ra-1tb-1Über GestaltqualitätenH. Steinthal    
 
HANS CORNELIUS
Über Verschmelzung und Analyse
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"Auffassung heißt ... die rudimentäre oder besser elementare Beurteilung, welche sich unter Umständen sofort und unmittelbar an die Sinnesempfindungen knüpft, von ihr als einem psychischen Reiz hervorgerufen. Jedenfalls ist also Auffassung nichts anderes, als  Beurteilung  unserer Empfindungen."

"Der Maler analysiert unwillkürlich jedes Anschauungsbild weit eingehender, als der Laie, der Musiker analysiert unwillkürlich die Gehörseindrücke, der Feinschmecker die Geschmacksempfindungen."

" Wenn ich einen bestimmten Punkt des Gesichtsfeldes fixiere, so ist darum die Empfindung der Umgebung dieses Punktes nicht ausgelöscht, sondern nur in gewisser Weise verändert, von der Aufmerksamkeit zurückgedrängt; ebenso fallen, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Ton eines Zusammenklangs richte, die übrigen Töne deswegen nicht aus der Empfindung weg. Vielmehr bilden die Teilempfindungen, welche gegenwärtig nicht Gegenstand der Aufmerksamkeit sind, gewissermaßen einen Hintergrund für die durch die Aufmerksamkeit hervorgehobene Teilempfindung."


Die nachfolgenden Untersuchungen beschäftigen sich mit dem Problem der Wahrnehmung einer Mehrheit von Phänomenen - zunächst von Empfindungen, weiterhin von beliebigen Bewußtseinsinhalten.

CARL STUMPF hat dieses Problem, welches wir im Anschluss an seine Terminologie als das allgemeine  Problem der Analyse  zu bezeichnen haben, für den speziellen Fall gleichzeitiger Tonempfindungen bereits ausführlich behandelt. So klar seine diesbezüglichen Untersuchungen durchgeführt sind und so viel Anregung ich denselben verdanke, gelangte ich dennoch beim Studium derselben zu der Überzeugung, daß die von ihm gegebene Theorie sich in mehreren wesentlichen Punkten ergänzen lasse. Inbesondere schien mir seine Ansicht über die Funktion der Aufmerksamkeit bei der Analyse einer Modifikation bedürftig. Die Theorie wird durch diese Modifikation insofern beeinflußt, als in Folge derselben die Art der Klanganalyse, welche der von STUMPF verfochtenen  Mehrheitslehre  entspricht, nicht mehr als ursprünglich und angeboren angesehen werden kann, sondern als das Resultat andauernder Übung erscheint. Die im folgenden dargelegte Theorie, nach welcher die Klanganalyse ursprünglich jederzeut durch das Wandern der Aufmerksamkeit von Ton zu Ton zustand kommt, während die der Mehrheitslehre entsprechende Art der Analyse sich erst mit der Zeit im individuellen Leben aus jenem Prozeß entwickelt, scheint mir mit den Erfahrungstatsachen besser in Übereinstimmung zu stehen, als diejenige STUMPFs; sie bietet außerdem den Vorteil, daß sie sich in gleicher Weise wie auf das Tongebiet auch auf andere Empfindungsgebiete anwenden läßt, wie das im dritten Kapitel speziell für das optische Gebiet gezeigt werden wird.

Ähnliche Resultate wie für den Fall gleichzeitiger Empfindungen werden sich uns auch für die Analyse sukzessiver Empfindungen ergeben; vom Empfindungsgebiet endlich zur Betrachtung der entsprechenden Erscheinungen bei den Bewußtseinsphänomenen im Allgemeinen vollzieht sich der Übergang ohne Schwierigkeit. Dieser letzte auf die Analyse des Bewußtseinsinhaltes im weitesten Sinn bezügliche Teil der Untersuchung steht trotz seiner Wichtigkeit an Umfang beträchtlich hinter den vorhergehenden Ausführungen zurück, welche das Empfindungsgebiet betreffen. Es erklärt sich das daraus, daß die hier zu gewinnenden Resultate durch die Untersuchungen der vorhergehenden Kapitel soweit vorbereitet sind, daß sie fast selbstverständlich erscheinen und einer ausführlichen Begründung nicht mehr bedürfen. Die Untersuchungen eben dieses letzten Kapitels hätten sich allerdings nach verschiedenen Richtungen weiter ausdehnen lassen. Ich hielt es jedoch für zweckmäßig, mich zunächst auf die Darlegung der Prinzipien der Analyse zu beschränken, die weitere Ausführung der gewonnenen Resultate aber einer anderen Gelegenheit vorzubehalten.

Der Gegenstand und die Resultate dieser Abhandlung berühren sich eng mit einem Teil der Untersuchungen, welche RICHARD AVENARIUS im zweiten Band seiner Kritik der reinen Erfahrung mitteilt. Insbesondere wird man die Übereinstimmung der im folgenden zu betrachtenden unbemerkten gleichzeitigen oder sukzessiven Komponenten unseres jeweiligen Empfindungs-, bzw. Bewußtseinsganzen mit den "toten Werten" in AVENARIUS  Theorie nicht verkennen. Die weitere Ausführung der Betrachtungen des letzten Kapitels würde eine solche Übereinstimmung noch in mehreren Richtungen zutage treten lassen. Desgleichen stehen die Ergebnisse, zu welchen uns die folgenden Untersuchungen führen werden, in naher Beziehung zu den Resultaten, welche EHRENFELS auf anderem Weg gefunden hat. Manche der im folgenden zu betrachtenden Verschmelzungserscheinungen decken sich, wie im fünften Kapitel gezeigt werden wird, fast ganz mit den EHRENFELSschen Gestaltqualitäten oder fundierten Inhalten. Daß aber die Resultate, auch wo diese Übereinstimmung stattfindet, vermöge des neuen Weges, auf welchem sie sich ergeben, vielfach in neuem Licht erscheinen, kann nicht befremden. Wie mit den Untersuchungen von AVENARIUS und EHRENFELS, so wird man auch mit denen von MACH im folgenden manche Berührungspunkte finden.

Um jede Zweideutigkeit in der Terminologie auszuschließen, konnte ich es nicht umgehen, ein besonderes Kapitel über die Grundbegriffe vorauszuschicken, welche in den folgenden Erörterungen Anwendung finden. Im Allgemeinen habe ich mich der Terminologie BRENTANOs angeschlossen; um Mißverständnisse zu begegnen, bringe ich im genannten einleitenden Kapitel diejenigen Punkte zur Sprache, in welchen ich mit den bezüglichen Ausführungen BRENTANOs nicht übereinzustimmen vermag. Die allgemeine Formulierung des Problems der Analyse, zu welchem die Betrachtung der Grundbegriffe naturgemäß hinleitet, bildet den Schluß dieses Kapitels und den Übergang zu den speziellen Betrachtungen, deren Inhalt oben bereits angedeutet ist.


Einleitung

a) Psychologische Grundbegriffe

1. An jeder Empfindung unterscheiden wir (1) den subjektiven Akt des Empfindens, das  psychische  Phänomen (Beispiel: das Hören) und das Objekt des Empfindens, das empfundene  physische  Phänomen (Beispiel: der Ton). Das physische Phänomen in diesem Sinn ist nicht identisch mit dem Begriff des physischen Objekts in der Naturwissenschaft. In der Physik wird unter  Ton  die Luftwelle verstanden, abgesehen davon, wie der Ton dieser Welle in der Empfindung erscheint; hier aber verstehen wir umgekehrt unter dem physischen Phänomen "Ton" nur den empfundenen Ton ohne RÜcksicht darauf, welche Welle diese Empfindung hervorgerufen hat. Im Gegensatz zum physischen Phänomen bezeichnen wir das Objekt im physikalischen Sinn, welches als äußere Ursache der Empfindung betrachtet wird, als den physischen Reiz. Dieser bildet zusammen mit dem physiologischen Vorgang, welchen er bei seiner Einwirkung auf den Organismus auslöst, die materielle Grundlage der Empfindung.

Die Existenz eines Reizes können wir jederzeit nur aus unsere Empfindungen erschließen. Wir haben die Vorstellung eines Reizes als einer von der Empfindung selbst verschiedenen Ursache ohne Zweifel aus der Tatsache gewonnen, daß, wie wir zu sagen pflegen, manche Reize von mehreren Organen in verschiedener Weise empfunden werden. Wir können von der Existenz eines Tonreizes durch das Sehorgan Kenntnis erhalten, auch ohne daß wir den Ton hören, welchen der Reiz in unserem Ohr hervorbringen würde. In der Tat stellen wir uns, wo vom Reiz im Gegensatz zur Empfindung eines Organs gesprochen wird, meist die in Empfindungen anderer Organe geformte Ursache der betreffenden Empfindung vor. Es ist begreiflich, daß uns diejenigen Vorstellungen über die Natur der Reize am meisten befriedigen, welche den Gebieten des Gesichts- und Tastsinne entnommen sind, da wir von diesen Sinnen am wenigsten zu abstrahieren vermögen. Unsere Begriffe von Materie und Bewegung, die wir der Naturerklärung zugrunde legen, beruhen deshalb auch durchaus auf Vorstellungen dieser beiden Sinne. Die üblichen Hypothesen über die Natur des Lichts und der Wärme führen auch die Phänomene des Gesichts- und Tastsinnes auf von diesen Phänomenen verschiedene Ursachen zurück, welche aber ihrerseits nicht anders, als in Form von Gesichts- und Tastempfindungen vorgestellt werden können. Der Zirkel, der in einer solchen Erklärung liegt, bleibt nur dann ohne nachteilige Folgen, wenn man derselben keine andere Bedeutung beilegt, als die eines  Bildes,  unter welchem sich die Tatsachen bequem darstellen lassen. (2)

2. Erst durch die Einwirkung des Reizes auf den physiologischen Zustand unserer Organe werden die Empfindungen hervorgerufen. Aus einer Empfindung kann deshalb nicht direkt auf den Reiz, sondern zunächst nur auf die physiologische Veränderung geschlossen werden. Es ist daher klar, daß zur Erklärung der Verschiedenheiten der Empfindungen nicht jedesmal die Annahme verschiedener Reize erfordert wird; vielmehr können verschiedene Reize dieselbe Empfindung und gleiche Reize unter Umständen verschiedene Empfindungen auslösen und wir können in vielen Fällen bei gegebenen äußeren Reizen die Empfindung willkürlich verändern, indem wir den Zustand des Organes willkürlich zu alterieren vermögen.

Dagegen muß für jede Verschiedenheit der Empfindung notwendig eine Verschiedenheit im physiologischen Zustand des Organs - Organ im weitesten Sinn verstanden - vorausgesetzt werden. (3) Ohne diese Voraussetzung verliert der Begriff des materiellen Substrates der Empfindung und mit ihm jeder Gedanke über den Zusammenhang körperlicher und psychischer Vorgänge seinen Sinn, gleichviel, ob man vom monistischen oder vom dualistischen Standpunkt ausgeht. Vom monistischen Standpunkt aus erscheint das Postulat selbstverständlich; vom dualistischen aus ergibt es sich als einfache Folge des Kausalitätsprinzips, das wohl gleiche Folgen bei verschiedenen Ursachen, nicht aber verschiedene Folgen bei gleichen Ursachen zuläßt. Wer spontane und von körperlichen Veränderungen unabhängige Zustandsänderungen der Seele gerade in den Gebieten annehmen wollte, in welchen erfahrungsgemäß die "Wechselwirkung zwischen Körper und Geist" stattfindet, der würde zwar die geforderte Voraussetzung bestreiten können, zugleich aber den Boden für die Erforschung jener Wechselwirkung zerstört haben.

3. Unter psychischen Phänomenen verstehen wir außer den Tätigkeiten des Empfindens und Vorstellens im Anschluß an BRENTANOs Terminologie alles Denken, Urteilen, jede Gemütsbewegung usf., kurz alle diejenigen Phänomene, welche nach BRENTANO dadurch charakterisiert sind, daß sie sich auf ein intentionales Objekt beziehen - mag dieses nun ein physisches oder gleichfalls psychisches Phänomen sein.

Im Gegensatz zu BRENTANO müssen wir behaupten, daß psychische Phänomene stets nur im  Gedächtnis  Objekte eines Vorstellens werden können, nicht aber während ihres Verlaufes.

Man könnte versucht sein, aus dem Begriff des Phänomens ein entgegengesetztes Urteil abzuleiten. Das  phainomenon,  das Erscheinende, setzt als solches notwendig ein Subjekt voraus, welchem es erscheint, somit auch seitens dieses Subjektes den psychischen Akt des Vorstellens, dessen Objekt eben das betrachtete Phänomen ist. Allein diese Argumentation setzt ihrerseits voraus, daß die früher gegebene Bestimmung des Begriffs  Phänomen  mit der eben angeführten wörtlichen Bedeutung des Ausdruckes übereinstimmt. Diese Voraussetzung scheint nun aber keineswegs erfüllt zu sein. Zwar ist von den physischen Phänomenen klar, daß sie stets Objekte eines vorstellenden psychischen Aktes sein müssen; die psychischen Phänomene sind dagegen zum Teil wenigstens nichts anderes, als eben jene Akte, deren Objekte die physischen Phänomene sind und die Frage, ob eben diese Akte ihrerseits wieder Phänomene im wörtlichen Sinn sind, führt notwendig zu einem regressus in infinitum. Denn für jeden psychischen Akt würde ja auf diese Weise ein weiterer gleichzeitiger Akt erfordert, in welchem der erstere als Objekt erscheint und für jeden dieser weiteren Akte würde sich die gleiche Frage wiederholen.

Dieser unendlichen Verwicklung sucht BRENTANO dadurch zu entgehen, (4) daß er in jedem vorstellenden Akt außer dem vorgestellten Objekt auch noch den vorstellenden Akt selbst vorgestellt sein läßt. So stellt er dem Ton, als dem primären Objekt des Hörens das Hören selbst als sekundäres Objekt des Hörens gegenüber (5): das Bewußtsein von der Vorstellung "Ton" fällt mit dem Bewußtsein des vorstellenden Aktes, der auf jene Vorstellung als Objekt gerichtet ist, zusammen. (6)

Wenngleich diesen Sätzen ein zweifellos richtiger Gedanke zugrunde liegt, so kommt er doch jedenfalls in denselben nicht völlig klar zum Ausdruck. Nur in dem Sinne, in welchem wir sagen, daß der Ton das Objekt des Hörens sei, können wir von jedem psychischen Phänomen sagen, daß es das Bewußtsein von einem  Objekt  sei; daß aber in diesem Sinne ein psychisches Phänomen  sich selbst  zum Objekt haben könne, hat BRENTANO selbst als unmöglich erkannt und er betont diese und die dadurch bedingte Unmöglichkeit der Selbstbeobachtung mehrfach und mit Nachdruck. (7) Welchen widerspruchslosen Sinn soll nun die Behauptung haben, daß im Akt des Hörens das Hören selbst als sekundäres Objekt vorgestellt werde? Entweder ist hier das Wort Objekt im gleichen Sinn genommen, wie vorher - dann widerspricht die Behauptung den Erörterungen über die Unmöglichkeit der Selbstbeobachtung; oder es ist in einem anderen Sinn genommen -, dann ist gewiß, daß mit dem behaupteten Satz der bis dahin festgehaltene Begriff der Vorstellung und des Bewußtseins von einem Objekt verlassen ist. In diesem Fall gibt aber der Satz auch nicht die Lösung jener unendlichen Verwicklung, welche eben die Begriffe von Objekt und Vorstellung im ursprünglichen Sinn voraussetzt.

BRENTANOS Lösung des Problems kann also nicht akzeptiert werden; vielmehr bleibt offenbar die oben bezeichnete unendliche Verwicklung bestehen, wenn wir für jedes psychische Phänomen einen Akt des Vorstellens forderten, dessen Objekt dieses Phänomen wäre. Tatsächlich folgt aber, wie wir sahen, gerade aus den Betrachtungen, aus welchen BRENTANO die Unmöglichkeit der Selbstbeobachtung schließt, daß kein psychisches Phänomen während seines Verlaufs Objekt eines gleichzeitigen Vorstellens sein kann. Wenn also überhaupt, so kann ein psychisches Phänomen nur  nach  seinem Verlauf, also im  Gedächtnis  vorgestellt werden. Die Frage,  ob  psychische Phänomene im Gedächtnis vorgestellt werden, ist im allgemeinen jedenfalls zu bejahen; ob ein solches nachträgliches Vorstellen in  allen  Fällen eintritt, werden unsere späteren Untersuchungen ergeben.

4. Wenn wir hiermit im Gegensatz zu BRENTANO zu dem Schluß gekommen sind, daß kein psychisches Phänomen während seines Verlaufes vorgestellt wird - und in der Tat ist dieser Schluß die einzige mögliche Lösung der anfangs unvermeidlich erscheinenden Verwicklung - so müssen wir gemäß der BRENTANOschen Definition des Bewußtseins alle psychischen Phänomene während ihres Verlaufes als  unbewußt  bezeichnen. Denn unter einem bewußten Phänomen versteht eben BRENTANO (8) ein solches, welches Objekt eines darauf gerichteten psychischen Aktes ist. Aber diese Folgerung gilt auch nur für die BRENTANOsche Definition des Bewußtseins, nicht aber, wenn wir dieses Wort im gewöhnlichen Sinn auffassen. Denn wenn wir gleich unsere psychischen Phänomene nicht im Augenblick ihres Verlaufes als objekte eines auf sie gerichteten vorstellenden Aktes wahrnehmen, so erkennen wir doch stets ihr Dasein eben aus den wahrgenommenen  Objekten,  auf welche sie selbst gerichtet sind. Wenn ich einen Ton höre, so  weiß ich, daß ich höre,  weil ich nur durch das Hören den Ton erkennen kann; zu hören und zu wissen, daß wir hören, sind überhaupt nicht zwei verschiedene psychische Akte, sondern zwei Ausdrücke für denselben Akt. Diese Tatsache ist es offenbar, welche BRENTANO durch den inkonsequenten Ausdruck "das Hören sei im Hören als sekundäres Objekt vorgestellt" bezeichnen will; auch mit der  inneren Wahrnehmung,  welche der Betrachtung psychischer Phänomene im Gedächtnis als Quelle der inneren Erfahrung koordiniert und der als unmöglich erwiesenen Selbstbeobachtung entgegengestellt wird, (9) ist offenbar eben diese Erkenntnis gemeint.

Ob ein psychischer Akt bewußt im gewöhnlichen Sinn des Wortes ist, d. h. ob wir eine Kenntnis von ihm haben, hängt demnach nur davon ab, ob wir sein Objekt bemerken. Inwieweit dies der Fall ist, inwiefern also die Objekte psychischer Akte und somit diese Akte selbst bemerkt werden oder unbemerkt bleiben können, wird im folgenden ausführlich untersucht werden.


b) Beurteilung der Vorstellungen

5. Mit dem Wort  Vorstellung  bezeichnen wir im folgenden nicht den Akt, sondern die  Objekte  des Vorstellens: also alle physischen Phänomene, gleichviel, ob dieselben in gegenwärtiger Empfindung oder in Gedächtnis- bzw. Phantasievorstellung gegeben sind und die im Gedächtnis oder in der Phantasie vorgestellten  psychischen  Phänomene.

Unter Urteil soll nicht der sprachliche Ausdruck des Urteils, sondern derjenige Vorgang im Bewußtsein verstanden werden, welcher dem sprachlichen Urteil zugrunde liegt. Dieser Vorgang ist stets ein  Erkennen;  durch den sprachlichen Ausdruck wird es als solches fixiert und mitgeteilt. Es verdient, hervorgehoben zu werden, daß der sprachliche Ausdruck nicht der einzige mögliche Ausdruck unseres Erkennens ist. Auch in der künstlerischen Tätigkeit haben wir nichts anderes zu erblicken, als eine besondere Art solchen Ausdruckes, zu welcher die Erkenntnistätigkeit innerhalb gewisser Gebiete je nach der Naturanlage des Individuums ebenso ungezwungen hinführen kann, wie zur sprachlichen Verlautbarung. (10) Aber keineswegs muß jedes Erkennen in der einen oder in der anderen Weise Ausdruck finden. Das elementare Urteilen, welches nicht zum Ausdruck - auch nicht im inneren Sprechen - gelangt, werden wir im Anschluß an STUMPF gelegentlich als  Auffassung  bezeichnen. (11)

6. BRENTANO hat gezeigt, daß jede Vorstellung von einem Urteil begleitet ist, welches die Existenz dieser Vorstellung im Bewußtsein behauptet. (12) Wir wollen dieses Urteil im Gegensatz zum Existenzialurteil im gewöhnlichen objektiven Sinn als subjektives Existenzialurteil bezeichnen. Es soll hier nicht untersucht werden, ob die Scheidung zwischen dem vorstellenden Akt und dem begleitenden Akt des Erkennens berechtigt ist. Die Tatsache, daß in jedem Vorstellen ein darauf bezügliches Erkennen beschlossen ist, wird jedenfalls nicht zu bestreiten sein; nur auf diese aber kommt es uns im folgenden an. Desgleichen verzichten wir auf eine eingehende Diskussion der Streitfrage über das Wesen des Existenzialurteils; die gemachte Distinktion zwischen subjektivem und objektivem Existenzialurteil wird genügen, uns vor Mißverständnissen zu bewahren. Nur das Eine sei ausdrücklich betont, daß das in jeder Vorstellung gegebene subjektive Existenzialurteil niemalls täuschen kann: die Vorstellung als solche kann stets nur anerkannt, niemals geleugnet werden. (13) Wenn BRENTANO gelegentlich von der Wahrnehmung als einem "vielleicht irrtümlich für wahr Nehmen" spricht, (14) verwechselt er offenbar das subjektive mit dem objektiven Existenzialurteil.

Die Möglichkeit der Frage und somit des Anerkennens oder Leugnens ist nur beim Urteil im hergebrachten Sinn des Wortes möglich, welches Subjekts- und Prädikatsvorstellung verbindet. So im objektiven Existenzialurteil, in welchem die Existenz als Prädikat aufgefaßt werden muß. (15)

Abgesehen vom eben erwähnten subjektiven Existenzialurteil läßt jede Vorstellung mannigfache Arten der Beurteilung zu, je nach ihren Relationen zu anderen Vorstellungen. Handelt es sich um die Beurteilung einer einfachen Vorstellung, so werden diese Relationen wesentlich Vergleichungsrelationen sein. Bei der Beurteilung eines Vorstellungskomplexes dagegen ist schon die Erkenntnis der  Mehrheit  von Vorstellungen in diesem Komplex eines der möglichen Urteile über denselben. Wir wollen die Wahrnehmung einer Mehrheit von Vorstellungen in einem Komplex nach STUMPFs Vorgang (16) als Analyse bezeichnen. In letzer Instanz liegen auch der Analyse Vergleichungsurteile zugrunde, insofern eben nur durch Vergleichungsurteile der Begriff der Mehrheit gewonnen und die Mehrheit in jedem einzelnen Fall erkannt werden kann.

Das allgemeinste Vergleichungsurteil besteht in der Erkenntnis einer Verschiedenheit zweier Vorstellungen. Schon um eine Vorstellung als solche zu charakterisieren, ist ein solches Urteil notwendig: um zu urteilen "ich höre", muß bereits die Auffassung des Hörens als eines von einem vorhergehenden Bewußtseinszustand verschiedenen Aktes vorausgehen. Diese Unterscheidung sukzessiver Empfindungen und sukzessiver Bewußtseinszustände überhaupt, als welcher der Begriff der Mehrheit erst hervorgeht, ist eine nicht weiter zurückführbare Grundtatsache der Psychologie.


c) Analyse und Verschmelzung

7. Bei der unendlichen Komplikation der fortwährend auf uns wirkenden Reize gelingt es uns niemals, die von diesen Reizen hervorgerufenen verschiedenen Empfindungen sämtlich voneinander zu unterscheiden. Vielmehr kann, da die Auffassung jeden Inhalts eine endliche Zeit erfordert, offenbar nur ein geringer Teil jener Summe von Wirkungen einzeln aufgefaßt werden. (17) Demgemäß werden wir fragen müssen, in welcher Weise einerseits innerhalb oder neben diese Auffassung einzelner Inhalte die Summe der nicht einzeln bemerkten Wirkungen zur Geltung kommt und auch welchen Verhältnissen andererseits die Auffassung gerade jener einheitlichen Teile als solcher und somit die Auffassung ihrer Gesamtheit als Mehrheit beruth. Daß nämich die nicht einzeln aufgefaßten Empfindungen dennoch in irgendeiner Weise zur Geltung kommen müssen, ist offenbar, da wir sonst keine Kenntnis derselben, noch auch irgendeinen Grund haben könnten, auf deren Dasein zu schließen. Der Einwand, welcher hier erhoben werden könnte, daß wir ja in keiner Weise Empfindungen an sich, d. h. abgesehen von unserer Beurteilung derselben, zu erkennen vermögen, erledigt sich eben dahin, daß wir die Empfindungen nicht alle einzeln, sondern im Allgemeinen nur in Form  einheitlich aufgefaßter Gesamtvorstellungen  beurteilen; innerhalb dieser Gesamtvorstellungen werden die einzelnen Teilempfindungen zwar nicht jederzeit als solche bemerkt,  können  aber bei gehöriger Aufmerksamkeit bemerkt werden und müssen auch, so lange sie einzeln unbemerkt bleiben, dennoch im Empfindungsganzen als vorhanden angesehen werden, weil sie eben zu diesem Ganzen wesentlich beitragen - wie sich durch Änderung der Gesamtempfindung bei Fortfall eines der zusammenwirkenden Reize ergibt. Das Merkmal aber, daß sie bei hinreichender Aufmerksamkeit einzeln wahrgenommen werden können, unterscheidet diese Teilempfindungen von denjenigen Wirkungen der Reize, die zusammenfließend nur eine einfache Empfindungsqualität erzeugen, d. h. eine solche, in welcher aus der Empfindung selbst keinerlei Mehrheit von Teilen zu erkennen ist. Ob man jene im Einzelnen unbemerkten, aber bei veränderter Aufmerksamkeit gesondert wahrnehmbaren Wirkungen der Reize noch als Empfindungen bezeichnen will, ist eine rein terminologische Frage; doch dürfte diese Bezeichnung mit der üblichen Bedeutung des Wortes "Empfindung" nicht im Widerspruch stehen, da ja allgemein die Wirkung eines Reizes, insofern sie den Bewußtseinszustand beeinflußt, als Empfindung bezeichnet wird. Der hiermit nur in allgemeinen Zügen charakterisierte Begriff unbemerkter Empfindungen wird in den folgenden Ausführungen schärfere Bestimmung finden.

8. Bleiben wir auf dem Gebiet der Empfindungen stehen, so würde die im vorigen gestellte Frage vor allem die Wahrnehmung eines  zeitlichen Wechsels  unseres Empfindungszustandes betreffen. Wir wissen, daß dieser Zustand fortwährend äußeren Einflüssen unterworfen ist, welche geeignet sind, eine Veränderung desselben hervorzurufen; es fragt sich, wie innerhalb der endlichen Zahl einzeln aufgefaßter sukzessiver Zustände die unbegrenzte Menge wechselnder Teilwirkungen zur Geltung kommt, welche jenen äußeren Einflüssen entsprechen. Weiterhin aber betrifft die gestellte Frage auch die Wahrnehmung einer Mehrheit  gleichzeitiger  Empfindungen innerhalb jedes zeitlich als Einheit charakterisierten Gesamtzustandes. Diese gleichzeitigen Empfindungen, welche zusammen den augenblicklichen Empfindungszustand bestimmen, gliedern sich zunächst naturgemäß nach den Organen, welchen sie angehören; aber auch die Empfindungen der einzelnen Organe sind meist ihrerseits wiederum zusammengesetzt und bieten somit abermals zur Frage nach der Beurteilung von Empfindungsmehrheiten Veranlassung. Ein wesentlicher Unterschied findet sich hier insofern, als ein Teil der Organe nur einer endlichen, ein anderer Teil dagegen einer unbegrenzten Menge gleichzeitiger Teilempfindungen zugänglich ist. Im Ohr werden, so weit unsere Erfahrung reicht, stets nur eine beschränkte Zahl gleichzeitiger Töne empfunden; im Gesichtsfeld wirken in jedem Augenblick eine unendlich Menge verschiedener Empfindungen auf uns ein. Mit dem Gesichtssinn steht in dieser Hinsicht der Hautsinn ungefähr auf gleicher Stufe; den Gehör näher stehen der Geschmacks- und Geruchssinn.

9. Wo immer in einem Empfindungsganzen eine Summe von Teilempfindungen angenommen werden muß, ohne daß diese einzeln bemerkt werden, wollen wir im folgenden, gleichgültig, ob es sich um gleichzeitige oder sukzessive Teilempfindungen handelt, von  Verschmelzung  der Teilempfindungen sprechen. Der Begriff der Verschmelzung erscheint nach dieser Festsetzung einfach als Korrelat der Analyse: nicht analysierte Empfindungen sind verschmolzen, durch die Analyse wird die Verschmelzung zerstört.

STUMPF verbindet in seiner Tonpsychologie mit dem Wort "Verschmelzung" eine abweichende Bedeutung. Seine anfänglich gegebene Definition der Verschmelzung (18) als der Einhheit, welche die gleichzeitien Empfindungen zu einem Empfindungsganzen verbindet, könnte allerdings mit der obigen Definition für identisch gehalten werden, soweit diese sich auf gleichzeitige Empfindungen bezieht; auch würde die Ausdehnung jenes Begriffes auf den Fall sukzessiver Empfindungen keine Schwierigkeiten bereiten.STUMPFs spätere Ausführungen zeigen jedoch, daß diese von vorn herein zu vermutende Übereinstimmung nicht besteht, da das von ihm als Verschmelzung bezeichnete Verhältnis, welches speziell bei Tönen gewisser Intervalle die Analyse erschwert, auch  während der Analyse erhalten bleibt.  Unsere folgenden Untersuchungen über den Verlauf der Analyse gleichzeitiger Empfindungen werden uns zwar dazu führen, die oben gegebene Definition des Verschmelzungsbegriffes in gewisser Weise zu modifizieren; doch durch diese Modifikation wird der Unterschied unseres Verschmelzungsbegriffs von demjenigen STUMPFs nicht aufgehoben. Ich erwähne diesen Unterschied, um etwaige Mißverständnisse von vorherein abzuwehren. Besser als mit STUMPFs gleichnamigem Begriff stimmt das Verschmelzungsverhältnis nach unserer Definition mit dem überein, was HELMHOLTZ (19) gelegentlich als Verschmelzung bezeichnet.

Daß Verschmelzung nicht nur bei gleich lokalisierten, sondern auch bei räumlich disparaten und selbst bei zeitlich getrennten Empfindungen vorkommt, versteht sich nach unserer Definition dieses Begriffs von selbst; doch mag ein Hinweis auf diese Tatsache nicht überflüssig sein, da NATORP (20) in seiner Kritik des STUMPFschen Verschmelzungsbegriffs sich in entgegengesetzten Sinn äußert.

10. Dieselben Probleme, welche wir im vorigen bezüglich des Empfindungsgebietes näher bezeichneten, bieten sich bei allen Vorstellungsinhalten in gleicher Weise dar. Wie das jeweilige Empfindungsganz sich aus einer großen Zahl gleichzeitiger Teilempfindungen zusammensetzt, so ist auch unser gesamter Bewußtseinsinhalt jederzeit die Resultante einer großen Zahl gleichzeitiger Komponenten, die aber keineswegs jederzeit alle einzeln bemerkt werden; und wie im fortwährenden zeitlichen Wechsel der Sinnesempfindungen nur verhältnismäßig wenige Veränderungen einzeln wahrgenommen werden, so gilt ein gleiches auch für die Veränderungen des Gesamtbewußtseinszustandes. Somit werden wir auch hier von Verschmelzung und Analyse zu sprechen haben. Was die sukzessiven Änderungen des Gesamtbewußtseins angeht, so wird uns deren Beurteilung gegenüber dem entsprechenden Problem auf dem Gebiet der Sinnesempfindungen wenig neues bieten. Größeres Interesse dagegen beansprucht die Analyse der  gleichzeitigen  Komponenten des jeweiligen Bewußtseinsinhaltes. Da dieser außer durch die gegenwärtigen Empfindungen wesentlich nur durch die Gedächtnisbilder vergangener Empfindungen und - da psychische Phänomene nur im Gedächtnis zu Vorstellungsinhalten werden können - durch die Gedächtnisbilder vergangener psychischer Phänomene bestimmt ist, so wird das Problem, welches hier nach Erledigung der Analyse gegenwärtiger Empfindungen noch übrig bleibt, auf eine  Analyse des Gedächtnisses  hinauslaufen. Die Einführung des Begriffes unbemerkter Komponenten analog den unbemerkten Empfindungen, zu welcher uns die Tatsachen der Verschmelzung auch hier veranlassen werden, gestattet uns, den Grund zu einer rein psychologischen Theorie des Gedächtnisses zu legen.

Im folgenden sollen zunächst die Tatsachen der Verschmelzung und Analyse auf dem Gebiet der Empfindungen, hierauf jene im Bewußtseinsganzen behandelt werden.


I. Die Analyse der Empfindungen im Allgemeinen

1. Was unter Wahrnehmung einer Mehrheit von Empfindungen zu verstehen sei, bedarf keiner Erklärung. Der Wechsel unseres Empfindungszustandes beim Schließen der Augen, beim Bewegen der Gliedmaßen, die Wahrnehmung mehrerer verschieden gefärbter Objekte im Gesichtsfeld sind allbekannte Tatsachen, in welchen die unmittelbare Wahrnehmung von Empfindungsmehrheiten, also der Begriff der Analyse klar zutage liegt.

Von der unmittelbaren Analys, welche direkt aus der Wahrnehmung eine Empfindungsmehrheit als solche erkennt, unterscheiden wir die mittelbare Analyse der Empfindungen, vermöge deren wir einen in der direkten Wahrnehmung als Einheit aufgefaßten Inhalt dennoch aufgrund früherer Erfahrungen als Mehrheit beurteilen. Diese mittelbare Analyse muß sich stets auf eine frühere unmittelbare Analyse stützen. Denn vor allem ist klar, daß die Beurteilung der Empfindungen nicht auf äußere Merkmale, wie z. B. auf die Beschaffenheit der Reize, sondern nur auf die Empfindungen selbst sich gründen kann. Erfahrungen über den Zusammenhang zwischen den Phänomenen im Empfindungsgebiet und den äußeren Naturvorgängen vermögen zwar zu einer indirekten Beurteilung der ersteren zu führen, d. h. wir können nach der Analogie mit früher analysierten Eindrücken bei gleichem Reiz auch auf die Zusammensetzung der gegenwärtigen Empfindung schließen. Aber einmal ist evident, daß ein solcher Schluß nicht mehr bindend wäre, sobald er nicht durch direkte Analyse verifiziert werden könnte; andererseits liegt eben dieser mittelbaren Analyse doch offenbar eine früher vollzogene unmittelbare zugrunde. Wäre diese frühere Analyse keine unmittelbar aus der Empfindung selbst erschlossene, wäre sie vielmehr nur eine Folgerung aufgrund anderweitiger Verhältnisse, etwa einer vorhandenen Mehrheit von Reizen, so würde weder sie noch die darauf fußende mittelbare Analyse wirklich eine Analyse sein - beide würden uns nicht über die Empfindungen selbst, sondern eben nur über die Reize etwas aussagen. Daß aber auch diejenige Art mittelbarer Analyse, welche nicht von Erfahrungen über den Zusammenhang von Empfindung und Reiz, sondern von Erfahrungen über die Zusammensetzung von Empfindungen selbst ausgeht, sich auf früher vollzogene unmittelbare Analyse stützt, ist von selbst klar. Wir haben z. B. durch direkte Analyse die Empfindung eines Klanges beurteilt als bestehend aus dem Grundton und gewissen Obertönen. Kommt uns später ein Klang derselben Farbe zu Gehör, so beurteilen wir ihn nach jener Erfahrung mittelbar als zusammengesetzt: man sieht sofort, daß auch hier der letzte Grund unserer Erkenntnis der Zusammensetzun des Eindrucks in der  unmittelbaren  Analyse gesucht werden muß, welche die mittelbare allererst ermöglicht. (21)

2. Schon oben wurde bemerkt, daß die Unterscheidung sukzessiver Empfindungszustände eine nicht weiter zurückführbare elementare psychologische Tatsache sei. In der Tat läßt sich nicht denken, daß eine solche Unterscheidung sich aus einem anderen Vorgang erst entwickelt habe; nur die Feinheit und Leichtigkeit der Unterscheidung kann sich im Leben des Individuums und der Gattung verändern. Demgemäß wird bei den sukzessiven Empfindungszuständen nicht sowohl die Analyse, als vielmehr die Verschmelzung näherer Erklärung und Untersuchung bedürfen; wie die Analyse verlaufe, ist hier jedem von selbst deutlich.

Ebenso klar und einfach scheint in vielen Fällen der Begriff und die Wahrnehmung der Mehrheit  gleichzeitiger  Empfindungen. Niemand wird eine Erklärung dafür verlangen, was unter einer Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen verschiedener Organe oder gleichzeitiger Empfindungen im Gesichtsfeld zu verstehen sei; auch die Wahrnehmung dieser Empfindungsmehrheiten scheint zunächst eine einfache und fundamentale Tatsache und als solche einer Erklärung weder fähig noch bedürftig. Allein es finden sich Fälle, in welchen der Begriff der Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen sich nicht ebenso klar darstellt: diese Fälle veranlassen uns, den Verlauf der Analyse gleichzeitier Empfindungen eingehender zu untersuchen.

Wenn wir die Mehrheit von Empfindungen in einem Komplex nicht direkt wahrnehmen, so kann das nur darin seinen Grund haben, daß der Komplex sich unserer Auffassung zunächst als Einheit darbietet. So bei dem oben bereits gegebenen Beispiel eines aus Grundton und Obertönen zusammengesetzten Klanges, in welchem der völlig Unmusikalische niemals, aber auchd er Musikalische meist erst dann eine Mehrheit von Empfindungen wahrnimmt, wenn er von anderen auf das Vorhandensein der Obertöne aufmerksam gemacht wird. Die Analyse kann in einem solchen Fall nur dadurch stattfinden, daß die Aufmerksamkeit sukzessive auf die einzelnen Teilempfindungen gelenkt wird; bliebe die Aufmerksamkeit stationär auf das zunächst aufgefaßte einheitliche Ganze gerichtet, so würde keinerlei Grund vorliegen, der uns zu einer Änderung des Urteils veranlaßte. Was mit diesem  Wandern der Aufmerksamkeit  gemeint sei, darüber scheint mir keinerlei Unklarheit bestehen zu können; der damit bezeichnete Prozeß ist jedem aus eigener innerer Erfahrung bekannt und geläufig. Worin aber das Wesen dieses Prozesses und seine Wirksamkeit bei der Analyse besteht, ist nicht in gleicher Weise evident, sondern bedarf näherer Untersuchung.

3. Betrachten wir der Einfachheit halber einen speziellen Fall. Wenn zwei gleichzeitige Töne, etwa  c  und  g,  in gleichmäßiger Stärke fortklingen, so können wir unsere Aufmerksamkeit abwechselnd auf den einen oder den anderen dieser Töne lenken. Welcher Art ist die Veränderung, welche bei diesem Wechseln der Aufmerksamkeit vor sich geht? Besteht sie in einer Änderung unserer Empfindung? oder ist sie etwa nur eine Änderung unserer  Beurteilung  der Empfindung?

STUMPF ist offenbar der letzteren Ansicht. Nach ihm (22) verändern "Aufmerksamkeit, Übung und sonstige psychische Einflüsse im individuellen Leben wesentlich nur die  Auffassung  der Empfindungen, die Empfindungen selbst nur ganz ausnahmsweise und in sehr geringem Maße. In erster Linie muß man demnach jedenfalls die Unterschiede und Veränderungen, welche ein und derselbe objektive Mehrklang für das Bewußtsein darbietet, auf Veränderungen und Unterschiede der bloßen Auffassung zurückführen." Demnach dürfte also beim Wandern der Aufmerksamkeit von einem Ton zum andern nicht von Änderung der Auffassung gesprochen werden - so weit nicht subjektive Verstärkung beim Heraushören eines Tones aus Zusammenklängen von geringer Intensität vorliegt; diese subjektive Verstärkung aber haben wir nach STUMPF "keinesfalls als die eigentliche und wesentliche, sondern nur als eine beiläufige, die Haupttätigkeit unterstützende Leistung der Aufmerksamkeit" anzusehen. (23)

Sehen wir genauer zu, was mit jener Behauptung, daß das Wandern der Aufmerksamkeit nur unsere Auffassung des Zusammenklangs ändere, gemeint ist. Auffassung heißt nach STUMPFs Definition (24) die "rudimentäre oder besser elementare Beurteilung", welche sich "unter Umständen sofort und unmittelbar an die Sinnesempfindungen knüpft, von ihr als einem psychischen Reiz hervorgerufen und ebenso wie diese selbst nicht zu sprachlicher Verlautbarung führend". Jedenfalls ist also Auffassung nichts anderes, als  Beurteilung  unserer Empfindungen. Fragen wir nun, welche Änderung in der Beurteilung unserer Empfindungen sich in derjenigen Änderung zu erkennen gibt, die beim Wandern der Aufmerksamkeit vom Ton  c  zum Ton  g  im gegebenen Zusammenklang stattfindet, so ist vor allem klar, daß hier nicht von Urteil im gewöhnlichen Sinn die Rede ist, weil die Frage, ob eines dieser Urteile, durch welche der Anfangs- und Endzustand der vollzogenen Änderung sich unterscheiden sollen,  wahr oder falsch  sei, nicht gestellt werden kann. Oder was hätte es für einen Sinn zu fragen, ob von den beiden "Auffassungen" des Zusammenklangs, die durch das Wandern der Aufmerksamkeit von einem Ton zum andern resultieren, eine oder die andere richtig oder unrichtig sei? Kann somit unter Auffassung hier nicht eine Beurteilung im gewöhnlichen Sinn des Wortes verstanden werden, so bleibt nur übrig, daß damit das  subjektive Existenzialurteil  gemeint sei, welches mit jeder Vorstellung untrennbar verbunden ist, da dieses das einzige Urteil ist, bei welchem die Frage nach der Wahrheit nicht gestellt werden kann. In diesem Fall aber ist sofort klar, daß den beiden verschiedenen Auffassungen verschiedene Gesamtempfindungen zugrunde liegen müssen. Denn in einer und derselben Vorstellung kann stets nur ein auf sie bezügliches Existenzialurteil enthalten sein; soll also derselben objektive Mehrklarn zu zwei verschiedenen Zeiten verschiedene Urteile dieser Art veranlassen, so kann das nur dadurch geschehen, daß sich die  Empfindung  des Zusammenklangs vom einen zum andern Fall geändert hat. Somit kommen wir zum Schluß, daß den beiden  Auffassungen  des Empfindungskomplexes, welche der verschiedenen Richtung der Aufmerksamkeit entsprechen, tatsächlich  verschiedene Gesamtempfindungen  zugrunde liegen. Wir müssen daher im Gegensatz zu STUMPF die oben gestellte Frage dahin beantworten, daß mit dem Wandern der Aufmerksamkeit sich nicht nur unsere Auffassung der Empfindungen ändert, sondern die Empfindungen selbst alteriert werden.

Diese Folgerung scheint mir durch das Zeugnis der inneren Erfahrung vollkommene Bestätigung zu finden. Wer in einem Tonstück beim erstmaligen Hören nur etwa der Oberstimme mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, dann bei wiederholtem Hören desselben Stückes seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Baßstimme zuwendet, wird schwerlich zugeben, daß er in beiden Fällen dieselben Empfindungen gehabt habe. Auch die Tatsachen der  Ermüdung  scheinen mir für unsere Behauptung zu sprechen. Wenn ich in einem Zusammenhang einen schwachen Teilton längere Zeit herauszuhören suche, so ermüdet meine Aufmerksamkeit für diesen Ton, aber nicht für die übrigen; lenke ich, wenn Ermüdung eingetreten ist, die Aufmerksamkeit auf einen anderen TOn, so zeigt sich die Ermüdung sofort verringert - was doch wohl nur durch eine in der Empfindung zur Geltung gelangte Änderung des Organs beim Wandern der Aufmerksamkeit erklärt werden kann.

4. Was im vorigen speziell für den Fall gleichzeitiger Tonempfindungen gezeigt wurde, gilt in gleicher Weise für alle Fälle, in denen die Aufmerksamkeit sich sukzessive einer Reihe von Teilempfindungen zuwendet: überall verändert sich mit dem Wandern der Aufmerksamkeit die Gesamtempfindung und erst aufgrund dieser Änderung unsere Auffassung der Empfindungen. Allgemein folgt dieser Satz aus der soeben durchgeführten Betrachtung über das Wesen der Auffassung; aber auch spezielle Argumente gibt uns in jedem einzelnen Fall die innere Erfahrung an die Hand. Wir werden später insbesondere im optischen Gebiet Gelegenheit haben, auf diesen Gegenstand zurückzukommen.

Der Verlauf der Analyse eines zuerst einheitlich aufgefaßten Gesamteindruckes einer Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen stellt sich demnach in folgender Weise dar. Bei gleichbleibenden Reizen wird durch physiologische Änderungen, welche wir allgemein als Änderungen der Aufmerksamkeit bezeichnen, das Empfindungsganze alteriert. Wir sagen alsdann, es habe sich die Aufmerksamkeit einer der Teilempfindungen zugewendet, aus denen die einheitliche Gesamtempfindung sich zusammensetzt. Nur wo es uns möglich ist, unsere Gesamtempfindung in dieser Weise willkürlich zu ändern, schließen wir, daß unsere Empfindung zusammengesetzt sei; wo die Aufmerksamkeit die Gesamtempfindung nicht zu alterieren vermag, kann auch nicht von Zusammensetzung der Empfindung gesprochen werden. Nachdem die Aufmerksamkeit sukzessive sich den verschiedenen Teilempfindungen zugewendet hat, kann sie wieder auf die ursprüngliche Gesamtempfindung gelenkt werden; diese wird sich alsdann der direkten Auffassung nicht minder einheitlich darstellen als zuvor, aber aufgrund der eben vorhergegangenen Erfahrungen wird sie nunmehr als  Mehrheit von Teilen  beurteilt. Man sieht, daß diese Beurteilung eine  mittelbare  ist und daß der in der beschriebenen Weise vollzogenen Analyse des Empfindungsganzen, welches aus einer Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen sich zusammensetzt, die Analyse  sukzessiver  Empfindungen zugrunde liegt. Zugleich erkennt man, daß der Analyse, der Wahrnehmung der Mehrheit, das Bemerken des Einzelnen in der Mehrheit vorausgehen muß; (25) und zwar offenbar zur vollständigen Analyse eines Komplexes jeder Bestandteil desselben einzeln bemerkt werden.

5. Zwei Punkte verdienen hier besondere Erwähnung. Vor allem der Einfluß der  Übung  auf den Verlauf der Analyse. Allgemein werden bekanntlich die Prozesse in unserem Organismus durch Wiederholung mehr und mehr erleichtert, vorausgesetzt, daß durch diese Wiederholung nicht die betreffenden Organe geschädigt werden. So verläuft auch der eben beschriebene Prozeß bei öfterer Wiederholung mit wachsender Leichtigkeit und vollzieht sich zuletzt in kürzester Zeit und selbst ohne unseren Willen. Daher kann es geschehen, daß es uns nach öfterer Analyse nicht mehr gelingt, den ursprünglichen einheitlichen Gesamteindruck zurückzurufen, unsere Aufmerksamkeit am Hin- und Herwandern zwischen den einzelnen Teilempfindunen zu verhindern. Einzig in dieser Erleichterung des Wanderns der Aufmerksamkeit hat auch die größere  Deutlichkeit  ihren Grund, welche unsere Empfindungen durch die Analyse zu erlangen scheinen.

Wie allgemein die willkürliche Analyse allmählich in eine unwillkürliche Tätigkeit übergeht, zeigen alltägliche Beispiele. Das heranwachsenden Kind analysiert unwillkürlich sein Gesichtsfeld weit eingehender als in seiner ersten Lebenszeit, indem es überall unwillkürlich seine Aufmerksamkeit auf die Gegenstände richtet, auf die es anfänglich durch pädagogische Mittel gelenkt wurde; ebenso analysiert der Maler unwillkürlich jedes Anschauungsbild weit eingehender, als der Laie, der Musiker analysiert unwillkürlich die Gehörseindrücke, der Feinschmecker die Geschmacksempfindungen. Besonders deutlich ist der Einfluß der Übung im akustischen Gebiet wahrzunehmen. Gewiß erinnern sich viele der Zeit, da sie lernten, einen Klang zu analysieren, ihn als Mehrheit von Tönen zu erkennen und die einzelnen Komponenten herauszuhören. Mir selbst wenigstens sind meine ersten Versuche solcher Klanganalyse noch wohl im Gedächtnis. Welche Fertigkeit im Analysieren sich aber durch Gewohnheit und Übung aus solchen Anfängen entwickelt, ist hinreichend bekannt: glauben doch manche Musiker zuletzt kaum mehr an die Möglichkeit der einheitlichen Auffassung eines Mehrklanges.

Bieten sich sonach infolge andauernder Übung der Analyse Empfindungskomplexe, die anfänglich nur einheitlich aufgefaßt wurden, zuletzt direkt als Mehrheiten dar, so dürfen wir daraus auch umgekehrt auf das Zustandekommen unserer Beurteilung solcher Mehrheiten gleichzeitiger Empfindungen schließen, welche allgemein sofort als Mehrheiten erkannt werden. Gelingt es uns nämlich, auch in denjenigen Gebieten, in welchen die direkte Auffassung eines Empfindungskomplexes als einer Mehrheit von Teilen uns geradezu selbstverständlich erscheint - wie z. B. im Gesichtsfeld - das Vorkommen einheitlicher Gesamtempfindungen nachzuweisen, welche erst durch den oben beschriebenen Prozeß der Analyse als Mehrheiten erkannt werden, so werden wir nach Analogie mit den soeben aus dem Tongebiet angeführten Erfahrungen vermuten dürfen, daß auch in diesen Gebieten die ursprüngliche einheitliche Auffassung der gleichzeitigen Empfindungskomplexe erst infolge andauernder Übung jener direkten Auffassung der Mehrheit von Teilempfindungen gewichen ist. Es würde demnach auch diese scheinbar direkte Erkenntnis der Mehrheit im Wesentlichen  mittelbare  Analyse sein;  wir  würden die Mehrheiten gleichzeitiger Empfindungen allgemein nur deshalb als Mehrheiten auffassen, weil wir aufgrund früherer Erfahrungen sofort aus der Natur des vorliegenden Gesamteindruckes schließen können, in welcher Weise derselbe sich beim Wandern unserer Aufmerksamkeit ändern würde.  Zugleicht würde sich dadurch allgemein der Begriff der Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen nicht mehr als ein einfacher und ursprünglicher, sondern als ein abgeleiteter Begriff charakterisieren.

In der Tat werden uns unsere Untersuchungen über die Analyse im Gesichtsfeld zu einem derartigen Schluß hinleiten.

6. Der zweite Punkt, welchen beim oben beschriebenen Prozeß der Analyse nähere Betrachtung erfordert, ist die Beschaffenheit derjenigen Empfindungsinhalte, welche beim Wandern der Aufmerksamkeit sukzessive aufgefaßt werden. Wenn wir sagen, daß die Aufmerksamkeit sich den einzelnen Teilempfindungen zuwende, so werden hierbei diese Teilempfindungen nicht etwa streng einzeln wahrgenommen: es gelingt niemals dieselben aus der Menge der gleichzeitigen Empfindungen - und der Nachwirkungen früherer Eindrücke - völlig zu isolieren. Wenn ich einen bestimmten Punkt des Gesichtsfeldes fixiere, so ist darum die Empfindung der Umgebung dieses Punktes nicht ausgelöscht, sondern nur in gewisser Weise verändert, von der Aufmerksamkeit zurückgedrängt; ebenso fallen, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Ton eines Zusammenklangs richte, die übrigen Töne deswegen nicht aus der Empfindung weg. Vielmehr bilden die Teilempfindungen, welche gegenwärtig nicht Gegenstand der Aufmerksamkeit sind, gewissermaßen einen Hintergrund für die durch die Aufmerksamkeit hervorgehobene Teilempfindung; je nach der Art dieses Hintergrundes wird die Gesamtempfindung, auch wenn die hervorgehobene Teilempfindung völlig dieselbe ist, äußerst verschieden ausfallen können. In Fällen, wo wir die Wahrnehmung der Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen nur schwierig vollziehen, werden wir leicht dazu geführt, diese Verschiedenheiten der Gesamtempfindung als Verschiedenheiten in der  Qualität der hervorgehobenen Teilempfindung  zu beurteilen; ja auch selbst in den Gebieten, wo die Analyse sich spontan vollzieht, bedienen wir uns häufig einer Ausdrucksweise, die einer derartigen Beurteilung entspricht. So sagen wir eine Farbe wirke auf diesem Hintergrund warm, auf jenem kalt; wir schreiben den scharfen Klang einer Dissonanz häufig dem Ton zu, welchen wir gerade beachten, während doch die Schärfe nur dem Zusammenklang zukommt usw. Diese Bemerkung wird uns namentlich für die Theorie der Klangfarbe von Nutzen sein.

Demnach kann also auch im strengen Sinn des Wortes nicht behauptet werden, daß beim Wandern der Aufmerksamkeit die Teilempfindungen selbst bemerkt werden und daraus auf die Zusammensetzung der ursprünglichen Gesamtempfindung geschlossen werden könne. Vielmehr darf eben nur behauptet werden, daß  veränderte Gesamtempfindungen  bemerkt werden und von diesen kann nur ausgesagt werden, daß sie mit den Empfindungen, welche durch einen  Teil  der Reize hervorgebracht werden würden, eine größere oder geringere  Ähnlichkeit  aufweisen. So hören wir, wenn wir im Zusammenklang  c,g  auf den Ton  g  horchen, in der Tat nicht bloß den Ton  g,  sondern eben immer noch den  Zusammenklang,  der aber durch das Hinlenken der Aufmerksamkeit auf den einen Bestandteil größere Ähnlichkeit mit derjenigen Empfindung erhält, die durch die Tonwelle  g  allein in uns erregt wird. Da aber diese Ähnlichkeit infolge der Analyse und anderweitiger Erfahrungen, welche uns die unabhängig veränderlichen Komponenten der Empfindung kennen lehren, sich als  Ähnlichkeit durch gleiche Teile  charakterisiert, so dürfen wir, ohne uns einer Inkonsequenz schuldig zu machen, die abgekürzte Ausdrucksweise gebrauchen, vermöge deren wir sagen, daß wir die Teilempfindungen selbst einzeln bemerken; nur dürfen wir dabei eben nicht vergessen,  daß  dieses nur eine abgekürzte Ausdrucksweise ist und daß wir jede Teilempfindung eines Komplexes stets nur zugleich mit dem Hintergrund der übrigen gleichzeitigen Teilempfindungen wahrnehmen können.

Zu bemerken ist noch, daß die verschiedenen sukzessiven Gesamtempfindungen, welche bei der Analyse auftreten, der Natur der Sache nach nicht mehr als völlig einheitlich aufgefaßt werden können, da ja eben die vorhergegangene Veränderung der Gesamtempfindung beim Wandern der Aufmerksamkeit dieselbe bereits als eine zusammengesetzte charakterisiert hat.

7. Die bisherigen Ausführungen lassen erkennen, daß die Betrachtung der Analyse derjenigen Empfindungskomplexe, welche sich unerer Auffassung zunächst als einheitliche Inhalte darbieten, für die Theorie der Analyse überhaupt von besonderem Interesse ist. Es wird sich daher empfehlen, bei der speziellen Betrachtung der Analyse in den einzelnen Empfindungsgebieten mit eben diesen Fällen den Anfang zu machen. Ich werde demgemäß nicht, wie es nach dem Ursprung unseres Problems als das Naturgemäße erscheinen könnte, die Analyse sukzessiver, sondern die Analyse gleichzeitiger Empfindungen voranstellen. Wenn ich dabei ferner mit den  akustischen  Phänomenen den Anfang mache, so bestimmt mich dazu nicht nur die Tatsache, daß gerade hier die Fälle einheitlicher Auffassung von Empfindungskomplexen besonders häufig und prägnant sich darbieten, sondern auch namentlich der Umstand, daß wir mit den akustischen Phänomenen durch STUMPFs großes Werk am besten vertraut sind. Zwar werden wir den Ausführungen STUMPFs nicht völlig beipflichten können; gerade bei der Begründung unserer abweichenden Ansichten aber wird sich Gelegenheit ergeben, die Begriffe der Analyse und Verschmelzung vollkommen klar zu stellen.

Während es auf dem Tongebiet von vornherein zweifelhaft sein kann, ob der Fall einer Mehrheit gleichzeitiger Empfindungen überhaupt vorkommt, (26) ob also bei Tonempfindungen Analyse in unserem Sinn überhaupt stattfinden kann, vollzieht sich, wie schon früher bemerkt, in anderen Gebieten umgekehrt die Analyse so leicht, daß vielmehr die Existenz einheitlicher Gesamtempfindungen, also die Verschmelzung der Empfindungen eines besonderen Nachweises bedarf. Namentlich gilt das von den sukzessiven Empfindungen, bei welchen die Verschmelzungserscheinungen bisher überhaupt kaum beachtet worden sind, während auf das Vorkommen der Verschmelzung (in unserem Sinne) bei verschieden lokalisierten gleichzeitigen Empfindungen STUMPF bereits ausdrücklich hingewiesen hat.

Wir werden nach Erledigung der akustischen Phänomene zunächst das Vorkommen der Verschmelzung  räumlich  getrennter Empfindungen und den Verlauf der Analyse solcher Verschmelzungsphänomene speziell im optischen Gebiet aufzeigen, um alsdann zum Nachweis der analogen Erscheinungen bei  zeitlich  getrennten Empfindungen überzugehen. Betrachtungen allgemeinerer Natur, welche sich an die erhaltenen Resultate anschließen und zur Ergänzung derselben erfordert werden, in der speziellen Untersuchung aber keine Stelle finden können, werden in einem besonderen Kapitel nachgetragen werden.

Auf die Erörterung spezieller Fälle wird nur insoweit eingegangen werden, als dieselben zur Exemplifikation der allgemeinen Tatsachen dienlich erscheinen. Desgleichen werden Nebenfragen physiologischer und psychophysischer Natur, wie z. B. die Frage nach den äußeren Bedingungen für die Analyse der Empfindungen (Schwellenwerte und dgl.) von der Untersuchung ausgeschlossen bleiben.


II.

1. Das Problem der Analyse gleichzeitiger Tonempfindungen betrifft die Beurteilung der durch eine Mehrheit objektiver Töne (Tonwellen) in uns erregten Empfindung. Wir haben vor allem zu fragen, ob der Klang, welchen wir bei gleichzeitiger Einwirkung mehrerer Tonwellen wahrnehmen, eine Mehrheit von Tonempfindungen sei, ob er also im früher definierten Sinne eine Analyse zulasse? Von den Musikern wird eine Mehrheit gleichzeitiger Töne allgemein behauptet; die psychologische Theorie muß daher, um Anspruch auf Gültigkeit machen zu können, vor allem das Zustandekommen dieser Ansicht erklären.

STUMPF hat das hier bezeichnete Problem in seiner Tonpsychologie eingehend untersucht. Er gelangt zu dem Resultat, daß in der Tat - übereinstimmend mit der Ansicht der Musiker - jeder objektive Mehrklang sich auch in der Empfindung als Mehrheit kundgibt. Die Tatsache, daß dennoch diese Mehrheit häufig als Einheit aufgefaßt wird, erklärt sich nach STUMPF aus der allgemeineren Tatsache, daß alle gleichzeitigen Empfindungsqualitäten als Teile eines Empfindungsganzen zu einer Einheit verbunden und dadurch in ein Verhältnis getreten sind, welches der Analyse hinderlich ist. Eben dieses Verhältnis ist es, welches STUMPF als Verschmelzung bezeichnet. (27)

Allein der Beweisführung, durch welche STUMPF zu jenem Resultat gelangt, liegt die Voraussetzung zugrunde, daß die Tätigkeit der Aufmerksamkeit wesentlich nur die  Auffassung  unserer Empfindungen alteriere, während die Empfindungen selbst durch die Aufmerksamkeit nicht beeinflußt werden. Wir haben oben ausführlich die Gründe erörtert, welche uns verhindern, dieser Voraussetzung beizupflichten; folgerichtig werden wir auch die darauf gegründete Beweisführung nicht als überzeugend anerkennen können. Eine nähere Betrachtung der STUMPFschen Argumentation zeigt uns alsbald, in welcher Weise jene Voraussetzung in derselben zur Geltung kommt: schon die Fragestellung und die daraus hergeleitete Disjunktion [Trennung, Entgegensetzung - wp] der Theorien ist auf dieselbe gegründet.

2. STUMPF stellt drei Annahmen (28) zur Diskussion, welche der oben bezeichneten Anforderung genügen. Die erste dieser Annahmen  bejaht  die Möglichkeit der Analyse; nach ihr erscheint uns zwar jeder Zusammenklang zunächst als ein Ganzes, doch werden in diesem Empfindungsganzen die einzelnen Bestandteile als solche unmittelbar wahrgenommen (Mehrheitslehre). Die zweite Annahme  verneint  die gleichzeitige Existenz mehrerer Tonempfindungen; nach ihr würde für die Empfindung kein prinzipieller Unterschied zwischen Klang (Zusammenklang) und einfachem Ton bestehen, sondern wir würden nur durch die Erfahrung über die objektive Entstehung der Zusammenklänge in der Beurteilung derselben geleitet werden. Abgesehen von diesen durch die Erfahrung bedingten Assoziationen wäre für die Empfindung jeder Klang streng einfach. Hier würde also anstelle der Analyse der Empfindung ein  erfahrungsmäßiges Wissen um die Zusammensetzung der objektiven Reize treten  (Einheitslehre). Drittens endlich könnte sich die Meinung der Musiker, daß mehrere Töne gleichzeitig gehört werden, dadurch erklären, daß die einzelnen Töne in Wirklichkeit nicht neben-, sondern  nach-einander in rascher Folge empfunden würden (Wettstreitslehre).

Die dritte dieser Annahmen, die Wettstreitslehre, wird von STUMPF mit einer Reihe völlig überzeugender Argumente als unhaltbar nachgewiesen. Ich darf darauf verzichten, diesen Nachweis zu reproduzieren; weder sind Einwendungen gegen denselben zu erheben, noch auch werden wir uns auf die Einzelheiten desselben im Folgenden zu berufen haben. Nur eine Bemerkung über die Gründe sei gestattet, welche zur Aufstellung dieser Ansicht geführt haben können. STUMPF hält dieselbe wesentlich für eine Ausflucht. Mir scheint eher, daß bei den Vertretern dieser Ansicht, wie auch sonst häufig in der Psychologie, eine Verwechslung der überhaupt im Bewußtsein vorhandenen Phänomene mit denjenigen vorlag, welche Gegenstand der  Aufmerksamkeit  sind. Daß in der Tat ein Wettstreit der Aufmerksamkeit beim Hören mehrerer gleichzeitiger Töne stattfindet, kann jedermann leicht beobachten und STUMPF selbst führt Fälle solchen Wettstreits an. (29) Die Verwechslung dieses Wettstreits aber mit einem solchen der Empfindungen scheint mir ziemlich nahe zu liegen.

In der Disjunktion zwischen Mehrheits- und Einheitslehre, welche uns demnach allein noch zu betrachten bleibt, liegt nun die Wirkung der von uns bestrittenen Voraussetzung klar zutage: nur wenn die Aufmerksamkeit die Empfindung nicht zu ändern vermag, ist die Disjunktion vollständig, denn bloß unter dieser Voraussetzung erscheint die STUMPFsche Auffassung der Einheitslehre - nach welcher nur durch den Schluß aus der  Mehrheit der Reize  die einheitliche Empfindungsqualität als Mehrheit beurteilt wird - als die einzig mögliche. Unsere früheren Erörterungen lassen dagegen noch eine zweite Auffassung der Einheitslehre als möglich erkennen, nach welcher nicht aus der Mehrheit der Reize, sondern aus den möglichen Veränderungen des Empfindungsganzen bei veränderter Richtung der Aufmerksamkeit die Zusammesetzung desselben gefolgert wird. Zugleich zeigen eben jener Erörterungen, wie sich aus der so modifizierten Einheitslehre mit der Zeit durch Gewohnheit und Übung eine Auffassung der Zusammenklänge entwickeln kann, welche mit STUMPFs Mehrheitslehre vollkommen übereinstimmt.

3. Die modifizierte Einheitslehre, welche wir demnach den oben zusammengestellten Ansichten über das Zustandekommen unserer Beurteilung von Zusammenklängen anzureihen haben, läßt sich folgendermaßen charakterisieren. Den Ausgangspunkt derselben bildet die Tatsache, daß nicht nur Ungeübte und Unmusikalische die durch eine Mehrheit gleichzeitiger Tonwellen erregte Empfindung als Einheit aufzufassen pflegen, sondern auch geübte Musiker die einzelnen Klänge ihrer Instrumente in der Regel nicht als Mehrheiten von Tönen auffassen, vielmehr allgemein die Klangfarbe als einheitliche Empfindungsqualität beurteilen. Diese einheitlich aufgefaßten Klangempfindungen, deren Existenz somit durch die Erfahrung feststeht, werden nun durch die Tätigkeit der Aufmerksamkeit analysiert. Die in einem objektiven Mehrklang vorhandenen Reize gestatten uns nämlich, durch gewisse physiologische Änderungen im Gehörorgan willkürlich eine Reihe bestimmter Änderungen der Empfindung hervorzubringen. Wir bezeichnen diese Änderungen dadurch, daß wir sagen, es werde die Aufmerksamkeit sukzessive auf die verschiedenen Teiltöne des Klanges gelenkt; was mit diesem Ausdruck gemeint sei, ist jedem aus innerer Erfahrung bekannt, wenngleich die physiologischen Veränderungen, die mit dem so bezeichneten Prozeß verknüpft sind, noch der Aufklärung harren.

Indem wir in dieser Weise unsere Aufmerksamkeit sukzessive den verschiedenen Teiltönen zuwenden, erhalten wir jeweils  veränderte  Totalempfindungen, welche denjenigen Empfindungen ähnlich (aber nicht gleich) sind, die durch die entsprechenden einfachen Tonwellen in uns erregt werden. Eben diese Möglichkeit, durch bloße Änderung der Aufmerksamkeit verschiedene Empfindungen bei gegebenen Reizen zu erhalten, bestimmt uns, die Klangempfindung als Mehrheit zu beurteilen:
     mit dem Ausdruck "dieser Klang besteht aus einer Mehrheit von Tonempfindungen" wollen wir nichts anderes sagen, als eben dieses, daß wir durch Veränderung der Aufmerksamkeit eine Reihe verschiedener Empfindungen aus dem Klang zu erhalten imstande sind. 
Nachträglich kann sich die Aufmerksamkeit der ursprünglichen Gesamtempfindung wieder zuwenden - gleichviel, ob die Empfindung selbst bei fortdauernden Reizen zurückgerufen werden kann oder nur ihr Gedächtnisbild Gegenstand unserer Betrachtung ist. Was sich nunmehr geändert hat, ist zunächst unsere  Beurteilung  dieser Gesamtempfindung, indem wir dieselbe aufgrund der gemachten Erfahrungen mittelbar als Mehrheit beurteilen; eine weitere Änderung aber besteht gegenüber dem früheren Zustand darin, daß wir nach vollzogener Analyse  wissen,  in welcher Weise wir die Aufmerksamkeit zu lenken haben, um den Klang zu analysieren: der Klang scheint aufgrund dieser Erfahrung größere Deutlichkeit gewonnen zu haben. Durch öftere Wiederholung wächst unsere Übung in der Klanganalyse, so daß sich diese zuletzt ohne Anstrengung, spontan und selbst wider unseren Willen vollzieht. In diesem Stadium, welches ja nach Naturanlage und Erziehung des Individuums in kürzerer oder längerer Zeit erreicht werden kann, erscheint uns jeder Zusammenklang sofort als Mehrheit, ja es wird uns zuletzt völlig unmöglich, die ursprüngliche einheitliche Auffassung des Klanges zurückzurufen, unsere Aufmerksamkeit am Hin- und Herwandern zwischen den einzelnen Bestandteilen des Klanges zu verhindern: kurz, wir gelangen schließlich genau zu derjenigen Auffassung der Zusammenklänge, welche der STUMPFschen Mehrheitslehre entspricht. Die modifizierte Einheitslehre und die Mehrheitslehre schließen sich also keineswegs aus; vielmehr erkennen wir in der ersteren geradezu die Keime und die Entwicklungsgeschichte der Auffassung, welche in der Mehrheitslehre ihren Ausdruck findet. Demgemäß werden wir auch im Folgenden nicht zwischen Mehrheits-, Einheits- und modifizierter Einheitslehre, sondern zwischen der Mehrheits- und modifizierten Einheitslehre auf der einen und der Einheitslehre im STUMPFschen Sinne auf der anderen Seite zu wählen haben.

4. Daß nun die letztere den Tatsachen nicht gerecht wird, kann jeder Musikalische aufgrund der inneren Erfahrung behaupten. Wenn an einem Klang die Teiltöne überhaupt direkt aus der Empfindung erkannt werden können, so ist eben von Einfachheit des Klangs nicht die Rede. Die Assoziationen, durch welche die Einheitslehre unsere Beurteilung der Zusammenklänge zu erklären sucht, können ihrer Natur nach nur auf die Zusammensetzung der  Reize  hinweisen; sobald also in der Empfindung selbst eine Mehrheit von Teilen bemerkbar wird, bedarf es keines weiteren Argumentes gegen die Einheitslehre mehr. In der Tat fußen die Beweise STUMPFs gegen die Einheitslehre der Hauptsache nach auf den Erfahrungen, welche jeder Musiker in Bezug auf Klanganalyse täglich zu machen Gelegenheit hat. Sowohl die Fähigkeit, nie vorher gehörte Akkorde direkt aus der Empfindung zu analysieren, als auch die Wahrnehmung von Obertönen eines Klanges sind vollkommen schlagende Gründe gegen die Einheitslehre; daß die Wahrnehmung der Mehrheit von Tönen in einem Klang kein Blendwerk unserer Phantasie ist. Daß aber eben diese Argumente sich nur gegen die Einheitslehre im Sinne STUMPFs, nicht aber gegen die modifizierte Einheitslehre richten, bedarf keines Nachweises; denn die modifizierte Einheitslehre stützt sich ja eben auf die hier als Argumente angeführten Tatsachen der Klanganalyse.

Nicht dasselbe gilt vom  ersten  Argument, welches STUMPF gegen die Einheitslehre geltend macht. (30) Wenn die zwei Töne  c, g  zusammenklingend eine neue einfache Tonempfindung erzeugten, so könnte diese Empfindung nicht in der eindimensionalen Tonreihe gefunden werden, da sich die Töne erfahrungsgemäß nicht zu einem mittleren - etwa  e  oder  es  - mischen; die Forderung neuer und zwar unbegrenzt vieler Dimensionen des Tonreiches wäre danach unabweisbar. Diese Forderung wird von STUMPF als dem sinnlichen Eindruck widersprechend abgelehnt.

Wenn dieser von STUMPF behauptete Widerspruch wirklich bestünde, so wäre dadurch nicht nur die Einheitslehre im Sinne STUMPFs, sondern auch unsere modifizierte Einheitslehre widerlegt. Allein, wer immer Klänge einheitlich aufzufassen vermag - und ich zweifle nicht, daß die Mehrzahl der Menschen dieses Vermögen besitzen - wird jenen Widerspruch gegen den sinnlichen Eindruck nicht finden können, vielmehr dem STUMPFschen Argument entgegenhalten, daß es die Unrichtigkeit der Einheitslehre, welche es erst erweisen sollte, seinerseits schon voraussetzt. In der Tat, setzen wir oben anstelle des Wortes Tonempfindung das Wort  Klang,  welches ja für die Einheitslehre mit der ersteren gleichbedeutend ist, solange es sich nur um die Empfindungen und nicht um deren objektive Ursachen handelt, so fällt der scheinbare Widerspruch sofort weg; denn daß das  Klang reich mehrdimensional (31) ist, wird niemand bestreiten. Oder wie sollten etwa die sämtlichen Klänge, welche beim Durchlaufen der Klanggebiete einer Flöte, einer Oboe und einer Trompete zum Vorschein kommen, als Punkte  einer  eindimensionalen nur nach Höhe und Tiefe abgestuften Tonreihe sich einordnen lassen? Daß es trotz der Mehrdimensionalität des Klangreiches keinen seitwärts liegenden Klang, keinen Klangwinkel, kein Klangviereck gibt (32), liegt einmal daran, daß das Klangreich unbegrenzt viele Dimensionen hat, während Übertragungen von räumlich anschaulichen Verhältnissen nur bei höchstens dreidimensionalen Mannigfaltigkeiten möglich sind, andererseits daran, daß auch, abgesehen von der Dimensionenzahl, keineswegs in allen Mannigfaltigkeiten Analogien mit räumlichen Verhältnissen zutage treten. Wenn ich Lösungen von Kochsalz und Zucker in verschiedenen Konzentrationen vermische, so bilden die möglichen Gemenge eine Mannigfaltigkeit von zwei Dimensionen. Dennosch wird es niemandem einfallen, von einem Winkel oder Viereck solcher Lösungen zu sprechen.

Das Argument kann also weder gegen die Einheitslehre im Sinne STUMPFs, noch gegen die modifizierte Einheitslehre geltend gemacht werden: wenn die Totalempfindungen, die wir beim Hören von Zusammenklängen haben,  einfache  Empfindungen sind, so gibt es eben ein mehrdimensionales Reich einfacher Tonempfindungen, in dem das  faktisch  mehrdimensionale Reich von Akkorden alsdann ein Reich einfacher Empfindungen zu betrachten wäre.

Zur Widerlegung der Einheitslehre im Sinne STUMPFs sind indessen die übrigen oben bereits erwähnten Gründe völlig hinreichend.

Beachten ist übrigens, daß das Prinzip, nach welchem diese Einheitslehre unsere Beurteilung der Klänge zustande kommen läßt, keineswegs zugleich mit der Lehre fällt; vielmehr findet dasselbe häufige Anwendung namentlich von Seiten derer, welchen die Klanganalyse im eigentlichen Sinn aus Mangel an Übung oder an hinreichend feinem Gehör schwerfällt. Solche pflegen gewisse häufiger vorkommende Harmonien, wie den Quartsextakkord, verminderten Septimenakkord und dgl. ohne Analyse direkt nach dem Gesamteindruck als solche zu beurteilen - eine Beurteilungsweise, die offenbar auf dem genannten Prinzip beruth und bei ungewohnten Harmonien sofort den Dienst versagt.

5. Müssen wir nach diesen Betrachtungen der Beweisführung STUMPFs gegen die Einheitslehre der Hauptsache nach zustimmen, so läßt uns die früher gegebene Disjunktion nur mehr die Entscheidung zugunsten der modifizierten Einheitslehre und der daraus sich entwickelnden Mehrheitslehre übrig. Nach STUMPFs Theorie würden wir uns an eben diesem Punkt unserer Untersuchung auf die Mehrheitslehre allein durch Exklusion hingeführt sehen; der Grund für unser abweichendes Resultat liegt einzig in der Abänderung, welche wir in der Disjunktion der Theorien zu treffen uns veranlaßt sahen.

Es könnte den Anschein haben, als sei durch unsere früheren Betrachtungen zunächst nur die  Möglichkeit  jener Abänderung in der Disjunktion der Theorien, nicht aber deren Notwendigkeit erwiesen. In der Tat scheint ja die Mehrheitslehre allein zur Erklärung der Tatsachen hinzureichen; wenn wir also an deren Stelle die modifizierte Einheitslehre treten lassen, die erst in ihrem letzten Entwicklungsstadium mit der Mehrheitslehre übereinstimmt, so genügt zur Rechtfertigung dieses Schrittes nicht die bloße Möglichkeit, die Tatsachen auch durch diese Annahme zu erklären, sondern es muß mit zwingenden Gründen dargetan sein, daß nur diese Annahme, nicht aber die Mehrheitslehre allein allen Anforderungen genügt.

Hierauf ist zunächst zu erwidern, daß für die Mehrheitslehre, abgesehen vom Zeugnis der Musiker, welches für die modifizierte Einheitslehre in gleicher Weise in Anspruch genommen werden kann, keinerlei positive Argumente sprechen; vielmehr beruth der Beweis, welchen STUMPF für die Mehrheitslehre führt, wesentlich auf der Widerlegung der beiden anderen von ihm zur Diskussion gestellten Annahmen und gewisser Einwände, welche gegen die Mehrheitslehre erhoben werden könnten. Sonach kann von vornherein jedenfalls die Mehrheitslehre keinen Vorzug vor der modifizierten Einheitslehre beanspruchen, da die beigebrachten positiven und negativen Beweise in gleicher Weise für die eine wie für die andere gelten. Ferner aber zeigt die innere Erfahrung, daß die Analyse neuer, ungewohnter, bzw. solcher Zusammenklänge, welche zuerst einheitlich aufgefaßt wurden, sich stets in der von der modifizierten Einheitslehre behaupteten Art und Weise vollzieht. Davon, daß die anscheinend einheitlichen Klänge eines Instrumentes zusammengesetzt sind, kann ich andere, die noch keine Kenntnis des Sachverhaltes haben (ohne Anwendung physikalischer, den Klang alterierender Hilfsmittel) nur in der Weise überzeugen, daß ich sie veranlasse, die Obertöne des Klanges  herauszuhören,  d. h. in der früher beschriebenen Weise die Aufmerksamkeit zwischen den Teilempfindungen wandern zu lassen. Ebenso kann ich dem Ungeübten, welcher jeden Akkord als einheitliche Empfindung auffaßt, nur durch Erziehung des Ohres zu der eben genannten Art der Klanganalyse die Überzeugung beibringen, daß in jedem Zusammenklang eine Mehrheit von Empfindungen vorliegt. Nun ist aber jeder Analysierende anfangs ungeübt gewesen und ebenso sind ihm alle, auch die einfachsten Zusammenklänge einmal neu und ungewohnt gewesen: alle Analyse muß daher ursprünglich nach jenem Schema erfolgt sein, welches in der modifizierten Einheitslehre als Grundlage der Klanganalyse aufgestellt wird. Hiermit ist der positive Beweis erbracht, daß diese Lehre den Prozeß, durch welchen die Analyse gleichzeitiger Tonempfindungen ursprünglich zustande kommt, tatsächlich richtig wiedergibt; woraus zugleich folgt, daß diejenige Auffassung, welche der Mehrheitslehre entspricht, sich erst sekundär aus jener entwickelt haben kann. In welcher Weise diese Entwicklung sich aller Wahrscheinlichkeit nach vollzogen haben dürfte, wurde bereits oben ausführlich dargelegt.

6. Nachdem wir durch die vorangehenden Erörterungen über das Wesen und den Verlauf der Analyse gleichzeitiger Tonempfindungen Klarheit gewonnen haben, erübrigt uns noch die Betrachtung der Rolle, welche die Teiltöne im nichtanalysierten Klang spielen, also die Betrachtung der  Verschmelzungsphänomene  bei gleichzeitigen Tönen.

Wenn ein Klang als Einheit aufgefaßt, also nicht analysiert wird, so werden die Teiltöne als solche nicht bemerkt. Dennoch können wir von denselben als Komponenten der vorliegenden Gesamtempfindung in zweifacher Hinsicht sprechen. Einerseits insofern, als durch Analyse die Teilempfindungen - und natürlich nur diese - als vorhanden erkannt werden können, so daß namentlich bei einiger Übung in der Klanganalyse ihr Vorhandensein sich schnell bemerkbar macht. Andererseits insofern, als der Klang durch jeden der zusammenwirkenden Reize, soweit diese überhaupt zur Wirkung auf das Organ gelangen, wesentlich  mitbestimmt  ist, die den einzelnen Reizen entsprechenden Teilempfindungen also sämtlich im Klang zur Geltung kommen. Entsprechend der letzteren Tatsache würden wir unter einem unbemerkten Teilton eines Zusammenklanges die Wirkung des Reizes zu verstehen haben, welcher einem einzelnen Ton entspricht, insofern diese Wirkung die Gesamtempfindung beeinflußt; die zuerst genannte Tatsache ergänzt diese Definition dahin, daß eben diese Wirkung des einzelnen Reizes bei veränderter Richtung der Aufmerksamkeit in der früher beschriebenen Weise  bemerkt  werden kann. Die unbemerkten Teiltöne sind demnach nicht etwa  unbewußt,  d. h. ohne Einfluß auf unseren augenblicklichen Bewußtseinszustand; denn wenn sie auch nicht einzeln wahrgenommen werden, so tragen sie doch zur Gesichtsempfindung bei, die sich ändert, sobald einer der Teiltöne fortfällt oder ein neuer zu den vorhandenen hinzutritt.

Sind die Teiltöne annähernd gleichstark, so wird im Allgemeinen keiner derselben die Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen, als die übrigen, wenn nicht besondere Umstände (z. B. Melodieführung) der Aufmerksamkeit von vornherein eine bestimmte Richtung geben. Sobald aber Umstände der letzteren Art eintreten oder einer der Töne durch seine Stärke dominiert, so wird sich bei der Auffassung des Klanges sogleich die Aufmerksamkeit besonders auf einen der beiden Teiltöne richten, es wird also von vornherein einer derjenigen Zustände gegeben sein, welche bei der Analyse sukzessive einzutreten pflegen. Schon früher wurde im Allgemeinen darauf hingewiesen, daß hierbei nicht die hervorgehobene Teilempfindung streng einzeln wahrgenommen wird, sondern daß dieselbe stets mit den übrigen Teilempfindungen in bestimmter Weise vereinigt bleibt, indem diese ihr gewissermaßen als Hintergrund dienen. Je nachdem wir die Mehrheit der gleichzeitigen Empfindungen deutlich erkennen oder nicht, pflegen wir die durch diesen Hintergrund bedingte besondere Qualität der Gesamtempfindung der Wirkung eben dieser Mehrheit zuzuschreiben oder aber dieselbe als  Eigenschaft der einheitlichen Gesamtempfindung  zu beurteilen und zu benennen.

7. Ein Beispiel für den letzteren Fall liefert die  Klangfarbe  (33) eines aus Grundton und Obertönen zusammengesetzten Klanges. In einem solchen Klang ist die Analyse teils durch die Schwäche der Obertöne, teils durch den Umstand, daß diese ihrer Natur nach stets in reiner Stimmung auftreten, erschwert und wird daher meist nur bei besonderer Veranlassung vollzogen, während sich für gewöhnlich der Klang als einheitliche Empfindung darbietet. Da in dieser Empfindung meist der Grundton durch seine Stärke dominiert, so wird die Qualität der Gesamtempfindung, welche durch das Zusammenwirken der sämtlichen Teiltöne entsteht, gemäß der obigen Bemerkung als Eigenschaft dieser dominierenden Teilempfindung, des Grundtones beurteilt und als  Klangfarbe  desselben bezeichnet. Die Klangfarbe ist demnach nichts anderes, als die besondere  Qualität der Gesamtempfindung  des Zusammenklanges, welche diesem zukommt, so lange die Aufmerksamkeit ihre natürliche Richtung auf den Grundton beibehält. Mit der Analyse des Klanes, d. h. mit dem Wandern der Aufmerksamkeit auf die einzelnen Teiltöne muß diese Klangfarbe verschwinden, da - entsprechend unseren früheren Auseinandersetzungen - beim Wandern der Aufmerksamkeit sich die Gesamtempfindung ändert; anstelle des Grundtones erscheinen alsdann sukzessive die Obertöne hervorgehoben, wiederum aber je mit dem Hintergrund der übrigen Teiltöne. Der Unterschied der Gesamtempfindung, der durch die Unterschiede dieses "Hintergrundes" bei verschiedenen Instrumenten bedingt wird, kann niemandem entgehen; doch werden die wenigsten geneigt sein, diesen Unterschied als einen Unterschied in der  Klangfarbe der Obertöne  zu bezeichnen, weil jedesmal die zum Heraushören der Obertöne erforderte analysierende Tätigkeit der Aufmerksamkeit bereits zur deutlichen Erkenntnis der Mehrheit von Tönen geführt hat, welche die Qualität der Gesamtempfindung bedingen. Der Sache nach besteht aber offenbar zwischen diesen Verschiedenheiten und denen der Klangfarbe kein wesentlicherer Unterschied, als zwischen der Klangfarbe eines Tones und denjenigen "Färbungen", welche ein Ton einer Melodie durch beliebige harmonische Begleitung erhalten kann. Auch hier ist der Ton der Melodie Gegenstand der Aufmerksamkeit und die Begleitung wird, wo nicht besondere Veranlassung vorliegt, meist nicht analysiert, sondern nur nebenbei in Form der einheitlichen Gesamtempfindung wahrgenommen; der Ungeübte, musikalisch nicht Gebildete wird auch hier leicht dazu geführt, die Verschiedenheiten der Gesamtempfindung als Qualitätsunterschiede des Melodietones aufzufassen.

8. Die hier skizzierte Theorie der Klangfarbe, welche sich aus der modifizierten Einheitslehre als einfache Konsequenz ergibt, unterscheidet sich, wie man sieht, wesentlich von derjenigen, welche STUMPF aufgrund der Mehrheitslehre entwickelt hat. Entsprechend seiner mehrfach erwähnten Ansicht über die Wirkung der Aufmerksamkeit bei der Analyse hält STUMPF die Klangfarbe nur für eine Funktion der  Auffassung  (34) der Empfindungen, nicht aber der Empfindungen selbst. Der Grund für diese Annahme liegt in der Tatsache, daß durch die Analyse die Klangfarbe zerstört wird: da die Analyse eines Empfindungskomplexes nach STUMPFs Ansicht nur in der veränderten Auffassung ihren Grund hat, so muß aus jener Tatsache geschlossen werden, daß auch die Klangfarbe nur Funktion der Auffassung ist.

Wie oben bei der Disjunktion der Theorien, so müssen wir auch hier die Folgerung bestreiten, weil wir der fundamentalen Voraussetzung nicht zustimmen können. Tatsächlich zeigt gerade das Beispiel der Zerstörung der Klangfarbe bei der Analyse aufs Deutlichste, daß durch die Tätigkeit der Aufmerksamkeit die  Qualität der Gesamtempfindung  geändert wird. Denn selbst, wenn man STUMPF darin beistimmen wollte, daß die Klangfarbe Funktion unserer Auffassung, d. h. Beurteilung der Empfindungen ist, so wird doch gewiß niemand behaupten können, daß die Klangfarbe selbst im Urteil  bestehe,  sondern nur, daß sie von demselben abhänge; dieses von der Beurteilung Abhängige aber kann offenbar nur ein Prädikat der Empfindung sein. Wird nun dieses Prädikat (die Klangfarbe) in einem Fall von der Empfindung mit derselben Sicherheit direkt aufgrund der Wahrnehmung ausgesagt, mit welcher es im andern Fall - nämlich während der Analyse - geleugnet wird, so kann der Grund kein anderer sein, als daß eben die wahrgenommene Empfindung sich geändert hat. Daß nun aber eine solche Änderung der Empfindung Folge unserer Beurteilung der Empfindung sein könne, wird niemand aufrecht erhalten wollen. Umgekehrt ist stets unsere Beurteilung durch die Empfindungen bedingt, sowie durch etwaige Assoziationen, die sich an die Empfindungen knüpfen, nirgends aber findet sich ein Beispiel für die Änderung der Empfindung bloß infolge unserer Beurteilung derselben. So wird denn auch in diesem Fall nur die Annahme übrig bleiben, daß die Empfindung durch die Tätigkeit der  Aufmerksamkeit  verändert wird und die Änderung unserer Beurteilung der Empfindung erst sekundär erfolgt. Tatsächlich wird jeder, der sich zum erstenmal das Heraushören von Obertönen aus einem starken, unverändert fortdauernden Klang zur Aufgabe gemacht hat, zweifellos die Überzeugung gewinnen, daß das Empfindungsganze wesentlich verändert ist, sobald das Heraushören eines Anfangs nicht bemerkten Obertones gelingt. Scheint doch die Möglichkeit dieses Heraushörens geradezu auf einer Art von Ermüdung des Organs für den Grundton, bzw. die am stärksten hervortretenden Teiltöne zu beruhen.

9. Mit dem hier betonten Unterschied unserer Theorie der Klangfarbe von derjenigen STUMPFs steht ein weiterer Unterschied in engem Zusammenhang. Nach STUMPF fassen wir als Farbe des Klangs auf, was in der  Farbe der Teiltöne  ist, ebenso wie wir dem Klang als Ganzem eine Stärke zuschreiben, welcher in Wirklichkeit die Stärke der einzelnen Klangteile zugrunde liegt: "käme dem einzelnen Ton keine Stärke zu, so würde doch erst recht auch dem Ganzen keine zukommen; ebenso wenn dem einzelnen Ton keine Farbe zukommt, wie soll sie dem Ganzen eignen? Aus Nichts wird nichts." (35) Entsprechend dieser Argumentation muß angenommen werden, daß jedem einfachen Ton als solchem bereits eine  Farbe  zukomme als ein von Höhe und Stärke verschiedenes Moment der Tonempfindung. Unsere Theorie dagegen gibt uns keine Veranlassung zu einer solchen Annahme, da sie vielmehr gerade in der Entstehung einer  neuen  Qualität der Gesamtempfindung beim Zusammenwirken mehrerer Töne den Unterschied des Klangs vom einfachen Ton erblickt.

Was zunächst die eben zitierte Begründung jener Annahme angeht, so scheint mir dieselbe in keiner Weise zwingend. Das Argument "aus Nichts wird Nichts" ist hier entschieden unrichtig angewendet. Es ist ja nicht  Nichts,  woraus die Klangfarbe entstehen soll, sondern es sind zwei oder mehrere Töne, durch deren Zusammenwirken ein neues Prädikat der Gesamtempfindung resultiert. Aufgrund des genannten Arguments könnte man, wie mir scheint, mit demselben Recht schließen, daß zwei Töne keine Dissonanz bilden können, weil nicht jeder von ihnen bereits eine solche enthält oder daß zwei Gerade keinen Winkel bilden können, weil an den einzelnen Geraden nichts von einem Winkel wahrzunehmen ist. Ferner aber zeigen unsere vorausgehenden Betrachtungen, daß wirklich in jedem zusammengesetzten Klang ein besonderes Empfindungsmoment auftritt, welches einem einfachen Ton niemals zukommen kann: die  Mitwirkung unbemerkter Teiltöne  in der Gesamtempfindung. Da wir in eben diesem Moment das Wesen der Klangfarbe erkannt haben, so liegt für uns keinerlei Grund mehr vor, bei den einfachen Tönen nach einem besonderen Moment außer Höhe und Stärke zu suchen, welches der Farbe des zusammengesetzten Klanges entspräche.

In der Tat scheint es mir, daß STUMPFs Bemühungen, ein solches Moment bei einfachen Tönen nachzuweisen, schließlich darauf hinauslaufen, daß dasselbe nicht existiert, daß vielmehr die Tonfarbe in Höhe und Stärke ohne Rest aufgeht. Die Tonfarbe der einfachen Töne ist nämlich (36) nach STUMPF "nicht etwas  neben  Höhe und Stärke, sondern teils Höhe, teils Stärke, teils Größe";  die "Größe" selbst aber ist bei einfachen Tönen wiederum durch Höhe und Stärke vollkommen bestimmt,  kann also auch nicht als neues Moment  neben  Höhe und Stärke bezeichnet werden, sondern ist ebenfalls  teils  Höhe,  teils  Stärke. Löst sich somit der Begriff der Tonfarbe völlig in Höhe und Stärke auf, so wird auch die versuchte Erklärung der Klangfarbe aus der Tonfarbe schwerlich zu halten sein.

Ob man die mit Höhe und Stärke veränderlichen Eigentümlichkeiten der einfachen Töne mit STUMPF als Tonfarbe bezeichnen will, ist natürlich eine bloße Frage der Terminologie; nur darf man nach dem vorigen mit dieser Bezeichnung nicht die Ansicht verbinden, als ob Tonfarbe und Klangfarbe aus derselben Quelle flössen - wenn sie gleich in ihrer Gefühlswirkung manche Analogien zeigen mögen.
LITERATUR - Hans Cornelius, Über Verschmelzung und Analyse (Eine psychologische Studie), Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Leipzig 1892, Bd. 16
    Anmerkungen
    1) Zur Terminologie vgl. BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 103f
    2) Vgl. hierzu auch CARL STUMPF, Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung, Seite 20
    3) Übereinstimmend mit MACH, Beiträge zur Analyse der Empfindungen, Seite 27f
    4) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 166f
    5) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 167
    6) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 169
    7) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 34f, Seite 168 und mehrfach
    8) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 133
    9) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 35 und Seite 54
    10) Vgl. besonders C. FIEDLER, "Der Ursprung der künstlerischen Tätigkeit", Leipzig 1887
    11) Siehe STUMPFs Tonpsychologie I, Seite 5
    12) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 182f
    13) BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 266f
    14) Im Gegensatz zu BRENTANOs Erörterungen in seiner Psychologie Seite 272
    15) Vgl. die klaren Ausführungen SIGWARTs in seinen "Impersonalien", Seite 61 - 63, auf welche BRENTANO in seiner Entgegnung (Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, Seite 61 - 74) nicht eingeht.
    16) STUMPF, Tonpsychologie I, Seite 96
    17) Vgl. hierzu AVENARIUS, Kritik der reinen Erfahrung, Bd. II, Seite 50f.
    18) CARL STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 65
    19) HERMANN von HELMHOLTZ, Die Lehre von den Tonempfindungen, Seite 103, vgl. auch STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 352
    20) Göttinger Gelehrte Anzeigen, 1891, Seite 786
    21) Demnach beruht also jedes "Wissen um die Teile" eines Empfindungskomplexes in letzter Instanz auf der direkten Analyse, die unmittelbar auf der Empfindung fußt. Ein anderes Wissen um eine Mehrheit von Teilen einer Empfindung kann nur scheinbar diese Teile zum Gegenstand haben und wird sich vielmehr in Wirklichkeit nur auf die  Reize  beziehen. Somit kann zwar nicht die Analyse, wohl aber deren Resultat mit dem Wissen um die Empfindungsteile identifiziert werden. Ich betone das, weil STUMPFs Bemerkung (Tonpsychologie II, Seite 5, Zeile 7f von oben) leicht mißverstanden werden könnte, wenn man sich nicht gleichzeitig die Stelle (Tonpsychologie I, Seite 108 vergegenwärtigt.
    22) CARL STUMPF, Tonspsychologie II, Seite 11. Ich bemerke, daß das Beispiel, bei dessen Gelegenheit STUMPF die obige Behauptung allgemein ausspricht, nicht mit dem unsrigen identisch ist. Beim STUMPFschen Beispiel hat die Auffassung des Empfindungskomplexes, welche zu verschiedenen Zeiten verschieden ausfällt, allerdings den Sinn einer gewöhnlichen Beurteilung, indem vom Komplex zunächst behauptet wird, daß er eine einfache Empfindung, später aufgrund aufmerksameren Hinhörens, daß er aus mehrern solchen zusammengesetzt sei. Da diese Änderung des Urteils Folge veränderter Aufmerksamkeit ist, so schließt STUMPF allgemein, daß die Aufmerksamkeit für gewöhnlich nur die Beurteilung unserer Empfinden ändere. Das im Text angeführte Beispiel zeigt, daß dieser Satz nicht zu halten ist, da der bereits als Mehrheit erkannte Zusammenklang  c g  keine verschiedene Beurteilung im Sinne des STUMPFschen Beispiels mehr zuläßt, dennoch aber je nach der Richtung der Aufmerksamkeit verschieden erscheint.
    23) STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 307
    24) STUMPF, Tonpsychologie I, Seite 4 und 6
    25) Nach STUMPFs Theorie wird umgekehrt die Wahrnehmung der Teilempfindungen nicht als Voraussetzung der Analyse, sondern als sekundärer Prozeß betrachtet (siehe Tonpsychologie II, Seite 6)
    26) Vgl. STUMPFs Tonpsychologie II, Seite 1
    27) CARL STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 65
    28) STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 12
    29) STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 137
    30) STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 23, vgl. auch Seite 10 und 11
    31) Ich erinnere an die Definition einer mehrdimensionalen Mannigfaltigkeit; eine Mannigfaltigkeit von Dingen heißt mehrdimensional, wenn zur Festlegung eines Dinges innerhalb dieser Mannigfaltigkeit mehrere unabhängig veränderliche Bestimmungen erfordert werden.
    32) Vgl. STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 11, wo dieses Argument gegen die von der Einheitslehre geförderte Mehrdimensionalität des Tonreiches angeführt wird.
    33) Unter Klangfarbe ist hier und im Folgenden nur die musikalische Klangfarbe im engeren Sinn (vgl. STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 516) zu verstehen.
    34) CARL STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 529
    35) STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 525
    36) STUMPF, Tonpsychologie II, Seite 540