jeder von diesen Gruppen sehr bedeutend.

Für die wissenschaftliche Psychologie haben die einfachsten Neigungen, die wenigstens gegenwärtig keiner weiteren subjektiven Analyse zugänglich sind, eine besondere Bedeutung. Sie sind es ja, die schließlich jene "charakteriologischen Elemente" bilden, aus welchen wir bei genügend reichem Material jede einzelne Persönlichkeit zumindest in ihren Hauptzügen "rekonstruieren" können.

Was die zusammengesetzten seelischen Fähigkeiten anbelangt, so bietet ihre Untersuchung, die praktisch sehr wichtig ist, vom Standpunkt der theoretischen Psychologie, bei weitem nicht dasselbe Interesse. Indem wir zur Untersuchung einer beliebigen zusammengesetzten Neigung schreiten, werden wir unvermeidlich genötigt, dieselbe in ihre Bestandteile zu zerlegen, wobei wir diese Zergliederung solange werden fortsetzen müssen, bis wir zu Elementen gelangen, die nicht weiter analysiert werden können, d. h. zu eben denselben einfachen Neigungen.

Andererseits erweisen sich die zusammegesetzten Dispositionen, welcher Art sie auch sein mögen, als lange nicht so stabil, dauerhaft unveränderlich in ihren Bestandteilen, wie die einfacheren seelischen Eigenschaften. Solche Neigungen, wie Heuchelei, Interesse für das Theater, gewisse soziale Anschauungen und Sympathien kommen bekanntlich in den allerverschiedensten Formen vor, werden außerdem in beträchtlichem Maße unter dem Einfluß der äußeren Umstände gebildet und können bei einer Veränderung in den letzteren wesentlich modifiziert werden, obgleich die subjektiven Grundzüge der Persönlichkeit durchaus dieselben bleiben. Solche rein äußerlichen Veränderungen und Modifizierungen des Charakters können, wie wir es weiter unten sehen werden, dem Charakterologen ein bedeutendes Interesse darbieten; jedoch wird er stets sein Hauptaugenmerk auf diejenigen elementaren, stabilen und stets qualitativ gleichartigen Seiten der psychischen Organisation zu richten haben, welche, indem sie einen mehr oder weniger hohen Intensitätsgrad erreichen, die Grundlage des psychischen Lebens und der Tätigkeit eines jeden Menschen bilden.

Schon die oben angeführten Beispiele der einfachen Hauptneigungen (Neigung zur Geschwindigkeit der intellektuellen Prozesse, die Erregbarkeit der Gefühle, die Fähigkeit, etwas im Gedächtnis zu bewahren, die Fähigkeit zur Anspannung des Willens) zeigen, daß dieser Begriff auf keinen Fall mit den sogenannten "psychischen Atomen" identifiziert werden darf. Bekanntlich verstehen unter diesen psychischen Atomen einige Psychologen die Empfindungen, indem sie sich bemühen, jedes psychische Erlebnis in uns ohne Rest in verschiedenartige Empfindungen zu zerlegen, um es nachher mittels dieser letzten zu rekonstruieren, wie der Chemiker zusammengesetzte Körper aus Atomen konstruiert. Andere Psychologen unterscheiden zwei Arten von Elementen: die Empfindungen und die einfachen Gefühle. Unter den Hauptneigungen wird jedoch, wie wir es gleich sehen werden, etwas ganz anderes verstanden.

Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen unseren Hauptneigungen und den psychischen Atomen ist allerdings nicht zu leugnen; sie besteht darin, daß sowohl diese, als auch jene die einfachsten psychologischen Elemente darstellen, die, zumindest bei den gegenwärtigen Untersuchungsmethoden, keiner weiteren Analyse zugänglich sind; außerdem haben wir es in beiden Fällen nicht mit einem psychischen Prozeß, als mit einem Ganzen zu tun, sondern bloß mit irgendeiner Seite dieses Prozesses, welche sich beinahe in derselben Form wiederholt. Infolgedessen muß unsere vorläufige Begriffsbestimmung der psychischen Neigung verengt werden: unter einer "Neigung" verstehen wir  die Möglichkeit einer mehrmaligen Wiederholung einer elementaren Seite dieses oder jenes psychischen Prozesses  beim Objekt der Beobachtung.

Auf das eben Angeführte beschränkt sich daher auch die Ähnlichkeit zwischen unseren Hauptneigungen und den psychischen Atomen, nun folgt der Unterschied und zwar ein sehr wesentlicher. Vor allem sieht der Anhänger der Atomtheorie in den Empfindungen und einfachen Gefühlen ausschließlich bewußte Erlebnisse und nichts weiter. Indem er einen komplizierten Prozeß in seine Bestandteile zu zerlegen bestrebt ist, bezweckt er allezeit bloß eine ausführliche Analyse dessen, was das Subjekt in einem gegebenen Moment erlebt, nicht die Ursachen, warum er es erlebt. Wenn wir dagegen von den psychischen Neigungen reden, so meinen wir vor allen Dingen die  Möglichkeit  der Entstehung irgendeiner bestimmten Seite eines psychischen Prozesses, d. h. jene von uns noch ungenügend erforschte innere und äußere Bedingungen, jene Wechselwirkung zwischen konstanten Anlagen oder Dispositionen des betreffenden Menschen und den äußeren Umständen oder Anreizern, infolge deren im gegebenen Moment bestimmte Empfindungen, Gefühle und deren Kombinationen beim gegebenen Menschen entstehen. Die einzelnen Seiten der psychischen Prozesse, die von unserem Bewußtsein unmittelbar wahrgenommen werden, interessieren uns nicht an und für sich, sondern bloß soweit sie uns erlauben, die Natur der Hauptneigungen, deren Äußerungen sie sind, wie auch die Wechselwirkung zwischen denselben zu beurteilen.

Der zweite Unterschied besteht darin, daß der Begriff der  Neigung  nicht nur auf den Inhalt des Bewußtseins im engeren Sinne bezogen werden soll, sondern auch auf die sogenannten formalen Seiten unseres Seelenlebens, wie die Geschwindigkeit einzelner psychischer Prozesse und ihre Wechselwirkung, die Eigentümlichkeiten ihres Verlaufs usw. Damit wollen wir durchaus nicht sagen, daß alle Abarten der Hauptneigungen für unser seelisches Leben durchaus die gleiche Bedeutung haben oder sich zueinander auf die gleiche Art verhalten. Im Gegenteil ist der Unterschied, der unter den einzelnen Hauptneigungen und ihren Wechselbeziehungen besteht, sehr groß, die Aufgabe der Psychologie besteht eben darin, diesen Unterschied zu untersuchen und die Stelle, die jede Hauptneigung in der allgemeinen psychischen Organisation einnimmt, zu definieren. Aber eine derartige Synthese der einzelnen Neigungen kann nur das Resultat einer ausführlichen Untersuchung und Analyse derselben sein; indem wir zu dieser Untersuchung schreiten, müssen wir bei jeder psychischen Erscheinung ohne Ausnahme dieselben Methoden und Kriterien anwenden, und nicht infolge irgendeiner vorgefaßten Meinung irgendeine Gruppe von seelischen Eigenschaften (z. B. die Neigungen, die sich auf die formale Seite der psychischen Prozesse beziehen), im Voraus herausheben und den übrigen entgegenstellen.

Da der so erweiterte Begriff der Neigung sehr mannigfaltige Elemente umfaßt, werden wir genötigt, auch den Begriff des anatomisch-physiologischen Korrelats dieser Neigung zu erweitern. Die Anhänger des psychischen Atomismus, welche bestrebt sind, jeden seelischen Vorgang in ganz homogene Atome, Vorstellungen oder Empfindungen, zu zerlegen, neigen gewöhnlich zur Annahme einer strengen Lokalisation dieser Empfindungen in gewissen Rindengebieten. Noch mehr - sie versuchen sogar innerhalb eines jeden einzelnen Rindengebietes (z. B. des Seh- oder Hörgebietes) Teile abzusondern, welche irgendeinen Teil der Retina oder der verschiedenen Höhe der Töne usw. entsprechen sollen. Um das Vorhandensein von Assoziationen der Vorstellungen zu erklären, beruft man sich häufig darauf, daß gewisse Bilder in entsprechenden Zellen der Hirnrinde lokalisiert sein müßten und daß eine wiederholte Kombination derselben Vorstellungen die Leitung des Nervenstroms mittels der die betreffenden Zellen verbindenden Fasern erleichtert.

Im Gegensatz dazu muß die Lehre von den Neigungen, ohne die spezifische Wichtigkeit, welche die einzelnen Rindengebiete für verschiedene psychische Prozesse haben im mindesten zu leugnen, sich mehr der  funktionalen Lokalisation,  als der anatomischen zuneigen. Von diesem Standpunkt erscheinen die Zerebralzentren nur als Knotenpunkte oder Bindeglieder (wenn auch sehr wichtige Bindeglieder) in diesem komplizierten funktionellen System, welches in Tätigkeit gerät, wenn wir einen diesem System entsprechenden Prozeß erleben. Ferner, sobald wir anerkennen, daß die Neigungen, die sich auf die rein formelle Seite des Seelenlebens beziehen, keine geringere Bedeutung haben, als diejenigen, welche sich auf dessen Inhalt beziehen, muß das notwendig unsere Auffassung des anatomisch-physiologischen Korrelats beeinflussen: solche Seiten der Gehirntätigkeit, wie die größere oder geringere Geschwindigkeit und Intensität der Prozesse des Zerfalls und der Wiederherstellung in den Gehirnzellen, die größere oder geringere Entwicklung der Beziehungen der Zentren untereinander, z. B. die Fähigkeit oder Unfähigkeit, Bewegungen zu kennen usw., das alles wird nuns nicht weniger interessieren, als die rein anatomische Lokalisation in den Gehirnzentren.

Neben der Einfachheit und Stabilität kann zum Zweck der Ausscheidung der Hauptneigungen noch ein Kriterium angewandt werden - ein Kriterium, welchem jedoch ausschließlich in der Individualpsychologie oder der Lehre von den Charakteren eine Bedeutung zukommt. Vom Standpunkt dieser Lehre erscheinen nur diejenigen Hauptneigungen als wesentlich, welche bedeutende individuelle Schwankungen erleiden, d. h. bei verschiedenen Menschen nicht gleich stark entwickelt sind. Bekanntlich sieht WILLIAM STERN in der genauen Feststellung einer möglichst großen Zahl von "individuellen Differenzen" sogar die einzige gegenwärtig lösbare Aufgabe für diejenigen, welche eine wissenschaftliche Untersuchung der Charaktere erstreben. Von der Wichtigkeit des angeführten Kriteriums gibt schon der Name der Individualpsychologie Zeugnis.

Hier kann die Frage laut werden: welcher Art individuelle Differenzen sollen denn bei der Wahl der Hauptneigungen die größre Rolle spielen - die qualitativen oder die quantitativen? Einige Autoren stimmen für die ersteren. Ihrer Meinung nach besteht die Aufgabe des Charakterologen in der Untersuchung der Veränderungen, die ein und dieselbe Neigung bei verschiedenen Menschen erleidet, "indem sie sozusagen durch das Prisma des individuellen Charakters und Temperaments gebrochen wird." Unseres Erachtens aber soll die wissenschaftliche Charakterologie gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen. Als erstes Kriterium erscheint bei der Ausscheidung der Hauptneigungen ihre verhältnismäßige Einfachheit, bzw. die Unmöglichkeit, sie, beim gegenwärtigen Stand der psychologischen Wissenschaft, weiter zu zergliedern. Im Gegenteil können die quantitativen Schwankungen in allen einfachen Fällen sehr scharf zutage treten: die Potenz irgendeiner Hauptneigung kann bei verschiedenen Menschen innerhalb der weitesten Grenzen variieren. Eben diese Mannigfaltigkeit der Stufen, diese Möglichkeit scharfer Schwankungen in der Intensität erscheint bei einer Ausscheidung der Hauptneigungen als das dritte Kriterium.

Gegenwärtig ist uns in den meisten Fällen gänzlich unmöglich, die subjektiven [resl] Faktoren, welche den Grund jeder einzelnen elementaren Neigung bilden, auf dem Weg der unmittelbaren Untersuchung zu ermitteln. Mit anderen Worten geschieht die Untersuchung der Neigungen bloß mittels ihrer Äußerungen (3). Alle Äußerungen können in zwei große Gruppen geteilt werden, in  äußere  und  innere.  Die erste Gruppe bilden vor allem alle physiologischen Veränderungen auf der Peripherie des Organismus, welche sehr oft die verschiedenen seelischen Vorgänge begleiten, z. B. Veränderungen im Pulsschlag, in der Atmung und der vasomotorischen Tätigkeit, die Mimik und die pantomimischen Bewegungen, die Hemmung der Bewegungen, wie sie z. B. beim Zustand der Aufmerksamkeit stattfindet usw. In einem weiteren Sinn kann man mit dem Namen der äußeren Äußerungen der Neigungen das ganze Gebaren des beobachteten Subjekts belegen, als z. B. seine Worte und Behauptungen, die Art und Weise wie er andere Menschen behandelt, mit einem Wort alle die unendlich mannigfachen Handlungen, mittels welcher der Mensch mit seiner Umgebung in Berührung kommt. Schließlich gehören hierher auch jene noch wenig erforschten zerebralen Prozesse, welche gemäß dem Prinzip des psychophysischen Parallelismus als unvermeidliche Begleiter jedes unserer seelischen Erlebnisse erscheinen.

Für die Psychologie, und zwar für die allgemeine Psychologie wie für die individuelle, haben die äußeren Äußerungen nur die sekundäre Bedeutung einer Ergänzung, indem sie nur insofern von Wichtigkeit sein, als sie uns den Einblick in die innere Welt des Menschen und die Erforschung der sie beherrschenden Gesetze erleichtern.

Was die inneren Äußerungen anbelangt, so kann man eigentlich jeden psychischen Prozeß als eine Äußerung mehrerer einfacher oder zusammengesetzter Neigungen betrachten. Aber wie wir aus einer großen Zahl der psychischen Dispositionen eine verhältnismäßig geringe Zahl elementarer und stabiler Neigungen ausscheiden, so ist auch hier eine gewisse Wahl nicht nur möglich, sondern auch geboten. Als innere Äußerungen im engeren Sinn soll man nur die psychischen Erlebnisse ansehen, welche sich  in einer mehr oder weniger gleichen Form mehrmals wiederholen und bei der Feststellung irgendeiner bestimmten elementaren Neigung des gegebenen Subjekts als besonders charakteristisch erscheinen. 

Die Untersuchung jeder Äußerung besteht in erster Linie in deren Analyse, d. h. in deren Zerlegung in elementare bewußte Erlebnisse. In diesem Punkt berühren sich die Aufgaben der allgemeinen und der individuellen Psychologie, infolgedessen die erste der zweiten in beträchtlichem Maß vorarbeiten kann. Wir mögen eine beliebige innere Äußerung nehmen aus dem Gebiet der Willensprozesse, der Affekte, der Auffassung, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, des Urteilsvermögens - überall führt uns gegenwärtig die allgemeine Psychologie rohes Material zu, in der Gestalt einer ganzen Reihe von typischen sich mehrfach wiederholenden seelischen Prozessen, die ausführlich und genau beschrieben und analysiert sind.

Ferner muß auf die rein äußeren charakteristischen Merkmale hingewiesen werden, mittels welcher sowohl das Subjekt selbst als der Beobachter jede einzelne Äußerung von den übrigen unterscheidet. Als Beispiel soll eine Äußerung dienen, welche sich bei den Menschen, denen sie eigen ist, durch große Stabilität auszeichnet und zugleich als höchst charakteristisch erscheint - eine frei und ohne Stocken fließende Rede, das, was man gewöhnlich mit dem Wort  Rednergabe  bezeichnet. Dieser Äußerung liegt ein großer Schatz von Wortbildern und eine Fähigkeit sie rasch und frei zu assoziieren und kombinieren zugrunde. Aber diese Hauptneigungen sind unserer Beobachtung nicht zugänglich. Ebenso ist vor dem Blick des zuhörenden Beobachters derjenige Prozeß der Entstehung eines jeden Satzes verborgen, bei dem einzelne Wörter, Bilder, Teile verschiedener Sätze, welche an der Bewußtseinsschwelle des Redners wirr durcheinanderwogen, miteinander mannigfaltige Verbindungen eingehen und schließlich wohlgebaute, vollendete Perioden bilden (die innere Äußerung der obengenannten Neigungen). Im Gegenteil wird das Endresultat sowohl vom Redner selbst, als auch von seinen Zuhörern deutlich und lebhaft empfunden: der regelmäßige Bau und die Übereinstimmung der einzelnen Sätze untereinander, das Ebenmaß und die Vollendung der Perioden, die fließende Rede, von keiner unnötigen Pause, von keinem Stocken oder Stottern unterbrochen, das sind die äußeren Merkmale, welche für die gegebene Äußerung als charakteristisch erscheinen dürfen.

Endlich bildet den dritten und den wichtigsten Teil der Analyse der Äußerungen dasjenige, was man eine  "charakterologische Analyse"  nennen könnte, d. h. die Ermittlung der Hauptneigungen, denen die gegebene Äußerung entspricht, oder mit anderen Worten die Beantwortung der Frage, welche Hauptneigungen besonders energisch in Tätigkeit gesetzt werden müssen, um den gegebenen psychischen Prozeß hervorzurufen.

Die Beobachtungen beweisen, daß die Resultate der charakterologischen Analyse bei weitem nicht immer mit dem Eindruck zusammenfallen, der bei einer Gegenüberstellung der äußeren Konfiguration zweier Äußerungen entsteht und der hauptsächlich von den Umständen oder Anreizern, die den gegebenen Äußerungen ihren Stempel aufdrücken, abhängt. Öfters erweist es sich, daß zwei Äußerungen, die in ihrer Gesamterscheinung einander sehr ähnlich sind (und zwar nicht nur bei objektiver Beobachtung, sondern auch bei Selbstbeobachtung), im Grunde doch sehr verschiedene subjektive Faktoren zur Ursache haben, und sich umgekehrt gleichartige Neigungen zuweilen sehr verschieden äußern können. (Beispiele unten Kapitel V).

Eine sehr wichtige Rolle spielen bei der Entstehung und Gestaltung der Äußerungen die äußeren und inneren Umstände, die man  Anreizer  der einzelnen Neigungen nennen kann. Jede Hauptneigung hat ihre Anreizer, deren Vorhandensein ihre Äußerung begünstigt; so rufen Licht- und Schallreize bei genügender Intensität im Bewußtsein entsprechende Empfindungen hervor; die Erinnerung an eine erlittene Beleidigung wird vom Gefühl des Zorns oder der Entrüstung begleitet; das Betrachten eines Kunstwerks ruft verschiedene ästhetische Gefühle hervor usw. Je intensiver der Anreizer, desto mehr Veranlassung haben wir bei sonst gleichen Umständen die Entstehung der Äußerung zu erwarten, die diesem Anreizer entsprechen. Im Gegenteil: beim Ausbleiben des Anreizers kann die Neigung, wenn sie auch einen sehr bedeutenden Grad von Anspannung (z. B. infolge der Nichtbestätigung oder der vorangegangenen Übung) erreicht hat, entweder sich gar nicht äußern, oder nur in der Hemmung und Störung anderer Prozesse einen Ausdruck finden. Beispiele: die Unruhe und Reizbarkeit eines Menschen, der keine passende Beschäftigung findet und sich langweilt, das unbestimmte Streben und die Schwankungen in der Stimmung, welche sehr oft die eintretende Geschlechtsreife begleiten usw.

So wird die Intensität der Äußerung von zweifachen Faktoren bestimmt: erstens von der Potenz und der Anspannung der entsprechenden Neigungen, zweitens von der Intensität des im gegebenen Augenblick wirkenden Anreizers. Es kann dabei geschehen, daß eine stark entwickelte Neigung bei einem schwachen Anreizer gerade dieselbe Äußerung bewirkt, wie eine schwach entwickelte bei einem starken Anreizer.

Die Wirkungskraft des Anreizers hängt manchmal nicht bloß von dessen Intensität, sondern auch von einigen anderen Umständen ab. Von einer detaillierten Betrachtung dieser Faktoren abstehend, erwähnen wir bloß die häufig vorkommende Erscheinung, die WILLIAM JAMES "Summierung der Reize" nennt:
    "ein Reiz, welcher an und für sich keine Auslösung der Energie im Nervenzentrum bewirken kann, tut es, wenn er gleichzeitig mit anderen Reizen wirkt, die einzeln genommen, ebenso kraftlos sind, wie er selbst. Beispiel: Indem wir uns bestreben, einen vergessenen Namen oder ein Faktum ins Gedächtnis zurückzurufen, versuchen wir, uns eine möglichst große Zahl von Umständen, die mit denselben verbunden sind, zu vergegenwärtigen, damit ihre Gesamtheit das ins Gedächtnis zurückruft, was jeder einzelne nicht vermag." (4)
Ähnliches wird bei wiederholter Einwirkung desselben Anreizers beobachtet. Wenn ich in die Lektüre vertieft am Schreibtisch sitze, kann ein einmaliges schwaches Klopfen an der Tür von mir unbeachtet bleiben, aber bei drei- oder viermaliger Wiederholung zieht dieser Laut schließlich meine Aufmerksamkeit auf sich. In den Prozessen der Suggestion und Autosuggestion spielt, wie bekann, die stereotype Wiederholung des entsprechenden Befehls oder Bildes eine äußerst wichtige Rolle.

Sowohl der Anreizer, wie auch die nächsten Äußerungen der von ihm angeregten Neigung können manchmal, ohne von uns unmittelbar wahrgenommen zu werden, doch in einem bedeutenden Maß den Verlauf unserer psychischen Prozesse beeinflussen. Zuweilen kann sich z. B. ein Mensch keine Rechenschaft davon geben, warum er von einer gewissen Apathie, Mattigkeit und Unlust zur Arbeit befallen ist, und erst seine Erlebnisse aufmerksam untersuchend, findet er, daß dieser Zustand durch die Erinnerung an einen unlängst erlittenen Mißerfolg verursacht wurde. Indem die Individualpsychologie diesen Umstand in Erwägung zieht, kann sie die Tätigkeit der verborgenen Anreizer nicht ignorieren und befleißigt sich, nach Möglichkeit dieselben in jedem einzelnen Fall zu berücksichten.

Wir unterscheiden  äußere  und  innere Anreizer,  je nachdem wir es mit den unmittelbar von außen auf die entsprechenden Neigungen einwirkenden Anreizern oder mit der Einwirkung der Erinnerungen und reproduzierten Vorstellungen zu tun haben. Aber streng können diese Gruppen, wie es scheint, nicht geschieden werden, denn bei den meisten zusammengesetzten Anreizern haben sowohl die wahrgenommenen, wie die reproduzierten Elemente gleich große Bedeutung. Als Beispiel können dienen: der Genuß, den uns die Lektüre eines Literaturwerkes gewährt, das Interesse, welches in uns die Betrachtung einer seltenen und ungewöhnlichen Erscheinung wachruft, die aktive Aufmerksamkeit die sich auf äußere Gegenstände konzentriert usw. Ferner müssen neben den  unmittelbaren  Anreizern, deren Wirkung in Bezug auf die entsprechenden Neigungen als ziemlich spezifisch erscheint, die  zufälligen  oder  mittelbaren  Anreizer unterschieden werden; indem sie keine direkte Beziehung zur gegebenen Neigung haben, rufen sie nichtsdestoweniger jedesmall ihre Äußerung hervor, weil sich auf rein zufällige Weise ein Zusammenhang zwischen ihnen und dem eigentlichen unmittelbaren Anreizer dieser Neigung gebildet hat. Beim Anblick einer Spielsache, die ihrem jüngst verstorbenen Kind gehört hat, bricht die Mutter jedesmal in Tränen aus, und zwar deshalb, weil sie dadurch an das Kind und dessen Tod erinnert wird.

Der Begriff des unmittelbaren Anreizers der Neigung kann in einem  weiteren  oder  engeren Sinn  gebraucht werden. Im ersten Fall wird dieser Terminus eine gewisse komplizierte Erscheinung in der äußeren oder inneren Welt bezeichnen, die jedesmall die Äußerung einer bestimmten Neigung bedingt, wobei die Gesamterscheinung gemeint wird mit allen ihren Eigentümlichkeiten und konkreten Details: der Glockenschlag, der mitten in der Nacht ertönt, eine unverdiente Beleidigung, die ein bitteres Gefühl hinterläßt, ein Lied, das einen tiefen Eindruck macht usw. Analysiert man jedoch das Verhältnis zwischen einer gegebenen Erscheinung als Anreizer und den von ihr hervorgerufenen inneren Erlebnissen etwas eingehender, so ergibt es sich, daß bei weitem nicht allen Details dieser Erscheinung in jedem gegebenen Fall eine gleiche Bedeutung zukommt. In jedem sogar verhältnismäßi einfachen Anreizer können ein oder zwei Elemente ausgeschieden werden, die ein näheres Verhältnis zur entsprechenden Neigung haben und die als deren eigentliche Anreizer oder Anreizer im engeren Sinn erscheinen. Die übrigen Elemente und Details der Erscheinung haben eine sekundäre, bloß ergänzende Bedeutung, indem sie der Äußerung ein spezifisches, den Eigentümlichkeiten des gegebenen Falles entsprechendes Gepräge verleihen. Ferner werden wir uns in weitaus den meisten Fällen überzeugen müssen, daß nicht sowohl irgendeine bestimmte Seite der Erscheinung als Anreizer dient, sondern vielmehr das  Verhältnis  zwischen zwei oder mehreren Seiten dieser Erscheinung. Zum Beispiel wird das Glockengeläute von uns ganz verschieden wahrgenommen, je nachdem ob es in der stillen Nacht oder am lärmenden Tag ertönt, ob eine Glocke läutet oder auch andere mittönen usw.; als eigentlicher Anreizer erscheint hier also das Verhältnis zwischen der Qualität des tonerzeugenden Körpers bzw. der Intensität seiner Schwingungen einerseits und der uns umgebenden Tonlosigkeit andererseits.

Auf diese Weise müssen wir, wenn wir von den Anreizern in einem engeren Sinn sprechen, darunter in jedem einzelnen Fall keine konkrete Erscheinung der äußeren oder inneren Welt verstehen, sondern vielmehr ein logisches Schema, das Resultat unserer Analyse und Abstraktion. Das erklärt uns die unleugbare Tatsache, daß ein und dieselbe Hauptneigung zu verschiedener Zeit und bei verschiedenen Leuten von Umständen in Tätigkeit versetzt werden kann, die sich, obwohl im Grund einander ähnlich, doch ihrer äußeren Gestalt nach schroff von einander unterscheiden. Ein Kind, welches einen neuen Streich ersinnt und ein Erwachsener, welcher an der Vervollkommnung eines komplizierten Apparates arbeitet, bieten einen frappanten Beleg dafür, bis zu welchem Grad die Äußerungen ein und derselben Neigung von der verschiedenen Form des Anreizers abhängen können.

Diese Unterscheidung zwischen abstraktem logischem Schema eines gegebenen (äußeren oder inneren) Anreizers und seinen mannigfaltigen konkreten Äußerungen erscheint als sehr wichtig für die Psychologie, da es uns einen Leitfaden bei der Untersuchung vieler komplizierter psychologischer Gebilde, unter anderem auch der sogenannten  Gewohnheiten  an die Hand gibt. Eine eingehende Analyse der Gewohnheiten, dieser komplizierten Adaptionen des Organismus an die Umgebung, zwingt uns aus der Zahl ihrer übrigen Eigentümlichkeiten besonders zwei sehr charakteristische hervorzuheben: Erstens eine gewisse  Einseitigkeit in der Äußerung der Neigung,  die der betreffenden Gewohnheit zugrunde liegt, zweitens die Bildung einer  stabilen  Kombination, in der solche Neigungen enthalten sind, die  in keinem inneren Verhältnis zueinander stehen  und die ausschließlich durch die wiederholte Einwirkung irgendeines äußeren Anreizers miteinander zu einem Ganzen verbunden werden.

Versteht man unter einem Anreizer irgendeiner seelischen Eigenschaft ein logisches Schema, eine gewisse Art der Vereinigung von äußeren und inneren Bedingungen, welche die betreffende Eigenschaft in Tätigkeit versetzen, so hat jede Hauptneigung bloß einen ihr entsprechenden Anreizer. Da aber ein und dasselbe Schema eine sehr bedeutende Zahl von sich manchmal ziemlich scharf voneinander unterscheidenden Erscheinungen umfassen kann, so entspricht tatsächlich einer jeden Neigung eine ganze Reihe konkreter Anreizer; indem diese letzten in einer gewissen Beziehung einander ähnlich sind, besitzen sie gleichzeitig Züge, die sie voneinander wesentlich unterscheiden. Und nun lehrt die Beobachtung, daß von allen diesen gleichartigen Anreizern der größte Einfluß von denen ausgeübt wird, welche kraft einer mehrmaligen Wiederholung dem gegebenen menschlichen oder tierischen Organismus geläufig geworden sind. Wir ziehen es vor, uns im Park auf eine bekannte Bank zu setzen, beim Auskleiden hängen wir unseren Mantel auf einen bestimmten Kleiderbügel, wir sprechen gern mit einem gut bekannten Menschen, obgleich er nicht besser oder interessanter ist als andere usw.

Andererseits übt der komplizierte Anreizer, da er aus einer ganzen Reihe von Elementen zusammengesetzt ist, notwenig eine gleichzeitige Reihe von Elementen zusammengesetzt ist, notwendig eine gleichzeitige Wirkung auf mehrere elementare Neigungen aus, die manchmal unter sich nichts gemein haben. Wenn dann dieser Anreizer zur Gewohnheit wird, so bildet sich eine Tendenz zur gemeinschaftlichen Tätigkeit dieser Neigungen, die unter sich in einer rein zufälligen Weise verbunden sind. Eine bekannte Umgebung, gewisse feierliche Handlungen und Zeremonien veranlassen uns zu denselben von früher her geläufigen Gesten und Bewegungen, rufen in uns die gewohnte alte Stimmung hervor, sogar dann, wenn diese Handlungen ihre frühere Bedeutung für uns verloren haben.

So hängt die Entstehung und die Entwicklung der Gewohnheiten hauptsächlich von der Wirkung der äußeren Umstände oder Anreizer auf die psychophysische Organisation des Menschen ab. In diesem Sinn kann man die gewohnheitsmäßigen mechanischen Handlungen den bewußten, willkürlichen Handlungen gegenüberstellen, wobei letztere schon durch rein subjektive, innere Eigentümlichkeiten in der Organisation des gegebenen Individuums bestimmt werden. Je selbständiger die Persönlichkeit, umso weniger ist dem Einfluß der äußeren Gewohnheiten unterworfen. Im Gegenteil zeugt unserer Meinung nach das Vorhandensein von zahlreichen und mannigfaltigen Gewohnheiten von einer gewissen Unterjochung des Menschen durch seine Umgebung. Außderdem zeichnen sich die inneren, notwendigen Verbindungen einzelner Hauptneigungen im allgemeinen durch eine bedeutend größere Stabilität und Dauerhaftigkeit aus, als die äußeren, "zufälligen", nur von der Gewohnheit bestimmten Kombinationen. Die inneren Verbindungen haben eine Tendenz, sich ungeachtet der Gegenwirkung der Umgebung zu verwirklichen, wogegen die Gewohnheiten, die eben dieser Umgebung ihre Entstehung verdanken, sich in den meisten Fällen nur solange erhalten, solange die äußeren Umstände es begünstigen.

Die gewohnheitsmäßigen Verbindungen der Neigungen besitzen noch eine Eigentümlichkeit, welche unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkt: als Bestandteile der Gewohnheiten erscheinen sowohl Neigungen, welche sich auf den Inhalt des seelischen Lebens beziehen, als solche, die sich auf dessen formale Seite beziehen, d. h. auf die Geschwindigkeit der psychischen Prozesse, die Eigentümlichkeit ihres Verlaufs und ihrer Wechselwirkung usw. Wir erinnern an die bekannte Anekdote vom Soldaten, der einen Topf mit Suppe trug, und indem er das bekannte Kommandowort "still gestanden!" hörte, den Topf in den Graben fallen ließ, da er infolge der Gewohnheit sofort den Befehl ausführte. Diese Möglichkeit einer Verbindung so verschiedenartiger Seiten des seelischen Lebens, wie die bewußte Wahrnehmung bestimmter Worte und die Geschwindigkeit der Ausführung von entsprechenden Handlungen, weist uns noch einmal auf die Notwendigkeit hin, zuerst die verschiedensten Seiten der seelischen Tätigkeit zu untersuchen und miteinander zu vergleichen und erst dann diese Seiten endgültig und auf eine radikale Weise, als grundverschiedene Erscheinungen einander gegenüberzustellen.

Neben den  künstlichen oder zufälligen  Verbindungen der Neigungen, die ihre Entstehung der gewohnten Einwirkung der Umgebung verdanken, muß man auch ihre  natürliche oder notwendige  Gruppierung unterscheiden, die ihren Ursprung in den Verhältnissen der seelischen Eigenschaften untereinander hatten. Diese Verhältnisse können im allgemeinen in zwei große Gruppen eingeteilt werden: erstens in diejenige der  Verwandtschaft  und zweitens in diejenige der  Wechselwirkung.  Als Beispiel verwandter Eigenschaften können dienen: einerseits die Fähigkeit, willkürlich verschiedene Reflexbewegungen zu hemmen (psychomotorische Hemmung), andererseits die Fähigkeit, aus dem Bewußtsein gewissen Gedanken, Gefühle und Wünsche willkürlich zu entfernen (innere, psychische Hemmung). Obgleich diese Neigungen nicht identisch sind, stehen sie doch einander sehr nahe, wobei kein sekundäres Detail ihrer Äußerung, sondern das Wesentlichste und Ursprünglichste in ihnen die Ähnlichkeit bewirkt.

Fälle der Verwandtschaft einzelner elementarer Neigungen soll man nicht mit denjenigen Fällen verwechseln, wo die Äußerungen zwei sehr komplizierter seelischer Eigenschaften ein oder zwei ähnliche Elemente enthalten, die aber keine besondere Bedeutung haben und nicht als charakteristische Grundelemente der gegebenen Neigungen erscheinen. Solche Fälle des Vorhandenseins einiger sekundärer gemeinsamer Merkmale kommen ziemlich oft vor, sind aber für die Individualpsychologie von geringem Interesse. Die Schweißabsonderung kann sowohl als Folge einer anhaltenden und energischen Muskelarbeit erscheinen, als auch diejenige eines jähen Todesschreckes, der jede Muskeltätigkeit lähmt, wobei wir diesem zufälligen Zusammenfall eines sekundären Merkmals keinerlei Bedeutung zuschreiben, da die Grundzüge der beiden komplizierten Prozesse sich zu schroff voneinander unterscheiden.

Als Beispiel der Wechselwirkung zwischen einzelnen Hauptneigungen kann die Bedeutung, welche die Kraft und Stabilität der Gefühle für den Prozeß der aktiven Aufmerksamkeit haben. Menschen, welche tiefer, intensiver Gefühle fähig sind, besitzen gewöhnlich auch eine gesteigerte Fähigkeit zur Konzentration der Aufmerksamkeit auf den Vorstellungen, die sich auf irgendeine Weise auf diese Gefühle beziehen. Mit anderen Worten, begünstigt die Neigung zur Gefühlsintensität unmittelbar die Entstehung (oder die Äußerung) der Neigung zur Konzentration der Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorstellungen. Die primäre oder elementare Ursache, die diesen beiden seelischen Eigenschaften zugrunde liegt, ist uns gegenwärtig noch wenig bekannt und die allgemeine Psychologie kann in Bezug darauf nur verschiedene Vermutungen aufstellen, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind und einander mehr oder weniger widersprechen. Und doch erscheint die Tatsache als unantastbar, daß die Erregung einer von diesen seelischen Eigenschaften eine unmittelbare steigernde Wirkung auf die Entstehung der anderen ausübt. Zwei vollkommen verschiedene Seiten der seelischen Tätigkeit (der Gefühlston der Empfindung und das Eintreten der Empfindung in den Blickpunkt des Bewußtseins), die offenbar nicht als identisch oder qualitativ ähnlich angesehen werden dürfen, erscheinen nichtsdestoweniger als auf das Engste miteinander verbunden.

Diese Verbindung kann entweder, wie in dem oben angeführten Beispiel,  direkt, unmittelbar  sein, oder  indirekt,  indem sie mit Hilfe vermittelnder Glieder geschieht. Als Beispiel einer solchen  mittelbaren  Verbindung kann die schon längst konstatierte Tatsache dienen, daß Menschen mit starken und dauerhaften Gefühlen zu einer ernsten und sogar traurigen Stimmung neigen: alles, was um sie herum vorgeht, hinterläßt in ihrer Gefühlssphäre viel tiefere Spuren als bei oberflächlichen und leichtsinnigen Menschen; und da das Leben im allgemeinen mehr Leid als Freude mit sich bringt, so bekommt ihre Stimmung eine dementsprechende Färbung. Obgleich die Intensität und die Stabilität der Gefühle nicht unmittelbar mit einer gedrückten Stimmung verbungen sind, so begünstigen sie dieselbe infolge der eigentümlichen Gestaltung der Lebensbedingungen.

Was die Methoden anbetrifft, mittels welcher das Vorhandensein eines Verhältnisses zwischen zwei gegebenen Hauptneigungen festzustellen ist, so sei darauf hingewiesen, daß das Verwandtschaftsverhältnis bis zu einem gewissen Grad aufgrund der bedeutenden Ähnlichkeit, die von unserem Bewußtsein unmittelbar wahrgenommen wird, festgestellt werden kann. Noch wichtiger für die Konstatierung der Verwandtschaft und der Wechselwirkung der seelischen Eigenschaften erscheint die Tatsache, daß die Intensitätssteigerung einer von den miteinander verbundenen Neigungen, wie auch ihre Tätigkeit stets die Tätigkeit der anderen, mit ihr verbundenen Neigungen beeinflussen, indem sie deren Äußerungen entweder hemmen oder fördern. Daraus ergibt sich unmittelbar folgendes Verfahren bei der Feststellung eines Verhältnisses unter elementaren seelischen Eigenschaften: wenn zwei elementare Neigungen stets miteinander verbunden erscheinen, oder beim Mangel der einen auch die andere immer ausbleibt, so können wir sie mit großer Wahrscheinlichkeit als verwandt oder durcheinander bedingt betrachten; und umgekehrt, wenn eine von diesen Neigungen bei mehreren Personen stark entwickelt ist, während die andere bei denselben Personen ganz fehlt, so ist ein genügender Grund vorhanden, um zu vermuten, daß diese zwei Neigungen einander entgegengesetzt sind, oder sich zumindest indifferent zueinander verhalten, d. h. voneinander unabhängig sind (5). Es leuchtet ohne Weiteres ein, daß bei der Anwendung dieser Methode (die eigentlich bloß eine Anwendung von MILLs induktiven Regeln bildet), es notwendig wird, mittels einer längeren Beobachtung die Charakteristik des zu untersuchenden Menschen zusammenzustellen, wie auch die oben erwähnte charakterologische Analyse einiger zusammengesetzter Äußerungen seiner Persönlichkeit zu machen.

Außer der Verwandtschaft und der Wechselwirkung besteht unter den Hauptneigungen noch eine Art Verhältnis, welche eine sehr wichtige Rolle in unserer ganzen seelischen Tätigkeit spielt. Wir haben hier die Einteilung der seelischen Neigungen in höhere und niedere im Auge (6). Indem wir vorläufig die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die höheren Neigungen auf die niederen zurückzuführen, unberührt lassen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit nur der faktischen Seite der Sache zu. Sie besteht darin, daß die Äußerungen der niederen Neigungen das für die Tätigkeit irgendeiner höheren Neigung nötige  Material  bilden. So kann z. B. der Prozeß der Wahl nur dann entstehen, wenn im Bewußtsein schon eine ganze Reihe von Vorstellungen und Gefühlen vorhanden ist: die Vorstellungen des Zieles und der zu ihm führenden Mittel, das mit der Erreichung dieses Ziels verbundene Gefühl usw. Die aktive Konzentration der Aufmerksamkeit auf bestimmte Empfindungen und Vorstellungen setzt beim gegebenen Subjekt schon das Vorhandensein der Fähigkeit, diese Empfindungen und Vorstellungen zu bilden, voraus. Dabei bezeugt uns das unmittelbare Bewußtsein, daß die Prozesse der höheren Ordnung nicht als bloße Summierung der niederen Neigungen betrachtet werden dürfen: die Tätigkeit einer höheren Neigung bringt stets etwas Eigentümliches mit sich, was der ganzen Äußerung ein besonderes, charakteristisches Gepräge verleiht. Worin dieses Neue besteht, und was für Gründe es sind, die eine Einteilung der seelischen Eigenschaften in höhere und niedere erfordern, davon wird in Kapitel II gehandelt werden.

An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, daß in ähnlichen Fällen gar nicht die Rede ist von der neuerdings so oft hervorgehobenen schöpferischen Synthese des Bewußtseins: diese Frage gehört nicht hierher. Indem wir es aussprechen, daß die Äußerung der höheren Neigungen keine einfache Summierung des durch die niederen Neigungen gegebenen Materials ist, sondern stets etwas Neues bildet, wollen wir damit gar nicht gesagt haben, daß ihre ganze Neuheit und Eigentümlichkeit bloß in der Zusammenfügung oder Verschmelzung der einzelnen Teile des gegebenen Material zu einem Ganzen besteht. Im Gegenteil bietet die höhere Neigung bei ihrer Äußerung das Bild der Entstehung von einer ganz eigenartigen, unmittelbar zu Bewußtsein kommenden Seite des seelischen Prozesses, die sich stets gleich bleibt, wie sich auch das Material, mittels dessen sie sich äußert, verändert.

Jetzt wird es uns möglich, eine Definition des  Charakters,  das heißt der subjektiven  (endogenen) (7) Seite der Persönlichkeit zu geben; was die objektive  (exogene)  Seite der Persönlichkeit, bzw. das Gepräge, welches ihr von den äußeren Umständen ausgedrückt wird und das auch die Gruppierung ihrer subjektiven Seiten beeinflußt, anbetrifft, so wird davon weiter unten die Rede sein.  Unter einem Charakter werden wir die Gesamtheit der dem gegebenen Menschen zugehörigen Neigungen (und zwar hauptsächlich Hauptneigungen) verstehen; jede von diesen Neigungen ist in der beim gegebenen Subjekt möglichst größten Intensität zu nehmen. 

Der Charakter ist die Gesamtheit der Hauptneigungen. Wie sich aus dem Obengesagten erhellt, betrachtet die Individualpsychologie die Neigungen nicht als konkrete seelische Prozesse, sondern als die  Möglichkeit  der Äußerung irgendeiner Seite des seelischen Prozesses, d. h. als Resultat der Abstraktion, als einen Hilfsbegriff, welchen man zwecks einer bequemen Gruppierung des Materials verwendet. Von diesem Standpunkt aus stellt auch der Charakter, als die Gesamtheit der Hauptneigungen, nur ein Schema dar, welches bloß darauf hinweisen soll, daß wir bei gewissen Bedingungen bei der gegebenen Person die Entstehung dieser oder jener Prozesse erwarten dürfen. Man muß durchaus die einzelnen stets mit dem Wechsel der Umstände sich verändernden Äußerungen der Persönlichkeit vom verhältnismäßig einfachen Schema des Charakters unterscheiden, wobei letzteres als Resultat einer längeren Beobachtung und der Bearbeitung des gewonnenen Materials erscheint. Die Äußerungen sind unendlich mannigfach und wiederholen sich nur selten in derselben Form; das Schema des Charakters, wenn es nur richtig zusammengestellt ist, muß während einer verhältnismäßig langen Zeit dasselbe bleiben, bis der Charakter schließlich irgendweilche wirkliche und nicht bloß scheinbare Veränderungen erleidet, was, wie wir es bereits gesehen haben, bei Erwachsenen nicht so leicht vorkommt.

Jede der Hauptneigungen, aus welchen das Schema des Charakters besteht, muß in der größten Intensität genommen werden, die bei gegebenen Menschen möglich ist. Jedoch zeigt die Erfahrung, daß dieses Maximum bei weitem nicht immer festgestellt werden kann. Gewöhnlich lebt und handelt ein jeder von uns sozusagen nur zur Hälfte, indem er nicht entfernt das leistet, was er im äußersten Fall hätte leisten können. Das wird auch von der sehr verbreiteten und unserer Ansicht nach richtigen Meinung bestätigt, daß viele Leute im kritischen Moment Wunder verrichten, deren Vollbringung weder sie selbst, noch andere ihnen zugetraut hätten. Das ist auch der Grund vieler Enttäuschungen, welche die Menschen einander bereiten: man lebt lange mit einem Menschen und ignoriert die negativen Seiten seines Charakters; wenn sich aber im kritischen Moment und bei günstigen Umständen diese Seiten in ihrer ganzen Intensität zeigen spricht man von Enttäuschungen.

Jedoch kommen diese kritischen Momente im Leben der Menschen höchst selten vor, und die Individualpsychologie muß von vornherein auf ihre Beobachtung und Ausbeutung zu ihren Zwecken verzichten. Deshalb müssen in den meisten ähnlichen Fällen die mangelnden direkten Beobachtungen durch Schlüsse ersetzt werden, indem die starke Äußerung aufgrund der schwachen erschlossen wird, wie z. B., wenn die unbedeutendste Ursache imstande ist, in einem Menschen Unzufriedenheit und Verstimmung hervorzurufen, schließen wir, daß unter dem Einfluß sehr starker Anreizer (bei der Bedingung, daß keine sekundären Faktoren sich dazu gesellen), dieser Mensch imstande ist, Anfälle der stärksten Wut zu bekommen; wenn das geringste Gefühl bei der beobachteten Peron sich durch äußere Zeichen, Mienenspiel, Gesten usw. kundgibt, so schließen wir, daß diese Äußerungen unter dem Einfluß sehr starker Gefühle sehr zahlreich werden und einen ungewöhnlichen Grad der Intensität erreichen können. Kurz: besitzen wir die Möglichkeit, ohne direkt die höchste Wirkung dieser oder jener Neigung beobachtet zu haben, ihren Grenzwert mit großer Wahrscheinlichkeit zu erschließen.

So stellt dann von unserem Standpunkt jede Persönlichkeit ein kompliziertes Ganzes dar, das aus einer größeren oder geringeren Zahl von notwendigen und zufälligen Verbindungen besteht, die wiederum in einige Hauptneigungen aufgelöst werden können. Der Reichtum der Kombinationen, welche als integrierende Teile einer Persönlichkeit erscheinen, und auch die Zahl der Hauptneigungen, die jede einzelne Kombination bilden, bedingen den Reichtum oder die Dürftigkeit, den größeren oder geringeren Umfang der Persönlichkeit (8). Alle diese vielfach zusammengesetzten Komplexe können wiederum entweder untereinander mehr oder weniger eng verbunden oder verhältnismäßig unabhängig voneinander, oder sogar einander entgegengesetzt sein. Nur bei wenigen Menschen sind die Hauptneigungen, die ihren Charakter bilden, durch das Band der Verwandtschaft und der Wechselwirkung eng untereinander verbunden, d. h. die ganze Persönlichkeit bildet nur eine "notwendige Kombination" in dem Sinn des Wortes, den wir oben festgestellt haben. Bei den meisten Personen kann der Charakter in mehrere mehr oder weniger komplizierte Kombinationen zergliedert werden, die voneinander ziemlich unabhängig sind und die nur dank den Umständen und der Erblichkeit in einer Person vereinigt werden.

In den verhältnismäßig seltenen Fällen, wo die Persönlichkeit des Menschen wirklich ein einheitliches Ganzes bildet, stören die Äußerungen der Neigungen einander nicht, im Gegenteil sie fördern einander (Harmonie der Bestrebungen nach PAULHAN). Von solchen Menschen kann wohl gesagt werden, daß sie eine einheitliche Persönlichkeit darstellen, denn in jedem Moment bei allen möglichen Umständen können sie nur dieselben ihnen eigenen Neigungen äußern. Von dieser  wirklichen Einheit  der Persönlichkeit muß die  scheinbare Einheit  unterschieden werden, die darin besteht, daß irgend eine Neigung, oder eine Gruppe von untereinander verbundenen Neigungen die übrigen beherrscht, sie hemmt und ihre Äußerungen unterdrückt. In diesem letzten Fall zeugt wie im ersten jede Handlung des Menschen, jedes seiner Worte vom Vorhandensein einer gewissen dominierenden Gruppe von seelischen Eigenschaften, und nichtsdestoweniger wird es bei einer genaueren Beobachtung nicht schwer zu bemerken, daß neben der herrschenden Gruppe noch andere vorhanden sind, die mit der ersten nicht verbunden oder sogar ihr entgegengesetzt sind. Sobald sich die Umstände schroff verändern, so daß die dominierenden seelischen Neigungen ihre Kraft einbüßen, verschwindet allmählich die vermeintliche Einheit des Charakters und die lange verborgene Buntheit der gegebenen Persönlichkeit tritt nach und nach zutage. Menschen, die zur Selbstverleugnung und zum Asketismus neigen, bieten uns oft Beispiele dieser scheinbaren Einheit.

Da jede Persönlichkeit aus zwei Arten von Kombinationen gebildet wird, nämlich der notwendigen und zufälligen, so kann die Komplikation oder Bereicherung der Persönlichkeiten in zwei Richtungen vor sich gehen. Die erste und die häufigste Erscheinung ist die, daß sich der Charakter gemäß den in ihm vorhandenen Anlagen entwickelt, das heißt: daß sich zu den früheren Hauptneigungen neue mit ihnen mehr oder weniger verwandte oder irgendwie mit ihnen verbundene Neigungen gesellen. Solche notwendige Bereicherungen zeichnen sich durch ihre Dauerhaftigkeit, wie durch die Leichtigkeit aus, mit der sie entstehen, da sie eigentlich im Voraus durch die Tatsache bestimmt sind, daß unter den verschiedenen Hauptneigungen mehr oder weniger feste Wechselbeziehungen bestehen. Eine Bereicherung anderer Art wird in den Fällen beobachtet, wo irgendeine neue, dem allgemeinen Charakterbild des betreffenden Menschen ganz fremde Neigung in ihm unter dem Druck der andauernd und intensiv wirkenden äußeren Umstände entsteht. Solche zufällige Bereicherungen sind offenbar der Art ihrer Entstehung nach den oben beschriebenen gewohnheitsmäßigen Kombinationen ganz analog und zeichnen sich wie diese durch Undauerhaftigkeit und Instabilität aus; indem sie sozusagen der betreffenden Persönlichkeit durch äußere Umstände aufgedrungen worden sind, nehmen sie allmählich ab und verschwinden gänzlich für den Fall, daß sie von diesen selben Umständen nicht unterstützt werden. Eine ausführliche Untersuchung und Feststellung der Wege und Mittel, die zur Entwicklung und Bereicherung der ihrer Konstruktion nach verschiedenen Charaktere führen, kann für die Pädagogik von großer Bedeutung sein.

LITERATUR - Alexander Lasurski, Über das Studium der Individualität, Pädagogische Monographien, hg. von Ernst Meumann, Bd. XIV, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    1) Ausführlicher über "individuelle Differenzen" und "psychische Fähigkeiten" bei WILLIAM STERN, "Differentielle Psychologie" und ERNST MEUMANN, "Intelligenz und Wille", sowie "Vorlesungen zur Einführung in die experimentelle Pädagogik".
    2) Diese Methoden entsprechen im Ganzen demjenigen Verfahren, welches in der Experimentalpsychologie gewöhnlich den Namen der Eindrucks- und Ausdrucksmethode trägt.
    3) Obgleich der Terminus "Äußerungen" den Wortgebrauch des Originals nur annähernd wiedergibt, haben wir keine genauere Übersetzung des russischen Ausdrucks finden können.
    4) WILLIAM JAMES, Textbook of psychology.
    5) Diese Prinzipien sind, wie bekannt, der Lehre von den sogenannten "psychischen Korrelationen" zugrunde gelegt. Siehe die Arbeiten von SPARMANN und KRÜGER, HEYMANs u. a.; auch meinen Aufsatz "Über die wechselseitige Verbindung der seelischen Eigenschaften und die Methoden ihrer Untersuchung" in der Zeitschrift "Woprossy philosophii i psychologii", Heft 53, 1900.
    6) Die hier von mir durchgeführte Einteilung fällt tatsächlich mit der von CARL STUMPF in Vorschlag gebrachten Unterscheidung der Erscheinungen und psychischen Funktionen zusammen.
    7) In dem von FRANCK und mir zusammengestellten Programm der Untersuchung der Persönlichkeit in ihren Beziehungen zur Umgebung (siehe den Anhang zu diesem Buch) sind die Termini  endo- und  exopsychisch gebraucht worden. Indem ich sie von dort entlehne, habe ich zu "endogen" und "exogen" umgestaltet, da meiner Meinung nach diese zwei Arten von psychischen Prozessen voneinander nicht nur in Bezug auf ihren Inhalt und den Grad ihrer Kompliziertheit, sondern auch in Bezug auf ihren Ursprung unterscheiden.
    8) Darüber ausführlicher bei PAULHAN, "Psychologie du caractére".