Max Frischeisen-Köhler, Die Realität der sinnlichen Erscheinungen [1/5]
    tb-1p-4ra-2R. EuckenCondillacR. EislerG. K. UphuesH. Czolbe
 
MAX FRISCHEISEN-KÖHLER
Die Realität der
sinnlichen Erscheinungen

[ 1 / 5 ]


"Streng genommen ist es nicht eigentlich zulässig, von einem Sehraum und Tastraum oder gar einem Hörraum zu sprechen und die Möglichkeit ihrer Koinzidenz oder Ähnlichkeit in Frage zu stellen. Ob und wann die optischen und haptischen Raumvorstellungen zu den ähnlichen oder selben Ergebnissen in der Auffassung und Reproduktion äußerer Formverhältnisse gelangen, ist ein Problem von großem Interesse, aber der Raum, in welchem alle diese Lokalisationen stattfinden, ist nicht selbst eine Sinnesvorstellung. Die sinnliche Lokalisation, ob sie als ursprünglich oder abgeleitet angenommen wird, ist immer relativ zum eigenen Körper."

"Die Sinnesinhalte, die Farben, die Schälle sind keine physischen Tatsachen, sie sind nicht im objektiven Raum; sie sind Reaktionen im inneren Bereich der Seele. Der Gegenstand vor meinem Auge ist nicht gefärbt, sondern die Farbe, mit der er bekleidet erscheint, ist nur ein Erzeugnis meiner Sinnlichkeit, übertragen auf den Gegenstand der Wahrnehmung. Die empfundenen Qualitäten gehören nicht zu den Prädikaten dieses Gegenstandes, sondern haben den Ort ihres Daseins nur im empfindenden Individuum. Die Farben und die Töne sind rein subjektive Phänomene und als solche nicht existent im physikalischen System der Körper."

"Welches die absoluten Eigenschaften der Dinge sind, wissen wir nicht und können wir jedenfalls auf dem Weg der sinnlichen Wahrnehmung nicht erfahren; denn dieselbe zeigt uns immer nur Affektionen unserer Sinnlichkeit."

Die Frage nach dem Realitätswert der Sinneserscheinungen pflegt in der neueren Philosophie zumeist im Zusammenhang des allgemeineren Bewußtseinsproblems behandelt zu werden. Aber seitdem in jüngster Zeit sich immer mehr die Einsicht verfestigt hat, daß die letzthin auf BERKELEY zurückgehende Begründung des reinen Phänomenalismus unhaltbar, daß die Existenz von Sinnesinhalten unabhängig vom empfindenden menschlichen Bewußtsein durchaus widerspruchsfrei denkbar ist, (1) liegt die Entscheidung in der Beweiskräftigkeit der Argumente, die unabhängig vom Satz des Bewußtseins die ausschließliche Subjektivität der sinnlichen Qualitäten fordern. Geschichtlich gesehen ist es in erster Linie die Ausbildung der mechanischen Naturauffassung im 17. Jahrhundert und sodann die von JOHANNES MÜLLER und HELMHOLTZ abgeschlossene Lehre von den spezifischen Sinnesenergien gewesen, die den Glauben des naiven Menschen an die Wirklichkeit alles dessen, was das unbewaffnete Auge der Erkenntnis erblickt, am tiefsten erschüttert hat. Aber die mannigfachen Wandlungen, welche das Urteil über die wahre Bedeutung und die Tragweite der naturwissenschaftlichen Sätze und Theorien durchgemacht hat, ist nicht ohne Einfluß auf die grundsätzliche Stellungnahme zum Problem der qualitativen Seinsbeschaffenheit geblieben. Eine Reihe von Stimmen, zumal auch aus naturwissenschaftlichen Kreisen, sind zugunsten einer Auffassung laut geworden, die im Gegensatz zum abstrakten gleichsam algebraischen Weltbild der theoretischen Physik das Wirkliche wieder als mit qualitativen Eigenschaften ausgestattet zu denken wagt und von philosophischer Seite sind verschiedene Versuche einer förmlichen Rehabilitierung des sogenannten naiven Realismus vorgelegt worden. So entsteht die Aufgabe einer neuen Diskussion des Problems der Objektivität der sinnlichen Qualitäten; sind diese nur als subjektive Phänomene zu bezeichnen, deren Existenz sich in ihrem Wahrgenommenen erschöpft oder sind sie mehr als solche flüchtige Erzeugnisse der Subjektivität, kann auch ihnen in irgendeinem Sinne Realität unabhängig vom Wahrnehmungsakt zugesprochen werden?


1. Vorbemerkungen

Die erste Voraussetzung der folgenden Untersuchung bildet die Annahme, daß die Naturwissenschaft zu ihrem Objekt eine Realität hat, die unabhängig vom forschenden Geist besteht. Die rein phänomenologische Auffassung der Physik, wie sie namentlich von JOHN STUART MILL und MACH vertreten wird, hat sich gerade in ihrer grundlegenden Forderung, daß alle Erkenntnis auf Konstatierung von Relationen zwischen Elementen der unmittelbaren Erfahrung einzuschränken sei, als unhaltbar erwiesen. (2) Naturwissenschaftliche Gesetze sind nicht Gesetze von Erscheinungen; die aus Erscheinungen erschlossene Ordnung ist nicht eine Ordnung der Erscheinungen. Der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Bearbeitung des Gegebenen liegt in der Eigenerfahrung, ihre Aufgaben aber in der beständigen Erweiterung der Grenzen, durch welche diese Eigenerfahrung zunächst beschränkt ist. Denn die Eigenerfahrung enthält nur ein Partialbild der Totalität des Wirklichen, dessen Partikularität und Enge und Lückenhaftigkeit durch das Ineinandergreifen einer Mehrheit von Beobachtungen, durch die fortschreitende Verfeinerung von Hilfsmitteln aller Art, durch die Ausbildung der Methoden, nach denen eine hypothetische Ergänzung zu schließen hat, allmählich überwunden werden kann. Die empirische Forschung darf und muß alle Fragen unberücksichtigt lassen, welche den Logiker und den Erkenntnistheoretiker beschäftigen. Selbst wenn die Erkenntnistheorie in der Erkenntnis der Bedingtheit aller Existenz durch ein Bewußtsein eine Einsicht von grundlegender Bedeutung gewonnen zu haben glaubt, so ist dieselbe doch für den Standpunkt der Physik und der anderen Wissenschaften von der Natur ohne weitere Folgen. Treten wir ein in deren Verfahrungsweise, suchen wir uns ihre Ergebnisse und Methoden in ihrer Tragweite zum Verständnis zu bringen, so darf keine Erinnerung an irgendwelche Relation zum Bewußtsein hier eingreifen, weder fördernd noch hemmend. Der positiven Forschung ist das Außenwirkliche als eine Realität im Raum gegeben. Was diese an sich oder absolut genommen sei, was in bezug auf die Transzendenz der räumlichen Ordnung angenommen werden müsse, bleibt ihr völlig gleichgültig. Sie ist gewiß, daß im Raum ein Wirkliches existiert, daß zu diesem Wirklichen auch die anderen Personen gehören, in welchem sich psychische Vorgänge abspielen, die als solche nicht im Raum sind. So tritt für dieses naturwissenschaftliche Denken das Bewußtsein nur als Naturphänomen auf, als Bewußtsein im psychologischen Sinn.

Und zwar bleibt zunächst auch unbestimmt, was unter diesem Raum und unter den sinnlichen Erscheinungen im Besonderen zu verstehen sei. Die erforderliche Präzisierung des Raumbegriffes ließe sich nur durch eine methodische Untersuchung des in der Naturwissenschaft erarbeiteten Raumbegriffs gewinnen. Nur so könnte es sich entscheiden, ob der der euklidischen Geometrie zugrunde liegende abstrakte, dreidimensionale Raum oder etwa ein mit gewissen physikalischen Eigenschaften ausgestatteter Raum, wie ihn einige neuere Spekulation als absolutes Bezugssystem, sei es mechanischer, sei es elektromagnetischer Kräfte, fordern, unsere Außenerfahrung konstituiert. Hier genügt, daß jedenfalls das Merkmal der stetigen Ausgedehntheit allen möglichen Raumbegriffen, auch den rein analytisch definierten, unaufhebbar zukommt. Dieser Raum, was er auch im übrigen sei, ist jedenfalls ein universales Stellensystem, dessen sämtliche Züge miteinander verbunden werden können und das als solches weder in einem bewußten Prozeß der Erzeugung von Elementen noch in einer bloßen Abstraktion von wahrgenommenen Formen und Lageverhältnissen begründet ist. (3) In Bezug auf diese ist er ein Prius; denn er bildet die Voraussetzung für die Möglichkeit, Formen und Lageverhältnisse zu bestimmen. Er kann auch auf keine Weise aus irgendwelchen Daten durch eine psychische Chemie oder Verschmelzung rein intensiver Elemente oder ein Arrangement von Lokalzeichen abgeleitet werden. Denn wie es sich auch mit den Fragen des Empirismus und Nativismus im einzelnen verhalten mag: der objektive Raum wird, selbst wenn man sich auch, was gegenwärtig kaum noch durchführbar sein dürfte, für einen extremen Empirismus entscheiden wollte, dadurch so wenig aufgehoben, daß vielmehr sein Dasein die unentbehrliche Grundlage für die Argumente des Empirismus und überhaupt jeder physiologischen und psychologischen Raumtheorie bildet. Nicht die Entstehung des Raumes selbst, etwa seine Deduktion aus etwas, das noch nicht Raum ist, sondern nur die psychologischen und physiologischen Bedingungen, welche die Ordnung der Empfindung in ihm, ihre Raumwerte ermöglichen, sind ein Problem der psychologischen Analyse. Daher ist es, streng genommen, nicht eigentlich zulässig, von einem Sehraum und Tastraum oder gar einem Hörraum zu sprechen und die Möglichkeit ihrer Koinzidenz oder Ähnlichkeit in Frage zu stellen. Ob und wann die optischen und haptischen Raumvorstellungen zu den ähnlichen oder selben Ergebnissen in der Auffassung und Reproduktion äußerer Formverhältnisse gelangen, ist ein Problem von großem Interesse, aber der Raum, in welchem alle diese Lokalisationen stattfinden, ist nicht selbst eine Sinnesvorstellung. Die sinnliche Lokalisation, ob sie als ursprünglich oder abgeleitet angenommen wird, ist immer relativ zum eigenen Körper, sowohl vom objektiven Standpunkt des Physiologen als auch vom subjektiven des auf seine Erlebnisse reflektierenden Psychologen angesehen. (4) Der Eigenkörper in seinen Dimensionen sowie der Raum, in welchem derselbe einen Ort einnimmt, gelten als absolut gegenüber der empfundenden Räumlichkeit.

Und ebenso erübrigt sich zunächst eine genaue Umgrenzung dessen, was als sinnliche Erscheinung angesehen werden soll. Auch hier ist eine exakte Begriffsbestimmung nur der Wissenschaft zu entnehmen, deren Aufgabe die Untersuchung und Beschreibung der Phänomene, wie sie gegeben sind, ist. Jedenfalls gehören ihnen die Inhalte der Sinnesempfindungen an, für deren Gesamtheit repräsentativ die optischen (Farben) und die akustischen (Töne) gelten mögen. Auf dem Standpunkt der Naturforschung kommen sie nur als das in Betracht, was vom Begriff der Naturwirklichkeit als ein eigenes Gebiet zu sondern ist. Nun geht die Tendenz der positiven Wissenschaft im Einklang mit der natürlichen Auffassung der Dinge dahin, als objektiv gewiß alles das zu betrachten, was in der Wahrnehmung gegeben ist und als Teil oder Eigenschaft der körperhaften Wirklichkeit angesehen werden kann. Aber indem weiter nach der näheren Beschaffenheit dieses Wirklichen gefragt wird, entsteht das Problem, ob die Annahme anderer als quantitativer Eigenschaften desselben möglich oder vielleicht gar notwendig oder unhaltbar, weil durch die wissenschaftliche Bearbeitung der Erfahrung widerlegt, ist. Wir wissen, daß alle Bestimmungen dieses von unserem Selbst scheidbaren Wirklichen, wozu auch der eigene Körper gehört, erschlossen sind und es fragt sich nun, welche Bedeutung die Empfindungen für die Bestimmung des Wirklichkeitscharakters besitzen. Und hier ist die Forderung der physikalischen Forschung, sofern sie vom Ziel einer mechanischen Naturerklärung geleitet wird, klar und eindeutig und seit dem Zeitalter des GALILEI und des DESCARTES als die Bedingung ihres Fortschrittes ausgesprochen worden, soweit auch die Formulierung und Begründung im einzelnen abweicht. Sie ist im Satz von der Subjektivität der sinnlichen Qualitäten zusammengefaßt. Nach ihm sind die Sinnesinhalte, die Farben, die Schälle keine physischen Tatsachen, sie sind nicht im objektiven Raum; sie sind Reaktionen im inneren Bereich der Seele. Der Gegenstand vor meinem Auge ist nicht gefärbt, sondern die Farbe, mit der er bekleidet erscheint, ist nur ein Erzeugnis meiner Sinnlichkeit, übertragen auf den Gegenstand der Wahrnehmung. Zu ermitteln, welche Prädikate diesem Gegenstand sonst zukommen, ist die Aufgabe der Wissenschaften. Wesentlich aber bleibt, daß die empfundenen Qualitäten nicht zu diesen Prädikaten gehören, sondern den Ort ihres Daseins nur im empfindenden Individuum haben. Die Farben und die Töne sind rein subjektive Phänomene und als solche nicht existent im physikalischen System der Körper.

Bei der Diskussion dieser Annahme muß jedoch ein Mißverständnis von prinzipieller Bedeutung abgewiesen werden, welches seit den Tagen der Sophisten und Skeptiker bis auf unsere Zeit das Problem verdunkelt und eine einwandfreie Entscheidung durch einen falschen Ansatz schon im Beginn verhindert hat. Denn die Frage nach dem Realitätswert des in der sinnlchen Wahrnehmung Gegebenen darf nicht mit der Frage nach ihrem Erkenntniswert verwechselt oder derselben gleichgesetzt werden. Auch diese enthält ein Problem erster Ordnung, ja unter dem Gesichtspunkt einer Theorie der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist eine methodische Klarlegung, ob und wann und unter welchen Bedingungen und in welchem Umfang ein Rückschluß von den Erscheinungsbildern auf das sie Hervorbringende gestattet ist, von zentraler Bedeutung. Denn die Wissenschaften von der Natur sind mehr als ein bloßer Inbegriff von Regeln, welche die Ordnung, die Koexistenz und Sukzession der stets individuellen Erscheinungsbilder beschreibend zusammenfassen. Sie gelten, wie schon bemerkt, für das System verharrender Wirklichkeit, das das Auftreten der Sinnenbilder in unseren Organen hervorruft. So arbeiten Physik, Chemie und Biologie an der Konstruktion eines objektiven Zusammenhanges, der als das materielle Substrat unserer Wahrnehmungen dieselben erklärbar macht. Aber hiervon ganz verschieden ist die Frage nach dem Wirklichkeitscharakter der Sinnenbilder selbst; ob den empfundenen Qualitäten eine analoge Eigenschaft in den Dingen, auf die sie bezogen werden, korrespondiere, mag problematisch sein und es vielleicht auch immer bleiben; aber das heißt noch nicht, daß die empfundenen Qualitäten selbst aus dem Reich der Naturwirklichkeit herausfallen. Alle Bedenken, welche die Skeptiker der verschiedenen Zeiten gegen eine Erkenntnis der objektiven Unterlage des in unseren Eindrücken Erscheinenden geltend gemacht haben, mögen zu Recht bestehen; aber sie enthalten keine Entscheidung über die Subjektivität oder Objektivität der Sinneseindrücke selbst. Die Behauptung, daß die Rose in Wirklichkeit nicht rot sei, ist gänzlich unbestimmt hinsichtlich des wahren Ortes und der wahren Natur der Röte. Fast alle gegen den objektiven Erkenntniswert der sinnlichen Eindrücke gerichteten Einwürfe lassen ihren Realitätscharakter unberührt.

Man kann die zuerst von den Sophiscten auf das Erkenntnisproblem angewandte und dann von den Skeptikern des Altertums vollendete Form der Argumentation, welche die Trüglichkeit der Sinneswahrnehmung dartun sollen, allgemein als das Prinzip der Relativität aller Sinneseindrücke bezeichnen. Sie zielt im letzten Grund immer auf den Nachweis, daß die äußere Wahrnehmung an eine Mehrheit von in jedem Fall verschiedenen Bedingungen geknüpft ist. So vereinigen sich zu diesem umfassenden Theorem der Relativität aller Empfindungen die Beobachtungen über die Sinnestäuschungen, die pathologischen Zustände, die Abweichungen der verschiedenen Wahrnehmungen sei es desselben Sinnes zu verschiedenen Zeiten oder verschiedener Personen und Sinne zu gleicher Zeit. (5) Die Qualitäten des erscheinenden Objektes sind bedingt durch die Zustände des empfindenden Subjektes und gestatten so keinen Schluß auf das, was ihnen am Objekt als das sie Hervorbringende entspricht. Aber diese Einsicht, wenn sie auch zu dem Satz erweitert wird, daß das Substrat der erscheinenden Sinnesbilder qualitätslos sei, weil es durch die in diesen auftretenden Qualitäten nicht bestimmt werden könne, enthält an sich noch nicht die Behauptung, daß die Sinneseindrücke nun als bloß subjektive, "innere" Tatsachen aufgefaßt werden müßten. Vielmehr zeigt die geschichtliche Ausbildung der griechischen wie der mittelalterlichen Wahrnehmungslehren, daß es sehr wohl möglich ist, den Gegenständen die sinnlichen Qualitäten abzusprechen, ohne doch die Subjektivität derselben daraus zu folgern. Daher ist der Satz der Relativität auch in keiner Weise geeignet, eine Subjektivität der Sinneseindrücke im Sinn ihrer bloß phänomenalen Existenz zu begründen. Es ist zweifellos richtig, daß, wie HOBBES es in schärfster Formulierung ausdrückt, die empfundene Qualität nicht dem Objekt, sondern allein dem Subjekt inhäriert [innewohnt, wp] und sein Beweis, der auf die Phänomene der Spiegelung, vor alle aber auf die Doppelheit unseres Auges zurückgeht, vermöge der wir jederzeit ein tatsächlich einfaches Objekt doppelt sehen können, (6) ist ebenso kurz wie schlagend. Aber bei HOBBES selbst bildet derselbe nur die Voraussetzung der weiteren Argumentation, die nun dartun soll, daß die empfundene Qualität im Empfindenden selbst nichts anderes als eine gewisse Bewegung on den inneren Partien des Gehirns ist. Wir können hier von der umfassenden, auf die mechanische Naturbetrachtung sich stützenden Demonstration absehen. Es genügt, daß HOBBES durch diese Einbeziehung anderer Überlegungen förmlich die Unzulänglichkeit der Lehre, daß die Sinneseindrücke ihren Ort im Empfinden haben, zur Begründung für deren reine Subjektivität anerkennt. Damit fällt zugleich das Argument, das aus der Divergenz verschiedener Aussagen über dasselbe Objekt für die Aufhebung der Realität der divergenten Sinnesinhalte geltend gemacht worden ist und noch immer ins Feld geführt wird. (7) Welches die absoluten Eigenschaften der Dinge sind, wissen wir nicht und können wir jedenfalls auf dem Weg der sinnlichen Wahrnehmung nicht erfahren; denn dieselbe zeigt uns immer nur Affektionen unserer Sinnlichkeit. Die Abweichungen der Wahrnehmungen normalsichtiger und farbenblinder Beobachter bei Anblick desselben Dinges kann deshalb nicht als ein Widerspruch konstruiert werden, der die objektive Setzung von etwas Farbigem unmöglich mache und somit ein zureichendes Motiv für die Folgerung bildet, daß das erkennende Subjekt den qualitativen Empfindungsinhalt in sich zurücknehme. Das durch LOCKE berühmt gewordene Beispiel der zweifachen Wärme-Empfindung, die ein Mensch in seinen beiden Händen zu gleicher Zeit von demselben Wasser haben kann, zeigt die Verwirrung deutlich. Der Schein einer vorgeblichen Unversöhnlichkeit der Aussagen entsteht nur dadurch, daß die Sinnesaffektionen im allgemeinen ohne Einschränkung auf ein und dasselbe Substrat bezogen werden; so ergibt sich allerdings das unmögliche Urteil, daß das Wasser zugleich kalt und warm sei. Aber in Wahrheit ist der Gegenstand der unmittelbaren Beurteilung nur die Empfindung selbst; ihre Beziehung auf ein Objekt, das zu gleicher Zeit auch als Träger anderer Attribute gedacht wird, ist ein weiterer Erkenntnisakt, der solange unvollständig und hypothetisch und darum auch korrigierbar bleibt, als nicht die besonderen Bedingungen, die vornehmlich in der vermittelnden Tätigkeit der Sinnesorgane gegründet sind, in Rechnung gezogen werden. Sollte nicht etwa die Modifikation, die der vom erwärmten Wasser ausgehende Reiz in den empfindenden Partien der Handfläche - sagen wir durch eine gegebene Eigentemperatur der Haut, die LOCKE selbst ausdrücklich voraussetzt - erfährt, hinreichen, um den Gegensatz der beiden Sinnesaussagen aufzuheben? (8) Natürlich, als Abbild der jeweilig im faktischen Objekt existenten Verhältnisse und Eigenschaften darf die empfundene Qualität nicht ohne weiteres betrachtet werden, denn sie ist immer nur in uns, das heißt in unseren Organen gegeben. Aber die widerspruchslose Vereinigung der Wahrnehmungen zu einem System der Naturerkenntnis ist schon hinreichend durch genaue Berücksichtigung der Mittel und Wege garantiert, durch welche wir überhaupt Naturerkenntnis gewinnen können. Die Physik bedarf der Physiologie zu ihrer Korrektur, aber es ist auf keine Weise nötig, deswegen die Qualitäten überhaupt aus dem Naturgeschehen, wozu auch die Vorgänge im Organismus gehören, zu eliminieren.

Der Schwerpunkt des Problems vom Realitätswert der Empfindungen liegt in der Aufklärung über die Natur und die Art der Existenz der wirklich empfundenen Qualitäten. Daß diese ihren Ort im empfindenden Organismus haben, mithin als solche dem Gegenstand der Wahrnehmung nicht anhängen, unterliegt keinem Zweifel mehr. In dieser Einsicht, die den Realgrund für das Theorem von der Relativität der sinnlichen Eindrücke darstellt, sind alle Denker einig: Empfunden wird immer nur der Effekt oder die Wirkung von Bewegungsvorgängen in unseren Organen. Auch unter der Voraussetzung, daß den Dingen qualitative Beschaffenheiten inhärieren, die unabhängig von ihrm möglichen Empfundenwerden existieren, bleiben diese Qualitäten doch für immer der menschlichen Wahrnehmbarkeit entrückt. So wenig wie die tastende Hand den Gegenstand "fühlt", vielmehr nur Druckschwankungen innerhalb der Nervenenden in Verbindung mit komplizierten Spannungs- und Bewegungsempfindungen erfährt, so wenig erfaßt das sehende Auge das Objekt mittels einer Art von Fernwirkung oder unsichtbarer Tastfäden. Die Welt der erlebbaren Gegenständlichkeit liegt in uns, in unserem Organismus; ob wir überhaupt und unter welchen Bedingungen wir ein Recht haben, den in unserem Organismus lokalisierten Empfindungen einen transorganischen Wert zuzuschreiben, ist eine offene Frage. Versteht man unter der Lehre von der Subjektivität der sinnlichen Empfindungen nichts weiter, als diese Beziehung zum Subjekt, dann findet sie im Satz der Relativität ihren vollständigen Nachweis, denn sie ist mit ihm identisch. So bedeutend dieser Satz aber in anderer Hinsicht ist, so vermag er doch eine Begründung für die Subjektivität der sinnlichen Qualitäten so wenig zu geben, daß nicht einmal die Aufgabe, um deren Lösung es sich hier handelt, klar gefaßt ist. Denn indem aus ihm als eine nächste Folgerung die weitere Einsicht abgeleitet wird, daß wir wenigsten auf dem Weg der sinnlichen Wahrnehmung die Dinge nicht so erkennen, wie sie an sich sind, führt er unmittelbar zu einem neuen Problem, durch welches das ursprüngliche Empfindungsproblem verdunkelt oder doch in einer Form als gelöst angenommen wird, das durch den Tatbestand der Relativität allein nicht gegeben ist. Ob die Qualitäten in Wahrheit den Dingen als Eigenschaften inhärieren, die auch bleiben, wenn ihre Träger der Wahrnehmbarkeit entzogen sind, oder ob sie flüchtig entstehende oder vergehende Phänomene in der Sinnlichkeit empfindender Organismen sind, hat mit der Frage nach der Art der Realität der Qualitäten nichts zu tun. Die hier auftretende Beziehung auf die Dingvorstellung und die Diskussion der Schwierigkeiten, die mit der Vorstellung der Inhärenz verbunden sind, bedeuten eine unnötige Komplikation der Fragestellung; jedenfalls kann sie wie überhaupt jede weitere Bestimmung der Eigenschaften des "Beweglichen im Raum" aus unserem Zusammenhang ausgeschieden werden. Denn wie auch die Entscheidung hinsichtlich des Realitätswertes der Empfindungen lauten möge: Selbst unter der Annahme, daß die Existenz der Empfindungen sich in ihrem Empfundenwerden erschöpfe, ihnen mithin eine dauernde Relation zum System der Dinge nicht zukomme, besteht doch die allgemeinere Frage fort, wie das Verhältnis der Dinge zu ihren Eigenschaften zu denken sei; denn irgendwelche Beschaffenheiten muß jede Naturanschauung, auch die der mechanischen Naturerklärung, an oder in ihren Gegenständen setzen. (9) Bevor wir in eine Erörterung der Relation treten können, welche zwischen den als objektiv angenommenen Qualitäten und ihren supponierten Trägern bestehen, muß der Nachweis geliefert sein, daß die Qualitäten überhaupt an sich objektiv, d. h. nicht gebunden an den Akt der Wahrnehmung sind; und diese Untersuchung ist von jener ganz unabhängig.

Die so abgegrenzte Aufgabe kann nun aber zunächst noch unter einen allgemeineren Gesichtspunkt gebracht werden. Wo immer die Empfindung im Organismus zu lokalisieren ist, ob sie ihren Sitz in dessen peripheren Apparaten oder in Zentralpartien hat, tritt die Frage nach der Verbindung von Qualitäten und materiellen Systemen hervor. Das Gehirn oder der nervöse Apparat des Mitmenschen bildet für den analysierenden Physiologen einen Teil der räumlichen Außenwelt. Und wie der Standpunkt dieser Betrachtung der Standpunkt des idealen Beobachters ist, dem alle Leiblichkeit nur von außen als physisches Objekt gegeben ist, entsteht ihm, indem er die Möglichkeit der Verbindung von Qualitäten mit diesen besonderen Objekten erwägt, das weiter gefaßte Problem, ob überhaupt die physischen Gegenstände, ihrer Natur nach, die Existenz von Qualitäten zulassen. Es wäre denkbar, daß der Begriff von Naturwirklichkeit, den wir zu bilden gezwungen sind, grundsätzlich die Annahme qualitativer Existenzen ausschließt. Dann hätte es keinen Sinn, auch nur in der Welt des Organischen, soweit dieselbe diesem Begriff von Naturwirklichkeit untergeordnet werden darf, qualitative Empfindungen als existent und für das empfindende Individuum wie für den idealen Beobachter objektiv zu denken. Der Beweis für die Subjektivität der sinnlichen Empfindungen wäre dann durch die Unmöglichkeit geliefert, sie mit materiellem System als von derselben Ordnung vorzustellen. Es ist ersichtlich, daß diese Frage, wie sie generell gestellt werden kann, auch eine generelle Antwort erheischt. So lassen wir allerdings zunächst die Beschränkung der Diskussion auf die wirklich empfundenen Qualitäten und den psychophysischen Prozeß fallen, aber doch nur, um diesen Tatbestand nach seiner allgemeinen Form schärfer hervorheben und die auf ihn anwendbaren Theorien nach ihrem prinzipiellen Gehalt bestimmen zu können. Zeigt es sich, daß die Voraussetzung der Objektivität der Qualitäten mit den Grundbegriffen der Naturwissenschaft nicht in einem unversöhnlichen Gegensatz steht, dann wird die Erörterung der Frage, in welchem Umfang die Qualitäten als reell und wirklich zu setzen sind, naturgemäß ihren Ausgangspunkt von der Betrachtung der empfundenen Qualitäten und ihrem Verhältnis zu den Leistungen des Organismus nehmen müssen.

Es ist nun füglich nicht zu bestreiten, daß die Auffassung der Natur als eines mechanischen Systems, dessen letzte Erklärungsgründe durch die allgemeinen Bewegungsgesetze bestimmt sind und das die Reduktion aller qualitativen Unterschiede auch quantitativ fordert, in einem Gegensatz zu dem Weltbild steht, das auf Grundlage der Aussagen der Sinne entwickelt werden kann. Daher ergäbe sich von vornherein eine ganz andere Grundlage für die Diskussion des Realitätsproblems, wenn man von den neueren Bemühungen ausgehen würde, die mechanische Naturbetrachtung durch eine Methode zu ersetzen, welche ohne Hypothesen über das den Erscheinungen zugrunde Liegende lediglich eine Darstellung des gesetzlichen Zusammenhangs der Erscheinungen selbst erstrebt. Die von OSTWALD begründete qualitative Energetik ist der bedeutendste Versuch dieser Art. Auf ihrem Boden können nicht nur, sondern müssen sogar die Wirklichkeitselemente als ein qualitativ Charakterisierbares gedacht werden. Daher denn auch LASSWITZ geradezu das Recht der Ausdrucksweise des sogenannten naiven Realismus, der die Gegenstände als warm und leuchtend und tönend bezeichnet, verteidigt. (10) Allein es ist schon angedeutet, daß, wie es sich auch um die Haltbarkeit und Fruchtbarkeit der Energetik im Einzelnen verhalte, (11) jedenfalls soll im folgenden die phänomenologische Auffassung nicht zugrunde gelegt werden. Wir halten zunächst an der mechanischen Naturauffassung in ihrer ganzen Strenge fest; von ihren Gesichtspunkten aus soll das Problem der Realität der Qualitäten in der räumlichen Welt angegriffen werden. Es ist für unseren Zweck nicht hinreichend, sich auf einen agnostischen Standpunkt, wie ihn die qualitative Energetik repräsentiert, zurückzuziehen, denn der Gewinn, der die auf ihm erreichte Gesetzeserkenntnis an Sicherheit gewährt, wird reichlich durch die Unbestimmtheit aufgewogen, mit der nun die gemeine Meinung bezüglich der tatsächlichen Beschaffenheit der Welt sich hervorwagen darf. Nicht durch Verneinung der mechanischen Weltbetrachtung kann die erlebte Wirklichkeit in ihre Rechte gesetzt werden, sondern nur durch die Diskussion ihres Verhältnisses zu dem von der Wissenschaft postulierten System von Realitäen. Das ist die Frage. Schließt die Welt, als ein mechanisches System betrachtet, die Qualitäten aus? Wenn wir von der Deskription quantitativer Relationen dazu fortgehen, diesen Inbegriff erkannter Quantitäten real zu setzen, so ist von der Aufdeckung der mechanischen Struktur der Welt die Behauptung abtrennbar, daß dieser allein Realität zukomme. Besteht zwischen den Eigentümlichkeiten der in unserer sinnlichen Erfahrung gegebenen Erscheinungen und ihrem hypothetisch erschlossenen Substrat ein derartiger Widerspruch, daß ihre Existenz in einem gemeinsamen Raum undenkbar, unmöglich ist?
LITERATUR - Max Frischeisen-Köhler, Die Realität der sinnlichen Erscheinungen, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 6, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) Vgl. unter anderem die Ausführungen von CARL STUMPF "Erscheinungen und psychische Funktionen" aus den Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1906, Berlin 1907, Seite 12f, sowie meine Abhandlungen: Die Lehre von der Subjektivität der Sinnesqualitäten und ihre Gegner, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, Bd. XXX, Seite 271 (aus ihr sind weiter unten einige Ausführungen zur Vermeidung von Verweisungen aufgenommen und "Über den Begriff und den Satz des Bewußtseins", Vierteljahrsschrift usw., Bd. XXXI, Seite 145f
    2) Vgl. ALOIS RIEHL, Philosophischer Kritizismus II, 1879, Seite 18f; STUMPF, Zur Einteilung der Wissenschaften (aus den Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften vom Jahr 1906), Berlin 1907, Seite 12f und meine Abhandlung über Naturwissenschaft und Wirklichkeitserkenntnis im Archiv für systematische Philosophie, 1907.
    3) Vgl. SIGWART, Logik, 2. Auflage, Seite 60f
    4) Über die Lokalisation von HERINGs Kernfläche vgl. HILDEBRAND, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, XVI, Seite 135f
    5) Vgl. die Aufzählung der Beweggründe des Relativismus bei ARISTOTELES, Metaphysik IV, 5 - 1009b
    6) THOMAS HOBBES, Elements of Law, editiert von TÖNNIES, Kapitel 2, § 5
    7) FRANZ von BRENTANO, Psychologie vom empirischen Standpunkt I, Seite 122; WILHELM WUNDT, System der Philosophie, 2. Auflage, Seite 143 u. a.
    8) ERNST MACH, Wärmelehre, 2. Auflage, Seite 40
    9) Über den hieraus entspringenden Zirkel bei DESCARTES siehe SCHWARZ, Die Umwälzung der Wahrnehmungshypothesen durch die mechanische Methode, 1895, Teil 2, Seite 78
    10) KURT LASSWITZ, Philosophische Monatshefte, Bd. XXIX, Seite 195
    11) Vgl. hierüber WILHELM WUNDT, Physiologische Psychologie, 5. Auflage, Bd. III, Seite 692f und BOLTZMANN, Annalen der Physik und Chemie, Neue Folge, Bd. LX, Seite 231f und Bd. LIX, Seite 66, sowie meine oben zitierte Abhandlung.