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WALTER BLUMENFELD
Zur kritischen
Grundlegung der Psychologie


"Es dürfte sich aus dem Resultat der folgenden Überlegungen ein Urteil über die oft gehörte Behauptung ergeben, daß die in der empirischen Psychologie angewandte Methode falsch sei. Man habe sklavisch das experimentelle Vorgehen der exakten Naturwissenschaften übernommen, so wird argumentiert, und müsse dies nun durch minimale Erfolge trotz intensivster Bemühungen bedeutender Forscher büßen. Es fehle eben an der zu fruchtbarer Arbeit unumgänglichen Entwicklung einer eigenen Methode."

1. Abschnitt
Die Problemstellung

§ 1. Die Grundlegung der Einzelwissenschaften ist unstrittig eine wesentliche Aufgabe der Philosophie. Ihre Bedeutung ist, seitdem KANT ihre Lösung für die Mathematik, Physik und Biologie unternommen hat, - von Ethik und Ästhetik dürfen wir in diesem Zusammenhang absehen - immer klarer und entscheidender hervorgetreten. Die Verdienste der Neukantianer, nicht in letzter Linie der "Marburger Schule", um die Bearbeitung dieser Probleme sind bekannt. Bei ihren Untersuchungen, die sich außer den Naturwissenschaften bespielsweise auch auf Rechtswissenschaft, Geschichte und Pädagogik erstreckten, ist eine Fülle wertvoller und fruchtbarer Gesichtspunkte zutage getreten; und auch in denjenigen Disziplinen, in denen eine systematische Grundlegung bisher nicht geleistet worden ist, hat die Forderung einer solchen mindestens in dem Sinne klärend gewirkt, daß die Forscher, die auf ihren Einzelgebieten arbeiten, sich mit dieser Frage irgendwie auseinanderzusetzen hatten. Über den Gegenstand und den Geltungsbereich der Psychologie aber gehen die Ansichten noch in einem Maß auseinander, wie vielleicht bezüglich keiner anderen Wissenschaft. Der Kampf um sie ist auch darum besonders heftig geworden, weil die Psychologie fast allgemein als eine Disziplin der Philosophie betrachtet wird, so daß die meisten Forscher auf ihrem Gebiet sich schon aus diesem Grunde zu einer entschiedenen Stellungnahme veranlaßt sehen und auch ein besonders tiefbegründetes Recht darauf besitzen.

§ 2. Wenn die folgenden Betrachtungen einen Beitrag zur Grundlegung der Psychologie geben sollen, so ist daher zunächst zu sagen, in welchem Sinn von ihr gesprochen wird. Es handelt sich hier nicht um die metaphysische, spekulative, songenannte "rationale" Psychologie. Ihre Bedeutung für die Metaphysik soll unangetastet bleiben; es mag die Annahme einer wesenhaften unsterblichen Seele aus religiösem Bedürfnis heraus unentbehrlich sein: seit KANT steht fest oder sollte feststehen, daß sie kein Wissenschaftsbegriff sein kann. um dn Logos der Seele, um die Seelenlehre, die Psychologie als Wissenschaft aber ist es hier zu tun.

Auch wird diesen Untersuchungen nicht  der  Begriff der Psychologie zugrunde gelegt werden, den COHEN in die Philosophie eingeführt hat. Wenn dieser ihr als höchster philosophischer Disziplin die Bearbeitung des Problems der "Einheit des Kulturbewußtsein" zuweist, so muß das Urteil über die Berechtigung seiner Forderung so lange vertagt werden, bis die Disziplin in wissenschaftlicher Bearbeitung vorliegt. Soweit ich sehe, ist das bisher nicht der Fall. Auch NATORPs "Allgemeine Psychologie" postuliert einen Wissenschaftsbegriff, der, wie sich später zeigen wird, wenigstens teilweise mit dem COHENs zusammenzustimmen scheint und der mit den folgenden Betrachtungen nichts zu tun hat. Wie es auch mit dieser Disziplin stehen mag, doch es dürfte in hohem Maße unzweckmäßig sein, ihr die Bezeichnung Psychologie zu erteilen, die seit ARISTOTELES für ganz andere Forschungsbereiche reserviert war. Diese Benennung kann zu folgenschweren Irrtümern Anlaß geben, die von jeher gerade in der Philosophie eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben.

Maßgebend war für COHEN vermutlich die Absicht, den Namen Psychologie einer "echten" Wissenschaft in seinem Sinne vorzubehalten. Dafür aber galt ihm die empirische Psychologie nicht, in der er nur einen Teil der Physiologie sah, dem er eine beträchtliche Geringschätzung entgegenbrachte. Man kann diese negative Bewertung psychologisch verstehen, wenn man bedenkt, daß der große Philosophie seinen härtesten Kampf gegen den  Psychologismus  geführt hat, diejenige Weltanschauung also, die sich bemüht, der Psychologie das Recht auf die Grundlegung der Wissenschaft überhaupt zu vindizieren. Auch heute ist dieser Kampf kaum als abgeschlossen zu betrachten, da namhafte Forscher den so leidenschaftlich umstrittenen Anspruch aufrecht zu halten versuchen. Von dem hier vertretenen Standpunkt aus, der in dier Hinsicht dem der "Marburger" nahesteht, ist das Urteil im Sinne COHENs zu fällen. Aber gerade in der von ihm so eindringlich betonten kritischen Betrachtungsweise findet, wie mir scheint, seine eigentümliche Stellung zur ermpirischen Psychologie keine Stütze. Die kritische Methode besteht ja wesentlich darin, von der bestehenden Wissenschaft auszugehen und aufzuzeigen, wie, d. h. unter welchen Voraussetzungen, sie "möglich" ist, ihre Urteile Geltung beanspruchen zu dürfen. Nachdem FECHNER, WUNDT, EBBINGHAUS, HERING und so viele andere große Forscher in stetem Fortschritt am Bau der Psychologie gearbeitet haben, ist an der Tatsache einer wissenschaftlichen Psychologie nicht wohl zu bezweifeln. Es muß daher verlangt werden, daß diese Disziplin, deren Forschungsergebnisse in ungezählten Aufsätzen und Lehrbüchern niedergelegt sind, auf ihre Fundamente hin untersucht wird. Erst dann kann sich zeigen, ob sie nur als Gehirnphysiologie zu betrachten ist, wie manche meinen, (1) oder ob sie ihr eigenes Problemgebiet, ihren eigenen Gegenstand besitzt. Voraussetzung einer solchen kritischen Untersuchung ist offenbar bereits die Ablehnung des "Psychologismus". Wenn die Psychologie als Einzelwissenschaft zum Problem gemacht wird, kann sie nicht selbst als Maßstab dieser Untersuchung dienen.

Ebenso fallen ganz aus dem Bereich der folgenden Untersuchungen heraus diejenigen Arbeiten, die insbesondere auf die Bedeutung, die Sinnhaftigkeit, ihre Geltung psychischen Geschehens tendieren. Hierzu gehört ein großer Teil der "phänomenologischen" Untersuchungen HUSSERLs und seines Kreises sowie MEINONGs. Wird Psychologie, wie in den folgenden Betrachtungen, als Naturwissenschaft angesehen, so hat sie es wesentlich mit Vorgängen und ihren Gesetzen zu tun. Die Phänomenologie, wie sie etwa HUSSERL vorschwebt, muß sich ebensowohl auf Physik und alle anderen Wissenschaften wie auf die Seelenlehre beziehen, kann also nicht selbst ein Teil der Psychologie sein. Schließlich gehören nach der hier vertretenen Auffassung auch die "Gebilde" im Sinne STUMPFs ("Erscheinungen und psychische Funktionen", Seite 28) nur sehr bedingt in den Bereich unserer Betrachtungen. Inbegriffe, Sachverhalte, Werte können hiernach nur insofern eine Rolle spielen, als ihre Bildungsgesetze festgestellt werden und die Art ihrer Repräsentation im Bewußtsein betrachtet wird. Damit aber werden nicht sie, sondern die "Funktionen" untersucht, deren "Korrelate" sie darstellen.

§ 3. Es dürfte sich aus dem Resultat der folgenden Überlegungen ein Urteil über die oft gehörte Behauptung ergeben, daß die in der empirischen Psychologie angewandte Methode falsch sei. Man habe sklavisch das experimentelle Vorgehen der exakten Naturwissenschaften übernommen, so wird argumentiert, und müsse dies nun durch minimale Erfolge trotz intensivster Bemühungen bedeutender Forscher büßen. Es fehle eben an der zu fruchtbarer Arbeit unumgänglichen Entwicklung einer eigenen Methode. Man darf demgegenüber schon an dieser Stelle darauf hinweisen, daß für die Wissenschaft nichts geleistet wird, wenn das Prinzip nicht angegeben werden kann, aus dem die Falschheit der in der Psychologie verwendeten Methode folgt. Es ist auch zu erwägen, daß diese identisch ist mit dem zuerst in der Mathematik und den exakten Naturwissenschaften angewandten Verfahren, das sich mit immer wachsender Kraft durchgesetzt und den Fortgang aller mit ihr arbeitenden Disziplinen entscheidend gefördert hat. Ist doch gerade die Methode dasjenige Moment, das die verschiedenen Wissenschaften  eint,  wie RIEHL es kurz und klar ausdrückt (2): "Die Wissenschaften, geschieden durch ihre Gegenstände, sind durch die Methode zur Einheit des des Wissens verbunden." Es ist in der Tat kein einziger Grund einzusehen, weshalb dieses Verfahren gerade für die Psychologie nicht in Betracht kommen sollte. Das Gegenteil ist nachweisbar; denn alle gesicherten Ergebnisse dieser Wissenschaft sind so gewonnen worden, etwa abgesehen von denen der Völkerpsychologie, sofern diese wesentlich mit historischen Mitteln, also nicht experimentell, arbeitet. Rückhaltlos muß zugestanden werden, daß Zahl und Bedeutung der Resultate nicht an die der Physik und Chemie heranreichen; aber diese Tatsache ist durch die größere Komplikation der Probleme erklärlich. Übrigens werden die Tragweite und der Umfang der Ergebnisse der Psychologie, die in sehr zahlreichen Monographien, Handbüchern und Zeitschriften niedergelegt sind, doch vielfach weit unterschätzt. Die jüngsten, viel versprechenden Anwendungen in Medizin, Pädagogik, Industrie und Wirtschaftsleben weisen auch die vom pragmatistischen Standpnkt aus erhobenen Anschuldigungen in ihre Grenzen zurück.

Kaum wird es nötig sein, noch auf die wohlgemeinten Ratschläge einzugehen, die dahin gehen, der Psychologe solle sich statt an die verfehlten naturwissenschaftlichen Methoden an die Untersuchung der großen Kunstwerke halten. SHAKESPEARE, GOETHE, DOSTOJEWSKI hätten in ihren Werken mehr Psychologie niedergelegt, als aus allen Lehrbüchern der Psychologie herauszuholen sei. Schon DILTHEY (3) hat gegen diese "bis zum Überdruß" gehörten Vorschläge entschieden Stellung genommen: "Möchten doch diese Fanatiker der Kunst," so sagt er, "die in solchen Werken eingewickelte Psychologie uns einmal enthüllen. Versteht man unter Psychologie eine Darstellung des regelmäßigen Zusammenhangs des Seelenlebens, so enthalten die Werke der Dichter gar keine Psychologie; es steckt auch gar keine unter irgendeiner Hülle darin und durch keinen Kunstgriff kann ihnen eine solche Lehre von den Gleichförmigkeiten der seelischen Prozesse entlockt werden. Wohl aber liegt nun in der Art, wie die großen Schriftsteller und Dichter über das Menschenleben handeln, für die Psychologie eine Aufgabe und ein Stoff."

Daß große Künstler eine erstaunliche Kenntnis der zartesten und verwickeltsten Vorgänge des Seelenlebens zeigen, die sich der Analyse der Psycholgie noch völlig entziehen, will natürlich DILTHEY mit diesen Worten nicht bestreiten. Aber zu einer Formulierung sind ihre Schöpfungen schon deswegen nicht zu verwerten, weil die Geltung derartiger Urteile nicht nachprüfbar wäre. Wer möchte im Ernst empfehlen, Anatomie am Hermes des Praxiteles [Marmorgruppe - wp] zu studieren? In der Psychologie aber hält man noch heute manchmal das analoge Verfahren für angebracht, das den Autoritätsglauben zur wissenschaftlichen Voraussetzung machen würde. Es wird in der Tat methodisch richtiger sein, die naturwissenschaftliche Wahrheit der Kunstwerke an der Wissenschaft zu messen als umgekehrt.

§ 4. Ich spreche also von der empirischen  naturwissenschaftlichen  Psychologie, deren Möglichkeit KANT (4) in den bekannten Worten vorahnend bezeichnete: "Würden wir die Beobachtungen über das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfenden Naturgesetze des denkenden Selbst auch zu Hilfe nehmen: so würde eine empirische Psychologie entspringen, welche eine Art der  Physiologie  des inneren Sinnes sein würde und vielleicht die Erscheinungen desselben zu erklären ... dienen könnte." Diese Wissenschaft erschien ihm als die einzig mögliche im Gegensatz zur "rationalen" Psychologie, wenn er an anderer Stelle (5) sagt: "Es bleibt uns nichts übrig, als unsere Seele am Leitfaden der Erfahrung zu studieren und uns in den Schranken der Fragen zu halten, die nicht weiter gehen, als mögliche innere Erfahrung ihren Inhalt darlegen kann."

Überblicken wir nun das Problemgebiet der Psychologie, so läßt sich zunächst die "reine" von der "angewandten" Seelenlehre unterscheiden. Die reine Psychologie umfaßt die Normal- und die Pathopsychologie; sie erstreckt sich auf Menschen und Tiere (anthropologische und Tierpsychologie); geht auf die Formen des Seelenlebens der Menschen als Individuen und seine Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Zusammenhang (Individual- und Massenpsychologie); betrachtet die psychischen Differenzen von Individuum zu Individuum (differentielle Psychologie) und die Entwicklung des Seelenlebens bei Einzelnen und Völkern (Kinder-, Völker-, Entwicklungspsychologie). Je nach der Art der Behandlung aber dürfen wir gemäß dem üblichen Vorgang zwischen beschreibender und erklärender Psychologie unterscheiden.

Der "darstellenden Psychologie" im Sinne BAADEs (6) wird man kaum eine ebenso fundamentale Bedeutung zuerkennen können: soweit ihr die Aufgabe zufällt, die Phänomene herbeizuführen und deutlich zu machen, an denen sich Beschreibung und erklärung zu betätigen haben, steht sie im Dienst beider. Insofern sie die Gesetze voraussetzt, die die Entstehung der Phänomene beherrschen, gehört sie der erklärenden Psychologie an. Stets aber ist zu berücksichtigen, daß Erklärung das letzte Ziel auch der beschreibenden Psychologie bleibt.

Es sollen nun aus dem weitgespannten Kreis der Aufgaben, die hierdurch gekennzeichnet sind, diejenigen ausscheiden, die die angewandte Psychologie behandelt, weil diese im Dienst anderer Wissenschaften (z. B. Medizin, Pädagogik, Nationalökonomie) steht, wodurch ihr Begriffssystem in eigenartiger Weise abgewandelt wird. Eine weitere Einschränkung nehme ich vor durch Ausschluß der Entwicklungs- und Völkerpsychologie, die bzw. sofern sie wesentlich auf historische Methoden angewiesen sind. Im gesamten übrigen Bereich ist das Verfahren der Psychologie, wie es sich im heutigen Wissenschaftsbetrieb darstellt, als naturwissenschaftlich anzusprechen.

Beim Versuch einer Grundlegung dieser so aufgefaßten Disziplin bleibe ich mir bewußt, nur einige Beiträge zu liefern, ohne auch nur entfernt alle Schwierigkeiten berühren zu können, die gerade auf dem Boden der Psychologie üppig wachsen, als vielleicht auf irgendeinem anderen Wissenschaftsgebiet.


2. Abschnitt
Das Kategorialsystem der Psychologie

1. Kapitel
Der Gegenstand der Psychologie.
Die Qualitäts- und Quantitäts-Kategorien

§ 5. Werfen wir zunächst einen orientierenden Blick auf die Einteilung des "Stoffes" in den üblichen Lehrbüchern der Psychologie, ohne übrigens zu den mannigfachen Streitfragen Stellung zu nehmen, die schon darin zum Ausdruck kommen. Da handelt es sich, abgesehen von methodischen Untersuchungen, um Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Affekte, Willensvorgänge, Gedanken - kurz, um  Erlebnisse.  Alle psychischen Phänomene werden als Erlebnisse, als Lebensvorgänge aufgefaßt. Als solche aber, wenn sie auch offenbar eigentümlicher Art sind, müssen sie unzweifelhaft derjenigen Wissenschaft eingegliedert werden, die alle Lebenserscheinungen überhaupt bearbeitet, d. h. der  allgemeinen Biologie.  Und damit erhalten wir die Grundposition, die für unsere Auffassung der Psychologie entscheidend ist. Die Biologie im üblichen Sinne wird daher in den folgenden Ausführungen als ein Teil der allgemeinen Biologie angesehen, welche sich von ihr eben dadurch unterscheidet, daß sie auch die Psychologie in sich begreift. In eigenartiger Weise wird damit die  aristotelische  Anschauung abgewandelt, bei der umgekehrt alle Leistungen des Organismus als psychische angesehen wurden. Die Psychologie war für ARISTOTELES demnach mit der allgemeinen Biologie in unserer Ausdrucksweise identisch. Für uns steht also die Psychologie zunächst in engster Verwandschaft mit der Zoologie und Botanik; und wie bei diesen je nach der Art der Behandlung der Erscheinungen zwischen Morphologie und Physiologie, so wird bei ihr zwischen beschreibender und erklärender Psychologie zu unterscheiden sein.

Was aber ist nun der  Gegenstand  der Psychologie? Es kann sich hier nicht darum handeln, die große Zahl der verschiedenen Antworten auf diese Frage kritisch zu beleuchten. Ich werde mich darauf beschränken, meine Auffassung zu entwickeln und an wenigen Beispielen zu zeigen, worin andere mir fehlzugehen scheinen. Diesem Zweck diene ein einfacher, beliebig herausgegriffener psychologischer Versuch. Ich blicke auf ein rotes Papierblatt mittlerer Größe, indem ich einen Punkt der Fläche fixiere. Nun drehe ich das Auge soweit, daß der Fixationspunkt außerhalb des Blattes rückt. Dabei bemerke ich, daß allmählich die Farbe weniger ausgeprägt und matter wird. Bei noch weiterer Drehung verliert das Papier seine Farbigkeit völlig, es bleibt nur eine gewisse verwaschene Helligkeit übrig. Was ist der Sinn dieses Versuches? Wollte ich die Farbe des Papiers objektiv feststellen, so wäre mein Verfahren ganz unzweckmäßig; denn nur bei scharfer Fixation habe ich die deutlichste Wahrnehmung. Auch die würde mir aber für diesen Zweck nicht genügen; es wäre erforderlich, ein Spektroskop zu Hilfe zu nehmen, um die Wellenlänge der reflektierten Lichtstrahlen zu messen etc. Darauf also kann der psychologische Versuch nicht tendieren. Es kam offenbar gar nicht auf die Bestimmung der objektiven Farbe des Papiers an; es war auch gleichgültig, daß ich gerade ein Papierblatt nahm; die Absicht des Versuches ging ausschließlich auf meine  Wahrnehmung  der Farbe und ihre Abhängigkeit vom peripheren Sehen. Sie als Äußerung meines psychischen Lebens, als Erlebnis, war Gegenstand meiner Untersuchung, und die  allseitige objektive Bestimmung eben dieses psychischen Lebens, dieser Psyche ist Aufgabe der Psychologie. 

Es ist demnach nicht ganz zutreffend, wenn WUNDT den Unterschied gegenüber den anderen Naturwissenschaften so faßt: Die Naturwissenschaft betrachtet die Objekte der Erfahrung in ihrer vom Subjekt unabhängig gedachten Beschaffenheit, die Psychologie in ihren Beziehungen zum Subjekt. - Der Irrtum wird sofort deutlich, wenn man an die Affekte denkt. Bei diesen Objekten der Erfahrung kann ja gar nicht die Rede davon sein, daß sie als vom Subjekt unabhängig gedacht werden; der Unterschied liegt bei ihnen, aber auch bei allen anderen Objekten, nicht in der Betrachtungsweise, sondern ausschließlich im  Gegenstand  selbst. Gegenstand der Psychologie ist das seelische Leben, das freilich die Beziehung zu den Gegenständen äußerer Erfahrung nicht entbehren kann. Der Gegenstand der anderen Naturwisschenschaften wird dagegen als vom Erlebtwerden unabhängig gedacht.

Ebenso wird man die Definition MÜNSTERBERGs nicht anerkennen können, der als psychisch dasjenige bezeichnet, "was nur  einem  Subjekt erfahrbar ist", während physisch dasjenige sei, "was mehreren Subjekten gemeinsam erfahrbar gedacht werden kann". Wenn das Wort "erfahrbar" beide Male im gleichen Sinne wie bei dieser Definition des "Psychischen" gebraucht wird, so gibt es nichts, was mehreren Subjekten gemeinsam erfahrbar wäre. Ein Mineral etwa oder ein Baum ist dann nämlich insofern erfahrbar, als seine Gestalt, seine Farbe, seine Größe etc. wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung ist dem Individuum völlig eigentümlich; jede Kontrolle über die Gleichartigkeit mit anderen ist grundsätzlich ausgeschlossen, weil auch von den Vergleichsobjekten wieder dasselbe gelten müßte. Beide werden vielmehr nur dadurch Gegenstände der Mineralogie bzw. Botanik, daß die Geltung gewisser Gesetzmäßigkeiten von ihnen ausgesagt wird, die nun als von jeder Wahrnehmung unabhängig gedacht werden. Auf der anderen Seite sind die psychologischen Gesetze, durch welche der Gegenstand der Psychologie fundiert wird, ebenfalls als unabhängig vom Individuum anzunehmen. Dieselben Wahrnehmungen, die nach dem eben Gesagten nur einem Einzigen erfahrbar sind, unterstehen der allgemeinen Gesetzlichkeit der Psychologie, sofern sie Wahrnehmungen sind, und sind insofern mehreren "erfahrbar", weil ihre Gesetze von jeder individuellen Wahrnehmung gelten. Es ist also ersichtlich, daß das Wort "erfahrbar" in beiden Fällen in verschiedenem Sinne gebraucht wird: Im ersten bezieht es sich auf die individuelle Wahrnehmung, im zweiten auf die wissenschaftliche Erkenntnis.

Nach dieser vorläufigen Orientierung über den Gegenstand der Psychologie wenden wir uns nun zur eigentlichen Bearbeitung unserer Aufgabe, die darin besteht, das  Kategorialsystem der Psychologie  in seinen großen Umrissen zu entwerfen. Das aber ist Aufgabe der Logik, die den Aufbau des Wissenschaftssystems zu leisten hat und bei der Erfüllung dieser Aufgabe sich "zu den mannigfachen Logiken der mannigfaltigen Einzelwissenschaften spezialisiert", wie STERNBERG (7) es in sprachlich etwas kühner Form ausdrückt. So gewiß es aber nur eine Vernunft gibt, so gewiß alle Wissenschaften ein System bilden, so gewiß stehen auch ihre Kategorien in durchgängigem systematischem Zusammenhang miteinander. Ist die Psychologie ein Teil der allgemeinen Biologie, so sind deren Kategorien auch ihre Grundbegriffe. Aber gerade wegen dieses engen systematischen Konnexes wird es unvermeidlich sein, ständig auf Mathematik, Physik und Chemie zurückzugreifen, die bei aller Selbständigkeit doch die unentbehrliche Voraussetzung für Biologie und Psychologie bilden, obwohl sich erhebliche Abwandlungen ihrer Kategorien im Laufe der Untersuchungen herausstellen werden. Dadurch mag sich die Bezugnahme auf die Wissenschaften rechtfertigen lassen, wenn sie auch manchmal einer Abschweifung vom Thema wegen ihres Umfanges ähnlich sehen sollte. Nur im Hinblick auf die Entfaltung der Kategorien im Wissenschaftssystem erhält auch das Kategorialsystem der Psychologie seine richtige Beleuchtung.

§ 6. COHENs "Urteile der Denkgesetze" sind Voraussetzungen aller Wissenschaft überhaupt. Ohne die  qualitativen  Grundbegriffe der Identität, des Widerspruchs, der Kontinuität ist überhaupt kein Urteil möglich; sie geben dem Urteil erst die Gewähr seiner Geltung, ja die Möglichkeit seiner logischen Erzeugung. So wäre auch für die Psychologie nichts Belangreiches hinsichtlich ihrer zu sagen. Immerhin sei schon an dieser Stelle auf den charakteristischen Begriff des Unbewußten hingewiesen, weil er eine interessante Anwendung des "unendlichen" Urteils darstellt. Er wird später noch näher zu untersuchen sein.

Ebenso zweifellos sind die  Quantitäts -Kategorien der Einheit, Mehrheit und Allheit konstitutiv für die Psychologie. Auch psychische Erlebnisse bedürfen prinzipiell mindestens der Zahl zu ihrer Bearbeitung. Daraus folgt, daß die  Zahl,  und wenn man für sie den Reihenbegriff als grundlegend ansieht, dieser für die Psychologie die Bedeutung einer Kategorie besitzt.


LITERATUR - Walter Blumenfeld, Zur kritischen Grundlegung der Psychologie, Berlin 1920
    Anmerkungen
    1) PAUL NATORP, Allgemeine Psychologie nach kritischer Methode, Tübingen 1912, Seite 173 und 187
    2) ALOIS RIEHL, Logik und Erkenntnistheorie in HINNEBERG, Kultur der Gegenwart I, Berlin und Leipzig 1907, Seite 86
    3) WILHELM DILTHEY, Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsbericht der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, Seite 1323
    4) KANT, Kritik der reinen Vernunft, Reclam-Ausgabe, 2. Auflage, Seite 297
    5) KANT, a. a. O. Seite 322
    6) WALTER BAADE, Aufgabe und Begriff einer darstellenden Psychologie, Zeitschrift für Psychologie, Bd. 71, Seite 364f. Derselbe, Experimentelle Untersuchungen zur darstellenden Psychologie des Wahrnehmungsprozesses, a. a. O., Bd. 79, Seite 97f
    7) KURT STERNBERG, Einführung in die Philosophie vom Standpunkt des Kritizismus