tb-1cr-2Gegenstand der ErkenntnisTheorie der Gegenständlichkeit     
 
HERMANN COHEN
Logik der reinen Erkenntnis
(1/5)

 - Vorrede / Einleitung und Disposition
1. Die vierfache Bedeutung von Erkenntnis
2. Die Geschichte des Begriffs der reinen Erkenntnis
3. Das Verhältnis der Logik der reinen Erkenntnis zur Kritik
4. Das Problem der Psychologie
5. Das Denken der Wissenschaft
6. Das Denken der Wissenschaft und die Psychologie
7. Die Terminologie des Denkens
8. Die Logik des Ursprungs
9. Umfang der Logik
10. Das Urteil und die Kategorien
11. Das Urteil und das Denken
12. Die Arten des Urteils und die Einheit der Erkenntnis
Erste Klasse: DIE URTEILE DER DENKGESETZE
Erstes Urteil: Das Urteil des Ursprungs
Zweites Urteil: Das Urteil der Identität
Drittes Urteil: Das Urteil des Widerspruchs
   
"Als ich vor mehr als dreißig Jahren die Rekonstruktion des Kantischen Systems begann und von dem ersten Staunen darüber mich erholt hatte, daß das Verständnis der Grundbegriffe desselben nicht nur verloren gegangen, sondern eigentlich niemals erreicht worden war, da dämmerte mir zugleich die historische Einsicht, die Kant einmal Platon gegenüber aussprach, als Hoffnung auf: daß man einen Autor durch die vergleichende Anordnung seiner Sätze besser verstehen könne, als er sich selbst verstanden hat."
   

Vorrede

Die Logik, welche in diesem Buch vorliegt, ist die Grundlegung eines Systems der Philosophie. Wenn anders die Logik die Gesetze und die Regeln des allgemeinen Vernunftgebrauchs zu lehren hat, so muß derselbe in seinem ganzen Umfang und in seiner Einheitlichkeit zum Vorwurf dienen.

Die Einheitlichkeit ist jedoch eine Voraussetzung, welche Einschränkungen erforderlich macht; sie darf nicht als Gleichheit verstanden werden. Denn der Umfang des Vernunftgebrauchs erstreckt sich über eine weite Mannigfaltigkeit von Problemen und demzufolge von Regeln und Gesetzen. Dennoch aber soll die Einheit der Vernunft alle diese verschiedenen Aufgaben umspannen. So wurzelt die Logik in der Richtung auf das System der philosophischen Probleme; die Systematik ist ihr Ursprung. Und in den ewigen Mustern, denen ein jeder neuer Versuch nachzueifern sich bestreben muß, bildet die durchsichtige systematische Disposition den klassischen Charakter.

Die systematische Orientierung hat daher zur Vorbedingung die Präzisierung der Logik im Begriff der reinen Erkenntnis. In diesem Begriff hat PLATO die Logik begründet und in ihm hat sie ihre Geschichte vollzogen. Der Logik entsteht darin eine andere Beziehung, welche in der systematischen eigentlich schon enthalten ist. Wenn die Logik auf das System der Philosophie gerichtet ist, so ist sie damit auf die Richtungen der Kultur bezogen, denen die Glieder dieses Systems entsprechen. Also ist sie zuvörderst auf die Wissenschaft bezogen. Und PLATO hat die unverlierbare Weisung erteilt, daß diese Beziehung auf die Wissenschaft, nämlich auf die Mathematik, die Methode der Logik bestimmt und für ihren systematischen Ausbau die durchwirkende Grundlage bildet. In seiner Sprache entsteht der Doppelsinn desselben Wortes für Wissenschaft und Erkenntnis.

Die Komplikationen der Logik sind indessen mit den Gliedern des philosophischen Systems und mit den Problemen der mathematischen Naturwissenschaft nicht erschöpft. Wie die Logik von ihrem geschichtlichen Ursprung in PLATON nicht abgelöst werden kann und auch nicht von PLATONs Vorläufern, so verläuft auch ihre innere Systematik im lebendigen Zusammenhang mit ihrer ganzen Geschichte. Es kann kein sachliches Bild von der Logik entworfen werden, wenn es nicht aus diesem natürlichen Zusammenhang die Grundlinien seiner Zeichnung herleitet. Es erscheint unnatürlich, einen künstlichen Aufbau der Logik zu versuchen, ohne daß in den Fundamenten, wie in den darauf errichteten Stockwerken mit Maßen gemessen würde, welche die Klassiker der Logikk, die zumeist auch die Erbauer der Wissenschaft sind, festgelegt haben. Es sind nicht nur historische Namen, mit denen man sich dabei auseinanderzusetzen hätte; diese Namen bedeuten zugleich sachliche Grundlagen der Logik und Marksteine ihrer Entwicklung.

Es ist demgemäß mein Bestreben gewesen, mit diesen Klassikern bei jeder neuen Wendung Fühlung zu suchen. Ich mag nicht darüber reden, ob die sachliche Erörterung von diesem unaufhörlichen Zwiegespräch mit den führenden Geistern Förderung erfahren hat. Ich will vielmehr nur darauf hinweise, daß die Darlegung dieses Buches dadurch von Neuem eine Ergänzung fordern. Es läßt sich erwarten, daß die systematischen Bezugnahmen, daß ferner auch die sachlichen Ausführungen, insbesondere mit Bezug auf die Probleme der mathematischen Naturwissenschaft einer Einschränkung in mannigfacher Hinsicht zu unterziehen waren; daß die Auswahl durch eine doppelte Rücksich gebunden war: zunächst auf Vertiefung und Klärung im Fortschritt der Entwicklung, dann aber auch durch die Vorsicht vor Überladung und Vereinzelung. Es könnte aber als eine schier unlösbare Aufgabe erscheinen, in den historischen Konfrontationen ein weises Maß einzuhalten.

Daher habe ich mich entschlossen, den vorliegenden Band zugleich im Hinblick auf einen zweiten Band zu schreiben, welcher alle diese Ergänzungen nach der systematischen, nach der sachlichen, wie nach der historischen Seite bringen soll. In ihm will ich es mir auch angelegen sein lassen, mit den Zeitgenossen unter den Männern vom Fach, wie unter den wissenschaftlichen Forschern eingehend mich auseinanderzusetzen.

Erwarten darf man von mir, daß ich mich über das Verhältnis dieses neuen Buches zu meinen früheren Büchern ausspreche: über mein Verhältnis zu KANT.

Als ich vor mehr als dreißig Jahren die Rekonstruktion des Kantischen Systems begann und von dem ersten Staunen darüber mich erholt hatte, daß das Verständnis der Grundbegriffe desselben nicht nur verloren gegangen, sondern eigentlich niemals erreicht worden war, da dämmerte mir zugleich die historische Einsicht, die KANT einmal PLATON gegenüber aussprach, als Hoffnung auf: daß man einen Autor durch die vergleichende Anordnung seiner Sätze besser verstehen könne, als er sich selbst verstanden hat. Von vornherein war es mir um die Weiterbildung von KANTs System zu tun. Der historische KANT war mir der Eckstein, in dessen Richtung das Weiterbauen erfolgen, der stetige Gang, wie KANT selbst von der Wissenschaft sagt, auch von der Philosophie und ihrer Geschichte zuversichtlich angestrebt werden müsse. Der traurige Ausgang der Originalitäts-Philosophien erklärte sich mir aus ihrem desorientierten Verhältnis zu KANT, aus ihrem totalen Mißverständnis von dessen Systematik, Methodik und Terminologie. Eine wahrhafte Originalität, eine im Sinne einer kontinuierlichen Geschichte fruchtbare Produktivität der Philosophie erschien mir an die unerläßliche Bedingung geknüpft, daß man nicht nur im Allgemeinen auf KANT zurückginge und an ihn wieder anknüpfte, sondern daß man mit vollster Hingabe bis in die engsten Motive hinein in das ganze große Gefüge seiner Gedankenwelt sich einlebe. Nur wenn alle diese tiefen Motive immer wieder und stets von Neuem in strenger und freier Form ausgeschöpft und abgewandelt werden, wird eine Originalität und Produktivität auf diesem Gebiet Bestand gewinnen.

Daher darf ich den Sinn und Inhalt meiner Bücher über KANT im Ganzen aufrechterhalten und zwar neben der scharfen Polemik, welche ich in dem vorliegenden Buch gegen die wichtigsten Pfeiler jenes Systems verfolge. Beides schließt sich nicht nur nicht aus und verträgt sich nicht nur zufällig in mir, sondern es ergänzt sich zur Einheit einer systematischen Arbeit.

Endlich noch ein persönliches Wort, ohne dessen freimütige Aussprache ich in dem Moment, da ich einen Teil meiner Lebensarbeit der Öffentlichkeit übergebe, der Unaufrichtigkeit mich bezichtigen müßte. Die allgemeine Weltlage widerspricht dem Geist echter Philosphie, den immerdar die Weltanschauung des Idealismus darstellt. Selbst der deutsche Sinn ist von seiner weltbürgerlichen Richtung abgeirrt. Daher die Hintanstellung von Recht und Gerechtigkeit hinter Macht und Wohlfahrt und die Zurücksetzung der Humanität hinter die Religion. Trotze allen diesen traurigen, betrübenden und kränkenden Sturmfahnen halte ich die Zuversicht auf den Sieg der Freiheit und der Wahrheit fest. Und es ist nicht allein mein Glaube an die religiöse Wahrheit des prophetischen Messianismus, der solchen Optimismus in jeder Zeit- und Lebenslage zum Leitstern mach. Es ist zugleich das freudige Gefühl der unmittelbaren Lehrtätigkeit, als deren Ertrag ich auch dieses Buch betrachten darf, welche mich mit der Gegenwart, in der die Zukunft erblüht, in frohmütigem Zusammenhang erhält. So wird mir im persönlichen Erleben der Einklang lebendig, der zwischen der Philosophie und der Universität innerlichst besteht.

Wenn anders daher die Universität die Wurzel für alle Pflanzstätten des wissenschaftlichen Geistes ist, so darf man auch hoffen, daß die Wissenschaften in der Philosophie immer tiefer und williger die Wurzel ihrer Einheit und den Hort ihrer Freiheit anerkennen werden.
LITERATUR - Hermann Cohen, System der Philosophie - Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902