ra-3ra-2J. BaumannR. WahleTh. ElsenhansL. PongratzP. Schilder     
 
GEORG KERSCHENSTEINER
Über den Charakterbegriff
[Nach einem Vortrag, gehalten auf der 51. Versammlung deutscher
Schulmänner und Philologen am 4. Oktober 1911 zu Posen.]


"Die Willensstärke des werdenden Charakters liegt weit mehr in der Dauer dieser Kraft als in der Größe, oder, richtiger gesagt, sie ist ein Produkt aus Zeit und Kraft des Willens. Die aus leidenschaftlichen Gefühlen hervorbrechenden explosiven Willensakte von Cholerikern und Sanguinikern sind im allgemeinen  kein  Zeichen von Willensstärke. Das wesentliche Merkmal der Willensstärke ist Ausdauer und Stetigkeit auch in ihren aktiven Formen. Ebensowenig sind Trotz, Eigensinn, Starrköpfigkeit Zeichen von  wahrer  Willensstärke."

" Eigensinn ist ein Wollen lediglich nur des Wollens willen. Er tritt gewöhnlich an jenen Stellen vor, an denen sich der Charakter am unsichersten fühlt. Die willensschwächsten Menschen sind häufig die eigensinnigsten. Zur Starrköpfigkeit wird der Eigensinn, indem er sich zu der Maxime ausgestaltet, bei Anwendung der einzelnen Maximen auf das Wollen rücksichtslos vorzugehen. Der wahre Charakter hält seine Maximen derart zusammen, daß jedes Wollen nach der Gesamtheit aller Maximen entschieden wird, der Starrkopf verteilt seine Maximen über die Klassen seines Wollens und entscheidet sich blindlings nach der einzelnen Maxime."

"Aus einem dummen Kerl einen Charakter machen zu wollen, ist vergebliche Liebesmüh. Seine eigene Dummheit wird ihm zu viele Streiche spielen. Die höchsten Stufen des auf sich selbst gestellten sittlichen Charakters verlangen auch höchste Urteilsfähigkeit. Die Tugend der Gerechtigkeit gegen sich und andere kann nur in einer Seele mit klarem Verstand wohnen."

Wenn wir vom Charakter des erzogenen Menschen sprechen, so meinen wir damit jene beharrliche Eigenschaft der Seele, wonach jeder Willensakt durch dauernd in ihr aufgerichtete Grundsätze oder Maxiemen eindeutig bestimmt ist. Das Eigentümliche an diesem Begriff  Charakter  ist (im Gegensatz zum Begriff, wie er in der biologischen Naturwissenschaft verwendet wird), daß die Merkmale, die uns zum Schluß auf einen bestimmten moralischen oder immoralischen Charakter führen, nicht Bestandteile des Charakters selbst sind. Denn wir schließen hier von sichtbaren Handlungen des Menschen, d. h. von äußerlichen Dingen auf seine innere Seelenbeschaffenheit. Die Handlungen sind aber nicht eigentliche Bestandteile der Seele, ebensowenig wie die Rotation einer Dynamomaschine ein Bestandteil des elektrischen Stroms ist, der sie durchfließt. Diese Schlußweise ist sogar bisweilend irreführend. Überall, wo z. B. Gewohnheiten unter einem starken Zwang entstehen, können wir nicht mit Sicherheit von den gewohnheitsmäßigen Handlungen auf den Charakter schließen.

Wo dem Zwang eine heimliche innere Abneigung gegenübersteht, kann sich eine Gewohnheit ausbilden, die nur zu leicht verschwindet, wenn der Zwang aufhört. Daher die Gefahr, die dem Erziehungszwang vor allem in religiösen und moralischen Dingen anhaftet. Er täuscht nicht nur den Zögling, sondern vor allem auch den Erzieher über das wahre Wesen des Charakters als eines Komplexes von Seelenkräften, die im wesentlichen angeboren sind.

Ich will diesen Komplex von Seelenkräften, der  hinter  den Handlungen verborgen ist, zwecks Unterscheidung vom eingangs erwähnten ethischen Charakter, den  psychophysischen  Charakter des Menschen nennen.

Indem wir nun aber diesen Begriff des psychophysischen Charakters vom Gesichtspunkt der Erziehung aus näher untersuchen, spaltet sich dieser Komplex von Seelenkräften in zwei voneinander verschiedene Teilkomplexe, verschieden sowohl in ihrem Ursprung als auch in ihrem Verhalten gegenüber der Erziehungstätigkeit.

Die eine Gruppe von Kräften bilden die elementaren Gefühle, Instinkte, Triebe, Impulse, Affekte, wie sie ohne Regulierung durch die höheren geistigen Funktionen gemäß unserer physischen Konstitution, also gemäß der Qualität des Gesamtnervensystems, seiner allgemeinen Reizbarkeit und Reaktionsfähigkeit, den Anlagen der niederen Instinkte, dem Bau der vegetativen Organe und dem Ablauf ihrer Funktionen, dem Zustand der Ernährung und der Assimilation usw. sich äußern. Es gibt Philosophen, die in diesen fast nur physiologischen Anlagen und Prozessen und den aus ihnen sich entwickelnden Gewohnheiten das wahre Wesen des menschlichen Charakters ausgedrückt finden. "Was grundlegend ist im Charakter", sagt THEODULE RIBOT in einer Arbeit der  Revue philosophique  im Jahr 1892, "das sind die Instinkte, Triebe, Impulse und Gefühle". Die Intelligenz sei kein grundlegendes Element. Die Bewußtseinszustäne des Vorstellungslebens würden nur eine zweite, darübergelagerte Schicht (une seconde couche, superposée) bilden. Die eigentliche Grundschicht seien die Gefühls- und Begehrungszustände der Seele. "Das innere Wesen jedes Tieres (sic!) ist die Begierde im Sinne SPINOZAs, der Wille im Sinne SCHOPENHAUERs, also das Fühlen und Handeln und nicht das Denken."

Was hier RIBOT unter Charakter meint, ist wohl verständlich. Aber es ist irreführend, für diesen Komplex von Kräften schlankweg das Wort "Charakter" zu gebrauchen. Denn dieser Begriff soll reserviert bleiben für etwas, was mit einer Konsequenz des Handelns zu tun hat, des moralischen, immoralischen oder amoralischen. Aber niemand wird leugnen, daß, außer bei reinen Reflexmaschinen, wie es Wirbeltiere werden, denen man die beiden Gehirnhemisphären abgetragen hat, aus diesen Kräften alleine ein wirklich dauerndes Gepräge der Handlungsweise nicht erwachsen kann. Schon daß es ein Problem der Charaktererziehung gibt, spricht dem entgegen. Es ist aber auch irreführend, die aus diesen Kräften entspringende Gesamtheit des Handelns schlankweg mit einer  Individualität  des Menschen zu bezeichnen, denn auch in der Individualität spielen die von nervösen Prozessen der beiden Gehirnhemisphären ausgelösten höheren Triebe eine umso hervorragendere Rolle in der Art des Handelns, je älter das Individuum wird. Gleichwohl scheint es mir zweckmäßig, den erwähnten Kräftekomplex in einem Begriffswort zusammenzufassen. Ich will dies tun, indem ich diesen Komplex als den  biologischen  Charakter des Menschen bezeichne.

Der biologische Charakter gibt also die Veranlassung zu jenen Eigentümlichkeiten des Empfindens und Handelns, zu jenem eigenartigen Gepräge des Benehmens, zu jenem nicht immer gleich sich äußernden Sonderwesen, zu jener wechselnden Art der Reizbarkeit und Reaktion, die ihren Ursprung in jenen Trieben und Anlagen hat, die auch das Tier besitzt, die sich also ohne Einfluß der höheren geistigen Funktionen äußern. Die ihm entsprechenden Erscheinungsformen des Handelns eines Menschen wollen wir seine  biologische Individualität  nennen. Der Kräftekomplex des biologischen Charakters ist im allgemeinen angeboren. Die Individualitäten aber, die sich aus ihm entwickeln, können verschiedene Modifikationen aufweisen, je nach den äußeren Umständen, welche die eine oder die andere Anlage früher oder später entwickeln lassen, und den Gewohnheiten, die diese Umstände herbeiführen. Denn bei der Abhängigkeit aller psychischen Kräfte voneinander kann die frühe Entwicklung irgendwelcher anderen Instinkte auf die Entwicklung der übrigen einen derartigen Einfluß ausüben, daß trotz gleicher Grundanlagen das Endergebnis verschiedene biologische Individualitäten sind. Die im biologischen Charakter zusammengefaßten Kräfte können höchstens einzelnen Seiten des menschlichen Wesens, nicht aber dem Ganzen Einheit und Festigkeit geben und selbst die Konstanz einzelner Seiten modifiziert sich mit wachsendem Alter. Ich erinnere nur daran, daß die Entwicklung des Geschlechtstriebs und sein früheres oder späteres Erlöschen anerkanntermaßen der biologischen Individualität ein anderes Gepräge gibt. Der von GALEN einst aufgestellte Begriff des Temperaments fällt in vielen Punkten mit dem Begriff der biologischen Individualität zusammen.

Dem Kräftekomplex des biologischen Charakters aber steht ein anderer Kräftekomplex gegenüber, nämlich jener, der es der Erziehung ermöglicht, der Art, Mannigfaltigkeit und Richtung des Handelns mehr und mehr ein bestimmtes  dauerndes  Gepräge zu geben. Es ist jener Teil des angeborenen und nach der Geburt sich entwickelnden Wesens, auf den sich der Erzieher stützen muß, um die Handlungstendenzen, die dem biologischen Charakter entspringen, im Sinne seines Erziehungsideales beeinflussen zu können. In ihm liegen die Hilfskräfte, die er auszuspielen hat, um den ethischen Charakter herauszuarbeiten. Denn in unserem trieb- und gefühlsmäßigen Handeln liegen, sofern sie nicht durch den regulierenden Verstand beeinflußt werden, die Hauptgefahren für die Inkonstanz unserer Handlungsweise. Ich will diesen Komplex den  intelligiblen  Charakter (1) nennen, weil, wiewohl er, wie wir später sehen werden, auch Gefühls- und Willensmerkmale enthält, es im wesentlichen jene Kräfte sind, die vom Vorstellungsleben und den ihm zugrunde liegenden Nervenprozessen ausgehen. Intelligibler und biologischer Charakter geben zusammen die Grundlage für jene Wesensäußerung, die wir gewöhnlich mit dem Wort  Individualität  schlechthin bezeichnen. In ihrer Gesamtheit umfassen sie alle angeborenen psychischen Kräfte und die aus ihnen entspringenden Gewohnheiten, die je nach dem Milieu selbst bei gleichen Grundanlagen nicht zu den gleichen Individualitäten führen müssen. Im Gegensatz zum Begriff der  Individualität  steht der mit Hilfe des intelligiblen Charakters entwickelbare ethische Charakter, den wir auch mit dem Wort  Persönlichkeit  vor allem fördern will, ist der Kräftekomplex, den ich unter dem Titel "intelligibler Charakter" zusammengefaßt habe, von größter Wichtigkeit. ELSENHANS nennt den Komplex, der hier mit intelligibler Charakter bezeichnet ist, den  formalen  Charakter, insofern als es sich nach seiner Meinung bei diesem Kräftekomplex nur um Formeigenschaften des Willens handelt. Im Gegensatz hierzu stellt er den  materiellen  Charakter, der sich auch die inhaltlichen Eigenschaften und Richtungen des Willens bezieht, für den ich aber den herkömmlichen Namen des ethischen Charakters beibehalten wissen möchte.

Es ist für die Aufgaben der Erziehung tatsächlich nicht bloß zweckmäßig, sondern notwendig, die beiden Begriffe des intelligiblen und des biologischen Charakters und seiner Grundwurzeln eingehend zu studieren. Daß diese Unterscheidung bisher nicht vollzogen wurde, hat zu vielerlei Verwirrungen und Kontroversen Anlaß gegeben.

Die Notwendigkeit der Untersuchung des intelligiblen Charakters hat zum ersten Mal der amerikanische Philosoph JOHN DEWEY in seinem Büchlein "Moral Principles in education" (Boston, 1909) betont. "Es ist ein Gemeinplatz", meint er, "zu sagen, daß der Zweck aller Schularbeit die Entwicklung des Charakters ist. Die Schwierigkeit liegt in der Ausführung der Idee." Die Hauptschwierigkeit liegt darin, daß wir keine bestimmte Vorstellung von seiner  inneren  Seite als eines  Systems von inneren Kräften  haben.

DEWEY sucht nun ganz kurz auf diese inneren Kräfte hinzuweisen. Er findet als erstes Bestimmungsstück Kraft oder Leistungsfähigkeit in der Durchführung (force or efficiency in exekution). Das Individuum muß die Fähigkeit haben, in den ernsten Kämpfen des Lebens aufrecht zu stehen und Widerstand zu leisten. Es muß Unternehmungsgeist, Standhaftigkeit, Beharrlichkeit, Mut, Betriebsamkeit besitzen. Diese Qualitäten bezeichnet er mit Charakterstärke (force of character).

Aber die bloße Stärke kann brutal sein und die Interessen der Andern über den Haufen werfen. Kraft muß eine Richtung haben und das verlangt zwei weitere Eigenschaften im Menschen. Die eine dieser beiden Eigenschaften ist ein gesunder Menschenverstand, ein gesundes Urteil (good sense, good judgement). Dieses gesunde Urteil ist ein Sinn für die richtige Wertung von Ereignissen und Tatsachen. Das bloße Wissen von dem, was recht ist, ist niemals ein Ersatz für die Kraft des geschulten Urteils.

Aber auch diese Urteilsfähigkeit reicht nicht aus. Man kann sich Menschen vorstellen, die ein ausgezeichnetes Urteil haben, die aber doch nicht nach diesem Urteil zu handeln imstande sind. Denn es muß drittens noch eine entsprechende feinfühlige persönliche Reaktionsfähigkeit hinzukommen (a delicate personal responsiveness, a prompt almost instinctive sensitiveness). Ist das nicht der Fall, so wird unsere verstandesmäßige Urteilsfähigkeit keinen Stoff haben, an dem sie sich betätigen kann. "Wir alle kennen den Unterschiede", meint er, "zwischen einem Charakter, der hart und formal ist, und einem Charakter, der Mitgefühl, Biegsamkeit, Offenheit hat."

Mit diesen wenigen Bemerkungen verläßt DEWEY den Gegenstand seiner kurzen Betrachtung und verzichtet nicht nur auf eine eingehende Untersuchung der drei in Frage stehenen Kräfte, sondern auch insbesondere darauf, ob in dieser Dreizahl der  ganze  Komplex von Kräften, den wir unter dem Begriff des intelligiblen Charakters zusammenfassen wollen, erschöpft ist.

Daß mit diesen drei Kräften tatsächlich wesentliche Komponenten des intelligiblen Charakters bezeichnet sind, darüber kann kein Zweifel sein. Die nachfolgenden Untersuchungen werden dies deutlicher zeigen. Sie werden zugleich den Beweis liefern, daß es zweckmäßig und notwendig ist, sie begrifflich noch schärfer zu fassen, und zwar in den drei Begriffen  Willensstärke, Urteilsklarheit und Feinfühligkeit (2).

Es fragt sich nun aber, ob in den drei Kräften DEWEYs alle wesentlichen Wurzeln des intelligiblen Charakters enthalten sind. Wenn wir unser Vorstellungsleben genauer beobachten, so finden wir Tausende von Vorstellungen, die zu  keiner  Zeit besondere Gefühle auslösen; andere, die  zeitweise  gefühllos, zeitweise gefühlsbetont sind; wieder andere, die immer stärkere oder schwächere Gefühle auslösen. Wenn wir weiter die Wirkungen der gleichen Vorstellungsgruppen in verschiedenen Menschen studieren, so finden wir, daß die gleichen Vorstellungen ganz verschiedene Gefühlswirkungen ausüben, vor allem, daß bei dem Einen gewisse einmal erregte Gefühle sozusagen lokalisiert bleiben, während sie sich bei anderen Menschen über das ganze Bewußtseinsleben ausbreiten, es tage-, wochen-, monatelang beherrschen und damit oft einen gewaltigen Einfluß auf ihre ganze Handlungsweise gewinnen. Ich will diese Eigentümlichkeit der Psyche als  intellektuelle Aufwühlbarkeit des Gemütsgrundes  bezeichnen. Sie hängt wohl mit einer Beschaffenheit des zerebralen Nervensystems zusammen, die man sich vielleicht symbolisch als Aus- oder Überstrahlung von nervösen Gefühlsreizen auf kleinere oder größere Gehirnpartien vorstellen kann, mit all ihren Förderungs- und Hemmungstendenzen. Es ist sicher, daß auch noch eine andere Aufwühlarbeit vorhanden ist, die im viszeralen Nervensystem ihren Ursprung hat oder mit gewissen niederen Instinkten zusammenhängt. Diese steht natürlich hier nicht in Frage.

So unterscheide ich daher vier Grundelemente des intelligiblen Charakters: die Willensstärke, die Urteilsklarheit, die Feinfühligkeit und die Aufwühlbarkeit. Über die Berechtigung und die Bedeutung dieser Unterscheidung sollen die nachfolgenden Untersuchungen Klarheit verschaffen.

Wir wollen diese vier Grundelemente der Reihe nach betrachten.

Die  Willensstärke  drückt sich in zwei großen Hauptformen aus: in den mehr passiven Formen der Festigkeit, Beharrlichkeit, Ausdauer, Geduld, und in den mehr aktiven Formen des Mutes, der Tapferkeit und des Unternehmungsgeistes. Niemand kann sich einen willensschwachen, geschweige denn einen willenlosen Menschen als Charakter denken. Feigling und Charakter sind zwei unvereinbare Dinge.

Die Willensstärke des werdenden Charakters liegt weit mehr in der Dauer dieser Kraft als in der Größe, oder, richtiger gesagt, sie ist ein Produkt aus Zeit und Kraft des Willens. Die aus leidenschaftlichen Gefühlen hervorbrechenden explosiven Willensakte von Cholerikern und Sanguinikern sind im allgemeinen  kein  Zeichen von Willensstärke. Das wesentliche Merkmal der Willensstärke ist Ausdauer und Stetigkeit auch in ihren aktiven Formen. Ebensowenig sind Trotz, Eigensinn, Starrköpfigkeit Zeichen von  wahrer  Willensstärke. Der Trotz des Kindes ist passiver Widerstand gegen Forderungen, die der angeborenen Selbstsucht unbehaglich sind, und nicht aktive Schaffenskraft. Eigensinn ist ein Wollen lediglich nur des Wollens willen. Eigensinn, sagt VOLKMANN ("Lehrbuch der Psychologie", Bd. II, Seite 506) ist Entschluß ohne Erwägung. Er tritt gewöhnlich an jenen Stellen vor, an denen sich der Charakter am unsichersten fühlt. Die willensschwächsten Menschen sind häufig die eigensinnigsten. Zur Starrköpfigkeit wird der Eigensinn, indem er sich zu der Maxime ausgestaltet, bei Anwendung der einzelnen Maximen auf das Wollen rücksichtslos vorzugehen. Der wahre Charakter hält seine Maximen derart zusammen, daß jedes Wollen nach der Gesamtheit aller Maximen entschieden wird, der Starrkopf verteilt seine Maximen über die Klassen seines Wollens und entscheidet sich blindlings nach der einzelnen Maxime. Eben darum ist Starrköpfigkeit bloß dem Buchstaben nach Charakter, nicht dem Geiste nach, und kann nur dem als Charakter erscheinen, der bei der äußerlich formalen Betrachtung stehen bleibt. Die Explosivität des normalen Menschen ist hauptsächlich der Abwesenheit von Bedenken und Überlegungen, nicht der größeren Intensität einer inneren Kraft, sei es einer ruhig glimmenden Leidenschaft, sei es der Macht der Gedanken, zuzuschreiben. Bei Kindern ist explosiver Wille aufgrund fehlender Hemmung eine normale Erscheinung, bei Erwachsenen ist er eine Folge ungebändigten Temperaments oder irgendeines Erschöpfungszustandes.
    "Der Mensch mit starkem Willen", sagt  William James (3), "ist derjenige, er ohne Wanken auf die noch leise Stimme hört, und der, wenn die todbringende Überlegung kommt, ihr ins Auge schaut, ihr zustimmt, sie festhält und bejaht, trotz der Fülle erregender Vorstellungen, die sich dagegen erheben und die bestrebt sind, sie aus dem Bewußtsein zu verdrängen."
Festgehalten durch eine derartige entschlossene Anstrengung der Aufmerksamkeit, beginnt das schwierige Objekt binnen kurzem anderes, was mit ihm übereinstimmt und assoziiert ist, herbeizuführen und ändert schließlich den Bewußtseinszustand des betreffenden Menschen ganz und gar. Und mit dem Bewußtseinszustand ändert sich auch die Handlungsweise; denn das neue Objekt, wenn es erst einmal den geistigen Horizont sicher beherrscht, ruft unfehlbar seine eigenen motorischen Wirkungen hervor.  Eine Vorstellung also willkürlich lange Zeit festzuhalten  (was, weil die willkürliche Aufmerksamkeit sich nur immer über Sekunden ausdehnt, immer neue Willensakte erfordert),  ist ein sicheres Zeichen von Willensstärke.  Bei Kindern unter sechs Jahren ist die stets wandernde Aufmerksamkeit ein deutliches Zeichen ihres noch schwachen Willens, und jeder Volksschullehrer weiß, welch große Arbeit im Laufe der ersten Schuljahre darauf verwendet werden muß, auch nur die Fähigkeit der unwillkürlichen Aufmerksamkeit zu entwickeln, geschweige denn die Fähigkeit der willkürlichen. Die Stärke der willkürlichen Aufmerksamkeit ist es, die bei moralischen Problemen den Ausschlag gibt. Denn dort kommt unser moralischer Wille in Widerstreit mit den egoistischen Impulsen, Trieben, Neigungen und Gewohnheiten, also mit anderen Worten, mit den sinnlichen Interessen des biologischen Charakters, und da unsere unwillkürliche Aufmerksamkeit gern unseren niederen Interessen folgt, so hat das moralische Motiv hier den größten Widerstand zu überwinden. Ohne eine gewisse Stoßkraft der moralischen Motive allerdings, welche den unheimlichen Zug unserer sinnlichen Interessen immer wieder durchbricht und das Motiv in den Mittelpunkt des Bewußtseins bringt, bleibt dieser Kampf erfolglos.

Die zweite Wurzel für die Ausbildung des Charakters liegt in der  Urteilsklarheit  oder  logischen Denkfähigkeit.  Der unklare Mensch kann nicht konsequent handeln, außer in den gewohnheitsmäßigen Fällen. Bei ungewöhnlichen Anlässen kommt er entweder zu gar keinem Handeln, da er keinen Willensentscheid zu finden weiß, oder zu einem unsicheren, vom Zufall bestimmten Handeln. Dies führt ihn dann nur allzuoft mit früheren Fällen in Widerspruch, was er nicht selten mit den Worten bedauert: "Wenn ich es nur vorher besser überlegt hätte." Aus einem dummen Kerl einen Charakter machen zu wollen, ist vergebliche Liebesmüh. Seine eigene Dummheit wird ihm zu viele Streiche spielen. Die höchsten Stufen des auf sich selbst gestellten sittlichen Charakters verlangen auch höchste Urteilsfähigkeit. Die Tugend der Gerechtigkeit gegen sich und andere kann nur in einer Seele mit klarem Verstand wohnen.

Geistig erzogen kann man nur den Menschen nennen, der gewohnt ist, jede Schlußfolgerung, die er macht oder hört, durch eine Untersuchung ihrer Konsequenzen auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Diese Verfassung der Seele, vor dem  accepit  [akzeptieren - wp] in einen Zustand bedächtiger Reserve zu treten, ist durchaus keine angeborene. Der naive Mensch denkt ohne wesentliche Reflexion. Er akzeptiert leicht die unmittelbar aufstoßenden Folgerungen die in seinem Bewußtsein aufsteigen. Sein gewöhnlicher Fehler ist: "post hoc ergo propter hoc." [danach also deswegen - wp] Auch wird diese Eigenschaft keineswegs durch das uns umgebende Leben in Natur und Gesellschaft von selbst im einzelnen Menschen entwickelt. Im Gegenteil: im gesamten geistigen Verkehr und sogar in einem Teil unserer psychischen Konstruktion liegen nicht unbedeutende Hindernisse für diese Entwicklung. Ich meine damit einerseits die natürliche Beeinflussung des Denkens durch alles, was Tradition und Autorität geheiligt haben, durch alles, was einseitige Schulmethoden und Schulschablonen verbrechen, durch alles, was wir an Vorurteilen und Parteimeinungen aus unserer Umgebung einsaugen, und andererseits die natürliche Beeinflussung des Denkens durch alles, was uns schmeichelt, durch alles, was unseren Begierden und Leidenschaften entgegenkommt, durch alles, was uns unter Erzeugung mächtiger Gefühle, starker Liebe zu Lehrer, Eltern und Freunden eingeprägt wird, durch alles, was der Gebrauch von leeren und unbestimmten Begriffswörtern mit sich bringt, die uns schon in frühester Jugend durch Überlieferung geläufig wurden, ohne daß wir sie jemals auf ihren Inhalt untersucht hätten.

Die natürliche Neigung des Menschen geht zunächst in der Richtung des  empirischen  Denkens, d. h. des Denkens nach ungeprüfter Erfahrung, eines Denkes ohne Untersuchung des Grundes und der Art und Weise, wie ein kommendes Ereignis aus dem gegenwärtig beobachteten notwendig folgen muß, ein Urteilen aufgrund überlieferter Normen, traditioneller Anschauungen oder wiederholt gemachter Erlebnisse. Ihm entgegengesetzt ist das  logische  Denken. In seinem trefflichen Büchlein "How we think" zergliedert JOHN DEWEY die Entwicklung eines vollständigen logischen Denkaktes in folgende unmittelbar einleuchtende fünf Stufen:
    1. die Schwierigkeit, die uns die Auffassung einer Tatsache oder Erscheinung bereitet;

    2. die nähere Bestimmung und Umgrenzung dieser Schwierigkeit durch das Analysieren des Ereignisses oder der Tatsache;

    3. die Vermutung einer möglichen Lösung;

    4. die Entwicklung der Folgerungen, die sich mit der Annahme der Vermutung für die Lösung des Problems ergeben;

    5. weitere Beobachtungen oder Versuche, die zur Annahme oder Verwerfung der Vermutung führen, welche also unseren Schluß bestätigen oder nicht bestätigen.
Der Akt des wissenschaftlichen Denkens erfordert also
    a) angeborenen Scharfsinn

    b) durch Erfahrung oder Überlieferung erworbenes Wissen,

    c) gewissenhafte Gewohnheiten der Prüfung dieses Wissens überall da, wo kein System, auf welchem dieses Wissen aufgebaut ist, wissenschaftlich klar liegt.
Die Unfähigkeit im Denken liegt also entweder im Mangel an Scharfsinn, einem Mangel, der allerdings oft nur scheinbar ist, weil die dem Schüler zur Analyse vorgeführte Tatsache, beispielsweise der Philologie oder Mathematik, jeglichen Interesses entbehrt, oder im Mangel an positivem Wissen und sicherer Kenntnis, oder in der Bequemlichkeit und Gewohnheit, das gegebene positive Wissen, das doch auch durch Gedächtnisfehler oft verstümmelt sein kann, auf seine Zuverlässigkeit ebenso zu prüfen, wie die Schlüsse, die wir ziehen.

Die richtige Wahl der Unterrichtsgegenstände wird den vorhandenen Scharfsinn ausnützen lassen, die rechte Verankerung des Schulwissens wird Lebendigkeit und Reichtum der zum Schluß notwendigen Vermutungen liefern. Aber die Hauptsache bleibt in den allermeisten Fällen die sorgfältige Gewöhnung des Schülers an den Zustand des Zweifels an seiner eigenen Denkrichtigkeit, an die vorsichtige Prüfung aller Schlüsse, durch systematisch angestellte, ausdauernde Versuche. Die richtige Wahl des Unterrichtsgegenstandes ist aber nur dann getroffen, wenn sie den Neigungen und Anlagen des Schülers entspricht. Es gibt keinen Unterrichtsgegenstand, der eine besondere magische Kraft besäße, das logische Denken zu fördern, etwa die alten Sprachen oder Mathematik. Mit diesem etwa hundert Jahre alten Aberglauben dürfen wir endlich einmal aufräumen; er hat schon genug Unglück über unsere Schüler gebracht. In der hier angestellten Untersuchung deutet nichts auf Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Algebra oder Geometrie, aber auch nichts auf Zoologie, Botanik, Geschichte, Geographie, Physik, Chemie, Schreinerei oder Schlosserei. Überall, wo wir bei der geistigen Erziehung unserer Schüler sorgfältig auf die angeführten fünf Stufen immer und immer wieder Rücksicht nehmen, werden wir schließlich die Schüler zu der wertvollen Gewohnheit logischen Denkens bringen, mögen wir als Übungsfeld Chinesisch oder die Kochkunst wählen.

Wir erkennen aber noch etwas anderes aus dieser Betrachtung mit völliger Klarheit: es gibt kein bloß formales Denken. Es gibt kein geistiges Organ, das sich ausbilden ließe und vermöge dessen Ausbildung der Besitzer in der glücklichen Lage wäre, auf allen Lebensgebieten mit Sicherheit die richtigen Schlüsse zu ziehen. Der Major, also das geprüfte oder ungeprüfte Wissen, das wir besitzen müssen und ohne welches unser logisches Denken entweder zur unerhörten Qual oder überhaupt unmöglich wird, geht in alle Schlüsse ein. Was wir erziehen können, ist lediglich die Gewohnheit, "alles zu prüfen und das Beste zu behalten".

Die dritte Wurzel für die Ausbildung des Charakters ist die  Feinfühligkeit.  Sie ist gekennzeichnet durch das Verhalten der Menschen gegen die Eindrücke der Umwelt, durch die Leichtigkeit oder Schwerfälligkeit der Reaktion gegen äußere Reize. Wie das alte Spinett ein schwerfälliges, hart ansprechendes Instrument war gegenüber dem heutigen  Bechstein- oder  Blüthner-Flügel, der die leisesten Schattierungen des Fingerdrucks in seinen Tönen wiedergibt, so stehen auch den stumpfen Seelen die leicht ansprechenden, empfindsamen Seelen gegenüber, und wie die Sinnesorgane der verschiedenen Menschen ganz verschieden empfindlich sind und der eine Tondifferenzen hört, Farbenschattierungen sieht, Geruch- und Druckverschiedenheiten wahrnimmt, die dem anderen völlig verborgen bleiben, so sind auch die einen Seele für tausenderlei Situationen und Verhältnisse empfänglich, welche die anderen Seele völlig unberührt lassen. Diese  Feinfühligkeit  der Seele ist nicht bloß eine  Leichtigkeit  der Reaktion, wie es das Merkmal der Choleriker und Sanguiniker ist, sobald  gewisse  Reize an sie herantreten, sondern sie ist auch eine  Mannigfaltigkeit  der Reaktion. Es gibt Personen, welche aus dem Menschengewoge der Stadt London und seinem Leben und Treiben ohne andere Erlebnisse zurückkehren als dem einen, daß es schrecklich war, und es gibt Menschen, denen eine Reise durch die Wüste zu einem Ereignis voll von tausenderlei Erfahrungen wird. Unter Feinfühligkeit meine ich weiter nicht bloß ein bewußtes und durch blitzschnell sich vollziehende Denkakte eintretendes Verhalten des Menschen gegen äußere Verhältnisse, sondern noch öfter ein unbewußtes, instinktives Verhalten, wie es Leute von sogenanntem angeborene Takt an den Tag legen.

Takt, leichte Einfühlung in neue Verhältnisse, Anpassungsfähigkeit, Zartgefühl, instinktive Rücksichtnahme, Geistesgegenwart sind Äußerungen der Feinfühligkeit. Angeborene Instinkte, Zuneigung, rasche Auffassungsgabe, Schnelligkeit des Vorstellungsverlaufs und der Urteilsbildung sind Seitenwurzel dieser Hauptwurzel. Vielfache und frühzeitige Betätigung im Dienst von Personen und Sachen ist das einzige Mittel, sie zu entwickeln. Durch ein bloßes Buch- und Gedächtniswissen wird diese Eigenschaft nicht direkt gefördert, denn sie ist eine unmittelbare Reaktion realen Verhältnissen gegenüber. Eine harte Kindheit, brutale Schulverhältnisse, schweres Unglück, unheilbare Leiden töten die Feinfühligkeit. Wie eine Waage mit zunehmender Belastung immer unempfindlicher wird, so wird auch eine Seele immer stumpfer, umso größeren Druck die Verhältnisse auf sie ausüben. Es gibt Leiden, die den Menschen zur völligen Apathie führen. Es gibt Erziehungsmethoden, die eine völlige Gleichgültigkeit gegen alle äußeren Anregungen erzeugen. Liebe, Güte und Vertrauen in der Kinder- und Schulstube, Mannigfaltigkeit der Verhältnisse, in welche die Tätigkeit des Menschen verwickelt wird, beackern den Boden, auf dem sich die Feinfühligkeit entwickelt. Die Feinfühligkeit des Erziehers ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Feinfühligkeit des Zöglings. Leider sind feinfühlige Erzieher, wie feinfühlige Menschen überhaupt, eine recht seltene Erscheinung, und unsere heutigen Schulsysteme sind nicht so organisiert, daß diese Erscheinung in nächster Zeit häufiger wird.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Grad der angeborenen Feinfühligkeit, soweit sie sich auf gewisse menschliche Verhältnisse erstreckt, beim weiblichen Geschlecht im Durchschnitt ein höherer ist als beim männlichen. Wenigstens schreibt die allgemeine Meinung dem Frauengeschlecht mehr instinktiven Takt zu als dem männlichen.
    "Willst Du genau erfahren, was sich ziemt,
    So frage nur bei edlen Frauen an."
Freilich handelt es sich hierbei schon um ein mehr ethisches Moment, um das Moment der Rücksichtnahme, so daß diese Tatsache wohl aus der stärkeren Veranlagung für altruistische Instinkte zu erklären wäre, mit denen zwar die Instinkte der Feinfühligkeit nicht identisch sind, aber aus denen heraus sie sich am besten entwickeln.

Zu diesen drei Wurzeln kommt aber noch eine vierte. Weder Wille noch Verstand, noch Feinfühligkeit sind isolierte Erscheinungen unseres geistigen Lebens. Ihre Entwicklungsfähigkeit hat sogar eine gemeinsame Ursache, die ich mit  Aufwühlbarkeit des Gemütsgrundes  bezeichnet habe. In dieser Aufwühlbarkeit liegt wohl auch das stärkste Geheimnis aller großen Charaktermenschen, aller großen vaterländischen Helden, aller Religionsstifter, aller wahrhaft großen Dichter, Musiker und Maler. Ich meine darunter den Grad und die Ausdehnung des Ergriffenwerdens der Seele von Wahrnehmungen und Vorstellungen, also den Umfang und die Dauerhaftigkeit der Gefühlserregungen, welche die im Bewußtseinsstrom kommenden und gehenden Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffe begleiten, besonders jene, welche sich auf den Menschen und sein Schicksal beziehen. Aber nicht bloß das Menschliche kann den einzelnen ergreifen, aufwühlen, ja verzehren, auch das Göttliche, das Schöne, das Wahre kann die Tiefen des Seelenlebens dauernd in Erregung halten.

Der Grad des Ergriffenwerdens der verschiedenen Menschen ist ein wesentliches Merkmal ihres intelligiblen Charakters. Kein Mensch ist ganz gemütlos, keiner ganz gefühllos. Aber der eine bleibt gewöhnlich, was auch an ihn herantritt, "kühl bis ans Herz", während der andere glüht, sowie ein Hauch des Menschlichen seine Seele berührt. Das produktive Schaffen unserer Künstler ist vom Grad des Ergriffenseins direkt abhängig. Der englische Romanschriftsteller CHARLES DICKENS lebte, wie DILTHEY in seinem Werk "Das Erlebnis und die Dichtung" erzählt, mit seinen Gestalten wie mit seinesgleichen. Er litt mit ihnen, wenn sie sich der Katastrophe näherten, ja er fürchtete sich vor dem Augenblick ihres Unterganges. Der französische Dichter BALZAC spricht von den Personen der  Comédie humaine,  als ob sie lebten. Er analysiert, tadelt, lobt sie, als gehörten sie mit ihm zu der gleichen guten Gesellschaft. Er konnte lange Debatten darüber führen, was sie in der Lage, in der sie sich befinden, tun würden. Als GOETHE sich in das ganze Detail einer Situation des  Wilhelm Meister  hineindachte, fing er zuletzt an, bitterlich zu weinen.

Erkennt man aus diesen Beispielen, wie abhängig schon die Macht der Phantasie von der Aufwühlbarkeit des Gemütes sein muß, so wird man umso mehr begreifen, von welch enormem Einfluß die Aufwühlbarkeit des Gemütes auf unser gesamtes Handeln ist. Freilich kommt dabei vor allem die Dauer des Ergriffenseins in Betracht. Es gibt Seelen, die alle Augenblick aufflammen, aber auch alle Augenblick erlöschen; es gibt Seelen, die selten aufflammen, aber dann mit zunehmender Stärke jahrelang glühen. Es gibt Menschen, die, einmal von der Idee entzündet, weiterbrennen, bis der Tod die Fackel löscht. All ihr Denken ist von den Kettenfäden der Idee durchschossen, von der sie erfaßt sind. Die Idee mit ihren Gefühlstönen steht jeden Augenblick sprungbereit zum Eintritt ins Bewußtsein, und selbst hinter der Bewußtseinsschwelle versunken, bestimmt sie noch die Apperzeption der Eindrücke, leitet die Assoziationen des Stroms und die Motive unseres Handelns. Alle Tätigkeit solcher Menschen gestaltet sich vom Gesichtspunkt der Idee aus, die ihr Gemüt aufgewühlt hat und auf einer stets fühlbaren Temperatur erhält. So versteht man, wie die Fähigkeit des Ergriffenwerdens oder die Aufwühlbarkeit des Gemütsgrundes sowohl die Wurzel der Willensstärke als auch der Denkfähigkeit und Feinfühligkeit werden kann. Leidenschaftlichkeit, Explosivität, Impulsivität sind nicht identisch mti Aufwühlbarkeit des Gemütsgrundes. Sie können mit ihr verbunden sein und sind es auch vielfach, wie bei ROUSSEAU. Aber es gibt scheinbar kalte, bedächtige, besonnene Naturen von großer innerer Aufwühlbarkeit. Wir finden sie besonders in der germanischen Rasse (LINCOLN, KANT, MOLTKE), wie wir dann auch für das deutsche Wort "Gemüt" in keiner anderen Sprache ein volles Äquivalent haben.

Die Aufwühlbarkeit kann auch im allgemeinen nicht mit bestimmten Temperamenten gleichgesetzt werden. Selbst der phlegmatische Mensch kann von dauernden inpersonalen oder altruistischen Gefühlen aufgewühlt werden, nicht zu reden von melancholischen, sanguinischen oder gar cholerischen. Auch ist nicht jede Seele durch jedes Ereignis oder jede Idee aufwühlbar.

Unsere Betrachtungen mögen die Überzeugung gebracht haben, daß wir in den vier geschilderten Elementen die wesentlichen Bestandteile desjenigen Kräftekomplexes besitzen, den ich als den intelligiblen Charakter bezeichnet habe. An sie müssen wir uns wenden, um den ethischen Charakter durch Erziehung heranzubilden. Sie stellen die einzig wahren Bundesgenossen im Kampf der Erziehung gegen die niederen Instinkte, Triebe und Leidenschaften, die das einheitliche Leben in unseren Handlungen zur zerreißen drohen. Wo Willensstärke, Urteilsklarheit, Feinfühligkeit und Aufwühlbarkeit des Gemütsgrundes in genügender Stärke vorhanden sind, da darf man annehmen, daß vernünftige Erziehungsmaßnahmen auch einen sittlichen Charakter entwickeln lassen. Ja, es ist nicht einmal von der Hand zu weisen, daß ein einer moralischen Umgebung von hinreichender Mannigfaltigkeit für eine Betätigung aus der rechten Mischung dieser vier Elemente der ethisch gerichtete Charakter kraft der Organisation unserer psychischen Natur ohne besondere Erziehungsmaßnahmen sich von selbst entwickelt. Wenigstens sehen wir, wenn auch in seltenen Fällen, wundervolle sittliche Charaktere sich entwickeln, die in früher Jugend hinausgeworfen waren in das Meer des Lebens. Ohne eine konsequent führende Erzieherhand steigen sie auf zu einer sittlichen Höhe der Menschheit, gerade als ob ihre Seele die Fähigkeit hätte, nur die günstigen Einflüsse für die Entwicklung ihres Charakters auf sich wirken zu lassen, die ungünstigen abzuweisen. Wo die Anlagen vorhanden sind, gibt es ebenso gewiß Autodidakten des wahren Charakters wie auch Autodidakten der Wissenschaft und der Kunst. Namentlich finden wir sie in jener Gruppe von Menschen, die bei starker Willenskraft und klarem Verstand feinfühlige und tieferregbare soziale Instinkte haben, die sie mit unwiederstehlicher Gewalt antreiben, all ihr Denken und Handeln in den Dienst der Mitbrüder zu stellen.

LITERATUR - Georg Kerschensteiner, Der Charakterbegriff, Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik, XIII. Jahrgang, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    1) Diese Bezeichnung hat KANT (Kritik der reinen Vernunft, Seite 566, sowie in späteren ethischen Schriften) in einem ganz anderen Sinn gebraucht. Er hat dort gar nichts mit der Intelligenzfunktion zu tun. Es ist damit der Charakter als Ding-ansich gemeint. Der kantische Ausdruck hat eine weitere Verwendung gefunden.
    2) Strengere Nachweise und weitergehende Untersuchungen sind in meinem demnächst erscheinenden Buch "Charakterbegriff und Charaktergestaltung" (Leipzig 1912) zu finden.
    3) WILLIAM JAMES, Psychology, London 1905, Seite 452 (deutsche Übersetzung ERNST DÜRR, Leipzig)