p-4Johannes RehmkePsychologieErkenntnistheorieJ. G. Fichte    
 
EMIL BULLATY
Das Bewußtseinsproblem
- erkenntniskritisch beleuchtet und dargestellt -
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"Weder die Mittelbarkeit, noch die Unmittelbarkeit des Forschungsgegenstandes, hier des Bewußtseins, ist also für die in der Philosophie einzuschlagende Gedankenrichtung entscheidend und ausschlaggebend, sondern eine befriedigende Beantwortung der Frage, inwiefern das Bewußtsein selbst darauf Anspruch erheben darf, als Erkenntnisprinzip anerkannt zu werden, durch welches sein Gegenstand die Gültigkeit des Vorhandenseins bezeugt."

"Wir müssen den Gedanken aufgeben, es jemals dahin zu bringen, die Empfindungen nur deshalb, weil sie einen Bestandteil des Bewußtseins bilden, der subjektiven Innenwelt beizuzählen."


Im Wechsel philosophischer Gedankensysteme war es dem Bewußtseinsproblem wie keinem anderen vergönnt, eine Stellung zu behaupten, welche ihm für alle Zeiten die Bedeutung eines grundlegenden Elementes in der Entwicklung und Behandlung philosophischer Probleme sichert. Nachdem man schon allen Ernstes daran gegangen war, Probleme, welche Jahrhunderte und Jahrtausende lang die menschlichen Gemüter bewegten, abzuschaffen, weil die Pfade, welche zu ihrer Lösung hätten führen sollen, sich als ungangbar erwiesen, hatte sich das Interesse, welches die nun nur noch als Philosophie der Vergangenheit ihr Dasein fristende Metaphysik einstens auf sich vereinigte, dem Bewußtseinsproblem zugewendet. Auf dieses wird nun die ganze Arbeitskraft, welche früher von metaphysischen Fragen absorbiert wurde, konzentriert, trotzdem wir uns gestehen müssen, daß die Resultate, welche eine psychologische Forschung unter der Patenschaft des Empirismus und unter dem Schutz streng wissenschaftlicher Autorität aufzuweisen hat, durchaus nicht einladender und aufmunternder sind, als die Erfolge der Metaphysik. Denn die Ergebnisse, welche durch eine exaktwissenschaftliche und empirische Behandlung des Bewußtseinsproblems zutage gefördert wurden, sind durchaus nicht danach geartet, dem Bewußtseinsproblem selbst neue Lichtseiten abzugewinnen. Wenn wir es verschmähen, uns einen Gewissenszwang aufzuerlegen und unsere persönliche Überzeugung dem modernen Kultus all dessen unterzuordnen, was auf bloße Wissenschaftlichkeit Anspruch erhebt, werden wir auf die Gefahr hin, mit den herrschenden Ansichten in einen offenen Konflikt zu geraten, uns sagen müssen, daß wir mit den Ergebnissen der modernen wissenschaftlichen Psychologie nichts anzufangen wissen, sobald wir das eigentliche, auf die Erforschung des Zusammenhangs des Bewußtseins mit der physischen Erscheinungswelt gerichtete psychologische Problem ins Auge fassen. Das Bewußtseinsproblem wurde durch seine einseitige Ausbildung zu einer spezifisch wissenschaftlichen Einzeldisziplin um ein bedeutendes Tatsachenmaterial bereichert; gerade dieses verurteil uns aber durch seinen Abstand von den elementaren aus dem Bewußtseinsproblem unmittelbar sich erhebenden Postulaten zu einer vollständigen Ratlosigkeit in der Auffassung des Bewußtseins.

Indem die moderne wissenschaftlich-psychologische Forschung, von dem einzigen Motiv geleitet, anstelle eines apriorischen Bewußtseins ein empirisches zu setzen, es unternimmt, die Beziehungen einzelner psychischer Erscheinungen zueinander festzustellen, bekennt sie sich zu einer Auffassung des Bewußtseins, mit welcher sie dem angestrebten Ziel, Bewußtsein und seinen Gegenstand zu einem unlösbaren Band zu verknüpfen, direkt entgegenarbeitet, weil sie sich über die Frage des elementaren Bewußtseins hinwegsetzt und dadurch der Aufgabe, sich über ihre Voraussetzungen Rechenschaft zu geben, entzieht. Sie müßte gewahr werden, daß sich das Problem des elementaren Bewußtseins innerhalb ganz anderer als der ihr durch die empirische Psychologie vorgezeichneten Bahnen bewegt. Die Forderungen, welche sich an die Behandlung der auf das elementare Bewußtsein bezüglichen Fragen knüpfen, sind erkenntniskritischer Natur; hierin müssen wir auch den Grund entdecken, warum die Frage des elementaren Bewußtseins gerade von seiten jener Disziplin, welche der Aufgabe, sich ausschließlich dem Bewußtseinsproblem zu widmen, zu obliegen vorgibt, keine Berücksichtigung gefunden hat und auch nicht finden kann. So absurd und paradox eine solche Behauptung auch auf den ersten Blick erscheint, sollen uns die folgenden Ausführungen, in denen ich die Motive für eine erkenntnistheoretische Auffassung des Bewußtseins entwickeln werde, darin Recht geben, daß die psychologische Forschung in ihrem gegenwärtigen Zustand eine unübersehbare Kluft von der Frage des elementaren Bewußtseins trennt.

Hier in der empirischen und exakten experimentellen Psychologie ist es die Methode der Behandlung, nicht aber der Gegenstand derselben, woraus die Motive für die Ausbildung dieser Forschungsrichtung geschöpft werden. Wir haben es hier auch nur mehr mit Versuchen zu tun, der Psychologie als einer selbständigen Wissenschaft eine Daseinsberechtigung zu verschaffen. Allerdings darf es niemandem verwehrt werden, sich ausschließlich mit psychischen Erscheinungen zu beschäftigen, selbst auf die Gefahr hin, daß sich die Annahme ihrer Realität und Selbständigkeit einer physischen Außenwelt gegenüber als trügerisch herausstellen sollte. Ebensowenig, als wir durch die Unkenntnis der physiologischen Funktionen unserer Sinnesorgane richtig und genau wahrzunehmen, durch die Unkenntnis erkenntnistheoretischer Elemente richtig zu erkennen, behindert werden, dürfen wir im Mangel einer klaren, bestimmten und voraussetzungslosen Auffassung des elementaren Bewußtseins ein Hindernis für eine selbständige Behandlung der bisher auf unsere subjektive Innenwelt eingeschränkten "psychischen Erscheinungen" entdecken. Deshalb dürfen wir uns aber durch das Interesse, welches die Beobachtung "psychischer Erscheinungen" in Anspruch nimmt, vom Boden einer kritischen Auseinandersetzung über den Inhalt, über die Beschaffenheit und Realität des Psychischen nicht verdrängen lassen. Wir müssen unentwegt darauf bestehen, die Berechtigung jener Forderungen, welche die Psychologie als eine selbständige Wissenschaft erhebt, auf ihren Ursprung zu prüfen, um festzustellen, ob uns der Dualismus einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt eine Handhabe dazu bietet, Bewußtsein und physische Natur in einen solchen Gegensatz zueinander zu stellen, welcher die Annahme selbständiger, von der physischen Natur der Außenwelt verschiedener "psychischer" Gebilde rechtfertigt und es dennoch nicht verschmäht, für die innere Beobachtung dieselbe Methode wie für die äußere in Anwendung zu bringen.

Von der Voraussetzung, daß das Bewußtsein ein selbständiges, zur objektiven, körperlichen Außenwelt im Gegensatz stehendes Element bildet, wird gerade die empirische Psychologie geleitet. Da sich diese Forschungsrichtung diese Forschungsrichtung bisher vornehmlich darauf beschränkt, sich mit den Motiven für die Ausbildung zu einer selbständigen Wissenschaft zu beschäftigen, obliegt uns die Aufgabe, diese Motive einer eingehenden Kritik zu unterziehen, ohne uns durch die noch ausstehenden Ergebnisse davon abhalten lassen zu müssen, ein abschließendes Urteil über die Existenzberechtigung und Lebensfähigkeit einer selbständigen psychologischen Wissenschaft abzugeben. Und was wir uns von ihrer beschreibenden Methode, mit welcher sie die Bahn ihrer positiven Leistungen betreten haben will, versprechen dürfen, darf wohl heute schon offen und unumwunden ausgesprochen werden. Es gibt Geschehnisse, welche erlebt werden müssen und solche, welche nur beschrieben zu werden brauchen. Ob sich der Inhalt des Erlebten in der bloßen Beschreibung erschöpft, ob er in dieser seinen vollen Ausdruck finden kann, darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben. Wir können nur das beschreiben, was wir begreifen und sofern wir das Erlebte begreifen, können wir es beschreiben. Und gerade um dasjenige, was wir nicht begreifen, sondern nur erleben, dreht sich das Problem des Bewußtseins. Die empirische Psychologie stellt sich außerhalb des Gebietes des Bewußtseinsproblems und in ihrem Bestreben der Emanzipation von den metaphysischen Unsitten ihrer Mutter Philosophie sucht sie all das abzustreifen, was sie einmal an ihren Ursprung und ihre Abstammung erinnern könnte. Und dadurch, daß sie ganz andere Aufgaben zu lösen bestrebt ist, als ihr die Philosophie stellt, setzt sie sich in einen offenen Konflikt mit ihren eigenen Existenzbedingungen.

Da die Psychologie als selbständige wissenschaftliche Disziplin die Annahme eines selbständigen, von der übrigen physischen Natur verschiedenen psychischen Geschehens voraussetzt, so kann wohl eine Kritik der psychologischen Wissenschaft nicht anders durchgeführt werden, als durch Widerlegung der sie leitenden Voraussetzungen. Wir werden daher vor allem zu prüfen haben, ob es überhaupt ein psychisches Geschehen gibt, ob an der Unterscheidung eines physischen und psychischen Daseins festgehalten werden kann.


Die Phänomenalität der Außenwelt

Von der Einsicht, daß wir von der "Außenwelt" keine andere Kenntnis als das Bewußtsein von derselben besitzen, werden immer weitere Kreise ergriffen. Der Lockerungsprozeß in der Realität unserer "Außenwelt" greift immer weiter um sich, das Substantielle eilt seiner vollständigen Auflösung entgegen, so daß von der "Außenwelt" nur das Bewußtsein als einziger und letzter Zeuge ihres Vorhandenseins zurückbleibt. Machtlos erweist sich aller Widerstand, den man zur Rettung der Realität unserer "Außenwelt" diesem Gedankenprozeß entgegensetzen würde, von welchem man annehmen zu müssen glaubt, daß er die "Außenwelt" zu einer Scheinexistenz verurteilt. Und doch werden wir unsere Bedenken nicht unterdrücken können, ja der natürliche, gesunde Menschenverstand wird sich gegen eine solche Zumutung auflehnen müssen, anstelle einer physischen, "von unwandelbaren Naturgesetzen beherrschten Außenwelt" das Bewußtsein eines vergänglichen, gebrechlichen Geschöpfes treten zu lassen und ihm der unermeßlichen "Außenwelt" gegenüber die Priorität zuzugestehen. So natürlich auch diese Bedenken sein mögen, sind sie sich dennoch außerstande den Erwägungen gegenüber sich zu behaupten, welche die Einschränkung der Realität unserer "Außenwelt" auf das Bewußtsein uns aufdrängen. Diese Bedenken haben ihren Grund eben nur in einer einseitigen, falschen Auffassung des Bewußtseins, welche diesem in unserer subjektiven Innenwelt seinen Sitz anweist. Ein solches Bewußtsein, welches innerhalb der engen Grenzen unserer subjektiven Innenwelt Raum findet, kann wohl keinen Anspruch auf das Recht der Priorität einer unendlichen "Außenwelt" gegenüber erheben, ebensowenig als eine subjektive Innenwelt, welche sich von der Außenwelt nur dadurch unterscheiden soll, daß sie einem solchen "Bewußtsein" Unterkunft gewährt, der "Außenwelt" als gleichwertig zur Seite gestellt werden kann.

Wir werden uns die Frage vorlegen müssen, wie wir das Bewußtsein als einen selbständigen Zustand in unsere subjektive Innenwelt hineinlegen oder hineindenken dürfen, wenn die Realität der "Außenwelt" auf das Bewußtsein von derselben sich einschränkt und in ihm die einzige Bürgschaft ihres Vorhandenseins entdecken läßt? Diese Untrennbarkeit der "Außenwelt" vom Bewußtsein bezeugt wohl die gleichmäßige Zugehörigkeit des Bewußtseins zur objektiven "Außenwelt" wie zur subjektiven Innenwelt, sie widerlegt aber auch die Annahme, daß das Bewußtsein einen selbständigen, realen, von der physischen "Außenwelt" verschiedenen Zustand bildet. Wie könnte da noch an eine Wechselbeziehung zweier von einander so verschiedener, sich entgegengesetzter Elemente gedacht, wie eine scheidewandlose Berührung des Berührung des Bewußtseins und der Außenwelt hergestellt werden?

Erwägungen dieser Art müssen in uns die Überzeugung erwecken, daß zwischen Bewußtsein und der "Außenwelt" jede Scheidegrenze verwischt werden muß, daß das Bewußtsein nicht als etwas von der "Außenwelt" Verschiedenes aufgefaßt werden darf. Wie könnten wir es sonst begreifen, daß, trotzdem wir nicht aus dem Bewußtsein hinauskommen, wir dennoch von einer objektiven, körperlichen "Außenwelt" Kenntnis erlangen, wenn dasjenige, wodurch wir die Natur als eine körperliche Außenwelt wahrnehmung, nicht auf Rechnung des Bewußtseins zu setzen wäre und eine Eigentümlichkeit desselben bildet? Kann da die Theorie der Unterscheidung zwischen Bewußtsein und "Außenwelt" noch weiter aufrecht erhalten werden, müssen wir nicht vielmehr alles daran setzen, um Bewußtsein und "Außenwelt" als eine untrennbare Einheit zur Darstellung zu bringen?

Wir brechen da einer Auffassungsweise des Bewußtseins Bahn, welche uns gleichzeitig den Erklärungsgrund dafür abgeben soll, warum der Glaube an die Realität der "Außenwelt" in der Untrennbarkeit letzterer vom Bewußtsein ihren Grund haben. Warum sollten wir also das Bewußtsein gewaltsam von der Außenwelt trennen, um uns dann wieder den Kopf darüber zu zerbrechen, wie sie mit einander vereinigt, in eine unmittelbare gegenseitige Beziehung gebracht werden könnten?

Nachdem alle Versuche, das jenseits des Bewußtseins Liegende, das Transzendente, mit dem Gedanken zu erreichen, fehlgeschlagen hatten, erscheint es allerdings nur recht und billig, mit Vorschlägen hervorzutreten, welche den Rückzug der bisherigen metaphysischen Bestrebungen predigen und das Vorhandensein eines Jenseits des Bewußtseins, einer von diesem unabhängigen Welt bestreiten - oder wenn sie dasselbe zugeben - sich es nicht versagen können, unter Hinweis auf die Unmöglichkeit, aus unserem Bewußtsein herauszutreten, die Unerreichbarkeit eines Transzendenten, eines Jenseits des Bewußtseins, zu behaupten. Solange aber keine andere Auffassung des Bewußtseins Boden gewinnt als die, welche in ihm noch immer ein selbständiges, von der physischen Natur verschiedenes Element wahrnimmt, die Unterscheidung von Subjekt und Objekt, von Innen- und Außenwelt auf diese Gegenüberstellung von Bewußtsein und physischer Realität gründet und nur unter Berufung auf die Unmittelbarkeit des Bewußtseins auf die Erforschung "subjektiver Bewußtseinsvorgänge" sich beschränken zu müssen glaubt, ist an einen positiven Fortschritt des Gedankens, auf dem Boden dieser Theorien die Behandlung philosophischer Probleme von neuem mit Erfolg in Angriff zu nehmen, nicht zu denken. Nicht die Unhaltbarkeit der von den Anhängern dieser Gedankenrichtung vertretenen Grundsätze ist es, welcher die Schuld zuzuschreiben wäre, daß die erwarteten Erfolge noch immer ausstehen; die Resultatlosigkeit dieser Bestrebungen muß vielmehr dem Umstand zur Last gelegt werden, daß man den Voraussetzungen, welche diese Grundsätze heischen, nicht diejenige Berücksichtigung angedeihen ließ, welche uns in den Stand setzen würde, diese Gedankenrichtung in ihrer ganzen Tragweite zu ermessen und zu erfassen. Der Mangel einer voraussetzungslosen und eben nur im Sinne dieser Grundsätze durchgeführten Auffassung des Bewußtseins ist es, welcher uns dazu verurteilt, auf halbem Weg stehen zu bleiben und uns nötigt, Konsequenzen zu ziehen, die der Förderung des Bewußtseinsproblems selbst keinen Gewinn bringen.

Die Behauptung, daß nur dasjenige, was im Bewußtsein angetroffen wird, als zuverlässige Erkenntnis anerkannt werden darf, kann nur auf eine ungeteilte Zustimmung zählen, da wir alles, was wir von der Welt wissen, was wir von ihr kennen und an ihr erkennen, nur im Bewußtsein antreffen. Wir können uns aber kaum des Geständnisses entschlagen, daß es bisher an den nötigen Voraussetzungen fehlt, welche es ermöglichten, diesen erkenntniskritischen Grundsatz für die Behandlung und Lösung aller jener Fragen auszubeuten und zu verwerten, welche der Metaphysik als Material dienten. Von der Erwägung geleitet, daß es unbegreiflich sei, wie wir aus unserem Bewußtsein herauskommen, um einer unmittelbaren Erkenntnis der Dinge teilhaftig zu werden, war man zur Einsicht gekommen, daß der Gegenstand der Erkenntnis, der Wahrnehmung im Bewußtsein liegen müsse. Wie aber das Bewußtsein als ein von der "physischen Außenwelt" verschiedener Zustand dazu kommt, jene in sich aufzunehmen und dennoch noch immer die Außenwelt als eine physische Realität wahrzunehmen, darüber glaubt man sich gründlich ausschweigen zu dürfen. Über diesen Standpunkt hinaus, welcher den Gegenstand der Wahrnehmung und Erkenntnis für Bewußtseinsinhalt erklärt und das elementare Bewußtsein selbst neben ersterem - dem Bewußtseinsinhalt - als ein von ihm verschiedenes Element fortbestehen läßt, scheint man nicht hinausgehen zu wollen. Wir hätten dann neben dem elementaren Bewußtsein ein sekundäres Bewußtsein, - den Bewußtseinsinhalt - welches den bisher vom Bewußtsein scharf gesonderten physischen äußeren Gegenstand zu ersetzen hätte. Treten in dieser Unterscheidung von Bewußtsein und Bewußtseinsinhalt unverkennbar nicht alle Merkmale zutage, welche Spuren des metaphysischen Dualismus verraten und an den Tag legen, daß in der Ausbildung dieser Gedankenrichtung bisher Motive tätig sind, welche sich eher auf die bloße Gegnerschaft zur Annahme einer transzendenten Außenwelt als auf die Einsicht von der Notwendigkeit, Tatbestände zutage zu fördern, welche jeden Unterschied zwischen Bewußtsein und dem physischen Gegenstand verwischen würden, zurückzuführen sind? Der erkenntniskritische Grundsatz der Unmittelbarkeit des Bewußtseins wird auch nur in dem Sinne gedeutet, daß wir uns nur auf die Erforschung und Feststellung von Bewußtseinstatsachen und Bewußtseinsvorgängen zu verlegen haben; so sehen wir, daß selbst in jenen Kreisen, in welchen der Bewußtseins-Immanenz-Standpunkt immer mehr nach Geltung ringt, das Physische eigentlich in dasselbe Verhältnis zum Bewußtsein gestellt wird, in welchem es die spekulative Philosophie zurückgelassen hat. Über gewisse Grundsätze, welche allseitig und immer ihre Gültigkeit behaupten, weil sie sich uns eben durch ihre Selbstverständlichkeit von selbst aufzwingen, ohne aber ein Forschungsprinzip zu erschließen, ist man nicht hinausgekommen.

Die Tatsache, welche immer so nachdrücklich betont wird und auf die man sich mit Vorliebe beruft,m daß das Bewußtsein unmittelbar gegeben ist, bietet uns eine geringe Befriedigung und einen schwachen Trost. Was nützt uns das Prinzip der Unmittelbarkeit des Bewußtseins, wenn dieses selbst als Gegenstand der Forschung nach wie vor ebenso dunkel und geheimnisvoll bleibt, wie das außerhalb des Bewußtseins Liegende, sobald wir es zum Gegenstand der Forschung, zum Inhalt des Gedankens machen wollen? Wir fangen da mit derselben Unbekannten an, gegen welche man nur deshalb plötzlich eine solche Abneigung entdeckt, weil man sie nicht erreichen zu können glaubt. Weder die Mittelbarkeit, noch die Unmittelbarkeit des Forschungsgegenstandes, hier des Bewußtseins, ist also für die in der Philosophie einzuschlagende Gedankenrichtung entscheidend und ausschlaggebend, sondern eine befriedigende Beantwortung der Frage, inwiefern das Bewußtsein selbst darauf Anspruch erheben darf, als Erkenntnisprinzip anerkannt zu werden, durch welches sein Gegenstand die Gültigkeit des Vorhandenseins bezeugt. Welche Gewähr würde uns die Unmittelbarkeit des Bewußtseins dafür bieten, das Geheimnis derselben zu lüften, wenn es uns nicht gelingen sollte, den Grund dieser Unmittelbarkeit in der Beziehung des Physischen zum Bewußtsein aufzudecken?

Unter diesem Bann einer von der Annahme eines "Psychischen" noch nicht emanzipierten Auffassungsweise des Bewußtseins finden wir nicht nur Philosophen, sondern auch Naturforscher, welche es gewagt hatten, die zwischen dem Bewußtsein und der körperlichen Außenwelt aufgerichtete Scheidewand zu durchbrechen und alles dasjenige, was in der Außenwelt Gegenstand unserer Wahrnehmung ist, auf Rechnung unserer Organisation zu setzen. Die im Sinne des Kantischen Idealismus durch JOHANNES MÜLLER, FICK, HELMHOLTZ und andere Naturforscher ausgebildete Theorie der spezifischen Sinnesenergiern sollte den Beweis für die Subjektivität unserer Empfindungen erbringen und dadurch über die bisher zwischen der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt offen gebliebene Kluft eine Brücke schlagen. Eine ganze Reihe hervorragender, philosophisch geschulter Naturforscher hat in dieser Richtung mit dem Aufwand ungewöhnlichen Scharfsinns und tiefer Gelehrsamkeit nicht ohne Erfolg und auch nicht ohne Glück gewirkt. Jeder neue Versuch auf dem Gebiet der philosophischen Literatur verzeichnet die Spuren dieser Gedankenrichtung. Mit dieser Theorie soll der Skeptizismus über die Realität der von uns wahrgenommenen Außenwelt in die Bahnen positiver Gedankenarbeit geleitet werden und durch Belege festgestellter naturwissenschaftlicher Tatbestände seine Begründung erfahren. So anerkennenswert auch dieses Streben sein mag, über die eigentlichen Voraussetzungen, unter welchen das psychologische Problem einer streng wissenschaftlichen, exakten, methodischen, durch das Experiment verifizierten Behandlung zugeführt werden soll, sich Rechenschaft zu geben, so vermag uns dennoch das in Rede stehende Gesetz in keiner der Formen und Stilisierungen, in welchen es bisher schon vorgebracht wurde, zu befriedigen. Und wenn wir uns anheischig machen, gegen dieses Gesetz Stellung zu nehmen, so geschieht das nicht etwa deshalb, weil wir vielleicht nur an der einen oder der anderen Formulierung dieses Gesetzes irgendwelche Mängel auszusetzen hätten. Es soll vielmehr hier dargetan werden, daß mit diesem Gesetz das Bewußtseinsproblem selbst in keiner Weise eine Förderung erfahren hat, sondern nur eine andere, dem gegenwärtigen Stand naturwissenschaftlicher Forschung entsprechende Formulierung des alten, auf die Unterscheidung von Geist und Körper sich gründenden metaphysischen Dualismus aufweist. Dieser selbst ist durch das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien nur modernisiert und reformiert, aber nicht widerlegt worden.

Schon der leitende Grundsatz, den JOHANNES MÜLLER, einer der hervorragendesten Vertreter dieser Richtung, aufgestellt hatt, "die Empfindung ist nicht die Leitung einer Qualität oder eines Zustandes der äußeren Körper zum Bewußtsein, sondern die Leitung einer Qualität, eines Zustandes unserer Nerven zum Bewußtsein, veranlaßt durch eine äußere Ursache", fordert gerade durch seine Mittelstellung zwischen philosophischer und naturwissenschaftlicher Auffassungsweise zu Betrachtungen heraus, welche durch ihre Fülle erkenntniskritischer Motive eine zersetzende Wirkung auf diese Denkrichtung ausüben. Trotzdem darf sie abe rmit Recht das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, das Bedürfnis nach einer philosophischen Auffassung der Natur auch dort geweckt zu haben, wo bisher die naturwissenschaftliche Beobachtung ihren unbeschränkten Einfluß auf die menschliche Denkweise geltend zu machen suchte. Ohne uns einen positiven unmittelbaren Gewinn für eine wahrhaft philosophische Auffassungsweise der Außenwelt davon zu versprechen, müssen wir diese Erscheinung als eine Art Erwachen des philosophischen Gewissens begrüßen.

Dürfen wir uns dem Gedanken hingeben, in der bloß räumlichen Annäherung des Bewußtseins und seines Gegenstandes, wie sie hier durch die Verschiebung der Qualitäten von den äußeren Gegenständen in unsere Sinnesorgane stattgefunden hat, auch nur einen Schritt über die große Kluft, welche das Bewußtsein und den Gegenstand der Wahrnehmung voneinander trennt, getan zu haben, wenn wir neben dem Bewußtsein unsere Sinnesorgane, welche zwischen dem Gegenstand der Wahrnehmung und dem Bewußtsein vermitteln sollen, als eine von diesem verschiedene und sogar selbständige Realität bestehen lassen? Wie und auf welchem Weg soll eine Erklärung für die Umsetzung der physischen Beschaffenheit unseres Nervensystems in Empfindungen ermittelt werden? Daß tatsächlich zwischen unserem Nervensystem oder unseren Sinnesorganen und dem Bewußtsein die sie trennende Kluft ebenso groß ist, wie die zwischen dem Bewußtsein und den äußeren Gegenständen, geht ja auf das deutlichste aus dem Umstand hervor, daß wir unsere Sinnesorgane ebenso wie jeden anderen Gegenstand der Wahrnehmung in der Außenwelt antreffen und daß wir vom körperlichen Zustand unserer Sinnesorgane wie jedes anderen Wahrnehmungsgegenstandes in der Außenwelt nur Empfindungen besitzen und auf diese unsere ganze Kenntnis vom Vorhandensein unserer Außenwelt mit Einschluß des körperlichen Zustandes unserer Erscheinungen gründen. Muß sich uns da nicht die Überzeugung aufdrängen, daß unsere eigene Erscheinung ebenso nur in der Vorstellung gegeben und vorhanden ist, wie jeder andere Gegenstand, da wir für die Gültigkeit der physischen Erscheinungen keine andere Bürgschaft anzuführen in der Lage sind, als unser Bewußtsein von denselben und auf das Bewußtsein die Realität der Gegenstände, somit auch die Realität unserer eigenen Erscheinung einschränken müssen; oder in der Sprache des Naturforschers, welcher sein Augenmekr ausschließlich auf die Außenwelt richtet und die Frage der Innenwelt aus dem Spiel läßt, besitzen wir von der Außenwelt nur Empfindungen. Mit Recht bemerkt LAAS mit Bezug auf die Gültigkeit unserer Erscheinung als bloßer Vorstellung: "Der Positivist müsse, wenn er sich z. B. das Entstehen seiner Gesichtswahrnehmungen zurechtlege, schließlich alles, was in seiner Hypothese vorkommt, also Äther, Retina, Nervus opticus, Gehirn, Netzhautbild, das Sehen der anderen, die anderen selbst, die Linse, die Akkomodation [Fähigkeit des Auges, auch Hintergründe scharf zu sehen - wp] der Linse, die Konvergenz der Augenachsen usw. für bloße Vorstellung erklären und dürfe jeden Ausdruck, der wie von Realitäten redet, nur als bequeme Abbreviatur [Abkürzung, wp] gelten lassen. Und ebenso werde ihm seine Bewußtseinsidentität nichts anderes sein, als ein durchgehender Teilinhalt der in Lebezeit aufeinanderfolgenden und wechselnd das Bewußtsein füllenden Vorstellungsbündel."

"Wir empfinden nicht das Messer, das uns den Schmerz verursacht", meint JOHANNES MÜLLER, "sondern den Zustand unserer Nerven schmerzhaft; die vielleicht mechanische Oszillation [Schwingung, wp] des Lichtes ist an sich keine Lichtempfindung; auch wenn sie zu Bewußtsein kommen könnte, würde sie das Bewußtsein einer Oszillation sein: erst, daß sie auf den Sehnerv als den Vermittler zwischen der Ursache und dem Bewußtsein wirkt, wird sie als leuchtend empfunden." In dieser Weise fährt MÜLLER in seinen Betrachtungen über den Ursprung der Empfindungen fort. So sehr wir auch dem Physiologen JOHANNES MÜLLER Recht geben und seinen Standpunkt nur unterstützen müssen, sehen wir uns außerstande, uns vom philosophischen Standpunkt mit derartigen Erklärungen abzufinden. Die Unzulänglichkeit einer Theorie, welche für die Gültigkeit der an den Gegenständen wahrgenommenen Qualitäten die Zeugenschaft der Sinnesorgane anruft, zeigt sich sofort, sobald wir uns die Frage vorlegen, wie wir den Sinnesorganen eine solche Kompetenz einräumen dürfen, über die Gültigkeit der von uns an den Gegenständen der Außenwelt wahrgenommenen Eigenschaften zu entscheiden, wenn die, die Sinnesorgane, selbst nur in der Vorstellung gegeben und vorhanden sind und somit eine nur phänomenale Gültigkeit aufzuweisen haben. WIr sind nicht in der Lage, von unseren Sinnesorganen mehr auszusagen, als von jedem anderen Gegenstand. Wir dürfen nicht einmal behaupten, daß wir den Zustand unserer Nerven schmerzhaft empfinden, sondern wir müssen noch weiter gehen und uns fragen, wie der Nerv, der doch für uns ebenso nur Gegenstand der Wahrnehmung ist wie das Messer und dieselbe Gültigkeit wie dieser aufweist, dazu kommt, die Schärfe eines Messers in eine schmerzhafte Empfindung umzusetzen. Vom Standpunkt der Erkenntniskritik bleibt es sich also gleicht, ob das Messer selbst durch seine Schärfe oder ober erst der Nerv die schmerzhafte Empfindung erzeugt. Der Erkenntniskritiker hat aber ebensowenig Grund, die Erklärungen der Physiologen zurückzuweisen, als er ihrer benötigt; sie hindert ihn in seinen Forschungen ebensowenig, als sie auf diese irgendwie fördernd einzuwirken vermöchte. Der Physiologe und der Erkenntniskritiker gehen und vertragen sich auch nebeneinander, aber nicht miteinander. Wir stehen dem gleichen Problem gegenüber, wenn wir die Frage aufwerfen, wie der Nerv bei seiner physischen Beschaffenheit Empfindungen hervorzubringen vermag, wie wenn wir bei der alten Annahme, daß die Qualitäten den Gegenständen anhaften, verbleiben und uns dann erst die Frage vorlegen würden, wodurch die an den Gegenständen in der Außenwelt wahrgenommenen Qualitäten zu Bewußtsein gelangen. Wird sich der Naturforscher der Einsicht verschließen dürfen, daß die Natur doch etwas mehr ist, als was im landläufigen Sinne unter Außenwelt verstanden wird und der Psychologe, daß sich das Bewußtsein nicht in unserer subjektiven Innenwelt erschöpft? Werden sich nicht Psychologen und Naturforscher in der Einsicht vereinigen müssen, daß  nur  eine falsche, auf die Gegenüberstellung von Bewußtsein und physischer Realität gestützte Auslegung einer Reihe fundamentaler Tatsachen erkenntnistheoretischer Natur den Glauben erwecken konnte, daß die Zugehörigkeit unserer subjektiven Innenwelt zum Bewußtsein ein Hindernis für die Herstellung einer scheidewandlosen Berührung der Außenwelt mit dem Bewußtsein bilde.

Alle Betrachtungen, die wir über die Realität einer Außenwelt anstellen, erschöpfen sich in der Einsicht, daß wir auf diesem Weg über das Problem der Empfindung nicht hinauskommen. Allerdings mag man in der Auflösung der Realität der Außenwelt in Empfindungen insofern einen erkenntnistheoretischen Gewinn erblicken, als man sich der Aufgabe überhoben sieht, darüber erst nachzudenken, wie wir einer Erkenntnis unserer Außenwelt teilhaftig werden, sofern wir es aufgeben, im Inhalt der Erkenntnis mehr zu suchen, als was wir in der Empfindung vorfinden und an die Erkenntnis höhere Ansprüche zu stellen, als die, zu welchen wir durch Einschränkung der Realität der Außenwelt auf Empfindungen uns berechtigt halten dürfen. Von einem solchen Zauber der Empfindung war niemand mächtiger ergriffen, als der schottische Denker THOMAS REID. "Mittels einer Art natürlicher Magie", meint er, "ruft die Empfindung in unserem Bewußtsein ein Etwas hervor, das wir noch nie erfuhren und das wir dennsoch sogleich auffassen und glauben!" Diese unstreitig erkenntnistheoretische Bedeutung des hier dargelegten Standpunktes glaubt man aber in einem viel ausgiebigeren Maße ausbeuten zu müssen, indem man alle Intelligenz, jeden höheren Erkenntnisakt als eine bloße Assoziation von Empfindungen darzustellen sucht.

Damit wäre das Problem der Beziehung einer körperlichen Außenwelt zu unserem Bewußtsein wohl im Sinne einer Erkenntniskritik erledigt, an sich selbst aber nicht im entferntesten noch zum Abschluß gebracht. Wir werden uns im Gegenteil nicht der Einsicht verschließen, daß es nur eine bestimmtere Ausprägung erfahren und an Schärfe noch gewonnen hat, weil wir außerstande sind, dieses Ergebnis rein erkenntniskritischer Erwägungen durch augenscheinliche Tatbestände zu verifizieren. Bei diesem Ergebnis, zu welchem das Problem der Realität einer Außenwelt gebracht wurde, können wir schon deshalb nicht stehen bleiben, weil wir die Empfindungen ebensowenig als die körperliche Außenwelt als eine selbständige Realität antreffen. Welchen Wert hat der ganze Gewinn, den einzuheimsen wir uns anheischig machen, wenn wir mit ihm allein noch nichts anzufangen wissen? Mit der besten Empfindungstheorie stehen wir unbeschadet ihrer erkenntnistheoretischen Bedeutung doch wieder nur dort, wo wir vorher mit dem Problem der Realität der Außenwelt gestanden hatten. Nur ein kühner Sprung hat uns aus der Außenwelt in die Empfindung gebracht; über die ursprüngliche Forderung, welche die Psychologie älteren Datums schon aufgestellt hatte, aus der Außenwelt die Empfindung abzuleiten und zu begreifen, wurden hinweggegangen. Diese Forderung muß eben erfüllt werden, ehe die Frage der Realität einer Außenwelt einer Entscheidung zugeführt zu werden vermag. Wir müssen es vor allem dahin gebracht haben, über eine Auffassung der Außenwelt zu verfügen, welche die Umsetzung oder Auflösung derselben in ideelle Empfindungen rechtfertigt und begreiflich macht.

Können wir uns des Geständnisses entschlagen, daß aber auch das Empfindungsproblem an sich selbst an allen Mängeln der Einseitigkeit leidet und niemals Anspruch darauf erheben darf, sich als selbständiger Gegenstand philosophischer Erörterungen Geltung zu verschaffen? Unser ganzes Sinnen und Streben muß vielmehr darauf gerichtet sein, uns darüber Rechenschaft zu geben, wie sich die Realität unserer objektiven Außenwelt in Empfindungen auflösen ließe, wenn die Außenwelt durch ihre Körperlichkeit uns nicht zwingen würde, den Grund hierfür, daß  wir unsere eigenen Empfindungen als eine körperliche  Außenwelt wahrnehmen, darin zu suchen,  daß die Empfindungen trotz ihres Bewußtseinsinhaltes durchaus objektiver und passiver Natur sind und nur durch ihren Gegensatz zu unserer subjektiven, aktiven, tätigen Innenwelt  einen Widerstand erzeugen,  durch welchen wir unsere Empfindungen als eine körperliche Außenwelt wahrnehmen.  Aus diesem Grund müssen wir auch den Gedanken aufgeben, es jemals dahin zu bringen, die Empfindungen nur deshalb etwa, weil sie einen Bestandteil des Bewußtseins bilden, der subjektiven Innenwelt beizuzählen.

Eine ganz eigentümliche Fügung wollte es, daß gerade innerhalb derselben Kreise, in welchen eine grundsätzliche Aversion gegen alles Subjektive die tiefsten Wurzeln geschlagen hat, sich eine Gedankenrichtung herausbildete, welche dem entgegengesetzten Pol zusteuert und gleichfalls vom Standpunkt empirischer, also objektiver, Forschungsmethode die Subjektivität sogar für die Erklärung der objektiven Außenwelt heranzuziehen sucht, indem sie diese als eine bloße Projektion oder Objektivation von Empfindungen, welche nach Ansicht der maßgebenden Vertreter der naturwissenschaftlichen Richtung in der Philosophie wegen ihres Bewußtseinsinhaltes durchaus subjektiver Natur sein sollen, darzustellen sucht. Ob eine solche Verquickung der Subjektivität und der Objektivität der Herstellung einer scheidewandlosen Berührung des Bewußtseins mit der Außenwelt förderlich ist, daß man die Objektivität auch jenen Faktoren unserer Wahrnehmung streitig macht, in denen sie sich durch die unbezwingbare Gewalt der Tatsachen als dominierendes Prinzip zur Geltung bringt, ist eine Frage, deren Entscheidung wohl nicht augenblicklich getroffen werden kann, sich aber doch leicht voraussehen läßt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir vor allem eine Auffassung des Bewußtseins gewinnen müssen, welche uns über diesen Standpunkt, von welchem die heißumstrittene Frage der Priorität des Subjektiven oder des Objektiven ihre Aktualität erlangt, erhebt und uns den Nachweis erbringt,  daß der Forderung einer Unterscheidung einer subjektiven Innen- oder objektiven Außenwelt nur innerhalb der Grenzen des Bewußtseins Rechnung getragen werden darf. Unsere Aufgabe ist es eben, durch Feststellung jener Elemente,  welche die subjektive Innen- und die objektive Außenwelt in einen unüberbrückbaren Gegensatz zueinander bringen,  einer Auffassung des Bewußtseins Bahn zu brechen,  welche den Gedanken,  die Lösung der Frage nach dem Bewußtwerden der physischen Erscheinungswelt von der Überbrückung der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt  auf Kosten der einen oder der anderen abhängig zu machen, ad absurdum führt. Der Objektivations- oder Projektionstheorie kann demnach nur die Bedeutung einer Hypothese beigemessen werden, weil es niemals gelingen wird, begreiflich zu machen, wie sich an "subjektiven" Empfindungen durch eine bloße Projektion eine derartige Metamorphose vollziehen könnte, daß wir an ihrer Stelle plötzlich eine objektive und dazu noch körperliche Außenwelt entdecken würden, selbst wenn wir schon darauf zu verzichten bereit wären, zu erfahren, wodurch diese Projektion "subjektiver" Empfindungen bewerkstelligt werden.

Wer die  durchgängige Objektivität  und zur subjektiven aktiven Innenwelt im schroffsten Gegensatz stehende  Passivität der Empfindungen  auch nur in Zweifel ziehen zu können glaubt, wird durch den Hinweis auf die einfache Tatsache, daß die Empfindungen eine allgemeine Gültigkeit aufweisen, daß die Empfindung des Süßen, des Harten, des Lichtes, des Schalles, der Farben, der Töne bei jedermann die gleiche und dieselbe ist, seines Irrtums überführt. An der Gültigkeit dieses Tatbestandes kann auch der Umstand nichts ändern, daß die Gegenstände in der Außenwelt nicht gleichmäßig empfunden werden, so, daß z. B. ein Gegenstand, den ich als hart, als süß, als hell, als rot empfinde, von einem anderen als nicht hart, als nicht süß, als nicht hell, als nicht rot empfunden werden könnte. Wir sind auch nicht in der Lage, einen Beweis dafür zu erbringen, daß die Qualitäten der Gegenstände in einer exakt gleichmäßigen Weise empfunden werden; denn immerhin dürften sich gewisse Intensitätsunterschiede in der Wahrnehmung geltend machen, die festzustellen, der physiologischen Wissenschaft vorbehalten bleibt. Die Empfindungen sind eben wie alle unsere Vorstellungswelt relativ, nicht absolut. Die in den Intensitätsunterschieden zutrage tretende Relativität der Empfindungen vermag aber ihre durchgängige objektive Gültigkeit durchaus nicht zu beeinträchtigen. Denn wenn auch jemand dieselben Gegenstände nicht wie ich, also nicht süß, nicht hart, nicht hell, nicht schwer, nicht rot empfinden würde, so bleibt trotzdem bei jedermann die Empfindung des Süßen, des Harten, des Hellen, des Schweren, des Roten selbst immer dieselbe. Denn, würde ich die Empfindung des Süßen, des Roten, des Hellen, des Schweren usw. nicht besitzen, dann wäre ich auch nicht in der Lage, zu behaupten, daß diese oder jene Empfindung nicht die des Roten ist, nur deshalb, weil ich sie gelb finde.  Ich muß eben auch die Empfindung des Roten besitzen, um von der Empfindung des Gelben oder Grünen behaupten zu können, daß sie nicht die Empfindung des Roten ist.  Nur der körperliche Gegenstand kann seine Qualitäten ändern, die Empfindungen bleiben unveränderlich, passiv, die Empfindung des Roten bleibt immer dieselbe.  Wie brächten wir die Veränderungen der körperlichen Gegenstände bei der Unveränderlichkeit der Empfindungen, bei ihrer Passivität, derzufolge sie sich zu keiner hinausgreifenden Tätigkeit bewegen lassen, zu Bewußtsein, wenn dieses selbst nur aus Empfindungen bestehen würde?  Werden wir vielmehr nicht einsehen müssen, daß wir der Empfindungen nur durch ihren Gegensatz zu unserer subjektiven, aktiven, tätigen Innenwelt als Eigenschaften einer  körperlichen  Außenwelt teilhaftig werden und dadurch, daß wir unseren Wahrnehmungsgegenstand auf den Gegensatz unserer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt zurückführen, es begreifen, wodurch wir in die Lage kommen, an den Gegenständen unserer Wahrnehmung trotz der Passivität unserer Empfindungen Veränderungen wahrzunehmen. Dadurch soll nur dargetan werden, daß die Phänomenalität der Außenwelt nicht auf die Annahme bloßer Empfindungen gestützt werden kann, daß Empfindungen an sich selbst ein leeres, inhaltloses Wort sind, ein Nonsens, wenn  sie nicht aus ihrem Gegensatz zur subjektiven, aktiven, tätigen Innenwelt, also nicht durch ihre Verquickung mit letzterer,  einer abschließenden Behandlung zugeführt würden.

Alle in der Richtung unternommenen Versuche, der Frage nach der Beziehung des Bewußtseins zur physischen Erscheinungswelt mit Erfolg näherzutreten, scheiterten am Widerstand, dem wir begegnen, so oft wir die Erfüllung dieser Forderung von der Überbrückung der Außen- und Innenwelt abhängig machen. Aufgabe einer unbefangenen und vorurteilsfreien Forschung ist es daher, alles daran zu setzen,  bei Aufrechterhaltung des Dualismus einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt die Frage der Beziehung des Bewußtseins zur physischen Erscheinungswelt in Angriff zu nehmen.  Der Dualismus darf aber nicht auf Voraussetzungen gestützt werden, auf deren morschem Fundament sein Zusammenbruch jeden Augenblick zu gewärtigen ist, sondern muß durch seine Formulierung zu einem Problem Motive zutage fördern, welche in ihm mehr als ein Ergebnis eines Denkprozesses und eine bloße Form unserer Weltauffassung entdecken lassen. Auf solche Voraussetzungen, welche dahin führten, im Dualismus einen überwundenen Standpunkt metaphysischer Weltanschauung zu erblicken, gründet sich die bisher tradierte Auffassung unserer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt. Ist es da zu verwundern, wenn die Annahme einer von der Außenwelt verschiedenen und ihr entgegengesetzten Innenwelt als bloßer Gedankenballast über Bord geworfen wird, sobald man mit der Auflösung aller Realität der Außenwelt in Empfindungen den Beweise für eine scheidewandlose Berührung der Außenwelt mit der Innenwelt erbracht zu haben glaubt und die Empfindungen schon deshalb, weil sie einen Bestandteil des Bewußtseins bilden, zum Inhalt der subjektiven Innenwelt macht? Die Operation wäre glücklich gelungen, doch der Patient hat sie mit dem Leben gebüßt. Die Philosophie ist von ihrer metaphysischen Auffassung der subjektiven Innenwelt geheilt, mit der Metaphysik des Dualismus ist jedoch auch dieser in ein besseres Jenseits befördert worden. Unbegreiflich bleibt es, wie sich  passive  Empfindungen in (eine)  aktive,  spontane  Tätigkeit  umwandeln sollen. Anstelle des überwundenen Dualismus ist nur eine neue Unbegreiflichkeit getreten, die durch keine Umsetzungstheorie aus der Welt geschafft werden kann. Nach wie vor werden wir auf dem Standpunkt der grundsätzlichen Verschiedenheit unserer subjektiven, aktiven Innen- und unserer objektiven, aus passiven Empfindungen sich zusammensetzenden Außenwelt beharren müssen. Wenn WUNDT z. B. annimmt, daß alles, was wir Intelligenz und Wille nennen, sobald es bis zu seinen physiologischen Phänomenen zurückverfolgt wird, in lauter Umsetzungen von Empfindungseindrücken sich in Bewegungen auflöst, so müssen wir darauf erwidern, daß ein solcher Umwandlungsprozeß schon deshalb so gut wie ausgeschlossen ist, weil die Empfindung durchaus passiver, die Bewegung durchaus aktiver Natur ist und daß aus demselben Grund, aus welchem wir es ablehnen müssen, die Empfindungen unserer subjektiven Innenwelt zuzuzählen, wir niemals einen plausiblen Grund dafür zu entdecken vermöfen, daß ein Übergang von passiven Empfindungen in aktive Bewegung platzgreifen könnte. Welche Berechtigung hätte dann noch der Dualismus einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt?

Der Dualismus einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt also bezeugt die Unzulänglichkeit jeder Denkrichtung, welche es unternimmt, aus bloßen Empfindungen den Wahrnehmungsgegenstand zu konstruieren und von der Annahme ausgeht, daß eine Empfindungstheorie schon allein für eine Erklärung des ganzen Wahrnehmungsaktes hinreichen müsse. Wir könnten im besten Falle die Qualitäten der von uns wahrgenommenen Gegenstände auf bloße Empfindungsinhalte reduzieren, aber auch nur insofern, als es sich uns lediglich darum handeln würde, begreiflich zu machen, wie wir dazu kommen, die an den Gegenständen haftenden Qualitäten wahrzunehmen und zu erkennen, ohne uns um das Problem der Realität einer körperlichen Außenwelt zu bekümmern. Schon die Reserve, mit welcher von Seiten der Physiologen die Subjektivität der Empfindungen eingeräumt wird, indem für die räumliche Empfindung und für die Vorstellung der Bewegung von der Annahme einer Subjektivität innerhalb ihrer Wirksamkeit Ausnahmen Raum gegeben wird, läßt deutlich erkennen, wie gering das Vertrauen ist, welches in die Durchführbarkeit des Gedankens, eine Verquickung der Subjektivität und der Objektivität herbeizuführen, gesetzt wird, selbst dann, wenn man in derselben eine plausible Erklärung für das Zustandekommen von Empfindungen gefunden zu haben glaubt.

Wir werden niemals umhin können, eine aktive, tätige und eine passive, körperliche Seite des Bewußtseins zu unterscheiden und wir haben umso weniger Grund, uns gegen die Anerkennung des dualistischen Prinzips innerhalb der Grenzen des Bewußtseins zu sträuben, als es sonst unbegreiflich wäre, wie wir den Unterschied einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt zu Bewußtsein brächten, wenn die Scheidegrenze zwischen Innen- und Außenwelt nicht im Bewußtsein liegen würde. Schon die Frage, wie das Bewußtsein dazu käme,  eine subjektive Innen- und objektive Außenwelt in der Gestalt selbständiger, an sich bestehender Realitäten zu umfassen, muß uns in der Überzeugung bestärken, daß im Bewußtsein weder eine subjektive Innen- noch eine objektive Außenwelt, sondern lediglich ihr Gegensatz gesucht werden darf  und auf diesen allein auch das Prinzip der Unterscheidung einer Innen- und Außenwelt zurückgeführt und eingeschränkt werden muß.

Allen diesen Erwägungen Rechnung tragend, werden wir analog jenem Vorgang, den wir in der Beründung und Darstellung der Phänomenalität unserer objektiven Außenwelt beobachtet haben, unsere Untersuchungen über unsere subjektive Innenwelt nach jener Richtung lenken müssen, in welcher sich uns der Grund für die Phänomenalität unserer Außenwelt im Gegensatz zur subjekten Innen- und objektiven Außenwelt enthüllen soll. Ist nicht gerade die Annahme, daß in der subjektiven Innenwelt das Bewußtsein seinen Sitz habe, am ehesten geeignet, in uns Bedenken gegen die Realität unserer subjektiven Innenwelt zu wecken, weil sie aus Betrachtungen hervorgegangen sind, denen der einfache Tatbestand zugrunde liegt, daß unsere Kenntnis von der subjektiven Innenwelt - gleichwie jene von der objektiven Außenwelt - auf das Bewußtsein von derselben sich beschränkt? Weil man diesem Tatbestand eine Deutung gegeben, welche das Bewußtsein in einen Gegensatz zur objektiven Außenwelt bringt und dadurch die Annahme eines besonderen, von der physischen Außenwelt verschiedenen Trägers des Bewußtseins notwendig macht, sollen wir zwischen Bewußtsein- und Naturvorgängen unterscheiden und erstere zum Gegenstand einer besonderen Wissenschaft machen?

Von diesem Standpunkt ausgehend, werden wir vor allem gegen die Annahme einer  realen  subjektiven Innenwelt Stellung nehmen müssen, um jene Gedankenrichtung ad absurdum zu führen, welche aus der einseitigen Annahme der Phänomenalität unserer Außenwelt die Berechtigung schöpft, der subjektiven Innenwelt eine reale Bedeutung zu vindizieren [in Anspruch zu nehmen, wp] und dabei vergißt, daß das Bewußtsein durch sein  unmittelbares Gegebensein  uns durchaus keine Handhabe bietet, der subjektiven Innenwelt eine reale Bedeutung beizulegen, vielmehr dadurch, daß wir  in ihm die subjektive Innen- und die objektive Außenwelt nur in ihrem Gegensatz antreffen  und deshalb auf diesen allein das Prinzip der Unterscheidung einer Innen- und Außenwelt einschränken müssen, mit der Phänomenalität einer objektiven Außenwelt gleichzeitig auch  die Phänomenalität einer subjektiven Innenwelt ausspricht.  Die Wichtigkeit dieses Standpunktes, welcher uns die Aufgaeb anweist, die Phänomenalität unserer subjektiven Innenwelt darzutung, wird sich darin zeigen, daß wir es in der Folge unterlassen werden, die subjektive Innenwelt als Gegenstand besonderer Forschung ins Auge zu fassen und es aufgeben werden,  in  ihr mehr zu suchen, als das, was sie zur objektiven körperlichen Außenwelt in Gegensatz bringt.
LITERATUR - Emil Bullaty, Das Bewußtseinsproblem, Archiv für systematische Philosophie, Bd. VI, Heft 1