p-4 Frischeisen-KöhlerHerbartLotzeH. CzolbeC. StumpfJ. Müller     
 
ETIENNE BONNOT de CONDILLAC
Abhandlung über die Empfindungen

"Die vielfach verbreitete Annahme, daß  Condillac  in der Metaphysik noch auf dem Standpunkt des  Cartesius  und  Locke  steht, indem er die  Ausdehnung  für eine Qualität der Dinge ansich hält, bedarf der Berichtigung. Er ist vielmehr geneigt, sie für eine bloße Anschauungsform zu halten und nähert sich darin schon dem kantischen Idealismus in bemerkenswerter Weise."

"Condillac  hat gleich am Eingang des  Traité  und wiederholt den empirischen Materialismus seiner Zeitgenossen auf seine Schwäche und philosophische Unzulänglichkeit hingewiesen, die sich darin zeigt, daß er aus der sinnlichen Wahrnehmung nicht nur die Existenz der Materie, sondern auch ihre objektive Beschaffenheit erkennen will, während uns doch  diese  Erkenntnisquelle an und für sich nicht über uns selbst hinausführt und uns immer nur unsere eigenen Zustände zu Bewußtsein bringt."


1. Abschnitt
Einleitung des Herausgebers

CONDILLACs bedeutendste Schrift, die "Abhandlung über die Empfindungen", in die "Philosophische Bibliothek" einzureihen kann in einer Zeit, wo sein Grundgedanke wieder lebhaft erörtert wird, nicht überflüssig erscheinen. Nachdem diese Gedanken, daß alle scheinbar so verschiedenen Seelentätigkeiten auf eine einzige, die Empfindung (einfache Sinnesvorstellung) zurückzuführen sind, durch HERBART, der ihn mit größerer Konsequenz und mit wissenschaftlicher Strenge durchgeführt hat, für immer zu Sieg verholfen zu sein schien, ist seine Gültigkeit von LOTZE und TRENDELENBURG wieder in Frage gestellt worden, und der von ihnen angeregte Streit, ob die Grundlage, welche HERBART der Psychologie im Sinne CONDILLACs gegeben hat, beizubehalten sei, oder ob zu den Prinzipien WOLFFs und KANTs zurückgegriffen werden muß, währt noch heute fort.

Dazu kommt, daß der  Traité  in der Fassung, in welcher ihn CONDILLAC hinterlassen hat, bis jetzt noch keinen Übersetzer gefunden hat. Denn die einzige erschienene Übersetzung von J. M. WEISSEGGER (Wien 1792) schließt sich an den Text der ersten Ausgabe (Londres et Paris 1754, Bd. II) an, obgleich CONDILLAC seine Arbeit späterhin vielfach erweitert und in den wichtigsten Partien ungestaltet hatte. Übrigens ist diese WEISSEGGER'sche Verdeutschung voll von Übersetzungsfehlern (1) und in einer Sprache abgefaßt, die ohne das Original kaum verstanden werden kann.

Wie wünschenswert es ferner im Interesse der Geschichte der Philosophie ist, daß sich das Urteil über CONDILLAC klärt, zeigen die mannigfaltigen Irrtümer in der Auffassung seiner Theorie, denen man noch hier und da begegnet. So schiebt ihm der Verfasser eines neu erschienen geistreichen Buches, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die Möglichkeit der objektiven Anschauung zu erklären, und in welchem dem Verfasser des  Traité  ein längerer Abschnitt voll spitzer Bemerkungen gewidmet ist, die Torheit unter: er fingiere, wie bekannt (!), "eine  leblose  Statue als Versuchsobjekt", während doch in Wahrheit CONDILLAC sich seine Statue denkt "innerlich organisiert wie wir und von  einem Geist belebt,  dem noch alle Vorstellungen fehlen."

Auch die vielfach verbreitete Annahme, daß CONDILLAC in der Metaphysik noch auf dem Standpunkt des CARTESIUS und LOCKE steht, indem er die Ausdehnung für eine Qualität der Dinge ansich hält, bedarf, wie die vorliegende Schrift zeigen mag, der Berichtigung. Er ist vielmehr geneigt, sie für eine bloße Anschauungsform zu halten und nähert sich darin schon dem kantischen Idealismus in bemerkenswerter Weise.

Überhaupt möchte meine Übersetzung auch dem Vorurteil, das hauptsächlich der chronologischen Stellung CONDILLACs seine Entstehung verdankt, als sei er, wenn auch nicht offener, so doch verschämter Materialist gewesen, oder als habe er dem Materialismus seiner Zeitgenossen in die Hände gearbeitet, entgegentreten. Das sensualistische Prinzip (wenn man einmal den Namen  Sensualismus  für CONDILLACs Lehre beibehalten will, obgleich er weit besser für ein System passen würde, das im Gegensatz zu dem seinigen nur der sinnlichen Anschauung Wahrheit zuschreiben will) ist, wie CONDILLACs eigenes Beispiel zeigt, mit einer spiritualistischen Metaphysik, mit der Lehre von einem immateriellen Seelenwesen (bei HERBART) oder auch mit der Annahme einer Weltseele (CZOLBE) vereinbar, hat also ansich mit dem Materialismus nichts zu schaffen. CONDILLAC hat aber auch direkt, gleich am Eingang des  Traité  und wiederholt, den empirischen Materialismus seiner Zeitgenossen auf seine Schwäche und philosophische Unzulänglichkeit hingewiesen, die sich darin zeigt, daß er aus der sinnlichen Wahrnehmung, also aus den Akten der Seele, nicht nur die Existenz der Materie, sondern auch ihre objektive Beschaffenheit erkennen will, während uns doch  diese  Erkenntnisquelle an und für sich nicht über uns selbst hinausführt und uns immer nur unsere eigenen Zustände zu Bewußtsein bringt.

Was die "Abhandlung über die Empfindungen" erstrebt, sagt CONDILLAC bestimmter als in der an die Gräfin de VASSÉ gerichteten Vorrede (die, weil sie größtenteils Persönliches enthält, unübersetzt bleiben konnte), in einem kurzen Auszug, den er der letzten von ihm besorgten Ausgabe beigefügt hat:
    "Der Hauptzweck dieses Werkes ist der, zu zeigen, wie alle unsere Erkenntnisse und alle unsere Fähigkeiten aus den Sinnen stammen, oder, genauer zu reden, aus den Empfindungen; denn in Wahrheit sind die Sinne nur Veranlassung: sie empfinden nicht, sondern allein die Seele empfindet auf Veranlassung der Organe, und aus den Empfindungen, durch welche ihr Zustand sich ändert, gewinnt sie all ihre Erkenntnisse und Fähigkeiten."
Ganz ähnlich präzisiert der Herbartianer OTTO FLÜGEL in seiner Schrift: "Der Materialismus vom Standpunkt der atomistisch-mechanischen Naturforschung" (Leipzig 1865) das Prinzip der HERBARTschen Psychologie Seite 31:
    "Das erste psychische Material, aus dem auch die höheren geistigen Gebilde gestaltet werden, sind die verschiedenen  einfachen  Sinnesempfindungen, die als Reaktionszustände der Seele nur durch deren Verbindung mit einem organisch gegliederten System von Stoffen entstehen können."
Was freilich die Durchführung dieses Gedankens und seine Anwendung auf die Einzelheiten des Seelenlebens betrifft, so bleibt CONDILLAC hinter HERBART weit zurück. Wo HERBART erklärt, beschränkt sich CONDILLAC auf eine Beschreibung; über den Unterschied der deskriptiven und explikativen Psychologie ist er sich nicht klar und hält sich in den Grenzen der ersteren, während er sich auf dem Gebiet der letzteren zu bewegen glaubt. Am auffälligsten erscheint dieses Verfahren da, wo er vom Verhältnis der Gefühle und Begehrungen zu den Empfindunen handelt. Gehen wir auf seine Auffassung dieses Verhältnisses, die ja für seine Stellung in der Geschichte der Psychologie vor allem in Frage kommt, schon hier näher ein. Wir müßten sonst in zerstreuten Anmerkungen wiederholt auf diesen Punkt zurückkommen.

CONDILLAC unterscheidet von den ansich gleichgültigen  Empfindungen  die Zustände der Lust und Unlust, die wir unter dem Namen  Gefühle  begreifen, geht aber davon aus, daß nie eine Empfindung ohne ein sie begleitendes Gefühl ist. Damit stimmt die Erfahrung überein. Zwar wollen SCHOPENHAUER u. a. in den Empfindungen der Farben und Töne völlig gleichgültige Erregungen sehen, die nur dazu bestimmt sind, die Außenwelt rein  objektiv  aufzufassen, und berufen sich darauf, daß der optische und der Gehörnerve gegen jede Verletzung unempfindlich sind. Allein die Schmerzlosigkeit des Sehnerven, der allein zu derartigen Beobachtungen Gelegenheit bietet, ist nicht erwiesen. Zwar läßt sich nicht bestreiten, daß ein Schnitt mit dem Messer in ihm höchstens Lichtempfindungen, aber keine Schmerzgefühle erregt. Aber es wäre völlig voreilig, daraus zu schließen, daß er sich gegen  jede  Einwirkung so verhält. Es ist wohl denkbar, daß er, bei aller Gleichgültigkeit gegen andere, doch für diejenigen Gefühle empfänglich ist, welche aus den gerade  ihm  zukommenden Reizen des Lichts und der Farben entspringen. In der Tat zeigt sich der schärferen Beobachtung jede Empfindung, des Gesichtssinnes so gut wie des Gehörs, Geruchs und Geschmacks, von Gefühlen begleitet.
    "Auch der Gedankenlauf", behauptete LOTZE (Medizinische Psychologie, Abschnitt 226), "selbst der abstrakteste, ist von Gefühlen beständig durchzogen. Nicht einmal den trockenen Satz der Identität oder den rein logischen Begriff der  Verschiedenheit  oder des  Widerspruchs  sind wir zu denken imstande, ohne jenen mit einem wohltuenden Gefühl der Einheit zu begleiten, in diesen dagegen eine Spur von der Bitterkeit des Hasses und des Widerstrebens zweier Elemente hinein zu verlegen."
Dem entgegen hat neuerdings JÜRGEN BONA-MEYER behauptet ("Kants Psychologie", Berlin 1870, Seite 104), nach seiner Selbstbeobachtung sei es möglich vorzustellen ohne Begleitung irgendeines Gefühls von Lust und Unlust.
    "Der Tisch vor mir mit seinen vier Beinen, ein beliebiger Stein im Gartensand kann als vorgestelltes Objekt meine Seele völlig gleichgültig lassen."
Diese Behauptung muß wohl dahin eingeschränkt werden, daß wir das Gefühl, welches eine Empfindung in uns erregt, häufig nicht von den in der Seele gleichzeitig vorhandenen Gefühlen zu unterscheiden vermögen, weil es sich zu wenig von ihnen abhebt. Treffend bemerkt CZOLBE (Neue Darstellung des Sensualismus, Leipzig 1855, Seite 26):
    "Wenn es zuweilen scheint, daß gewisse Wahrnehmungen oder Vorstellungen mit keinerlei Gefühl von Bedürfnis oder Lust oder Schmerz verbunden sind, so kommt das wohl nur daher, daß die sie begleitenden Gefühle sich mit anderen ähnlichen oder gleichen in uns zum sogenannten Gemeingefühl oder der Stimmung mischen und nicht als besondere, speziellen Wahrnehmungen und Vorstellungen entsprechende unterschieden werden können."
Wegen der beständigen Verbindung des Empfindens mit den Gefühlen faßt nun CONDILLAC die Empfindung und das sie begleitende Gefühl unter dem Namen "sensation" (sinnliche Erregung) zusammen. Dies erscheint so lange unbedenklich, wie der Leser nicht durch den einheitlichen  Namen  zu dem Irrtum verleitet wird, er habe es in der "sensation" mit einem einheitlichen  Vorgang  zu tun. Aber CONDILLAC selbst hat sich von diesem Irrtum, wie sich zeigen wird, nicht frei gehalten. Vielmehr meint er, er leite alle psychischen Vorgänge, indem er sie auf die Sensation zurückführt, aus einem einzigen Prinzip ab. Ein solches ist aber die Sensation darum nicht, weil Empfindung und Gefühl, die darunter begriffen werden, trotz ihres Beisammenseins doch auch wieder als zwei besondere Vorgänge aufgefaßt werden müssen, die Sensation also ein Doppelvorgang ist. Der Unterschied ihrer beiden Elemente läßt sich dahin angeben, daß wir uns in der Empfindung eines nach Qualität und Intensität bestimmten Inhalts der Seele, im Gefühl der Lust und Unlust aber des Wertes bewußt werden, den dieser Inhalt für uns hat.

Die Physiologen (LONGET, PIROGOFF, HEYFELDER, BEAU) versichern sogar, daß sich beide Ereignisse künstlich voneinander trennen lassen. Bei der Ätherisierung Kranker und zuweilen auch bei einer Bleivergiftung tritt ein Zustand ein, in welchem der Patient wohl  empfindet,  in welcher Weise und wo ein Reiz erfolgt, den entsprechenden Schmerz aber nicht  fühlt  (Analgie nach LOTZE).

Was ferner seine Ableitung der Strebungen betrifft, so konstatiert er eigentlich nur die Tatsache, daß auf gewisse Empfindungen und Gefühle Strebungen folgen. Er glaubt jedoch, wie sich späterhin zeigt, erwiesen zu haben, daß zur Entstehung der Strebungen nicht weiter erforderlich ist, als Empfinden und Fühlen (die Sensation). Dies bleibt jedoch so lange unerwiesen, als er nicht zeigt, daß die Strebungen auf die Sensationen nicht bloß folgen, sondern notwendig folgen  müssen,  weil sie sich analytisch aus ihnen oder ihrem Verhalten zueinander ableiten lassen. Diese  Notwendigkeit  ist jedoch durch die Tatsache der Aufeinanderfolge beider Vorgänge noch nicht dargetan, und darum bleibt CONDILLACs Behauptung, er erkläre die Strebungen allein aus der Sensation, unbegründet.

Was CONDILLAC hier geleistet zu haben glaubt, in der Tat aber gar nicht einmal versucht hat, das haben zuerst HERBART und BENEKE wirklich unternommen und damit die Lücke, welche jener, ohne es zu bemerken, gelassen hat, ergänzt. HERBART will in seiner Psychologie den Nachweis liefern, daß zwischen dem Begehren, dem Fühlen und dem Vorstellen kein ursprünglicher Gegensatz besteht, weil alle drei Phänomene der notwendige Verlauf des  einen  Grundvorgang, des Empfindens oder Vorstellens, sind. In der Seele, die nach den Ergebnissen seiner Metaphysik einheitlich und einfach sein muß, werden durch die mannigfaltigen Nervenzustände des Körpers Reaktionszustände (Selbsterhaltungen) hervorgerufen. Dies sind die Empfindungen oder, wie sie auch genannt werden, einfachen Sinnesvorstellungen. Sie verdunkeln oder hemmen sich gegenseitig und versetzen sich dadurch in einen Zustand der Spannung, in welchem sie nur noch als Streben etwas vorzustellen vorhanden sind, oder aber sie verbinden sich und leisten sich Hilfe gegen Verdunkelung. Das Bewußtsein der Spannung von Vorstellungen nun ist  Gefühl,  während die Begehrung darin besteht, daß wir uns des zu- oder abnehmenden Klarheitsgrades der Vorstellungen bewußt werden.

Auch BENEKE sieht in aller geistigen Tätigkeit nur Empfindungen; je nachdem die Reizung der Urvermögen zu gering oder gerade angemessen ist oder in ausgezeichneter Fülle erfolgt oder  allmählich  übermäßig oder schließlich  auf einmal  übermäßig wirkt, also je nach dem Reiz maß  wird der Reiz mit Unlust, Befriedigung, Lust, Überdruß, Schmerz empfunden, und Begehrung ist der von einer Lustreizung übrig gebliebene Reizteil.

Gegen die von CONDILLAC angestrebte, von HERBART und BENEKE ausgeführte Zurückführung der verschiedenen Seelentätigkeiten auf eine einzige hat sich besonders LOTZE erklärt. Er hält "die interessante und kühne Annahme HERBARTs", die qualitativ so verschiedenen Äußerungen des Vorstellens, Fühlens und Wollens als formell verschiedene Konsequenzen desselben Grundvorgangs, des Vorstellens, zu konstruieren für ungenügend (Medizinische Psychologie, Abschnitt 141), und nimmt daher KANTs Lehre von den drei Vermögen, dem Vorstellungs-, Gefühls und Begehrungsvermögen, wieder auf, will jedoch nicht bestreiten, daß dieselben, so verschieden sie sich auch in der Erfahrung darstellen, doch auf eine gemeinsame, uns verborgene Wurzel zurückgehen, so daß das Fühlen durch das Vorstellen, und das Begehren durch die beiden anderen Vermögen angeregt wird.

Nach dieser Ansicht reichen also die einfachen Sinnesvorstellungen nicht  allein  zur Erzeugung des Fühlens und Wollens aus, sondern diese beiden Vorgänge werden nur dadurch möglich, daß die Seele  außer  der Sensibilität auch die Fähigkeiten besitzt, durch ihre Empfindungen zu Gefühlen und Strebungen erregt zu werden.

Es ist hier nicht der Ort, auf diesen Streit an dem sich neuerdings JÜRGEN BONA-MEYER mit der erwähnten Schrift in hervorragender Weise beteiligt hat, tiefer einzugehen. Zur Bezeichnung der Stellung CONDILLACs in der Psychologie genügt es, darauf hingewiesen zu haben, daß seine  Bestrebungen  mit denen HERBARTs und BENEKEs in den Grundzügen zusammenfallen, seine Ausführungen jedoch der Ansicht KANTs und LOTZEs nicht zuwiderlaufen.



ETIENNE BONNOT de CONDILLAC (* 1715), Abbé von Mureaux, Mitglied der französischen Akademie zu Paris und der königlichen Akademie zu Berlin, stammte aus einer adeligen Familie der Dauphinè [Landschaft zwischen Rhone und ital. Grenze - wp]. Da das Vermögen seiner Eltern gering war, so widmete er sich dem geistlichen Stand, der ihm gestattete, in stiller Zurückgezogenheit seinen Studien zu leben. Dem Erfolg seiner Schriften hatte er es zu verdanken, daß er zum Instruktor des Infanten von Parma, des nachmaligen Herzogs FERDINAND, eines Enkels LUDWIGS XV., berufen wurde. Mit Einsicht und Eifer unterzog er sich dem Erziehungsgeschäft, kehrte jedoch, sobald es vollendet war, in seine Einsamkeit wieder zurück. Selbst den Sitzungen der französischen Akademie, welcher er seit 1768 angehörte, hat er niemals Teil genommen. Unermüdlich mit philosophischen Studien beschäftigt, lebte er auf seinem Landgut Flux bei Baugenci bis zu seinem Tod am 3. August 1780, allgemein verehrt wegen seines edlen Charakters und würdevollen Wandels.

Seine schriftstellerische Laufbahn eröffnete er mit dem "Essai sur l'origine des connaissance humaines", Amsterdam 1746 (deutsch von HISSMANN, Leipzig 1780). Er steht in dieser Schrift LOCKE weit näher, als in den späteren, indem er in ihr noch den inneren Sinn, die Reflexion, wie dieser als eine Quelle der Erkenntnis neben der Sensation gelten läßt. Welche Abwege die Philosophie zu vermeiden habe, zeigte er in seinem "Traité des systémes", Haye 1749. Der "Traité des sensations" erschien zuerst 1754, und schon 1755 folgte der "Traité des animaux". Nur teilweisen Beifall fand sein dreizehnbändiger "Cours d'étude pour l'instruction du prince de Parme" (Parma 1769-73) und eine 1776 erschienene Schrift über den Handel. Sein letztes Buch war "La Logique, ou les premiers dévelopments de l'art des penser" (1781). Es war zum Gebrauch für die Nationalschulen in Polen bestimmt und wurde ins Spanische, Italienische und Neugriechische übersetzt. Aus seinem Nachlaß erschien "La Langue des calculs", 1798.

CONDILLAC fand überall zahlreiche Anhänger. Für eine der besten Schriften aus seiner Schule gilt CONDILLACs Buch "Des progrés de l'esprit humain".


Erster Teil
Von den Sinnen, welche ansich nicht
über Außendinge urteilen


I.
Von der ersten Kenntnissen eines auf den
Geruchssinn beschränkten Menschen.

1. Wenn unsere Statue (2) auf den Geruchssinn allein angewiesen ist, so können ihre Kenntnisse sich nur auf Düfte erstrecken. Sie kann ebensowenig Vorstellungen von Ausdehnung, Gestalt und etwas außer ihr oder ihren Empfindungen Seiendem bekommen, genausowenig wie von Farbe, Ton, Geschmack.

2. Wen wir ihr eine Rose vorhalten, so wird sie in Bezug auf uns eine Statue sein, die eine Rose riecht; aber in Bezug auf sich wird sie nur der Duft dieser Blume selbst sein.

Sie wird also Rosen-, Nelken-, Jasmin-, Veilchenduft sein je nach den Dingen, welche auf ihr Organ wirken. Kurz: die Düfte sind in dieser Hinsicht nur der Statue eigene Modifikationen oder Daseinsweisen, und sie kann sich für nichts anderes halten, weil das die einzigen Empfindungen sind, für die sie empfänglich ist.

3. Die Philosophen, denen es so augenscheinlich vorkommt, daß Alles materiell ist, mögen sich einen Augenblick an ihre Stelle versetzen und sich vorstellen, wie sie wohl auf den Gedanken kommen könnten, es existiere etwas, welches dem von uns "Materie" Genannten ähnlich ist.


4. Man kann sich also schon jetzt überzeugen, daß man nur die Zahl der Sinne zu vermehren oder zu verringern braucht, um uns zu ganz anderen Urteilen zu veranlassen, als die sind, die uns heutzutage so selbstverständlich vorkommen, und unsere auf den Geruchssinn beschränkte Statue kann uns eine Vorstellung von der Klasse von Wesen geben, deren Kenntnisse in den engsten Grenzen bleiben.

II.
Von den Verstandesoperationen in einem auf
den Geruchssinn beschränkten Menschen, und wie
die verschiedenen Abstufungen von Lust und Unlust
diesen Operationen zugrunde liegen.

1. Beim ersten Geruch gehört die Empfindungsfähigkeit unserer Statue ganz und gar dem Eindruck, der auf ihr Organ geschieht. Das nenne ich Aufmerksamkeit (3).

2. Von diesem Augenblick an beginnt sie zu genießen oder zu leiden; denn wenn die Empfindungsfähigkeit ganz einem angenehmen Duft zugewandt ist, so ist das Genuß, und ist sie einem unangenehmen zugewandt, so ist das Leiden.

3. Aber unsere Statue hat noch keine Vorstellung von den verschiedenen Veränderungen, die sie an sich erfahren kann. Sie befindet sich mithin wohl, ohne besseres Befinden zu wünschen, oder unwohl, ohne Wohlbefinden zu wünschen. Das Leiden kann ebensowenig in ihr den Wunsch nach einem Gut erregen, das sie nicht kennt, wie der Genuß ihr Furcht vor einem Übel einflößen kann, das sie ebenfalls nicht kennt. So unangenehm folglich auch die erste Empfindung sein mag, ja wäre sie es auch in dem Grad, daß sie das Organ verletzt und ein heftiger Schmerz ist, so kann sie doch kein Begehren veranlassen.

Wenn bei uns das Leiden jederzeit vom Begehren, nicht zu leiden, begleitet ist, so kann es bei der Statue nicht ebenso sein; der Schmerz veranlaßt in uns jenes Begehren nur deshalb, weil jener Zustand uns schon bekannt ist. Die Gewöhnung, die wir uns nach und nach angeeignet haben, ihn als etwas anzusehen, ohne welches wir gewesen sind und ohne welches wir fernerhin sein können, bewirkt, daß wir nicht mehr leiden können, ohne alsbald zu wünschen, nicht zu leiden, und dieses Begehren ist von einem schmerzhaften Zustand unzertrennlich.

Die Statue jedoch, die im ersten Augenblick sich eben nur durch den Schmerz empfindet, den sie erleidet, weiß nicht, ob sie aufhören kann, Schmerz zu sein. Sie hat von Veränderung, Aufeinanderfolge und von Dauer noch keine Vorstellung. Mithin existiert sie, ohne Begehrungen bilden zu können.

4. Sobald sie bemerkt haben wird, daß sie aufhören kann, das zu sein, was sie ist, um wieder zu werden, was sie gewesen ist, so werden wir ihre Begehrungen entstehen sehen, und zwar aus einem Zustand des Schmerzes, welchen sie mit einem Zustand der Lust vergleicht, den das Gedächtnis ihr zurückruft. Wegen dieses künstlichen Getriebes nun sind Lust und Schmerz das einzige Prinzip, das, indem es alle ihre Seelentätigkeiten bestimmt, sie stufenweise zu allen Kenntnissen, deren sie fähig ist, erheben muß, und um zu beurteilen, welche Fortschritte sie machen kann, wird es genügen, wenn man die Lustgefühle, die sie zu begehren, die Schmerzen, welche sie zu fürchten hat, und den Einfluß der einen und der andern je nach den Umständen beobachtet.

5. Wenn ihr keine Erinnerung an ihre Veränderung bliebe, so würde sie immer wieder zum ersten Mal zu empfinden glauben. Ganze Jahre würden sich in den jedesmal gegenwärtigen Moment verlieren. Beschränkte sie also immer ihre Aufmerksamkeit auf eine einzige Daseinsweise, so würde sie niemals deren zwei zusammenhalten, nie über deren gegenseitige Beziehungen urteilen können. Sie würde Lust oder Schmerz empfinden, ohne noch Verlangen oder Furcht zu haben.

6. Allein der Duft, den sie empfindet, entschwindet ihr nicht gänzlich, sobald der duftende Körper aufhört, auf ihr Organ zu wirken. Die Aufmerksamkeit, die sie ihm zugewandt hat, hält ihn noch zurück, und es bleibt davon ein mehr oder weniger starker Eindruck, je nachdem die Aufmerksamkeit selsbt mehr oder weniger lebhaft war. Dies ist das Gedächtnis. (4)

7. Wenn unsere Statue ein neuer Duft ist, so ist ihr also noch der gegenwärtig, der sie im Augenblick vorher gewesen ist. Ihre Empfindungsfähigkeit teilt sich in das Gedächtnis und den Geruchssinn, und die erste von diesen Fähigkeiten ist auf die vergangene Empfindung aufmerksam, während die zweite auf die gegenwärtige Empfindung aufmerksam ist. (5)

8. Es gibt also zwei Empfindungsweisen in ihr, die sich nur dadurch unterscheiden, daß die eine sich auf eine wirkliche Empfindung, die andere auf eine Empfindung bezieht, die nicht mehr da ist, von welcher jedoch der Eindruck noch andauert. Da sie nicht weiß, daß Gegenstände da sind, die auf sie wirken, ja nicht einmal weiß, daß sie ein Organ hat, so unterscheidet sie für gewöhnlich die Erinnerung einer Empfindung von einer wirklichen Empfindung nur als das schwache Empfinden dessen, was sie gewesen ist und das lebhafte Empfinden dessen, was sie ist.

9. Ich sage "für gewöhnlich", weil die Erinnerung nicht immer ein schwaches, noch die Empfindung ein lebhaftes Gefühl (6) sein wird. Denn so oft das Gedächtnis ihre Daseinsweisen ihr mit großem Nachdruck wieder vorführt, das Organ dagegen nur leichte Eindrücke empfängt, so wird das Gefühl einer wirklichen Empfindung weit weniger lebhaft sein, als die Erinnerung an eine nicht mehr vorhandene.

10. Wie also dem Geruchssinn ein Duft kraft des Eindrucks eines duftenden Körpers auf das Organ selbst, so ist ein anderer Duft dem Gedächtnis gegenwärtig, weil der Eindruck eines anderen riechenden Körpers im Gehirn noch fortbesteht, wohin das Organ ihn übermittelt hat. Indem so die Natur zwei Daseinsweisen durchlebt, fühlt sie, daß sie nicht mehr ist, was sie gewesen war (7). Die Erkenntnis dieses Wechsels bewirkt, daß sie die ersteren auf einen Zeitpunkt bezieht, der von dem verschieden ist, wo sie die zweite kennenlernt, und dies eben lehrt sie zwischen einer Existenzform und der Erinnerung an eine vergangene einen Unterschied zu machen.

11. In Bezug auf die eine ihrer Empfindungsweisen ist sie aktiv, in Bezug auf die andere passiv. Aktiv ist sie, wenn sie sich einer Sinneserregung erinnert, weil sie in sich selbst die Ursache hat, welche sie ihr zurückruft, nämlich das Gedächtnis. Passiv ist sie in dem Zeitpunkt, wo sie eine Sinnesreizung erfährt, weil die bewirkende Ursache außer ihr, nämlich in den duftenden Körpern ist, die auf ihr Organ wirken. (8) (9)

12. Allein da sie von der Einwirkung der äußeren Gegenstände auf sie nichts ahnen kann, so kann sie eine Ursache in ihr und eine Ursache außer ihr nicht unterscheiden. Alle ihre Veränderungen verdankt sie von ihrem Standpunkt nur sich selbst, und mag sie nun eine Sinnesreizung erleiden oder sich ihrer nur erinnern, so nimmt sie immer nur das  Eine  war, daß sie auf diese oder jene Weise ist oder gewesen ist. Sie kann folglich zwischen dem Zustand, wo sie aktiv, und dem, wo sie ganz passiv ist, keinen Unterschied bemerken.

13. Je mehr jedoch das Gedächtnis Gelegenheit erhält, sich zu üben, mit desto größerer Leichtigkeit wird es tätig sein. Dadurch wird nun die Statue die Fertigkeit erlangen, sich die durchlaufenen Veränderungen ohne Mühe zurückzurufen (10) und ihre Aufmerksamkeit zwischen das, was sie ist, und das, was sie gewesen war, zu teilen. Denn eine Fertigkeit ist nur die Leichtigkeit in der Wiederholung dessen, was man getan hat, und diese Leichtigkeit erwirbt man durch öftere Wiederholung der Handlung (11)

14. Wenn sie, nachdem sie zu verschiedenen Malen eine Rose und eine Nelke gerochen hat, wiederum eine Rose riecht, so wird die  passive,  durch den Geruchssinn vermittelte Aufmerksamkeit ganz dem vorhandenen Rosenduft hingegeben sein, und die  aktive,  durch das Gedächtnis vermittelte Aufmerksamkeit wird sich in die Erinnerung teilen, die vom Rosen- und Nelkenduft zurückgeblieben ist. Nun können sich aber die Daseinsarten nicht in die Empfindungsfähigkeit teilen, ohne sich zu vergleichen; denn vergleichen ist nichts anderes als gleichzeitig zwei Vorstellungen seine Aufmerksamkeit zuwenden. (12)

15. Sobald eine Vergleichung da ist, ist ein Urteil da. Unsere Statue kann nicht gleichzeitig auf Rosen- und auf Nelkenduft aufmerksam sein, ohne zu bemerken, daß der eine nicht der andere ist, und nicht auf den Rosenduft, den sie riecht, und den Rosenduft, den sie gerochen hat, ohne zu bemerken, daß sie einerlei Art sind. Ein Urteil ist demnach nur die Wahrnehmung eines Verhältnisses zwischen zwei Vorstellungen, die man vergleicht.

16. In dem Maß, wie die Vergleiche und die Urteile sich wiederholen, macht sie unsere Statue mit größerer Leichtigkeit. Sie eignet sich also die Fertigkeit an zu vergleichen und zu urteilen. Es wird folglich genügen, sie andere Düfte riechen zu lassen, um sie zu neuen Vergleichen, neuen Urteilen und neuen Fertigkeiten anzuregen.

17. Beim ersten Sinnesreiz, den sie erfährt, ist sie durchaus nicht überrascht, denn sie ist noch an keine Art des Urteils gewöhnt.

Sie sind es ebensowenig, wenn sie zwar mehrere Düfte nacheinander, aber jeden nur einen Augenblick wahrnimmt. Sie hält sich dann bei keinem der von ihr gebildeten Urteile auf, und je mehr sie wechselt, desto mehr muß sie den Wechsel als ihre natürliche Anlage ansehen.

Sie wird es ebenfalls nicht sein, wenn wir sie in einer unmerklichen Stufenfolge von der Gewohnheit, sich für einen Duft zu halten, zu dem Urteil leiten, daß sie ein anderer ist; denn sie wechselt, ohne es bemerken zu können.

Allein sie wird es unumgänglich sein  müssen,  wenn sie plötzlich von einem Zustand, an den sie gewöhnt war, zu einem ganz verschiedenen Zustand übergeht, von dem sie noch gar keine Vorstellung hatte.

18. Dieses Erstaunen läßt sie den Unterschied ihrer Daseinsweisen besser empfinden. Je schroffer der Übergang von einer zur andern ist, desto größer ist ihr Erstaunen, und desto betroffener ist sie auch vom Gegensatz der Lust- und Schmerzgefühle, die damit zusammenhängen. Ihre Aufmerksamkeit, die nun durch Schmerzen, welche sich fühlbarer machen, bestimmt wird, wendet sich mit größerer Lebhaftigkeit allen Sinnesreizen zu, die nacheinander eintreten. Sie vergleicht daher sorgfältiger, sie urteilt richtiger über deren gegenseitige Beziehungen. Folglich erhöht das Erstaunen die Wirksamkeit ihrer Seelentätigkeiten. Aber da es sie nur dadurch erhöht, daß es einen auffallenderen Gegensatz zwischen angenehmen und unangenehmen Empfindungen bemerken läßt, so sind es immer Lust und Schmerz, welche ihren Fähigkeiten den ersten Anstoß geben.

19. Wenn die Gerüche alle in gleicher Weise ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehene, so werden sie sich in ihrem Gedächtnis der Reihenfolge nach erhalten, in der sie sich gefolgt sind, und sich dadurch in ihm verbinden (13).

Umfaßt die Reihenfolge eine große Zahl derselben, so wird der Eindruck der letzten, als der neueste, am stärksten sein; der von den ersten wird sich in einer unmerklichen Stufenfolge abschwächen, völlig verlöschen und es wird sein, als wenn sie nie eingetreten wären.

Sollten jedoch einzelne nur wenig Anteil an der Aufmerksamkeit gehabt haben, so werden sie keinen Eindruck hinterlassen und ebenso schnell vergessen werden, wie sie wahrgenommen wurden.

Schließlich werden die, welche auffallender waren, sich mit größerer Deutlichkeit erneuern und sie so beschäftigen, daß sie fähig werden, die andern bei ihr in Vergessenheit zu bringen.

20. Das Gedächtnis ist also eine Reihe Vorstellungen, die eine Art Kette bilden. Diese Verbindung nun ermöglicht den Übergang von einer Vorstellung zur andern und die Wiederkehr der entlegensten. Folglich erinnert man sich einer vor einiger Zeit gehabten Vorstellung nur dadurch, daß man die dazwischen liegenden Vorstellungen mehr oder weniger rasch erneuert.

21. Bei der zweiten Sinnesreizung hat das Gedächtnis unserer Statue keine Wahl: es kann nur die erste sich zurückrufen. Nur wird es mit größerer Kraft wirken, je nachdem es dabei durch die Lebhaftigkeit der Lust und des Schmerzes bestimmt wird.

Allein nach Ablauf einer Reihe von Veränderungen wird die Statue, die nun eine große Anzahl in Erinnerung behält, diejenigen mit Vorliebe aufzufrischen geneigt sein, welche mehr zu ihrem Glück beitragen können. Sie wird rasch über die andern hinweggehen und nur widerwillig bei ihnen verweilen.

Um sich über diese Wahrheit klarzuwerden, muß man die verschiedenen Stufen der Lust und des Schmerzes, deren man fähig ist, und die Vergleiche kennen, die man darin anstellen kann.

22. Der Lust- und Unlustgefühle sind zweierlei Art. Die einen gehören mehr dem Körper an: die sinnlichen; die andern sind im Gedächtnis und in allen Seelenfähigkeiten: die intellektuellen oder geistigen. Einen solchen Unterschied zu bemerken ist die Statue jedoch nicht imstande.

Diese Unkenntnis wird sie vor einem Irrtum bewahren, den wir nur schwer vermeiden; denn diese Gefühle sind nicht so verschieden, als wir denken. Eigentlich sind sie alle intellektuell oder geistig, weil streng genommen nur die Seele fühlt. Wenn man will, sind sie auch all in gewissem Sinne sinnlich oder körperlich, weil der Körper ihre einzige Gelegenheitsursache ist. Nur nach ihrer Beziehung zu den Fähigkeiten des Körpers oder zu denen der Seele zerlegen wir sie in zwei Arten.

23. Die Lust kann stufenweise ab- oder zunehmen, im Abnehmen gelangt sie bis zum Erlöschen und verschwindet mit der Empfindung. Im Zunehmen dagegen kann sie bis zum Schmerz führen, weil der Eindruck für das Organ zu stark wird. Demnach gibt es zwei Grenzpunkte der Lust. Wo der Sinnesreiz mit der geringsten Stärke beginnt, ist der schwächste; dies ist der erste Schritt vom Nichts zum Gefühl. Der stärkste ist da, wo der Reiz nicht zunehmen kann, ohne daß er aufhört, angenehm zu sein. Dieser Zustand kommt dem Schmerz am nächsten.

Der Eindruck einer schwachen Lust scheint sich auf das Organ zu beschränken, das sie der Seele übermittelt. Erreicht sie jedoch einen gewissen Grad der Lebhaftigkeit, so ist sie von einer Erregung begleitet, die sich dem ganzen Körper mitteilt. Diese Erregung ist eine Tatsache, die unsere Erfahrung in Zweifel zu ziehen verbietet.

Gleicherweise kann der Schmerz zu- oder abnehmen. Im Zunehmen gehte er bis zur gänzlichen Zerstörung des lebenden Wesens, aber im Abnehmen geht er nicht, wie die Lust, bis zur Aufhebung aller Empfindung, vielmehr ist der Zeitpunkt, der ihn beendet, immer angenehm.

24. Unter diesen verschiedenen Abstufungen ist es nicht möglich, einen  gleichgültigen  Zustand zu finden. Bei der ersten Empfindung, sei sie noch so schwach, befindet sich die Statue notwendig wohl oder unwohl. Aber wenn sie nacheinander die heftigsten Schmerzen und die höchsten Lustgefühle empfunden hat, so wird sie die schwächsten, nach einem Vergleich mit den stärksten, für gleichgültig achten, oder sie nicht mehr für angenehm oder unangenehm ansehen.

Wir können daher annehmen, daß es für sie in verschiedenen Graden angenehme und unangenehme Daseinsweisen gibt und solche, die sie als gleichgültige betrachtet.

25. So oft sie sich nicht oder weniger wohl befindet, erinnert sie sich ihrer vergangenen Empfindungen; sie vergleicht sie mit dem, was sie ist, und fühlt, daß ihr daran liegen muß, wieder zu werden, was sie gewesen war. Daraus entsteht das Bedürfnis oder die Kenntnis, die sie von einem Gut hat, dessen Genuß ihr notwendig dünkt.

Sie weiß also von ihren Bedürfnissen nur deshalb, weil sie den Schmerz, den sie leidet, mit den Freuden vergleicht, die sie genossen hat. Nehmt ihr die Erinnerung dieser Freuden, so wird sie dulden, ohne daran zu denken, daß sie etwas bedarf. Denn um das Bedürfnis nach einer Sache zu fühlen, muß man Kenntnis von ihr haben. Nun kennt sie aber nach der obigen Voraussetzung nur den einen Zustand, in dem sie sich befindet. Allein wenn sie sich eines glücklicheren erinnert, läßt ihre gegenwärtige Lage sie sogleich das Bedürfnis danach fühlen. So werden demnach Lust und Schmerz immer die Wirksamkeit ihrer Fähigkeiten bestimmen.

26. Ihr Bedürfnis kann veranlaßt sein durch einen wahren Schmerz, durch eine angenehme Empfindung, durch eine weniger angenehme als einige der vorausgehenden, schließlich durch einen Zustand ohne Spannung, wo sie zu einer ihrer Daseinsweisen herabgelangt ist, die sie als gleichgültig anzusehen pflegt.

Ist ihr Bedürfnis durch einen Geruch verursacht, der ihr lebhaften Schmerz bereitet, so zieht es fast alle Empfindungsfähigkeit auf sich und läßt dem Gedächtnis nur die Kraft, die Statue daran zu erinnern, daß sie sich nicht immer so unwohl befunden hat. Sie ist dann unfähig, die verschiedenen Daseinsweisen zu vergleichen, die sie durchlaufen hat; sie ist unfähig zu beurteilen, welche die angenehmste ist. Es kommt ihr allein darauf an, aus diesem Zustand herauszukommen, um einen beliebigen andern zu genießen, und wüßte sie ein Mittel, das sie ihrem Leiden entziehen könnte, sie würde alle ihre Fähigkeiten daran setzen, es zu benutzen. Aus diesem Grund verlangen wir in schweren Krankheiten nicht mehr nach den Vergnügungen, die wir sonst eifrig suchen würden, und denken nur daran, wieder die Gesundheit zu erlangen.

Ist es eine weniger angenehme Empfindung, die das Bedürfnis erzeugt, so muß man zwei Fälle unterscheiden: entweder sind die Lustgefühle, mit denen die Statue sie vergleicht, lebhaft und von den stärksten Erregungen begleitet gewesen, oder sie waren weniger lebhaft und haben sie fast gar nicht erregt.

Im ersteren Fall erwacht das vergangene Wohlbefinden mit umso größerer Stärke, je mehr es von der vorhandenen Empfinung verschieden ist. Die Erregung, die es begleitet, wird zum Teil reproduziert und verhindert, indem sie fast die ganze Empfindungsfähigkeit auf dasselbe richtet, daß die angenehmen Gefühle, die ihm gefolgt oder vorausgegangen sind, bemerkt werden. Ist also die Statue nicht zerstreut, so vergleicht sie dieses Wohlbefinden mit ihrem jetzigen Zustand richtiger, urteilt richtiger über seinen Unterschied und indem sie sich dasselbe recht lebendig zu malen versucht, so verursacht sein Mangel ein stärkeres Bedürfnis und sein Besitz wird ein notwendigeres Gut.

Im zweiten Fall dagegen frischt es sich mit minderer Lebhaftigkeit auf, andere Lustgefühle teilen sich die Aufmerksamkeit; der Vorteil, den dasselbe bietet, wird weniger empfunden; es reproduziert keine oder nur wenig Erregung. Der Statue liegt also nicht so viel an seiner Rückkehr, und sie setzt ihre Fähigkeiten nicht so daran.

Hat endlich das Bedürfnis eine von den Empfindungen zur Ursache, welche sie für gleichgültig anzusehen pflegt, so lebt sie Anfangs ohne Schmerz nocht Lust zu fühlen. Aber dieser Zustand, den sie mit den glücklichen Lagen vergleicht, in denen sie sich befunden hat, wird ihr bald unangenehm, und der Schmerz, den sie leidet, ist das, was wir  Langeweile  nennen. Die Langeweile dauert jedoch an, nimmt zu, ist unterträglich und richtet mit Gewalt alle Fähigkeiten auf das Glück, dessen Verlust die Statue fühlt.

Diese Langeweile kann ebenso überwältigend sein, wie der Schmerz, wobei es in diesem Fall darauf ankommt, sich ihr zu entziehen, und sie wendet sich allen Daseinsarten zu, die jene zu beseitigen geeignet sind. Vermindern wir aber die Last der Langeweile, so wird ihr Zustand weniger unglücklich sein, es wird ihr weniger daran liegen, ihn zu verlassen, sie wird ihre Aufmerksamkeit auf alle angenehmen Gefühle richten können, von denen sie eine Erinnerung bewahrt, und gerade die Vorstellung der Lust wird sich am lebendigsten auffrischen, so daß sie alle Fähigkeiten auf sich zieht.

27. Es gibt also zwei Gründe, welche den Tätigkeitsgrad ihrer Fähigkeiten bestimmen; einerseits die Lebhaftigkeit eines früheren Wohlbefindens, andererseits das geringe Lustgefühl der vorhandenen Empfindung, oder der Schmerz, der sie begleitet.

Wenn beide Gründe sich vereinigen, so macht sie größere Anstrengungen, um sich dessen zu erinnern, was sie aufgehört hat zu sein, und fühlt umso weniger, was sie ist. Denn da ihre Empfindungsfähigkeit notwendig Grenzen hat (14), so kann das Gedächtnis keinen Teil davon an sich ziehen, ohne ihn dem Geruchssinn zu entziehen. Ja, wenn die Tätigkeit dieses Vermögens stark genug ist, sich der ganzen Empfindungsfähigkeit zu bemächtigen, so wird die Statue den Eindruck auf ihr Organ nicht mehr bemerken und so lebhaft empfinden, was sie gewesen ist, daß sie glaubt, sie sei es noch (15).

28. Ist jedoch ihr gegewärtiger Zustand der glücklichste, den sie kennt, so erregt das Lustgefühl in ihr das Verlangen ihn vorzugsweise zu genießen. Keine Ursache mehr würde das Gedächtnis zu einer solchen Lebhaftigkeit anzuregen vermögen, daß es den Geruchssinn bis zum Erlöschen jenes Gefühls beeinträchtigen würde. Das Lustgefühl heftet vielmehr zumindest den größten Teil der Aufmerksamkeit oder der Empfindungsfähigkeit an die  vorhandene  Empfindung, und wenn sich die Statue das Gewesene noch zurückruft, so geschieht es, weil der Vergleich, den sie zwischen sonst und jetzt anstellt, ihr zum besseren Genuß ihres Glückes hilft.

29. Hier haben wir also zwei Wirkungen des Gedächtnisses; die eine ist eine Empfindung, die ebenso lebendig wiederkehrt, als wäre sie durch das Organ selbst bewirkt, die andere eine Empfindung, von der nur eine schwache Erinnerung übrig ist.

Mithin können wir in der Tätigkeit dieses Vermögens zwei Grade feststellen; der schwächste ist der, wo es das Vergangene kaum genießen läßt; der lebhafteste der, wo es dasselbe so genießen läßt, als wenn es gegenwärtig wäre.

Nun behält es aber den Namen  Gedächtnis,  wenn es die Dinge nur als vergangene zurückruft, und nimmt den Namen  Einbildungskraft  an, wenn es sie so deutlich vorführt, daß sie gegenwärtig scheinen. Die Einbildungskraft findet also in unserer Statue ebensogut ihren Platz wie das Gedächtnis, und diese zwei Fähigkeiten unterscheiden sich nur durch das Mehr und Weniger. Gedächtnis ist der Anfang einer Einbildung, die noch wenig Stärke hat; Einbildung ist das Gedächtnis selbst, wenn es alle Lebhaftigkeit gewinnt, deren es fähig ist.

Wie wir zwei Aufmerksamkeiten unterschieden haben, deren eine in der Statue durch den Geruchssinn, die andere durch das Gedächtnis zustande kommt, so können wir jetzt eine dritte bemerken, die sie durch die Einbildungskraft ausübt, und welche die Eigenheit hat, die Sinneseindrücke zu hemmen, um ein von der Einwirkung der äußeren Gegenstände unabhängiges Gefühl an ihre Stelle zu setzen (16).

30. Wenn jedoch die Statue eine Empfindung vorstellt, die vorüber ist, und sie sich so lebhaft vergegenwärtigt, als hätte sie dieselbe noch, so weiß sie nicht, daß eine Ursache in ihr ist, welche dieselbe Wirkung hervorbringt, wie ein duftender Körper, wenn er auf ihr Organ wirkt. Sie kann also nicht, wie wir, zwischen vorstellen und eine Empfindung haben einen Unterschied machen.

31. Allein man darf annehmen, daß ihre Einbildungskraft tätiger sein wird, als die unsere. Ihre Empfindungsfähigkeit gehört gänzlich einer einzigen Art der Reizung, alle Kraft ihrer Fähigkeiten wendet sich einzig Gerüchen zu; nicht kann sie zerstreuen. Wir dagegen sind zwischen einer Menge Reizungen und Vorstellungen geteilt, von denen wir beständig bestürmt werden, und da wir für die Einbildung nur einen Teil unserer Kräfte behalten, so haben wir nur schwache Vorstellungen.

Überdies benachrichtigen uns unsere Sinne, die immer gegen unsere Einbildungskraft auf der Hut sind, beständig von den Objekten, welche wir vorstellen wollen. Der Einbildungskraft unserer Statue dagegen läßt alles freien Lauf. Sie vergegenwärtigt sich also einen Duft, der sie erfreut hat, ohne Mißtrauen, und freut sich seiner ebenso, als wenn ihr Organ von ihm affiziert wäre. Schließlich trägt auch die Leichtigkeit, mit der wir mißfällige Gegenstände von uns entfernen und diejenigen aufsuchen, deren Genuß uns lieb ist, dazu bei, unsere Einbildungskraft träge zu machen. Allein weil sich unsere Statue einem unangenehmen Gefühl nur dadurch entziehen kann, daß sie lebhaft eine ihr zusagende Daseinsweise vorstellt, so wird ihre Einbildungskraft dadurch geübter und muß Wirkungen hervorbringen, deren unsere nicht mächtig ist. (17)

32. Indessen gibt es einen Zustand, wo ihre Tätigkeit und sogar auch die des Gedächtnisses völlig aufgehoben ist, dann nämlich, wenn eine Empfindung lebhaft genug ist, um die Empfindungsfähigkeit völlig auszufüllen. Alsdann ist die Statue ganz passiv. Die Lust ist für sie eine Art Trunkenheit, worin sie dieselbe kaum genießt, und der Schmerz eine Betäubung, wobei sie fast nicht leidet.

33. Allein die Empfindung verliert einige Grade an Lebhaftigkeit: denn alsbald treten die Seelenvermögen wieder in Tätigkeit, und das Bedürfnis wird wieder der Grund, der sie bestimmt.

34. Die Wandlungen, die der Statue besonders gefallen müssen, sind nicht immer gerade die letzten, die sie erfahren hat. Sie können sich ebensowohl am Anfang oder in der Mitte der Reihe ihrer Erfahrungen wie am Ende befinden. Die Einbildungskraft ist daher oft genötigt, rasch über die zwischenliegenden Vorstellungen hinwegzugehen. Sie bringt die entlegensten einander nahe, ändert die Reihenfolge, in der sie sich im Gedächtnis folgten, und bildet daraus eine ganz neue Kette.

Die Verbindung der Vorstellungen befolgt also in ihren Vermögen nicht ein und dieselbe Reihenfolge. Je vertrauter sie mit der von der Einbildungskraft überlieferten werden wird, desto weniger wird sie die vom Gedächtnis gegebene behalten. Darum verknüpfen sich die Vorstellungen auf tausend verschiedene Arten, und oft wird sich die Statue weniger der Ordnung erinnern, in welcher sie ihre Empfindungen erfahren hat, als der, in welcher sie sich dieselben vorgestellt hat.

35. Allein alle ihre Reihen bilden sich nur durch Vergleichungen jedes Gliedes mit dem vorausgehenden und nachfolgenden und durch die Urteile, die über ihre Verhältnisse zu einander gefällt worden sind. Dieses Band wird in dem Maß stärker, als die Übung der Vermögen die Fertigkeit sich zu erinnern und vorzustellen befestigt, und daraus nun zieht man den überraschenden Vorteil, früher gehabte Empfindungen wiederzuerkennen.

36. In der Tat erkennen wir, wenn wir unsere Statue einen Duft riechen lassen, mit dem sie vertraut ist, darin eine Daseinsweise, die sie verglichen, beurteilt und mit einigen Teilen der Reihe, die ihr Gedächtnis zu durchlaufen pflegt, verknüpft hat. Deshalb urteilt sie, daß der Zustand, in dem sie sich befindet, derselbe ist, wie der, in dem sie sich bereits befunden hat. Anders aber ist es mit einem Geruch, den sie bisher noch nicht empfunden hat; er muß ihr daher ganz neu erscheinen.

37. Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß sie, wenn sie eine Daseinsweise wiedererkennt, sich von diesem Vorgang keine Rechenschaft zu geben vermag. Die Ursache einer derartigen Erscheinung ist so schwer zu entwickeln, daß sie Allen entgeht, welche die Vorgänge in ihrem Innern nicht zu beobachten und zu zergliedern vermögen.

38. Aber wenn die Statue lange nicht an eine Daseinsweise denke, was wird während dieser ganzen Zwischenzeit aus der Vorstellung, die sie davon erworben hat? Woher kommt diese Vorstellung, wenn sie sich in der Folge im Gedächtnis erneuert? Hat sie sich in der Seele oder im Körper erhalten? In keinem von beiden.

In der Seele nicht, weil es nur eine Störung im Gehirn bedarf, um das Vermögen sie zurückzurufen aufzuheben. (18)

Im Körper nicht: nur die physische Ursache könnte sich darin erhalten, und dazu müßte man annehmen, daß das Gehirn durchaus in dem Zustand bleibt, in den es durch die Empfindung, deren die Statue sich erinnert, versetzt worden ist. Aber wie diese Annahme mit der beständigen Bewegung der Geister vereinigen? Wie sie vereinigen, besonders wenn man die Menge der Vorstellungen bedenkt, mit denen sich das Gedächtnis bereichert? (19) Man kann diese Erscheinung auf eine ganz einfache Art erklären.

Ich habe eine Empfindung, wenn in einem meiner Organe eine Bewegung erfolgt, die sich bis zum Gehirn fortpflanzt. Wenn dieselbe Bewegung im Gehirn beginnt und bis zum Organ fortgeht, so glaube ich eine Empfindung zu haben, die ich nicht habe; es ist eine Sinnestäuschung. Aber wenn diese Bewegung im Gehirn beginnt und endet, so erinnere ich mich der gehabten Empfindung (20).

Wenn eine Vorstellung sich für die Statue erneuert, so ist es also nicht darum, weil sie sich im Körper oder in der Seele erhalten hat, sondern weil die Bewegung, die ihre physische Gelegenheitsursache ist, sich im Gehirn wiederholt (21). Allein hier ist nicht der Ort, Vermutungen über den Mechanismus des Gedächtnisses zu wagen. Wir bewahren die Erinnerung an unsere Empfindungen, wir rufen sie uns zurück, nachdem wie lange nicht an sie gedacht haben. Es genügt dazu, daß sie auf uns einen starken Eindruck gemacht oder daß wir sie wiederholt erfahren haben.

Diese Tatsachen berechtigen mich zu der Annahme, daß unsere Statue, wenn sie wie wir organisiert ist, wie wir eines Gedächtnisses fähig ist.

39. Fassen wir alles zusammen, so hat die Statue mehrere Fertigkeiten erlangt, die Fertigkeit aufzumerken, eine andere: sich zu erinnern, eine dritte: zu vergleichen, eine vierte: zu urteilen, eine fünfte: vorzustellen und zuletzt die, wiederzuerkennen.

40. Dieselben Ursachen, welche die Fertigkeiten erzeugt haben, sind allein imstande, sie zu erhalten. Ich will damit sagen: die Fertigkeiten werden sich verlieren, wenn sie nicht durch wiederholte Akte von Zeit zu Zeit erneuert werden (22). Sonst wird unsere Statue sich weder der Vergleiche, die sie mit einer Daseinsweise angestellt, noch der Urteile, die sie darüber gefällt hat, erinnern, und sie zu dritten und vierten Mal erfahren, ohne fähig zu sein, sie wiederzuerkennen.

41. Aber wir können selbst dazu beitragen, ihr Gedächtnis und alle ihre Vermögen in Übung zu erhalten. Man braucht nur durch die verschiedenen Grade der Lust und des Schmerzes in ihr das Verlangen zu erregen, ihre Daseinsweisen zu erhalten oder sich ihnen zu entziehen. Die Kunst, mit der wir über ihre Empfindungen verfügen, wird uns die Mittel an die Hand geben, ihre Fertigkeiten mehr und mehr zu befestigen und auszudehnen. Man darf sogar vermuten, daß sie in einer Reihe von Gerüchen Unterschiede entdecken wird, die uns entgehen. Sollte sie nicht, da sie genötigt ist, alle ihre Vermögen auf eine einzige Art der Empfindung zu verwenden, zu diesem Studium mehr Unterscheidungskraft mitbringen als wir?

42. Die Anzahl der Verhältnisse, die ihre Urteile entdecken können, ist jedoch sehr klein. Sie erkennt nur, daß eine Daseinsweise einer früheren gleich oder von ihr verschieden ist, daß die eine angenehm, die andere unangenehm ist, daß sie es mehr oder weniger sind.

Wird sie aber mehrere Gerüche, die zusammen empfunden werden, herausfinden?  Diese  Unterscheidungsgabe erlangen wir selbst erst durch große Übung, und auch dann bleibt sie noch in sehr engen Grenzen. Denn niemand kann all das, was ein Kräutersäckchen enthält, am Geruch erkennen. Jede Mischung aber von Gerüchen muß für unsere Statue, dünkt mich, ein Kräutersäckchen sein.

Die Kenntnis der riechenden Körper ist es, wie wir unten sehen werden, die uns zwei Gerüche in einem dritten wiedererkennen gelehrt hat. Nachdem wir nacheinander eine Rose und eine Narzisse gerochen haben, haben wir sie miteinander gerochen und dadurch erfahren, daß die Empfindung, welche diese Blumen vereinigt in uns erregen, aus zwei anderen zusammengesetzt ist. Vervielfältigt man die Gerüche, so werden wir nur die vorherrschenden unterscheiden und selbst diese Unterscheidung nicht machen, wenn die Mischung so künstlich geschieht, daß keiner vorwiegt. In diesem Fall scheinen sie sich fast wie zusammengeriebene Farben zu vermischen. Sie vereinigen und vermengen sich so gut, daß keiner von ihnen bleibt, was er war, und aus mehreren ergibt sich nur noch ein einziger.

Wenn unsere Statue im ersten Zeitpunkt ihres Daseins zwei Düfte riecht, so wird sie mithin nicht meinen, daß sie zwei Daseinsweisen zugleich hat. Aber nehmen wir an, daß sie, nachdem sie dieselben getrennt kennen gelernt hat, sie miteinander riecht, wird sie sie wiedererkennen? Es ist mir nicht wahrscheinlich; denn da sie nicht weiß, daß sie ihr von zwei verschiedenen Körpern zukommen, so kann sie nichts auf die Vermutung bringen, daß die erlittene Empfindung von zwei anderen gebildet wird. Wenn keine vorherrscht, so würden sie in der Tat sogar für unseren Standpunkt zusammenfließen, und wenn eine darunter schwächer ist, so wird die stärkere dadurch nur modifiziert, und sie werden zusammen wie eine einfache Daseinsweise erscheinen. Um uns davon zu überzeugen, brauchen wir nur Düfte zu riechen, die wir noch nicht auf verschiedene Körper zu beziehen gewöhnt sind; ich bin überzeugt, wir würden nicht zu behaupten wagen, ob sie nur einer oder mehrere sind. Genau so ist es mit unserer Statue.

Sie erwirbt also ihre Unterscheidungsgabe erst durch die Aufmerksamkeit, die sie gleichzeitig einer Daseinsweise, die sie erfährt, und einer anderen, die sie erfahren hat, widmet (23). Mithin übt sie ihr Urteil nicht an zwei gleichzeitig gerochenen Düften; es hat nur aufeinanderfolgende Empfindungen zum Gegenstand.


LITERATUR - Etienne Bonnot de Condillac, Abhandlung über die Empfindungen, Leipzig 1870
    Anmerkungen
    1) So ist, um nur eins anzuführen  tout-á-fait  durchgängig mit "plötzlich" übersetzt.
    2) Man hat sich die Statue, wie CONDILLAC in der Vorrede sagt, als einen lebendigen Menschen zu denken, dessen Seele noch ohne alle Vorstellungen ist. Um Eindrücke auf seine Seele beliebig abschließen und zulassen zu können, läßt er sie mit einer Marmorhülle umgeben sein, die ihm den Gebrauch seiner Sinnesorgane nicht gestattet. Er öffnet zunächst die Hülle so weit, daß der Geruchssinn tätig sein kann.
    3) Allerdings ist die Aufmerksamkeit keine besondere Kraft, sondern nur ein klares und bestimmtes Empfinden. Als solches hängt sie aber nicht, wie es nach CONDILLACs Worten scheinen muß, nur von der objektiven Bedingung ab, daß ein äußerer Reiz allein oder mit besonderer Stärke auf die Seele wirkt; unter einer Menge unbekannter Gesichter erregt das Gesicht eines Freundes unsere Aufmerksamkeit, obgleich seine Einwirkung auf das Auge nicht stärker ist, als die der andern. Hier erscheint die Aufmerksamkeit an subjektive Bedingungen geknüpft. Es müssen Spuren früherer Eindrücke zurückgeblieben und infolge ihrer Verbindung untereinander durch den neuen, wenn auch schwachen Eindruck wieder zum Bewußtsein erregt worden sein. Diese Art der Aufmerksamkeit denkt sich CONDILLAC, wie er späterhin zu erkennen gibt, durch das Interesse vermittelt. Es bleibt jedoch unklar, wodurch dem Interesse eine solche Wirksamkeit ermöglicht wird.
    4) Wie § 10 zeigt, dauert nach CONDILLAC die Empfindung in der Seele darum fort, weil die physische Erregung im Nervenapparat und besonders im Gehirn auch dann noch fortwährt, wenn der Reiz aufgehört hat, auf das Organ zu wirken. Mit dem Aufhören dieser physischen Erregung, die er nur für vorübergehend gelten lassen will, verschwindet jedoch nach § 38 die Empfindung völlig, so daß nichts von ihr zurückbleibt. Demnach handelt CONDLILLAC hier eigentlich gar nicht vom Gedächnis, d. h. der Aufbewahrung der Vorstellungen, sondern nur von der temporären Nachwirkung des Eindrucks, von der Nachempfindung. Näheres über seine Auffassung des Gedächtnisses in § 38.
    5) Von einer  Vergangenen  Empfindung kann wohl der Beobachter sprechen, der das Aufhören der äußeren Einwirkung wahrgenommen hat, aber der Statue selbst ist die Empfindung nicht, wie CONDILLAC hier von  seinem  Standpunkt aus ihr supponiert, eine vergangene, sondern, wie er eben erst richtig bemerkt hat, eine gegenwärtige, weil die physische Erregung noch andauert.
    6) CONDILLAC bezeichnet hier die  Intensität  der Empfindung mit "Sentiment". Der Übersetzer hat dieses Wort durchgängig mit "Gefühl", Sensation aber durch "Empfindung" wiedergegeben obgleich es bei CONDILLAC, wie in der Einleitung erwähnt ist, die Empfindung mitsamt dem entsprechenden Gefühl, also allgemeiner eine sinnliche Erregung bedeutet.
    7) Es ist nicht einzusehen, wie die Statue allein dadurch, daß ihr zwei Empfindungen, eine stärkere und eine schwächere,  gegenwärtig  sind, zur Vorstellung einer Vergangenheit kommen soll. Schon hier hätte CONDILLAC die Frage aufwerfen sollen, die er erst § 42 berührt, ob die Statue überhaupt befähigt ist, die beiden ihr gegenwärtigen Erregungen gesondert aufzufassen. A. a. O. verneint er diese Frage, folglich ist sie auch nicht befähigt, sie auf verschiedene Zeitpunkte zu beziehen, sie zeitlich auseinanderzulegen.
    8) Nach CONDILLACs sonstigen Äußerungen kann diese Passivität nur eine relative sein. Für völlig passiv kann er die Seele darum nicht halten, weil die sinnliche Erregung nur die Gelegenheitsursache sein soll, bei welcher die Seele Empfindungen erzeugt. Insofern aber die Seele die Ursache ist, daß sich die physische Erregung gerade in eine Empfindung umsetzt, ist sie aktiv.
    9) Es gibt in uns eine oberste Ursache unserer Handlungen, die wir fühlen, aber die wir nicht definieren können; man nennt sie  Kraft Wir sind gleichermaßen aktiv in Bezug auf alles, was diese Kraft in uns oder außerhalb von uns hervorbringt. Wir sind es z. B., wenn wir überlegen oder wenn wir einen Körper in Bewegung setzen. Nach der Analogie setzen wir in allen Gegenständen, die irgendeine Veränderung hervorbringen, eine Kraft voraus, die wir noch weniger kennen, und wir sind passiv in Bezug auf die Eindrücke, die sie auf uns machen. Sonach ist ein Wesen aktiv oder passiv, je nachdem die Ursache der hervorgebrachten Wirkung in ihm oder außerhalb von ihm ist.
    10) CONDILLAC übersieht hier, wo er die Leichtigkeit der Reproduktion erklären will, daß er das Zurückrufen, die Erinnerung, selbst noch gar nicht erklärt hat, sondern nur die Fortdauer der auf  äußeren  Reiz eingetretenen Empfindung, das "Gedächtnis" nach § 6. Die Fähigkeit, eine Empfindung darum, weil die physische Erregung fortdauert, fortzuerzeugen, schließt aber die Fähigkeit nicht ein, die Empfindung "zurückzurufen". Man vergleiche hierzu von KIRCHMANNs Erläuterungen zur KANTs Anthropologie, Seite 36 unten. Erst in § 36 geht CONDILLAC auf die Frage, wodurch Erinnerung möglich wird, näher ein.
    11) Ich spreche hier und im ganzen Werk nur von Fertigkeiten, die auf natürlichem Weg erworben werden; in der übernatürlichen Ordnung der Dinge ist alles anderen Gesetzen unterworfen.
    12) Um nachzuweisen, daß die Seele ursprünglich außer der Sensibilität keine andere Fähigkeit besitzt, mußte CONDILLAC glaubhaft machen, daß alles Kombinieren, Scheiden und Ordnen der Vorstellungen nicht durch ein Vermögen der Seele, sondern durch die Vorstellungen selbst zustande kommt. So verfuhren HERBART und BENEKE. CONDILLAC aber wählt einen anderen Weg. Er behauptet, zwei Empfindungen vergleichen und auf zwei Empfindungen gleichzeitig aufmerken, ist ein und dasselbe. Offenbar tritt jedoch beim Vergleichen zum Aufmerken auf die Empfindungen selbst als neues Moment noch das Aufmerken auf ein Verhältnis derselben zueinander. Er schiebt also die Schwierigkeit, welche die Durchführung seines Prinzips bietet, beiseite, anstatt ihre Lösung zu suchen.
    13)  Warum  verbinden sich Vorstellungen dauernd, wenn sie aufeinander gefolgt sind? CONDILLAC sieht die Verbindung als selbstverständliche Wirkung der Aufeinanderfolge an, und doch ist Aufeinanderfolge ohne dauernde Verbindung recht wohl denkbar. Für CONDILLACs Zwecke kam es auch hier darauf an, zu zeigen, daß die Verbindung (Assoziation) der Vorstellungen, welche dadurch erkennbar wird, daß sie einander wieder zu erwecken imstande sind, nicht die unmittelbare Wirkung eines Seelenvermögens ist, sondern der Wechselwirkung der Vorstellungen selbst zugeschrieben werden muß. Übrigens beruth ihre Assoziation, wenn überhaupt, so doch nicht allein auf ihrer Aufeinanderfolge, sondern, nach KANT, auch auf der Verwandtschaft ihres Inhalts. Andere führen sieben "Assoziationsgesetze" auf; die Vorstellungen sollen sich assoziieren nach  Gleichzeitigkeit, Aufeinanderfolge, Ähnlichkeit, Kontrast, räumlicher Verbindung, Verhältnis zwischen Ding und Eigenschaft, ursächlichem Zusammenhang.  Nach BENEKE verbindet sich nur, was völlig gleichzeitig oder (bei der Aufeinanderfolge) zumindest teilweise gleichzeitig im Bewußtsein war, während sich nie verknüpft, was in völlig getrennten Zeiten bewußt wird. Auch nach HERBART hängt die Verbindung der Vorstellungen nicht sowohl von ihrer Aufeinanderfolge, als von ihrer Gleichzeitigkeit ab. Sie ist umso inniger, je längere Zeit oder je öfter die einzelnen Elemente im Bewußtsein beisammen waren und je größer die Stärke dieser Elemente zur Zeit der Verbindung war.
    14) Die Notwendigkeit dieser Beschränktheit ist nicht nachgewiesen. Bei HERBART ist das Faktum, daß wir uns immer nur sehr weniger Vorstellungen in einem bestimmten Augenblick bewußt werden können, "die Enge des Bewußtseins", eine Folge der  Einheit  des Seelenwesens und dient dem Beweis für seine Einheit als Stütze.
    15) Unsere Erfahrung liefert den Beweis; denn es gibt wohl niemanden, der sich nicht genossener Freuden zuweilen so lebhaft erinnert hätte, als wenn er sie noch genösse, oder zumindest lebhaft genug, um keine Aufmerksamkeit auf den mitunter schmerzhaften Zustand zu verwenden, in dem er sich befindet.
    16) Tausenderlei Tatsachen beweisen die Macht der Einbildungskraft auf die Sinne. Ein in einen Gedanken vertiefter Mensch sieht die Gegenstände vor seinen Augen nicht, hört den Lärm nicht, der sein Ohr trifft. Jedermann weiß, was man von ARCHIMEDES erzählt. Man richte die Einbildungskraft mit noch mehr Nachdruck auf einen Gegenstand, und man wird gestochen, gebrannt werden, ohne Schmerz davon zu fühlen. Die Seele wird sich allen Eindrücken der Sinne zu entziehen scheinen. Um die Möglichkeit dieser Erscheinung zu begreifen, braucht man nur daran zu denken, daß wir, da unsere Empfindungsfähigkeit beschränkt ist, allemal dann gegen Sinneseindrücke unempfindlich sein müssen, wenn unsere Einbildungskraft ganz und völlig auf einen Gegenstand gerichtet ist.
    17) So überraschend auch die Wirkungen der Einbildungskraft sind, so braucht man, um jeden Zweifel zu zerstreuen, nur an das zu denken, was uns im Traum begegnet. Wir sehen, hören, berühren dann Körper, die nicht auf unsere Sinne wirken, und man darf wohl annehmen, daß die Einbildungskraft nur darum so viel Stärke hat, weil wir nicht durch die Menge der Vorstellungen und Empfindungen, die uns im Wachen beschäftigen, zerstreut werden.
    18) Daß eine Störung im Gehirn die Erinnerung nehmen kann, würde nur beweisen, daß die  Reproduktion  von der Organisation des Gehirns abhängt, schließt aber nicht die Annahme aus, daß die Vorstellungen, ohne reproduziert zu werden, unbewußt in der Seele fortdauern können, als Spuren (BENEKE) oder Vorstellungen unter der Schwelle des Bewußtseins (HERBART). Nach CZOLBE kommt den Empfindungen, welche er sich sämtlich räumlich denkt,  ewige  Dauer zu. Aus ihnen setzt sich das psychische Prinzip der Welt, die Weltseele, zusammen. Weil sie sich in ihr gegenseitig durchdringen, bleiben sie latent, solange sie nicht durch bestimmte Bewegungen der Materie, des Gehirns, "ausgelöst" werden, und kehren, wenn diese Ursache zu wirken aufhört, in den latenten Zustand zurück.
    19) Derartigen Einwürfen begegnet LOTZE, obgleich er mit der materialistischen Erklärung des Gedächtnisses nicht übereinstimmt, mit der Bemerkung: "Spiritualistische Ansichten finden die Begründung des Gedächtnisses durch eine unendliche Fortdauer aller Eindrücke in den Nervenelementen unmöglich, weil sie befürchten, daß diese unzähligen Erregungen einander stören, oder sich bis zur Unkenntlichkeit vermischen würden. Allein Millionen Bewegungen, die mit verschiedenen Richtungen und Geschwindigkeiten denselben Punkt treffen, können sich wohl momentan an ihm zu einer einfachen Resultante mischen, oder sich gar in ein Gleichgewicht der Ruhe setzen, in welchem sie völlig verschwunden scheinen. Sobald jedoch einer von diesen Einflüssen aufhört, würde sofort die früher durch ihn balanzierte Bewegung wieder zum Vorschein kommen und sich als eine völlig unverlorene erweisen. In der Atmosphäre durchkreuzen sich die Schwingungen vieler Lichtquellen und die unzähligen zurückgeworfenen Strahlen, die Schallwellen, die von zahllosen Körpern ausgehen, nebst den Bewegungen, welche die Luft durch mancherlei Tätigkeit lebendiger Wesen erhält, und doch entsteht im Allgemeinen keine trübe Verwirrung. Ebenso würde die größte Mannigfaltigkeit der Erregungen kein absolutes Hindernis für ihre ungestörte Koexistenz im Nervenmark sein." (Medizinische Psychologie, Abschnitt 90)
    20) Aber wenn nirgends, weder im Körper noch in der Seele, eine Spur der früheren Erregung mehr vorhanden ist, wie CONDILLAC eben beweisen wollte, so muß die spätere Erregung vollständig  neu  erscheinen, und damit ist jede Erinnerung, die CONDILLAC gerade erklären will, jedes Wiedererkennen derselben ausgeschlossen. Weil die Vorstellung aus dem  Bewußtsein  verschwindet, nimmt CONDILLAC an, sie verschwindet gänzlich, während die neuere Psychologie hier das unbewußte, latente Vorstellen einführt.
    21) Man vergleiche die "Logik", 1. Teil, IX. Kap.
    22) Selbst die Wiederholung der Akte würde zur Befestigung der Fertigkeiten nicht das Mindeste beitragen, wenn, wie CONDILLAC will, nirgends eine Spur von ihnen zurückbliebe.
    23) Während CONDILLAC anfangs (§ 10) die Wahrnehmung der Aufeinanderfolge zweier Vorstellungen aus der Wahrnehmung ihres Unterschiedes erklärt, erklärt er hier die Wahrnehmung des Unterschieds aus der Wahrnehmung der Aufeinanderfolge! Es bleibt also Beides ungeklärt, folglich auch die daraus Kap. IV, § 5 abgeleitete Entstehung des Begriffs der Zahl.