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FRANZ von BRENTANO
Von der Psychologie
als Wissenschaft

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"Mehr als einmal wird man finden, daß ich bisher unerhörte Behauptungen aufstellte. Doch wird man, glaube ich, in jedem Fall sich auch leicht überzeugen, daß Neuerungssucht nicht im Geringsten dabei beteiligt war. Im Gegenteil wich ich nur ungern, aber durch die überwiegende und, für mich wenigstens, überwältigende Macht der Gründe genötigt, hin und wieder in solcher Weise von allen hergebrachten Auffassungen ab. Indessen wird man selbst da, wo ich am meisten als Neuerer auftrete, gewöhnlich bei näherer Betrachtung erkennen, daß meine Ansicht, wenigstens von der einen oder anderen Seite her, schon angebahnt war."

Vorwort

Die Aufschrift, die ich meinem Werk gegeben habe, kennzeichnet dasselbe nach Gegenstand und Methode. Mein Standpunkt in der Psychologie ist der empirische; die Erfahrung allein gilt mir als Lehrmeisterin: aber mit Anderen teile ich die Überzeugung, daß eine gewisse ideale Anschauung mit einem solchen Standpunkt wohl vereinbar ist. Näher wird sich die Weise, wie ich die Methode der Psychologie auffasse, im ersten der sechs Bücher zu erkennen geben, in welche das Werk zerfällt. Dieses Buch bespricht die Psychologie als Wissenschaft, das nächste die psychischen Phänomene im Allgemeinen; und ihnen werden der Reihe nach folgen ein Buch, welches die Eigentümlichkeiten und Gesetze der Vorstellungen, ein anderes, welches die der Urteile und wieder eines, welches die der Gemütsbewegungen und des Willens im Besonderen untersucht. Das letzte Buch endlich soll von der Verbindung unseres psychischen mit unserem physischen Organismus handeln, und dort werden wir uns auch mit der Frage beschäftigen, ob ein Fortbestand des psychischen Lebens nach dem Zerfall des Leibes denkbar sei.

So umfaßt der Plan des Werkes die verschiedenen Hauptgebiete der Psychologie sämtlich.

Seine Absicht ist aber nicht die, ein Kompendium der Psychologie zu sein, obwohl es Klarheit und Faßlichkeit auch für einen weiteren Kreis derjenigen, die sich für philosophische Forschungen interessieren, anstrebt. Es verweilt oft bei der einzelnen Frage mit nicht geringer Ausführlichkeit und ist nicht so sehr auf Vollständigkeit im Ausbau als auf Sicherheit in der Grundlage bedacht. Dabei mag es geschehen, daß Manchem meine Sorgfalt übertrieben und lästig scheint. Aber ich höre diesen Vorwurf lieber als den, daß ich meine Behauptungen nicht genug zur rechtfertigen mich bemüht habe. Nicht sowohl Vielheit und Allseitigkeit in den Lehrsätzen als Einheit in der Überzeugung ist was auf psychischem Gebiet uns zunächst Not tut. Wir müssen hier das zu gewinnen trachten, was die Mathematik, Physik, Chemie und Physiologie, die eine früher, die andere später, schon erreicht haben; einen Kern allgemein anerkannter Wahrheit, an welchen dann bald, durch das Zusammenwirken vieler Kräfte, von allen Seiten her neue Kristalle anschießen werden. An die Stelle der  Psychologien  müssen wir eine  Psychologie  zu setzen suchen.

Auch eine spezifisch nationale Psychologie - und wenn es sogar eine deutsche wäre - darf es so wenig geben, als es eine spezifisch deutsche Wahrheit gibt. Und darum habe ich in meinem Werk die hervorragenden Leistungen der modernen englischen Psychologen nicht minder als die der deutschen berücksichtigt.

Durch Kompromisse freilich nach den verschiedenen Seiten hin wäre der Wissenschaft schlecht gedient. Sie würden der Einheit und Übereinstimmung der Lehrenden die Einheit und Einheitlichkeit der Lehre in sich selbst zum Opfer bringen. Auch hat nie etwas anderes mehr als der Eklektizismus zu einer Zersplitterung der philosophischen Ansichten geführt.

Wie auf dem Gebiet der Politik, so ist auf dem der Wissenschaft eine Einigung ohne Krieg kaum durchführbar; nur soll es sich freilich bei den wissenschaftlichen Kämpfen am allerwenigsten darum handeln, daß die Meinung dieses oder jenes Forschers, sondern nur darum, daß die Wahrheit siege. Keine Herrschbegier, sondern das Verlangen nach gemeinsamer Unterordnung unter die  eine  Wahrheit soll dazu treiben. Wenn ich darum rücksichtslos darauf ausging, die Ansichten anderer zu widerlegen und zu beseitigen, wo immer ich sie als irrig zu erkennen glaubte: so werde ich es doch auch gerne und dankbar annehmen, wenn ich statt dessen meinerseits von ihnen eine Berichtigung erfahre. Wenn man aber findet, daß gerade die angesehendsten Forscher, wie MILL und BAIN, FECHNER, LOTZE, HELMHOLTZ und andere in diesen oder den noch folgenden Untersuchungen häufiger oder nachdrücklicher bekämpft werden: so möge man darin nicht ein Streben erkennen, ihr Verdienst herabzusetzen, oder die Macht ihrer Einwirkung zu schwächen; im Gegenteil ist es ein Zeichen, daß, wie andere, auch ich ihren Einfluß in besonderem Maße erfahren habe und, nicht bloß wo ich ihre Lehre annahm, sondern auch da vo ich zur Bestreitung ihrer Ansicht geführt wurde, mich durch sie gefördert fühlte. Wie ich, so wünschte ich darum, daß auch andere aus der eingehenden Prüfung derselben Gewinn ziehen möchten.

Manchmal allerdings wird sich meine Polemik gegen Meinungen wenden, denen ich in sich selbst kein so hohes Interesse zugestehen kann. Und was mich dazu trieb, auch auf sie weitläufiger einzugehen, waren nur eine ungebührliche Verbreitung und ein beklagenswerter Einfluß, welchen sie gegenwärtig auf ein Publikum gewonnen haben, das in Sachen der Psychologie weniger noch als anderwärts auf wissenschaftliche Strenge Anspruch zu machen gelernt hat.

Mehr als einmal wird man finden, daß ich bisher unerhörte Behauptungen aufstellte. Doch wird man, glaube ich, in jedem Fall sich auch leicht überzeugen, daß Neuerungssucht nicht im Geringsten dabei beteiligt war. Im Gegenteil wich ich nur ungern, aber durch die überwiegende und, für mich wenigstens, überwältigende Macht der Gründe genötigt, hin und wieder in solcher Weise von allen hergebrachten Auffassungen ab. Indessen wird man selbst da, wo ich am meisten als Neuerer auftrete, gewöhnlich bei näherer Betrachtung erkennen, daß meine Ansicht, wenigstens von der einen oder anderen Seite her, schon angebahnt war. Ich habe nicht unterlassen, auf solche Vorbereitungen hinzuweisen, und auch dann, wenn sich meine Anschauung ohne jeden Zusammenhang mit einer früheren, ihr ähnlichen entwickelt hatte, versäumte ich nicht dieser Erwähnung zu tun, weil es mir nicht darauf ankam, als der Erfinder einer neuen, sondern als der Vertreter einer wahren und gesicherten Lehre zu erscheinen.

Wenn sich uns aber die seitherigen Annahmen zuweilen nur als die Anbahnung einer richtigeren Lehre erweisen werden: so kann, was ich gebe, natürlich auch nicht mehr sein, als eine schwache Vorbereitung künftiger Leistungen von größerer Vollkommenheit. Eine Philosophie, die sich in unseren Tagen für einen Augenblick das Ansehen eines Abschlusses aller Wissenschaft zu geben wußte, wurde sehr bald, nicht als unübertrefflich, wohl aber als unverbesserlich erkannt. Jede wissenschaftliche Lehre, die keine weitere Entfaltung zu einem vollkommeneren Leben zuläßt, ist ein totgeborenes Kind. Die Psychologie aber insbesondere ist gegenwärtig in einem Zustand, bei welchem diejenigen eine geringere Kenntnis von ihr verraten, welche viel in ihr zu wissen behaupten, als jene, welche mit SOKRATES bekennen: "ich weiß nur Eines; nämlich - daß ich nichts weiß."

Doch die Wahrheit liegt in keinem der Extreme. Es sind Anfänge einer wissenschaftlichen Psychologie vorhanden, unscheinbar in sich selbst, aber sichere Zeichen für die Möglichkeit einer volleren Entwicklung, die, wenn auch späten Geschlechtern, einst reiche Früchte bringen wird.

Aschaffenburg, am 7. März 1874
LITERATUR - Franz von Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkte, Leipzig, 1874