tb-1cr-2WundtCarl StumpfA. Stadler     
 
BENNO ERDMANN
Die Gliederung der Wissenschaften

"Wissenschaftlich ist jede Erkenntnis, deren Ziel es ist, die allgemeinen begrifflichen Voraussetzungen zu suchen, aus denen wir die besonderen, uns erfahrungsmäßig gegebenen Vorgänge erklären können. Gebiete also wie die der Pädagogik, der Jurisprudenz, der Technologie, der Medizin usw. werden dadurch abgetrennt. Denn die für diese Kunstdisziplinen oder praktischen Wissenschaften hinzukommende Beziehung auf die bestehenden Verhältnisse gilt für alle Wissenszweige in der gleichen Weise, sofern sie überall bedingt ist durch die Bedeutung des Wissens für die praktische Lebensgestaltung und damit zuletzt für das sittliche Handeln."

Die Frage nach dem Begriff und der Bedeutung einer einzelnen Wissenschaft läßt sich nur durch den Versuch einer systematischen Gruppierung aller Wissensgebiete beantworten. Einem jeden solcher Klassifikationsversuche aber stehen all jene Hindernisse entgegen, welche eine überall befriedigende Lösung der allgemeinen Probleme unseres Erkennens überhaupt erschweren. Denn auch hier treten all jene schwer bestimmbaren Einflüsse unserer ethischen und ästhetischen Wertschätzung der Probleme und ihrer möglichen Lösungen in Kraft. Zwar könnte es scheinen, als ob durch den abstrakt formalen Charakter der Frage diese Einwirkungen unseres Wollens und Fühlens, welche bei den inhaltlichen metaphysischen Theoremen meist weitaus wirksamer sind als die begrifflichen Grundlagen ihrer Beweise, hier auf ein Minimum reduziert werden; jedoch dieser Schein verschwindet, sobald man bedenkt, daß der logische Zusammenhang der einzelnen Wissenschaften uns im Grunde nur insofern interessiert, als er uns über die Bedeutung der mannigfachen Problemreihen für die letzten Ziele unseres Strebens Aufschluß zu geben vermag. Und könnten diese allgemeinen Andeutungen einen Zweifel übrig lassen, ein flüchtiger Blick schon auf die verschiedenartigen, teilweise einander direkt entgegengesetzten Klassifikationsversuche, welche die Geschichte der Philosophie erkennen lehrt, würde diesen Zweifel zerstören. Man kann deshalb auf die Gefahr hin, paradox zu erscheinen, hier wie bei allen metaphysischen Untersuchungen behaupten, daß die Ergebnisse umso mehr voneinander divergieren werden, je systematischer sie entwickelt worden sind. Denn fast immer ist die Eigenartigkeit der Individualität der Schärfe und sicherer noch der Tiefe des Denkens proportional.

Trotz dieser unvermeidlichen Subjektivität des Ergebnisses gehört jedoch auch diese Frage zu denjenigen, denen sich keine Periode ungestraft entziehen kann. Denn jedem Wissensstand ist eine allgemeine Orientierung über die gegenseitgen Beziehungen der vorhandenen Probleme unerläßlich. Und tatsächlich wird sich unter den Vertretern der Wissenschaft vielleicht kein so wenig klarheitsbedürftiger Kopf finden, daß sich in ihm nicht Assoziationsreihen über die Zusammenhänge der einzelnen Disziplinen bilden sollten, wenn dieselben mehrfach auch nur die Form einer absteigenden Reihe vom eigenen Arbeitskreis als dem wertvollsten und unentbehrlichsten zu dem diesem fernliegendsten als dem geringfügigsten annehmen mögen.

Ebenso offenbar wie diese Unentbehrlichkeit ist die Bedeutung solcher allgemeinen Klassifikationsversuche, denn eine jede Gruppierung der gesamten Wissensgebiete muß getragen sein von denjenigen Formen der Zusammenfassung, die dem wissenschaftlichen Bewußtsein der Zeit als die allgemeinsten gelten. Dadurch aber wird dieselbe zugleich unbeschadet ihrer notwendig subjektiven Färbung zu einem charakteristischen Kennzeichen sowohl der Richtung als auch der Intensität der wissenschaftlichen Bewegung in der betreffenden Periode.

Die vorliegende Untersuchung wünscht deshalb danach beurteilt zu werden, inwieweit es ihr gelungen ist, die allgemeinsten, gegenwärtig gegebenen Beziehungsformen des Wissens für ihren Zweck zu verwerten.

Den Ausgangspunkt unserer Erörterungen bildet die Bestimmung der Aufgabe der Wissenschaft überhaupt. Gegeben ist derselben das  anschauliche Weltbild,  das uns als etwas Unmittelbares und Fertiges durch unsere sinnliche Erkenntnis übermittelt wird, so sehr dasselbe durch die mannigfachsten, meist unbewußten Einflüsse unseres Fühlens und Wollens ausnahmslos individuell gefärbt ist. Gesucht werden von derselben diejenigen begrifflichen Elemente, in welche jenes fertige Bild zerlegt werden muß, damit es in ein  Begriffssystem der Weltauffassung  umgebildet werden kann. Jene Einwirkungen der Wertschätzung bleiben auch hier in Kraft; sie sollen jedoch nur soweit zur Geltung kommen, als sie aus unbewußten Antrieben zu bewußten, begrifflich rechtfertigungsbaren Forderungen erhoben werden können. Die Aufgabe der Wissenschaften würde demnach vollendet sein, wenn es gelungen wäre, alle Teile jenes anschaulichen Weltbildes in Elemente dieser begrifflichen Weltauffassung zu zerlegen, oder mit anderen Worten, wenn es erreicht wäre, jene Elemente ausnahmslos als Folgerungen aus allgemeinen, teils durch die Beschaffenheit der äußeren Einwirkungen, teils durch die Beschaffenheit unserer eigenen Erkenntnis tatsächlich gegebenen Voraussetzungen abzuleiten, d. h. zu erklären.

Dieser Bestimmung der Aufgabe der Wissenschaften liegt jedoch eine Voraussetzung zugrunde, die einer näheren Erörterung bedarf. Die Annahme nämlich, die oben unausgesprochen mitgedacht wurde, daß es möglich sei, all jene Elemente in  einem  einheitlich verbundenen Komplex von Begriffen, in  einem Begriffs system zu vereinigen, ist nicht selbstverständlich. Die Beweggründe, welche ursprünglich zu derselben hingeführt haben, sind sehr verschiedenartiger Natur und von ungleichem Wert. Sie liegen zumeist zwar in den tatsächlich beobachtbaren, gesetzmäßigen Beziehungen, durch welche selbst die entferntest stehenden Elemente der Weltauffassung selbst in den frühesten Perioden verbunden gedacht worden sind, teils aber auch in der bloßen Tatsache der assoziativen Vereinbarkeit aller Wahrnehmungen, welche dem naiven Bewußtsein überall zur Überzeugung eines objektiven Zusammenhangs alles Wahrgenommenen wird, sowie endlich in mancherlei rein subjektiven Gemütsbedürfnissen. Da die erstgenannten dieser Quellen, welche für die wissenschaftliche Erörterung zunächst maßgebend sind, nicht immer klar fließen, zum Teil sogar leicht versiegen, die zweitgenannten ferner für sich genommen unzureichend sind, die dritten endlich infolge ihrer schwer bestimmbaren Form als Quellen oft gar nicht anerkannt werden, so ist es begreiflich, daß es an Ansätzen zu der entgegenstehenden Behauptung wohl niemals gefehlt hat. Die alten, jedoch auch gegenwärtig noch fortwirkenden Vorstellungen einer Mehrheit aufeinanderfolgender oder gleichzeitiger Welten, die ohne alle gegenseitige Beziehung sind, sowie jener rationalistische Gegensatz von notwendigen und zufälligen Wahrheiten, der noch heutzutage in der ebenso hinfälligen wie allgemein akzeptierten Trennung von notwendigen Gesetzen und zufälligen Tatsachen fortwirkt, sind Beispiele solcher Keimpunkte. Viel bedeutsamer allerdings ist die Einwirkung des Gedankens an einen allgemeinen gesetzlichen Zusammenhang der Welt. In den polytheistischen Vorstellungsweisen, welche die scheinbare Beziehungslosigkeit der einzelnen Gruppen von Naturvorgängen durch die Annahme eines durchgängigen Beseeltseins der Natur von menschenähnlich verbundenen geistigen Wesen sinnvoll aufheben, spielt derselbe nicht minder eine Rolle, als in den theozentrischen Lehren des Monotheismus. Eine ganz entsprechende Stellung weisen ihm all jene anthropozentrischen Theorien des erstarkenden, wenn auch noch sinnlich befangenen wissenschaftlichen Denkens zu. Seine einseitigste aber auch ausgeführteste Ausbildung hat er durch die metaphysischen Systeme des monistischen Absolutismus sowie des pluralistischen Spiritualismus und Materialismus erhalten.

Diese verschiedenartigen Formen, welche der Gedanke eines einheitlichen Zusammenhangs unserer Weltauffassung angenommen hat, beweisen ebenso, wie jene mannigfachen Einkleidungen, unter denen die entgegengesetzte Behauptung sich bis auf den heutigen Tag wirksam erhalten hat, daß wir es hier mit einer Annahme zu tun haben, deren Berechtigung und Sinn nur durch den allmählichen Fortschritt der gesamten wissenschaftlichen Erfahrung festgestellt werden kann.

Es ist deshalb notwendig, darzulegen, in welchem Sinn dieser Gedanke hier in Anspruch genommen werden soll. Glücklicherweise genügt es für unseren Zweck ihm nur denjenigen Inhalt zu geben, der eine aller wissenschaftlichen Forschung unserer Zeit gemeinsame Überzeugung ausspricht. Wir nehmen demnach an, daß unsere Begriffsauffassung der Welt ein System ergeben werde, deren jedes begriffliche Element mit allen anderen durch gemeinsame gesetzliche Beziehungen verknüpft ist. Nur das eine also halten wir fest, was weder dem rein spiritualistisch geneigten Philosophen noch dem vorsichtigsten Naturforscher mehr zweifelhaft sein kann, daß selbst die disparatesten Vorgänge, wie etwa die mechanischen und psychischen, durch unveränderliche Gesetze verbunden sind. Wir sehen demnach einerseits ganz davon ab, wie jene letzten Elemente unserer Auffassung näher bestimmt werden müssen, ob sie als unbedingt gleichartig, etwa als materielle Atome oder als geistige Monaden oder als gleichberechtigte Attribute, oder ob sie als ungleichartige gedacht werden sollen. Wir lassen es andererseits vorläufig unbestimmt, wie wir jene konstante Gesetzmäßigkeit aufzufassen haben.

Eine methodologische Forderung aber, die wir erst an späterer Stelle benutzen können, wollen wir hier schon hervorheben. Dürfen wir nämlich voraussetzen, daß jedes Element unserer Begriffsauffassung mit jedem anderen durch unveränderliche (gesetzliche) Beziehungen verbunden ist, so ergibt sich als eine notwendige Forschungsmaxime der Satz, daß wir die erfahrungsmäßig konstatierten gesetzlichen Beziehungen der Elemente auch in den Fällen, wo zulässige Erfahrungen fehhlen oder nie gewonnen werden können, in den entferntesten Perioden der Weltentwicklung wie in den abgelegendsten Teilen des Weltganzen, solange für allein gültig ansehen, bis unmittelbar entgegengesetzte neue Erfahrungen oder mittelbar gesicherte Schlüsse aus den alten Erfahrungen uns zur Annahme des Gegenteils zwingen. Diese Maxime erscheint als selbstverständlich, solange wir lediglich ihren Zusammenhang mit jener allgemein zugestandenen Voraussetzung in Erwägung ziehen; ein Blick auf ihre tatsächliche Geltung genügt jedoch, erkennen zu lassen, wie wenig sie im einzelnen befolgt wird. Nur auf dem Gebiet der Naturwissenschaften herrscht sie unbedingt, auch hier aber datiert ihre Macht erst seit der Anerkennung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft und den überraschenden astronomischen Entdeckungen der Spektralanalyse. Je komplizierter der Wissensstoff wird, je weniger dementsprechend eine feste Basis gleichartiger Überzeugungen vorhanden ist, desto mehr verliert sie an Einfluß, wie das einzige Beispiel der mannigfachen hylozoistischen [die Materie lebt - wp] und rein spiritualistischen Spekulationen der Gegenwart am besten dokumentiert. Die Konsequenzen dieser Maxime, die sich sowohl hinsichtlich der Erweiterung der induktiv gesicherten Gesetze als hinsichtlich der Abweisung fremdartiger Spekulationen ergeben, sind deshalb durchaus nicht so allgemein zugestanden, als jene Selbstverständlichkeit des allgemein ausgesprochenen Satzes erwarten lassen könnte.

Vorläufig interessieren uns jedoch nur diejenigen Konsequenzen, welche diese nähere Bestimmung der Aufgabe der Wissenschaften hinsichtlich ihrer Klassifikation ergibt. Besitzen wir nämlich ein Recht zu der Annahme, daß der gesamte Wissensstoff sich einem Begriffssystem fügen werde, dessen jedes Element mit allen anderen gesetzlich verknüpft ist, so dürfen wir auch behaupten, daß alle einzelnen Wissenschaften nur Glieder ein und derselben allgemeinen Wissenschaft sind, in die sie sich umso mehr einfügen, je mehr sie selbst fortschreiten. Jede besondere Disziplin steht demnach, ideell genommen, zu jeder anderen in unlösbaren Beziehungen. Sie bildet mit allen anderen einen Organismus, nicht ein System, dessen einzelne Teile etwa einfach durch die größere oder geringere Kompliziertheit ihrer Aufgaben abgesondert werden können. Das Problem einer Gruppierung der Wissenschaften aber fällt demnach zusammen mit der Aufgabe, diejenigen Formen der Zusammenfassung aufzusuchen, welche die allgemeinste Erweiterung vertragen.

Jedoch vermögen wir noch nicht, die Kriterien anzugeben, die uns zu einer Gruppierung im einzelnen berechtigen. Nur ein absolutes Kriterium für den Begriff der Wissenschaft überhaupt haben wir gewonnen: Wissenschaftlich ist jede Erkenntnis, deren Ziel es ist, die allgemeinen begrifflichen Voraussetzungen zu suchen, aus denen wir die besonderen, uns erfahrungsmäßig gegebenen Vorgänge erklären können.

Dieses Kriterium führt zu einer Beschränkung unserer Aufgabe. Denn durch dasselbe sind alle diejenigen Disziplinen, deren Ziel es nicht ist neue Begriffsformen der Weltauffassung zu suchen, sondern vielmehr die bestehenden Verhältnisse der Gesellschaft (im weitesten Sinn genommen) den neu ermittelten Ergebnissen anzupassen, von unserer Aufgabe ausgeschlossen. Gebiete also wie die der Pädagogik, der Jurisprudenz, der Technologie, der Medizin usw. werden dadurch abgetrennt. Denn die für diese Kunstdisziplinen oder praktischen Wissenschaften hinzukommende Beziehung auf die bestehenden Verhältnisse gilt für alle Wissenszweige in der gleichen Weise, sofern sie überall bedingt ist durch die Bedeutung des Wissens für die praktische Lebensgestaltung und damit zuletzt für das sittliche Handeln. Der oben erörterten theoretischen Voraussetzung aller Wissenschaftsbildung tritt nämlich die noch weniger abzuweisende und deshalb noch seltener ausdrücklich betonte praktische Annahme zur Seite, daß kein wissenschaftliches Ergebnis jemals den sittlichen Aufgaben der Gesellschaft widersprechen könne, daß vielmehr jede neue Wahrheit, sieht man ab von den Schwierigkeiten ihrer Einführung, nach Maßgabe ihrer Allgemeinheit dem sittlichen Wohl der Gesamtheit förderlich sein müsse. Jeder Teil der allgemeinen Wissenschaft verträgt daher nicht bloß, sondern fordert eine Übertragung in eine Kunstdisziplin. Zugleich aber ist deutlich, daß die Klassifikation dieser praktischen Wissenschaften nicht dieselbe sein kann, wie die der eigentlich so zu nennenden theoretischen. Weder die Zahl noch die Anordnung der Kunstdisziplinen wird die gleiche sein, da der Einteilungsgrund für dieselben in jenen praktischen Verhältnissen liegt, auf die sie sich notwendig beziehen.

Unserer eigentlichen Aufgabe, die Kriterien der Wissenschaftsteilung zu finden, treten wir näher, sobald wir die gemeinsamen Züge des Bildungsprozesses aller Wissenschaften aufsuchen. Die Umformung des sinnlich gegebenen Anschauungsbildes der Welt in ein Begriffssystem der Weltauffassung, welche die Aufgabe des wissenschaftlichen Erkennens bildet, vollzieht sich im allgemeinen in zwei Stufen. Denn die Begriffsformen, in welche wir die Anschauungsobjekte auflösen, sind doppelter Art.

Die erste, allen Wissenschaften gemeinsame Aufgabe besteht darin, die unendlichfach verschiedenen Anschauungsobjekte oder Erfahrungstatsachen in verschiedene Reihen koordinierter, bzw. subordinierter Gattungsbegriffe einzuordnen. Solche Ordinationssysteme sind die mannigfachen Klassifikationsversuche der Naturobjekte, die grammatischen System der Sprachen usw., sofern in ihnen lediglich auf den Zusammenhang des Inhalts oder des Umfangs der einzelnen Begriffe gesehen wird. Eben hierher gehören auch die Syteme der einzelnen mathematischen Disziplinen. Selbst für das Gebiet des Psychischen, innerhalb dessen nicht in demselben Sinn von Anschauungsobjekten und Erfahrungstatsachen geredet werden kann wie bei den äußeren Objekten - es gibt wenig verfehltere Koordinationen als die eines äußeren und eines inneren Sinnes - sind solche Ordinationsreihen, etwa der verschiedenen Arten der Affekte, notwendig.

Alle diese Ordinationsreihen sind nun rein  logischer  Natur; sie geben lediglich eine Gruppierung der Merkmale der einzelnen Objekte, im günstigsten Fall aller, in den meisten Fällen nur einiger besonders geeigneter.

Jedoch unsere Weltauffassung ist nie eine rein logische gewesen. Nur einmal ist, in jenem klassischen System rationalistischer Metaphysik, das wir SPINOZA verdanken, der Versuch zu einer solchen Weltauffassung in einem konsequenten Zusammenhang gemacht worden. Wir ordnen vielmehr alle Anschauungsobjekt, die psychischen zumeist, zugleich nach ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge. Diese aber bilden wir zu einer eigenartigen Reihenform um, sofern wir sie als eine  kausale  denken. Unter dieser Voraussetzung, deren psychologischer Ursprung und deren erkenntnistheoretische Bedeutung hier gänzlich unerörter bleiben kann, bilden wir Gattungsbegriffe für konstant verbundene Vorgänge. Diese Gattungsbegriffe aber nennen wir  Kausalgesetze.  Sie bilden in diesen Reihen das einzig Konstante; die Objekte dagegen, in denen sie sich äußern, werden als kontinuierlich veränderlich, als  Vorgänge  gedacht. Jede gesetzmäßige Reihenfolge endlich von Vorgängen, die in wechselseitigem Kausalzusammenhang stehen, nennen wir eine  Entwicklung.  Aus der logischen Ordnung von Objekten wird somit eine kausale Ordnung von Vorgängen. Der Prozeß der Wissenschaftsbildung besteht demnach im allgemeinen darin, daß wir die logische Ordnung der Anschauungstatsachen neben, bzw. über und untereinander umformen in eine  Entwicklung  derselben aus einander.

Es bedarf kaum der Andeutung, daß dieser Prozeß nicht für alle Wissensgebiete notwendig ist. Denn noch haben wir die Frage, ob aller Wissensstoff für eine solche Umbildung der logischen Ordination [Anordnung - wp] in eine kausale geeignet ist, gar nicht berührt. Ebenso ist deutlich, daß dieser Prozeß in denjenigen Disziplinen, die ihn durchlaufen müssen, nicht gleich schnell zu erfolgen braucht. Auf dem Gebiet der psychischen Vorgänge ist die Konstanz der einzelnen Tatsachen eine so geringe, daß eine rein logische Auffassung derselben nur unter dem Bann eiens besonderen erkenntnistheoretischen Vorurteils, wie ein solches auf SPINOZA lastete, Platz greifen konnte. Hier ist deshalb die logische Ordination nicht selten unverhältnismäßig in den Hintergrund getreten, noch häufiger aber ist sie, wie in den früheren Theorien der Seelenvermögen, unmittelbar kausal interpretiert worden. Lange Zeit dagegen war erforderlich, ehe sich in den Naturwissenschaften der Umschwung von der logischen Klassifikation zu den Theorien des Kausalnexus vollzog. In der Astronomie haben einerseits KANT und LAPLACE, andererseits WILLIAM THOMSON, in der Geologie LYELL, in den biologischen Disziplinen erst DARWIN das alte Vorurteil zerstört.

Es genügt jedoch für unseren Zweck, auf diese historischen Bezüge jener methodologischen Scheidung hingedeutet zu haben. Wichtiger sind für uns diejenigen Bezüge derselben, die sie mit der allgemeinen Aufgabe der Wissenschaften verknüpfen. Diese bestehen darin, daß sich die Gesamtheit der Wissenschaften darstellt als ein System von Ordinationsreihen, deren jedes durch eine besondere Disziplin repräsentierte Glied mit allen anderen durch gesetzliche Beziehungen verknüpft ist.

Wir haben demnach so viele Wissenschaftsgruppen zu scheiden, wie sich verschiedenartige Ordinationsreihen finden.

Es fragt sich also, wie viele solcher Reihen wir zu bestimmen haben, oder enger gefaßt, ob wir neben den kausalen Ordinationsreihen noch den logischen eine selbständige Rolle zuweisen müssen oder nicht.

Unzweifelhaft ist nun das erstere notwendig. Ein Kausalnexus ist nur möglich, wenn ungleichartige Elemente gegeben sind; denn Ursache und Wirkung können nicht schlechthin identische Begriffe sein. Wenn daher alle Elemente unserer Begriffsauffassung als absolut gleichartig bestimmt werden müßten, so würden wir dieselben nur noch logisch, etwa gemäß ihren veränderlichen Beziehungen in Raum und Zeit, ordnen können. Diejenigen Elemente ferner, die sich als absolut gleichartige darstellen, vertragen nur eine logische Ordination. Nun sind uns solche Elemente tatsächlich gegeben. Sowohl die Einheiten der Zahlen als die Punkte des Raumes und die Momente der Zeit sowie schließlich die Elemente der Größen überhaupt werden als schlechthin gleichartig gedacht. Hinsichtlich des Raums scheint aber ein Zweifel denkbar zu sein. Es ist möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, daß die geometrischen Messungen an sehr kleinen Objekten zu dem Ergebnis führen, das Krümmungsmaß des Raumes sei nicht konstant, sondern nach den drei Dimensionen, wenn auch nur unendlich wenig verschieden, der Raum also sei nicht in sich kongruent. Die geometrische Untersuchung der Raumprobleme würde jedoch auch in diesem Fall auf gleichartige Elemente zurückgehen, sei es daß sie solche Raumteile zum Ausgangspunkt wählen würde, für die jene Differenzen der Krümmungsmaße verschwinden, sei es, daß sie solche benutzte, in denen dieselben gleich sind.

Die Gruppierung dieser mathematischen Disziplinen, d. h. der Wissenschaften des gleichartigen Mannigfaltigen ist bedingt durch die verschieden große Allgemeinheit der zu ordnenden Beziehungen. Die allgemeinste Wissenschaft ist die Lehre von den Größen überhaupt, die als Lehre von den stetigen Größen zur  Analysis  und als Lehre von den diskreten Größen zur  Algebra  (Zahlentheorie) wird. Diesen untergeordnet, einander jedoch koordiniert, sind einerseits die  Geometrie,  d. h. die Wissenschaft der anschaulich gegebenen Beziehungen der stetigen Raumgrößen, andererseits die  Arithmetik,  d. h. die Wissenschaft der anschaulich gegebenen Beziehungen der diskreten Zahlgrößen.

Die Art der logischen Ordination in diesen Disziplinen wird deutlich, sobald man die Grundlagen erwägt, durch welche dieselben getragen werden. Ihr Fortschritt vollzieht sich in der Form der Deduktion des Besonderen aus dem Allgemeinen. Gegeben sind denselben als Tatsachen die ursprünglichsten Eigenschaften der Größen, die in den Axiomen ausgesprochen werden, als empirische Ideale ferner die einfachsten Konstruktions-, bzw. Operationsbegriffe. Ihre Aufgabe ist es, die Maß-, bzw. Zahlbeziehungen, welche in diesen einfachsten Urteilen enthalten sind, auf immer kompliziertere Fälle zu übertragen, also vom Allgemeinsten zum Besondertsten fortzugehen. Überall aber handelt es sich lediglich um eine logische Ordination. (1)

Daß diese mathematischen Beziehungen auf die übrigen Wissenschaften übertragbar sind, daß also neben den eben besprochenen Disziplinen der reinen Mathematik auch angewandte mathematische Wissenschaften vorhanden sind, ist ohne näheren Hinweis klar. Es ist nur erforderlich, daß aus jenen ungleichartigen Elementen sich ein Gebiet gleichartiger Verhältnisse aussondern lasse. Welche Wissenschaften jedoch auf diese Weise entstehen, kann erst an späterer Stelle aufgezeigt werden.

Wir bedürfen dazu erst der Einsicht in diejenigen Gesichtspunkte, welche die Gliederung der Wissenschaftsgruppe der kausalen Ordination bedingen.

Hier nun treffen wir gleich anfangs auf eine Unbestimmtheit, die ihren Grund in der oben gewählten, absichtlich unbestimmt gehaltenen Fassung der Aufgabe der Wissenschaften überhaupt hat. Wir setzten voraus, die Begriffsauffassung der Wissenschaften werde ein System ergeben, dessen Elemente ausnahmslos durch gemeinsame gesetzliche Beziehungen verbunden sind. Diese Annahme läßt im vorliegenden Fall eine mehrfache Deutung zu. Denn die Folgerung, daß demnach die Gesamtheit der qualitativ ungleichartigen Elemente, die unserer kausalen Ordination gegeben sind, sich in eine einzige Entwicklungsreihe werde einordnen lassen, ist nicht die allein möglich. Es ist ebenso möglich, daß wir gezwungen sind, eine Mehrheit solcher Entwicklungsreihen anzunehmen, deren jede von eigenartigen Gesetzen beherrscht wird, die jedoch untereinander ebenfalls gesetzlich verbunden sind. Welche von diesen Annahmen der Wahrheit entspricht, läßt sich a priori nicht feststellen. Ebensowenig führen die bisherigen Ergebnisse der empirischen Forschung zu einem eindeutigen Resultat. Unsere Aufgabe wird es daher sein, diejenigen Entwicklungsreihen zu bestimmen, die sich der wissenschaftlichen, rein begrifflichen Betrachtung als selbständige ergeben. So viele solcher Entwicklungsreihen wir finden, so viele Arten kausaler Wissenschaften werden wir einander koordinieren.

Innerhalb dieser Arten aber haben wir ein Doppeltes zu unterscheiden; jede Entwicklungsreihe gibt der Wissenschaft einen zweifachen Stoff. Denn es ist einesteils notwendig, die konstanten Gesetze zu bestimmen, nach denen sich die Entwicklung vollzieht; es ist andererseits erforderlich, die veränderlichen Vorgänge zu untersuchen, in denen dieselbe vor sich geht. Demnach werden durch jede Entwicklungsreihe zwei Klassen von Wissenschaften bedingt. Diejenigen, welche die Aufsuchung der allgemeinen Gesetze zum Zweck haben, wollen wir  formale  Wissenschaften nennen, diejenigen dagegen, welche sich mit den veränderlichen Vorgängen beschäftigen, die durch die Wechselwirkung jener Gesetze entstehen, lassen sich zweckmäßig als  materiale  oder  geschichtliche  Wissenschaften bezeichnen.

Diese geschichtlichen Wissenschaften endlich zwingen zu einer weiteren Gliederung. Jene veränderlichen Vorgänge nämlich, welche den Gegenstand derselben bilden, geben sich der wissenschaftlichen Forschung nicht immer leicht als Phasen ein und derselben Entwicklungsreihe zu erkennen. Die Geschichte zeigt, wie oft die systematische Stellung mancher Disziplinen gewechselt hat. Wir werden deshalb so viele selbständige historische Wissenschaften zu trennen haben, als uns Komplexe von Vorgängen gegeben sind, die sich nicht als notwendige Phasen ein und derselben Entwicklungsreihe begreifen lassen. Es wäre demnach möglich, daß wir für einzelne Vorgangsreihen gar keinen systematischen Ort aufweisen könnten, weil wir diese Subordination nicht zu vollziehen wissen. Jedoch so versteckt haben die mannigfachen Beziehungen des Wissens nie gelegen, daß jeder Versuch einer solchen Einreihung unmöglich gewesen wäre. In den meisten Fällen ist dieselbe dadurch gesichert, daß die Wirksamkeit der gleichen allgemeinen Gesetze in verschiedenen Vorgangskomplexen anerkannt ist, daß es jedoch noch nicht möglich ist, den einen dieser Komplexe aus dem anderen abzuleiten, d. h. die Übergänge zu finden, welche beide verbinden.

Wenden wir uns nun von diesen allgemeinen Eröterungen über die möglichen Gesichtspunkte der Einteilung dieser Aufgabe selbst zu, so werden wir in erster Linie festzustellen haben, wieviele selbständige Entwicklungsreihen uns die tatsächlichen Eigenschaften des Wissensstoffes anzunehmen zwingen. Es ist nicht schwer, die Gründe, welche einen solchen Zwang ausüben, aufzufinden. Sie sind überall da vorhanden, wo unsere begriffliche Analyse einen unbedingten Gegensatz sowohl der allgemeinen Gesetze als auch der besonderen Vorgänge der Entwicklung anerkennen muß. Nun ist nur ein einziger derartiger Gegensatz vorhanden; der zwischen psychischen und mechanischen Vorgängen. Die Forschung hat Jahrtausende gebraucht, um ihn sich zu deutlichem Bewußtsein zu bringen; erst durch CARTESIUS' Scheidung der denkenden und ausgedehnten Substanz ist er gewonnen worden. Seitdem hat die philosophische Entwicklung von fast 250 Jahren vergebliche gearbeitet, denselben aufzuheben. Wir müssen, wollen wir aufrichtig sein, noch heute gestehen, daß wir zwar viele Irrtümer haben ausschließen können, daß wir aber dem wahren Sachverhalt nicht viel näher gekommen sind. An Lösungsversuchen hat es dem Problem zwar nicht gefehlt; Metaphysik und Erkenntnistheorie haben sich beeifert, solche zu geben. Dem absolutistischen System SPINOZAs ist der Spiritualismus von LEIBNIZ gefolgt; die materialistische Richtung der französischen Philosophie des vorigen Jahrhunderts hat schließlich die Möglichkeit der metaphysischen Lösungen erschöpft. Der kritische Realismus KANTs dagegen, für den das Problem allerdings nicht mehr im Vordergrund stand, hat ihn durch die erkenntnistheoretische Scheidung des äußeren vom inneren Sinn zu heben gesucht. Jedoch keinem dieser Systeme, die von allen späteren bisher nur variiert worden sind, ist es gelungen, eine allgemein befriedigende Lösung zu finden. Ebensowenig aber haben die neueren Fortschritt der psychologischen wie der allgemeinen biologischen Forschung geleistet. Die altbekannte Tatsache funktioneller Beziehungen ist zwar um vieles genauer bestimmt geworden; aber dadurch ist bisher nur die Gewißheit befestigt, daß beide Entwicklungsreihen sich in eine einzige werden auflösen lassen. Jedoch über die Art dieser Auflösung haben wir noch immer nur Hypothesen, deren keine durch die Tatsachen eindeutig gefordert wird, deren jede denselben vielmehr bis jetzt so wenig hat angepaßt werden können, daß sie nur durch verwickelte Hilfsannahmen zu halten sind. Deshalb ist selbst über diejenige Konsequenz, die hier in Betracht kommt, keine sichere Entscheidung möglich, über die Frage nämlich nach der Ordination beider Vorgangsreihen. Denn jedem der drei möglichen Fälle entspricht eine jener metaphysischen Hypothesen, an denen im Grunde nur ihre Unzulänglichkeit für die Tatsachen sicher ist. Eine Subordination nämlich der physischen Vorgänge unter die mechanischen fordert der Materialismus, eine Subordination dagegen nimmt der Spiritualismus in Anspruch; einer Koordination beider redet schließlich der Absolutismus das Wort. daß aber in Wirklichkeit keine durch die Tatsachen selbst geforderten Gründe vorhanden sind, die eine vor den anderen vorzuziehen, mögen einige kurze Hindeutungen wahrscheinlich machen.

Der Materialismus kann sich besonders darauf berufen, daß deutliche Spuren psychischer Vorgänge erst an demjenigen Organismus wahrnehmbare sind, bei denen die Differenzierung der physiologischen Funktionen zur Ausbildung von Ganglienkonvoluten und Nerven geführt hat. Denn sind wir gezwungen anzunehmen, daß psychische Vorgänge erst in einem späten Zeitpunkt der mechanischen Entwicklung auftreten, müssen also die zureichenden Bedingungen in der vorhergehenden rein mechanischen Entwicklungsstufe gesucht werden, so ist, will man nicht zu sehr komplizierten Hilfshypothesen seine Zuflucht nehmen, der Materialismus in der Tat unvermeidlich.

Jedoch gegen diese Schlußfolgerung kommen zwei andere Umstände in Betracht, die vielleicht schwerer wiegen, als die nirgends fest zu umgrenzende Tatsache, aus der sie entwickelt wurde. Erstens nämlich sind alle unsere physikalischen Grundgesetze auf der Voraussetzung basiert, daß alle lebendigen sowohl wie Spannkräfte lediglich Bewegungskräfte sind; speziell das Gesetz von der Erhaltung der Kraft verliert ohne diese Annahme seinen Sinn. Nun aber kann selbst der konsequenteste Materialist nicht mehr behaupten, daß die Vorstellung nichts als eine Art Bewegung ist. Sie muß auch ihm wenigstens als Bewegung  + x  gelten. Dieses  x  aber bedarf zu seinem Eintritt einer Kraft, die nur den vorhandenen Bewegungskräften entnommen werden könnte. Dann aber müßte es Bewegungskräfte gegben, die nicht Bewegung allein hervorrufen. Das aber widerspricht dem Gesetz der Erhaltung der Kraft. Ein zweiter noch kampfgewohnter und siegessicherer Bundesgenosse ist für den Spiritualismus die Theorie DARWINs, welche nicht einmal zwischen anorganischen und organischen Vorgängen, geschweige zwischen den Arten der organischen Wesen einen solchen Gegensatz zu statuieren erlaubt, wie er durch den plötzlichen Eintritt psychischer Vorgänge in die mechanische Entwicklungsreihe notwendig gemacht würde.

Sobald jedoch diese Erwägungen benutzt werden sollen, um den Spiritualismus selbst zu sichern, treten ihnen ähnliche Tatsachen entgegen, wie diejenigen sind, auf welche sich der Materialismus stützt. Denn noch ist kein tatsächlicher Anhaltspunkt geliefert worden, der uns berechtigen würde, den anorganischen Körpern psychisches Leben zuzuschreiben. Hypothesen, welche diesen bedenklichen Gegensatz spiritualistisch zu erklären versuchen, sind seit GIORDANO BRUNO genug ausgesonnen worden, jedoch selbst der bewunderungswürdigen poetischen Feinsinnigkeit FECHNERs ist es nicht gelungen die leere Denkbarkeit geringeren oder gar höheren geistigen Lebens wahrscheinlicher zu machen.

Scheinbar am günstigsten ist das Verhalten der Tatsachen zu den mannigfachen möglichen absolutistischen Theorien, denn diese können sie alle für sich verwenden, da der dunkle Urgrund des Absoluten, sei es nun die unendliche Substanz, der absolute Geist, der Wille oder das Unbewußte, für jede beliebige Hypothese bereitwilligst Anknüpfungspunkte gewährt. Aber diese scheinbare Gunst ist tatsächlich vielmehr Gleichgültigkeit. Die Tatsachen scheinen alle zu entsprechen, weil keine bestimmte Hindeutungen enthält. Diejenigen Gründe, welche zu dieser Hypothese führen, liegen fast ausschließlich in erkenntnistheoretischen Erwägungen. Leider aber ist die Sprache der Erkenntnistheorie vieldeutiger noch als die Sprache der Tatsachen.

Es bleibt uns demnach für unseren vorliegenden Zweck nur übrig, psychische und mechanische Entwicklungsreihen aufgrund des tatsächlichen Gegensatzes beider zu koordinieren, diese Koordination jedoch mit all dem Vorbehalt zu denken, der durch jene Unbestimmtheit gefordert wird.

Die Wissenschaften, welche die Entwicklungsreihe der mechanischen Vorgänge zu untersuchen haben, d. h. die  Naturwissenschaften  zerfallen nun gemäß der früher besprochenen Unterscheidung in formale und geschichtliche Disziplinen.

Die formale Naturwissenschaft ist demnach die Wissenschaft von den Entwicklungsgesetzen der mechanischen Vorgänge d. i. von den Bewegungsgesetzen. Sie umfaßt diejenigen Disziplinen, die wir in  physikalische  und  chemische  zu trennen gewohnt sind. Es liegt jedoch zu dieser Scheidung kein sachliches Recht vor. Sie ist nur dadurch bedingt, daß wir noch nicht imstande sind, die Molekularbewegungen gesetzlich zu bestimmen, welche die chemischen Verbindungen und Trennungen regeln, sondern nur empirisch anzugeben wissen, unter welchen Bedingungen diese oder jene Komplikation derselben eintritt. Erst die mechanische Wärmetheorie hat beschränkte Gebiete der Rechnung zugänglich gemacht.

Da sich die physikalischen Disziplinen nach dem Voranschreiten von HELMHOLTZ den Kraftbegriff im Terminus der "Erhaltung der Kraft" fest angeeignet haben (auch in der allmählich sich einbürgernden englischen Bezeichnung der Erhaltung der Energie ist er enthalten), so ist es nicht überflüssig zu erwähnen, daß wir mit demselben Recht von Bewegungskräften, statt von Bewegungsgesetzen hätten reden können. Denn wir sind gezwungen, den Begriff des Bewegungsgesetztes in die Komponenten Ursache und Wirkung zu zerlegen, gleichviel wie wir über den Ursprung dieser Begriffe denken, um die Ordnung der Aufeinanderfolge zu bezeichnen. Kraft aber und Ursache sind Synonyma geworden, seitdem wir gelernt haben einzugestehen, daß wir über die Art des Hervorbringens ewig nichts wissen können.

Die Einteilung der physikalischen Wissenschaft in eine theoretische und eine empirische Physik ist rein formaler Natur; sie ist zweckmäßig, sofern die Untersuchung, welche Bewegungsgesetze tatsächlich in der Natur vorhanden sind, mit derjenigen, welche die Art und den Zusammenhang dieser Bewegungen darzulegen hat, nicht übereinstimmen, so notwendig jede derselben sowohl Korrektiv als auch Leitfaden für andere ist. Dasselbe gilt von der Einteilung der theoretischen Physik in Kinematik und Kinetik und der letzteren in Dynamik und Statik (2). Eine sachliche Gliederung ist diejenige nach der Art der tatsächlich vorhandenen Bewegungen. Dieselbe ist jedoch gegenwärtig nur dann rein durchführbar, wenn die MAXWELLsche Äthertheorie zugrunde gelegt wird, um die noch Streit ist. Dann würde wenigstens die allgemeine Gliederung in die Molekularbewegungen der diskreten Körperteile und die Bewegungen der kontinuierlichen Ätherteile gesichert sein, und auch die letzteren könnten bereits aufgrund jener anschaulich so schwer vorstellbaren Hypothesen MAXWELLs über den "molekularen Bau" des Äthers als elektrische, magnetisch und optische bestimmt werden.

Diesen formalen Disziplinen nun treten materiale oder geschichtliche zur Seite, welche die Aufgabe haben, die Entwicklungsvorgänge aufzusuchen, die durch jene Gesetze bedingt werden. Wir können dieselben in den Gattungsbegriff der  Kosmologie  zusammenfassen, da dieser seit WOLFFs Zeiten fast immer in einem engeren, auf die mechanischen Vorgänge allein bezüglichen Sinn gebraucht worden ist. Da wir hier, wie früher besprochen, so viele selbständige Disziplinen zu unterscheiden haben, als sich Entwicklungsreihen finden, die sich noch nicht als notwendige Phasen der einen allgemeinen mechanischen Entwicklungsreihe begreifen lassen, so werden wir von den allgemeineren zu den besonderen Wissenschaften fortgehen.

Die allgemeinste geschichtliche Naturwissenschaft ist die  Astronomie,  d. h. die Wissenschaft von der Entwicklung der Sternsysteme. Es bedarf nach den früheren Erörterungen keiner besonderen Diskussion mehr, weshalb die übliche Auffassung der Astronomie als eines besonderen Zweigs der physikalischen Wissenschaften unzulässig ist. Einerseits der allerdings bewunderungswürdige Grad der Vollendung, den die mathematische Berechnung der einzelnen Vorgänge hier, wo sehr einfache Bewegungsverhältnisse zum Ausgangspunkt genommen werden können, bereits erlangt hat, andererseits das Vorurteil, daß speziell in unserem Sonnensystem relativ unveränderliche Bewegungsverhältnisse gegeben sind, hat diese Vorstellungsweise erzeugt. Dazu kam der Glaube, daß eine weitergehende empirische Kenntnis der Sternsysteme, als die ihrer Bewegungsbeziehungen untereinander, uns immer verschlossen bleiben wird. Jedoch keiner dieser Gründe ist stichhaltig. Daß das Studium der Gravitationsbeziehungen der Sternsysteme die Hauptarbeit der Astronomen bisher gewesen ist und voraussichtlich noch lange bleiben wird, ist nur ein Beweis, daß die elektrischen, optischen, chemischen Untersuchungen usw. hier schwerer anzustellen waren, wie sie dann auch zum großen Teil erst durch die Spektralanalyse hervorgerufen worden sind. Das Vorurteil ferner, daß unser Sonnensystem relativ unveränderlich ist, welches meist als selbstverständlich auch auf die allgemeineren Sternsysteme übertragen wurde, hätte schon durch die KANT-LAPLACE'sche Theorie zerstört werden sollen. Jedoch der einfache Gedanke, daß eine Entwicklung, solange noch ein Gegensatz von aktueller und potentieller Energie vorhanden ist, nie zu einem Zustand relativer Unveränderlichkeit führen kann, mußte in einer Zeit, die den Begriff der Entwicklung sowie der Wechselwirkung der Naturkräfte noch so unbestimmt dachte, ohne Einfluß bleiben. So kam es, daß erst die Konsequenzen der mechanischen Wärmetheorie den Glauben widerlegten, der in LAPLACE'  Mécanique céleste  einen scheinbaren Stützpunkt fand. Seitdem wir annehmen müssen, daß Ebbe und Flut fortdauernd die Entfernung der Erde von der Sonne verringern, daß die Licht und Wärme entwickelnden Vorgänge auf der Sonne allmählich abnehmen, daß schließlich der Kosmos einem Maximum der Entropie zustrebt, ist wenigstens die Tatsächlichkeit einer fortdauernden Entwicklung außer Zweifel. Dadurch aber ist auch die Stellung der Astronomie als einer Entwicklungswissenschaft gesichert. Das Gravitationsgesetz aber, das die kosmischen Entwicklungen besonders bedingt, ist ein Gegenstand der physikalischen Wissenschaften, die ebenfalls jetzt erst dahin gelangt sind, den Zusammenhang desselben mit den übrigen Naturgesetzen verstehen zu lernen.

Die zweite Entwicklungswissenschaft, die wir zu besprechen haben, ist die  Geologie.  Sie bildet eine selbständige Disziplin neben der Astronomie, da vorläufig, so sehr ihre Zugehörigkeit zur Astronomie durch die KANT-LAPLACE'sche Hypothese sowie durch die Konsequenzen der Wärmetheorie gesichert ist, doch nahezu alles fehlt, daß diejenigen Untersuchungen, die wir gewohnt sind als geologische zu bezeichnen, auch bezüglich der übrigen Himmelskörper angestellt werden könnten. Daß auch sie erst vor wenigen Jahrzehnten, erst durch LYELL eine klare wissenschaftliche Basis erhalten hat, ist schon oben angedeutet worden. Ihre Aufgabe ist es demnach, die Entwicklungsprozesse zu untersuchen, welche unseren Erdkörper bis zu seinem gegenwärtigen Zustand geführt haben und ihn einst mit den Stoffen der Sonne wieder vereinigen werden. Denn es bedarf kaum der Hindeutung, daß das Studium der fernen Zukunft, soweit sie begrifflich ergründet werden kann, den Entwicklungswissenschaften ebenso zukommt und sicher ebenso lehrreich ist, als das der fernen Vergangenheit.

Unter der Geologie nun stehen einerseits die  Anorganologie,  andererseits die  Organologie,  da für ihre Selbständigkeit, ähnliche Betrachtungen plädieren, als diejenigen sind, die wir oben zugunsten der Geologie anführten. Nur ihr gegenseitiges Verhältnis fordert zu einer besonderen Besprechung heraus. Aber auch hier genügt es darauf hinzudeuten, daß gegenwärtig nur das Eine gesichert ist, daß auf beiden Gebieten dieselben physikalischen (und chemischen) Gesetzt gültig sind, so sehr die Art ihrer Wechselwirkung im besonderen variiert. Über die Natur ihres Zusammenhangs dagegen ist gegenwärtig der Streit der Ansichten sogar ein schärferer geworden, als er vor etwa zehn Jahren war. Der Rekurs zwar auf übernatürliche Eingriffe ist unmöglich geworden, aber durch das bisherige Mißlingen aller Versuche, aus unorganischen Materialien eine organische Zelle zu erzeugen, sind wir bekanntlich in jüngster Vergangenheit auf die Möglichkeit aufmerksam geworden, daß die organische Materie so alt ist wie die unorganische, daß also ein Hervorgehen der einen aus der anderen überhaupt nie stattgefunden hat. Es scheint nun allerdings, daß diese Möglichkeit sehr unwahrscheinlich ist, denn wir wissen mehr als die Tatsache, daß eine solche Erzeugung bisher nie gelungen ist. Wir wissen bestimmt, daß die Entwicklung der anorganischen Stoffe zu organischen einer Periode angehört, in der (chemische und) physikalische Bedingungen vorhanden waren, die man nie versucht hat künstlich wiederherzustellen, die sogar im Einzelnen noch gar nicht bestimmt werden konnten. Bei dieser Sachlage ist es wohl gerechtfertigter, unsere Unwissenheit zu bekennen als Hypothesen herbeizuziehen, für welche die geologischen Tatsachen gar keine Stützpunkte darstellen. Dies umso mehr, als es scheint, daß diese künstliche Erzeugung der sogenannten anorganischen Zellen mehr Aufschluß geben kann, als nach der ersten Beurteilung wahrscheinlich war. Jedenfalls aber folgt aus all dem, wie weit wir noch davon entfernt sind, die organische Entwicklung als eine notwendige Phase der allgemeineren anorganischen verstehen zu können.

Was beide Wissenschaften im besonderen betrifft, so ist auffallend, daß die Anorganologie oder Mineralogie diejenige Disziplin ist, welche über jenen Zustand der rein logischen Klassifikation, den wir früher charakterisierten, am wenigsten hinausgekommen ist. Die systematische Gruppierung ist in den mineralogischen Systemen noch fast rein logischer Natur. Denn selbst die chemische Zusammensetzung führt für sich nicht zur Aufstellung eines Entwicklungssystems.

Jedoch die Organologie genießt ihren Vorzug einer genetischen Ordnung ihrer Objekte allerdings noch nicht lange genug, um auf denselben stolz sein zu können. Überdies hat sie bisher doch kam viel mehr als die Tatsache feststellen können, daß eine Entwicklung aller Organismen von den einfachsten zu den gegenwärtig vorhandenen mannigfach differenzierten Formen stattgefunden hat, und daß die allgemeinsten Grundlagen dieser Entwicklung in den Tatsachen der Vererbung und Anpassung zu suchen sind. Auch das sogenannte biogenetische Grundgesetzt HÄCKELs möchte allerdings eine solche Anerkennung fordern dürfen. Andererseits aber scheint doch eine unbefangene Prüfung zugeben zu müssen, daß die allgemeinen Bedingungen dieser Entwicklung, welche den Inhalt der Selektionstheorie bilden, bei weitem nicht so hinreichend bekannt sind, als die begeisterten Anhänger des großen Zoologen gern zugestanden haben wollen. Was schließlich den dritten Punkt betrifft, der für die Beurteilung dieser epochemachenden Gedankenreihen in Betracht kommt, die systematische Gruppierung der Organismen nach ihrer Abstammung, so hat HÄCKEL, der einzige, der eine solche zu geben gewagt hat, selbst von vornherein daran erinnert, daß es sich nur um einen ersten Versuch handelt. Jedoch diese Einsicht in die, historisch genommen, selbstverständlichen Mängel der neuen Theorie kann nicht hindern, in ihr einen Fortschritt zu sehen, der an Bedeutung dem kopernikanischen um nichts nachsteht. Das anthropozentrische Vorurteil, von dem dieselbe uns vollständig befreien muß, ist gewiß von eingreifenderer Bedeutung für unsere Weltauffassung bisher gewesen, als das geozentrische, das die Wissenschaft seit KOPERNIKUS abgestreift hat. Ein Punkt nur verdient noch Erwähnung, den unsere Gegenüberstellung der formalen und geschichtlichen Wissenschaften besonders beleuchtet, das wunderliche Vorurteil nämlich, das von einzelnen der hervorragendsten Darwinisten in Anlehnung an den Materialismus verfochten wird, als ob aus der Deszendenztheorie als solcher Folgerungen abzuleiten seien, die irgendeines der möglichen metaphysischen Systeme ausschließen. Eine einzige Erinnerung scheint dagegen zu genügen, die nämlich, daß keines der sogenannten Entwicklungsgesetze mehr ist als eine vorläufige Zusammenfassung, die zuletzt auf rein mechanische Bewegungsgesetze hinweist. Die Tatsachen der Vererbung und Anpassung sind doch erst verstanden, wenn es gelungen ist, die Bewegungsgesetze zu finden, welche die entsprechenden Lagerungen der organischen Moleküle bedingen. Damit aber sind alle metaphysischen Folgerungen auf dasjenige Problem hingewiesen, dessen gegenwärtige Unlösbarkeit wir bereits oben gekennzeichnet haben: das Verhältnis Bewegung und Vorstellung bleibt nach wie vor unverstanden.

Auf die weitere Gliederung der biologischen Disziplinen einzugehen, liegt hier keine Veranlassung vor; sie ergibt sich nach dem Bisherigen von selbst.

Nur darauf müssen wir hinweisen, wie die oben besprochene Unbestimmtheit der Koordination mechanischer und psychischer Vorgänge an einem dieser Glieder zum Austrag kommt. Die  physiologischen  Disziplinen der Biologie führen notwendig bis zu dem Punkt, wo zuerst psychische Vorgänge als ein bedeutsames Mittel für den Kampf um das Dasein vorhanden sind, in der  Anthropologie  sogar bis dahin, wo dieses Mittel die Verbreitung und die Herrschaft über die gesamte Erdoberfläche sichert. Es erscheint als selbstverständlich, daß hieraus folgt, die Naturwissenschaften müßten alle Geisteswissenschaften lediglich als spezielle Gliederungen der Biologie ansehen. In Wirklichkeit jedoch ist dieser Schluß nur unter der Voraussetzung einer Wahrheit der materialistischen Hypothese gerechtfertig. Nur jene Einseitigkeit, welche die Begeisterung für eine neue Auffassungsweise unausbleiblich im Gefolge hat, konnte zu dem Glauben führen, daß die spiritualistischen oder absolutistischen Systeme durch die Deszendenztheorie berührt werden.

Wir dürfen also trotz dieses Zugeständnisses an die biologischen Disziplinen und trotz der Anerkennung, daß ihre Methode für die Untersuchung der ethnologischen und selbst der im üblichen engeren Sinne geschichtlichen Fragen von größter Bedeutung werden muß, an unserer Koordination der psychischen und mechanischen Vorgänge in jenem bewußt unbestimmt gelassenen Sinn festhalten.

Auch bei den  Geisteswissenschaften zu deren Besprechung wir jetzt übergehen, haben wir nach dem Früheren formale und geschichtliche Disziplinen zu unterscheiden.

Die allgemeine formale Geisteswissenschaft nun, d. h. die Wissenschaft von den Gesetzen der psychischen Entwicklungsvorgänge, ist die  Psychologie Da die Reduktion derselben auf elementare Vorgänge, wie die Zurückführung der Bewegungen auf die Gesetze anziehender und abstoßender Kräfte, bisher nicht gelungen ist, so ist eine Gliederung derselben nur nach einer logischen Ordnung möglich. Diejenigen Arten psychischer Vorgänge nun, die durch die Selbstbeobachtung als inhaltlich verschiedenartige gegeben werden, sind die Vorgänge des Vorstellens, des Fühlens und des Wollens. Keiner der Versuche, eine diser Arten als einen Spezialfall der anderen abzuleiten, scheint mir bisher gelungen. Ausdrücklich aber sei betont, daß nur die inhaltliche Ungleichartigkeit dieser Vorgangsreihen durch unsere Koordination ausgedrückt werden soll. Die Möglichkeit eines genetischen Zusammenhangs zwischen zweien bleibt nicht ausgeschlossen, so wenig wie behauptet werden soll, daß nicht eine dieser Vorgangsreihen von den beiden anderen besonders verschieden ist. Ich halte dies hinsichtlich des Wollens, das mir nicht auf dieselbe Weise wie das Fühlen und Vorstellen unmittelbar inhaltlich gegeben zu sein scheint, sogar für sehr wahrscheinlich, um nicht zu sagen gewiß.

Diese Gleichartigkeit der Stellung der Psychologie innerhalb der Geisteswissenschaften mit der Stellung der Physik unter den Naturwissenschaften macht es notwendig, auf das Verhältnis beider noch kurz einzugehen.

Die Tatsache funktioneller Beziehungen zwischen den mechanischen und psychischen Vorgängen erfordert eine wissenschaftliche Untersuchung, die so lange als eine selbständige angesehen werden muß, als es nicht gelingt, beide Entwicklungsreihen in eine einzige zusammenzunehmen. Vorläufig also bildet diese Wissenschaft, für die wir nach dem Voranschreiten FECHNERs den bezeichnenden Namen  Psychophysik  wählen, eine selbständige Disziplin. Sie wird eine solche bleiben, falls es sich ergibt, daß eine der absolutistischen Hypothesen der Metaphysik von den Tatsachen gefordert wird. Wenn dagegen der Spiritualismus Recht behält, so wird sie wie auch die ganze Physik und Naturwissenschaft überhaupt ein Teil der Psychologie. Denn dann müssen sich auch alle mechanischen Gesetze psychisch ableiten lassen, da die psychischen Vorgänge ihre zureichenden Gründe enthalten. Denn einen erkenntnistheoretischen Grund, der uns einer notwendigen Unwissenheit über diesen Punkt, die von LOTZE mit großem Scharfsinn zu erhärten gesucht wird, gewiß machte, vermag ich nicht aufzufinden. Ebenso ist deutlich, daß der Materialismus, falls er schließlich Sieger bleiben sollte, die Psychophysik wie die Psychologie (und die geschichtlichen Geisteswissenschaften) zu Teilen der Mechanik machen würde. Die Möglichkeit einer mathematischen Behandlung psychischer Gesetze sehe ich übrigens in keinem Fall ausgeschlossen; ihre Notwendigkeit scheint mir sogar durch die Tatsache einer funktionellen Beziehungverbürgt.

Jedoch diese Gleichartigkeit beider Disziplinen, der Physik und der Psychologie, schließt weitgehende Unterschiede nicht aus.

Die Psychologie lehrt, daß unser Erkennen zu einem Selbstbewußtsein führt, das uns in den Stand setzt, uns nicht bloß, wie dies alle organischen Wesen tun, von anderen Objekten zu unterscheiden, sondern auch über unser Verhältnis zu diesen Objekten zu reflektieren. Die Naturwissenschaften behandeln die mechanischen Vorgänge als etwas schlechthin Gegebenes. Ebendasselbe tut die Psychologie hinsichtlich der psychischen Vorgänge; sie untersucht den gesetzmäßigen Zusammenhang derselben untereinander sowie mit den mechanischen ohne Rücksicht auf ihre  Geltung.  Nun aber treten diese psychischen Vorgänge zugleich als  geltende  auf: das Vorstellen als ein Erkennen von Dingen, das Wollen als ein Verhalten gegen Dinge, das Fühlen als ein Wertschätzen der Dinge. Diese Geltung der psychischen Vorgänge ist eine zweite Tatsache, welche keiner der bisher besprochenen Wissenschaften kennt. Sie bedarf einer eigenen Untersuchung. Es muß ermittelt werden, welches Recht die psychischen Vorgänge zu diesem Anspruch haben, der dem gewöhnlichen Wissen ein so selbstverständlicher ist, daß es z. B. hinsichtlich des Vorstellens einen Unterschied zwischen den psychischen Vorgängen als solchen und denselben als Erkenntnissen gar nicht macht.

Die drei Arten der psychischen Vorgänge sind jedoch in sich zu ungleichartig, um in einer einzigen Untersuchung zusammen behandelt werden zu können. Demnach unterscheiden wir als selbständige Disziplinen die  Lehre vom Erkennen, vom sittlichen Verhalten  (Ethik) und vom  Wertschätzen  (Ästhetik).

Man ist gewohnt, diese Wissenschaften, indem man die Lehre vom Erkennen auf die Logik beschränkt, als normative zu bezeichnen. Wir können diesen Audruck akzeptieren, ohne zugleich den Sinn anzunehmen, der vielfach mit demselben verbunden wird. Es ist nicht unrichtig, zu sagen, daß diese Disziplinen diejenigen Gesetze untersuchen, denen unser Erkennen, Wollen und Fühlen folgen  soll,  es ist jedoch zugleich anzuerkennen, daß diese Gesetze dadurch an ihrem empirischen Charakter nichts verlieren. Auch sie beziehen sich lediglich auf Tatsachen. Das Erkennen umfaßt ebenso eine bestimmte Gruppe tatsächlicher Beziehungen unseres Vorstellens, wie das sittliche Verhalten und das ästhetische Wertschätzen aus unserem gesamten Handeln und Fühlen bestimmte Glieder aussondern. Alle diese Gesetze können  nur dadurch normativ werden, daß sie tatsächlich sind.  Man hat sich hier, verleitet besonders durch KANTs rein intellektuelle Fassung der Ethik, eine Schwierigkeit selbst geschaffen, zu der die Tatsachen keinen Anlaß geben. Die Psychologie liefert uns eine Reihe von Gesetzen, denen unser Denken, Fühlen, Wollen überall folgt. Unter diesen Gesetzen lehrt die Erfahrung solche erkennen, deren bewußte Befolgung unser psychisches Leben in sich einstimmig macht. Die Diskussion dieser Gesetze führt zu  Regeln  für unser Denken, zu  Grundsätzen  für unser sittliches Verhalten, zu  Normen  für unser Wertschätzen.

Nur die erste der so entstehenden normativen Disziplinen, die Lehre vom Erkennen, beansprucht noch ein näheres Eingehen. Wir unterscheiden an unserer Erkenntnis Form und Inhalt, indem wir die Art der Ordnung vom (quantitativ oder qualitativ verschiedenartigen) Geordneten trennen. Hieraus entspringen zwei verschiedenartige normative Wissenschaften vom Erkennen:
    1) die  Logik,  d. h. die Lehre von den Regeln, denen unser Denken folgen muß, um seiner Form nach in sich einstimmig zu werden;

    2) die  Erkenntnistheorie,  d. h. die Wissenschaft von den Regeln, denen das Denken folgen muß, um seinem (allgemeinen) Inhalt nach in sich einstimmig zu werden.
Die erstere lehrt die Methoden der Auffindung und die Arten der Ordnung der Erkenntnisobjekte kennen, die letztere dagegen bestimmt die Obersätze, die all unserem Denken zur inhaltlichen Voraussetzung dienen, die in jedem Urteil jeder Wissenschaft enthymematisch [erwogenermaßen - wp] enthalten sind. Denn in jedem dieser Urteile wird die Existenz (bzw. Nicht-Existenz) und damit auch das Verhältnis eines Dings zu unserem eigenen Erkennen mitgedacht.

Die Logik wie auch die Erkenntnistheorie treten demnach in eine besondere Beziehung zu allen übrigen Wissenschaften, die Psychologie, Ethik und Ästhetik nicht ausgenommen. Denn all jene untersuchen den Erkenntnisinhalt unserer Vorstellungen, diese den Erkenntniswert, der ihnen allen beigelegt wird. Jene betrachten die Vorstellungen ihrem Inhalt nach als Objekte und Vorgänge, diese prüfen sie ihrer Form und ihrer Bedeutung nach als Aussagen unseres erkennenden Subjekts. Jene bearbeiten die Vorstellungen als selbständige Gegenstände, diese die selbständigen Gegenstände als Vorstellungen. Sie erörtern demnach, kann man sagen, die allgemeinen subjektiven Grundbegriffe aller Wissenschaften. Daß sie zugleich als normative Disziplinen in einem engeren Verhältnis zur Ethik und Ästhetik stehen, und als formale psychische Wissenschaften aus der Psychologie als der gemeinsamen Quelle für alle normativen Disziplinen herstammen, tut dieser Beziehung keinen Abbruch, die durch die eigenartige Stellung des Erkennens unter den Arten der psychischen Vorgänge bedingt ist. Noch weniger kann darin eine Schwierigkeit gefunden werden, daß die Erkenntnistheorie, welche die allgemeinsten inhaltlichen Prämissen unseres Erkennens untersucht, hiernach zu den formalen Geisteswissenschaften gehört. Denn jene Obersätz behandeln die Gesetze, welche die Beziehungen des Erkennens zu seinen Gegenständen bestimmen.

Wenn diese Darstellung auf Vollständigkeit Anspruch machen wollte, müßten wir nunmehr versuchen, auch die geschichtlichen Geisteswissenschaften im Einzelnen zu gliedern. Aber diese nicht ganz einfache Arbeit, deren Gesichtspunkte sich übrigens ohne Mühe aus dieser Darstellung der formalen Geisteswissenschaften ableiten lassen, bleibt ebenso wie die Gruppierung der früher kurz erwähnten Kunstdisziplinen besser einer besonderen Abhandlung vorbehalten, damit die bisherigen Betrachtungen schon jetzt zu ihrem Abschluß gebracht werden können.

Durch unsere Erörterungen ist zwar das Gesamtgebie der Wissenschaften eingeteilt, aber die Aufgabe derselben nicht abgeschlossen. Das Begriffssystem, welches die Wissenschaften zu entwickeln haben, soll ein einheitlich zusammenhängendes Ganzes sein. Die Arbeit der einzelnen Disziplinen wird jedoch immer nur Stückwerk geben, das innerhalb jedes einzelnen Wissensgebietes sowohl, als auch zwischen den verschiedenen weite Lücken übrig läßt. Es wird deshalb stets ein Zwiespalt vorhanden sein zwischen dem allgemeinen Bedürfnis nach einem abschließenden Wissen und dem Inhalt des tatsächlich Gewußten. Dieser unveräußerliche Zwiespalt nun hat seit den ältesten Zeiten der wissenschaftlichen Entwicklung zu Versuchen geführt, diese Lücken in und zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Theorien  hypothetisch zu ergänzen,  um so ein allgemeines System der Weltauffassung möglich zu machen. Diese Versuche sind nicht selbst wissenschaftliche zu nennen, denn die Wissenschaft reicht nicht weiter als die begriffliche Bearbeitung der Tatsachen, welche die Lücken übrig läßt; aber sie bilden eine unentbehrliche Ergänzung der Wissenschaften, denn diese verlangen eine Zusammenfassung ihrer Theorien zu einem einheitlichen Weltbegriff. Eben derselbe Trieb, dasselbe Kausalitätsbedürfnis, das die einzelnen Wissenschaften hervorgerufen hat, führt zu diesen hypothetisch abschließenden Versuchen. Sie gehören demnach in jede Gliederung des Wissensgebietes notwendig hinein. Das Gebiet nun dieser hypothetischen Lösungsversuche der Gesamtaufgaben des Wissens ist  die Metaphysik.  Die Metaphysik hat also in der Tat keinen Anspruch auf den Namen einer Wissenschaft. Sie kann ihrer Natur nach nie eine solche werden, sie muß stets hypothetisch bleiben. Deshalb kann sie niemals versuchen wollen, die Ergebnisse der besonderen Wissenschaften zu korrigieren; das Korrektiv für diese sind einzig und allein die Tatsachen der Erfahrung. (Daß jede allgemeine Betrachtung die Möglichkeit an die Hand gibt, Gesichtspunkte aufzufinden, welche die Bedeutung der Einzelergebnisse verdeutlichen können, ist selbstredend, gehört jedoch nicht hierher. Diese negative Korrektur ist überdies ungleich bedeutungsloser als die positive durch die Tatsachen.) Dagegen sind alle besonderen Disziplinen das unmittelbare, die Tatsachen also das mittelbare Korrektiv der Metaphysik. Nur diejenigen Ergänzungshypothesen sind zulässig, welche den wissenschaftlichen Theorien nicht widersprechen; diejenigen unter den möglichen sind die wahrscheinlichsten, welche dem gerade erreichten Zustand des Wissens am meisten angepaßt sind. Jeder Fortschritt der Wissenschaften ist demnach hinsichtlich des Umfangs ein Rückschritt der Metaphysik, denn er bedingt eine Gebietsverkleinerung derselben, hinsichtlich des Inhaltes dagegen zugleich ein Fortschritt derselben, denn er hat eine Korrektur ihrer Hypothesen im Gefolge.

Da die Metaphysik demnach nicht sowohl erzeugt wird durch den Inhalt des Gewußten als durch das Bedürfnis zu wissen, so ist begreiflich, daß auf ihre Hypothesen nicht allein die Theorien der Wissenschaften, sondern auch die Bedürfnisse des Gefühls und die Anforderungen unseres sittlichen Verhaltens wesentlichen Einfluß haben. Diese subjektiven Einwirkungen sind immer umgekehrt proportional den Einflüssen der Tatsachen. Zu diesem allgemeinen Grund aber kommt der besondere, daß die Antriebe zu einem zusammenfassenden metaphysischen Abschluß nie rein theoretischer Natur sind, sondern zugleich durch sehr lebhafte sittliche und ästhetische Forderungen bedingt werden. Das Problem, auf das zuletzt all unser Denken hinausläuft, ist doch die Frage nach der Stellung des Menschen in der Gesamtheit des Seienden. Dazu vor allem brauchen wir diesen hypothetischen Abschluß unseres Wissens. Diese Stellung des Menschen aber wollen wir erkennen, damit wir einen Zielpunkt unseres Strebens finden. Wir sollen nicht streben, um zu streben, sondern um ein Gut zu verwirklichen. Darum sind es in der Tat vor allem die verschiedenartigen Bedürfnisse des Gemüts d. h. unseres Wollens und Fühlens, welche der Metaphysik jenen Charakter fundamentaler Gegensätze der Auffassungsweisen geben. Ihre Stellung zu den Wissenschaften allein reicht hin, jene oben skizzierten allgemeinesten Gegensätze zwischen Materialismus, Spiritualismus und Absolutismus zu erklären. Erst durch diese eigenartige Stellung zu dem, was wir wollen und fühlen, erhalten wir den zureichenden Grund. Wenn wir statt Philosophie Metaphysik setzen, enthält der oft besprochene Satz FICHTEs: "Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist" eine treffende Wahrheit. Denn daß diese Wahl zugleich durch die allgemeine Richtung des geistigen Lebens einer Zeit bedingt ist, wird auch FICHTE nie bezweifelt haben.

Jedoch auch durch diese Betrachtungen wird die eigenartige Stellung der Metaphysik zu den Wissenschaften nicht erschöpft. Ihr Verhältnis ist nicht zu allen Disziplinen zu den formalen Geisteswissenschaften als zu irgendeiner der übrigen.

Da die Kluft zwischen psychischen und mechanischen Vorgängen, welche die Psychophysik durch langsame empirische Arbeit auszufüllen sucht, eins ihrer Hauptprobleme bildet, so müssen die luftigen Brücken, welche ihre Hypothesen über diese Kluft schlagen, vor allen in den Ergebnissen dieser Wissenschaft Grund zu finden suchen, deren Arbeit übrigens nur zu einem Teil aus sinnesphysiologischen Untersuchungen besteht; die vergleichende Erörterung der psychischen Entwicklung auch der niedriger organisierten Tiere, sowie besonders die Diskussion der Bedingungen des ersten sinnlich wahrnehmbaren Hervortretens derselben bieten ihr ebenfalls umfassende und große Aufgaben. Ethik und Ästhetik sind ferner die Mittler der Einflüsse, durch welche unser Gemüt die Richtung der metaphysischen Forschung bedingt. In einem ganz besonderen Verhältnis steht sie schließlich zur Erkenntnistheorie. Die letztere erörtert, wie wir sahen, die subjektiven Grundbegriffe aller Wissenschaften, d. h. die Gesetze, welche die Beziehungen des Erkennens zu den Dingen regeln; die Metaphysik dagegen sucht die objektiven Grundbegriffe, d. h. die Gesetze, welche die Beziehungen aller Vorgänge zueinander regeln, durch eine hypothetische Ergänzung und Verknüpfung der wissenschaftlich bereits festgestellten zu einem systematischen Ganzen zu bestimmen. Wenn man davon absehen könnte, daß zwischen einer einzelnen Wissenschaft und der hypothetischen Ergänzung aller ein korrelatives Verhältnis im Grunde unmöglich ist, so könnte man, um jenen Gegensatz zu bezeichnen, sagen, daß die Metaphysik das objektive Korrelat der Erkenntnistheorie sei.

Es wird nicht unnötig sein, noch besonders zu betonen, daß diese Auffassung der Metaphysik keineswegs dasselbe besagt, was die übliche Auffassung behauptet, wenn sie derselben die Aufgabe zuerteilt, "die unbesehenen Grundbegriffe", "die allgemeinsten Prinzipien", "die Quintessenz der Resultate" aller übrigen Disziplinen zu behandeln. Es kann keine Meinung geben, zu der sich die vorgetragene gegensätzlicher verhielte. Unbesehene Grundbegriffe gibt es in jeder Wissenschaft nur diejenigen, welche die subjektiven Grundlagen derselben ausmachen. Diese aber gehören nicht in die Metaphysik, sondern teils in die Psychologie, teils in die Logik und die Erkenntnistheorie. Die objektiven Grundbegriffe dagegen, also etwa die Begriffe der Materie und Kraft in den formalen Naturwissenschaften, sind in keiner Disziplin unbesehen, sondern bilden in jeder den Gegenstand unablässiger Bearbeitung. Wenn diese Arbeit auch nur selten in den Vordergrund tritt, so ist sie doch in jedem einzelnen Fortschritt vorhanden, denn es gibt zu ihrer Erkenntnis ebenfalls nur die einzige Methode der Induktion. Deshalb kann das allgemeine Interesse der einzelnen Forscher auch nur selten auf diese letzten Fragen ihrer Wissenschaft gerichtet sein, etwa nur dann, wenn eine besonders umfassende neue Induktion den ganzen Wissensschatz verändert. Gewißt ist allerdings, daß dieselben infolge dessen bei der vereinzelten empirischen Arbeit sehr oft ganz außer Acht bleiben; das aber ist eine notwendige Folge ihrer Allgemeinheit. Ihre Erkenntnis wird eben nicht durch jede einzelne Entdeckung wesentlich verändert.

Andererseits jedoch kann keine der einzelnen Wissenschaften jemals ihre allgemeinsten Probleme zum Abschluß bringen, und insofern weist jede derselben auf die Metaphysik hin, welche ihr die hypothetischen Ergänzungen übermittelt. Damit aber ist etwas ganz anderes gesagt, als daß die Metaphysik die  wissenschaftliche Bearbeitung  derselben zu übernehmen hätte. Diese irrige Auffassung führt notwendig dazu, daß die einzelnen Disziplinen zu empirischen Kunden herabgesetzt, und ihnen metaphysische oder, wie man lieber sagt, philosophische Teile beigefügt werden, die eigentlich das Wesentliche derselben ausmachen. So spricht man von einer Philosophie der Natur, der Sprache, des Rechts usw. Eine irrigere Auffassung läßt sich, wie mir scheint, kaum denken. Wenn etwas eine empirische Kunde ist, so ist es die Metaphysik. Empirisch ist sie, weil ihren Ausgangspunkt die tatsächlichen Theorien der Einzelwissenschaften bilden, weil ihr Zielpunkt kein anderer ist als der, das Ganze der Tatsachen zu erklären, weil die Methode ihrer Hypothesen bildung schließlich ebenfalls eine induktive ist. Selbst ihre überraschendsten Kombinationen, ihre genialsten Apercus, und an diesen hat es der Metaphysik nie gefehlt, sind nur versteckte Induktionen. Eine Kunde aber ist sie, sofern sie da anfängt, wo unser eigentliches Wissen aufhört. Nicht minder unverständlich ist die Annahme jener philosophischen oder richtiger metaphysischen Zusatzdisziplinen zu den einzelnen Wissenschaften. Denn weder die Methode noch die Aufgabe derselben kann eine andere sein als die der betreffenden Disziplin selbst, solange man nicht annehmen will, daß wir über Tatsachen auf absolut apriorischen Weg urteilen können.

Trotzdem wir demnach die Metaphysik als das objektive Korrelat der Erkenntnistheorie bezeichnen können, so wird sie dadurch keine Wissenschaft  neben  oder gar  über  den anderen. Sie füllt vielmehr nur den dunklen Raum  hinter  den anderen aus.

Dennoch bildet sie, wie gegenüber einer zweiten Auffassungsweise erinnert werden muß, kein entbehrliches oder gar schädliches Untersuchungsobjekt. Unsere Teilnahme an den letzten Fragen unseres Wissens wird durch die Zielpunkte unseres Strebens notwendig geopfert, und die Wissenschaft als solche wird nie imstande sein, diese Teilnahme zu befriedigen. "Und so ist wirklich", um mit KANT zu reden, "in allen Menschen, sobald Vernunft sich in ihnen zur Spekulation erweitert, irgendeine Metaphysik zu aller Zeit gewesen und wird auch immer darin bleiben." Schon die Behauptung, daß es keine Metaphysik geben könne oder solle, ist metaphysischen Ursprungs. Ist aber eine Aufgabe so notwendig mit jedes Menschen Denken verknüpft, dann verliert die Frage, ob der Versuch ihrer Beantwortung nützlich oder schädlich sei, ihren Sinn.

Aus all dem folgt, daß in der Tat die Metaphysik den formalen Geisteswissenschaften sachlich näher steht, als irgendeiner der übrigen. So wird es erklärlich, daß auch historisch der Entwicklungsgang der Metaphysik mit dem der formalen Geisteswissenschaften eng verschmolzen ist. Sie bildet mit ihnen denjenigen Komplex von Wissenschaften, den wir als  Philosophie  zu bezeichnen gewohnt sind. Es wird auf die Geschichte der Philosophie ein überraschend aufhellendes Licht geworfen, sobald man sie als einen Versuch betrachtet, diese heterogenen Elemente, die in ihr vermischt lagen, allmählich voneinander nach ihrem verschiedenartigen Inhalt und Wert zu sondern. Seit den Zeiten LOCKEs ringen die formalen Geisteswissenschaften, sich von dem Bann loszureißen, den die scheinbar notwendige Einmischung metaphysischer Gesichtspunkte in ihre wissenschaftlichen Erörterungen ihnen auferlegt hat. Und noch gegenwärtig tut die Metaphysik, als ob ihnen die Herrschaft über diese Wissenschaft gebühre.

Dieser sachliche Zusammenhang bedingt dann auch, daß die Kunstdisziplin, welche der Metaphysik entspricht, zugleich auf den formalen Geisteswissenschaften basiert. Zwei Kunstdisziplinen sind es nämlich, die aus dem Komplex der philosophischen Wissenschaften entspringen: erstens die  Pädagogik,  welche auf der Psychologie sowie auf der Ethik (und Ästhetik) basiert, zweitens die  Theologie,  die auch noch jenes "Interesse der allgemeinen Menschenvernunft" an den letzten Fragen unseres Wissens für ihre weitergehenden erziehlichen Zwecke in Anspruch nimmt.

So wird durch diesen Gruppierungsversuch auch die eigenartige Stellung erklärt, welche die philosophischen Fragen unter den Problemen der Wissenschaften eingenommen haben.
LITERATUR - Benno Erdmann, Die Gliederung der Wissenschaften, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 2, Leizig 1878
    Anmerkungen
    1) Zum Vorstehenden vergleiche man meine Schrift "Die Axiome der Geometrie", Leipzig 1877, Seite 135f.
    2) Diese Ordnung der Bezeichnungen ist wohl zweckmäßiger als die von THOMSON vorgeschlagene, welche die Dynamik zum Korrelat der Kinematik, und die Kinetik zum Korrelat der Statik macht.