p-4tb-1 Ding an sichWahrnehmung u. EmpfindungGegenstand d. Erkenntnis    
 
FRANZ STAUDINGER
(1849 - 1921)
Der Gegenstand der Wahrnehmung

"Die Wahrnehmung erklärt die Glocke, die im Sonnenschein glänzt, die bei wolkigem Himmel schwarz herunterleuchtet, die in der Dämmerung kaum die Umrisse erkennen läßt, die dann ganz unsichtbar wird und am Morgen wieder sichtbar ist -, als  dieselbe  Glocke. Sie  abstrahiert  also ganz instinktiv von den Farben als von Modifikationen, die nur unter bestimmten Bedingungen auftreten. Von den Anschauungen, bzw. Empfindungen wird ganz instinktiv und unmittelbar in der Wahrnehmung das losgelöst, was bloßes Kennzeichen ist, bzw. was bloß macht, daß wir ein Ding wahrnehmen, das uns sonst verborgen bliebe. Daß dagegen die Glocke an einem bestimmten Ort, von einer bestimmten Größe ist, dauernd da oben hängt, das erklärt die Wahrnehmung unmittelbar für Bestimmungen, die der Glocke ansich zukommen, auch wenn sie, wie bei Nacht, gar nicht wahrgenommen wird, ja wenn sie überhaupt nicht wahrgenommen würde. In der Sprache sagen wir freilich ebensowohl die Glocke  ist  schwarz, glänzend, wie wir sagen die Glocke  ist  so und so groß, so und so schwer. Die Sprache drückt nicht die Wahrnehmung als solche, sondern schon Reflexionen über die Wahrnehmung aus, die uns mit ihr verschmelzen und erst wieder durch eine sorgsame Analyse gesondert werden müssen."

In Band VIII, Heft 2/3 der Kantstudien hat AUGUST MESSER in Giessen meine im ersten Heft enthaltene Behauptung bestritten, daß KANT die psychologische mit der kritischen Betrachtungsweise vermenge. Worauf der Fehler KANTs beruth, das glaubte ich trotz aller Kürze doch deutlich dargetan zu haben. MESSERs Entgegnung aber zeigt mir, daß dem nicht so gewesen sein muß. Denn ich werde an einem Punkt angegriffen, den ich gar nicht in die Diskussion gezogen habe und mit Gründen, die zum Teil gerade das enthalten, was ich bestreite, die mir gegenüber also ihrerseits zu erweisen wären, aber nichts beweisen können. So muß ich also versuchen, den Stein nochmals aufwärts zu wälzen, hoffentlich diesmal mit besserem Erfolg. Es geschehe die neue Erörterung zunächst in Anknüpfung an solche Sätze von MESSER, an denen diejenigen Unterscheidungen, auf die ich Wert lege, am leichtesten zu entwickeln sind.

Auf Seite 321 sagt MESSER, "zwischen Wahrnehmung (1) und Gegenstand" werde in gewöhnlicher Auffassung nicht unterschieden. Komme etwa infolge einer Sinnestäuschung oder eines Irrtums "die Tatsache der Wahrnehmung und der Erkenntnis" als solche zu Bewußtsein, so werde "ohne weiters vorausgesetzt", daß "in der Erkenntnis, der richtigen wenigstens, die Außenwelt so aufgefaßt wird, wie sie ansich ist".

In diesen Sätzen müssen wir zunächst den einen Gedanken hervorheben und festhalten: Dann, wenn wir uns eines Irrtums bewußt werden, kommt die Tatsache der Wahrnehmung und der Erkenntnis als solcher zum Bewußtsein. Es wird somit ganz instinktiv zwischen Gegenstand und Vorstellung unterschieden. Lassen wir zunächst einmal die folgende Behauptung MESSERs unangefochten und nehmen wir an, in der für richtig gehaltenen Erkenntnis fasse das naive Bewußtsein die Außenwelt so auf wie sie ansich ist. Dann unterscheidet doch eben dieses Bewußtsein in dem Moment, wo es einen Irrtum konstatiert, zwischen solchen Inhalten, die es richtigerweise, und solchen, die es fälschlicherweise auf einen bestimmten Gegenstand bezogen hat. Indem er dies tut,  verändert es aber instinktiv den Gesichtspunkt der Betrachtung.  Es bezieht  nicht mehr unmittelbar  auf den Gegenstand, sondern  reflektiert auf diese Beziehung  als auf seine eigene Bewußtseins tätigkeit.  Noch deutlicher tritt dies hervor im Augenblick des Zweifels; wenn ich z. B. schwanke, ob ein heller Streif am Berg da drüben Schnee oder eine Geröllhalde bedeutet. Da treten die beiden Beziehungsarten auf den Gegenstand reihum hervor. Jeder der psychischen Inhalte versucht sich an den Gegenstand anzuknüpfen. Reflexion in Bezug auf den Gegenstand und Reflexion in Bezug auf die Psyche gehen da hin und her. Und sobald die Sache durch irgendein Merkmal entschieden ist, so wird sofort der eine der beiden Gedanken fest auf den Gegenstand bezogen, der andere - als "falsche Vorstellung" - in die Psyche reflektiert. Wir achten jetzt nicht mehr darauf, daß wir eben noch versucht hatten, sie auf den Gegenstand zu beziehen und ebenso achten wir betreffs der Vorstellung, die wir jetzt auf den Gegenstand beziehen, nicht mehr darauf, daß wir diese Beziehung eben erst in Zweifel gezogen und gefragt hatten, ob nicht eine gegenstandslose Vorstellung vorliege. So beweist gerade die Beobachtung des Irrtums und des Zweifels, daß auch das naive Bewußtsein beide Beziehungsarten durchaus zu unterscheiden weiß. Es unterscheidet sie durch die Tat, indem es die Vorstellung so oder so bezieht. Eine Reflexion über diese Tat übt es freilich nicht so ohne weiteres. Es liegt aber zweifellos eine zweifache Gegenstandsbeziehung zugrunde, die auf den Wahrnehmungsgegenstand und die auf die Psyche, wie wir diese Gegenstand späterhin nennen.

Nach dieser Feststellung aber müssen wir auch den vorhin vorläufig zugegebenen Gedanken MESSERs anzweifeln, daß das naive Bewußtsein die farbige und tönende Welt der Wahrnehmung als die Welt "wie sie ansich ist", auffasse und glaube, es bilde sie einfach in sich ab. - So ist es keineswegs. Wir müssen hier weiter unterscheiden zwischen der natürlichen Wahrnehmung und der naiven Reflexion über diese Wahrnehmung. In Bezug auf letztere mag MESSERs Satz oft zutreffen. Eine genauere Betrachtung der wirklichen Wahrnehmung z. B. der "farbigen und tönenden" Glocke selbst aber zeigt, daß eine solche Reflexion eine Selbsttäuschung ist.

Die Gesamt-Wahrnehmung als solche unterscheidet nämlich ganz unmittelbar und ganz instinktiv zwischen dem, was die Sinnesempfindung gibt, und dem, was dem "Ding ansich" zugewiesen wird. Das ergibt sich deutlich schon daraus, daß sie Töne, Tastempfindungen etc. von vornherein nicht als Bestandteile, sondern als Wirkungen des Dings auffaßt. Bei den Gesichtsempfindungen scheint freilich bei oberflächlicher Betrachtung die Farbe, die Helligkeit am Ding selbst zu haften. Aber man beachte nur Folgendes: Die Wahrnehmung erklärt die Glocke, die im Sonnenschein glänzt, die bei wolkigem Himmel schwarz herunterleuchtet, die in der Dämmerung kaum die Umrisse erkennen läßt, die dann ganz unsichtbar wird und am Morgen wieder sichtbar ist -, als  dieselbe  Glocke. Sie  abstrahiert  also ganz instinktiv von den Farben als von Modifikationen, die nur unter bestimmten Bedingungen auftreten. Der Komplex von Größenbeziehungen allein, das ist schon für die Wahrnehmung "die Glocke", wie sie es auch für das wissenschaftliche Bewußtsein ist. Von den Anschauungen, bzw. Empfindungen wird ganz instinktiv und unmittelbar in der Wahrnehmung das losgelöst, was bloßes Kennzeichen ist, bzw. was bloß macht, daß wir ein Ding wahrnehmen, das uns sonst verborgen bliebe. Daß dagegen die Glocke an einem bestimmten Ort, von einer bestimmten Größe ist, dauernd da oben hängt, das erklärt die Wahrnehmung unmittelbar für Bestimmungen, die der Glocke ansich zukommen, auch wenn sie, wie bei Nacht, gar nicht wahrgenommen wird, ja wenn sie überhaupt nicht wahrgenommen würde.

In der Sprache sagen wir freilich ebensowohl die Glocke "ist" schwarz, glänzend, wie wir sagen die Glocke "ist" so und so groß, so und so schwer. Die Sprache drückt nicht die Wahrnehmung als solche, sondern schon Reflexionen über die Wahrnehmung aus, die uns mit ihr verschmelzen und erst wieder durch eine sorgsame Analyse gesondert werden müssen. Bei genauer ganz einfacher Analyse aber tritt die wirkliche Aussage der Wahrnehmung auf das deutlichste hervor. Es tritt daher auch ebenso deutlich hervor, daß die Empfindungen als Wirkungen, als Beziehungen der Gegenstände zu ... - ja zu was? ... aufgefaßt werden. In der Wahrnehmung offenbar zu nichts anderem als zum ebenfalls im Raum wahrgenommenen Selbst, dem  empirischen Ich.  Was in diesem als Bewußtsein zu unterscheiden ist, das sagt die Wahrnehmung selbst nicht. Diese Reflexion eröffnet uns, wie MESSER richtig gesagt hat, der Irrtum, oder wie oben erörtert, schon der Zweifel, nicht aber die Wahrnehmung.

Wir haben also dreierlei zu unterscheiden:
    1. die natürliche Wahrnehmung in ihrer unmittelbaren Beziehung auf ihren Gegenstand, auf die in ihr als ansich bestehend vorgestellte Natur,

    2. die Wahrnehmung für sich als Gegenstand genommen,

    3. die Wahrnehmung als Bewußtseinsfaktor, d. h. in ihrer Beziehung zum Ich.
Diese drei Arten der Gegenstandsbeziehung, die sich im Akt des Wahrnehmens fortwährend verbinden und ablösen, sind in der Reflexion darüber auf das schärfste auseinanderzuhalten.

Das ist der analytische Sachverhalt, der uns zunächst vorliegt, den wir weiter verfolgen müssen, ehe wir uns an so weitausgreifende Fragen wagen, auf welchem "Grund" alle diese Beziehungen "ruhen". Ehe wir an Nebenreflexionen über die Beziehungen herantreten, müssen wir die Beziehungen selbst einmal sondern und feststellen. Hier liegt freilich die eigentliche Schwierigkeit. Während wir in der tatsächlichen Wahrnehmung jene Unterscheidungen und Beziehungen instinktiv vornehmen, schweift bei der reflektierenden Betrachtung der Blick leicht einmal ordnungslos auf den Inhalt der Wahrnehmung als solcher, einmal auf eine Seite von ihr, einmal darauf, daß Wahrnehmen eine Handlung des Bewußtseins ist etc. Das heißt aber:  Der "Gegenstand" der Betrachtung selbst wird verändert.  Während in der aktiven Wahrnehmung "der Berg", "das Haus" etc. Gegenstand  ist,  wird sodann die Wahrnehmung des Berges, des Hauses ihrerseits zum Gegenstand einer neuen Betrachtung, oder es wird gar das Bewußtsein selbst der Gegenstand, auf den die Wahrnehmung bezogen wird. Indem der Blick so von einem Gesichtspunkt auf den andern überspringt, womöglich noch an allerlei Zwischenbeziehungen haften bleibt, gerät gerade das, worauf alles ankommt, der "Gegenstand", in Verwirrung. Der Gegenstand der einen Betrachtungsart wird mit dem der anderen Betrachtungsart vermengt, und es werden daraus allerlei voreilige Schlüsse gezogen.

Es ist vielleicht, damit das Folgende leichter erfaßt werde, gut, da gleich einige Proben zu geben. Wenn wir den Gegenstand aktiv wahrnehmen, so sondern sich, wie gezeigt, die in verschiedenen Momenten auftauchenden, verschwindenden, ja wechselnden Empfindungen unmittelbar von den Bestimmungen des Gegenstandes als solchen ab. Wenn wir uns nun aber reflektierend etwa eine Einzelanschauung, d. i. eine Teilwahrnehmung selbst zum Gegenstand machen, so merken wir von jenem Tatbestand nichts. Von dieser Einzelbetrachtung aus scheinen die Empfindungen und die Raumzeitbestimmungen in ein ununterscheidbares Ganzes zusammenzufließen. Und - auch der Gegenstand, auf den die aktive Wahrnehmung ohne weiteres als auf etwas von ihr Verschiedenes, als auf etwas Unabhängiges bezieht, tritt bei dieser reflektierenden Betrachtung weit ab, bzw. er wird die Erinnerung an ein Etwas, das die Anschauung bzw. Empfindung hervorgerufen hatte. Erst dadurch, daß wir die Gesamtwahrnehmung scharf ins Auge fassen, verschwindet dieser Schein wieder und der richtige Sachverhalt kommt zu Bewußtsein.

Wenn wir ferner derart reflektieren, daß wir die Wahrnehmung oder gar den gesamten Wahrnehmungszusammenhang  als Bewußtseinsfaktor  ins Auge fassen, also zum Bewußtsein, der Psyche, dem Ich oder wie man es nennen will, in Beziehung zu setzen, so erscheint er als ein wundersamer, in sich geschlossener Zusammenhang, als eine Einheit der Apperzeption, in der der Gegenstand nunmehr weiter gar nichts ist, als der Einheitsgedanke. Der Zusammenhang des Einzeldings wie der Zusammenhang des Ganzen  ist  hier der Gegenstand selbst. - Wir müssen uns, um die Täuschung aufzuheben, wieder an die aktive Wahrnehmung zurückerinnern. Sonst wird uns von hier aus unrettbar die ursprüngliche Beziehungsrichtung verdunkelt.

Die letzte Beziehungsrichtung ist nun aber gerade diejige, von welcher KANT ausgeht. Auf sie kommt er stets wieder als auf die Grundbeziehung zurück. Gerade diesen Gesichtspunkt spricht er als den "transzendentalen" heilig. Und in der Tat, er hätte kein passenderes Wort wählen können. Denn während die wirkliche Wahrnehmung schlangweg die  transzendente  Behauptung aufstellt, ihre Bestimmungen hätten für einen Gegenstand  Geltung der gänzlich unabhängig von ihr  besteht,  so sagt jener Gesichtspunkt, sie bezeichneten wohl ein Objekt, aber dieses Objekt  sei  doch nur Einheit in der Erscheinung.

Dieser Anschauung habe ich in meinem früheren Aufsatz das Urteil der Wahrnehmung gegenübergestellt und das Recht des Wahrnehmungsurteils verteidigt, indem ich dessen Unerläßlichkeit zeigte. Hier ist also anzusetzen, wenn man widerlegen will. Es muß bewiesen werden, daß der sogenannte transzendentale Gesichtspunkt richtig und leistungsfähig, der transzendente Gesichtspunkt der Wahrnehmung irrig und leistungsunfähig ist. Aber dieser Beweis darf nicht von vornherein aus dem bestrittenen Standpunkt heraus und mit dessen Argumenten geführt werden. Denn dann nimmt man ja schon als erwiesen an, was zu erweisen ist.

In letzterer Weise aber argumentiert MESSER gegen mich. Schon auf Seite 322, also noch fast am Anfang seiner Erörterung stehend, redet er von der Beziehung des Gegenstandes  zu uns.  "Diejenigen Momente, so sagt er, die den Gegenstand selbst konstituieren, sind uns nicht durch die Dinge ansich unmittelbar gegeben." Man könnte da freilich gleich sagen: Nun, wenn nicht unmittelbar, so doch vielleicht mittelbar. Aber wir sind ja hier noch gar nicht an der Beziehung eines Dings ansich zum Bewußtsein. Wir sind noch lange, lange nicht an die von MESSER hier schon vorgelegte "Kantische Problemstellung", nicht "an die schwierige Frage" gelangt:  "Auf welchem Grund  beruth die Beziehung unserer Vorstellung auf den Gegenstand?" Eine solche Frage habe ich in der Kritik COHENs gar nicht mehr erörtert, bloß von fern angedeutet. Denn sie ist die aller-aller-letzte Frage, an die wir erst dann herantreten können, wenn der  Tatbestand  selber gänzlich klargelegt ist. In einem Aufsatz über den "Streit um das Ding ansich" etc. (Kant-Studien Bd. IV) hatte ich selbst etwas voreilig diese Frage angeschnitten und habe nur den Erfolg gehabt, daß niemand wußte, was ich eigentlich wollte. Das mußte zur Vorsicht mahnen. Es muß daher, ehe die genannte Frage auch nur angetupft wird, erst einmal klar gestellt sein, was Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand  besagt,  was insbesondere diejenige Vorstellungsbeziehung, die wir Wahrnehmung nennen,  tatsächlich enthält.  Die Frage, was von den Gegenstandsbestimmungen der Wahrnehmung im Geist geschaffen sein mag und was nicht, hat darum zunächst ganz wegzubleiben.

MESSER seinerseits stellt dagegen ohne weiteres - freilich auch im Anschluß an KANT - die Behauptung auf, "daß die Welt von räumlich-zeitlichen Dingen und Vorgängen als Gegenstand für uns erst im Geist geschaffen wird." Das ist aber eine mehrdeutige Behauptung. Man muß sie vielleicht in einer Hinsicht gelten lassen: darin, daß die Wahrnehmungselemente erst im Geist geordnet werden; man hat sie aber vielleicht in einer anderen Beziehung sehr lebhaft zu bestreiten, darin nämlich, daß, wie KANT meint, durch die Empfindungen bloß angeregt, Raum, Zeit, Kategorien gleichsam vermöge einer Epigenesis vom Geist geschaffen werden. Auf alle Fälle aber gehört die Erörterung, oder gar die Entscheidung dieser Frage noch lange nicht hierher.

So, wie sie nur allzurasch bei KANT entschieden wird, ruht sie auf den oft wiederholten Sätzen: Wir haben doch nichts als unsere eigenen Bestimmungen, unsere Vorstellungen. Diese gestatten uns nicht, aus uns herauszulangen. Also ist es ganz außer unserer Erkenntnissphäre, von Dingen ansich etwas aussagen zu wollen. - - Wir sehen hier deutlich, daß KANT einfach die faktische Aussage der Wahrnehmung für nichts erachtet und sich einseitig und voreilig an die Beziehung der Wahrnehmung zum bewußten Ich heftet. Wenn das keine Vermengung des psychologischen Gesichtspunktes mit der kritisch alle Gesichtspunkte unterscheidenden und in gleicher Weise prüfenden Betrachtung ist, so muß ich allerdings blind sein.

Demgegenüber aber ist zu sagen: Mit dem aus einem einzelnen Gesichtspunkt erst reflektiert herausgeholten Argument kann man die völlig entgegengesetzte direkte Aussage die von einem anderen Gesichtspunkt aus stattfindet, nicht so ohne weiteres widerlegen. Wenn, um das an einer Analogie zu zeigen, die Sinneswahrnehmung die Sonne um die Erde gehen läßt und die Kopernikanische Anschauung die Erde um die Sonne führt, so stehen sich da zunächst zwei Gesichtspunkte gegenüber. Welcher richtig ist, ist nicht dadurch zu entscheiden, daß man sofort für einen von beiden Partei ergreift, sondern nur dadurch, daß einer von beiden, oder in anderen Fällen ein dritter, die sämtlichen widerstreitenden Aussagen aufklärt. Wenn wir nicht die abweichende Sinneswahrnehmung gerade aufgrund der Kopernikanischen Vorstellung  erklären  könnten, so würden wir stets noch an der Richtigkeit der letzteren zweifeln müssen. KANT und der Kantianismus hat aber mit seiner vermeintlich Kopernikanischen Behauptung, daß Raum, Zeit, Kategorien, als vom Geist beigeschaffen, nicht für Dinge ansich gelten können, die abweichende, in der Wahrnehmung wurzelnde Aussage des Realismus bis jetzt nicht erklären können. Er hat uns im Gegenteil in immer tiefere Labyrinthe geführt.

Umgekehrt hat freilich auch der naive Realismus bis jetzt nicht das Bedenken lösen können, das in dem von MESSER allzufrüh, aber doch richtig gestellten Kantischen Problem steckt: "Auf welchem Grund beruth die Beziehung unserer Vorstellungen auf den Gegenstand?" Daraus ergibt sich, daß wir von neuem bohren und die richtige Stelle suchen müssen, aus welcher der Quell fließt. Diese Stelle sehe ich nun nicht, wie COHEN, in einer Idee von der alles abzuleiten wäre, und ebensowenig im Gesamtzusammenhang der wahrgenommenen Gegenstände, den wir Welt nennen. Letzterer Gegenstand ist der Gegenstand der Naturwissenschaft. Aber diese Naturwissenschaft ebenso, wie schon die gemeinen Urteile über die Welt, beruhen auf der Wahrnehmung dieser Welt. Also ist diese Wahrnehmung  als solche  zum Gegenstand der philosophischen Untersuchung zu machen. In ihr finden sich dann vielleicht die Fäden, die uns einerseits die Welt, andererseits die Idee wenigstens soweit verständlich machen, daß wir den Zusammenhang zwischen ihnen erfassen.

In dieser Hinsicht glaubte ich dann, trotz aller Kürze schon in der Kritik COHENs die Frage wenigstens ein Stückchen gefördert zu haben. Ich zeigte nämlich - in Fortführung der in den "Analogien der Erfahrung" angestellten Analyse, daß die Wahrnehmung tatsächlich Beziehungen zu einem Gegenstand enthält, der von ihr jenseits ihrer selbst verlegt wird. Sie sagt tatsächlich aus, daß die von ihr bezeichneten Größenzusammenhänge in einer transzendenten Welt "ansichobjektiv.html" existieren. und ich zeigte, daß die Wahrnehmung selbst in sich zusammenstürzt, sobald man diese Urteile aus ihr entfernt. Der sogenannte Idealismus ist also unmöglich, wenn man die Wahrnehmung auch nur als Wahrnehmungszusammenhang anerkennt. Denn man muß nicht bloß ihre Aussagen, sondern ihren Zusammenhang selbst vernichten, wenn man auf einem Idealismus, sei es dem KANTs, sie es dem BERKELEYs bestehen will. Die in ihr enthaltenen instinktiven Urteile sagen aus, daß die raumzeitlichen Bedingungen für unabhängig vom Bewußtsein bestehende Verhältnisse  Geltung  haben und sie machen eben  dadurch  die Wahrnehmung zur Wahrnehmung. Wie dies zugehen mag, woher Raum, Zeit, Kategorien  stammen,  woraus die Befugnis zu jenen Urteilen  erklärt  werden möge, das ist eine Frage für sich, die späterhin erledigt werden mag. Vor der Frage  quid juris,  kommt die Frage  quid facti.  und das Faktum ist,
    1. daß die in der Wahrnehmung enthaltenen Urteile unzweideutig Geltung für eine jenseits des Bewußtseins liegende Welt beanspruchen,

    2. daß der Wahrnehmungszusammenhang selbst zerstört werden muß, wenn man die Gültigkeit seiner Urteile für einen transzendenten Weltzusammenhang bestreitet.
An diesen Tatsachen sollte die Philosophie doch nicht so leichthin vorbeigehen und mit phänomenalistischen Umdeutungsversuchen kommen, deren Grundlage einem ganz anderen Gesichtspunkt entspringt. Will man widerlegen, so muß man nachweisen, daß der Wahrnehmungszusammenhang jene Urteile nicht unerläßlich enthält, oder aber, daß er als Ganzes ein Blendwerk ist, und daß wir uns ohne ihn behelfen können und müssen. Ist beides unmöglich, so ist auch eine Widerlegung unmöglich.

Von diesen Feststellungen aus wird es nun verhältnismäßig geringer Mühe bedürfen, um MESSER sowie die, welche von gleichen Gesichtspunkten ausgehen, wenigstens dahin zu überzeugen, daß die aus KANT entnommenen Gegenbehauptungen gegen meine Aufstellungen unmöglich stichhaltig sein können. Oben sahen wir, daß wir dann, wenn wir nicht dem Gesichtspunkt, den die Wahrnehmung direkt auf  ihren  Gegenstand hat, nachgehen, sondern die Wahrnehmung als Bewußtseinsfaktor behandeln, in natürlichster Weise einen ganz anderen Gegenstandsbegriff bekommen, als den, der in der Wahrnehmung selber enthalten ist. Es ist hier genau so, wie wenn wir in der Natur z. B. den Blick vom beleuchteten Gegenstand auf die Lichtquelle werfen, in deren Schein er so oder so beleuchtet ist. Da wird unser ganzes Untersuchungsobjekt verändert. Im ersten Fall betrachten wir den Gegenstand selbst; das Licht, das darauf fiel, war uns Voraussetzung; im zweiten Fall wird die Erscheinung des Gegenstandes zur Voraussetzung; die Natur der Beleuchtung zu studieren, ist das Problem. Was die Erscheinung für  ihren  Gegenstand  bedeutet,  tritt dabei völlig aus der Blicklinie heraus. Er ist jetzt nur das im übrigen gänzlich irrelevante  X  auf dem die Lichtquelle in diesen oder jenen bestimmten Lichtern spiegelt.

Nun ist es allerdings eine bedeutsame Aufgabe, die durch die Lichtquelle hervorgerufenen Modi der Erscheinung von denen zu sondern, die sich auf den Gegenstand selbst beziehen, damit nicht etwa eine Bestimmung, die der Lichtquelle zukommt, dem Gegenstand zugeschrieben werde.  Aber auch umgekehrt.  Den ersten Gesichtspunkt faßt KANT auf dem Gebiet der Erkenntnislehre ins Auge. Den zweiten Gesichtspunkt aber hat er darüber ganz außer Acht gelassen. Hätte er sich freilich damit begnügt, den ersten Gesichtspunkt scharf abzusondern und zu sagen, er wolle einmal sehen, in welchem Zusammenhang der Gegenstand  erscheine,  wenn man ihn bloß in seiner Bedeutung als Bewußtseinsfaktor betrachte, so wäre nicht das mindeste dagegen zu sagen. Eine mit vollem Bewußtsein unter einem bestimmten Gesichtspunkt durchgeführte Analyse ist zweifellos stets sehr wertvoll. Aber der Gesichtspunkt muß dann auch  festgehalten  werden. Es dürfen dann nicht Bestimmungen hinzutreten, die unvermerkt auf einen anderen Gesichtspunkt hinübergreifen, und sagen wollen, was die Erscheinung  bedeutet

Das aber ist bei KANT leider durchweg der Fall. Wollte er die Weltvorstellung bloß als Bewußtseinsfaktor behandeln, so waren die bezeichnenderweise in der zweiten Auflage der  Kritik der reinen Vernunft  weggebliebenen Abschnitte über Apprehension, Reproduktion und Rekognition durchaus am Platze, ebenso die Erörterung über Anschauung und Begriff, über die Einheit der Apperzeption und dgl. mehr. Dann aber mußte die Weltvorstellung bzw.  Naturwahrnehmung  in ihren Aussagen über ihren Gegenstand entweder als abgetan oder als ein später zu erörterndes Problem behandelt werden. Keinesfalls aber konnten beide Untersuchungsarten derart ineinandergemengt werden, daß der ersten ohne weiteres die führende, der zweiten die untergeordnete Rolle zukam. Da das KANT tat, und den Gegenstand der Wahrnehmung aus dem Gesichtspunkt der transzendentalen Einheit bestimmen wollte, so mußte gerade der Zentralbegriff der Erkenntniskritik, der Begriff vom Gegenstand in ein Schwanken und Schillern geraten, dadurch er kaum noch greifbar erschien.

Da entstand zunächst, indem man die Einzelwahrnehmng bzw. ein Moment in ihr, die Empfindung herausnahm und gesondert vor Augen führte, die genannte Vorstellung, daß diese Empfindung ihrerseits nichts von uns Gemachtes, sondern etwas Gegebenes sei, das also auf etwas hinweise, was außerhalb des Bewußtseins liegt, was "Ursache" der Erscheinungen ist. Dieser Gegenstand aber kann nunmehr, da ja bei KANT Raum, Zeit, Kategorien einzig als Bewußtseinsfaktoren auftreten, nicht bestimmt werden. Er bleibt als "unbekannte" Ursache der Erscheinungen, ein bloßes  X. 

Aber diesem  X1  tritt ein  X2  zur Seite, das jede Reminiszenz an einen auswärtigen Ursprung der Empfindungen verloren hat und reines Erzeugnis der Einheit der Apperzeption ist. Wenn wir Wahrnehmung bloß als Bewußtseinsfaktor behandeln, so tritt ja in der Tat der Gegenstand, was MESSER (Seite 324) merkwürdigerweise  gegen  mich ins Feld führt, bloß als Etwas auf, was dawider ist, daß unsere Erkenntnisse nicht aufs Geratewohl ... bestimmt seien, d. h. als "die formale Einheit des Bewußtseins in der Synthesis des Mannigfaltigen der Vorstellungen" (1. Ausgabe, Seite 104f). Dieser Gegenstandsbegriff, der transzendentale Gegenstand spielt auch in der seinerzeit von mir hervorgehobenen Stelle (2. Ausgabe, Seite 236) die allein maßgebende Rolle. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen bildet er die Einheit, darin sich alle Bestimmungen des Gegenstandes verbinden. Wenn wir nun aber - immer den vorliegenden Gesichtspunkt festhaltend - die zugehörigen Bestimmungen in Gedanken wegtun, so geht es uns genau so, wie wenn wir vom Zentrum einer Kugel alle Kugelbestandteile entfernen. Es bleibt nur der imaginäre Punkt übrig, um den die Kugelbestandteile sich gruppiert hatten. Das ist ein zweites  X,  das bei KANT stets mit dem ersten  X,  das ganz verschiedenen Ursprungs ist, durcheinanderläuft, der Grenzbegriff, der positiv gefaßt, zu einem gespenstischen Gegenstand, dem Noumenon werden würde.

Wenn man sich einmal die genannten verschiedenen Gesichtspunkte vor Augen führt, so wird die vorher so verworrene Sache ganz klar und verständlich und wir können anhand dieser verschiedenen Gesichtspunkte das Gewebe der Kritik der reinen Vernunft ziemlich klar durchschauen. Und wenn man da bemerkt, wie der empirische Gegenstand, der, z. B. in der Widerlegung des Idealismus, ziemlich deutlich als der gemeine "unmittelbare" Wahrnehmungsgegenstand hervortritt, "bewiesen" werden soll, so hat man im Grunde den Schlüssel zum Ganzen. Statt die unmittelbare Beziehung zu  analysieren  und ihrem Gesichtspunkt mindestens einmal dem "transzendentalen" gleichwägend gegenüberzustellen, wird sogar diese vom transzendentalen aus "bewiesen", damit aber ihres unmittelbaren Inhalts entleert. Und so wird dann nicht bloß der Wahrnehmungs inhalt  als psychischer Inhalt, sondern auch dessen  Bedeutung  unter den transzendentalen Gesichtspunkt gestellt und die Wahrnehmung wird auch in letzterer Hinsicht zur bloßen Erscheinung, der dann, je nachdem die Empfindung oder das Denken mehr in den Vordergrund der Betrachtung rückt, bald die unbekannte Ursache  X1,  bald der bloße Einheitsbegriff  X2  korrespondiert. Das hat MESSER noch nicht durchschaut, und so erklärt sich, daß er mich mit Gründen widerlegen will, die dem von mir bestrittenen Gebiet entnommen sind.

Es trifft sich nun gut, daß in demselben Heft, in dem MESSERs Entgegnung erscheint, eine eingehende Abhandlung von ANTON THOMSEN über den gleichen Gegenstand veröffentlicht wird, und daß darin ebenfalls - im Anschluß an ältere Kritiker - der Widerspruch zwischen dem "transzendentalen Ding ansich" und dem "empirischen Ding ansich" dargelegt wird. Letzteres ist für THOMSEN freilich nicht jenes  X1,  d. h. nicht der aus der Pistole geschossene unbekannte Grund der Erscheinungen, sondern das "phänomenale objektive Substrat", das aus Größen besteht. Dies nenne KANT frelich nicht Ding ansich, ziehe aber seine Bestimmungen mit in den Begriff des Dings ansich herein, und darauf beruhe seine Grundverwechslung. Das ist wohl im Kern der Sache richtig, aber in der Argumentationsart schief. Hätte KANT dieses Objekt - das THOMSEN ganz richtig als aus Größen bestehend bezeichnet, selbst als Ding ansich anerkannt, d. h. als ein Ding, dessen  Bestimmungen  unabhängig vom Bewußtsein  gelten,  so wäre viel Streit vermieden. Als solches Ding bezeichnet es die Wahrnehmung freilich tatsächlich, indem sie behauptet, der eben geschaute Baum sei derselbe, wie der gestrige. Damit aber, daß KANT dieses Ding ansich bloß zur Einheit unter unseren  Vorstellungen  verflüchtigt, daß er also die objektive Gültigkeit, die er doch behaupten muß, psychologisch auflöst, liegt der Fehler.

Daß THOMSEN hier fehl geht, liegt daran, daß auch er die Gesichtspunkte nicht scharf scheidet, unter denen wir die Wahrnehmung betrachten können: Wahrnehmung als Erscheinung im Bewußtsein, als ein Gegenstand, den wir für sich vorstellen können und als die unmittelbare Beziehung zu äußeren Gegenstänäden. Diese drei Gesichtspunkte gilt es aufs klarste auseinander zu halten. Der dritte ergibt die natürliche (wirkliche) Wahrnehmung, der zweite Gesichtspunkt nimmt diese Wahrnehmung als Gegenstand der Analyse, der erste ist der psychologische, vermeintlich "transzendentale" Gesichtspunkt. Springt nun im geringsten die Betrachtungsweise von einem auf den anderen Gesichtspunkt über, ohne daß man sich dessen klar bewußt bleibt, so gibt es ähnliche Vermengungen, wie wenn wir im Auge befindliche  mouches volantes  [Linsentrübung - wp], und auf dem Hintergrund bewegte Gegenstände durcheinandermengen.

Wenn THOMSEN mit LICHTENBERG, HELMHOLTZ u. a. behauptet, der konsequente Idealismus sei unwiderleglich, so betrachtet er von vornherein die Wahrnehmung unter einem bloß psychologischen Gesichtspunkt und projiziert die Reflexion aus ihm auf den naiven Gesichtspunkt. Wenn wir dagegen diesen naiven Gesichtspunkt selbst unter dem zweiten Gesichtspunkt kritisch betrachten, so ergibt sich, wie oben gezeigt, handgreiflich die Unmöglichkeit sowohl des Kantischen, wie des BERKELEYschen Idealismus. Bliebe nur noch der Idealismus übrig, der wie HEGEL und wie neuerdings COHEN alles Erkennen aus der Idee ableiten und die Wahrnehmungsbestandteile einschließlich der Empfindung tatsächlich von hier aus auflösen will. Dieser Idealismus kann nur leider seinen Ikarusflug nicht vollenden; denn er stürzt bei der erstbesten Gelegenheit doch wieder ab in die sinnliche Wahrnehmung, die aufzulösen er nicht imstande ist. Aber er ist in sich jedenfalls folgerichtiger als derjenige Idealismus, der in einem Atem behauptet, das empirische Haus von gestern sei das empirische Haus von heute, und doch sei diese Identität in einem "transzendentalen Sinn" nur ein Zusammenhang bloßer Vorstellungen von Etwas, das uns gänzlich unbekannt sei. Diese Behauptung gleicht der des Fastenpredigers, der nach einem guten Mahl die Güter dieser Welt für Staub und Moder erklärt.

Da THOMSEN die notwendigen grundlegenden Unterscheidungen der verschiedenen Gegenstandsgesichtspunkte so wenig wie MESSER vornimmt, so gerät ihm die Kritik nicht durchgreifend. Wohl hat er durchaus recht, wenn er z. B. Seite 217f die Vermengung zwischen transzendentalem und empirischem Ding-ansich zerfasert; aber er sieht die Vermengung unvollständig; sonst würde er merken, daß es sich keineswegs um eine bloße Vermengung von Empirisch und Transzendental, sondern um eine Vermengung zwischen jenem  X1  und  X2  handelt, daß dagegen der empirische, d. h. der in der Wahrnehmung nicht bloß bezeichnete, sondern bestimmte Gegenstand bei KANT zu einer psychologischen  mouche volante  geworden ist, oder besser zu einem Schatten, der von seinem Urgrund, dem nun unbekannten  X1,  getrennt ist, wie die Schatten des Hades vom Dasein, zu dem für sie kein Nachen, keine Brücke mehr herüberführt.

Vorstehende Erörterung hat nun hoffentlich deutlich und klar gezeigt, auf welche Fragen und auf welche Gesichtspunkte für ihre Beantwortung es ankommt. Gleich zu Anfang zeigte sich, daß von der Wahrnehmung aus und schon in ihr sich der Gegensatz zwischen Wahrnehmung und Gegenstand entwickelt, daß erstere Bestandteile in sich enthält, die sie unmittelbar und instinktiv nicht, wie die gemeine Reflexion meint, dem Gegenstand zumißt, sondern als dessen Wirkungen auf das empirische Ich bezeichnet. Und weiter ergab sich, daß da, wo Wahrnehmungsbeziehungen als irrig oder zweifelhaft bezeichnet werden, eine weitere Scheidung zwischen Bewußtsein und Gegenstand zutage tritt. So haben wir ganz unmittelbar in der Wahrnehmung jene drei Gesichtspunkte: Beziehung der Wahrnehmung auf  ihren  Gegenstand, Beziehung auf die Wahrnehmung  als  Gegenstand und Beziehung der Wahrnehmung auf das Bewußtsein (ihre Betrachtung als bloßen Bewußtseinsfaktor) vorbereitet gefunden. Umgekehrt aber hat sich gezeigt, daß wir dann, wenn wir von vornherein vom letzteren Gesichtspunkt  ausgehen,  nicht nur den ganzen Gegenstandsbegriff in Unklarheit bringen, sondern auch von hier aus die Brücke zur Wahrnehmungsaussage abbrechen.

Also muß von der Wahrnehmung ausgegangen werden!  Das ist die Folgerung, die, sollte ich denken, aus alldem gezogen werden  muß.  Zur Analyse der Wahrnehmung hat KANT selbst ja die wertvollste Vorarbeit geliefert, die vom gewöhnlichen Empirismus noch gar wenig beachtet wird.

Erst dann, wenn wir diese Arbeit geleistet haben, dann erst und nicht früher ist auf die von KANT und ihm nach von MESSER an den Anfang gestellte Frage einzugehen:  Auf welchem Grund  beruth die Beziehung unserer Vorstellung auf den Gegenstand? Hier wird dann die andere Frage zur Entscheiung zu bringen sein, ob wirklich Raum, Zeit, Kausalität auf Grund der Sinneseindrücke bloß epigenetisch  als Vorstellungen  zustande kommen. Aber wie dieser Frage auch gelöst werden muß: zu betonen ist, daß die Frage nach der  Bedeutung  jener Vorstellungen nicht von ihr abhängig zu machen ist. Sollte die Frage in KANTs Sinn zu beantworten sein, so würde dessen Frage, wie subjektive Bedingungen des Anschauens und Denkens objektive Bedeutung haben können, allerdings von neuem auftauchen. Aber die Frage würde dann doch viel genauer bestimmt sein. Wir wissen jetzt, was das Wort "objektiv" vom Gesichtspunkt der Wahrnehmung aus zu  bedeuten  hat und lassen uns nicht mehr mit einer Deduktion aus der transzendentalen Einheit der Apperzeption  abspeisen.  Wir müssen vielmehr in jedem Fall fragen, wie die Aussagen, die vom Gesichtspunkt dieser transzendentalen Einheit stattfinden, mit dem unvertilgbaren Geltungsanspruch der Wahrnehmung zusammenhängen.

Das ist das Problem, an dem wir arbeiten müssen. Die Frage, an der sich das letzte Jahrhundert abquälte, ob Raum, Zeit und Kategorien für Dinge, die unabhängig vom Bewußtsein bestehen,  Geltung  haben, ist gegen KANT entschieden, sobald wir die Wahrnehmung einmal unbeeinflußt vom "transzendentalen" Gesichtspunkt aus analysieren. Dann müssen wir uns klar werden, daß diese Wahrnehmung jenen Geltungsanspruch notwendig enthält, und daß sie für uns in keiner Weise zu entfernen ist.
LITERATUR - Franz Staudinger, Der Gegenstand der Wahrnehmung, Kant-Studien, Bd. 10, Berlin 1905
    Anmerkungen
    1) Ich bemerke, was schon in meiner Kritik COHENs, Bd. VIII, Heft 1, betont wurde, daß ich unter Wahrnehmung nicht die einzelne sinnliche Anschauung, sondern die Gesamtheit dessen verstehe, was dem natürlichen Bewußtsein den Gegenstand als wahr bestimmt (Wahr-Nehmung).