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HERMANN EBBINGHAUS
Über erklärende und
beschreibende Psychologie

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"Die Tatsachen der Außenwelt, mit denen es die Naturwissenschaft zu tun hat, sind unserer Wahrnehmung als einzelne und zusammenhanglose gegeben. Eine Verbindung kommt in sie nur hinein, indem wir sie schaffen, dadurch also, daß wir die für die unmittelbare Beobachtung bestehenden Lücken durch unsere Schlüsse ergänzen und durch unsere Hypothesen das bloß nebeneinander und nacheinander Gegebene zu zusammenhängenden Einheiten verknüpfen. So beruth die Einheit des Objekts, die wir denken, auf einer von innen stammenden Synthese der Sinnesempfindungen. Namentlich aber bringen wir den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen und die wichtige Vorstellung der quantitativen und qualitativen Gleichheit zwischen beiden erst durch unsere geistige Aktivität in die äußeren Dinge hinein."

Unter dem Titel "Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie" (1) hat WILHELM DILTHEY kürzlich einige prinzipielle Fragen dieser Wissenschaft aufgerührt. Der Umfang seiner Abhandlung ist nicht gering und ihre Lektüre nicht leicht; da sie zudem an einer Stelle erschienen ist, wo man nach einem hübschen Wort "lediglich die Sternenschrift der zu entdeckenden Geheimnisse" entziffert zu finden erwartet, so scheint es mir angemessen, ihr mit einiger Aufmerksamkeit entgegenzukommen. Ich versuch daher im folgnden die DILTHEYschen Gedanken in etwas kompakterer Form darzustellen, namentlich aber ihre etwaige Tragweite etwas näher zu beleuchten.

I.

Die herrschende Psychologie folgt nach der Meinung DILTHEYs einem falschen Ideal. Sie will eine erklärende Wissenschaft sein, nach dem Vorbild etwa der Physik und Chemie, d. h. sie will die Erscheinungen ihres Gebietes "mittels einer begrenzten Zahl von eindeutig bestimmten Elementen" einem großen allumfassenden Kausalzusammenhang unterordnen.

Dieses Zweifache, eine geringe Zahl eindeutig bestimmter Elemente und die Tendenz der Ableitung, der Konstruktion aller übrigen auffindbaren seelischen Tatsachen, sind nach DILTHEY ihre charakteristischen Züge. Die Elemente, die dabei dem ganzen Gebäude zugrunde gelegt werden, sind die Empfindungen, Vorstellungen, Lust- und Unlustgefühle, nebst den Prozessen der Assoziation, Apperzeption, Verschmelzung, außerdem aber auch die Annahme unbewußter Vorstellungen, sowie die allgemeine Voraussetzung strenger Kausalität des seelischen Geschehens "nach dem Prinzip:  causa aequat effektum  [Ursache gleich Wirkung - wp]. Das Hilfsmittel der Erklärung bilden Hypothesen und Hypothesenverbindungen über das Verhältnis jener Elemente zueinander und über ihr Ineinandergreifen. Besonders klare Repräsentanten der Richtung sind die sogenannten Assoziationspsychologen: die beiden MILL, SPENCER, TAINE; auch HERBART wird ihnen zugerechnet. Neuerdings ist die Ähnlichkeit zwischen dem Verfahren dieser erklärenden psychologie und der Naturwissenschaft dadurch noch größer geworden, "daß das Experiment jetzt, dank einem bemerkenswerten Fortschritt, das Hilfsmittel der Psychologie auf vielen ihrer Gebiete geworden ist". "Wenn irgendeiner der Versuche gelungen wäre, quantitative Bestimmungen nicht nur in den Außenwerken ..., sondern in ihrem Inneren selber zur Anwendung zu bringen", so würde jene Ähnlichkeit abermals zunehmen. (Seiten 1, 18, 20, 21)

Indessen gilt DILTHEY diese ganze Übertragung naturwissenschaftlicher Methoden auf die Psychologie als irrig; sie ist ihm eine unberechtigte Ausdehnung von Begriffen und Verfahrensweisen, die an ihrer Stelle Großes leisten, auf ein Gebiet, für dessen Eigenart sie in keiner Weise passen. Sein Hauptargument hierfür ist dieses.

Die Tatsachen der Außenwelt, mit denen es die Naturwissenschaft zu tun hat, sind unserer Wahrnehmung als einzelne und zusammenhanglose gegeben. Eine Verbindung kommt in sie nur hinein, indem wir sie schaffen, dadurch also, daß wir die für die unmittelbare Beobachtung bestehenden Lücken durch unsere Schlüsse ergänzen und durch unsere Hypothesen das bloß nebeneinander und nacheinander Gegebene zu zusammenhängenden Einheiten verknüpfen. So beruth die Einheit des Objekts, die wir denken, auf einer von innen stammenden Synthese der Sinnesempfindungen. Namentlich aber bringen wir den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen und die wichtige Vorstellung der quantitativen und qualitativen Gleichheit zwischen beiden erst durch unsere geistige Aktivität in die äußeren Dinge hinein. Hier sind also verknüpfende und erklärende Hypothesen berechtigte und notwendige Hilfsmittel des erkennenden Verfahrens.

Ganz anders dagegen ist uns geistiges Leben gegeben. Der Zusammenhang der Tatsachen, der bei der Außenwelt nachträglich hergestellt und den Sinneserregungen untergelegt werden muß, liegt hier "als ein ursprünglich gegebener überall zugrunde". Verbindung des Mannigfaltigen zu einer Einheit, Zusammenhang von Teilen in einem Ganzen kommt uns in der inneren Wahrnehmung unmittelbar zum Bewußtsein, bildet das fundamentale und ursprüngliche Erlebnis. "Vollziehen wir ... einen Denkakt, so ist in ihm eine unterscheidbare Mehrheit von inneren Tatsachen doch zugleich in der unteilbaren Einheit einer Funktion zusammengefaßt. ... Reflektieren wir gar auf die Selbigkeit, welche gleichzeitig mehrere innere Vorgänge zusammenhält und das Nacheinander der Vorgänge zur Einheit des Lebens zusammenfaßt, so tritt hier noch erstaunlicher ein in der inneren Erfahrung als Erlebnis Gegebenes hervor, das doch mit den Vorgängen der Natur keine Vergleichbarkeit hat. ... Einen weiteren Zusammenhang erleben wir, wenn etwa von den Prämissen aus in uns ein Schlußsatz entsteht: hier liegt ein Zusammenhang vor, der von den Ursachen zu den Wirkungen führt: auch dieser Zusammenhang stammt von innen, ist im Erlebnis als Realität gegeben."

Die Selbigkeit, "welche das Gleichzeitige und Sukzessive der einzelnen Lebensvorgänge zusammenhält", ist einigermaßen dunkel, vermutlich ist das Selbstbewußtsein gemeint; jedenfalls aber ist der allgemeine Gedanke klar: im Denken, Schließen und anderen inneren Erfahrungen werden Einheit und Kausalität, Zusammenhang und Erwirken unmittelbar innerlich erfaßt und erlebt. Erst von hier aus werden sie dann auf die äußere Natur übertragen; "aller Zusammenhang, den unser Wahrnehmen sieht und unser Denken setzt, ist der eigenen inneren Lebendigkeit entnommen". Der lebendige Zusammenhang der Seele wird somit nicht, wie der der Außenwelt, "allmählich versuchend gewonnen. Er ist das Leben, das vor allem Erkennen da ist". "Die Psychologie bedarf also keiner durch Schlüsse gewonnenen untergelegten Begriffe, um überhaupt einen durchgreifenden Zusammenhang unter den großen Gruppen der seelischen Tatsachen herzustellen." Gewisse Lücken des Gegebenen müssen allerdings durch uns ausgefüllt werden, aber das ist nach der Meinung DILTHEYs in durchaus anderer Weise möglich, als durch die Konstruktionen der erklärenden Psychologie.

Zugleich ist dieser "durch die innere Erfahrung ... als ein lebendiger, freier und geschichtlicher" gegebene Zusammenhang der einzige, der uns zugänglich ist; wir können nicht durch unsere Konstruktionen etwa noch einen anderen, dahinter gelegenen zu erreichen hoffen. "Wir können unun nicht einen Zusammenhang machen, außerhalb dieses, der uns gegeben ist. Hinter denselben, wie er in der inneren Erfahrung selbst gegeben ist, kann die Wissenschaft von diesem Seelenleben nicht zurückgehen. Das Bewußtsein kann nicht hinter sich selber kommen." ... "Das Denken kann nicht hinter seine eigene Wirklichkeit, hinter die Wirklichkeit, in welcher es entsteht, zurückgehen." Will man es versuchen, so kann der als hinterwirklich konstruierte Zusammenhang "nur aus den Teilinhalten zusammengesetzt sein, die in dieser Wirklichkeit selber vorkommen". "Von dieser Abstraktion führt aber dann natürlich kein berechtigtes Denkmittel zur lebendigen Wirklichkeit des seelischen Zusammenhangs zurück. ... Diese Konstruktion des im Leben Gegebenen durch ein im Untergelegtes kann unser Wissen vom lebendigen Zusammenhang nicht ergänzen wollen." (Seiten 5, 32, 55f)

Dieser ersten und wichtigsten Erwägung gegen die erklärende Psychologie steht eine andere zur Seite. Hypothesen, deren sie sich doch zu ihren Ableitungen und Konstruktionen bedienen muß, können auf psychologischem Gebiet nach der Meinung DILTHEYs überhaupt nicht die Bedeutung haben, die ihnen für das naturwissenschaftliche Erkennen zukommt. Die Tatsachen nämlich "können im Gebiet des Seelenlebens nicht zu der genauen Bestimmtheit erhoben werden, welche zur Erprobung einer Theorie durch Vergleichung ihrer Konsequenzen mit solchen Tatsachen erforderlich ist. So ist an keinem entscheidenden Punkt die Ausschließung anderer Hypothesen und die Bewahrheitung der übrig bleibenden Hypothese gelungen." Vielmehr treten jeder Hypothesenverbindung ein Dutzend andere gegenüber, aus denen man ziemlich gleich gut oder schlecht das zu Erklärende ableiten kann. "So sind wir, wenn wir eine volle Kausalerkenntnis herstellen wollen, in einen Nebel von Hypothesen gebannt, für welche die Möglichkeit ihrer Erprobung an den psychischen Tatsachen gar nicht in Aussicht steht." "Eine Hypothese solcher Art ist die Lehre vom Parallelismus der Nervenvorgänge und der geistigen Vorgänge. ... Eine solche Hypothese ist die Zurückführung aller Bewußtseinserscheinungen auf atomartig vorgestellte Elemente, welche in gesetzlichen Verhältnissen aufeinander wirken. Eine solche Hypothese ist die mit dem Anspruch der Kausalerklärung auftretende Konstruktion aller seelischen Erscheinungen durch die beiden Klassen der Empfindungen und der Gefühle, wodurch dann das ... so mächtig auftretende Wollen zu einem sekundären Schein wird. ... Durch bloße Hypothesen wird aus psychischen Elementen und den Prozessen zwischen ihnen das Selbstbewußtsein abgeleitet. Nur Hypothesen besitzen wir über die verursachenden Vorgänge, durch welche der erworbene, seelische Zusammenhang beständig unsere bewußten Prozesse des Schließens und Wollens so mächtig und rätselhaft beeinflußt. Hypothesen, überall nur Hypothesen!" Die Kritik gewinnt ordentlich Schwung, wo sie sich anschickt, diese trostlose Unsicherheit der irregeleiteten Psychologie darzustellen. "Ein Kampf aller gegen alle tobt auf ihrem Gebiet, nicht minder heftig, als auf dem Feld der Metaphysik. Noch ist nirgend am fernsten Horizont etwas sichtbar, was diesen Kampf zu entscheiden die Kraft haben möchte" ... und niemand kann sagen, "ob jemals dieser Kampf der Hypothesen in der erklärenden Psychologie enden wird und wann das geschehen mag".

Von der Einführung des Experiments und der Messung hat man Großes gehofft. Die erklärende Seelenlehre schien die zur Verifizierung ihrer Hypothesen erforderliche feste Grundlage in experimentell gesicherten und zahlenmäßig bestimmten gesetzlichen Verhältnissen gewinnen zu können. "Aber in dieser entscheidenden Situation trat nun das Gegenteil von dem ein, was die Enthusiasten der experimentellen Methode erwartet hatten." Auf den Grenzgebieten des Seelenlebens haben jene beiden Hilfsmittel "sich der Hypothesenbildung in ähnlicher Weise dienstbar erwiesen, als dieses im Naturerkennen der Fall ist. In den zentralen Gebieten der Psychologie ist hiervon nichts zu bemerken." "Zur Erkenntnis von Gesetzen auf dem innerpsychischen Gebiet hat [der Versuch] schlechterdings nicht geführt." Hier hat er sich nur für die Herstellung genauer  Beschreibungen  als höchst nützlich erwiesen. Dagegen die Hoffnungen auf Unterstützung der Ableitungen und Konstruktionen, welche die erklärenden Psychologie auf ihn setzte, hat er bisher getäuscht.

Allerneuestens haben nun diese Einsichten - nach DILTHEY - zu einem vollständigen Bankrott und zu einer prinzipiellen Auflösung der erklärenden Psychologie geführt. Der eine, MÜNSTERBERG, will die rein psychologisch nicht erklärbaren Verbindungsgesetze und Verbindungen der einzelnen psychischen Inhalte durch Aufzeigung der physiologischen Zwischenglieder ersetzen, d. h. er will da, wo es mit den beabsichtigten Erklärungen nicht mehr geht, auf ein anderes Gebiet überspringen. Der andere, WUNDT, erkennt an, daß es auf geistigem Gebiet eine schöpferische Synthese gebe, d. h. daß aus den Wechselwirkungen psychischer Elemente Verbindungen hervorgehen können mit ganz neuen, in jenen Elementen noch nicht enthaltenen Eigenschaften, Verbindungen also, die nicht mehr eigentlich aus ihren Ursachen in durchsichtiger Weise abgeleitet und konstruiert werden können. (Seite 4-7, 27-30)

Diesen beiden unterscheidenden Eigentümlichkeiten ihres Gegenstandes also, dem unmittelbaren Gegebensein des seelischen Zusammenhangs in der inneren Erfahrung und der notwendigen Unsicherheit aller psychologischen Hypothesen, hat die erklärende Psychologie keine Rechnung getragen. Vermöge ihrer historischen Beziehungen zur konstruktiven Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts ist sie sozusagen blindlings den Analogien der naturwissenschaftlichen Methodenlehre gefolgt. Kein Wunder, daß sie auf dem falschen Weg nicht, wie ihr Vorbild, zu großen Resultaten gelangt ist. In zweifacher Hinsicht findet DILTHEY, daß sie eigentlich nichts geleistet oder vielmehr geradezu nachteilige Folgen hervorgebracht habe.

Erstens vermochte sie mit ihrem Streben nach Durchsichtigkeit und Rationalität gar nicht dem gesamten Inhalt des Seelenlebens gerecht zu werden. Denn diesem gehören Tatsachen, "deren Härte bisher keine überzeugende Zergliederung aufzulösen vermocht hat". "Solche sind innerhalb unseres Gefühls- und Trieblebens das Streben nach Erhaltung und Erweiterung unseres Selbst, innerhalb unseres Erkennens der Charakter von Notwendigkeit in gewissen Sätzen und im Umkreis unserer Willenshandlungen das Sollen oder die absolut im Bewußtsein auftretenden Normen." "Wie ... KANT unwidersprechlich gezeigt hat, ... entstehen auch innerhalb der gegebenen Wirklichkeit, wenn sie in allen ihren Bestandteilen und ihrem ganzen Zusammenhang als durchsichtig für den Verstand aufzgezeigt werden soll, Widersprüche, Antinomien ... Dies zunächst darin begründet, daß unser Weltbewußtsein so gut wie unser Selbstbewußtsein aus der Lebendigkeit unseres Selbst entsprungen ist; diese aber ist mehr als Ratio. Davon sind die Begriffe der Einheit, Selbigkeit, Substanz, Kausalität Beweise. Andere Antinomien sind darin gegründet, daß Tatsachen von verschiedener Provenienz nicht aufeinander zurückgeführt werden können. Hiervon ist das Verhältnis der stetigen Raum-, Zeit- und Bewegungsgrößen zur Zahl der Beweis." Vermöge der geringen Zahl ihrer Elemente also und vermöge ihrer konstruktiven Tendenz bleibt die erklärende Psychologie hinter der ganzen mächtigen Wirklichkeit des Seelenlebens zurück, sie liefert es nur mit verstümmeltem Inhalt. (Seiten 18 und 58)

Damit hängt dann das Zweite eng zusammen: das sind die betrübenden Folgen für die übrigen Geisteswissenschaften. Geschichte, Religionswissenschaft, Rechtslehre, Staats- und Volkswirtschaftslehre usw., sie alle haben es mit eigenartigen Zuspitzungen des geistigen Lebens zu tun. Sie bedürfen aber für ihre Sonderzwecke zunächst einer Kenntnis des  allgemeinen  lebendigen Zusammenhangs der Menschenseele, denn nur aus diesem können die verwickelten Bildungen verstanden werden, mit denen sie sich befassen. Sie bedürfen also einer Psychologie, die ihnen eine feste, allgemein gültige Grundlage für ihre eigenen Begriffe und Sätze gibt. Was können sie indessen von einer Wissenschaft erwarten, wie die erklärende Psychologie, die einerseits die ganze Reichhaltigkeit der Menschennatur gar nicht zu umspannen vermag, und die sich andererseits durchaus in strittigen Hypothesen bewegt? Akzeptieren sie die zu eng gefaßten Grundbegriffe, so geraten sie in die Irre, wie z. B. die Rechtslehre durch den Determinismus im Strafrecht. Akzeptieren sie die hypothetischen Konstruktionen, so werden sie mit hineingezogen in die Strudel von Unsicherheit und Skeptizismus. Die Folge ist, daß sich in weiten Kreisen bei den Vertretern der Geisteswissenschaften die Tendenz zeigt, psychologische Grundlegungen gänzlich auszuscheiden und, nur gestützt auf die zweideutige und subjektive Psychologie des Lebens, ihre Aufgabe zu lösen. Aber freilich, geholfen ist damit nicht. Um der Charybdis der Irreleitung und der Unsicherheit zu entfliehen, geraten sie auf die Scylla einer öden Empirie.

Ja, mehr als das, die erklärende Psychologie ist für die Geisteswissenschaften geradezu eine Gefahr. Durch ihre Angliederung an die Physiologie mittels der Lehre vom psychophysischen Parallelismus gewinnt sie das Gepräge "eines verfeinerten Materialismus". Offenbar ist sie damit so gerichtet, daß nähere Erläuterungen überflüssig erscheinen. DILTHEY fügt daher nur noch andeutend hinzu: "Die ganze weitere Entwicklung hat gezeigt, wie in politischer Ökonomie, Kriminalrecht, Staatslehre dieser verschleierte Materialismus der erklärenden Psychologie ... zersetzend gewirkt hat." (Seiten 7, 18, 24 und 53)

In Summa: die erklärenden Psychologie verfehlt vermöge der Irrungen ihrer Methode völlig die Lösung der großen Aufgaben, die von einer Psychologie verlangt werden und zu denen sie berufen ist. Wie ist dem nun abzuhelfen? "Aus allen dargelegten Schwierigkeiten," antwortet DILTHEY, "kann uns allein die Ausbildung einer Wissenschaft befreien, welche ich, gegenüber der erklärenden oder konstruktiven Psychologie, als beschreibende und zergliedernde bezeichnen will. Ich verstehe unter beschreibender Psychologie die Darstellung der in jedem entwickelten menschlichen Seelenleben gleichförmig auftretenden Bestandteile und Zusammenhänge, wie sie in einem einzigen Zusammenhang verbunden sind, der nicht hinzugedacht oder erschlossen, sondern erlebt ist." Um der oben dargelegten wesentlichen Eigenart der seelischen Tatsachen gerecht zu werden, soll diese Psychologie also vom ursprünglich gegebenen Zusammenhang des Seelenlebens ausgehen und diesen beschreiben und analysieren, aber nicht aus elementaren Vorgängen ableiten. Sie "muß den umgekehrten Weg einschlagen, als den die Vertreter der Konstruktionsmethode gegangen sind". Die anderen Forderungen an sie ergeben sich aus den übrigen oben gerügten Mängeln: unbedingte Sicherheit und Umspannung des gesamten unverstümmelten Seelenlebens. "Die volle Wirklichkeit des Seelenlebens muß zur Darstellung und tunlichst zur Analysis gelangen und diese Beschreibung und Analysis muß den höchsten erreichbaren Grad von Sicherheit haben." "Ihren Gegenstand muß der entwickelte Mensch und das fertige vollständige Seelenleben bilden", und "jeder von ihr benutzte Zusammenhang [muß] durch innere Wahrnehmung eindeutig verifiziert werden" können. Indem sie diesen Forderungen genügt, wird sie von selbst auch der letzten und höchsten gerecht werden, nämlich die Mittel für eine allgemeingültige Erkenntnis des den Geisteswissenschaften zugrunde liegenden Zusammenhanges zu geben. (Seite 14 und 30)

Das konkrete Verfahren, dessen sich diese beschreibende Psychologie bedient, wird von DILTHEY folgendermaßen geschildert. Sie geht aus von einem unmittelbar gegebenen Zusammenhang des Seelenlebens. was von diesem in das Bewußtsein fällt, wechselt. Aber indem die einzelnen Glieder wechseln, tritt allmählich die immer wiederkehrende Form ihrer Verbindung, die Art, wie sie zusammenhängen, mit immer größerer Klarheit hervor und schließlich resultiert durch diesen Prozeß "mit allgemeingültiger Gewißheit ... ein Bewußtsein vom Zusammenhang all dieser Glieder". Gleichzeitig sind wir befähigt zu isolierender Heraushebung des Einzelnen. Die einzelnen Vorgänge sind zwar miteinander verbunden und fließen rasch dahin. Allein wir vermögen sie doch in Wahrnehmung und Erinnerung einigermaßen festzuhalten und ihrer Eigentümlichkeiten inne zu werden. Indem wir so die allgemeinen Formen des Zusammenhangs durch  Verallgemeinerung  und die einzelnen Inhalte durch isolierende  Abstraktion  erfassen, erkennen wir gleichzeitig in ihnen Gleichheiten, Verschiedenheiten und deren etwaige Grade und gewinnen somit nach oben hin, induzierend, umfassendere Gleichförmigkeiten und nach unten hin, analysierene, auseinandertretende Glieder. Da aber die Auffassung des Einzelnen aus dem Erlebnis des Ganzen entsteht, so bleibt sie auch mit ihm verbunden. "Der einzelne Vorgang ist von der ganzen Totalität des Seelenlebens im Erlebnis getragen und der Zusammenhang, in welchem er in sich und mit dem Ganzen des Seelenlebens steht, gehört der unmittelbaren Erfahrung an." "Alles psychologische Denken behält diesen Grundzug, daß das Auffassen des Ganzen die Interpretation des Einzelnen ermöglicht und bestimmt." "An der lebendigen Totalität des Bewußtseins, am Zusammenhang seiner Funktionen, an der durch Abstraktion gefundenen Einsicht von den allgemein gültigen Formen und Verbindungen dieses Zusammenhangs besitzt die Analysis den Hintergrund aller ihrer Operationen."

Dabei soll die beschreibende Psychologie von allen erdenklichen Hilfsmitteln, die zur Förderung ihrer Zwecke geeignet sind, ausgiebigen Gebrauch machen. Namentlich des Experimentes soll sie sich als eines unentbehrlichen Instruments "für die Herstellung einer genauen Beschreibung innerer psychischer Vorgänge" bedienen; außerdem soll sie überall vergleichende Psychologie, Entwicklungsgeschichte, Analyses der geschichtlichen Produkte des Geisteslebens usw. hinzuziehen. Zugleich sollen ihr auch hypothetische Ergänzungen des mittelbar zu Beobachtenden gestattet sein. Die innere Erfahrung läßt stellenweise im Stich, wie DILTHEY zugesteht, z. B. "in der Reproduktion oder in der Beeinflussung bewußter Prozesse von dem unserem Bewußtsein entzogenen erworbenen seelischen Zusammenhang aus". In solchen Fällen sind selbstverständlich ergänzende Schlüsse nötig, die sich über das Gegebene hinaus auch auf das Nichtgegebene erstrecken. Aber die Sicherheit des Ganzen darf dadurch nicht leiden. Die Psychologie muß auch "die Beschreibung und Zergliederung des Verlaufs solcher Vorgänge der großen kausalen Gliederung des Ganzen unterordnen, welche von den inneren Erfahrungen aus festgestellt werden kann". Die Hypothese darf nicht unerläßliche Grundlage sein und gleichsam in die Fundamente des Baus eingemauert werden, sondern sie ist recht bescheiden einzufügen. (Seite 2, 6, 19, 33-37, 41)

Bis hierher wird man vielleicht das von DILTHEY geforderte Verfahren in sich verständlich und mit der vorher auseinandergesetzten Kritik übereinstimmend finden. Wer es aber aus der DILTHEYschen Arbeit selbst kennen zu lernen sucht, wird zweifellos durch eine Unklarheit gestört werden, die sich durch seine Darstellung hindurchzieht. Das ist das Verhältnis der beschreibenden zur erklärenden Psychologie.

DILTHEY führt den Begriff seiner Wissenschaft ein, indem er an die Sonderung von rationaler und empirischer Psychologie bei CHRISTIAN WOLFF erinnert, sowie an die Nebeneinanderstellung einer erklärenden und beschreibenden Psychologie bei THEODOR WAITZ. Nun wollte dieser letztere beschreibende Psychologie als eine Art Vorstufe der erklärenden. Jene liefert ein kritisch gesichtetes, sorgfältig beobachtetes, angemessen geordnetes Material, mit dem diese dann arbeitet, um nun erst eigentliche Wissenschaft daraus zu machen. An einigen Stellen sieht es aus, als ob DILTHEY etwas Ähnliches, eine Art Ergänzung der beschreibenden Psychologie durch die erklärende im Sinn hätte. "Diese [nämlich die erklärende Psychologie] erhielte in der beschreibenden ein festes deskriptives Gerüst, eine bestimmte Terminologie, genaue Analysen und ein wichtiges Hilfsmittel der Kontrolle für ihre hypothetischen Erklärungen." (Seite 15) "Überall zeigt sich hier an der Zergliederung der Intelligenz, was wir als ein allgemeines Verhältnis aufgestellt haben, wie an den letzten Enden der Analyse sich die beschreibende und die erklärende Psychologie begegnen." (Seite 46) Die beschreibende Psychologie "kann die Hypothesen, zu denen die erklärende Psychologie in Bezug auf die einzelnen Erscheinungsgruppen gelangt, in sich aufnehmen; aber indem sie dieselben an den Tatsachen mißt und den Grad ihrer Plausibilität bestimmt, ohne sie als Konstruktionsmomente zu verwerten, beeinträchtigt die Aufnahme derselben nicht ihre eigene Allgemeingültigkeit". (Seite 37) Die beschreibende Psychologie meint es anscheinend gar nicht so schlimm; sie will die erklärende Psychologie nicht beseitigen, sondern empfiehlt sich den Liebhabern dieser letzteren nur als eine sehr wichtige Grundlage ihres Tuns.

Indessen das kann die eigentliche Meinung doch auch wieder nicht sein; es widerspricht der vorher an der erklärenden Psychologie geübten Kritik. Das Erklären und Konstruieren in der Psychologie, so haben wir gehört, beruth auf einer Verkennung der Art, wie die seelischen Tatsachen gegeben sind. Der Zusammenhang des Seelenlebens, auch der Zusammenhang des Erwirkens offenbart sich hier in der unmittelbaren inneren Erfahrung; ihn erst durch hypothetische Konstruktionen herstellen zu wollen, ist unnötig und unmöglich. Selbst das nicht unmittelbar zu Erlebende kann und muß ohne solche Konstruktionen hinzuergänzt werden. Psychologische Hypothesen, so haben wir ferner gehört, können, wieder vermöge der Eigenart der seelischen Tatsachen, niemals ausschließend verifiiert werden; noch irgend ist am fernsten Horizont etwas sichtbar, was ihren aussichtslosen Kampf zu entscheiden vermöchte. Ist dem so, dann ist die erklärende Psychologie abgetan. Die beschreibende Psychologie, im Sinne DILTHEYs vollendet gedacht, liefert alles, dessen wir bedürfen: den gedachten Zusammenhang des Seelenlebens mit der vollen Sicherheit des unmittelbaren Erlebnisses; auch die Annahmen zur Ergänzung des nicht direkt Gegebenen sind hier völlig sicher. Was ein Übergang zu den unsicheren und unmöglichen Konstruktionen der erklärenden Psychologie da noch fördern soll, ist nicht ersichtlich; es wäre prinzipiell ein völlig überflüssiger Appendix.

Offenbar liegt hier eine Unklarheit vor. Die beschreibende Psychologie will wohl dasselbe, wie die erklärenden Psychologie, vielleicht aus einem Gefühl dafür, daß dergleichen gewollt werden  muß.  Aber sie will auch wieder nicht dasselbe, da sie ja eben etwas prinzipiell Anderes und Besseres will. Wie sich weiterhin zeigen wird, sitzt der Schaden dieser Unklarheit tiefer; einstweilen sei unser Bericht kurz zu Ende gebracht.

Die bisher dargelegten allgemeinen Erörterungen bilden zusammengenommen etwa die Hälfte der DILTHEYschen Abhandlung. Die andere Hälfte ist konkreten Darstellungen konkreten Darstellungen gewidmet; sie enthält eine allgemeine Inhaltsskizze der beschreibenden und zergliedernden Psychologie und drei etwas ausgeführte Skizzen von einigen ihrer Hauptkapitel. Eine solche konkrete Behandlung des Gegenstandes hätte eigentlich zur Hauptsache gemacht werden müssen, um den DILTHEYschen Ideen Nachdruck zu verschaffen; sie müßte im Mittelpunk des Ganzen stehen und die theoretischen Auseinandersetzungen nur als eine Art Einleitung neben sich haben. Allgemeine Diskussionen über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Methoden erzielen nicht leicht ein positives Ergebnis. Wo sie Altes beseitigen wollen, stoßen sie auf Widerstand, wo sie Neues empfehlen, wecken sie Zweifel. Selbst Leser, die von den Schwächen und Irrtümern des Alten vollkommen überzeugt werden, übersehen nicht, ob sich das Neue im Kampf mit den harten Tatsachen nun besser bewähren werde und reservieren sich. Ein einziges durchschlagendes, wahrhaft neues und förderndes  Resultat  der neuen Methode und ihre Sache ist gemacht.

Bedauerlichweise inauguriert DILTHEY die beschreibende Psychologie nicht in dieser Weise. Er will offenbar von vornherein zu viel. Statt ein einzelnes schwieriges Problem durch sorgfältigste Beschreibungen und glänzende Analysen in seinen Weiten und Tiefen zu erfassen und für jedermann überzeugend zu zeigen, wie hier sein Verfahren die bisher vergeblich erstrebte Klarheit bringt, umspannt er gleich den ganzen Rahmen seiner Wissenschaft. Dadurch erhalten wir sehr viel Rahmen, aber leider wenig Füllung. Immer nur äußerste Allgemeinheiten, wieder und wieder wiederholt, wo man endlich anschauliches Material erwartet und dazu dann Andeutungen über Untersuchungen, die nun an dieser Stelle alle noch der Erledigung harren, Hinweise auf Materialien, die nun von da und daher noch herangezogen werden müßten, und dgl. Wohl gelungen und anregend sind Dinge, die mit dem Gegenstand in minder engem Zusammenhang stehen: literaturhistorische und philosophiehistorische Perspektiven. Das eigentlich Psychologische dagegen bietet nirgend etwas Neues von einigem Belang. Stellenweise gar (z. B. in dem über Entwicklung und Individuum Gesagten) laufen erschreckliche Trivialitäten mit unter, die dem Fernerstehenden wohl nur deshalb nicht ohne weiteres als solche erkenntlich sind, weil das Ganze in eine schwere, mehr ringende und andeutende, als einfach gebende Sprache gekleidet ist.

Im einzelnen hören wir, um darauf noch einen Moment einzugehen, daß die beschreibende Psychologie zwei Teile haben soll: einen allgemeinen und einen besonderen. Der letztere befaßt sich mit den drei großen, qualitativ ungleichartigen "Gliedern des Seelenlebens", nämlich der Intelligenz (umfassend Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erkenntnisse), dem Trieb- und Gefühlsleben und den Willenshandlungen. Der allgemeine Teil hat es zunächst mit Beschreibungen und Benennungen zu tun, um eine übereinstimmende Terminologie der Psychologen herbeizuführen und behandelt dann drei wichtige allgemeine Zusammenhänge, nämlich die Einheit der seelischen Betätigungen im Dienste der Erlangung von Befriedigung und Glück (von DILTHEY als Strukturzusammenhang bezeichnet), ferner den Zusammenhang der Entwicklung des Seelenlebens, endlich die Einwirkung des erworbenen seelischen Zusammenhangs (des gewöhnlich sogenannten Unbewußten) auf jeden einzelnen Bewußtseinsakt. Strukturzusammenhang und Entwicklung werden dann je in einem besonderen Kapitel eingehender erörtert. Über die Beziehungen des bewußten zum unbewußten Seelenleben empfangen wir nur gelegentlich nähere Aufklärung; anstelle einer weiteren Ausführung dieses Verhältnisses erscheint als Schluß der ganzen Abhandlung ein Kapitel über Wesen und Bedeutung der Individualität, das im allgemeinen Schema nicht vorgesehen war. Es fällt gegen das Übrige entschieden ab; das Wichtigste von diesen konkreten Darstellungen sind die beiden Kapitel über Strukturzusammenhang und Entwicklung, jedes etwa ein Dutzend Seiten füllend.

Die verschiedenartigen seelischen Vorgänge, so erfahren wir in ihnen, die Vorgänge des Vorstellens, Fühlens, Wollens, die das Bewußtsein jederzeit irgendwie erfüllen, stehen nicht einfach nebeneinander, sondern bilden ein Ganzes. "Ein Bündel von Trieben und Gefühlen, das ist das Zentrum unserer seelischen Struktur", und die von außen erzeugten Wahrnehmungen und Vorstellungen rufen nun mittels des Gefühlsanteils, der ihnen von jenem Zentrum aus zuteil wird, Wollungen und Handlungen hervor, die auf Befriedigung der Triebe, Erreichen und Erhalten von Lust, auf Lebenserfüllung und Steigerung des Daseins gerichtet sind. Von innen gesehen bildet das Individuum mit allen seinen seelischen Betätigungen geradeso eine Einheit im Dienst eines großen Zwecks, wie von außen gesehen der Organismus sich als eine zweckmäßige Veranstaltung zur Erhaltung seiner selbst und der Gattung darstellt. Indem nun das seelische Individuum zeitlich dahinlebt, wird jener in ihm bestehende Zweckzusammenhang beeinflußt durch die Entwicklung des Körpers, durch die physische und durch die geistige Umgebung. Aus dieser Einwirkung geht die Entwicklung der Seele hervor. Da das treibende Prinzip in ihr der einheitliche Strukturzusammenhang ist, so ist auch sei selbst eine einheitliche und zweckvolle; ihre wesentlichsten Eigentümlichkeiten sind gesteigerte Vollkommenheit der Anpassung des Individuums an seine Lebensbedingungen und zunehmende Differenzierung, das eine durch das andere. Eine Reihe von Phasen wird dabei durchlaufen, Jugend, Mannesalter usw. In ihrer Gesamtheit bilden sie eine aufsteigende Reihe von Verwirklichungen jenes einheitlichen Zwecks; gleichwohl aber hat jede Phase in sich ihren selbständigen Wert und darf nicht bloß als Vorstufe oder Mittel der späterkommenden betrachtet werden.

Soweit DILTHEY. Ich wende mich nun zu einigen kritischen Betrachtungen.
LITERATUR - Hermann Ebbinghaus, Über erklärende und beschreibende Psychologie, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 9, Leipzig 1896
    Anmerkungen
    1) WILHELM DILTHEY, Sitzungsbericht der Berliner Akademie der Wissenschaften vom 20. Dezember 1894