p-4tb-1p-4HönigswaldD. SlobinWindelbandWygotskiA. Messer     
 
BENNO ERDMANN
Die Beziehung zwischen
Sprechen und Denken


"Die Sprache steht im Dienst des Denkens. Der Satz der lebendigen Rede ist ein Ausdruck von Gedanken. Die Worte der lebendigen Rede sind Ausdrücke für Bestandteile von Gedanken. Sie  bedeuten  solche Gedankenteile. Sämtlichen Worten, auch den Partikeln, wohnen solche  Bedeutungen  inne."


I.
Skizze der Geschichte
des Problems

Die alte psychologische Frage nach dem Verhältnis des Denkens zur Sprache hat sich, wie alle solche allgemein gefaßten Probleme, um so komplizierter gestaltet, je genauer die tatsächlichen Voraussetzungen der Fragestellung untersucht worden sind.

So schon im Verlauf der Jahrhunderte, in denen die sprachlichen Kategorien fast ausschließlich aus der Grammatik der griechischen Sprache, die Formen des Denkens ebenso einseitig dem Schematismus einer formalistischen Logik entnommen wurden.

In den Vordergrund der philosophischen Probleme ist sie während dieser Zeit niemals getreten. Wer ihre Entwicklung verfolgt, hat sie aus dem Zusammenhang einerseits der logischen, andererseits der metaphysischen Erörterungen zu isolieren, in deren Dienst sie geraten war. Weder die Grammatik noch die Psychologie hat das Problem ernsthaft in Angriff genommen. Die Logik streifte es in ihren Annahmen über die abstrakten Vorstellungen, die Metaphysik in ihren Diskussionen über die realen Essenzen der Dinge. In beiden Wissenschaften unterstand sie dem Gedankenkreis der aristotelischen Formenlehre.

Zu einem Gegenstand erkenntnistheoretischer Betrachtung und zugleich psychologischer Analyse wird die Frage durch LOCKE und BERKELEY. Bei beiden Philosophen dient sie jedoch lediglich der kritischen Zersetzung der scholastischen Metaphysik und Logik. Bei LOCKE dem Nachweis, daß die Annahme substantialer Formen unzulänglich sei, während er die Schultradition über die abstrakten Ideen im wesentlichen unberührt läßt. Bei BERKELEY ist sie in dem Beweis enthalten, daß auch die allgemein angenommene Lehre von den abstrakten Allgemeinvorstellungen eine irrige ist, auf einer logischen Verkennung des psychologischen Bestandes unserer Vorstellungen beruth.

So einflußreich diese Untersuchungen für den Abbruch des aristotelisch-scholastischen Lehrgebäudes geworden sind, haben sie doch die Frage nach den Beziehungen zwischen Sprechen und Denken mehr zurückgedrängt und verdunkelt, als herausgehoben und beleuchtet. Denn eben weil sowohl die logische Überlieferung als auch der metaphysische Streit zwischen den Lehrmeinungen des Realismus und Nominalismus der Rücksicht auf die Sprache nicht hatte entraten können, schien zu folgen, daß diese Rücksicht gänzlich beiseite zu setzen ist. Die Sprache erschien lediglich als eine Quelle mannigfacher Irrtümer der Schulweisheit. Es galt "eine vollständige Befreiung von der Täuschung durch Worte", welche lediglich ein verhüllendes "Kleid", eine hemmende "Last", ein verdunkelnder "Vorhang" des Denkens sind. Das Problem wurde nicht untersuch, sondern beiseite geschoben.

Nur vereinzelte und unwirksam gebliebene psychologische Untersuchungen der englischen und französischen Aufklärung traten dem Problem vorerst näher. Allgemeiner wurde es gewürdigt, als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Frage nach dem Ursprung der Sprache sich aufs Neue aufdrängte. Mannigfaltiger, wenn auch nur von der sprachlichen Seite aus, wurden die Ansatzpunkte zu seiner Lösung, als am Anfang unseres Jahrhundertes die vergleichende Sprachwissenschaft einen ungleich weiteren Gesichtskreis schuf und, insbesondere durch WILHELM von HUMBOLDT, höhere Gesichtspunkte gewann. Aber die vorzeitige Spekulation über den Ursprung der Sprache wirkte auch hier verwirrend nach. Überdies gab die Psychologie, welche die Sprache wie das Denken stets stiefmütterlich behandelt hat, fast gar keine Hilfe. So reduzierte sich das Eingehen in den psychologischen Bestand der Tatsachen auf dunkle Andeutungen über die "innere Sprachform". Andere, welche das Problem gleichfalls in der Tiefe zu fassen suchten, wie K. F. BECKER, fanden sich wiederum darauf angewiesen, Anleihen bei den logischen Spekulationen der Zeit zu machen.

Demgegenüber war es ein zweifelloses und großes Verdienst STEINTHALs, daß er, die Arbeit WILHELM von HUMBOLDTs fortsetzend, wiederum den Weg psychologischer Analyse einschlug. Es geschieht diesem Verdienst kein Abbruch, wenn ausgesprochen wird, daß er die Dunkelheit der "inneren Sprachform" nicht hinreichend aufhellte. Sein Denken war teils durch die Psychologie HERBARTs, teils durch die Reaktion gegen BECKERs logische Syntax gebunden.

Schon als die vertiefte Umarbeitung von STEINTHALs Streitschrift gegen BECKER erschien (1871), war die Entdeckung gemacht, die eine neue Phase in der Entwicklung des Problems einleiten sollte: die folgenreiche Beobachtung BROCAs (1862) über die Beziehung gewisser Sprachstörungen zur Erkrankung eines bestimmten Teils der Großhirnrinde. Durch KUSSMAUL, WERNICKE und CHARCOT insbesondere hat sich seitdem die Theorie der aphatischen Störungen zu einem einflußreichen Gebiet der neurologischen Forschung entwickelt.

Die vergleichende Sprachwissenschaft hat das Problem, das sie von ihrer Seite aus früher in Angriff genommen hatte, inzwischen fast aus den Augen verloren, sowohl soweit sie Linguistik im engeren Sinne, Lautphysiologie, geworden ist, als auch sofern sie auf philologischer Grundlage weiterarbeitet. Nur die wertvolle Arbeit HERMANN PAULs bildet eine Ausnahme. Aber sie bewegt sich im wesentlichen in den Gedankenkreisen STEINTHALs.

Auch die Psychologie hat gegenwärtig noch nicht ernsthaft angefangen, der Frage näher zu treten. Nicht einmal die Untersuchungen STEINTHALs haben die Würdigung gefunden, die sie beanspruchen dürfen. Noch immer herrscht, selbst bei denen, welche die rein psychologischen Hypothesen HERBARTs weitergeführt und umgebildet haben, wie THEODOR LIPPS, das alte Vorurteil, daß die Sprache lediglich dazu da ist, das Denken zu belasten, daß eine Theorie des Denkens, die seinen Beziehungen zur Sprache nachgeht, den Weg nicht reinigt, sondern verfehlt.

Selbst die einflußreichen Darstellungen der physiologischen Psychologie, die wir in den Werken von WUNDT und JAMES besitzen, auch die neueren, die auf ihren Schultern stehen, folgen dem Beispiel der alten psychologischen Schriften, und lassen die hierher gehörigen Fragen unberücksichtigt.

Es ist unter diesen Umständen begreiflich, daß die Psychiater in der schnellen Ausbildung der Lehre von den verschiedenen Formen und Symptomen der Aphasie [Gedächtnisverlust - wp] ihre eigenen Wege gegangen sind. Dies umso verständlicher, als die Psychiatrie unter dem Zeichen der Reaktion gegen die wesentlich psychologische Auffassung der Gehirnkrankheiten steht, und die Anatomie wie die Physiologie des Gehirns den Psychiatern Hilfsmittel gewährt, die ihren speziellen Zwecken ungleich mehr dienen. So ist es dahin gekommen, daß selbst hervorragende Psychiater die psychologische Belehrung für die Deutung der aphatischen Störungen auch da nicht gesucht haben, wo eine solche Belehrung fördernd gewesen wäre.

Die nachstehende Erörterung gibt einen Versuch, für die verwickelte Frage nach dem Verhältnis des Sprechens zum Denken die Daten nutzbar zu machen, welche aus der gegenwärtigen Einsicht in den Bestand dieser Beziehungen gewonnen werden können. Sie dient damit zugleich einem spezielleren Zweck: die psychologischen Grundlagen für die logischen Problemstellungen klar zu legen. Dieser kann jedoch erst in einem späteren Zusammenhang deutlich gemacht werden.

Drei Beschränkungen waren nicht lediglich durch die eben geschilderte Sachlage geboten. Ein volles Licht fällt auf das Problem erst, wenn sämtliche Bedingungen berücksichtigt sind, denen die sprachlich-gedanklichen Lebensäußerungen unterliegen.

Zu diesen gehören fürs Erste die Rückschlüsse, die wir auf dem logischen Weg der Analogie auf die Vorstufen der Sprachentwicklung und des Gedankenlebens im Tierreich ziehen können. Nicht minder wesentlich ist die Untersuchung der sozialen Bedingungen, welhe die Sprache wie das Denken beherrschen. Ein Seitenlicht fällt schließlich auch von den Substituten der Sprache aus, welche bei den Idioten und Imbezillen [geistig Behinderten - wp], sowie bei den Tauben und Taubstummen, schließlich bei den Blinden ausgebildet werden.

Indessen die Grundlage sowohl für die Tier- und die Sozialpsychologie als auch für die Psychologie des verkümmerten Geisteslebens bleibt die Individualpsychologie der Normalsinnigen. Erst wenn festgestellt ist, was aus diesem Boden für die Fragestellung und Problemlösung zu gewinnen ist, können jene Gebiete mit größerem Erfolg urbar gemacht werden.


II.
Das psychologische und das
psychophysiologische Problem

Das Denken wie die Sprache sind  tatsächliche  Lebensäußerungen der individuellen geistigen Entwicklung innerhalb der menschlichen Lebensgemeinschaft.

Das  Denken  fürs Erste, wie es auch immer aufgefaßt werden mag, bildet ein tatsächliches Glied der geistigen Lebensvorgänge, speziell unseres Vorstellungsverlaufs. Es fordert also nicht nur eine logische Normierung der Voraussetzungen, unter denen seine Urteile gültig sind, sondern auch die psychologische Analyse seines tatsächlichen Bestandes und seiner tatsächlichen Beziehungen zu anderen Gliedern unseres Vorstellens, weiterhin des geistigen Geschehens überhaupt.

Ein solches anderes Glied unseres Vorstellungsverlaufs ist die  Sprache.  Ein solches Glied ist die Sprache schon in dem Sinne, der hier vorerst betrachtet werden soll, als das Sprechen in einer engeren Bedeutung des Wortes, d. h. als der Inbegriff der sprachlichen Zeichen und Symbole für den Gedankenzusammenhang, der in ihnen ausgedrückt und durch sie mitgeteilt wird. Die Sprache in diesem Sinne ist sogar ein Glied unseres Vorstellens, das mit dem Denken, gleichviel wiederum, was unter Denken verstanden wird, auf das Engste zusammenhängt. Denn nicht bloß das lautlose Sprechen, sondern auch das Sprechen im eigentlichen Sinn, die Lautsprache, bildet im Inbegriff ihrer Symbole einen Bestandteil unseres Vorstelungsverlaufs. Jene Symbole sind Glieder des Verlaufs unserer Wahrnehmungsvorstellungen. Wir hören uns selbst ebenso wie Andere sprechen. Wir nehmen unser eigenes Sprechen, indem wir es vollziehen, außerdem zugleich dadurch wahr, daß die Bewegungen unserer eigenen Sprachmuskulatur  gefühlt  und die Verschiebungen der äußeren Haut sowie der Schleimhäute der Mundhöhle  empfunden  werden. Diese Wahrnehmungen des Gehörs- und des Tatssinns sowie die mit den Tastwahrnehmungen verflochtenen Bewegungsgefühle oder Bewegungsempfindungen aber sind als Wahrnehmungen  Vorstellungen Sie sind dies in einem allgemeinen Sinn des Wortes  Vorstellung,  der für ein richtiges Verständnis der Gattungen der Bewußtseinsvorgänge notwendig ist (1). Sie sind demnach Vorstellungen in demselben allgemeinen Sinn, in dem auch unsere Erinnerungen, Einbildungen usw. als Vorstellungen betrachtet werden.

Es ist angesichts des Umstandes, daß das Denken wie das Sprechen somit in den tatsächlichen Bestand unseres Vorstellens eingegliedert ist, lediglich ein erstaunlicher Irrtum, die Lehre vom Denken ausschließlich der Logik zu vindizieren [zuzusprechen - wp]. Die Psychologie des Denkens bildet in derselben Weise eine Voraussetzung der Logik, wie die Psychologie des Fühlens und Wollens eine Voraussetzung der Ethik ist. Die Ableitung der logischen Normen des Denkens, d. h. die Bestimmung der Grundsätze, durch die wir gültige und ungültige Urteile scheiden, ist keine psychologische Untersuchung. Aber die Zweckbestimmung des gültigen Denkens, aus dem jene Normen abzuleiten sind, setzt voraus, daß der Bestand des Denkens überhaupt festgelegt ist. Ist es eine Tatsache, daß wir denken, so beruhen alle Vorstellungen, die wir als zu verwirklichende, d. h. als Zwecke setzen, auf der Erkenntnis dieses Tatbestandes. Das Sollen normiert das Sein, aber das Sein bedingt das Sollen.

Die psychologische Aufgabe, die in der Frage nach den tatsächlichen Beziehungen zwischen Denken und Sprechen somit gestellt ist, umfaßt jedoch noch ein für das Denken wie für die Sprache genetisch  sekundäres  Gebiet von Vorstellungen. Denn die gedanklichen Bedürfnisse der Sprache sind es, welche die Symbole der Schriftsprache schaffen. In ihnen gewinnen wir zu den Worten, die wir sprechend und hörend wahrnehmen, solche, die wir lesend durch den Gesichtssinn und schreibend zugleich durch die Bewegungsgefühle und Tastempfindungen der Hand als Wahrnehmungsvorstellungen erhalten. Wie wir, die Sprechbewegungen vollführend, zugleich hören, so sehen wir zugleich, indem wir schreiben.

Dabei haben wir von den Ersatzmitteln der Lautsprache bei den Tauben und den Taubstummen sowie von den Ersatzmitteln der Schriftsprache bei den Blinden abgesehen; ebenso auch von den ideogrammatischen Symbolen der Laut- und Schrift-, sowie von den stenographischen Verkürzungen der Schriftsprache.

Das allgemeine psychologische Problem, das durch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Denken und Sprechen gestellt wird, lautet demnach:  Welche Beziehungen finden tatsächlich zwischen dem Denken,  egal ob es gültiges oder ungültiges oder irrtümliches Denken ist,  und der Sprache statt,  egal welcher Sprache und Sprachstufe sie zugehört, egal also, welche materialen und formalen grammatischen Bestandteile und welche Schriftformen sie aufweist.

Sprechen und Denken sind jedoch als geistige Lebensvorgänge mit den  mechanischen  Lebensvorgängen gesetzmäßig verknüpft.

Die  Sprache  ist fürs Erste selbstverständlich auch ein Gegenstand der  physiologischen  Untersuchung. Nicht nur als Sprechen und Schreiben, d. h. hinsichtlich der im engeren Sinne motorischen Vorgänge der Muskelinnervation, die wir in ihnen vollziehen, sondern ebenso auch als Hören und Sehen, also hinsichtlich der sensorischen Innervation, die hier stattfindet. Ein Gegenstand des physiologischen Studiums ist sie auch im Hinblick auf die Erinnerungen und die weiteren Vorstellungsumbildungen der wahrgenommenen gesprochenen oder geschriebenen, gehörten oder gesehenen Worte, ihrer Laut- und Buchstabenelemente. Den Erinnerungen an die genannten Wortarten und ihre Elemente, ebenso den abstrakten Vorstellungen von ihnen als sprachlichen Symbolen, mit denen wir im lautlosen Denken vielfach operieren, schließlich auch den Einbildungsvorstellungen nie wahrgenommener Sprachbestandteile dieser Arten: ihnen allen stehen Bewegungsvorgänge in den zentralen Gebieten unseres Nervensystems zur Seite, welche die Gehirnphysiologie zu erforschen hat.

Eine behutsame Deutung des Standes unserer Erkenntnis läßt es nicht im gleichen Maß als gesichert erscheinen, daß auch den Vorstellungsvorgängen des  Denkens  selbst, sofern sie von der Sprache verschieden sind, mechanische Korrelate zur Seite gehen, Bewegungsvorgänge etwa in der Großhirnrinde und ihren zentralen Verknüpfungen. Unbedenklich dagegen ist es, diese Annahme als ein Postulat der psychophysiologischen Forschung in Anspruch zu nehmen. Dementsprechend werden auch die so postulierten mechanischen Korrelate des Denkens, mittelbar demnach das Denken selbst in diesen seinen korrelativen Beziehungen, Gegenstände der  physiologischen  Untersuchung.

Auf die allgemeinen Erwägungen einzugehen, die der Annahme eines psychophysischen Parallelismus entgegengehalten werden, darf ich unterlassen.

Die mannigfaltigen Probleme, die in der Frage nach dem Verhältnis des Sprechens zum Denken enthalten sind, bilden demnach ausnahmslos Aufgaben der  psychophysiologischen  Untersuchung.

Das allgemein gefaßte psychophysische Problem lautet:  Welche Beziehungen finden tatsächlich zwischen den mechanischen Korrelaten des Denkens und den mechanischen Korrelaten der Sprachvorstellungen statt,  die wir als Symbole des Gedachten benutzen?


III.
Die Arten der
Wortvorstellungen

Es ist ein Verdienst der Symptomenlehre der Aphysie, daß wir die Arten der Wortvorstellungen ungleich schärfer voneinander trennen können, als es den Psychologen, abgesehen von HARTLEY möglich geworden war. Aber diese Trennung ist, wie oben angedeutet, vollzogen worden, ohne daß die Analyse hinreichend berücksichtigt worden ist, welche die Psychologie der sonstigen Gliederung unseres Vorstellens hat zuteil werden lassen. Deshalb ist es notwendig, die Ergebnisse, zu denen jene Untersuchungen gelangt sind, durch diese psychologische Arbeit zu erweitern und zu vertiefen. Es ist jedoch zweckmäßig, in die Darstellung, so weit es angeht, die Bezeichnungen aufzunehmen, welche in der psychiatrischen Literatur allmählich rezipiert sind (2).

Vorausgesetzt sei nach dem Obigen, daß die Worte der Sprache, auch abgesehen von den Bedeutungen, die sie zu Symbolen des Gedachten werden lassen, ausnahmslos  Vorstellungen  sind. Sowohl die gesprochenen und gehörten, als auch die bloß gehörten, die geschriebenen und gesehenen wie die lediglich gesehenen, gehören demnach den Vorstellungen an. Das Wort  Vorstellung  umfaßt demzufolge jeden Bewußtseinsinhalt, der nicht Gefühl oder Wille ist. Aber es bleibt andererseits ausschließlich auf solche Inhalte beschränkt, die wir als Bestandteile unseres Bewußtseins auffinden können. Da die psychologische Mannigfaltigkeit dieser  Wortvorstellungen  speziellere Bezeichnungen notwendig macht, sie es trotzdem gestattet, statt von Wortvorstellungen im allgemeinen lediglich von Worten zu reden.

Das Wort  Sprache  ist vieldeutig. Im weitesten Sinn genommen umfaßt es die Laut- und die Schriftsprache mit Einschluß der Bedeutungsvorstellungen und ihrer Zusammenhänge, sowie die lautlosen Reproduktionen der Laut- und die analogen Reproduktionen der Schriftsprache mit ihren Bedeutungsbeziehungen. Im eigentlichen Sinn stellt es die  Lautsprache  und ihren Bedeutungszusammenhang als ein Ganzes dar.

Wir sehen im Folgenden von diesem Bedeutungszusammenhang vorerst vollständig ab, verstehen also unter Worten lediglich die Lautzeichen, die Inbegriffe von Buchstaben usw.

Auch in dieser Verengung enthält die Lautsprache jedoch zwei psychologisch wesensverschiedene Reihen von Sprachvorstellungen.

Die Worte der Lautsprache sind, sofern wir sie lediglich hören  akustische  Wahrnehmungsvorstellungen. Diesen akustischen  Wahrnehmungs worten entsprechen akustische Worte des Erinnerns, der Abstraktion und gelegentlich der Einbildung, kurz  abgeleitete  akustische Wortvorstellungen. Die  erinnerten  akustischen Worte sind bewußte Reproduktionen der wahrgenommenen, gehörten, teils aufgrund des eigenen Sprechens, teils aufgrund des Sprechens Anderer. Erinnerung ist also hier als bewußte Reproduktion (bewußt Reproduziertes) genommen. Sie umfaßt demnach sowohl die Erinnerungen im engeren Sinn, welche das Bewußtsein begleitet, daß das jetzt Erinnerte früher, etwa dann und dort, wahrgenommen ist, als auch die bewußten Reproduktionen, denen dieses Moment der Wiedererinnerung fehlt. Die Worte, die wir in einem konkreten Fall der Rede mit all den Besonderheiten des Klangs, der Betonung usw. hören, sind  konkrete  Worte. Sie werden in der lautlosen bewußten Reproduktion zu  abstrakten  Worten, sofern sich im Verlauf wiederholten Redens der gleichen Worte bald in diesem, bald in jenem Tonfall, hier von Diesem, dort von Jenem, oder von uns selbst, die gleichbleibenden Lautkomplexe fester assoziieren, die wechselnden sich mehr oder weniger abschleifen. Die anderen Typen dieser allgemeinen Worte dürfen hier außer Ansatz bleiben. Die Kombinationen nie gehörter Worte schließlich, die wir gelegentich, beim Sprachstudium mannigfach, aus den Elementen unseres Wortschatzes kombinieren, sind der  Einbildung  im weiteren Sinne zuzurechnen, d. h. der Assoziation von Elementen der Erinnerung zu Gegenständen, die in dieser Kombination vom Vorstellenden nicht wahrgenommen, für ihn neu sind. Es ist also zu gliedern:

Akustische Wortvorstellungen
Wahrnehmungsworte   -   konkrete Worte
Erinnerungsworte   -   abstrakte Worte
Einbildungsworte

Daß wir aus psychologischen und logischen Gründen die Pflicht haben, neben den  abstrakt  allgemeinen Worten auch allgemeine Worte der Wahrnehmung, Erinnerung und Einbildung anzunehmen, habe ich an einem anderen Ort zu zeigen versucht.

Die Worte, die wir selbst sprechen, kommen für fast alle Zwecke unseres praktischen Tuns und Lassens ebenso wie für die nächstliegenden Zwecke der praktischen, normativen Grammatik, die uns lehrt, wie wir sprechen sollen, fast ausschließlich nach ihrem Lautwert, nach dem akustischen Inhalt, den sie besitzen, in Betracht. Aber sie entstehen aufgrund verwickelter Bewegungen des Phonations- und Artikulationsmechanismus. Dieser Bewegungen können wir uns durch die von ihnen ausgelösten Komplexe von Bewegungs- und Druckempfindungen bewußt werden. Von den Innervationsgefühlen im engeren Sinne, deren Existenz noch neuerdings in der trefflichen Darstellung von SACHS (3) Fürsprache gefunden hat, sehe ich vollständig ab. Schwache und unbedachte Komplexe jener Gefühle und Empfindungen pflegen das Sprechen zu begleiten. Leicht zu erprobende Erfahrungen zeigen, daß wir für jedes Wort eine ihm eigentümliche, deutliche Bewegungswahrnehmung herbeiführen können, indem wir bei angehaltenem Atem, also lautlos, die entsprechenden Bewegungen ausführen. Wir wollen diese Wortvorstellungen mit einem zwar schiefen und zu weiten, aber eingebürgerten Ausdruck als  motorische  Worte bezeichnen. Die eben beschriebenen Worte dieser Art sind motorische Wahrnehmungsworte. Es bedarf keiner Ausführung, daß das obige Schema der akustischen Worte auch die psychologischen Arten der motorischen darstellt, daß wir also neben den motorischen Wahrnehmungsworten auch einerseits erinnerte und gelegentlich eingebildete, andererseits konkrete und abstrakte motorische Wortvorstellungen anerkennen müssen. Zweifellos ist allerdings, daß alle diese Gruppen motorischer Worte im allgemeinen nur eine geringe Bedeutung besitzen. So für die  Zwecke  sowohl des stillen Denkens, wie auch des lautlichen Ausdrucks und der Mitteilung. So auch für die Ziele der Lautphysiologie, die fast nur die Entwicklung der Sprachbewegungen, die zu solchen motorischen Worten führen, nicht diese Worte - sit venia verbo [Man verzeihe das Wort. -wp] - selbst in Betracht zu ziehen hat. Die motorischen Sensationen der gesprochenen Worte sind sogar für viele, vielleicht die meisten Menschen nur schwach und undeutlich. Sie pflegen beim eigenen Sprechen für diese Vielen von den akustischen Worten übertönt, und schon deshalb von ihnen fast gar nicht beachtet zu werden. Es ist schließlich auch anzuerkennen, daß die abgeleiteten motorischen Worte dieser Gruppe für diese Vielen kaum, für Manche vielleicht gar nicht vorhanden sind, weil die Entwicklung der entsprechenden Bewußtseinsinhalte - für ihr lautes und lautloses Sprechen bedeutungslos ist. Aber was für Viele gilt, gilt nicht für Alle. Die motorischen Worte spielen bei einer Reihe von Menschen ohne Zweifel eine Ausschlag gebende Rolle. Dies haben insbesondere die Beobachtungen STRICKERs (4) deutlich gemacht. Er hat sie nur ungehörig verallgemeinert und nicht immer richtig gedeutet.

Die Wahrnehmungsworte beider Gruppen zusammen bilden (nach dem eben Ausgeführten in mannigfacher Abstufung ihrer Bedeutung als Bewußtseinskomponenten) den Bestand der  Laut sprache im engeren Sinn. Im weiteren Sinn des Wortes Lautsprache gehören ihr  alle  Wortarten beider Gruppen an. Sie sind die  primären  Sprachbestandteile des Normalsinnigen. Da wir zuerst hörend, dann hörend und verstehend, schließlich selbständig redend sprechen lernen, entwickeln sie sich in dieser Reihenfolge.

Die  theoretischen  Elemente der Lautsprache sind die  Sprachlaute.  Unter diesen dürfen wir uns nach dem Obigen gestatten, nicht nur die einzelnen Laute zu verstehen, aus denen sich die akustischen Worte aufbauen, sondern auch die entsprechenden Sensationen, aus denen sich die motorischen Worte zusammensetzen. Die psychologische Gliederung beider Gruppen von Lautvorstellungen entspricht der Gliederung der beiden Arten von Wortvorstellungen. Wir besitzen Lautvorstellungen der Wahrnehmung, der Erinnerung und können, soweit Anlaß dazu vorhanden ist, aus den Erinnerungselementen gehörter Laute nie wahrgenommene kombinieren. So etwa, wenn sich ein Sprachvergleicher Schnalzlaute aus Beschreibungen ihrer Bildungsweise vorstellt, ohne daß er versucht, die entsprechenden Bewegungen der Sprachmuskulatur bei angehaltenem Atem auszuführen. Tut er dies, so erhält er mehr oder weniger mangelhafte Wahrnehmungen motorischer Laute. Versucht er die Laute sprechend nachzubilden, so gewinnt er zugleich akustische Lautvorstellungen, die den nachzubildenden mehr oder weniger ähnlich sind. Ebenso sind abstrakte und konkrete Lautvorstellungen zu unterscheiden. Und auch für die Lautvorstellungen ist das durchschnittliche Übergreifen der akustischen über die motorischen zu beachten.

Die Grundlagen der  praktischen  Entwicklung der Lautsprache sind dagegen die häufiger gehörten, allmählich auch verstandenen und weiterhin nachgesprochenen, also akustisch-motorischen Worte, Wortgruppen und Sätze, die den ersten Sprachschatz des Kindes ausmachen. Es versteht sich allerdings von selbst, daß das Bewußtsein dieser grammatischen Ordnung seines Sprachbesitzes, d. h. die Scheidung von Worten, Wortgruppen und Sätzen, dem Kind anfänglich fehlt. Ihm sind sie lediglich nach ihrer Häufigkeit (und ihren Bedeutungen) verschiedene praktische  Redeteile,  das Wort wie der Satz, und nicht anders auch der Laut, den es als Ausruf benutzt.

Ebenso bedarf es kaum der Erwähnung, daß die akustischen und motorischen Worte sowie ihre Lautelemente voneinander so verschieden sind, wie Geräusche und Klänge von Bewegungsgefühlen und Tastempfindungen. Der Bewußtseinsbestand beider Wort- und Lautreihen ist deshalb so unvergleichbar, wie die Empfindungen es sind, aus deren Verflechtung sie bestehen. Daß sie sich trotzdem zu binären, akustisch-motorischen Verflechtungen assoziieren, ist nur ein spezieller Fall der Tatsache, daß die Wahrnehmungen verschiedener Sinne sowie die aus ihnen abgeleiteten Vorstellungen sich zu mehrgliedrigen Geflechten zusammenfinden.

Zu diesen primären Sprachvorstellungen gesellen sich  sekundäre,  indem wir lesen lernen. Wir lernen die gedruckten und geschriebenen Worte ausnahmslos als optische Symbole der Lautworte, die Buchstaben zumeist als Symbole von Lauten kennen; denn nicht jedem Buchstaben entsprechen selbständige Laute.

Es entsteht somit eine dritte Gruppe von Wortvorstellungen. Es bilden sich  optische  Worte, wiederum in der Abstufung der akustischen, und entsprechende Abstufungen der Buchstaben: optische Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Einbildungs-, konkrete und abstrakte Worte oder Buchstaben; alle in ähnlicher Mannigfaltigkeit der Unterarten, wie sie die akustischen besitzen, deren Symbole sie sind.

Zu diesen drei Gruppen von Worten tritt, indem wir schreiben lernen, anscheinend eine vierte, d. h. der Inbegriff der  graphischen  "Worte". Die gedruckten oder geschriebenen Worte sind, wenn wir von den Bewegungsgefühlen absehen, die dadurch entstehen können, daß das Auge sie durchläuft, rein optischer Natur. Die graphischen "Worte" sind, für sich betrachtet, ebenso rein motorischer Art wie die motorischen im engeren Sinne. Aber diese Gebilde sind erstens viel weniger selbständig als jene motorischen. Wir kommen gelegentlich dazu, die Sprachbewegungen lautlos auszuführen; aber fast niemals haben wir praktischen Anlaß, Schreibbewegungen zu machen, ohne auf das Geschriebene zu sehen. Sprechen können wir ferner lediglich mit Hilfe der Artikulationsmuskulatur, schreiben aber auch, indem wir die Feder mit diesen oder jenen Fingern halten, mit der linken ebenso wie mit der rechten Hand, zur Not mit den Zehen ebenso wie mit den Händen. Ja, wir könnten, wenn es darauf ankäme, die Schreibwerkzeuge an den Ellenbogen oder den Knien, den Schultern, dem Kopf, kurz an jedem beweglichen Glied des Körpers befestigen. Wir können außerdem vielleicht niemals ein graphisches Wort, kaum jemals einen graphischen Buchstaben erinnern, ohne des optischen Wortes zugleich bewußt zu werden. Allerdings schleifen sich für den viel Schreibenden die Schreibbewegungen allmählich reflektorisch so ab, daß sie typisch gleichförmig, die durch sie ausgelösten Empfindungskomplexe also ebenso gleichartig werden. Diese abstrakten Gruppen bleiben jedoch für die Funktionen der eigentlichen Sprachvorstellungen ebenfalls durchaus unselbständig. Graphische Einbildungsworte werden ebenso niemals herstellbar sein, ohne daß die entsprechenden optischen Bilder zugleich auftreten. Ein praktischer Anlaß sie zu bilden fehlt in gleichem Maße wie der theoretische. Die graphischen Gruppen sind überdies nicht nur unselbständiger als jede der drei übrigen, sondern auch für alle Zwecke der Sprache ungleich bedeutungsloser. Sie sind deshalb den übrigen tief untergeordnet. Ihre psychologische Gliederung hat kaum mehr als schematische Bedeutung. Sie sind der Regel nach auch während des Schreibens selbst ganz nebensächliche Bestandteile des Bewußtseins, und beim Geübten, wenn er schnell schreibt, niemals vollständig. Es fehlt jeder Nachweis, und es ist aus allgemeinen Gründen unwahrscheinlich, daß sie im normalen Leben jemals eine Rolle spielen könnten, die derjenigen der motorischen im engeren Sinn bei einer Reihe von Menschen oder der optischen einer anderen Reihe analog wäre. Wenn demnach auch solche graphischen Gebilde keinem Schreibenden vollständig fehlen, so ist es doch, auch nach den symptomatischen Erfahrungen bei Schreibstörungen, nur ein unzulänglicher analogisierender Schematismus, diese Empfindungsgruppen als graphische  Worte  den drei übrigen zu koordinieren. Nur in dieser Beschränkung sollen sie weiterhin trotzdem als solche bezeichnet werden.

Die optischen Wortvorstellungen sind von den akustischen und motorischen so verschieden, wie die Gesichts- von der Gehörts- oder von den Tast- und Bewegungsempfindungen. Die graphischen Gebilde dagegen bauen sich aus Empfindungen und Gefühlen auf, die denen der motorischen gleichartig sind. Durch die Assoziation dieser sekundären mit den primären Worten entstehen drei- bzw. viergliedrige Sprachvorstellungen.

Die Wahrnehmungsworte der beiden sekundären Gruppen von Sprachvorstellungen und ihre Elemente, die Buchstaben, bilden zusammen die  Schriftsprache  im engeren Sinn. Die Arten beider Worte überhaupt ergeben mit der notwendigen Einschränkung hinsichtlich der graphischen die Schriftsprache in weiterer Bedeutung.

Wenn wir demnach die bisher behandelten Wortarten, von deren Bedeutungen wir noch immer absehen, als Worte im engeren Sinn bezeichnen, und die graphischen Gebilde, deren selbständige Funktion psychophysiologisch überschätzt ist, der Vollständigkeit halber hinzunehmen, so läßt sich das Gesagte übersichtlich etwa folgendermaßen darstellen:

Sprache
Lautsprache Schriftsprache
akustische   ←   motorische optische   ←   graphische
der Wahrnehmung konkrete   :   sensorische
der Erinnerung abstrakte   :   intellektuelle
der Einbildung

Die Pfeile von der motorischen zur akustischen, von der graphischen zur optischen Sprache sollen andeuten, daß sicher das akustische, vielleicht auch das optische Sprachbewußtsein von motorischen und graphischen  Vorstellungen  frei sein kann, während das motorische und graphische vielleicht ausnahmslos an Elementen der akustischen und optischen Gruppe gebunden ist.

CHARCOT faßt die akustischen und optischen Worte als passive, die motorischen und graphischen als aktive zusammen  (Aphasie de réception  und  aphasie de transmission,  1883). Die Ausdrücke mögen gelten, da sie nicht im Sinne verkommener psychologischer Kategorien gebraucht werden. Die Scheidung hat ferner für die Symptomenlehre der Aphasie ebenso wie für die WERNICKE'sche Scheidung in sensorische und motorische Aphasie ihre guten Gründe. Aber es ist unzulänglich, sie in die Sprachpsychologie zu übernehmen. Die motorische Aphasie beruth auf einer Störung des motorischen Sprachzentrums oder der zu ihm führenden Leitungsbahnen. Die motorischen Sprach vorstellungen  dagegen sind ebensowohl sensorische wie die akustischen und optischen. Es sind Sensationen aufgrund der ausgelösten Bewegungen. Und diese Sensationen sind um nichts mehr "aktiv" als die Wahrnehmungen der beiden anderen Sinne, allerdings, psychologisch betrachtet, auch nicht weniger "rezeptiv". Ebensowenig glücklich scheint diejenige Scheidung der Sprache in sensationelle und intellekturell, welche H. JACKSON vorgeschlagen hat. Die Verbindung der graphischen "Worte" mit den motorischen im obigen Schema soll demnach nur die sensorische Gleichartigkeit dieser beiden Gruppen sowie die untergeordnete Bedeutung des graphischen Elements ausdrücken.

Dem Schema für die Sprach ist das Schema für die Sprachvorstellungen nachgebildet:

Sprachvorstellungen
[im eigentlichen Sinn]
der Lautsprache der Schriftsprache
Lautworte   -   akustische Buchstaben   -   optische
Laute   -   motorische Schriftworte   -   graphische
wahrgenommene konkrete   :   sensorische
erinnerte abstrakte   :   intellektuelle
eingebildete


IV.
Die Bedeutungsvorstellungen

Im Vorstehenden ist lediglich der Inbegriff der Wortvorstellungen im engeren Sinne, der akustischen, motorischen, optischen und graphischen Symbole des Gedachten, also nur dasjenige Sprachgebiet charakterisiert, das gleichsam die Außenseite des Sprachlebens ausmacht. Die Sprache steht im Dienst des Denkens. Der Satz der lebendigen Rede ist ein Ausdruck von Gedanken; ebenso die Worte, die elliptisch für einen Satz stehen, die Satzworte. Die Worte der lebendigen Rede sind demnach Ausdrücke für Bestandteile von Gedanken. Sie  bedeuten  solche Gedankenteile. Sämtlichen Worten, auch den Partikeln, wohnen solche  Bedeutungen  inne, wenngleich die Selbständigkeit der gedanklichen Funktion dieses Bedeutungsinhaltes mannigfaltig abgetönt ist. Kein Wort einer Sprache besitzt schließlich, egal welcher Periode einer einigermaßen entwickelten Sprache es angehört, nur  eine  Bedeutung. Selbst die Zahlwörter sind davon nicht ausgeschlossen. Den meisten Worten unserer Kultursprachen sind so viele Bedeutungen eigentümlich, daß ihre Mannigfaltigkeit jedes Versuchs spottet, alle feineren Nuancierungen vollständig aufzuzählen. Es ist sogar nur wenig übertrieben, wenn man behauptet, daß die Bedeutungen der Worte von einem selbständigeren Gehalt, der Nomina und Verba, fast von Satz zu Satz eines Individuums variieren. Jedem Wort einer jeden Sprache kommt somit ein Bedeutungswechsel zu. Die aufeinander folgenden Phasen dieses Bedeutungswechsels schließen sich für jedes Wort zur einer Bedeutungsgeschichte zusammen. Nicht zwei Worte einer Sprache besitzen ferner dieselbe Bedeutungsgeschichte, geschweige denn Worte verschiedener Sprachen, die in einzelnen Sätzen Ähnliches bedeuten. Wie alle Geschichte, so zeigt auch die Bedeutungsgeschichte jedes Wortes nicht feste Stufen, sondern fließende Zusammenhänge. Diese objektive Mannigfaltigkeit der Bedeutungen kann für ein Individuum ebenso zusammenschrumpfen, wie der Sprachschatz der Worte im engeren Sinn. Aber sie wird niemals so dürftig, daß sie nicht die typischen Züge der Bedeutungsentwicklung aufwiese. Bedeutungen verbleiben den einzelnen Wortvorstellungen auch in solchen Zusammenhängen, in denen eine Redewendung einen metaphorischen Sinn besitzt, der aus ihr für den Unkundigen gar nicht ersichtlich wird. Es zeigt sich dies schon daraus, daß sie ihrem Wortsinn nach verstanden werden können. Zumeist aber besitzt dieser Wortsinn überdies eine Beziehung zu der übertragenen Bedeutung der ganzen Phrase. Schließlich zeigen sich auch hier mannigfaltige Übergangsformen von den allgemeineren zu diesen besonderen Bedeutungen der Wendung, die auch solche Gruppen lediglich als schärfer gesonderte Typen auffassen lassen.

Es ist klar, daß diese  Bedeutungen  der Wortvorstellungen engeneren Sinns im allgemeinen selbst wiederum  Vorstellungen  sind. Sie sind Bedeutungsvorstellungen im Unterschied von jenen Wortvorstellungen, kurz Bedeutungen im Unterschied von den Worten. In geringstem Maße ist dieser Vorstellungscharakter der Bedeutungen bei den Interjektionen ausgeprägt. Die Ausrufungen sind vorzugsweise sprachliche Reflexe von Gefühlen. Aber sie sind nicht die einzigen sprachlichen Gefühlsreflexe. Auch den anderen Wortarten sind Gefühlsbedeutungen eigen; sie fehlen sogar keinen der übrigen Partikeln vollständig. Und diese Gefühlsbedeutungen der übrigen Worte zeigen keine geringere Mannigfaltigkeit und keine schrofferen Übergänge als die der Interjektionen. Hat doch sogar ein so sorgsamer Beobachter wie BERKELEY geglaubt urteilen zu dürfen, daß Worte unmittelbar, d. h. ohne Erregung der ihnen zugehörigen Bedeutungsvorstellungen (oder ihrer mechanischen Korrelate) Affekte erregen können. Die Interjektionen sind andererseits nicht lediglich sprachliche Gefühlsreflexe. Sie sind dies offenbar nicht, wenn sie im Geräusch gebraucht werden. Dann vertreten sie fast stets zugleich einen Satz. Sie sind solche Reflexe überhaupt niemals ausschließlich, wenn sie der Mitteilung dienen. Kaum jemals sind sie es schließlich, wenn sie ohne einen solchen Zweck hervorbrechen. Es ist also auch hier, trotz des deutlichen Abstandes, der diese Wortgruppe von allen übrigen trennt, der Regel nach den Bedeutungen ein Vorstellungscharakter zuzuerkennen.

Wir kommen somit zu einer vierten und, wenn wir die graphischen "Worte" einrechnen, zu einer fünften Gruppe von Sprachvorstellungen, den  Bedeutungsvorstellungen  der Worte.

Bedeutungsvorstellungen sind eben deswegen, weil sie  allen  Worten zukommen, schon in der Umgangssprache einzelnen  Lauten  eigen: den Interjektionslauten. Denn diese werden dadurch nicht zu Lautgruppen, daß ihren Symbolen in der Schriftsprache vielfach auch Buchstaben zugewiesen werden, die als Dehnungszeichen dienen. Eine Mannigfaltigkeit von Bedeutungen eignet ferner vielen Lauten und Buchstaben im Sprachgebrauch des theoretischen Denkens, sofern sie ideogrammatisch für technische und wissenschaftliche Gegenstände gebraucht werden.

Allen Sprachvorstellungen also im engeren Sinne kommen Bedeutungsvorstellungen zu: den Worten stets; ihren theoretischen akustischen und optischen Elementen, den Lauten und Buchstaben dann, wenn sie selbständig gebraucht werden.

Die Bedeutungen der Worte umfassen fürs Erste das gesamte Gebiet der  Sach vorstellungen, d. h. derjenigen Gegenstände, die nicht dem engeren Gebiet der materialen und formalen Bestandteile der Sprache angehören. Es gibt keinen konkreten sachlichen Gegenstand der Sinnes- wie der Selbstwahrnehmung und ihrer Ableitungen, und ebensowenig einen abstrakten Gegenstand all dieser Gruppen der Erinnerung und Einbildung, der nicht als Ganzes wie nach jedem seiner Bestandteile und Merkmale sprachlicher Darstellung fähig wäre. Nicht nur die Gegenstände erster Ordnung, sondern auch die unzähligen Inbegriffe solcher Gegenstände, die simultanen und sukzessiven, die kollektiven und kontinuierlichen, sind eines solchen Ausdrucks fähig. Nicht nur die sachlichen Gegenstände aller dieser Arten selbst, sondern auch alle ihre Gedankenverbindungen, z. B. Urteil, Schluß, Beweis, Methode oder System, können am Ende, wenn ein Bedürfnis dazu vorliegt, in die Bedeutung je eines Wortes zusammengedrängt werden.

Ein zweites, engeres Gebiet von Bedeutungen, das stets dem ersteren entstammt, umfaßt das Leben der Sprache selbst, die  grammatischen  Gegenstände: Laut, Buchstaben, Nomen, Verb, Partikel, Wort, Satz, Rektion, Flexion, Syntax, Grammatik.

Beide Bedeutungsgebiete sind nicht scharf voneinander getrennt, sondern fließen in der Bedeutungsentwicklung vielfach ineinander über.

Die Sachvorstellungen sind jedoch nicht notwendig Bedeutungsvorstellungen. Der Fortschritt der gedanklichen Entwicklung führt den Bedeutungen auf jeder Stufe Gegenstände zu, die bis dahin, etwa weil unbeachtet, ohne sprachlichen Ausdruck geblieben sind. Nicht wenige von diesen fließen allmählich in die Sprache der Gebildeten, manche weiterhin auch in den Ausdruckskreis der Volkssprache über. Besonders groß ist die Mannigfaltigkeit der selbständigen Sachvorstellungen gegenüber den sprachlich gebundenen bei den Kindern, die seit kurzem sprechen. Noch größer bei denen, die erst anfangen einzelne Gruppen von Wortvorstellungen zu verstehen. Bei den Kindern, die Gesprochenes noch nicht verstehen, sind die Sachvorstellungen überhaupt noch nicht zu Bedeutungsvorstellungen entwickelt. Unseren Haustieren sowie den sonst dressierten Tieren fehlen die meisten unserer Bedeutungsvorstellungen, bei den freilebenden, in ihrem Gemeinschaftsleben und ihrer Organisation uns ferner stehenden sind sie auf wenige Gruppen von Reflexlauten reduziert.

Es gehört zu den Aufgaben der logischen Elementarlehre, den Inbegriff der Bedeutungsvorstellungen systematisch zu gliedern. Auf dieser Grundlage, wenngleich von einem anderen Gesichtspunkt aus, haben die bedeutungsgeschichtlichen Untersuchungen im einzelnen weiter zu bauen, den Bedeutungsgehalt der Sprachvorstellungen der einzelnen Sprachen in ihrem Werden zu verfolgen. Sie geben damit der Sozialpsychologie der Sprache ihr Material, dessen Bearbeitung dazu beitragen wird, dieser Disziplin, die als sogenannte Völkerpsychologie bisher nur einen Teil ihrer Aufgaben tastend in Angriff genommen hat, einen festeren Unterbau zu geben.

Die vorstehenden Bemerkungen sollen nur von Seiten der psychologischen Betrachtung die Mannigfaltigkeit deutlich machen, die hier in Betracht kommt. Die Fragmente hierhergehöriger Erörterungen, welche sich die Psychiatrie auf eigene Hand geschaffen hat, lassen die Verwicklung der hier vorliegenden psychologischen, logischen und sprachwissenschaftlichen Aufgaben nicht erkennen. So rächt sich die Rücksichtslosigkeit gegen die Arbeit, die in den Gebieten der Philosophie und der vergleichenden Sprachwissenschaft bisher geleistet worden ist. Selbst in den Ausführungen eines so hervorragenden Forschers wie WERNICKE tritt dies zutage. Was WERNICKE gelegentlich über den "Begriff" des Gegenstandes und des Wortes (5) sagt, zeugt von solcher Einseitigkeit. Schon dieser, nicht nur in die psychiatrische Literatur, sondern z. B. auch in den selbständig gearbeiteten Leitfaden von ZIEHEN (6) aufgenommene Ausdruck läßt dies erkennen. Er ist lediglich im Hinblick auf eine der verschwommenen Bedeutungen gewählt, die dem Wort "Begriff" im praktischen Sprachgebrauch eigen geworden sind. Es lohnt nie, um Worte zu streiten. Aber es ist diesem verwunderlichen Sprachgebrauch gegenüber doch daran zu erinnern, daß es lediglich verwirrend wirken muß, dem Wort die engere Bedeutung zu nehmen, die es nicht bloß im Sprachschatz der Philosophie, sondern auch in denjenigen Einzelwissenschaften längst gewonnen hat, welche in engerer Fühlung mit der Philosophie geblieben sind. Die Reaktion gegen die Philosophie, welche in den Kreisen der jüngeren Psychiater vielfach vorhanden ist, läßt sich wohl begreifen. Aber es ist doch einigermaßen kümmerlich, mit dem psychologischen Hausrat zu wirtschaften, der sich bei Gelegenheit physiologischer und pathologischer Einzeluntersuchungen auflesen läßt. Wir sollten dem Wort "Begriff" die Bedeutung vorbehalten, derzufolge es diejenigen abstrakten Gegenstände bezeichnet, deren Inhalt und Umfang durch gültige Urteile bestimmt ist, den Bedeutungen also, die im eigentlichen Sinne des Wortes  durchdacht  sind.
LITERATUR - Benno Erdmann, Die psychologischen Grundlagen der Beziehung zwischen Sprechen und Denken, Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge der "Philosophischen Monatshefte", Bd. 2, Berlin 1896
    Anmerkungen
    1) Spezielleres in meiner Abhandlung "Zur Theorie der Apperzeption" in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 10, 1886
    2) Über die Literatur zur Aphasie bis 1886 vergleiche man die vortrefflichen Übersichten von WERNICKE in den "Fortschritten der Medizin", 1884 - 1886, jetzt wiederabgedruckt in seinen "Gesammelten Aufsätzen zur Pathologie des Nervenystems", Berlin 1893
    3) H. SACHS, Vorträge über Bau und Tätigkeit des Großhirns, Breslau 1893, Seite 12f und 122f.
    4) SALOMON STRICKER, Studien über Sprachvorstellungen, Wien 1880. Derselbe, Studien über die Bewegungsvorstellungen, Wien 1882.
    5) C. WERNICKE, Der aphasische Symptomenkomplex, a. a. O., Seite 33, sowie in dem oben zitierten Referat, a. a. O., Seite 99f.
    6) TH. ZIEHEN, Leitfaden der physiologischen Psychologie, Jena 1896, Seite 123f