tb-1 Kleinpeter - Erwiderung Kleinpeter - Nachtrag     
 
JULIUS BAUMANN
Ist Mach von mir
mißverstanden worden?


In dieser Zeitschrift 1899, Seite 158, hat Herr KLEINPETER ausgesprochen, MACH sei (in dem ebenda Bd. IV, Seite 44f veröffentlichten Aufsatz: "Über Ernst Machs philosophische Ansichten") von mir mißverstanden worden. Speziell schreibt er Seite 184: "Das Prinzip der Ökonomie der Wissenschaft, weit entfernt, wie BAUMANN erwähnt, ein lediglich praktisches zu sein, ist vielmehr von hochtheoretischer Bedeutung, es enthält die Definition der Wissenschaft." Nach dem Folgenden soll Wissenschaft danach als ein Mittel betrachtet werden, zum Wissen zu gelangen und so unserem Streben ein erreichbares Ziel gesetzt sein.

KLEINPETER scheint mein angebliches Mißverständnis hierauf einzuschränken. Daß ich vor diesem Punkt, der als 9ter bei mir bezeichnet ist, 8 andere Ansichten von MACH behandelt habe, erwähnt er nicht. Diese scheine ich nach ihm nicht mißverstanden zu haben; er führt mindestens die von mir bekämpften Punkte nach wie vor an als eben dadurch entschieden, daß MACH sie so ansieht. So schreibt KLEINPETER Seite 164:
    "Masse, Kraft sind nur Begriffe, Gebilde unserer Phantasie."

    "Gar etwas außer uns liegendes Reales erkennen zu wollen - dazu fehlt uns jede Möglichkeit."

    "Die Gesetze der Logik sind unsere Gesetze, die sich nur auf unsere Begriffe anwenden lassen."

    "Zwischen Tatsachen gibt es nur einfache Aufeinanderfolg. Es ist also falsch, zu sagen, daß eine Tatsache die Ursache einer anderen ist."
Was nun mein angebliches Mißverständnis betrifft, so führt KLEINPETER Seite 162 unten aus MACH selbst an, daß menschliche Auffassung von Haus aus praktisch sei. Das wird niemand bestreiten; ich habe nur geltend gemacht, daß Wissenschaft in unserem Sinn sich bei den Griechen zuerst aus theoretischem Interesse entwickelt habe. Was ich sonst über diesen Punkt bei MACH gesagt habe, halte ich vollständig aufrecht. Es gewinnt nämlich diese ökonomische (sparsame) Bedeutung der Wissenschaft bei MACH eine ganz andere Beleuchtung, wenn man sie im Zusammenhang von MACHs Ansichten betrachtet, was KLEINPETER unterläßt. Mißverstanden habe ich daher MACH gar nicht, ich schätze ihn nur ganz anders als KLEINPETER, was ja oft von Anhängern einer Ansicht als Mißverständnis ausgelegt wird. KLEINPETER hat von MACH augenscheinlich zuerst gelernt, daß Begriffe unsere Vorstellungen und nicht die Dinge sind und hält dies für eine neue Offenbarung; es ist das aber in der Philosophie eine uralte Überzeugung, nur daß man strebte, die Begriffe zu mehr zu machen, was KLEINPETER auch tut (nach Seite 173 ist "die Annahme einer Außenwelt eine notwendige Hypothese, um gewisse Erscheinungen unseres Seelenlebens begreiflich zu machen"), aber man kann das immer wieder nur mit dem Denken und im Denken. Für mich war also diese Betonung der Subjektivität unserer Begriffe etwas Selbstverständliches, ebenso dies, worauf KLEINPETER so großes Gewicht legt, daß Wissenschaft ein Mittel ist, zu Wissen zu gelangen und nicht alles in ihr schon dies ist. Uns erinnert schon das Wort Philosophie etymologisch an das  Streben.  Ich richtete naturgemäß meine Aufmerksamkeit auf die Seiten von MACHs Ansichten, die mir nicht richtig schienen und noch scheinen. Auch seine "ökonomische" Bedeutung der Wissenschaft ist in dem, was sie für KLEINPETER Richtiges zu enthalten scheint, nicht etwas Neues. Zum Beispiel das Bestreben per genus et differentiam [nach Gattung und Differenz, wp] zu definieren war seit alten Zeiten ein Versuch ökonomischen (sparsamen) Verfahrens. Daß MACH sich selbst damit als mehr vorkam, schreibt sich von dem her, was er von seinen sonstigen Ansichten hier mit hineinlegt und was ich nach wie vor für sehr bestreitbar halte. Man lese doch Seite 61 und 62 meines Aufsatzes die wörtlichen Anführungen aus MACH:
    "Die Wissenschaft ist aus dem praktischen Leben hervorgegangen."

    "Die Wissenschaft steht mitten im natürlichen Entwicklungsprozeß, den sie zweckmäßig zu leiten und zu fördern, aber nicht zu ersetzen vermag."
Dieser "natürliche Entwicklungsprozeß" ist nach Seite 58 (bei mir) der darwinistisch-monistische: "Gedanken sind organische Prozesse", zwischen Mensch und Tier ist "ein bloßer Gradunterschied der Intelligenz (Seite 60 bei mir). "Wenn das Denken mit seinen begrenzten Mitteln versucht, das reiche Leben der Welt widerzuspiegeln, von dem es selbst nur ein kleiner Teil ist und das zu erschöpfen es niemals hoffen darf" - (Seite 61 unten, bei mir). MACH hat auch hier seine evolutionistische Willensmetaphysik mit Andeutung absoluten Werdens im Hintergrund, auf die ich neben seinem Phänomenalismus in dem Aufsatz wiederholt hingewiesen habe.
LITERATUR - Julius Baumann, Ist Mach von mir mißverstanden worden?, Archiv für systemische Philosophie, Neue Folge, Band V, Berlin 1899