p-4 Max OffnerAdolf LassonB. Rawitz    
 
THEODOR ZIEHEN
(1862 - 1950)
Das Gedächtnis
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"Das Erinnerungsbild unterscheidet sich, so können wir jetzt mit Bestimmtheit sagen, von der Empfindung nicht durch die Intensität, sondern vor allem qualitativ. Dieser qualitative Unterschied ist ganz undefinierbar, er ist nur erlebbar. In dem Augenblick, wo die Empfindung verschwindet und die Erinnerung an ihre Stelle tritt, vollzieht sich ein merkwürdiger Sprung. Man kann diesen Unterschied durch den Terminus  sinnliche Lebhaftigkeit  bezeichnen, muß sich aber klar darüber sein, daß man damit den Unterschied nicht definiert, sondern nur im Interesse der Verständigung mit einem Namen belegt hat."

Hochgeehrte Damen und Herren!

Es ist eine altbekannte Tatsache, daß in den alltäglichsten und gewöhnlichsten Vorgängen die bedeutungsvollsten und tiefsten Probleme enthalten sind. In jedem Fall eines Steins oder eines Regentropfens liegt das Rätsel der "Fern"kraft verborgen. Nur die Alltäglichkeit des Erlebnisses hat uns gegen den Reiz des Problems abgestumpft. Auf psychischem Gebiet ist das Gedächtnis oder die Erinnerung ein solcher alltäglicher Vorgang, in dem sich uns eines der tiefsten und interessantesten Probleme des Seelenlebens fast in jedem Augenblick darbietet und die psychologische Forschung ist der Lösung dieses Problems kaum näher gekommen als die Physik dem Problem des Wunders der Fernkräfte. Gestatten Sie, daß ich Ihnen am heutigen Tag das alltägliche Problem des Gedächtnisses etwas klarer vor Augen stelle und Ihnen einige Lösungsversuche vorführe!

Schon in den ältesten Stadien der Psychologie wurde das Problem des Gedächtnisses bemerkt. Wo bewahren wir die tausden und abertausend Erinnerungen, die wir im Laufe unseres Lebens erwerben und mit welchem Zauberstab wecken wir in jedem Augenblick eine dieser Erinnerungen und zwar zumeist die richtige Erinnerung? so fragten bereits die alten griechischen Naturphilosophen. Die älteste naivste Antwort lautete (1): Vom grünen Blatt löst sich eine grüne Fläche ab und diese gelangt in das Auge und aus dem Auge in die Seele, deren Sitz man bald im Herzen bald im Gehirn suchte. In der Seele wird aus der Empfindung oder Wahrnehmung eine Anschauung oder Vorstellung. Je feiner die Bilder sind, umso leichter dringen sie durch die Sinnesorgane bis zur Seele hindurch. In der Seele flattern solche Bilder stets in großer Zahl, so daß wir uns jederzeit dieses oder jenes vorstellen können. Noch in den Lehren EPIKURs finden wir eine solche Anschauung in kaum abgeänderter Form. Als die Anatomie, Physiologie und Physik allmählich die Bedeutung der Sinnesorgane und des Zentralnervensystems etwas aufklärten, wurden die ältesten wirren Anschauungen etwas abgeändert, das Problem des Gedächtnisses selbst aber blieb ungelöst. Man suchte nach dem grandis memoriae recessus [die große Erinnerungsnische - wp], wie AUGUSTINUS (2) den unbekannten Bewahrungsort unserer Erinnerungen nannte und wurde nicht müde, durch Vergleich das Haften der Empfindungen in Gestalt von Erinnerungen zu erklären. Sobald die Gehirnventrikel entdeckt worden waren, war es selbstverständlich, daß dem Gedächtnis  ein  Ventrikel reserviert wurde. Bei diesen mannigfachen Verteilungen der Seelenvermögen auf die Gehirnventrikel (3) waren fast niemals Beobachtungen, sondern in der Regel ganz unbestimmte architektonisch-ästhetische Gefühle maßgebend. Das Haften der Empfindungen wurde am liebsten mit dem Haften der Eindrücke in Wachs verglichen. Es ist begreiflich, daß kritische Köpfe schon früh die Nichtigkeit dieser angeblichen Erklärungen erkannten. So verstehen wir die Resignation eines AVICENNA (4), der jedes Sich-Erinnern für so unerklärlich und wunderbar hielt, daß er für jeden einzelnen Fall einer Erinnerung eine Einstrahlung göttlichen Lichtes annahm. Nur hier und da traten Vorahnungen einer richtigen Erkenntnis auf, nur hier und da wurden in naturwissenschaftlichem Geist Beobachtungen gesammelt.

Ich will Ihnen heute keine Geschichte der Lehre vom Gedächtnis geben, so interessant sie auch gerade wegen ihrer Irrwege in vielen Punkten ist. Vielmehr will ich heute nur das auslesen, was durch die wissenschaftliche Forschung wirklich festgestellt worden ist und als gesichert gelten kann.

Die ersten Tatsachen mußte die einfache Selbstbeobachtung feststellen. Wir haben viele Erinnerungen oder Erinnerungsbilder erworben, aber jeweils ist uns im Augenblick nur  eine  Erinnerung oder  ein  Erinnerungsbild gegenwärtig. Von den unzähligen Gegenständen, die sich mir eingeprägt haben und deren ich mich bei bestimmten Gelegenheiten erinnere, ist mir im Augenblick keine aktuelle Erinnerung gegeben. PLATO hat diesen Sachverhalt durch einen seiner wunderbarsten Vergleiche erläutert. (5) Er vergleicht die zahllosen Erinnerungsbilder, die mir im Augenblick nicht gegenwärtig sind, mit Tauben, die ich in einem Käfig gefangen halte, das  eine  Erinnerungsbild, das ich im Augenblick wirklich habe, mit der Taube, die ich in der Hand halte. Die Tauben im Käfig muß ich erst einzeln haschen, damit ich sie wirklich habe. Wissenschaftlich bezeichnete man diesen Unterschied durch die Worte  mneme  (memoria oder conservatio) und  anamnesis  (reminiscentia oder reproductio). Wir sprechen jetzt gewöhnlich von latenten und aktuellen Erinnerungsbildern. Mein Denken schreitet von aktuellem zu aktuellem Erinnerungsbild fort. Fortwährend, mit jedem Wort, wird eine Taube gehascht, ein latentes in ein aktuelles Erinnerungsbild verwandelt. Diese fortlaufende Verwandlung bezeichnet man auch als  Reproduktion.  Unser Denken stellt sich uns dar als ein fortlaufendes Sich-Erinnern, als eine fortlaufende Reproduktion. Das einfache Zurückbleiben von latenten Erinnerungsbildern bezeichnet man am besten als  Retention  [Zurückhaltung - wp].

Nachdem dieser prinzipielle Unterschied festgestellt war, galt es offenbar Beobachtungen über diese aktuellen und so weit möglich, auch über die latenten Erinnerungsbilder zu sammeln. Diese Beobachtungen mußten zunächst die phylogenetische Entwicklung des Gedächtnisses feststellen. Es wurde untersucht, wo in der Tierreihe zuerst Erscheinungen aufgetreten sind, welche im Sinne eines Gedächtnisses gedeutet werden müssen, d. h. also Bewegungen, welche augenscheinlich durch individuelle Erinnerungen beeinflußt sind. Noch heute sind diese Untersuchungen nicht zum Abschluß gekommen. Speziell ist die Frage, ob die Fische ein Gedächtnis besitzen, bis in das letzte Jahrzehnt Gegenstand lebhafter Diskussion gewesen. Eine Sammelforschung, über welche EDINGER (6) auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in München im Jahre 1899 berichtete, ergab, daß das Gedächtnis der Fische jedenfalls äußerst dürftig ist. Aus zahlreichen Beobachtungen geht hervor, daß der angehakte Fisch, der den Haken abgerissen hat, oft unmittelbar nachher wieder an die gleiche Angel geht. Die Behauptung mancher Fischer, daß der Fisch die Angel "kenne", erweist sich bei genauerer Analyse der angeblich beweisenden Beobachtungen als sehr fragwürdig. Auch der bekannte Hechtversuch von MOEBIUS gehört hierher. In einem Aquarium wurde ein Hecht von kleinen Futterfischen durch eine Glasscheibe getrennt. Angeblich fuhr er anfangs auf die Scheibe los und verletzte sich die Schnauze. Als nach einiger Zeit die Scheibe weggenommen wurde, soll das Tier auch nun auf die Futterfische nicht mehr losgegangen sein. EDINGER hat mit Recht gegen diesen Versuch zahlreiche Bedenken geltend gemacht. Leidlich beglaubigt scheint nur die Angabe zu sein, daß Fische nach oft wiederholtem Füttern nicht mehr allein auf die in das Wasser geworfenen Brocken losschwimmen, sondern auch zu der Person des Fütterers hinschwimmen, bevor er die Brocken ins Wasser geworfen hat. Freilich dürfen wir dabei nicht übersehen, daß alle diese Versuche relativ grob sind und sich von den Bedingungen, an welche im gewöhnlichen Dasein der Fische Gedächtnisleistungen anknüpfen könnte, zu weit entfernen. Bei Fröschen und Eidechsen beobachten wir bereits ganz eindeutige Gedächtniserscheinungen. (7) Bei niederen Säugern gelingt es sogar, die Gedächtnisleistungen vergleichend zu messen. (8) Man verwendet hierzu sogenannte Labyrinthversuche. Die Ratte wird beispielsweise an den Eingang eines solchen Labyrinths gebracht, in dessen Mitte sich irgendein Leckerbissen befindet. Anfangs schlägt die Ratte regelmäßig Fehlwege, absichtlich angebrachte Sackgassen ein, aber allmählich lernt sie sofort den richtigen Weg zu finden. Die Zeit, welche bis zu diesem Lernen verstreicht, kann geradezu als Maß des Gedächtnisses dienen.

Nicht weniger interessant ist die  ontogenetische  Entwicklung des Gedächtnisses beim menschlichen Kind. (9) Wahrscheinlich finden sich hier schon in den ersten Lebenswochen Gedächtniserscheinungen. Die allgemeine Frage, wann Gedächtnis zuerst auftritt, wird sich überhaupt als unzweckmäßig erweisen. Man sollte vielmehr stets die Frage wenigstens speziell mit Bezug auf das optische und akustische Gedächtnis stellen usw. Aus der Fülle der Tatsachen, welche auf diesem Gebiet in den beiden letzten Jahrzehnten exakt aufgestellt worden sind, will ich heute nur hervorheben, daß das menschliche Kind in der Regel schon im 2. Vierteljahr einzelne menschliche Gesichter wiedererkennt und unterscheidet, d. h. durch differenten Gesichtsausdruck oder andere Reaktionen zeigt, daß es sich eines Gesichtes erinnert oder nicht erinnert. Mit zunehmendem Alter steigern sich die Gedächtnisleistungen des Kindes augenscheinlich erheblich. Noch bei Kindern von 6 - 10 Jahren fällt jedoch auf, wie unzuverlässig die Erinnerung für Erlebnisse und Erlebnisreihen ist. (10) Fast von Jahr zu Jahr läßt sich hier ein Fortschritt verfolgen. Es wird sich allerdings bald ergeben, daß hieraus nicht auf ein geringeres Haften des einzelnen Erinnerungsbildes geschlossen werden darf, vielmehr ist es wahrscheinlich nur der Akt der Reproduktion, welcher bei Kindern noch weniger leicht vonstatten geht.

Entscheidende Aufschlüsse vermag begreiflicherweise nur die Beobachtung des  Erwachsenen  zu geben, daß hieraus nicht auf ein geringeres Haften des einzelnen Erinnerungsbildes geschlossen werden darf, vielmehr ist es wahrscheinlich nur der Akt der Reproduktion, welcher bei Kindern noch weniger leicht vonstatten geht.

Entscheidende Aufschlüsse vermag begreiflicherweise nur die Beobachtung des  Erwachsenen  zu geben. Es ist schon sehr lehrreich, einmal geflissentlich das Verhalten des Erinnerungsbildes nach dem Verschwinden einer ganz einfachen Empfindung zu beobachten. Ich habe beispielsweise einen Akkord angeschlagen oder einen grauen Würfel kurze Zeit fixiert und versuche nach dem Verklingen des Akkords bzw. nach dem Schluß der Augen das Erinnerungsbild festzuhalten. Dabei überzeugt man sich sofort von der Irrtümlichkeit einer Auffassung, von welcher die Psychologie lange beherrscht wurde. Man glaubte nämlich früher, die Erinnerungsbilder seien nichts anderes, als abgeschwächte Empfindungen. Am schärfsten hat HUME (11) diesen Satz vertreten. Für ihn sind die ideas, d. h. die Erinnerungsbilder, nur faint impressions, d. h. schwache Emfindungen. Ebenso sprach HOBBES von einem phantasma dilutum [verwaschene Einbildung - wp]. Demgegenüber lehrt eine sorgfältige Selbstbeobachtung schon in den oben erwähnten einfachen Beispielen, daß der Unterschied nicht nur ein intensiver, sondern vor allem ein qualitativer ist. Wenn ich einen Reiz allmählich bis zur Reizschwelle abnehmen lasse, so setzt sich die dieser Reizskala entsprechende Empfindungsreihe nicht etwa weiter im Erinnerungsbild fort, sondern dieses schließt sich an die stärkste und an die schwächste Empfindung in ganz gleicher Weise an. Es steht dieser nicht näher als jener. Die Vorstellung eines Glühwürmchens ist oft nicht weniger intensiv als die Vorstellung der grellsten Mittagssonne. Die Erinnerung an die Sonne ist eine Erinnerung an eine intensivere Empfindung in ganz gleicher Weise an. Es steht dieser nicht näher als jener. Die Vorstellung eines Glühwürmchens ist oft nicht weniger intensiv als die Vorstellung der grellsten Mittagssonne. Die Erinnerung an die Sonne ist eine Erinnerung an eine intensivere Empfindung, aber die Erinnerung selbst ist nicht intensiver. Mit anderen Worten: die Intensität der Empfindung geht ganz in den  Inhalt  des Erinnerungsbildes über, überträgt sich aber nicht auf das Erinnerungsbild selbst. Unsere Erinnerungen selbst sind nicht laut oder leise, lichtstark oder licht schwach. Dieses Verhalten der Intensität der Empfindung tritt noch schärfer hervor, wenn wir es mit dem Verhalten einer anderen Eigenschaft der Empfindung, dem Gefühlston vergleichen. Dieser geht nicht nur in den Inhalt des Erinnerungsbildes über, sondern überträgt sich auch als solcher auf das Erinnerungsbild. Die Erinnerung an eine glückliche Stunde ist nicht nur die Erinnerung an Lustgefühle, sondern diese Erinnerung selbst ist von Lustgefühlen begleitet. Der Gefühlston wird in der Erinnerung mit reproduziert. Auf dieser fundamentalen Eigenschaft unseres Gedächtnisses beruth unser ganzes Affektleben. Hier interessiert sie uns nur im Gegensatz zum Verhalten des Gedächtnisses gegenüber der  Intensität  der Empfindung. Das Erinnerungsbild unterscheidet sich, so können wir jetzt mit Bestimmtheit sagen, von der Empfindung nicht durch die Intensität, sondern vor allem qualitativ. Dieser qualitative Unterschied ist ganz undefinierbar, (12) er ist nur erlebbar. In dem Augenblick, wo die Empfindung verschwindet und die Erinnerung an ihre Stelle tritt, vollzieht sich ein merkwürdiger Sprung. Man kann diesen Unterschied durch den Terminus "sinnliche Lebhaftigkeit" bezeichnen, muß sich aber klar darüber sein, daß man damit den Unterschied nicht definiert, sondern nur im Interesse der Verständigung mit einem Namen belegt hat.
LITERATUR - Theodor Ziehen, Das Gedächtnis [Festrede gehalten am Stiftungstag der Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen, 2. Dezember 1907], Berlin 1908
    Anmerkungen
    1) Noch älter ist vielleicht die Auffassung, welche sich in der pseudohippokratischen Schrift  peri sarkos  findet und vielleicht auf ALKMAEON zurückgeht (vgl. SIEBECK, Geschichte der Psychologie, Gotha 1880, Seite 104). Demnach kommt das Sehen durch das Widerscheinen des Glänzenden im Auge zustande. Offenbar fußte diese Annahme auf dem Spiegelbild der Objekte auf der Kornea [Hornhaut - wp]. Die im Text als älteste Anschauung angeführte Ansicht findet sich in einzelnen Teilen schon bei EMPEDOKLES und DEMOKRIT. Die sich von den Gegenständen ablösenden Bilder heißen  eidola  und  deikela.  Auch als  aporroai  (Ausflüsse) wurden die sich ablösenden Bilder bezeichnet. Die weitere Verarbeitung der Bilder zu Vorstellungen hat zuerst EPIKUR genauer darzustellen versucht. Man wird diese alten Empfindungs- und Vorstellungstheorien weniger belächeln, wenn man sie beispielsweise mit der Emissionstheorie des Lichts vergleicht, wie sie NEWTON (Optice, Buch 1) vertreten hat. Überhaupt stehen die damaligen Anschauungen denjenigen der modernen Naturwissenschaft durchaus nicht so fern. Wenn PARMENIDES lehrt, daß jeder Erinnerung ein bestimmtes Mischungsverhältnis des Kalten und Warmen entspreche und das Vergessen auf einer Störung dieses Mischungsverhältnisses beruhe, so deckt sich das im Grundprinzip ganz mit unserer heutigen Auffassung: es ist nur an die Stelle der Mischung des Kalten und Warmen der Begriff der chemischen Veränderung und an Stelle der ganz unbestimmten Lokalisation eine anatomisch bestimmte Anschauung getreten.
    2) AUGUSTINs Lehre vom Gedächtnis ist nicht frei von Widersprüchen. An manchen Stellen behauptet er ausdrücklich, daß die Erinnerungsbilder nicht körperlich seien, während er an anderen Stellen anzunehmen scheint, daß die Seele ihre Gedanken dem Körper als körperliche Veränderungen einprägt.
    3) Die Ventrikellokalisationen setzen sehr bald nach GALEN ein. GALEN selbst unterschied bereits die 4 Hauptventrikel, glaubte aber nur Verschiedenheiten in der Intensität der Störung nach der Verletzung der verschiedenen Ventrikel zu beobachten. Die schwersten Störungen beobachtete er nach Verletzungen des 4. Ventrikels. Er nimmt an, daß dieser das in den vorderen Ventrikeln erzeugte  pneuma psychikos  schließlich sammelt. Die erste bestimmte Ventrikellokalisation findet sich bei POSEIDONIUS, welcher in den vorderen Teil des Gehirns das  phantastikon,  in den mittleren (dritten) Ventrikel das  logistikon,  in den Okzipitalteil das  mnemoneytikon,  also das Gedächtnis verlegt. Es ist sehr bemerkenswert, daß hier POSEIDONIUS - wie übrigens vor ihm Galen und nach ihm fast alle Ärzte und Philosophen - die enge Beziehung des  phantastikon  zum  mnemoneytikon  noch gar nicht ahnt. Erst viel später drang die Einsicht durch, daß die Phantasie schließlich doch nur mit Erinnerungsbildern arbeitet. NEMESIUS änderte die Ventrikellokalisation bereits etwas ab: er betrachtete die beiden vorderen Ventrikel als den Sitz der Empfindungen, den mittleren Ventrikel als den Sitz des  dianoetikon  und den hinteren Ventrikel als den Sitz des Gedächtnisses.
    4) Die göttliche Erleuchtung spielt hier eine ganz ähnliche Rolle wie später beim sogenannten Okkasionalismus.
    5) PLATON, Theaetet 197D
    6) LUDWIG EDINGER, Haben die Fische ein Gedächtnis?, Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1899. Entscheidend sind natürlich nur experimentelle bzw. systematische Beobachtungen. Eine  einzelne  Beobachtung hat im allgemeinen kaum mehr Bedeutung als eine Jagdgeschichte. Selbst ein so ausgezeichnetes Werk wie dasjenige von ROMANES (Animal intelligence) läßt an kritischer Sichtung gegenüber Einzelbeobachtung noch sehr viel zu wünschen übrig. Nur wenn bei einer Einzelbeobachtung alle Nebenumstände in zuverlässiger Weise mitgeteilt sind, hat sie naturwissenschaftlichen Wert. Das Experiment hat deshalb so sehr viel größeren Wert, weil es solche Nebenumstände systematisch, so weit wie irgend möglich, ausschaltet.
    Selbstverständlich ist dabei auch die strengste Unterscheidung zwischen Instinkthandlungen im Sinne des sogenannten Art- bzw. Gattungsgedächtnisses notwendig. Hier kommt nur letzteres in Betracht. Es handelt sich also um  spezielle  Erinnerungsbilder, die nur für das einzelne Individuum eine Rolle spielen. Wie weit entwickelt gerade bei den Fischen Instinkthandlungen sind, hat kürzlich GURLEY gezeigt (American Journal of Psychology, 1902, Bd. 13, Seite 408
    Übrigens sind wiederholt auch bei Invertebraten [Wirbellose - wp] echte Gedächtniserscheinungen aufgrund experimenteller Untersuchungen behauptet worden, so z. B. bei Cambarus, dem nordamerikanischen Flußkrebs von YERKES und HUGGINS, Harvard Psychological Studies, Bd. 1, 1903, Seite 565. Ich verweise in dieser Beziehung namentlich auch auf die zahlreichen Kontroversen über das Vorhandensein eines individuellen Gedächtnisses bei Ameisen und Bienen. Die Extreme werden einerseits durch von BUTTEL-REEPEN (Sind die Bienen Reflexmaschinen? Experimentelle Beiträge zur Biologie der Honigbiene, Leipzig 1900) und andererseits durch BETHE (Biologisches Zentralblatt, 1902, Nr. 7 und 8). Sehr bemerkenswert ist auch die Arbeit von BOUVIER über die Wirbelwespe. Nach LUKAS soll ein einfaches Gedächtnis bereits den Stachelhäutern zukommen (Psychologie der niedersten Tiere, Wien und Leipzig 1905)
    7) Daß die Vögel ein Gedächnis besitzen, gaben selbst die Kirchenväter zu. Vgl. AUGUSTIN, Konfessionen, Buch 10, Kap. 17. Eine exakte experimentelle Untersuchung des Gedächtnisses des Sperlings (Öffnen eines Behälters, Futtersuchen in einem Labyrinth) verdanken wir JAMES P. PORTER, American Journal of Psychology, Bd. 15, Seite 313
    8) Bei Ratten hat WATSON solche Versuche angestellt (Animal education, Chicago 1903) und dabei speziell auch die ontogenetische Entwicklung berücksichtigt. Er glaubt erst nach dem 12. Lebenstag Gedächtniserscheinungen beobachtet zu haben. Besonders sorgfältig sind die Versuche, welche KINNAMAN bei Makaken [Backentaschenaffen - wp] anstellte (American Journal of Psychology 1902, Bd. 13, Seite 98). Für den sich entwickelnden Hund stehen uns namentlich die Versuche von WESLEY MILLS zur Verfügung. Systematische Versuche bezüglich des erwachsenen Hundes stehen noch aus. VASCHIDE und ROUSSEAU berichten von einem Pferd, das 115 verschiedene Signale gekannt haben soll. Sonst fehlt eine exakte Untersuchung über die Ungulaten [Huftiere - wp] noch ganz.
    9) Die erste Anregung zu systematischen Untersuchungen des kindlichen Gedächtnisses hat PREYER gegeben. Leider sind gerade für das menschliche Kind die Beobachtungen oft nicht mit ausreichender Kritik gesammelt worden. Auch die PREYERschen Mitteilungen sind durchaus nicht alle einwandfrei. Das optische Wiedererkennen von Gesichtern findet nach PREYER schon lange vor der 30. Lebenswoche statt (Die Seele des Kindes, Leipzig 1895, Seite 231). Voraussetzung ist jedoch, daß es sich um Personen handelt, welche das Kind  täglich  sieht. PREYER gibt mit Recht an, daß schon eine mehrtägige Abwesenheit im 1. Lebensjahr in der Regel die Erinnerungsbilder so weit verwischt, daß ein Wiedererkennen nicht mehr stattfindet. Selbst im 2., 3. und 4. Lebensjahr ist das Personengedächtnis des Kindes im Allgemeinen noch schlecht. Das PEREZsche Kind, welches im Alter von 1 Jahr nach  einmonatiger  Abwesenheit seine Pflegerin wiedererkannt haben soll, ist als Ausnahme zu betrachten. Schon vor dem optischen Gedächtnis entwickelt sich wahrscheinlich das Geruchs- und Geschmacksgedächtnis, wie ebenfalls bereits PREYER richtig bemerkt hat. Seit PREYER sind zahllose Arbeiten bzw. Mitteilungen über das kindliche Gedächtnis erschienen, auf welche hier nicht eingegangen wird.
    10) Damit stimmen auch die experimentellen Beobachtungen überein. Ich erinnere beispielsweise daran, daß EBBINGHAUS (Grundzüge der Psychologie, 1902, Seite 62) festgestellt hat, daß mit 18 - 20 Jahren annähernd 1 ½ mal soviel Silben oder Worte unmittelbar produziert werden können als mit 8 - 10 Jahren. Er meint, daß der Hauptfortschritt hier im Alter von 13 - 15 Jahren stattfindet. Natürlich bezieht sich das nur auf die spezielle Prüfungsmethode (Worte und Silben). Ich bin überzeugt, daß die Überlegenheit des Erwachsenen gegenüber dem Kind auch bei solchen Versuchen nicht auf einer leistungsfähigeren Retention des ersteren, sondern auf einer Anknüpfung zahlreicherer Assoziationen beruth. Auch bei sinnlosen Wort- bzw. Buchstabenkombinationen fehlt es an solchen nicht. Dazu kommt ferner, daß das Interesse am Versuch in der Regel beim Kind weniger lebhaft ist als bei den erwachsenen Versuchspersonen, welche man meistens zu solchen Versuchen herangezogen hat (Studenten usw.) Bei ungebildeten Erwachsenen ist, wie ich mich vielfach überzeugt habe, die Reproduktion sinnloser Wortreihen (z. B. Zahlenreihen) der kindlichen keineswegs so erheblich überlegen.
    Bei solchen Untersuchungen des Wortgedächtnisses muß natürlich auch berücksichtigt werden, daß sich oft schon in der Kindheit oder wenigstens in der Pubertät besondere Gedächtnistypen ausprägen (akustischer, visueller, motorischer Typus usw.) Vgl. z. B. NETSCHAJEFF, Über Memorieren, Berlin 1902
    11) So schon in der 1. Sektioni des 1. Teils des 1. Buchs des "Treatise of human nature: "By ideas I mean the faint images of these (nämlich the impressions = Empfindungen in thinking and reasoning." Es scheint mir übrigens nicht ganz ausgeschlossen, daß auch HUME nicht  nur  einen Intensitätsunterschied gemacht hat. LOCKE hatte die Frage des Unterschieds der Empfindungen und Vorstellungen überhaupt fast unberührt gelassen. Auch bei BERKELEY ist die Unterscheidung nicht scharf durchgeführt: seine ideas sind teils Empfindungen teils Vorstellungen.
    12) Leviathan I. HOBBES bezeichnet die imaninatio ausdrücklich als sensio (sein Terminus für Empfindung) deficiens (decaying sense [zerfallende Empfindung - wp] oder als phantasmata dilutum [verwaschene Einbildung - wp]. Ein Nachhall dieser Lehre, übertragen in die Physiologie des Gehirns, begegnet uns bei den physiologischen Psychologen Englands im 18. Jahrhndert.