p-4tb-1H. HöffdingF. MauthnerD. I. SlobinWindelbandA. Messer     
 
BENNO ERDMANN
Umrisse zur
Psychologie des Denkens

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"Der Skeptizismus hat die Möglichkeit jedes allgemeingültigen Erkennens geleugnet. Der Empirismus hat diese Allgemeinheit auf eine bloß induktive reduziert; der deduktive Rationalismus hat eine absolute Allgemeingültigkeit für das ganze Gebiet unseres verstandes- und vernunftmäßigen, kurz unseres rationalen Erkennens behauptet. Der Sensualismus hat, die Rezeptivität der Sinnlichkeit festhaltend, die Spontaneität des Denkens in das leidende Vorstellen der Sinnlichkeit aufgelöst (Hume): der spekulative Rationalismus idealistischer Zuspitzung (Fichte) hat die Rezeptivität in eine Art unserer Spontaneität aufgehoben. Viele haben das Denken nach wie vor als eine Art des Erkennens gedeutet; andere (Kant) haben es vom Erkennen prinzipiell getrennt. Das Urteilen ist von den einen so weit gefaßt worden, daß es in ein Vorstellen überhaupt aufgeht; von anderen wird es so eng genommen, daß es nur bestimmte Arten von Behauptungen umfaßt. Manche lassen das Urteil in eine Verknüpfung von Worten aufgehen (Hobbes); viele andere halten die sprachlichen Bezeichnungen für eine bloß zufällige Gewandung des Denkens. Dort ist es als eine ausschließliche Funktion unseres Vorstellens gedeutet worden; hier gilt bis auf unsere Tage das Vorstellen als ein bloßes Material für die Willensentscheidung des Bejahens oder Verneinens."

"Es gibt wenige Gebiete, für die sich das Wort, daß alles Praktische schon Theorie sei, so wahr erweist, wie das der Psychologie."

Der Inhalt der Begriffe, durch die wir die Gegenstände unseres Denkens allgemeingültig zu bestimmen und damit zu Bestandteilen unseres Denkens zu erheben suchen, ist nicht lediglich von dem Mannigfaltigen abhängig, das wir in ihnen zusammenfassen. Er ist zugleich durch die Gesichtspunkte bedingt, von denen aus die Begriffsbildung unternommen wird. nicht notwendig liegen diese Gesichtspunkte in einer und derselben, etwa in einer aufsteigenden Linie. Je verwickelter vielmehr der Inhalt ist, den wir begrifflich vereinigen, desto mannigfaltiger sind, entsprechend dem durchgängigen Zusammenhang der Gegenstände unseres Vorstellens, die Wege, die zu einer solchen Vereinigung führen. Und häufig genug beruhen die Unterschiede der Begriffsbestimmung, die auf solche Weise eintreten, in Gründen, die nicht genauer begrenzt, geschweige denn formuliert sind, sondern erst nachträglich aus allgemeineren Gedankenzusammenhängen erschlossen werden müssen. Nicht selten ist daraufhin der Anschein entstanden, daß es sich bei der Entwicklung dieser Begriffe nicht um eine fortschreitende Klärung, sondern um bloße Wortstreitigkeiten handle.

Besonders erschwert ist diese fortschreitende Klärung da, wo die Gegenstände nicht, wie in den mathematischen oder den normativen Wissenschaften, durch ihre begriffliche Abgrenzung gleichsam geschaffen werden, sondern wo wir in ihnen gegebene Bestandteile des Wirklichen zusammenfassen. Die Gründe für die Abgrenzung werden dann häufig nicht erst von den Antrieben allgemeingültiger Bestimmung aus gewonnen, sondern entstammen den Motiven der praktischen Weltanschauung, aus der sich das wissenschaftliche Denken und mit ihm die theoretische Weltauffassung herausbildet. Nur unklar und schwankend begrenzte Inhalte sind dann, zumeist unbesehen, mit den Worten, die sie bezeichnen, aus dem praktisch abgezielten Vorstellen aufgenommen und von verschiedenen Gesichtspunkten aus nur so weit, wie die sachlichen Antriebe zurzeit reichten, genauer bestimmt worden. In besonderem Maße trifft die die allgemeinen Voraussetzungen über den Bestand des Wirklichen, die sich früh aufdrängen und schnell der Bedeutungsentwicklung des praktischen Sprachbewußtseins anheimfallen, vor allen also die Gegenstände der philosophischen Forschung. Dazu gesellt sich weiterhin, gerade auf diesem Wissensgebiet, ein entgegengesetztes Extrem: der rationalistische Antrieb, den Inhalt solcher Begriffe durch Definitionen festzulegen, ohne diese durch eine spezielle Analyse von den verschiedenen möglichen Gesichtspunkten für die Begrenzung aus zu sichern, so daß ihr Geltung tatsächlich eine eng beschränkte bleibt. Langsam hat auch die abendländische Philosophie, ähnlich wie etwa die sogenannten beschreibenden Naturwissenschaften, dieses Vorurteil als solches erkannt. Das beweist die Tatsache, daß sie bei ihrer langsam vorbereiteten Erneuerung im siebzehnten Jahrhundert nicht die übrigen Wissenschaften von Tatsachen, sondern die Mathematik zum methodischen Vorbild auch für diejenigen ihrer Gebiete nahm, die keinen normativen Charakter besitzen.

Ein typischer Repräsentant einer solchen Begriffsbildung ist der Bedeutungsinhalt, den wir mit dem Wort  Denken  bezeichnen.

Der Sinn des Denkens ist auch in der griechischen Philosophie mit dem Wort (noein) aus der praktischen Weltanschauung aufgenommen und zuerst durch Erwägungen genauer begrenzt worden, die wir jetzt teils als  erkenntnistheoretische,  teils als  metaphysische  bezeichnen.

Eine  erkenntnistheoretische  Abgrenzung finden wir schon in den Anfängen der eigentlichen Philosopie unserer abendländischen Entwicklung, bei HERAKLIT und bei den Eleaten. Eine definitorische Bestimmung des Begriffs ist uns allerdings weder von HERAKLIT, noch von PARMENIDES überliefert und war schwerlich bei ihnen vorhanden. Versuchen wir das, was sie mit ihren Worten für unser "Denken" meinen, in unserer Gedankenführung wiederzugeben, so können wir sagen, das Denken soll bei ihnen dasjenige  Erkennen  bezeichnen, das im Unterschied vom sinnlichen Erkennen Allgemeingültigkeit besitzt. Das Denken ist demnach hier, kurz gesagt,  allgemeingültiges Erkennen.  Im Gegensatz zur aufklärerischen Popularphilosophie der Sophisten wird es von PLATON im Anschluß an sokratische Lehren schärfer begrenzt, indem von ihm zwischen das gedankliche, keinen Irrtum zugängliche Erkennen, d. i. das  Wissen  (episteme) und das sinnliche Erkennen das schwankende Vorstellungsgebiet des Meinens eingeschoben wird.

Mit dieser erkenntnistheoretischen Bestimmung ist eine  metaphysische  von vornherein auf das engste verknüpft. In der vorsokratischen Philosophie besteht kein scharfer genetischer Gegensatz zwischen Denken und Wahrnehmen. Aber ein sachlicher Kontrast zwischen beiden ist deutlich vorhanden: nicht, was uns die Sinne darbieten, ist das wahrhaft Seiende, sondern was wir gemäß dem Bestand des sinnlich Wahrnehmbaren als dessen Grundlage  denken  müssen. Das erkennende Denken ist demnach allgemeingültig, weil es allein - es ist dies für jene Zeit eine selbstverständliche Konsequenz - das Seiende als solches erfaßt. Das Denken ist demnach als irrtumsfreies Erkennen das  Wissen vom Seiendem als solchem. 

Bei PLATON liegt überdies der Ansatz zu einer  zweiten metaphysischen  Bestimmung vor, die sich mit der eben charakterisierten unbesehen vermischt. Sie entfließt den Überlegungen, die auf eine schärfere Trennung des Geistigen vom Körperlichen abzielen. Der Ansatz zu jener Bestimmung liegt in dem Gedanken, daß die Seele, deren Fassung als Lebensprinzip altüberliefert war, eine "selbsttätige" Ursache, in der Sprache der Zeit "ein sich selbst Bewegendes" ist. Von ihr aus wird das Denken als höchster Repräsentant des Seelischen und damit als spezifischer Repräsentant des nur dem Menschen eigenen Geistigen, nach dem späteren Ausdruck zur  Spontaneität,  dem die sinnliche Erkenntnis als Rezeptivität gegenübersteht.

Auch der Ansatz zu einer Spezialisierung ist schon bei Platon vorhanden, zu einer Trennung zweier  Arten  des Denkens. Die Scheidung der nach PLATON uns eigenen "Wiedererinnerung" der Ideen, die an die Wahrnehmung der Sinnesgegenstände gebunden ist und der ursprünglichen, unsinnlichen Anschauung des Seienden birgt den Keim, der sich unter dem Einfluß der aristotelischen Bestimmungen über die sogenannte tätige "Vernunft" und der neuplatonischen Lehre vom höchsten, über uns selbst hinausführenden oder ekstatischen Erkennen spaltet. Das Denken, das wir in uns erleben, wird so in ein  diskursive  und ein  intuitives,  d. h. in ein niederes und ein höheres trennbar; es zerfällt nach späterer Namensgebung in den mehr oder weniger an die Sinnlichkeit gebundenen  "Verstand und in die sinnenfreie  "Vernunft".  Dadurch entsteht eine Gliederung, in der sich wiederum erkenntnistheoretische und metaphysische Erwägungen mischen.

Zu dem allen gesellt sich seit der Kodifikation der Logik durch ARISTOTELES ein  logisches  Motiv. Die aristotelische "Analytik" ist allerdings lediglich auf eine Theorie des beweisenden Denkens angelegt. Ihr fehlt ebenso wie den übrigen als Organon zusammengefaßten logischen Schriften des Stagiriten [= Aristoteles - wp] jede Fragestellung, die auf die Grundoperationen des Denkens, auch nur des beweisenden, also auf das Urteilen, zugespitzt wäre. Die Angaben des Philosophen über das Urteilen bleiben dürftig, selbst wenn wir die fragwürdige kleine Schrift, die der Analytik vorangestellt wird, hinzunehmen. Immerhin aber ist das als Behauptung, als Bejahung oder Verneinung, gefaßte Urteil nicht bloß tatsächlich die Grundlage der aristotelischen Lehre vom Beweis, sondern wird von ARISTOTELES auch trotz der unzulänglichen, zuletzt durch die Ideenlehre bedingten Voranstellung des "Begriffs" als solche anerkannt. Von hier aus ist das Denken zum  Urteile  geworden, wenn auch nicht schon bei ARISTOTELES selbst, da dessen unklare Lehre von  nous  einer solchen Identifizierung mehr widerstrebt, als sie ihr günstig ist.

Geschlossen ist die Reihe der anfänglichen Motive für die Begrenzung des Denkens durch das Vorstehende jedoch nicht. Es fehlt vielmehr ein Element, das von den frühesten Entwicklungen des menschlichen Geistes an schon die gesamte Philosophie des klassischen Altertums und der späteren religiös zentrierten Philosophie durchsetzt: die  kosmologisch-religiöse  Bestimmung des göttlichen Denkens. Sie tritt seit ANAXAGORAS nur fester gefügt auf; bei ARISTOTELES bildet sie einen der Grundsteine der "ersten Philosophie", im Neuplatonismus und seinen Vorläufern, ähnlich wie später bei SPINOZA und sodann wieder bei FICHTE, SCHELLING und HEGEL, den Ausgangspunkt für die Konstruktion metaphysischer Methoden. Die philosophischen Grundlagen für diese Bestimmung des göttlichen Denkens, des später sogenannten  intellectus archetypus  [schöpferischer, göttlicher Verstand - wp], dem nicht wie unserem  intellectus ectypus  [bilderbedürftiger Verstand - wp] ein zuletzt durch Sinneswahrnehmung erkennbares Wirkliche  gegeben  ist, sondern der alles endlich Seiende  vorbildet  oder gar  schafft,  sind jedoch in den zuerst besprochenen Fassungen des Denkens bereits mitenthalten. Die kosmologischen und theologischen Ableitungen, als deren Glieder sie in jenen Zusammenhängen auftreten, dürfen deshalb für unseren psychologischen Zweck außer Betracht bleiben.

Ein Rückblick auf die Philosophie des klassischen Altertums stellt uns somit vor vier verschiedenartige Bestimmungen und zwei Einteilungen des Denkens. Es ist in jener Hinsicht allgemeingültiges Erkennen, Wissen vom wahrhaft Seienden, Spontaneität und endlich Urteilen; in dieser Hinsicht zerfällt es teils in diskursives und intuitives, teils in göttliches und menschliches. Damit sind die philosophischen Grundlagen für alle späteren Entwicklungen des Begriffs vom Denken gegeben. Diese Grundlagen sind jedoch schwankende. Keiner jener Begrenzungen und dieser Einteilungen ist das Ergebnis einer speziell auf das Wesen des Denkens gerichteten Untersuchung, die strengeren Ansprüchen genügen könnte. Jede von ihnen enthält eine Gruppe von Unbestimmtheiten. Diese ließen nicht nur möglich werden, daß jene Abgrenzungen bald ineinander liefen, sondern hatten auch zur Folge, daß die Entwicklung der Disziplinen, in deren Gesichtskreisen sie aufgetreten waren, sie weiterhin vielfältig modifizierte. Von diesen Modifikationen sei hier nur eine erwähnt: die in der Fassung des Denkens als Spontaneität angelegte Annahme, daß in der Zustimmung zum behauptenden Urteil ein  Willensmoment  liege. Einen Keim zu ihr bildet die in der praktischen Weltanschauung vorbedingte, schon bei PLATON und ARISTOTELES deutlich hervortretende Koordination des menschlichen Denkens und Wollens.

Von den stoischen Erörterungen über die Zustimmung an durchzieht sie die Geschichte der abendländischen Philosophie in zahlreichen Variationen.

Es ist indessen nicht die Aufgabe dieser Abhandlung, jene Vermischungen genauer darzulegen und die durch sie mitbedingte Entwicklung im einzelnen zu verfolgen. Nur auf einige der Extreme sei noch hingewiesen, zwischen denen die Fortbildungen schwanken. Der Skeptizismus hat die Möglichkeit jedes allgemeingültigen Erkennens geleugnet. Der Empirismus hat diese Allgemeinheit auf eine bloß induktive reduziert; der deduktive Rationalismus hat eine absolute Allgemeingültigkeit für das ganze Gebiet unseres verstandes- und vernunftmäßigen, kurz unseres rationalen Erkennens behauptet. Der Sensualismus hat, die Rezeptivität der Sinnlichkeit festhaltend, die Spontaneität des Denkens in das leidende Vorstellen der Sinnlichkeit aufgelöst (HUME): der spekulative Rationalismus idealistischer Zuspitzung (FICHTE) hat die Rezeptivität in eine Art unserer Spontaneität aufgehoben. Viele haben das Denken nach wie vor als eine Art des Erkennens gedeutet; andere (KANT) haben es vom Erkennen prinzipiell getrennt. Das Urteilen ist von den einen so weit gefaßt worden, daß es in ein Vorstellen überhaupt aufgeht; von anderen wird es so eng genommen, daß es nur bestimmte Arten von Behauptungen umfaßt. Manche lassen das Urteil in eine Verknüpfung von Worten aufgehen (HOBBES); viele andere halten die sprachlichen Bezeichnungen für eine bloß zufällige Gewandung des Denkens. Dort ist es als eine ausschließliche Funktion unseres Vorstellens gedeutet worden; hier gilt bis auf unsere Tage das Vorstellen als ein bloßes Material für die Willensentscheidung des Bejahens oder Verneinens. Es dient der Übersicht, wenn ich die hauptsächlichen überlieferten Bestimmungen des Denkens in folgende Tabelle zusammenfasse:

Überlieferte Bestimmungen über das Denken
- göttliches
- intellectus archetypus
- absolute Spontaneität
-Vordenken des Seienden
- menschliches
- intellectus ectypus
- relative Spontaneität
- Nachdenken des Seienden
vorbildendes intuitives diskursives
- endliche Gegenstände
- Urteilen i. eng. Sinn
- nachbildendes intuitives
- unendlicher Gegenstand
- Schauen
Wollen bloßes Vorstellen
oder Vorstellen und Wollen

Nur wenig und erst spät haben in die eben skizzierte Entwicklung  psychologische  Bestimmungen hineingewirkt. Ein erster Grund für diesen Mangel liegt in der metaphysischen Denkrichtung, die unsere abendländische Entwicklung bis gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts beherrscht. Die Keime psychologischer Bestimmungen des Denkens, die sich aus den platonischen Dialogen herauslesen lassen und in den aristotelischen Lehren, insbesondee von der leidenden Vernunft finden, sind durch die metaphysisch gerichtete Spekulation in ihrer Entwicklung gehemmt worden. Einen zweiten Hinderungsgrund bietet der Umstand, daß die Psychologie sich in ihren spärlichen Erörterungen über das Denken Jahrhunderte hindurch fast ausschließlich von logischen Erwägungen leiten ließ. Erst die Versuche, die Vorgänge des Denkens vom psychologischen Standpunkt aus als bloße Assoziationen oder, wie wir richtiger sagen müssen, als bloße Reproduktionsvorgänge zu begreifen, haben eine stärkere Einwirkung psychologischer Betrachtungsweisen möglich werden lassen. Aber diese Versuche sind ebenso wie die kritischen Gegenerörterungen, die sie hervorgerufen haben, ohne entscheidende Bedeutung geblieben. Eine eindringlichere psychologische Analyse des Denkens konnte erst eintreten, nachdem ein reicheres Material der hierhergehörigen Tatsachen durch schärfere Untersuchungsmethoden gefunden war. Wie es zu geschehen pflegt, sind die Antriebe zu einer solchen Analyse auf entlegenen Gebieten gewonnen worden: durch die psychophysiologischen Bestimmungen der Sprachstörungen, durch die psychologischen Prüfungen der Funktionen der verschiedenen Großhirnzentren, durch welche experimentelle Untersuchungen über das Denken beim Lesen. Was diese verschiedenen Ansätze vereinte, die genannten psychophysiologischen und pathologischen Ergebnisse psychologisch fruchtbar machte, war das Bedürfnis, in den tatsächlichen seelischen Vorgängen, die wir zweckmäßig als Denken zusammenfassen, eine Grundlage für dessen logische Normierungen zu gewinnen. Geringen Einfluß konnten auf diese Analyse die neuerdings begonnenen experimentellen Untersuchungen über das Urteilen und Denken erlangen. Sie leiden, so weit sie mir bekannt geworden sind, an einem Mangel, für den hier Abhilfe gesucht wird: an einer genauen Bestimmung der Vorgänge, die als Urteilen oder Denken der experimentellen Prüfung unterzogen werden sollen. Es gibt wenige Gebiete, für die sich das Wort, daß alles Praktische schon Theorie sei, so wahr erweist, wie das der Psychologie.

Psychologische  Bestimmungen des Denkens zu ermitteln ist die Aufgabe der nachstehenden Erörterung. Daß solche  möglich  sind, unterliegt keinem Zweifel, falls der Psychologie ein wissenschaftliches Bürgerrecht zugestanden, also anerkannt wird, daß die seelischen Lebensvorgänge nicht lediglich als besondere Arten von Bewegungen anzusehen sind und daß jene Vorgänge, gleichviel auf welchem Weg, allgemeingültig formuliert werden können. Denn alle die Motive, die zu Fassungen des Denkens geführt haben, schließen die Annahme ein, daß bestimmte, als wirklich erweisbare geistige Vorgänge unter diesem Gattungsbegriff zusammengefaßt werden. Eben diese Annahmen machen eine psychologische Untersuchung des Denkens überdies  notwendig.  Sie würden die Aufgabe einer solchen Untersuchung sogar selbst dann einschließen, wenn die Annahme tatsächlich sich vollziehender Denkvorgänge nicht unter dem vorwiegenden Einfluß der metaphysischen, erkenntnistheoretischen und logischen Antriebe für die Bestimmung des Denkens zumeist unbesehen geblieben wäre, und diese Unterlassung nicht häufig verhängnisvoll auf jene Begrenzungen eingewirkt hätte.

 Rein  psychologisch allerdings kann die Methode, nach der wir diese Tatsachen des geistigen Geschehens hier suchen, nicht gehalten werden. Ein solches Verfahren wäre nur zulässig, wenn wir ein geschlossenes System psychologischer Begriffe voraussetzen oder hier ableiten dürften. Es ist vielmehr zweckmäßig, als vorläufiges Kennzeichen für das Denken eine Bestimmung zu wählen, die vom gegenwärtig vorhandenen Wirrsal psychologischer Fassungen unabhängig ist. Das sie keine willkürliche sein soll, werden wir sie der oben skizzierten Überlieferung entnehmen. Da sie ferner möglichst voraussetzungslos sein muß, werden wir uns hüten, sie in aufgewiesenen erkenntnistheoretisch-metaphysischen Bestimmungen zu suchen. Es bleibt demnach die logische Funktion des  Urteilens.  Und diese ist umso mehr geeignet, weil alle die verschiedenen Bestimmungen des Denkens seit der Einführung logischer Betrachtungen in das philosophische Erkennen das Urteilen, egal in welchem Sinne, dem Denken zusprechen.

Allerdings sind wir damit anscheinend lediglich vor die Frage nach dem Wesen des Urteils gestellt, d. h. wiederum vor eine Fülle verschiedener, einander zum Teil durchkreuzender oder gar ausschließender Fassungen. Aber diese Mannigfaltigkeit braucht für unseren Ausgangspunkt nicht in Betracht zu kommen. Wir bedürfen nicht einer Definition des Urteils überhaupt, sondern suchen nur eine Verknüpfung von Gegenständen unseres Vorstellens, die allgemein als eine Art von Urteilen, also nach dem obigen als eine Art des Denkens anerkannt ist und damit eine solche, über deren tatsächliches Vorkommen in unserem Denken kein Zweifel besteht. Wir suchen ferner auch für diese Abgrenzung keine Definition, sondern im Sinne einer oft zitierten Forderung KANTs lediglich eine Bestimmung, die wir als solchen Urteilen gemeinsam und nur ihnen eigen sichern können. Wir suchen endlich diese Bestimmung durch ein Verfahren, das einen sicheren Ausgangspunkt für die Analyse der Bestandteile gestattet, aus denen sich die genannten Urteile zusammensetzen.

Solche Urteile können wir finden. Es gibt tatsächlich Verknüpfungen von Gegenständen unseres Vorstellens, die wir als  aussagende  oder  prädikative  im engeren Sinn bestimmen können. Die prädikative Beziehung ist dadurch charakterisiert, daß ihre Beziehungspunkte als  Subjekt  und als  Prädikat  gedacht werden: jenes als der Gegenstand, von dem, und dieses als dasjenige, was ausgesagt wird. Herkömmlich ist es, das Subjekt und das Prädikat als die Materie des Urteils und die Beziehung selbst oder die  Kopula  als Form des Urteils zu bezeichnen. Bei der Vieldeutigkeit der Worte "Materie" und "Form" sowie den metaphysischen und erkenntnistheoretischen Hintergedanken, die ihnen in jeder Bedeutung anhaften, ist es ratsamer, das prädikative Urteil im engeren Sinn als einen  Inbegriff  (eine Mannigfaltigkeit im mathematischen Sprachgebrauch) zu fassen, dessen  Glieder  lediglich das Subjekt und das Prädikat bilden, dessen verknüpfende Beziehung, die Beziehung also, die als prädikative die verknüpften Gegenstände zu Subjekt und Prädikat stempelt, die Kopula ist. Das prädikative Urteil im engeren Sinn ist demnach  zweigliedrig.  Als prädikative Inbegriffe  im engeren Sinn  bezeichnen wir diese Urteile aus zwei Gründen: einmal gegenüber Urteilen, die eine solche prädikative Beziehung voraussetzen, aber, wie die hypothetischen Aussagen, verwickelter gebaut sind; sodann in Rücksicht darauf, daß das  Sagen  in  Aussagen  nicht wörtlich zu verstehen ist, da alle Urteile dieser Art auch im stillen Denken vollzogen werden können und tausendfach vollzogen werden.

Ob wir in diesen Urteilen solche festgelegt haben, die für das Urteilen überhaupt in irgendeiner Hinsicht charakteristisch sind, ist damit selbstverständlich noch nicht entschieden. An Stimmen, die das bestreiten, fehlt es nicht. Aber wir haben ihnen im Augenblick nur soweit Gehör zu schenken, als wir von vornherein ausdrücklich hervorheben, jene Urteile seien hier aus dem Umkreis der Urteile, die als solche anerkannt sind, deshalb ausgewählt, weil sie sich weiterhin als typische elementare Repräsentanten einer Art des Denkens erweisen lassen.

Ebenso unentschieden bleibt für jetzt, wie weit das Gebiet dieser Urteile reicht, ob sie also z. B. außer den Behauptungen auch die Benennungen umfassen, ob sie die verneinenden Behauptungen im gleichen Sinn enthalten wie die bejahenden, ob ihnen auch die Ausdrücke von Wünschen und Befehlen, sowie die problemstellenden Fragen zugerechnet werden dürfen, ob und in welchem Sinn ihnen die sogenannten Impersonalien anzuschließen sind usw.

Wir setzen vorläufig voraus, daß jede solche Aussage, wie wir es ausdrücken wollen,  vollständig  vollzogen werde, d. h. so, daß die Gegenstände, die wir als Subjekt und Prädikat der Urteilsinbegriffe fassen und damit die sachliche Beziehung, durch die wir diese Gegenstände prädikativ verknüpfen, im Bewußtsein des Urteilenden, während das Urteil vollzogen wird, möglichst klar und deutlich gegenwärtig sind. Auch unter dieser Voraussetzung dürfen wir behaupten, daß, wo immer eine solche Verknüpfung von Vorstellungsinhalten eintritt, in der Tat in ihr zugleich ein "Sagen" im allgemeinsten Sinne stattfindet, d. h. daß jene Verknüpfung unaufhebbar an eine sprachliche Formulierung gebunden ist, eine solche Formulierung also zur Vollständigkeit der Aussage mitgehört.

Diese psychologische Behauptung zu begründen ist nicht dieses Orts. Sie bedarf jedoch nicht deshalb einer Begründung, weil sie für das Gebiet der Urteile, das wir vorläufig abgegrenzt haben, bestritten wäre, sondern nur aus dem Grund, weil jene sprachliche Vermittlung zumeist nicht hinreichend weit gefaßt, nicht genau genug spezialisiert und nicht in dem Maße gewürdigt ist, wie der Bestand des Vorstellens in ihr fordert. Es sei deshalb gestattet, sie unter dem Hinweis auf solche Begründungen, die ich in anderen Untersuchungen, zum Teil in Gemeinschaft mit RAYMOND DODGE gegeben habe, nur zu erläutern (Logik I, Halle 1907, Seite 33-50 und Seite 259-426). Jene sprachliche Vermittlung nämlich besteht, wie schon angedeutet werden mußte, nicht notwendig in einem eigentlichen Sprechen oder Hören, nicht einmal unumgänglich in einer lautlosen Artikulation, ja nicht einmal unaufhebbar in irgendwelchen akustischen oder lautsprachlich-motorischen Worten, die in Form von akustischen oder motosensorischen (kinästhetischen) reproduktiven Wortvorstellungen gegeben wären: es können optische Symbole dieser lautsprachlichen Vorstellungen im stillen prädikativen Urteilen so überwiegen, daß der Schein möglich wird, jene seien im gegeben Fall schlechthin unbeteiligt. Wir finden immer nur Wortvorstellungen irgendwelcher Art (akustische, motosensorische, optische Wort- Wahrnehmungen, Wort-Erinnerungen, Wort-Einbildungen, abstrakte Wortvorstellungen), die - wohlgemerkt bei  vollständiger  Aussage - durch einen Satz oder nur durch ein einzelnes Satzwort gegeben sind.

Diese vollständigen Prädikationen oder Aussagen bilden also, sofern sie ohne Zweifel Arten von Urteilen sind, im Sinne unseres Ausgangspunktes sicher eine Art des Denkens.

Suchen wir ihren Bestand psychologisch zu beschreiben, so haben wir zwei Gruppen von Bestandteilen zu trennen: den  sachlichen Gehalt der Aussage,  der sich in den  Bedeutungen  der für die prädikative Formulierung gebrauchten Worte darstellt und  die Worte selbst,  d. i. abgesehen von ihren Bedeutungen, durch die jener Bedeutungsinhalt formuliert wird. Diese Trennung des sachlichen Gehalts eines Satzes oder Satzwortes und der  spezifischen  Worte, wie wir sagen wollen, des  Urteils oder Gedankens also im logischen  und des  Satzes im weiteren Sinn  (abgesehen von den Wortbedeutungen) ist selbstverständlich eine künstliche, nachträgliche, nur durch Abstraktion vollziehbare. Aber sie ist notwendig, um zu verstehen, in welcher Art die Komponenten der sinnvollen Aussage vereinigt sind. Beide, sowohl die spezifischen Worte, als deren Bedeutungen, sowie die prädikativen Zusammenhänge jeder dieser beiden Reihen sind unserem Vorstellen der Voraussetzung nach gegenwärtig, sobald die Aussage als vollständige angenommen wird.

Wir nehmen zur Erläuterung ein Beispiel in Form eines Satzes: die Flamme flackert. Der sachliche Gegenstand, die flackernde Flamme, kann, ndem wir das Urteil vollziehen, wahrgenommen, erinnert, eingebildet oder in der Weise einer abstrakten Vorstellung (einer wiederholt gesehenen, gegenwärtig nicht wahrgenommenen einzelnen Flamme oder des Gemeinsamen flackernder Flammen) dem Bewußtsein des Urteilenden gegenwärtig sein. Die Satzworte können gegenwärtig gehört, gesprochen und gehört, lautlos gesprochen, gesehen, geschrieben, in allen diesen Formen erinnert, oder - Wort-Einbildungen fallen hier aus - aufgrund wiederholten Sprechens selbst als abstrakte Einzel- oder Allgemeinvorstellungen von spezifischen Worten gegeben sein. Analoges gilt für vollständige Aussagen in der Form von Satzworten.

Wir wollen das Denken dieser Art als  vollständiges formuliertes Denken  und die Urteile, durch die es sich vollzieht, demgemäß als formulierte bezeichnen.

Keinem Zweifel untersteht, daß dieses formulierte Denken ein spezifisches Eigentum des Menschen ist, daß es ferner, wie das sprachliche Leben überhaupt, eine notwendige Bedingung unserer gesamten intellektuellen, speziell unserer wissenschaftlichen Kultur darstellt, daß endlich in unserem geistigen Leben nichts so Hohes und nicht so Tiefes gefunden werden kann, daß es einer solchen Formulierung schlechthin unzugänglich wäre.

Klar ist auch, daß die prädikative Beziehung, die diesen Urteilen eigentümlich zukommt, selbst dann nichts sinnlich Wahrnehmbares ist, wenn die beiden Vorstellungsreihen, die es konstituieren, die sachlichen Vorstellungen des Gegenstandes und die sprachlichen seiner Formulierung, als Wahrnehmungsvorstellungen auftreten, wenn wir also etwa angesichts einer flackernden Flamme und nur im Hinblick auf diese das Wahrnehmungsurteil aussprechen: die Flamme flackert. Denn jede Beziehung ist weder in der optischen Wahrnehmung der flackernden Flamme, noch in der motosensorischen und akustischen Wahrnehmung der sukzessiv gesprochenen Worte enthalten. Sie entspringt vielmehr daraus, daß beide Vorstellungsreihen zu einem prädikativen Inbegriff vereint sind, der als solcher kein Gegenstand möglicher Sinneswahrnehmung ist, sondern nur von uns auf gleich zu schilderndem Weg gebildet werden kann. Das Denken ist also auch in diesem Fall ein  unsinnlicher  Vorgang der Verknüpfung von Gegenständen unseres Vorstellens.
LITERATUR - Benno Erdmann, Umrisse zur Psychologie des Denkens, Tübingen 1908