p-4 Ernst MeumannJoseph ChurchLew WygotskiGustav Lindner     
 
CLARA und WILLIAM STERN
Die Kindersprache
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"Es ist ja noch nicht lange her, daß die gesamte Pädagogik überhaupt im Kind nur den Homunkulus, die unfertige Miniaturskizze des Vollmenschen sah, und es nicht als Gegenwartswesen in seinem Selbstwert und seiner Besonderheit, sondern nur als einen Wechsel auf die Zukunft gelten ließ. Und so faßte man dann vielfach auch die Kindersprache lediglich als den schwerfälligen Werdeprozeß der Vollsprache auf, der sich durch unzählige Irrungen und Wirrungen hindurch seinem Ziel nähere."

Einleitung

Indem wir den Gegenstand dieses Buches als "die Kindersprache" bezeichnen, setzen wir voraus, daß es ein besonderes, gegen andere Sprachprodukte abgrenzbares Gebilde gibt, welches diesen Namen und - wegen seiner abgeschlossenen Eigenart - selbständige wissenschaftliche Behandlung verdient.

Darf man denn nun aber "Eigenart" das nennen, was nur Unfertigkeit und Verstümmelung ist? Diese Frage könnte aufgeworfen werden von einem Standpunkt aus, der in der gebildeten Sprache der Erwachsenen Norm und Wertmaßstab für alle anderen Sprachäußerungen erblickt.

Es ist ja noch nicht lange her, daß die gesamte Pädagogik überhaupt im Kind nur den Homunkulus, die unfertige Miniaturskizze des Vollmenschen sah, und es nicht als Gegenwartswesen in seinem Selbstwert und seiner Besonderheit, sondern nur als einen Wechsel auf die Zukunft gelten ließ. Und so faßte man dann vielfach auch die Kindersprache lediglich als den schwerfälligen Werdeprozeß der Vollsprache auf, der sich durch unzählige Irrungen und Wirrungen hindurch seinem Ziel nähere. Je mehr man lernte, dem Kind als Kind gerecht zu werden, umso mehr würdigte man auch seine Abart als Eigenart, seine Sprachbesonderheit als naturgemäßen "Kinderdialekt".

Auch in Bezug auf die wirklichen "Dialekte" hat sich ja in der modernen Sprachwissenschaft ein Umschwung der Wertung vollzogen; sie galten früher gegenüber der Schriftsprache als minderwertig und der Erforschung unwürdig; heute werden sie wie Schätze gesammelt, gehütet und wissenschaftlich bearbeitet.

Es ist nun die Frage, mit welchem Recht und in welchem Sinn man die Kindersprache mit der Dialektbildung vergleichen könnte. Dialekt ist zunächst reine  Sprech sprache, d. h. die nur akustisch-motorische, durch keine schriftliche Fixation und bewußte grammatische Norm gebundene und beeinflußte Sprache; Dialekt ist ferner der  adäquate  und  naive  Ausdruck der geistigen Beschaffenheit des Sprechenden; er ist drittens ein in sich  geschlossenes  Sprachganzes, dessen typische Besonderheit sich durch eine Reihe von Regeln darstellen läßt, unabhängig von indidivduellen und genetischen Differenzierungen. So unterscheidet sich der Dialekt von den bloß negativwertigen Sprachformen, dem Falschsprechen, dem Jargon; denn diese beruhen darauf, daß von Regeln schon ein Bewußtsein aber kein korrekter Gebrauch besteht; daß eine Form gesucht wird, die dem Sprechenden nicht adäquat ist; daß ein unharmonisches Sprachgemisch erzeugt wird, welches jeder einheitlichen Charakterisierung spottet.

Unter diesen Gesichtspunkten steht die Kindersprache nicht auf der Stufe des Jargons, sondern auf der des Dialekts. Daß sie eine reine Sprechsprache ist, bedarf keiner weiteren Erklärung. Daß sie der adäquate und naive Ausdruck des Sprechenden ist, wird heute mehr und mehr zugestanden. Daß sie aber sogar ein in sich geschlossenes Sprachganzes bildet, welches trotz der großen Unterschiede zwischen einzelnen Kindern und den verschiedenen Entwicklungsphasen seine typischen Eigenregeln hat, kurz daß es eine wirkliche Kindersprachwissenschaft gibt, soll im folgenden bewiesen werden. (1)

Natürlich darf für die Kindersprache die Bezeichnung "Dialekt" nur im Gleichnissinne genommen werden. (2) Denn das  soziale  Hauptmerkmal des Dialekts, die Verständigungsform einer größeren Sprachgemeinschaft zu sein, fehlt hier. Jedes Kind spricht  seine  individuelle Kindersprache, durch die es sich zwar mit den Erwachsenen und den Altersgefährten seinerseits verständigt, auf die ihm aber nicht in gleicher Weise geantwortet wird. Diese individuelle "Dialektbildung" kann ja sogar so weit gehen, daß der Nichteingeweihte verständnislos vor ihr wie vor einer fremden Sprache steht.

Und dennoch kann die Kindersprachkunde mehr als die Analyse individueller Sprachentwicklungen sein; denn sie vermag Bildungsgesetze zu formulieren, die in jeder Kindersprache wirksam sind. Diese Gemeinsamkeit ist sogar international; wir werden unsere Belege daher nicht ausschließlich auf deutsche Kinder zu beschränken brauchen.

Was die  zeitliche  Begrenzung der "Kindersprache" als einer Sonderepoche angeht, so sind absolute Altersangaben bei den ungeheuren Entwicklungsvariationen natürlich unmöglich. Die meisten Kindesbeobachter haben nach Vollendung des dritten Jahres einen Schnitt gemacht, ganz gleich wie weit die Sprachentwicklng fortgeschritten war; bei zahlreichen Kindern - man nehme z. B. PREYERs Sohn - ist der Anschluß an die Umgangssprache damit noch lange nicht erreicht, und viel Spezifisches fällt unter den Tisch. Sucht man nach einer inhaltlichen Grenzsetzung, so kann man wohl dann die Kindersprache als abgeschlossen betrachten, wenn sich das Kind die Umgangssyntax  in den Hauptzügen angeeignet hat. (3)
     Wir verstehen somit unter "Kindersprache" diejenige Sprachepoche, die vom ersten sinnvoll gesprochenen Wort bis zur Bewältigung der Hauptarten des Satzgefüges reicht. 
An der Erforschung der kindlichen Sprache haben sehr verschiedene Gebiete Interesse; und zwar ist dieses Interesse ein theoretisches für die Psychologie (die allgemeine und die genetische) sowie für die Sprachwissenschaft, ein praktisches für den Spracharzt und den Pädagogen. Die folgende Untersuchung muß darauf verzichten, die praktischen Fragen, also die kindlichen Sprachgebrechen und ihre Heilung einerseits, den Sprachunterricht normaler und abnormer Kinder andererseits zu behandeln. Sie beschränkt sich auf die psychologische und sprachwissenschaftliche Erörterung.

Daß die Sprache ein Problem der  allgemeinen Psychologie  sei, ist schon lange erkannt. Als Ausdrucksbewegung steht sie zu den Affekt- und Willensfunktionen in engster Beziehung, als Verlautbarung von Vorstellungen und Begriffen, Urteilen und Schlüssen ist sie mit dem intellektuellen Leben unlöslich verknüpft; als vornehmstes Verbindungsmittel zwischen Mensch und Mensch ist sie die Hauptträgerin aller sozialpsychischen Erscheinungen. Bisher hatte sich die Sprachpsychologie bei der Untersuchung der einschlägigen Fragen vorwiegend auf die Vollsprache der Erwachsenen beschränkt, entweder auf die lebendige Umgangssprache, bei welcher der Psychologe Selbstbeobachtung treiben konnte, oder auf die in der Sprachwissenschaft vorliegenden Materialien von anderen Völkern und früheren Zeiten. Der Versuch, auch die Kindersprache für diese allgemein-psychologischen Probleme heranzuziehen, ist bisher nur in geringem Umfang gemacht worden. Dies war schon durch den Stand de jungen Forschungsgebietes bedingt; hoffentlich wird auf der Grundlage neuerer umfassender Materialsammlungen die Kindersprache in künftigen psychologischen Untersuchungen eine ergiebigere Verwertung finden können.

Für die eigentliche  Psychogenesis  ist natürlich die Erforschung der Kindersprache von noch direkterer Bedeutung. Denn die seelische Entwicklung der ersten Lebensjahre findet ihren deutlichsten Ausdruck in der Entwicklung der Kindersprache. Und zugleich bietet diese dem Forscher die günstigste Gelegenheit, die subjektiven Entwicklungserscheinungen objektiv festzuhalten und aufzuzeichnen. Es ist daher verständlich, daß in der modernen kinderpsychologischen Bewegung die Sprache den weitesten Raum einnimmt. Aber die meisten Forscher beschränkten sich entweder darauf, Sprachmaterieal von einem bzw. mehreren Kindern zu geben, oder darauf, einige ihnen besonders nahe liegende Gesichtspunkte herauszugreifen. Der erste Versuch einer Zusammenfassung, der als solcher sehr dankenswert war, liegt bereits acht Jahre zurück; durch die schnellen Fortschritt der Kindersprachkunde ist heute eine erschöpfende Darstellung auf einem ganz anderen Niveau möglich.
    Es sei hier ein kurzer Blick auf diese literarische Bewegung geworfen (4).

    Bis zum Jahr 1882 liegen nur ganz vereinzelte und meist sehr dürftige Beobachtungen über Kindersprachentwicklung vor. Beteiligt sind hierbei Forscher sehr verschiedener Berufe: Philosophen (TAINE, F. SCHULTZE), Psychologen (STEINTHAL und LAZARUS), Pädagogen (STRÜMPELL und PÉREZ), Ärzte (SIGISMUND, VIERORDT), Naturforscher (DARWIN), Sprachforscher (EGGER).

    Das Jahr 1882 brachte dann PREYERs Werk, in welchem zum erstenmal der Versuch einer auf ständiger Beobachtung beruhenden Kindesbiographie gemacht und gerade die ersten Stadien der Sprachentwicklung sehr ausführlich behandelt wurde. Allerdings kam, wie bei einem Physiologen verständlich, die psychologische und sprachwissenschaftliche Durcharbeitung des Materials an vielen Stellen zu kurz. Das bisher in fünf Auflagen erschienene und in fremde Sprachen übersetzte Werk machte nicht nur in der Kinderpsychologie im allgemeinen, sondern auch in der Kindersprachforschung Epoche, freilich vor allem im Ausland. Seinen Spuren folgten z. B. der Pole OLTUSCHEWSKI und die Amerikanerin Miss SHINN.

    Gleichzeitig mit PREYER und unabhängig von ihm war der Seminarlehrer LINDNER mit zwar weniger umfangreichen, aber zuverlässigen Beobachtungen hervorgetreten, denen er 1885 und vor allem 1898 ausführlichere Darstellungen folgen ließ. Mit seinen psychologischen Deutungen kann man freilich nicht immer einverstanden sein; es wird manchmal zu viel in das Kind hineingelegt. Mit LINDNER beginnt eine Reihe von Veröffentlichungen aus den Kreisen der Pädagogen, von denen als die bedeutenderen genannt seien die von FRANKE (der namentlich die Beziehung zur Sprachentwicklung der Menschheit betont), SCHNEIDER, FRIEDRICH und TÖGEL.

    Inzwischen war um die Jahrhundertwende eine neue Etappe dadurch erreicht worden, daß sich die Fachpsychologie an der Arbeit zu beteiligen begann. AMENT schreibt 1899 die erste systematische Monographie über das Thema; gestützt auf seine ziemlich umfangreichen eigenen Beobachtungen und die gesamte Literatur suchte er durch Ordnen, Klassifizieren und Definieren das Chaos zu bewältigen; auch psychologisch und linguistisch brachte uns seine (im Jahre 1902 durch eine kritische Untersuchung ergänzte) Arbeit ein gutes Stück weiter. In gewisser Weise aber stellt AMENTs Buch zugleich einen Abschluß dar, insofern die intellektualistische Epoche der Kindersprachforschung damit ihr Ende fand. Denn so darf man wohl eine Auffassung bezeichnen, welche die intellektuelle Bedeutung der ersten kindlichen Sprachphasen und meist auch die Selbständigkeit der Kindes bei der Sprachproduktion überschätzt. Ihr trat nun eine andere gegenüber, welche die ersten Sprachanfänge möglichst einfach als Affekt- und Begehrungsäußerungen und den Prozeß der Sprachaneignung möglichst passiv als reine Nachahmungsprodukt zu verstehen sucht.

    Dieser Standpunkt, der wichtige, bisher vernachlässigte Momente zu ihrem Recht kommen läßt, aber nach der anderen Seite zu weit zu gehen neigt, wird in der Völkerpsychologie WUNDTs und den Monographien MEUMANNs theoretisch vertreten und von IDELBERGER durch eigene Beobachtungen gestützt.

    Außerhalb des Rahmens dieses Streites steht die Veröffentlichung STUMPFs, in der eine ganz eigenartig verlaufende Sprachgeschichte eines Kindes eine genaue Darstellung erhält, ferner die Untersuchungen des Spracharztes GUTZMANN, welche die Parallelen zwischen der kindlichen Lautbildung und der der Naturvölker hervorhebt.

    Aber auch das Ausland ist in der letzten Zeit nicht müßig gewesen. Der französische Pädagoge COMPAYRÉ (1893) und der englische Philosoph SULLY (1897) gaben, ohne selbst größere Forschungen angestellt zu haben, Zusammenfassungen, die zwischen wissenschaftlicher und populärer Darstellung eine mittlere Linie einnehmen. Spezialuntersuchungen aufgrund selbst beobachteter Materialien stellten dann vor allem die Amerikaner an (MOORE GALE, MAJOR u. a.), ferner der Franzose DEVILLE und der Bulgare GHEORGOV.
Auffällig scheint es, daß die  Sprachwissenschaft  bisher an dem so bequem zugänglichen und so reichlich fließenden Quell der Kindersprache beinahe achtlos vorübergegangen ist. Aber diese Tatsache wird verständlich, wenn man sich den Entwicklungsgang der Linguistik vergegenwärtigt. Diese begann nicht bei den einfachsten Sprachen, sondern bei den höchst entwickelten, den Schriftsprachen europäischer Kulturvölker; und sie hat erst sehr allmählich den Zugang zu den primitiveren Typen gewonnen. Spät erkannte sie den Wert der reinen "Sprechsprache", wagte sich vorsichtig an die Sprache der Naturvölker und ganz kürzlich erst, wie schon oben erwähnt, an die Dialekte der Kultursprache. Vermutlich wird auf diesem Weg die nächste Etappe die Kindersprache sein.

Für die Sprachwissenschaft besitzt die Kindersprache eine doppelte Bedeutung: sie bietet einerseits  Parallelen  zur allgemeinen Sprachentwicklung; sie steht andererseits in direkter  Wechselwirkung  mit ihr.

Daß in den Entwicklungslinien des Einzelnen und der Gattung gewisse Übereinstimmungen herrschen, ist gerade für die  seelische  Evolution schon behauptet worden, lange ehe HÄCKEL sein biogenetisches Grundgesetz für die physische Evolution aufstellte. In welchen Grenzen diese Behauptung spezielle für die Sprachentwicklung Richtigkeit hat, wird aus mannigfachen Stellen dieses Buches hervorgehen. Aus den vorhandenen Übereinstimmungen aber vermag die Linguistik Konsequenzen zu ziehen. Sie konnte bisher den Werdeprozeß der Sprache, da dieser sich über Zeiträume von Jahrhunderten und Jahrtausenden hinzog, nie unmittelbar beobachten, sondern mußte ihn aus petrifizierten [versteinerten - wp] Überresten erschließen; die Kindersprachforschung bietet ihr nun Gelegenheit, Sprachliches wirklich werden zu sehen und viele Prozesse, von denen sie bisher nur die Endprodukte kannte, in ihrem lebendigen Verlauf verfolgen zu können. Natürlich dürfen - bei der völligen Verschiedenheit der äußeren Bedingungen, unter denen die Menschheit Sprache produziert und das Kind sich Sprache aneignet - diese Übereinstimmungen nicht übertrieben werden. Dennoch bleiben genug Parallelerscheinungen übrig, und gerade die kritische Analyse der Kindersprache führt auf neue Spuren.

Noch weniger als diese Entwicklungsanalogien hat die Linguistik bisher den direkten  Einfluß  beachtet, den die Kindersprache auf die Vollsprache ausübt. Die von den kindlichen Lallworten und Lautmalereien herstammenden Bestandteile des allgemeinen Wortschatzes sind in den verschiedensten Sprachen sehr viel zahlreicher, als man gewöhnlich vermutet. Die beiden berühmten, meist allein zitierten Worte  Papa  und  Mama  bedeuteten nur die Paradigmata für eine ganze Fülle von Beziehungen. Man vergleiche hierzu die Kapitel "Lallwörter" und "Schallnachahmungen".

Das Material, welches uns für dieses Buch als Grundlage diente, besteht in erster Linie aus unseren  eigenen Beobachtungen  über die Sprachentwicklung unserer Kinder. Solche selbstgewonnenen, täglich und stündlich zu erneuernden Erfahrungen dünken uns unerläßlich, um eine sichere Stellungnahme zu den allgemeinen Fragen der Kindersprache und der Sprachpsychologie überhaupt zu ermöglichen. Die Kindersprachkunde ist eine empirische Wissenschaft und läßt sich nicht allein mit literarischem Material begründen.

Natürlich bedürfen dann die zahlreichen Gesichtspunkte, die einem durch ständige Beobachtung aufgedrängt weren, der Nachprüfung auf ihre Verallgemeinerungsfähigkeit; und so ergibt sich dann als zweite Quelle die weite  Literatur.  Wir haben versucht, hier möglichst vollständig alle einschlägigen Publikationen zu berücksichtigen - mit Ausnahme einiger ausländischer Untersuchungen, die uns nicht zugänglich waren. Auch wurden gelegentlich sprachwissenschaftliche Arbeiten herangezogen: doch mußten wir uns hier, als Laien auf diesem Gebiet, enge Grenzen ziehen.

Endlich haben wir auch einiges Material, sowohl kindersprachlicher wie linguistischer Natur, auf privatem Weg erhalten. Bei Gelegenheit seiner Verwendung wird es stets als "private Mitteilung" gekennzeichnet werden. (5)

Die Anlage des Buches ist die folgende. Der erste Hauptteil ist individualisierender Natur. Er bringt die Sprachgeschichten unserer beiden ältesten Kinder, noch ohne Verallgemeinerungen vorzunehmen.

Die übrigen Abschnitte sind generalisierender Natur. Der zweite Hauptteil ist der Psychologie der Kindersprache gewidmet; er erörtert die kausalen Bedingungen, den Entwicklungsgang und die Differenzierungsmöglichkeiten des kindlichen Sprechens. Der dritte Hauptteil versucht eine Linguistik der Kindersprache zu geben, in welcher, unter ständiger Berücksichtigung der psychologischen Faktoren, Wortbildung und Wortschatz, Formenlehre und Syntax detaillierte Behandlung finden.



LITERATUR - Clara und William Stern, Die Kindersprache - eine psychologische und sprachtheoretische Untersuchung, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Ähnlich stellt auch AMENT das Postulat einer besonderen "Kindersprachwissenschaft" auf, die er sogar - unseres Erachtens ungerechtfertigterweise - ganz aus dem Gebiet der Kinderpsychologie ausscheiden will.
    2) In einem anderen und zwar noch weitergehenden Sinn braucht BERTHOLD OTTO das Wort "Dialekt" bzw. "Mundart" vom Sprechen der Kinder. Er scheidet nicht nur zwischen der Kindersprache und der Umgangssprache, sondern vergleicht die verschiedenen Sprechepochen der Jugendzeit mit den Dialekten einer Gemeinsprache, so daß er den Ortsmundarten die "Altersmundarten" gegenüberstellt. Er spricht daher von der Altersmundart der 8jährigen, der 11jährigen usw., und hat eine besondere Zeitschrift diesem Mundartenstudium gewidmet, das  Archiv für Altersmundarten und Sprechsprache.  - Die hier versuchte Ausdehnung des Begriffes Mundart auf jene Sprachepochen des älteren Kindes scheint schon deswegen unerlaubt, weil die Sprache des 8- oder 11jährigen überwiegend durch nur quantitative Merkmale von der Vollsprache abweicht: durch einen geringeren Wortschaftz sowie eine geringere Fülle der grammatischen und syntaktischen Formen. Qualitativ unterscheidet sie sich von der Vollsprache lediglich durch den Stil, während die Eigenart einer "Mundart"  alle  Seiten der Sprache, als auch Lautbildung, Wortbildung, Formenbildung, Wortstellung usw. ergreift und umgestaltet.
    3) Die hierdurch gesteckten Grenzen werden wir an einigen Stellen überschreiten müssen, da manche Eigentümlichkeiten der Kindersprache noch länger andauern. (So werden wir z. B. die "Zusammensetzungen" und "Ableitungen" bis zum 6. Jahr verfolgen.)
    4) Wir können uns umso knapper fassen, als ausführliche literarisch-historische Rückblicke in größerer Zahl vorliegen, namentlich aus AMENTs Feder. Vgl. AMENT "Fortschritte der Kindesseelenkunde" 1885 - 1903, 2. Auflage Leipzig 1906, Seite 12 - 18
    5) Den Herren Professoren SIEBS, SKUTZSCH und HOFFMANN haben wir für manchen Ratschlag zu danken.