p-4ra-2Th. ElsenhansO. KülpeR. HamerlingG. KerschensteinerR. Wahle     
 
JULIUS BAUMANN
Wille und Charakter
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"Wille ist  appetitus rationalis,  vernunftgemäße Tätigkeit, Vorwegnahme einer Handlung in Gedanken mit Lustgefühl an derselben. Wer Triebe, Regungen usw. schon Wille nennt, schiebt in dieselben leicht etwas ein, was erst von dem aus ihnen entwickelten Willen gilt."

"Die elementarste Form des Willensvorgangs ist die Apperzeption eines psychischen Inhalts. - Die äußere Willenshandlung ist ursprünglich ein untrennbarer Bestandteil jener Apperzeption, die sich auf den eigenen Körper des handelnden Wesens bezieht. - Apperzeption ist Eintritt einer Vorstellung in den Blickpunkt des Bewußtseins. Apperzeption und Aufmerksamkeit sind dasselbe. Apperzeption ist der elementarste Willensvorgang."


Die Bedeutung des Physiologischen für
das Moralische und Geistige überhaupt

Es gibt eine Stelle in SCHLEIERMACHERs philosophischen Schriften, welche über die Rätselhaftigkeit des sittlichen Lebens im Erwachsenen und durchgebildeten Menschen sich so ausläßt:
    "Wenn wir das Leben in seinem Verlauf betrachten und besonders hier, wo es im Maximum seiner Kräftigkeit steht, so ist die Aufgabe, den Zusammenhang des Einzelnen aufzufassen und unter allgemeine Formeln zu bringen, eine solche, die gar nicht zu lösen ist. Jeder Tag bildet eigentlich für einen jeden ein solches Rätsel, indem bald die psychischen Tätigkeiten rascher, kräftiger, richtiger vor sich gehen, bald schlaffer erscheinen und mehr zurückgedrängt, und ihre Kraft durch den störenden Einfluß durchgehender Vorstellungen gehemmt wird, in manchen Fällen ein sinnlicher Reiz obsiegt, der in anderen mit Leichtigkeit überwunden wird, und das zu begreifen und in Formeln zu bringen, scheint unmöglich." (1)
So drückt sich der große Ethiker aus, der eine unmittelbare Anschauung des sittlichen Lebens hatte, wie wenige je, und dazu im Besitz der moralwissenschaftlichen Bildung des Altertums und der neueren Zeit war mit einem durchdringenden Verständnis, wie neben ihm kaum ein anderer. Man kann sich dabei erinnern, daß es diese Rätselhaftigkeiten des sittlichen Lebens waren, welche die Romantiker dazu führten, dunkle Tiefen und Nachtseiten im menschlichen Geistesleben halb und halb verehrend zu bewundern und ihnen einen dämonischen Hintergrund zu entwerfen.

Der physiologisch-psychologisch Gebildete von heute wird dagegen z. B. bei der Lebensbeschreibung der SALING von VARNHAGEN einfach urteilen, daß sie eine sehr hysterische Dame war, d. h. eine Frau von abnormer Reizbarkeit (Erregbarkeit durch äußere Reize) und jähem Stimmungswechsel, und der SCHLEIERMACHERschen Rätselhaftigkeit auch des durchgebildeten sittlichen Lebens wird er die Aufklärung entgegenhalten, daß alles geistige Leben als stets bedingt durch die Nervenkraft eben von der ungemeinen Veränderlichkeit dieser mitbetroffen wird.

Diese körperliche Bedingtheit des geistigen Lebens ist durch die physiologische Psychologie erst umfassender dargestellt worden, welche eben Psychologie ist, die mit physiologische, also auch mit experimentellen Hilfsmitteln arbeitet und den Beziehungen der seelischen zu den leiblichen Vorgängen nachspürt. Diese körperliche Bedingtheit des Geises drückt das "Gesundheitsbüchlein, Gemeinfaßliche Anleitung zur Gesundheitspflege" bearbeitet vom Kaiserlichen Gesundheitsamt 1904, Seite 26 und 27 so aus:
    "Die Ganglienzellen des Gehirns und Rückenmarks sind der Sitz des Bewußtseins, in ihnen bilden sich unsere Vorstellungen, und in ihnen entsteht der Wille, welcher unsere Handlungen lenkt. - So büßt der Mensch nach der Zerstörung einer bestimmten Stelle des linken Stirnlappens des Großhirns die Fähigkeit ein, Worte zu bilden. Schädigungen anderer, benachbarter Hirngegenden haben Lähmungen der Gliedmaßen zur Folge; auch kann das Seh- und Hörvermögen nach Verletzung gewisser Hirnteile verloren gehen."
Die Tatsachen sind nicht zu leugnen, über die Ausdrucksweise werde ich nachher ein Wort sagen. Sehr anschaulich wird die körperliche Bedingtheit des geistigen Lebens dadurch, daß bei der geistigen Arbeit ebensowohl die Muskeln ermüden (MOSSO). Die Ermüdung des Gehirns, zweifellos ein chemischer Vorgang, beeinflußt die Zusammensetzung des Blutes und wird daher durch den Blutkreislauf auch auf die übrigen Organe übertragen. Am meisten Einfluß auf die Veränderungen des Blutdrucks beim Menschen haben aber nicht die geistigen Anstrengungen oder die Spannung der Aufmerksamkeit oder der Empfindung als solcher, sondern die Gefühle und Affekte, wie teils durch den Sphygmomanometer (Instrument zur Messung des Blutdrucks in den Arterien), teils durch direkte Beobachtungen am Gehirn bei Schädelbrüchen festgestellt worden ist.

Vielleicht scheint es manchem gut, gegenüber einer solchen Bedingtheit des Geistigen durch das Körperliche sich das GOETHEsche Wort zurückzurufen: "Alles, was uns aufklärt, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich." Hat dieses Wort hier Anwendung? Für SCHLEIERMACHER war das sittliche Leben, auch das reife, ein Rätsel, weil er Seelentätigkeiten annahm, welche, wie er sich ausdrückte, ohne deren Identität mit dem Leib gedacht werden können. Dahin gehören nach ihm die Ideen (leitende Begriffe) und das Sittliche; "denn die Handlung wird zwar durch den Leib verrichtet und die Gegenstände durch den Leib wahrgenommen, aber der Willensakt, der Entschluß nicht, und die Begriffe auch nicht." Was aber die physiologische Psychologie behaupten muß, ist die Bedingtheit auch des höheren Geistigen in uns bei seiner Betätigung eben durch Leib- und Nervenkraft. Mit der Zerstörung der Hirnrinde gehen ganz regelmäßig auch die Gefühle und zwar gerade die ethischen, ästhetischen usw. verloren. Keineswegs folgt daraus die Einerleiheit des Geistigen mit dem Leib. Eine Änderung der früheren Ansichten hierüber, auch der SCHLEIERMACHERschen, ist unweigerlich, aber ein Aufgeben der Ansicht, welche im Geistigen etwas Unvergleichbares mit dem Körperlichen sieht, wird durchaus nicht gefordert. Indem die Naturwissenschaft das Qualitative an den Erscheinungen, d. h. dem unmittelbar Wahrgenommenen, unseren Leib miteingerechnet, immer mehr als das Wesentliche festgestellt hat, ist von daher das Geistige, selbst die minimalste Empfindung, als ein Qualitatives und Intensives erst recht trotz aller leiblichen und körperlichen Bedingtheit etwas  sui generis  [aus sich selbst - wp] geworden, nur uns nicht ansich erkennbar, sondern eben in seinem Zusammenhang mit dem Leiblichen und den darin waltenden Gesetzen erfaßbar und beeinflußbar, und so würde man auch gut tun, sich etwa auszudrücken; denn selbst die Vorstellung der Größe ist ansich nicht groß, die Vorstellung von drei Meter Länge nicht drei Meter lang usw. Aber nicht nur Aufklärung, sondern auch vermehrte Herrschaft über uns selbst kann sich von diesem Tatbestand aus ergeben. Wenn z. B. die Affekte mehr Kraft verbrauchen, so müssen sie eben umso mehr gemäßigt werden - schon im Kind ist darauf zu achten -, selbst wenn die leichte Erregbarkeit derselben ein physiologisch-psychologisches Übel ist, dem mit physiologisch-psychologischen Mitteln allerdings ab- oder wenigstens nachgeholfen werden kann. Freilich sind der Einwirkungen auf den Menschen so viele und mannigfache, und ist das Spiel seiner innerphysiologischen Kräfte ein so verwickeltes, daß der Wechsel selbst in der Leichtigkeit und Gleichmäßigkeit des sittlichen Lebens, von dem SCHLEIERMACHER redet, nie ganz beseitigt werden kann durch menschliche Kunst; aber es ist ein großes gewonnen, wenn man weiß, wo die Gründe der ungleichen Tage liegen, und im allgemeinen die Richtung gezeigt ist, Gleichmäßigkeit zu sichern. Man wird so vor phantastischen Vorstellungen bewahrt, in welche die Romantik nicht bloß der schönen Literatur, sondern auch der Philosophie und der Seelenkunde verfiel.
    "Wenn wir aus irgendeinem Grund, etwa wegen einer Herz- oder Lungenkrankheit, nicht gut atmen können, so haben wir nicht bloß Lufthunger, sondern auch Begleitvorstellungen ängstlicher Natur, Ahnungen von Gefahren unbekannter Art, schwermütige Erinnerungen usw., d. h. Vorstellungen von Erscheinungen, die atemraubend oder beklemmend zu wirken pflegen."
Analoges findet sich in der Breite leiblich-geistiger Gesundheit, und vor schweren Mißdeutungen und Mißgriffen werden wir bewahrt durch diese Kenntnis, daß unser geistig-sittliches Leben auch bei der größten Durchbildung und stetem Bemühen kleinen Schwankungen ausgesetzt ist. Wir brauchen uns darum von denselben weder als Stimmungen, noch als Einfällen forttragen zu lassen, sondern können ihnen teils vorbeugen, teils in geeigneter Weise abhelfen. Freilich vermögen wir nicht, uns Lagen zu entziehen, wo wir z. B. überglücklich sind; es kann zum ganzen Verhältnis mitgehören, daß wir so fühlen müssen und Unrecht hätten, es nicht zu tun, aber wir werden uns dann nicht wundern, wenn ein gewisser Rückschlag in der Stimmung eintritt, und brauchen den Grund nicht in der Sache oder außerhalb von uns zu suchen, sondern wir wissen eben, daß auf große Freude Abspannung eintreten wird aus innerphysiologischen Gründen. Wir können auch im allgemeinen unsere Freuden und Tätigkeiten so leiten, daß Schwankungen vermieden werden, damit uns das Leben immer in mehr gleichmäßiger Kraft und Frische findet. Nicht bloß auf das Einzelleben haben diese Betrachtungen Anwendung, sondern auch auf das Leben ganzer Gemeinsachften, welche ja schließlich aus einzelnen bestehen, und bei welchen gerade durch die Gemeinschaft sich die Erregung noch zu steigern pflegt. Nach Zeiten großen Anspannung eines Volkes pflegt eine Zeit der Abspannung einzutreten auf den Gebieten der angespannten Kräfte, sei die Anspannung kriegerisch, geistig, religiös, merkantil usw. gewesen; selbst die höchsten Äußerungen menschlicher Bestrebung waren davon nicht frei. Es ist daher zur Erhaltung der Volkskraft erforderlich, dieselbe nicht stets in außergewöhnlichen Anstrengungen zu erhalten, sondern nach einer solchen womöglich mindestens verhältnismäßige Ruhe herbeizuführen, damit die erforderliche Erholung von selbst eintritt.


Der Wille in seiner
physiologischen Bedingtheit

Es ist zu erwarten und im Obigen schon mitenthalten, daß der Wille viel mehr körperlich bedingt ist, als man früher wußte. Sehr lehrreich für die körperliche Bedingtheit des Willens sind die krankhaften Erscheinungen der Abulie [Willenlosigkeit - wp] einerseits, des Automatismus andererseits. Bei der krankhaften Willensschwäche ist die Intelligenz ganz unversehrt, es fehlt aber, daß aus Wunsch Handlung wird. Der Psychastheniker (PIERRE JANET) hat den handelnden Willen und den Glauben verloren, nicht die eigentliche Intelligenz, aber er realisiert nicht, was er im Verstand vorzieht. Dabei fühlen die Kranken sich oft höchst unglücklich, daß sie nicht (wirksam) wollen können. Bei dem unwiderstehlichen Antrieb dagegen steigen Impulse im Menschen auf, die dieser nicht will, d. h. mit Gefühl und Verstand verwirft, oft lange gegen sie als Versuchungen ankämpft, dann aber automatisch, von innen getrieben, die Handlung vollbringt. Öfter besteht diese Handlung auch in sehr unschuldigen Dingen, etwa alle vorkommenden Papierschnitzel aufzuheben und zu sammeln, gesehene Gesten nachzumachen. Auch die krankhafte Willenlosigkeit ist oft nicht schlimm; sie zeigt sich etwa als Platzfurcht, daß jemand sich nicht innerlich abgewinnen kann, über einen freien Platz zu gehen, sondern um denselben herum der Häuserreihe entlang wandelt, statt quer hinüberzuschreiten. Ein Analogon der krankhaften Willenlosigkeit findet sich im gesunden Leben in der physischen Depression, welche besonders durch die Seekrankheit hervorgerufen wird. Eine sehr häufige Erfahrung der Art ist der sogenannte  Instrumentalistenkrampf,  d. h. daß z. B. das Blasen bei der Übung auf dem Zimmer ganz gut ausgeführt wird, aber im Orchester beim Wink des Kapellmeisters versagt.

Darf man aber von solchen krankhaften Erscheinungen des Willens auf den Gesunden überhaupt schließen? Der nicht naturwissenschaftlich Gebildete ist zunächst geneigt, das abzulehnen, indem er meint, da sei eben das Geistige in uns in abnormer Weise behindert, und es folge darauf dür die normale geistige Tätigkeit nichts. Aber eine geringe Überlegung zeigt, daß man so nicht deuten darf. Wenn die Körpertemperatur über 37,5° Celsius oder unter 36,6 anormal ist, d. h. körperliches und geistiges Wohlbefinden stört, so folgt daraus nicht, daß die normale Temperatur keine Bedingung unseres Wohlbefindens ist, sondern vielmehr, daß sie es gerade ist, von welcher dieses Wohlbefinden abhängt. Wenn es ein Zuviel und ein Zuwenig in der Nahrungsaufnahme für uns gibt, so ist dies ein Beweis, daß ein richtiges Maß derselben stattfindet, und daß dieses Maß gerade unsere körperlichen und körperlich-geistigen Kräfte herstellt und zu erhalten geeignet ist. Wenn es, wie in obigen Fällen vorliegt, ein Zuwenig von Impuls zu Handlungen und ein Zuviel gibt, und dies unzweifelhaft körperlich bedingt ist - denn durch eine Nervenkräftigung kann versucht werden, der Abulie abzuhelfen, durch Nervenberuhigung dem Automatismus -, so muß der richtige Impuls, d. h. daß aus Wunsch oder Vorsatz wirksamer Wille wird, von einem mittleren körperlichen Zustand zwischen dem Zuwenig der Willensschwäche und dem Zuviel des unwiderstehlichen Antriebs abhängen. Sehr deutlich kann man sich die Bedingtheit des Willens am Schlucken eines Bissens machen, das wir meist für einen ganz freiwilligen Akt halten, wo dies doch nur zum Teil so ist. Das Schlucken wird eingeleitet durch einen Willkürakt, durch welchen wir den Bissen mittels Bewegungen der Zunge an die Zungenwurzel bringen. Dort verursacht der Bissen eine (uns unbewußt bleibende) sensorische Einwirkung auf diese, und erst darauf wird durch einen Reflexakt, d. h. durch die Auslösung einer Bewegung auf einem Empfindungsreiz hin, ob wir wollen oder nicht, der Bissen geschluckt. Durch eine Einpinselung der Mund- und Rachenhöhle mit Kokain fallen infolge der Giftwirkung diese unbewußten Empfindungsreize weg, es läuft dann aber auch der Reflex nicht ab, und man kann den Bissen nicht verschlucken (SIEGMUND EXNER). Wenn ich mit einer Axt aushole, um einen kräftigen Schlag zu führen, so ist die bewußte Aktion auf die Bewegungen der oberen Extremitäten gerichtet. Gleichzeitig aber und in gewissem Sinne unbewußt werden in zweckmäßiger Weise viele andere Muskeln des Körpers innerviert (zur Bewegung von innen angeregt). Der Rumpf muß festgestellt werden, muß seine richtige Drehung ausführen, jeder Muskel des Beines hat seinen bestimmten Tonus (Spannung) und wechselt ihn mit der Aktion. Wenn einer dieser Muskeln nicht korrekt innerviert ist, so geht der Hieb fehl (EXNER).

Solche sensomotorischen Handlungen, wie die eben angeführten, und die wir meist für ganz willkürlich halten, gibt es viele. Bei einer Beeinträchtigung der Sensibilität in den Händen vermag der Kranke nur unter beständiger Kontrolle der Augen feinere Gegenstände zu ergreifen und festzuhalten. Bei ausgedehnter Anästhesie sind solche in Gefahr, kleine Kinder, die sie tragen, fallen zu lassen, ohne es zu merken, wenn sie nicht ständig auf dieselben ihre Augen richten. Annäherungen an eine geminderte Empfindlichkeit der Art kommen uns allen vor an Tagen, wo wir öfter Stock oder Schirm fallen lassen, während uns das sonst nicht begegnet, und wir darum eine besondere Aufmerksamkeit auf ihre Führung richten müssen. Dienstboten haben "Unglückstage", wo sie alles zerbrechen. Es ist sehr ratsam, wenn sie ein paar Proben davon an einem Tag gegeben haben, am selbigen sie nicht mit zerbrechlichen Gegenständen weiter umgehen zu lassen. Bei Anästhesie der Fußsohlen vermag der Kranke nur unter Beihilfe des Gesichtssinnes zu gehen oder festzustehen; der Gesunde erhält auch bei geschlossenen Augen vermittels des Tastsinnes der Fußsohlen sein Gleichgewicht.

Daß bei den Bewegungen die körperlichen Bedingungen im Zentralorgan, dem Gehirn, verlängerten Mark, Rückenmark, sehr mannigfach uns sehr detailliert sind, ist durch pathologische Tatsachen festgestellt. Es gibt zentrale Lähmungen, welche sich nur auf bestimmte Funktionen der Muskeln beziehen, sodaß z. B. die Muskeln der unteren Extremitäten zum Stehen und Gehen unbrauchbar sind, sonst aber durch den Willen noch beliebig zur Kontraktion gebracht werden können. Es kommt vor, daß bei einer zentralen Lähmung der Gesichtsnerven die Muskulatur nicht mehr willkürlich zur Kontraktion gebracht werden kann, aber bei Gemütsbewegungen noch an der Mimik teilnimmt. Schreibkrampf besteht darin, daß alle anderen Bewegungen der Hand ungestört vor sich gehen, und die Hand auch zu anderen komplizierten und sehr schwierigen Verrichtungen tauglich ist, sobald der Kranke aber die Absicht zu schreiben hat, sich der störende Krampf einstellt, bei den ausgebildeten Fällen sofort, bei den leichteren erst, nachdem er einige Zeit geschrieben hat. Es kommen auch Nähkrämpfe vor, Strick-, Schuster-, Maler-, Schneider-, Schriftsetzer-, Telegraphen-, Klavierspiel-, Violoinspielkrämpfe. Eine Verstärkung des Willensimpulses bringt in solchen Fällen bloß unzweckmäßige Bewegungen hervor. Manche an Schreibkrampf Leidende können noch mit der Feder zwischen dem dritten und vierten oder dem vierten und fünften Finger schreiben oder mit der linken Hand.

Die Sprachverrichtungen haben ihr Zentrum bei der Mehrzahl der Menschen in der linken Hirnhemisphäre. Bei allen rechtshändigen, d. h. ca. 98% aller Menschen, wird nämlich nur die dritte linke Stirnwindung auf das Sprechen eingeübt, während bei Linkshändern der entsprechende Teil der rechten Hirnhälfte hierfür eintritt. (In seltenen Fällen scheint es eine bilaterale Repräsentation der Sprechfunktionen zu geben, so daß bei einer Zerstörung der linken Windung trotzdem sofort gesprochen werden kann). Wie detailliert aber auch innerhalb eines so kleinen Bezirkes hier alles ist, erhellt sich aus den bunten Erscheinungen der Aphasie, des Sprachverlustes. Ein Mann hatte das Begriffsvermögen für gesprochene Worte verloren, aber er verstand sehr wohl die geschriebenen. Das Gedächtnis für die Bedeutung der gesprochenen Worte ist also ein besonderes, das besonders verloren gehen kann. Eine andere Art des Gedächtnisses ist wieder, die Worte für die Vorstellungen oder Gegenstände zu finden; sie kann auch besonders verloren gehen und sogar nur zum Teil. Ein Amnestischer wird vergebens beim Vorfahren einer Lokomotive nach dem Wort suchen, aber auf die Frage: "Ist es ein Pferd", ohne Zögern "Nein" antworten, und sofort beim Hören des Wortes  Lokomotive  sich desselben erinnern; manchmal hat ein Kranker bloß die Fähigkeit eingebüßt, irgendwelche Hauptwörter zu finden, ein solcher sagte statt "Schere" "das, womit man schneidet", statt "Fenster" "das, wohindurch man sieht". Unter der Herrschaft des Zornes oder einer lebhaften Erregung finden manche Aphasische Worte wieder, welche sie unter gewöhnlichen Umständen nicht wiederzufinden vermögen. Ein im Wachen aphasischer Arzt erlangte im Traum die Sprache wieder. Einzelne Aphasische sprechen im Singen Worte aus, die sie im Gesprächston nicht hervorzubringen imstande sind. Wieder ein besonderes Gedächtnis ist das des Lesens, d. h. daß die Bedeutung der gesehenen Buchstaben und Wörter uns einfällt. Der Verlust desselben, die sogenannte  Wortblindheit,  erstreckt sich bald auf die Buchstaben, bald nur auf die Worte. Sie zieht die Unfähigkeit nach sich, die römischen Zahlen, die algebraischen und chemischen Formeln zu lesen, dagegen können solche Kranken Figuren erkennen, auch Rebusse auflösen, Dame, Domino, Trictrac und selbst Karten spielen. Es gibt auch einen besonderen Verlust des Schreibgedächtnisses. "Ich weiß sehr wohl, sagte ein solcher Kranker, wie das Wort  Bordeaux  geschrieben wird, aber wenn ich mit der rechten Hand schreiben will, weiß ich nicht mehr, was ich machen soll." Der Verlust des Schreibgedächtnisses entspricht dem Verlorengehen anderer Bewegungsgedächtnisse, wie derjenigen, welche die Fähigkeit des Rauchens, des Nähens und des Strickens beherrschen, auch des Spielens eines besonderen musikalischen Instruments. Die Musik hat wieder ihre besonderen Gedächtnisse: es kann die Fähigkeit Noten zu lesen verloren gegangen sein, während die Fähigkeit auswendig zu spielen erhalten ist. Die Fähigkeit Noten zu schreiben kann fortbestehen, während das Gedächtnis für gewöhnliche Schrift verloren ist. So detailliert ist hier alles, daß nach einem Schlaganfall der Patient beim Abschreiben nur dann richtig schreiben konnte, wenn er, ohne die Vorlage zu lesen, die Buchstaben zeichnend abmalte; las er die Vorlage, so schrieb er falsch. Dagegen schrieb er sowohl spontan nach Diktat, als auch die Namen gesehener Objekte richtig. Es fand also bei ihm eine Störung des richtigen Wortlesens statt, mit Folgen bloß von da aus. Es kommt sogar vor, daß einzig und allein die Wahrnehmungsvorstellungen von Wörtern und Melodien ausgefallen sind, während Vokale und Konsonanten für sich richtig verstanden werden und das übrige Hörvermögen vollkommen intakt ist, woraus man schließt, daß das sensorische Silben- und Wortzentrum zu trennen ist vom Lautzentrum (Klang- und Geräuschzentrum). Es kommen auch bloß vorübergehende, sogenannte  funktionelle,  aphasische Störungen vor. Ein Student der Medizin konnte in der Aufregung, auch im Examen, keine Frage mündlich beantworten, während er schriftlich sofort die richtige Antwort gab. Nicht selten ist es, daß wir ein Wort, nicht bloß den Namen eines Menschen, nicht gleich finden können; namentlich nach angestrengter geistiger Tätigkeit oder aufregenden Gemütszuständen kommt das vor. Es findet dann wohl eine momentane mangelhafte Blutversorgung der betreffenden Zentren statt. Auch bei den aphasischen Erscheinungen ist die Kenntnis der Vorgänge zugleich ein Mittel der Abhilfe. GUTZMANN heilt zentromotorische und zentrosensorische Aphasie durch Hervorrufung und Einübung eines neuen motorischen Sprachzentrums. Die Laute werden zuerst einzeln durch Nachahmung der charakteristischen Artikulationsstellungen, dann in Verbindung geübt. Daneben gehen linkshändige Schreibübungen. Neben den einzuübenden Worten werden die entsprechenden Sachzeichnungen gewiesen.

Von all dieser Bedingtheit des Handelns und damit des Willens weiß das unmittelbare Bewußtsein nichts. Manchmal ist für das Bewußtsein nur die Vorstellung einer Handlung erfordert, daß sie eintritt (sogenannte  ideomotorische  Handlung), manchmal kommt dazu noch ein bewußtes Element in Form eines  fiat,  Geheißes oder ausdrücklicher Zustimmung (WILLIAM JAMES). Aber auch dieser willkürliche motorische Impuls geht stets nur auf die Erreichung eines gewissen Effektes (ZIEHEN). Wollen ist die Art Aufmerksamkeit, welche auf Vorstellungen gerichtet ist, beim Wollen nach Außen auf motorische Vorstellungen, beim inneren Wollen auf die Vorstellung einer in einem psychischen Zustand zu bewirkenden  Änderung  (JAMES). Von all der Bedingtheit, wie sie oben zumeist für ein Wollen nach außen aufgezeigt worden ist, weiß man nur teils durch pathologische Erfahrungen, in denen gewissermaßen die Natur die körperliche Bedingtheit von Handeln und Wollen selber aufgedeckt hat, teils durch Experimente.

Experimente hat man besonders auch über Willensermüdung angestellt, indem man zugleich auch die Tätigkeit der Muskeln auf elektrische Reizung von außen damit verglich (MOSSO). Danach können wir mittels des Willens eine größere Kraft ausüben und Maximalgewichte heben, aber die Arbeitsfähigkeit erschöpft sich bald und der Willensreiz wird unwirksam, während man durch elektrische Nervenreizung die Muskeln lange in Tätigkeit hält. Der ermüdete Muskel ist deshalb weniger leistungsfähig, weil die Muskeln sich leichter ausdehnen und folglich, um dasselbe Gewicht zu heben, sich stärker kontrahieren müssen. Nach angestrengter Muskeltätigkeit sind giftige Stoffe im Blut enthalten: das Blut eines solchen Hundes, einem andern injiziert, ergab Symptome von Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, oft auch Erbrechen. Durch unmittelbar vorhergehende angestrengte Geistestätigkeit wird die Kraft, welche die Muskeln bei gegebenem Reiz entwickeln, geschwächt, mag der Reiz ein Willensimpuls oder ein die motorischen Nerven oder den Muskel selbst treffender elektrischer Reiz sein. Eine analoge Ermüdung findet übrigens auch bei dem Gefühl statt: nach dauerndem Kummer stellt sich eine gewisse Gefühlsleere ein, in der sich sogar manche Menschen den Vorwurf machen, kein Gefühl zu haben; man wird stumpf. Damit hängt zusammen, da nach mehreren Trauertagen junge Leute in einen wahren Lachkrampf bei unpassender Gelegenheit ausbrechen können (EXNER).

Wenn der Wille durch die Herbeiführung einer langen Reihe von Bewegungen bestimmter Art ermüdet ist, alsdann bezieht sich diese Willensermüdung zunächst nur auf die Ausführung von Bewegungen dieser Art, nicht aber auf die Bewegungen, bei denen andere Muskeln beteiligt sind. Aber durch angestrengte Muskeltätigkeit verlieren auch noch andere Muskeln, durch Marschieren z. B. die Arme, stark an Leistungsfähigkeit; diese Ermüdung ist wesentlich eine Ermüdung der Muskeln selbst (MAGGIORA). Die Schwäche, welche das Fasten bewirkt, beruth in der Hauptsache auf einer Schwäche der Muskeln selbst. Schon ¾ Stunden nach der Mahlzeit aber, durch welche ein 24-stündiges Fasten beendet wurde, waren die Muskeln wieder erholt (ders.). Das Eintreten der Willensermüdung wird durch allgemeine lokale Ermüdung, sowie durch Hunger beschleunigt. Eine hohe Temperatur wirkte schwächend auf die Leistungsfähigkeit des Willens, namentlich dann, wenn zugleich der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ein hoher war. Doch mußte zur vollen Wirkung heißes Wetter 2-3 Tage andauern, ebensolang zur vollen Erholung des Leistungsvermögens des Willens kühles Wetter. Nahrungsaufnahme, Ruhe, und insbesondere Schlaf erholten die Leistungsfähigkeit des Willens. Der Einfluß der Nahrungsaufnahme zeigte sich nach Verlauf von etwa 10 Minuten, erreichte nach 30-45 Minuten sein Maximum und war nach ungefähr 60-65 Minuten ganz vorüber. Alkohol in geringer Dosis bewirkte eine deutliche Zunahme der Leistungsfähigkeit des Willens, während Tabak im gegenteiligen Sinn wirkte. Doch erstreckte sich der Einfluß beider Substanzen nur über einen Zeitraum von 1-2 Stunden. Wurden die Muskeln nicht durch den Willen, sondern durch elektrische Reizung erregt, so zeigten sich beide Substanzen wirkungslos. Durch die Übung wird die Leistungsfähigkeit des Willens sehr gesteigert. Eine Zunahme des Luftdrucks wirkte förderlich, eine Abnahme desselben schwächend (LOMBARD). In den Tropen muß man einen größeren Widerstand, größer als in Europa, überwinden, um regelmäßig zu arbeiten. Die Reaktionsfähigkeit (Beantwortung eines Reizes durch eine Bewegung) und die Fähigkeit der Aufmerksamkeitsanspannung werden durch den Tropenaufenthalt beeinträchtigt. Neurasthenie [Nervenschwäche - wp] ist dort häufiger als im kälteren Klima.

Wenn die Willenshandlungen so stets körperlich bedingt sind durch Muskeln, Nerven, Rückenmark, Gehirn, sogar bis ins Einzelne, so ist zu erwarten, daß im Kind vieles von dem, was im Erwachsenene da ist, fehlt, daß erst mit dem Wachsen nicht bloß der Muskeln, sondern auch des Gehirns sich vieles einstellen wird. In der Tat ist dem so. Die große Nervenbahn, welche von der sogenannten motorischen Region der Hirnrinde zu den Vorderhörnern des Rückenmarks und aus diesen zur Körpermuskulatur zieht, und welche nachweislich die Innervationserregungen bei den Willenshandlungen den Muskeln zuleitet, entbehrt bei den Neugeborenen noch der Markscheiden. Elektrische Reizung einer bestimmten Stelle der motorischen Rindenregion löst beim Erwachsenen stets Bewegungen des gegenüberliegenden Armes aus, die Reizung einer anderen eine solche des Beines, Reizung einer dritten solche der Gesichtsmuskeln der anderen Seite; alle diese Reizungen bleiben beim Neugeborenen erfolglos (SOLTMANN). Damit stimmen die genaueren Beobachtungen z. B. über das Sehenlernen der Kinder, die RÄHLMANN gesehen hat. Durchschnittlich innerhalb der 5. Lebenswoche, bei einigen Kindern etwas früher, bei anderen später, entsteht die Fähigkeit, einen Gegenstand, der sich in der Richtung der Sehlinie befindet, zu fixieren, d. h. von einem im gelben Fleck des Auges zufällig entworfenen Netzhautbild Notiz zu nehmen. Gleichzeitig werden die Augenbewegungen geregelt, indem assoziierte Seitenwendungen, sowie Hebungen und Senkungen der Blicklinie, letztere etwas später als erstere, auftreten. Erst sehr spät, etwa vom 6. - 7. Monat an, wird vom Kind die Hand beim Greifen auf dem kürzesten Weg zum Gegenstand hingeführt. Um diese Zeit ist dann die kompliziertere Reaktion zwischen Netzhautbild, Augenbewegungen und dem Bewegungsapparat der oberen Extremitäten erworben. Anhand der Erfahrung dieser Tatversuche entwickelt sich die Kenntnis der Tiefendimension und der Entfernungen, vorläufig aber nur mit Rücksicht auf die allernächste, d. h. mit den Händen kontrollierbare Distanz. Die Vorstellung des weiteren Raumes wird erst gewonnen aufgrund der Eigenbewegungen des Körpers, wenn das Kind sich selbst fortzubewegen, d. h. sich selbst im Raum zu verschieben gelernt hat. Für Kinder ist dabei die Farbe solange eine untergeordnete Eigenschaft der Objekte, als die Wahrnehmung von deren Form und Gestalt für die Unterscheidung derselben ausreicht. Der Zeitraum zwischen der Geburt und der 5. Woche, sodann der Zeitraum zwischen der 5. Woche und dem 5. Monat dienen der Erwerbung derjenigen Sinneseindrücke, welche in ihrer Gesamtheit auf das Organ (Auge) zurückwirken, und dessen anfänglich ungeregelte, zu weite Funktion an bestimmte Zweckmäßigkeitsgesetze knüpfen. So werden aufgrund der gemachten Erfahrung von den Augenbewegungen die atypischen (regellosen) allmählich ausgeschlossen, und nur diejenigen beibehalten, welche der genauen Kongruenz der beiden Netzhäute während der Augenbewegungen am besten dienen. Nach PREYER verhält es sich mit den häufig asymmetrischen und unkoordinierten Augenbewegungen der Neugeborenen ebenso wie mit den Bewegungen der Beine zur Zeit des Gehenlernens. Die ungeordneten Bewegungen werden allmählich immer seltener und von den koordinierten werden schließlich die brauchbarsten, welche mit einem Minimum an Anstrengung am meisten leisten, beibehalten. Gleiches gilt von der Sprachentwicklung, von der man ganz wohl beim Kind beobachten kann (EXNER), daß das richtige Treffen der Lautkombinationen tastend gesucht wird, daß es immer besser und besser gelingt, dieselben aufzufinden, und daß einzelne Kombinationen (sowie auch einzelne Sukzessionen) oft erst spät gefunden werden. Als Kontrolle bei diesem Tasten nach dem Richtigen dient in natürlicher Weise das Ohr; denn ein Kind unterscheidet mit dem Ohr schon lange einzelne Laute und Worte, die es noch nicht aussprechen oder doch nicht korrekt aussprechen kann. Beim Taubgeborenen fällt die Kontrolle durch das Ohr weg und deshalb lernt er nicht sprechen (obwohl er auch Töne spontan hervorbringt). Erst wenn ihm auf künstliche Weise eine andere Kontrolle seiner Bewegungen beigebracht wird, die er in den taktilen Eindrücken seiner Sprachorgane finden kann (Mundstellung, Zungenbewegung usw.), ist er in die Lage gesetzt, die richtigen Innervationskombinationen zu treffen, und wenn sie ihm dann als richtige bezeichnet worden sind, aufgrund seiner sensorischen Kontrolle wiederzufinden.

Nach all dem sind beim neugeborenen Menschen nur die vegetativen Funktionen in Tätigkeit, die höheren animalen erst im Werden begriffen. Die Tätigkeit des Nervensystems beschränkt sich auf die Funktion des verlängerten Marks und des Rückenmarks. Alle Bewegungen der Neugeborenen entspringen darum vorläufig entweder aus vegetativen Bedürfnissen, die reflektorisch (innerer Reiz - Bewegung) erfüllt werden, oder sie sind unwillkürliche Haut- und Sinnesreflexe (RÄHLMANN). Die niederen (vegetativen) Triebe sind in erster Linie physikalisch-chemische Vorgänge, welche zunächst jedes psychischen Charakters entbehren (Abgangsbedürfnis, Hunger, Durst). Die Triebe erlangen einen psychischen Charakter erst dadurch, daß sie im Bewußtsein als Gefühle auftauchen. Aus Trieben entwickeln sich die Willenshandlungen dann durch Assoziation der Triebgefühle mit anderen körperlichen Gefühlen (der Sättigung usw.) und Sinneswahrnehmungen (der die Triebgefühle beseitigenden, d. h. stillenden Geschmäcke, Bewegungen usw.). Erst wenn diese Assoziation zustande gekommen ist, wandelt sich der zunächst nur ein Leiden andeutende Schrei des Neugeborenen in eine aktive, zielbewußte Äußerung um. Erst der durch Erinnerungsbilder beeinflußte (bzw. ausgelöste) Trieb sollte daher als  Wille  bezeichnet werden, insbesondere jedes Wählen setzt Erinnerungsvorgänge voraus (FLECHSIG).

Als automatisch bezeichnet man dabei diejenigen Bewegungen, auch in Erwachsenen, welche in den Nervenzellen selbst entstehen; für sie sind Zustände der Veränderung des Blutes (Oxydationsprodukte z. B. der Kohlensäure) der erregende Reiz. Automatisch sind die Erregungen des Atemzentrums, der Herzmuskeln (durch ENGELMANN nachgewiesen), des Druckzentrums für die Blutgefäße usw. Nahe stehen ihnen die Reflexbewegungen, wo auf einen sensorischen Reiz ohne erforderliches Dazwischentreten des Bewußtseins eine Bewegung erfolgt, wie beim Husten, Niesen, Blinzeln usw. Zu den automatischen Bewegungen rechnet ZIEHEN daher die Reaktionsbewegungen auf interkurrent [hinzukommend - wp] wirkende Reize, wie beim spontanen Ausweichen auf der Straße; wesentlich ist ihnen das Anpassungsvermögen für einen bestimmten Zweck und die Fähigkeit, entgegenstehende Hindernisse zu überwinden. Instinktbewegungen haben ein Ziel, sind aber als solche, ehe und während sie stattfinden, unbewußt; sie entstehen nur, nachdem zuerst eine Empfindung und dann ein Gefühl, das den motorischen Impuls lieferte, vorausging (PREYER). So ist der Instinkt die Quelle der Gehversuche; Kinder, kaum einige Wochen alt, machten bereits in völlig koordinierter Weise etliche Schritte, wenn sie unter der Achsel gefaßt und so gehalten wurden, daß die Fußsohle die Unterlage berührten. Letzteres war von wesentlicher Bedeutung. Beispiele von Instinkt beim erwachsenen Menschen sind der mit den Jahreszeiten und den physiologischen Zuständen des Körpers wechselnde Appetit nach diesem und jenem, die Einwirkung der Geschlechter aufeinander (PFLÜGER).

Aus solchen Anfängen (Trieben usw.) bildet sich allmählich heraus, was wir Wunsch, Begehren, Wille usw. nennen, die wir so beschreiben können:
    "Begehren sind glückfördernde Vorstellungen von der Verwirklichung bzw. Nichtverwirklichung eines beliebigen Objekts oder Geschehnisses. Begehren ist bedingt durch Gefühlsanteil, den das Individuum am Sein des Objekts nimmt. Die Begehrungen werden eingeteilt in Wunsch-, Strebens- und Willensakte. Das wesentliche Merkmal des Wunsches ist das völlige Absehen von der Verwirklichung. Kommen zur Vorstellung Bewegungs- oder psychische Anstrengungsempfindungen hinzu, so entsteht ein Streben. Treten Urteile über die Erreichbarkeit zum Wunsch oder zum Streben hinzu, so entsteht das Wollen."  (von Ehrenfels) 

    "Wünschen ist Streben, bei dem es sein Bewenden hat, Wollen Streben, das Hindernisse überwindet, Wollen ist, wenn ich zur Verwirklichung des Zieles etwas tun kann."  (Lipps) 

    "Jeder Willensakt schließt die Vorstellung eines Zieles ein; fehlt diese, so ist es Wunsch, Triebe, Strebungen. Streben ist Unlust- und Tätigkeitsempfindung zusammen; daraus entwickelt sich erst der Wille."  (Ebbinghaus) 

Die Entwicklung des Willens

Es ist nunmehr ersichtlich, daß der Wille, nicht nur, wenn man  Wahl  darunter versteht, sondern auch, wenn nur ein bewußtes Ziel damit gemeint ist, zu den am meisten zusammengesetzten und abgeleiteten seelischen Äußerungen gehört. Diese Entwicklung des Willens aus elementaren physiologischen und psychologischen Kräften läßt sich den Grundzügen nach klar angeben. Sehr viele Betätigungen im Menschen sind auch später nur teilweise vom Willen abhängig. Dahin gehören nicht nur die vegetativen Funktionen (Verdauung, Blutumlauf, Atmung usw.), sondern auch die elementaren Betätigungen allen geistigen Lebens, wie Sinnesempfindung, Gedächtnis, Verstand, Vernunft usw., alles, was man als die natürliche, von Anfang an mitgegebene Grundlage unseres entwickelten geistigen Lebens ansieht. Nichtsdestoweniger hat auch hier der Wille als bewußte Richtung auf ein Ziel bald einen mehr oder weniger großen Einfluß. Unsere natürliche Verdauungskraft, Sinnesempfindung, Gedächtnis usw. wirken nämlich nicht immer gleich. Die Fälle, in denen sie sehr günstig wirken, heben sich für Vorstellung und Gefühl stärker hervor, werden dadurch besser behalten und können darum leicht wieder in das Bewußtsein zurückkehren und von da aus die vorhandenen Dispositionen zu gleicher Betätigung wieder anregen. So kommt unsere Verdauungskraft, unser Gedächtnis usw. unter den Einfluß unseres Willens, umso mehr, je mehr die besonders günstige Funktionierung uns bemerkbar geworden ist. So gehen wir etwa nach dem Essen eine kurze Strecke spazieren oder ruhen eine Weile, so prägen wir uns etwas ein, indem wir es in einen logischen Zusammenhang bringen (manche Menschen können nichts Isoliertes behalten), oder sagen uns das zu Behaltende laut auf, so betrachten wir ein Bild aus der für unser deutliches Sehen gerade nötigen Entfernung, um jederzeit über eine lebhafte Erinnerung an dasselbe zu verfügen.

Auf einen gleichen Ursprung führen die willkürlichen Körperbewegungen. Diese kommen nach der Ermittlung der Wissenschaft dadurch zustande, daß sich die Muskeln auf Anregung motorischer Nerven kontrahieren, und diese motorischen Nerven selbst ihre Anregung im Zentralorgan, dem Gehirn, erhalten haben. Von allen diesen Zwischenapparaten wissen wir aber von Haus aus nichts. Die Wissenschaft hat zwar allmählich gezeigt, daß sie im Spiel sind, aber sie lehrt nicht, wie das Psychische in uns es anfängt, auf sie überhaupt und wie gerade auf die einzelnen zu wirken. Eine absolute Macht über Nerven und Muskeln hat das Psychische in uns aber gar nicht. Bei diesem Tatbestand bietet sich nun die Beobachtung dar, daß es außer den vegetativen unwillkürlichen Bewegungen zeitlebens auch noch sonstige unwillkürliche Bewegungen unseres Körpers gibt, wie die sogenannten  Reflexbewegungen  (Husten, Niesen, Blinzeln usw.), daß auch die sogenannten  Ausdrucksbewegungen  (Lachen, Mienenspiel und dgl.) ursprünglich unwillkürlich sind und es meist bleiben, daß Bewegungen, welche gewöhnlich willkürliche sind, unter besonderen Umständen, z. B. in Krämpfen, unwillkürlich auftreten. Diese Tatsachen führen zu der Vorstellung, daß auch diejenigen Bewegungen, welche bald meist vom Willen abhängen, d. h. nur auf die Vorstellung einer Bewegung als wünschenswerter eintreten, ursprünglich auf bloß physiologische Erregungen in den Nervenzellen eintreten mit nur begleitendem Bewußtsein. Das Bewußtsein behält dann allmählich den Vorstellungs- und Gefühlszustand, welcher mit diesen Bewegungen verbunden war, und kann nachher bei der Erweckung dieses inneren Zustandes, d. h. der betreffenden Vorstellungen und Gefühle, die damit verbunden gewesenen Körperbewegungen von sich aus anregen, falls und soweit die Dispositionen zu denselben im Zentralorgan und weiterhin abwärts noch vorhanden sind. In der Tat haben anfänglich die Bewegungen, die auf Gehörs- und Gesichtseindrücke beim Kind eintreten, ganz den Charakter reflektorischer Bewegungen, die bei denselben Reizen in genau derselben Weise wiederkehren usw., erst später wird der Zusammenhang zwischen den Sinnesempfindungen und der motorischen Äußerung auf dieselben ein freierer. Die Bewegungen der Arme, der Beine, bald auch der Sprachorgane zeigen sich in der Kindheit und noch in der Jugend in bedeutendem Reichtum und vielfacher Regellosigkeit. Bei Gesundheit und reichlicher Ernährung ist die Bewegung im Wachen fast unablässig; wird sie zeitweilig gehemmt, so flutet sie nachher umso stürmischer aus; der bloße Überschuß an Muskelkraft drängt zu irgendeiner Entladung. Für unser Bewußtsein treten aus diesem Vorgang klar die Vorstellung der Handlung und das damit verbundene Gefühl heraus, welches sie uns als wünschenswert erscheinen läßt, öfter auch der Impuls, d. h. ein Sichanschicken oder inneres Vorbereiten, was man als Innervationsempfindung bezeichnet oder als kinästhetische Empfindung. Diese besteht aus Druck-, Muskel-, Bänderempfindung und den Bewegungsbildern, aber sie kommt uns als Empfindung nur in unbestimmter Weise zu Bewußtsein, als "ein Zu-Mute-sein", wie es LOTZE ausgedrückt hat.

Nicht zweifelhaft ist, daß diese kinästhetische Empfindung nicht bei allen Menschen die gleiche ist. Der eine setzt seinen Arm durch Muskelbilder in Bewegung, der andere durch Gesichtsbilder (Vorstellung der gesehenen Bewegung). Es kommt nämlich (bei Hysterischen) vor, daß, wenn sie ihre gewohnten Bewegungsbilder verlieren, sie die Beine usw. nicht mehr bewegen können. Es ist das ähnlich wie die Verschiedenheit in Bezug auf das Wortgedächtnis. Es gibt ein Gedächtnis für das Wortklangbild, das sogenannte  verbo-auditive  oder akustische Gedächtnis; ein Gedächtnis für das gesehene Wortbild, das verbo-visuelle Gedächtnis; ein Gedächtnis für das Sprechbild, das Artikulationsgedächtnis; schließlich ein Gedächtnis für das Schreibbild des Wortes. Gewöhnlich setzt sich beim normalen Menschen das Sprachgedächtnis aus allen vier Stücken mehr oder weniger zusammen, aber häufig findet ein Überwiegen des einen oder anderen statt. Wer ein mehr verbo-visuelles Gedächtnis hat, prägt sich leicht die Orthographie ein, die solchen mit verbo-auditivem Gedächtnis schwerfällt, weil sie nach dem Gehör schreiben, was zumal im Französischen und Englischen die Orthographie sehr erschwert, dagegen lernt der Verbo-auditive die Sprache schneller sprechen. Wer ein Artikulationsgedächtnis hat, sagt sich unwillkürlich, was er lernen soll, halblaut vor und, wo er nicht mindestens die Lippenbewegungen machen kann, behält er nichts. Manche Menschen müssen sich alles schreiben, was sie behalten sollen; zu ihnen gehörte WASHINGTON. Es kommen sehr extreme Fälle vor, so konnte  X  mit einem verbo-visuellen, aber ohne auditives Gedächtnis keine fremde Sprache sprechen. Es ist daher von Wichtigkeit, die verschiedenen Wortgedächtnisse zu üben, wenn man bemerkt, daß ein Kind eine Art zu ausschließlich instinktiv bevorzugt; denn das sichert dagegen, bei einem etwaigen Verlust der bevorzugten Gedächtnisart die Sprache ganz zu verlieren. - Das muskuläre Gedächtnis ist von besonderer Art selbst für verschiedene Muskelpartien; wer ein schlechtes muskuläres Gedächtnis hat, kann kein Instrument spielen und körperliche Exerzitien nicht mit Erfolg treiben. Es ist daran zu erkennen, daß solche die ganz richtige Auffassung dessen, was zu tun ist, haben und sogar sehr feine Kritiker der Leistungen anderer sein können, aber trotz allem Bemühen nichts Einschlagendes fertig bringen. Man kann bei besserer muskulärer Anlage daher bei manchem gut lernen, der selber die Sache nur sehr mangelhaft vormacht.

Wegen der Verschiedenheit der ursprünglichen Bewegungsanlagen in den einzelnen Menschen ist auch die willkürliche Betätigung verschieden. So kann der eine besser zu stoßweisen Kraftkombinationen befähigt sein, der andere mehr Ausdauer entfalten; bei ganzen Nationen ist dieser Unterschied hervorgetreten. So kann bei dem einen sich ein größerer Teil der aufgebrauchten Spannkraft (potentiellen Energie) in mechanische Arbeit (Handlung nach außen) umsetzen, bei dem anderen wird mehr Wärme (Körperwärme) produziert; wem nicht warm wird bei der Arbeit, hat einen Vorteil in der Leistung. Ja, es kommt wegen der Ungleichheit der Bewegungsanlagen vor, daß einzelnen Menschen willkürlich möglich ist, was anderen versagt bleibt. Ein Patient hatte es in der Gewlat, je nachdem er gerade simulieren wollte, sich in den Zustand der Paralyse, Konvulsion oder Starrheit zu versetzen (2). Oberst  C  besaß die Fähigkeit, sich nach Gefallen in einen vollkommen todähnlichen Zustand zu versetzen und stundenlang darin zu verharren, worauf dann die merkwürdigen Symptome verschwanden, und er in seinen gewohnten Zustand zurückkehrte. Über einen Priester, der sich willkürlich in einen totenähnlichen Zustand versetzen konnte, berichtet AUGUSTINUS. In Verbindung hiermit stehen Tatsachen von längerer Aufhebung der aktiven Lebenserscheinungen bei den Fakiren. Jemand konnte willkürlich anfangen wiederzukäuen. Manche Menschen können bei der ersten darauf gerichteten Bestrebung die Zahl der Kontraktionen ihres Herzens beträchtlich vermehren durch die alleinige direkte Einwirkung ihres Willens. Eine der untersuchten Personen brachte ihre Pulsfrequenz von 72 auf 93 in der Minute  (Pflügers Archiv).  Ich selbst haben einen Gelehrten gekannt, der, um einzuschlafen, sich nur hinzusetzen brauchte mit dem Vorsatz einzuschlafen. Wenn er müde war von der Arbeit, so schlief er in dieser Weise etwa 10 Minuten und war dann wieder frisch. Ab und an kommt es vor, daß jemand die Ohren willkürlich bewegen kann, oder ein äußerstes Fingerglied bewegen, ohne den ganzen Finger mitzubewegen. In all diesen Fällen kommt meist die Fähigkeit ursprünglich mehr zufällig zum Bewußtsein und wird dann gerade im Unterschied zu Anderen, die sie nicht haben, umso mehr geübt.

Ganz allgemein sind danach die ursprünglichen Grundlagen des menschlichen Willens unwillkürliche elementare Betätigungen. Diese nennt die Sprache vielfach Triebe. Solche sind teils körperlicher Art, spontane Betätigungen automatischer oder reflektorischer Art, aber auch zu den automatischen Betätigungen ist (nach Experimenten) ein peripheres Sinnesorgan, ein peripherer Sinnesreiz erforderlich. Zum anderen Teil sind Triebe dunkle Bewußtseinszustände (oft auch Gefühle genannt) mit unmittelbarer Tendenz zur Handlung, die sich erst durch ihre unwillkürlich ausbrechende Betätigung über sich selbst klar werden: Willenstrieb, Ehrtrieb, künstlerischer Gestaltungstrieb; alles, was man natürliche Neigung, Hang, Art eines Menschen nennt, gehört hierher. Andere Ausdrücke für ursprünglich unwillkürliche Betätigungen sind: Interesse (wissenschaftliches, künstlerisches Interesse), Sinn (religiöser Sinn, moralischer Sinn, Sinn für Anstand, Sinn für Sprachen), Regungen (Regungen der Ehre, des Gewissens, der Pflicht usw.). Aus allen solchen unwillkürlichen Betätigungen bildet sich ein Wille dadurch heraus, daß die darauf bezüglichen Vorstellungen und Wertschätzungen, die sich gleich oder allmählich damit verbunden haben, das Antezendes [Voraufgehende - wp] werden und daraufhin Entschluß usw. zu innerer oder zugleich auch äußerer Realisierung der vorgestellten Inhalte eintritt. Beispiel eines immanenten Willens ist der Wille, jetzt einem Thema seine Gedanken zuzuwenden, an einer angenommenen Überzeugung festzuhalten; Beispiele eines zugleich transeunten [über sich hinausgreifenden - wp] Willens sind der Wille, jetzt einen Freund zu besuchen, einen Brief zu schreiben.

Diese Triebe, Regungen usw. sind nicht selbst schon Wille, und sie so zu nennen, verwirrt den Sprachgebrauch von Wissenschaft und gebildetem Leben: denn Wille ist  appetitus rationalis,  vernunftgemäße Tätigkeit, Vorwegnahme einer Handlung in Gedanken mit Lustgefühl an derselben. Wer Triebe, Regungen usw. schon Wille nennt, schiebt in dieselben leicht etwas ein, was erst von dem aus ihnen entwickelten Willen gilt. So gebraucht SCHOPENHAUER  Wille  für Aktivität überhaupt, für das, was man sonst in der unorganischen und der organischen Natur mit  Kraft  meint. Aber selbst die Grundlagen des Willens in uns sind nichts Einfaches und durchaus nichts den Körper Schaffendes, wie SCHOPENHAUER gemeint hat, dem Wille das Ding-ansich ist zu seiner Erscheinung im Raum. Gerade die Triebe sind in uns körperlich bedingt, z. B. Hunger, Durst, die sexuellen Empfindungen, Lichtbedürfnis, Bewegungsbedürfnis. Es sind dabei überaus körperliche Einrichtungen mit im Spiel. Alles das zu streichen und doch Triebe, dumpfen Drang oder Streben beizubehalten, ist, wissenschaftlich betrachtet, nichts als Willkür. Der Trieb schafft das Körperliche so wenig, daß er fehlt, wo große Mängel der körperlichen Ausbildung vorhanden sind, es gibt Idioten, die verhungern würden aus Mangel an Nahrungstrieb, wenn sie nicht von den körperlich Normalen und damit auch geistig Gesunden gepflegt würden.

Nach WUNDT ("Grundzüge der physiologischen Psychologie") ist Wille alle innere Tätigkeit, besonders innere verstärkende Tätigkeit, als deren Typus ihm die Aufmerksamkeit gilt. Aber mit Recht unterscheidet man seit Langem die Aufmerksamkeit selbst in eine willkürliche und in eine unwillkürliche, wobei letztere im Interesse als einer ursprünglichen Aufgelegtheit für dieses oder jenes wurzelt. Die Apperzeption, die Zuwendung des Bewußtseins, ist oft genug gar keine gewollte, das Unangenehme und Unerwünschte preßt sie uns nur zu sehr ab. Auch in seinem "Grundriß der Psychologie" nennt WUNDT "durch einen Affekt vorbereitete und ihn plötzlich beendende Veränderungen der Vorstellungs- und Gefühlslage Willenshandlungen", und es sind ihm "die Affekte, die aus sinnlichen Gefühlen entstehen, sowie nicht minder die allverbreiteten sozialen Affekte wie Liebe, Haß, Zorn, Rache, die dem Menschen mit den Tieren gemeinsamen ursprünglichen Quellen des Willens." Was man sonst Triebe nennt, nennt so WUNDT schon Wille. Er ist sich dessen bewußt und macht dafür geltend:
    "Besonders die Rückverwandlung komplexer Willensvorgänge in Triebvorgänge ist es, die die oben erwähnte Beschränkung des Begriffs  Trieb  auf die aus sinnlichen Gefühlen entspringenden Willenshandlungen völlig ungeeignet erscheinen läßt. Infolge jener allmählichen Eliminierung der unterlegenen Motive gibt es ebensowohl intellektuelle, sittliche, ästhetische und dgl., wie einfach sinnliche Triebe."
Danach würden intellektuelle, sittliche, ästhetische und dergleichen Triebe sich immer nur allmählich im Menschen bilden, also ein Sekundär-automatisches sein, wie vieles, was wir erst mühsam geübt haben, uns allmählich von der Hand oder vom Mund geht, als wäre es ein Primär-automatisches. Es gibt aber auch einen ursprünglichen Wissenstrieb, sittlichen, ästhetischen Trieb usw., ganz in derselben Weise, wie es ursprüngliche sinnliche Gefühle gibt. Selbst die sinnlichen Triebe treten auch von vornherein in individuell wechselnder Intensität und Qualität auf, da mit Rohheit, dort mit Zartheit (FLECHSIG). Natürlich setzt das Hervortreten eines Wissenstriebes, Ehrtriebs usw. schon eine gewisse körperliche und geistige Entwicklung voraus. Aber ein ursprünglich ganz Spontanes ist da sehr zu bemerken, wie das eine Kind auch manches achtet, was dem andern völlig entgeht, wie das eine Kind ein geborener Anführer ist und sich dazu macht, als müßte das so sein, alles lange, ehe sie von alldem reflektierend die leisesten Begriffe oder Beurteilungen haben. Auch der Ausdruck "voluntaristische Psychologie", den WUNDT mit für sich akzeptiert, erweckt die irrige Vorstellung, als ob der Mensch in Bezug auf seine ursprünglichen elementaren Betätigungen eine Art selbstschöpferischer Kraft hätte, die ihm doch sogar nach Seiten der produktiven Phantasie fehlt. Denn keine Phantasie, z. B. des Blindgeborenen, ist imstande, ihm auf eine Beschreibung Sehender hin die mit dem fehlenden Sinn auch fehlende Farbvorstellung zu geben, dagegen empfindet der Blinde Farben und Licht aufgrund der Äußerungen der Sehenden lebhaft ihrem Gefühlswert nach, eben weil die elementaren Gefühlsbetätigungen ihm nicht fehlen. Soll aber "voluntaristische Psychologie" nur heißen, daß "das Wollen einen ebenso unveräußerlichen Bestandteil der psychologischen Erfahrung ausmacht wie die Empfindungen und Vorstellungen", so wird man erstaunt fragen: wozu ein neuer Name? Denn recht vielfach hat man Fühlen und Wollen (das letztere zunächst in elementarer Form) als eigentümliche seelische Betätigungen mit und neben Empfindung und Vorstellung angesehen. Doch entstehen in der Großhirnrinde die motorischen Bahnen der Sinnessphären ausnahmslos erst nach Fertigstellung der sensiblen (FLECHSIG).

Noch in der vierten Auflage der "Grundzüge der physiologischen Psychologie" WUNDTs war "Wille, willkürliche Bewegung" im Wesentlichen unverändert geblieben. Nach der fünften bilden die im Willen nachzuweisenden Gefühle seine wesentlichsten Bestandteile. Die elementarste Form des Willensvorgangs ist die Apperzeption eines psychischen Inhalts. - Die äußere Willenshandlung ist ursprünglich ein untrennbarer Bestandteil jener Apperzeption, die sich auf den eigenen Körper des handelnden Wesens bezieht. - Apperzeption ist Eintritt einer Vorstellung in den Blickpunkt des Bewußtseins. Apperzeption und Aufmerksamkeit sind dasselbe. Apperzeption ist der elementarste Willensvorgang. Es wird dabei (doch) an der Apperzeptionslehre im alten Sinn festgehalten von WUNDT, und der voluntaristische Standpunkt nicht aufgegeben.


Die Bildbarkeit des Willens

Da im Bewußtsein der Erwachsenen  Wille  eine innere oder zugleich auch äußere Betätigung ist, welche auf die Vorstellung eines Inhalts und die Wertschätzung desselben zu folgen pflegt, und sich die vielfache Bedingtheit des ganzen Vorgangs und seine ursprüngliche Genesis dem Bewußtsein nicht von selbst darbietet, so hat man seit alten Zeiten die Vorstellung und das Gefühl beim Willen für die Hauptsache gehalten, ja den Geist als Vorstellung und Wertschätzung, d. h. als zwecksetzend, für die unmittelbare Bewegungsursache des Leibes selbst angesehen, wie dies PLATO und ARISTOTELES taten und ihnen folgend die Scholastik, welcher der Wille als  primus motor in regno animae  [primärer Antrieb im Reich der Seele - wp] galt, während die moderne Wissenschaft festgestellt hat, daß unser Geist als Vorstellung und Wertschätzung nicht unmittelbar, sondern sehr vermittelt wirkt, und daß bei diesen Vermittlungen die organischen unwillkürlichen Betätigungen auch da den Vortritt haben, wo wir später überwiegend willkürlich zu handeln lernen. Da man aber Vorstellung und Gefühl als die Hauptlücke im Willen ansah, so sah man auch, wo sie da waren, wo man weiß, was man will, und warum man es will (als angenehm, löblich, gut usw.), es als selbstverständlich an, daß die Handlung, auf welche der Wille geht, erfolgt, falls nur, wo die Handlung nicht ohne Körperbewegung vollziehbar ist, die Körperorgane in einem normalen Zustand sind, also z. B. nicht dauern oder zeitweilig gelähmt. Und wo dann doch die Handlung nicht recht vonstatten geht, da hält man nur für nötig, entweder dem Inhalt des Willens zu größerer Klarheit zu verhelfen oder dem Wertgefühl mehr Stärke zu geben, damit der Wille zu einem effektiven, d. h. in Handlung übergehenden werde. Im gemeinen Leben fordert man von einem Menschen, daß er Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat: mit Kopf ist die Klarheit des Vorstellens gemeint, mit Herz die Stärke des Werturteils. Bei dem einen Menschen hält man es ferner, um seinen Willen zu heben, für nötiger, seinen Verstand aufzuhellen, bei dem anderen, seine Gefühle zu beleben. Selbst in ganzen Zeitaltern hat sich die Bemühung bald mehr nach der einen, bald mehr nach der anderen Seite gerichtet. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts glaubte durch eine Aufhellung des Verstandes unmittelbar auch den effektiven Willen herbeizuführen, die Periode der Empfindsamkeit, welche darauf folgte, suchte das Herz zu rühren im Vertrauen, daß dann die Tat unfehlbar eintreten wird. In der Regel also, d. h. wo nicht ein besonderes Hindernis vom Körper aus entgegenwirkt, sieht man den Willen als effektiv an, sobald die Klarheit der Vorstellung über das Ziel und die Stärke des Werturteils zusammen da sind.

Nichtsdestoweniger ist es seit alten Zeiten, besonders im Sittlichen, Erfahrungstatsache, daß jene beiden Stücke sehr oft zum effektiven Willen nicht genügen. Griechen und Römer haben diese Erfahrung an sich konstatiert, sie ist niedergelegt in den Worten der  Medea  bei OVID: ich sehe das Bessere und billige es, und doch folge ich dem Schlechteren. Nach der indischen Lehre vermag die Betrachtung sich rein zu erhalten, aber alles Handeln ist mit Sünde befleckt. Soviel Zutrauen die Schule des KONFUZIUS zu den Keimen der Tugend im Menschen hat, so verbreitet eist es nach MENCIUS "sein ursprüngliches Herz zu verlieren", und daß effektives Wollen selten ist, drückt das chinesische Sprichwort aus: "Große Seelen wollen, andere wollen nur wollen." Rein weltmännisch ist dieser Zug menschlicher Natur gekennzeichnet bei DIDEROT in  Jaques le fataliste:  "Wir bringen drei Viertel unseres Lebens damit zu, etwas zu wollen und es nicht zu tun, und zu tun, was wir nicht wollen." Übrigens beschränkt sich diese Erfahrung nicht auf das Sittliche im engeren Sinne, sondern zieht sich durch alle Seiten unseres Lebens hindurch. Manche Speise wollen wir nicht, obwohl wir einräumen, daß, wenn sie uns vorgesetzt wird, sie uns ganz gut schmeckt und auch ganz gut bekommt. In künstlerischer oder wissenschaftlicher Betätigung sind wir oft körperlich und geistig wohl aufgelegt, und doch will es nicht recht vorwärts gehen usw. Man hat in dieser Erfahrung eben darum eine Rätselhaftigkeit menschlicher Natur gesehen und sich meist damit begnügt.

Für uns findet eine Rätselhaftigkeit menschlicher Natur hier nicht statt; denn nach dem Obigen ist die ursprüngliche Genesis des Willens so zu fassen: zuerst war mit der spontanen Betätigung allmählich die darauf bezügliche Vorstellung und Wertschätzung verbunden, diese Vorstellung und Wertschätzung regt dann wieder eine Betätigung an. Der Grund der Möglichkeit dieser Umkehrung ist, daß beide Zustände irgendwie miteinander verknüpft waren, eine Verknüpfung von  a  mit  b  immer aber eine von  b  mit  a  ist. Es findet also das Gleiche statt, wie bei der Assoziation und Reproduktion der Vorstellungen (3) und der geistigen Zustände überhaupt, wo nicht bloß eine Vorstellung eine andere damit verbunden gewesene ins Bewußtsein bringt (an einem Haus vorübergehend, denken wir an die darin einst gesehenen Bewohner), sondern auch eine Objektvorstellung, die damit verbunden gewesenen Gefühlt wieder anregt und umgekehrt: so ruft uns der Anblick eines Jugendfreundes das Glück jener Tage zurück, eine trübe Stimmung macht, daß wir an früheres Unglück in unserem Leben denken; und schließlich werden auch Begehrungen durch wiedergeweckte Vorstellungen und Gefühle hervorgerufen: die Erinnerung an eine Fußtour weckt die Lust zu einer neuen usw. Ein Vorgang, wo auf Vorstellung und Wertschätzung geistige oder geistig-leibliche Betätigung eintritt, nennen wir Wille und willkürliche Handlung, sie findet aber nicht mit Erfolg statt, wo nicht die unwillkürliche Betätigung voraufging.

ESCHLE, "Die krankhafte Willensschwäche und die Aufgaben der erzieherischen Theraphie", 1904, führt Seite 14 obige Erklärung der Willensgenesis ausführlich an, meint aber zuletzt Seite 17, dafür, daß, gewissermaßen auf von früher her zentral aufgespeicherte Reize hin, die zentripetale Hälfte eines Reflexbogens mit einem energetischen Substrat beschickt werden könnte und zwar nach dem Prinzip der individuellen Wahl, bedürfe man der Einschaltung eines transzendenten Faktors. Auf diesen Faktor beziehen sich wohl Seite 33 die Worte:
    "Das psychische Organ kann nicht über den kortikalen Zentren stehen, sondern es muß sich zwischen ihnen befinden, mit ihnen räumlich, wenn auch nicht dem Wesen nach, identisch und unsichtbar an die sichtbare Materie der zentralen Masse geknüpft sein."
Ich verweise für das Eigentümliche des Psychischen auf meine weiter oben hierzu gemachten Bemerkungen. Hier, bei der Willensgenesis, handelt es sich aber um die erreichbaren sicheren Anknüpfungen, zu denen OTTOMAR ROSENBACHs Auffassungen über das Gehirn, auf die ESCHLE zurückgeht, noch kaum gehören dürften.

Aus dieser richtigen Theorie verstehen wir auch, wie die gewöhnliche falsche überhaupt aufkommen konnte. Sie ist eine Abstraktion aus den nicht wenigen Fällen, wo auf die Vorstellung eines Inhalts und die Wertschätzung desselben eine Handlung eintritt, aber in diesen Fällen bloß darum eintritt, weil die organischen und psychischen Elementarereignisse, auf welche sich Vorstellungen und Wertschätzung beziehen, vorhergingen und so vorhergingen, daß sich eine feste Verknüpfung zwischen diesen Elementarereignissen und den betreffenden Vorstellungen und Wertschätzungen auch rückwärts bildete. Wo die organischen und psychischen Anknüpfungspunkte des effektiven Willens nicht sind, oder aus Mangel an Ausbildung so gut wie verloren sind, da tritt daher der effektiv Wille nicht ein. Der Unmusikalische kann sich durch keinen Willensentschluß in die Freude des Musikliebhabers versetzen, er kann diesem nur glauben, daß es eine solche Freude für ihn gibt; rein praktische Naturen können sich nicht durch Willensentschluß in reine Theoretiker verwandeln, sie können diesen nur glauben, daß es eine Freude des bloßen Forschens, wie etwas ist oder geschieht, für sie gibt, ohne alle Nebengedanken daran, ob dabei auch etwas Nützliches abfällt. Wo jene Anknüpfungspunkt fehlen, da kann sogar die Vorstellung und Wertschätzung nicht gebildet werden. So hat der von Natur Beherzte gewöhnlich gar keine Vorstellung davon, wie einer feig sein kann, und man kann ihm das Gruseln nur beibringen, wie im Märchen, daß man ihn in irgendeine Lage versetzt, wo er es plötzlich fühlt. Der von Natur Mäßige begreift nicht, wie ein Mensch an Liederlichkeit Gefallen finden kann, der von Natur Gütige kann sich in eine boshafte Tat gar nicht versetzen. Umgekehrt legt der Mensch von gemeiner oder egoistischer Gesinnung alles nach sich aus, weil ihm eine uninteressierte und edle Denkungsart ganz unfaßbar ist. Hier verschlagen daher bloße Vorstellungen und Gemütsbestürmungen, alles sogenannte Moralisieren, gar nichts. Wo die elementaren organischen und psychischen Anknüpfungspunkte des effektiven Willens zwar vorhanden sind, aber schwach, da werden die darauf bezüglichen Vorstellungen und Werturteile leicht gebildet, aber sie bringen, sobald sie als  antecedens  [Vorhergehendes - wp] auftreten, natürlich nur ein schwaches  consequens  [Darauffolgendes - wp] hervor. Hier ist das Gebiet, wo die falsche Willenstheorie am üppigsten zu grassieren pflegt; weil doch Vorstellung und Wertschätzung da ist, glaubt man der Effektivität des Willens dadurch aufhelfen zu können, daß man die Vorstellung klarer, die Wertschätzung stärker macht, indem man auf beide einwirkt durch verständiges oder anfeuerndes Zureden. Der Erfolg, wenn nicht unbewußt die richtigen Mittel der Willensbildung mit angewendet werden, ist kein anderer, als er sein würde, wenn jemand ein Gedächtnis, das schwach ist, aber doch etwas vorhanden, dadurch zu stärken gedächte, daß er dem Besitzer eine Rede über die Beschaffenheit und Vorzüge eines guten Gedächtnisses hält.

Aber welches sind die richtigen Mittel der Willensbildung? Ist der Wille im gefundenen Sinn überhaupt bildbar? Im allgemeinen ist zu sagen, daß ROUSSEAUs Grundgedanke auch hier richtig ist, alle Bildung sei Entwicklung der Natur, man müsse dem, was sich im Menschen von selbst regt, nur Gelegenheit geben, sich zur Gewohnheit zu befestigen. Aber ROUSSEAU hat nicht darin Recht, daß alles, was sich im Menschen von selbst regt, auch gut ist; auch ist manches im Menschen angelegt, was sich doch nicht von selbst regt. Es ist bei ROUSSEAU neben einem richtigen Grundgedanken so viel Mangelhaftes damit vermischt, daß wir nach diesem allgemeinen Hinweis auf ihn gut tun werden, unseren eigenen Weg in der eingeschlagenen Richtung fort zu gehen.

Der in seinem Ursprung in der oben angegebenen Weise verstandene Wille ist nämlich bildbar, d. h. zunächst rein formal der Verstärkung und analogen Erweiterung fähig, sofern unzweifelhaft die organischen und psychischen elementaren Grundlagen desselben bildbar, d. h. zunächst wieder rein formal der Verstärkung und anaologen Erweiterung fähig sind, wobei die inhaltliche Art dieser Bildung und der ursprünglichen Anlagen selbst sehr mannigfach sein kann. An jene elementaren Grundlagen des Willens muß sich aber die Willensbildung primär wenden, weil die Vorstellung und Wertschätzung, welche beim Willen eine Rolle spielen, sich aus jenen erst heraus entwickelt haben, also nicht für sich, sondern nur im Zusammenhang mit jenen elementaren Grundlagen von Wirkung sind und daher nur erfolgreich sein können, wo die zum effektiven Willen mit gehörigen organischen und psychischen Elementarvorgänge, welche durch Vorstellung und Wertschätzung nur angeregt werden, schon da sind und sich vielleicht instinktiv mannigfach betätigt und geübt haben.

Die Hauptgesetze der effektiven Willensbildung zu kennen, ist wichtig, nicht bloß, um sie bei der später zu behandelnden sittlichen Willensbildung zu benützen, sondern auch um die Menschheit, wie sie wirklich ist, richtig zu verstehen; denn nach diesen Gesetzen hat sich der effektive, in eine Handlung übergehende Wille stets gebildet, und alle erfolgreiche Einwirkung auf Menschen mußte stets bewußt oder instinktiv an sie anknüpfen.



LITERATUR - Julius Baumann, Wille und Charakter, Berlin 1905
    Anmerkungen
    1) Psychologie, aus SCHLEIERMACHERs Nachlaß, hg. von LEOPOLD GEORGE, 1892, Seite 392
    2) HACK TUKE, Geist und Körper, Studien über die Wirkung der Einbildungskraft, Übersetzt von H. KORNFELD, 1888.
    3) Rückläufige Assoziationen sind beim Lernen von MÜLLER und SCHUMANN experimentell festgestellt.