p-4J. MüllerSchopenhauerGoetheC. ÜberhorstA. Spir    
 
HERMANN von HELMHOLTZ
Über das Sehen des Menschen

"Die Sterne erscheinen uns  sternförmig.  In Wahrheit sind die Sterne von runder Gestalt, und meistens so klein, daß wir von ihrer Gestalt überhaupt nichts erkennen können, sie müßten uns als unteilbare Punkte erscheinen. Die Strahlen bekommt das Bild des Sternes aber weder im Weltraum, noch in unserer Atmosphäre, sondern damit wird es erst in unserer Kristalllinse geschmückt, welche einen strahligen Bau hat; die Strahlen, die wir den Sternen zuteilen, sind also in Wahrheit Strahlen unserer Kristalllinse." "Die von Johannes Müller aufgestellte Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, ist der bedeutsamste Fortschritt, den die Physiologie der Sinnesorgane in neuerer Zeit gemacht hat. Dananch hängt die Qualität unserer Empfindungen, ob sie Licht, Wärme, Ton oder Geschmack usw. sei, nicht vom wahrgenommenen äußeren Objekt ab, sondern von dem jeweiligen Sinnesnerven, welcher die Empfindung vermittelt. Lieben Sie paradoxe Ausdrücke, so können Sie sagen:  Licht wird erst Licht, wenn es ein sehendes Auge trifft,  ohne dieses ist es nur eine Ätherschwingung."

Geehrte Versammlung!

Es hat uns hier das Andenken eines Mannes vereint, welcher vielleicht vielleicht mehr, als irgendein anderer, dazu beigetragen hat, den Namen unserer Stadt unauflöslich mit der Kulturgeschichte der Menschheit zu verknüpfen, das Andenken KANTs, des Philosophen. Ihm wünschen wir ein Denkmal zu setzen, welches fortan verkünden soll, daß unsere Zeit und diese Stadt eine dankbare und ehrende Erinnerung für Männer hat, denen sie wissenschaftlichen Fortschritt und Belehrung verdankt. Ihm will auch ich durch meine heutige Bemühung einen Zoll der Achtung und Verehrung darzubringen suchen. - Wie? der Naturforscher dem Philosophpen? wird vielleich mancher von Ihnen fragen, der einigermaßen mit den wissenschaftlichen Richtungen der neueren Zeit bekannt ist. Weiß man nicht allgemein, daß Naturforscher und Philosophen gegenwärtig nicht gerade gute Freunde sind, wenigstens in ihren wissenschaftlichen Arbeiten? Weiß man nicht, daß zwischen beiden lange Zeit hindurch ein erbitterter Streit geführt worden ist, der neuerdings zwar aufgehört zu haben scheint, aber jedenfalls nicht deshalb, weil eine Partei die andere überzeugt hätte, sondern, weil jede daran verzweifelte, die andere zu überzeugen? Man hört die Naturforscher sich gern und laut dessen rühmen, die großen Fortschritte ihrer Wissenschaft in der neuesten Zeit hätten angefangen von dem Augenblick, wo sie ihr Gebiet von den Einflüssen der Naturphilosophie ganz und vollständig gereinigt hätten. Solche unter Ihnen, welche diese Verhältnisse kennen, werden vielleicht denken, eigentlich sei es nicht ein herzlicher Anteil an der Sache, der mich heute hierher führe, sondern es seien äußere Rücksichten auf die Stadt, die Hochschule, der KANT einst angehörte, und der auch ich gegenwärtig die Ehre habe anzugehören, vielleicht sei es auch die gewöhnliche Klugheit kämpfender Parteien, dadurch ein gutes Licht auf sich selbst zu werfen, daß sie unschädlich gewordene Gegner rühmen und ehren?

Ich aber versichere Ihnen, daß es nicht bloß äußere Rücksichten oder verdeckte Gegnerschaft sind, die mich leiten, sondern volle Anerkennung und Hochachtung. Ich habe deshalb für meinen heutigen Vortrag einen Gegenstand gewählt, an dem Sie erkennen sollen, wie die Gedanken des großen Philosophen auch noch gegenwärtig in Zweigen der Wissenschaft fortleben und sich entwickeln, wo man es vielleicht nicht erwartet haben sollte. Die prinzipielle Spaltung, welche jetzt Philosophie und Naturwissenschaften trennt, bestand noch nicht zu KANTs Zeiten. KANT stand in Bezug auf die Naturwissenschaften mit den Naturforschern auf genau denselben Grundlagen; er selbst interessierte sich lebhaft für NEWTONs Theorie der Bewegungen der Weltkörper, für dieses großartigste Gedankenwerk, welches der menschliche Verstand bis dahin erbaut hatte, in welchem aus der einfachsten Grundlage, der allgemeinen Gravitationskraft, sich in strengster Folgerichtigkeit die unendliche Mannigfaltigkeit der himmlischen Bewegungen entwickelt und welches gleichsam als das Vorbild für alle späteren naturwissenschaftlichen Theorien betrachtet werden kann. Ja KANT versuchte selbst, ganz in NEWTONs Sinn, eine Hypothese über die Entstehung unseres Planetensystems unter der Einwirkung der Gravitationskraft auszubilden, ein Versuch, der uns sogar berechtigen könnte, den Philosophen auch unter die Zahl der Naturforscher zu setzen.

Die Naturwissenschaften stehen noch jetzt fest auf denselben Grundsätzen, die sie zu KANTs Zeiten hatten, und zu deren fruchtbarer Anwendung NEWTON das große Beispiel gegeben hat, sie haben sich nur reicher entfaltet, und ihre Grundsätze an einer immer größeren Fülle von Einzelheiten geltend gemacht. Aber die Philosophie hat ihre Stellung zu ihnen verändert. KANTs Philosophie beabsichtigte nicht, die Zahl unserer Kenntnisse durch das reinen Denken zu vermehren, denn ihr oberster Satz war, daß alle Erkenntnis der Wirklichkeit aus der Erfahrung geschöpft werden müsse, sondern sie beabsichtigte nur, die Quellen unseres Wissens und den Grad seiner Berechtigung zu untersuchen, ein Geschäft, welches immer der Philosophie verbleiben wird, und dem sich kein Zeitalter ungestraft wird entziehen können.

Auch FICHTE, der gewaltige Denker, welcher unter KANTs Auspizien [Zukunftsdeutung - wp] seine wissenschaftliche Laufbahn ebenfalls in unserer Stadt begonnen hatte, so fremd und schroff er sich auch der gemeinen Anschauungsweise der Welt entgegenstellt, befindet sich, soweit ich urteilen kann, in keinem prinzipiellen Gegensatz gegen die Naturwissenschaften, vielmehr ist es eine Darstellung der sinnlichen Wahrnehmung in der genauesten Übereinstimmung mit den Schlüssen, welche später die Physiologie der Sinnesorgane aus den Tatsachen der Erfahrung gezogen hat, und von denen ich Ihnen einen Teil heute vorzulegen denke.

Aber als nach seinem Tod SCHELLING die Wissenschaft des südlichen, HEGEL die des nördlichen Deutschlands beherrschte, hub der Zwist an. Nicht mehr zufrieden mit der Stellung, welche KANT ihr angewiesen hatte, glaubte die Philosophie neue Wege entdeckt zu haben, um die Resultate, zu denen die Erfahrungswissenschaften schließlich gelangen müßten, im Voraus auch ohne Erfahrung durch das reine Denken finden zu können. Sie verzweifelte nicht, alle höchsten Fragen über Himmel und Erde, Gegenwart und Zukunft in ihren Bereich ziehen zu können. Der Gegensatz dieser Schulen gegen die wissenschaftlichen Grundsätze der Naturforschung sprach sich namentlich deutlich in der höchst unphilosophisch leidenschaftlichen Polemik HEGELs und einiger seiner Schüler gegen NEWTON und dessen Theorien aus. Die Naturwissenschaften, welche damals neben dem überwiegend philosophischen Interesse der Gebildeten in Deutschland wenig gepflegt waren, unterlagen meistens. Wer sollte nicht den kurzen, selbstschöpferischen Weg des reinen Denkens der mühevollen, langsam fortschreitenden Tagelöhnerarbeit der Naturforschung vorzuziehen geneigt sein? Wenige ehrenvolle Ausnahmen unter den deutschen Naturforschern, HUMBOLDT, ERMAN, PFAFF, kämpften beharrlich, aber vereinzelt gegen das, was man Philosophie der Natur nannte, bis endlich der große Aufschwung der Naturwissenschaften in den europäischen Nachbarländern auch Deutschland mit sich fortriß.

Die Philosophie hatte alles in Anspruch nehmen wollen; jetzt ist man kaum noch geneigt, ihr einzuräumen, was ihr wohl mit Recht zukommen möchte. Aber darf es uns wundern, wenn auf die überfliegenden Hoffnungen tiefe Niedergeschlagenheit folgte; wenn man die jüngsten System der Philosophie mit der Philosophie überhaupt verwechselte, und das Mißtrauen gegen jene auf die ganze Wissenschaft übertrug?

Der Punkt, an dem sich Philosophie und Naturwissenschaften am nächsten berühren, ist die Lehre von den sinnlichen Wahrnehmungen des Menschen. Ich will mich daher bemühen, Ihnen die Resultate der Naturwissenschaften für das Sinnesorgan darzulegen, dessen Verrichtungen bisher am vollständigsten untersucht werden konnte; dieses Organ ist das Auge. Sie werden dann selbst urteilen können, in welchem Verhältnis hier die Ergebnisse der Erfahrung zu denen der Philosophen stehen.

Das Auge ist ein von der Natur gebildetes optisches Instrument, eine natürliche camera obscura. Ich setze voraus, daß der größte Teil meiner Zuhörer schon DAGUERREsche oder photographische Bilder hat anfertigen sehen, und sich das Instrument ein wenig betrachtet hat, welches dazu gebraucht wird. Dieses Instrument ist eine camera obscura. Sein Bau ist außerordentlich einfacht; es ist im Wesentlichen nichts als ein innen geschwärzter Kasten aus Holz, an dessen einer Seite eine Glaslinse eingesetzt ist, und auf dessen entgegengesetzter Seite sich ein mattgeschliffene Glastafel befindet. Wenn die eine Seite des Kastens, welche die Linse enthält, nach irgendeinem gut beleuchteten entfernteren Gegenstand hingewendet wird, sieht man ein verkleinertes, bei richtiger Einstellung des Instrumentes, sehr scharf gezeichnetes und mit den natürlichen Farben geschmücktes, aber auf dem Kopf stehendes Bild des Gegenstande auf der matten Glastafel entworfen. Nachdem der Photograph seinem Instrument die richtige Stellung gegeben hat, entfernt er die Glastafel, und bringt an ihre Stelle die bearbeitete Silberplatte, so daß sich auf dieser dasselbe Bild entwirft, wie vorher auf der Glasplatte. Auf der Silberplatte bleibt das Bild sichtbar erhalten, weil ihre Oberfläche an den helleren Teilen des Bildes durch die Einwirkung des Lichts eigentümlich verändert wird. Die allgemein bekannten Lichtbilder sind also in der Tat nur fixierte Bilder einer camera obscura.

Ein eben solches Instrument ist nun das Auge; der einzige wesentliche Unterschied von demjenigen, welches beim Photographieren gebraucht wird, besteht darin, daß statt der matten Glastafel oder lichtempfindlichen Platte, im Hintergrund des Auges die empfindliche Nervenhaut oder Netzhaut liegt, in welcher das Licht Empfindungen hervorruft, die durch die im Sehnerv zusammengefaßten Nervenfasern der Netzhaut dem Gehirn, als dem körperlichen Organ des Bewußtseins, zugeführt werden. In der äußeren Form weicht die natürliche camera obscura von der künstlichen wohl ab. Statt des viereckigen Holzkastens finden Sie den runden Augapfel, dessen feste Wand von einer weißen Sehnenhaut gebildet wird, deren vorderen Teil wir auch am lebenden Menschen als das Weiße des Auges erblicken. Die schwarze Farbe, mit der der Kasten der Camera obscura innen ausgestrichen ist, ersetzt am Auge eine zweite, feinere, braunschwarz gefärbte Haut, die Aderhaut. Von ihr sehen wir am lebenden Auge ebenfalls nur das vordere Ende, nämlich die Iris, den blauen oder braunen Kreis, welcher die mittlere dunkelschwarze Öffnung, die Pupille, umgibt. Die Iris ist auf ihrer hinteren Seite tief schwarz, wie die übrige Aderhaut, auf der vorderen Seite aber, welche wir erblicken, liegen ungefärbte oder wenig gefärbte Schichten. Die blaue Farbe der Iris entsteht nicht durch einen besonderen Farbstoff, sondern hat denselben Grund, wie die blaue Farbe verdünnter Milch, sie ist weißlichen trüben Mitteln eigentümlich, welche vor einem dunklen Grund stehen. Die braune Farbe der Iris entsteht dagegen durch die Ablagerung kleiner Mengen desselben braunschwarzen Farbstoffes in den vorderen Schichten der Iris, welcher ihre hintere Fläche bedeckt. Daher kann die Färbung auch wechseln, wenn sich der Farbstoff mit der Zeit in der Iris ablagert. Schon ARISTOTELES berichtet, daß alle Kinder mit blauen Augen geboren würden, auch wenn sie später braune bekämen. Sie sehen, daß auch in alter Zeit die Philosophen zu beobachten wußten.

Der schwarze Kreis in der Mitte des braunen oder blauen Kreises, die sogenannte Pupille, ist also eine Öffnung, durch welche das Licht in den hinteren Teil des Auges eindringt. Ist die Lichtmenge zu groß, so wird die Pupille enger, ist sie sehr gering, so wird sie weiter. Vor der Pupille liegt uhrglasförmig gewölbt die durchsichtige Hornhaut, deren Oberfläche durch die über sie hinsickernde Tränenfeuchtigkeit und das Blinzeln der Augenlider stets spiegelblank erhalten wird. Hinter der Pupille liegt noch ein sehr klarer, durchsichtiger, linsenförmiger Körper, die Kristalllinse, dessen Anwesenheit im lebenden Auge nur schwache Lichtreflexe verraten. Das Innere des Auges ist übrigens mit Flüssigkeit gefüllt. Die Kristalllinse im Verein mit der gekrümmten Fläche der Hornhaut vertritt im Auge die Stelle der Glaslines in der Camera obscura des Photographen. Sie entwerfen verkleinerte, natürlich gefärbte, aber auf dem Kopf stehende Bilder der äußeren Gegenstände auf der Fläche der Netzhaut, welche letztere im Hintergrund des Auges vor der Aderhaut liegt. Um die Netzhaut des lebenden Auges zu sehen, habe ich vor einigen Jahren ein kleines optisches Instrument, den Augenspiegel, konstruiert, mit dem man nun auch die Netzhautbilder im Auge eines anderen direkt sehen und sich von ihrer Schärfe, Stellung usw. überzeugen kann.

Wir sagten vorher, der Photograph müsse sein Instrument für den Gegenstand, den er abbilden will, richtig einstellen. In der Tat findet man bei genauer Betrachtung der Bilder in der Camera obscura, daß, wenn ferne Gegenstände mit scharfen Umrissen abgebildet werden, nähere verwaschen erscheinen, und umgekehrt. Der Photograph muß die Linse seines Instruments der Tafe, auf der das Bild entworfen wird, etwas näher rücken, wenn er ferne Gegenstände, er muß sie etwas entfernen, wenn er nahe abbilden will. Etwas Ähnliches kommt beim Auge vor. Daß Sie nicht gleichzeitig ferne und nahe Gegenstände deutlich sehen, davon überzeugen Sie sich am leichtesten und besten, wenn Sie einen Schleier etwa sechs Zoll von den Augen entfernt halten, und das eine Auge schließen. Sie können dann wirllkürlich und ohne die Richtung des Blickes zu ändern, bald durch den Schleier hin ferne Gegenstände betrachten, wobei Ihnen der Schleier nur noch als eine verwaschene Trübung des Gesichtsfeldes erscheint, Sie aber nicht die einzelnen Fäden des Schleiers erkennen, oder Sie können die Fäden des Schleiers betrachten, wobei Sie aber nicht mehr die Gegenstände des Hintergrundes deutlich erkennen. Man fühlt bei diesem Versuch eine gewisse Anstrengung im Auge, indem man von einem zum andern Gesichtspunkt übergeht. In der Tat wird dabei die Form der Kristalllinse durch besondere, im Auge liegende Muskelapparate willkürlich geändert. Diese Veränderung, vermöge deren das Auge sich willkürlich bald für nahe, bald für ferne Gegenstände einrichten kann, nennt man  Akkomodation  für die Nähe oder die Ferne. Auch die Veränderungen der Bilder bei veränderter Akkomodation kann man durch den Augenspiegel direkt beobachten.

Ich verweile hier noch einen Augenblick dabei, was für ein Bewenden es mit dem optischen Bild im Auge und mit den optischen Bildern überhaupt habe. Lichtstrahlen, welche aus einem durchsichtigen Mittel in ein anderes übergehen, z. B. aus Luft in Glas, oder aus Luft in die Augenflüssigkeiten, werden von ihrer früheren Richtung abgelenkt, sie werden  "gebrochen",  wenn sie nicht gerade senkrecht gegen die Trennungsfläche auffallen. Die Glaslinse der Camera obscura und die durchsichtigen Mittel des Auges verändern nun den Weg der Lichtstrahlen, welche von  einem  lichten Punkt eines abgebildeten Gegenstandes ausgegangen sind, so, daß sie alle  in einem  Punkt, dem entsprechenden Punkt des Bildes, sich wieder vereinigen. Liegt dieser Vereinigungspunkt der Lichtstrahlen in der Fläche der Netzhaut, so wird dieser Punkt der Netzhaut von  allem  Licht getroffen, welches von dem entsprechenden Punk des Gegenstandes her in das Auge fällt und nicht von diesem Licht fällt auf andere Teile der Netzhaut. Ebensowenig wird aber auch jener Punkt von Licht getroffen, welches von irgendeinem anderen Punkt des Gegenstandes ausgegangen wäre. Also der betreffende Punkt der Netzhaut empfängt  alles  Licht, und  nur  das Licht, welches von dem entsprechenden Punkt des abgebildeten Gegenstandes her in das Auge gefallen ist. Sendet dieser Punkt des Gegenstandes viel Licht aus, so wird der entsprechende Punkt der Netzhaut stark beleuchtet, sendet er wenig aus, so wird der letztere dunkel sein. Sendet der eine Punkt rotes Licht aus, so wird der andere Punkt rot, wenn grünes, grün beleuchtet sein usw. So entspricht jedem Punkt der Außenwelt ein besonderer Punkt des Bildes, der eine entsprechenden Stärke der Beleuchtung und die gleiche Farbe hat, und so spricht insbesondere im Auge beim deutlichen Sehen jeder einzelne Punkt der Netzhaut einem einzelnen Punkt des äußeren Gesichtsfeldes, so daß er nur von dem Licht, welches von diesem äußeren Punkt hergekommen ist, getroffen, und zur Empfindung angeregt wird. Da somit jeder einzelne Punkt des Gesichtsfeldes durch sein Licht nur einen einzelnen Punkt der empfindenden Nervensubstanz affiziert, so kann auch für jeden äußeren Punkt gesondert zu Bewußtsein kommen, welche Menge und Farbe des Lichts ihm angehört. Es wird durch diese Einrichtung des Auges, als eines optischen Apparates, möglich, die verschiedenen hellen Gegenstände unserer Umgebung gesondert wahrzunehmen, und je vollkommener der optische Teil des Auges seinen Zweck erfüllt, desto schärfer ist die Unterscheidung der Einzelheiten des Gesichtsfeldes.

Auf diesen physikalischen Teil der Vorgänge des Sehens, den ich nur als die Grundlage für das Verständnis des Folgenden berühren mußte, will ich hier nicht weiter eingehen, so mannigfache interessante Fragen und Tatsachen er auch darbietet. Nur eines will ich als Beispiel erwähnen, wie unser Bild von der Außenwelt auch durch den Bau des physikalischen Teils unseres Auges bestimmt wird. Die Sterne erscheinen uns strahlig;  "sternförmig"  ist in unserer Sprache von gleicher Bedeutung wie  "strahlig".  In Wahrheit sind die Sterne von runder Gestalt, und meistens so klein, daß wir von ihrer Gestalt überhaupt nichts erkennen können, sie müßten uns als unteilbare Punkte erscheinen. Die Strahlen bekommt das Bild des Sternes aber weder im Weltraum, noch in unserer Atmosphäre, sondern damit wird es erst in unserer Kristalllinse geschmückt, welche einen strahligen Bau hat; die Strahlen, die wir den Sternen zuteilen, sind also in Wahrheit Strahlen unserer Kristalllinse.

Wir sind also jetzt soweit gekommen, daß auf der Fläche der Netzhaut ein optisches Bild entworfen wird, wie es auch in jeder Camera obscura geschieht. Aber die letztere  sieht  dieses Bild nicht, das Auge  sieht  es. Worin liegt da der Unterschied? Er liegt darin, daß die Netzhaut, welche im Auge das optische Bild empfängt, ein empfindlicher Teil unseres Nervensystems ist, und daß durch die Einwirkung des Lichts, als eines äußeren Reizes, in ihr Lichtempfindung hervorgerufen wird. Was wissen wir nun über die Erregung der Lichtempfindung durch das Licht?

Die ältere und scheinbar natürlichste Ansicht war, daß die Netzhaut des Auges eine viel größere Empfindlichkeit habe, als irgendein anderer Nervenapparat des Körpers, und deshalb auch die Berührung selbst eines so feinen Agens, wie das Licht, empfinde. Daß die Art des Eindrucks, den das Licht auf das Auge macht, so ganz verschieden ist von der Tonempfindung, von der Wärmeempfindung, von den Empfindungen der Haut für Hartes, Weiches, Rauhes, Glattes usw., schien sich einfach dadurch zu erklären, daß das Licht eben etwas anderes sei, als der Ton, die Wärme, als ein harter oder weicher, rauher oder glatter Körper, und man fand es in Ordnung, daß jedes Ding, je nach seinen verschiedenen Eigenschaften, auch eigentümlich empfunden werde.

Dabei waren nun allerdings einige unbequeme Erscheinungen vorhanden, die man gern als unbedeutend beiseite liegen ließ, und nicht beachtete. Wenn man das Auge drückt oder schlägt, treten Lichterscheinungen auf, auch in der tiefsten Dunkelheit. Elektrische Ströme, durch das Auge geleitet, erzeugen ebenfalls Lichterscheinungen. Ja, wir brauchen so gewaltsame Mittel nicht einmal anzuwenden; wer im vollständigsten Dunkel mit geschlossenen Augen die Aufmerksamkeit auf sein Gesichtsfeld wendet, bemerkt darin allerlei wunderliche krause, gesternte oder streifige, verschiedenfarbige Figuren, die fortdauernd wechseln, und ein phantastisches regelloses Spiel ausführen; sie werden heller und schöner gefärbt, wenn man das Auge reibt, oder wenn erregende Getränke oder Krankheiten das Blut zum Kopf treiben, aber sie fehlen niemals ganz. Man nennt sie den Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes.

Als man sich zuerst die Mühe nahm, diese Erscheinungen zu beachten und sie erklären zu wollen, meinte man, hier könne wohl durch innere Prozesse Licht im Auge erzeugt werden. Man erklärte dies durch eine geheimnisvolle Verwandtschaft des Nervenfluidums der Netzhaut mit dem Licht, vermöge deren eine Erregung des einen auch das andere erzeugen könne. Die leuchtenden Augen der Katzen und Hunde schienen den Beweis der Möglichkeit zu liefern, sie schienen selbständig Licht zu erzeugen; sie sollten besonders hell leuchten, wenn man diese Tiere zum Zorn reizte, also eine Erregung des Nervensystems hervorbrächte. Man glaubte so das in ihrem Auge entwickelte Licht selbst beobachten zu können.

Es wird Ihne gleich aus der deutschen Volkssage ein Bekenner dieser Ansicht einfallen, der berühmteste aller deutschen Jäger, Herr von MÜNCHHAUSEN, der nach dem Verlust des Feuersteins von seiner Flinte sich von einem Bären verfolgt sah, und mit seiner bekannten Geistesgegenwart und Genialität ein unerwartetes Auskunftsmittel traf. Er legte an, zielte, schlug sich mit der Faust in das Auge, daß es Funken sprühte: das Pulver zündete, der Bär war tot. Aber ernsthafte Verlegenheit bereitete ein gerichtlicher Fall, wo der Kläger in einer dunklen Nacht einen Schlag aufs Auge bekommen hatte, und bei dem dadurch erregten Lichtschein die Person der Angreifers erkannt haben wollte. War die eben ausgeführte physiologische Ansicht richtig, so mußte auch die Aussage dieses Mannes für glaubhaft gehalten werden. Die Theorie von der Lichtentwicklung im Auge wurde also vor Gericht gezogen und wir sind deshalb so glücklich, außer den übrigen Gründen, welche gegen sie sprechen, auch durch einen richterlichen Spruch ihre Verwerflichkeit bestätigt zu sehen.

Eine genauere Prüfung gab der Sache ein ganz anderes Ansehen. Erstens fand sich die vorausgesetzte große Empfindlichkeit des Sehnerven gar nicht bestätigt, im Gegenteil schien dessen Verletzung so gut wie gar keinen Schmerz hervorzubringen, während die Verletzung eines anderen, ebenso starken Hautnerven des Körpers von einem überwältigenden Schmerz begleitet ist. In einzelnen beklagenswerten Krankheitsfällen muß der Augapfel entfernt werden, um das Leben des Kranken zu retten. Dann hat der Operierte im Augenblick der Durchschneidung des Sehnerven keinen Schmerz, sondern er glaubt einen Lichtblitz zu sehen.

Ferner stellten sorgfältig angestellte Untersuchungen übereinstimmend heraus, daß die sogenannten leuchtenden Tieraugen in absoluter Dunkelheit niemals leuchteten, sondern daß ihr Leuchten immer nur durch Zurückwerfung von äußerem Licht entsteht. In der Tat findet sich im Hintergrund dieser Augen statt des schwarzen Färbstoffs eine helle, schillernd gefärbte Stelle, das sogenannte Tapetum, welche imstande ist, das eingefallene Licht lebhaft zurückzuwerfen. Ja später hat BRÜCKE gelehrt, wie man bei passender Beleuchtung auch die Pupille des menschlichen Auges rot erleuchtet, gleich einer glühenden Kohle erscheinen lassen kann, und der Gebrauch des Augenspiegels beruth gerade auf dieser Tatsache. Ebensowenig ist jemals etwas von Lich im Auge eines Andern zu sehen, während dieser selbst infolge von Druck, elektrischer Ströme oder anderer Ursachen die lebhaftesten Lichtblitze wahrnimmt. Wir können also in diesen Fällen nicht zweifeln, daß eine Lichtempfindung stattfindet, ohne durch wirkliches Licht angeregt zu sein. Wir wissen aber, daß die Mittel, durch welche wir im Auge eine Lichtempfindung erregen, Stoß, Druck, mechanische Mißhandlung oder elektrische Ströme, wenn sie auf irgendeinen Nervenapparat wirken, immer dessen Tätigkeit erregen; wir nennen sie deshalb  Reizmittel  für die Nerven, und können also den allgemeinen Satz aussprechen:  Die gewöhnlichen Reizmittel der Nerven erregen, auf die Sehnerven wirkend, eine Lichtempfindung, ganz wie das wirkliche Licht, und,  können wir hinzusetzen, wenn wir an die Operierten denken,  sie erregen im Sehnerven keine andere Empfindung als eine Lichtempfindung allein. 

Wenn wir dieselben Reize auf andere Nerven einwirken lassen, entsteht niemals eine Lichtempfindung, sondern im Hörnerven werden Schallempfindungen hervorgerufen, in den Hautnerven Tastempfindungen oder eine Wärmegefühl, von den Muskelnerven aus gar keine Empfindungen, wohl aber Muskelzuckungen. Nur wenn sie auf das Auge wirken, erregen alle diese Reize Lichtempfindungen. Am reichsten ist das Gebiet der Empfindungen, welche durch strömende Elektrizität im Körper hervorgerufen werden, weil man die Elektrizität leicht auf die meisten Nervenapparate einwirken lassen und diese sehr kräft erregen kann. Im Auge wird der Anfang des elektrischen Stroms durch einen Lichtblitz bezeichnet, dem eine mildere Erhellung des Gesichtsfeldes folgt, je nach der Richtung des Stromes, hellblau oder rotgelb. Bei Unterbrechung des Stroms folgt wieder ein Lichtblitz. Auf der Zunge ruft der Strom, je nach der Richtung, einen sauren oder bitterlich laugenhaften Geschmack hervor, auf der Haut ein Brennen und Fressen, im Innern der Glieder Zuckungen usw.

Wie schade ist es, werden Sie vielleicht denken, daß die übrigen Nervenapparate unseres Körpers gegen das Licht unempfindlich sind. Es würde doch interessant sein, zu erfahren, welche Empfindungen das Licht anderswo erregt? Nach unseren gewöhnlichen Vorstellungen können wir nicht anders als glauben, daß wir das Licht nur mit dem Auge, und nicht mit der Hand empfinden. Aber lassen Sie uns nachdenken. Soviel wird Ihnen schon wahrscheinlich geworden sein, daß das Licht, wenn es von der Hand empfunden werden könnte, in ihr nicht dieselbe Art von Empfindung hervorrufen würde, wie im Auge. Nun lassen Sie einmal Sonnenstrahlen auf die Hand fallen. Werden Sie diese nicht fühlen? "Ja", werden Sie antworten, "ich fühle sie wohl, aber was ich fühle ist Sonnenwärme, nicht Licht; die Wärme ist immer mit dem Licht verbunden." Gut, ich verdenke Ihnen diese Antwort nicht, denn die überwiegende Mehrzahl der Physiker hat bis auf die letzten zwanzig Jahre auch so geantwortet. Wenn aber das Licht immer von Wärme begleitet ist, so wäre doch die Frage aufzuwerfen, ob Wärme und Licht nicht etwa nur die verschiedenen Äußerungen eines und desselben Prinzips seien. Die Physik hat diese Frage einer sorgfältigen Prüfung unterzogen und ist bis jetzt zu der Ansicht gekommen, daß bei einfachem, einfarbigem Licht, wie wir es mittels durchsichtiger Prismen aus dem Sonnenlicht ausscheiden können, das Erwärmungsvermögen mit dem Erleuchtungsvermögen unzertrennlich verbunden ist; daß, wenn eins von beiden abnimmt, das andere in demselben Verhältnis vermindert wird, wie es eben sein muß, wenn Wärme und Licht nur die Wirkungen desselben Agens sind. Bei Licht verschiedener Art, d. h. von verschiedener Farbe, sind Erwärmungsvermögen und Erleuchtungsvermögen in einem sehr verschiedenen Grad verbunden. Gelbes Licht wärmt bei gleicher Helligkeit mehr als blaues, rotes mehr als gelbes. An die roten Strahlen endlich schließen sich im Sonnenspektrum Strahlungen an, welche zwar wärmen, aber gar nicht leuchten, die dunklen Wärmestrahlen. Sie sind in allen rein physikalischen Beziehungen den leuchtenden Strahlungen ähnlich, nur in ihrer Wirkung auf das menschliche Auge unterscheiden sie sich von ihnen. Heiße Öfen strahlen eine solche dunkle Wärme aus, zu der sich auch leuchtende Wärmestrahlen gesellen können, wenn die Temperatur bis zur Rotglut steigt.

Somit bliebe als Unterschied zwischen Wärme und Licht nichts weiter übrig, als die verschiedene Empfindung, welche sie erregen, je nachdem sie die Haut oder das Auge treffen; dort erregen sie das Gefühl von Wärme, hier das von Licht. Dürfen wir nun aus diesen verschiedenen Wirkungen schließen, daß sie zwei verschiedenen physikalischen Agentien entsprechen? Wohl kaum, wenn wir das erwägen, was ich von den verschiedenen Wirkungen des elektrischen Stromes und der mechanischen Reizung auf verschiedene Nerven gesagt habe. Die Strahlung der leuchtenden und der heißen Körper, - die Physik hält sie für eine schwingende Bewegung eines überall verbreiteten elastischen Stoffes, des Lichtäthers, - die Ätherschwingungen also sind ebenfalls in die Reihe der Reizmittel unserer Nerven einzuschließen und bringen, wie alle anderen Reize, verschiedene Eindrücke hervor, wenn sie auf verschiedene Nerven einwirken, Eindrücke, welche jedesmal dem besonderen Kreis von Empfindungen des besonderen Nervenapparates angehören.

So kommen wir zu der von JOHANNES MÜLLER aufgestellten Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, dem bedeutsamsten Fortschritt, den die Physiologie der Sinnesorgane in neuerer Zeit gemacht hat. Dananch hängt die Qualität unserer Empfindungen, ob sie Licht, Wärme, Ton oder Geschmack usw. sei, nicht vom wahrgenommenen äußeren Objekt ab, sondern von dem jeweiligen Sinnesnerven, welcher die Empfindung vermittelt. Lieben Sie paradoxe Ausdrücke, so können Sie sagen:  Licht wird erst Licht, wenn es ein sehendes Auge trifft,  ohne dieses ist es nur eine Ätherschwingung.

Ähnlich verhält es sich mit den Modifikationen der Lichtempfindung, den Farben. Ätherschwingungen von verschiedener Schwingungsgeschwindigkeit erregen Empfindungen verschiedener Farben, die schnelleren die des Violett, die langsameren, in der Ordnung wie ihre Dauer zunimmt, die Empfindung des Blau, Grün, Gelb, Orange, Rot. Wenn Licht von verschiedener Farbe gemischt wird, erregt es den Eindruck einer neuen Farbe, einer Mischfarbe, welche stets weißlicher und weniger gesättigt ist, als die einfachen Farben, aus denen sie zusammengesetzt wurde. Mischfarben von ganz gleichem Aussehen können aber auf die verschiedenste Weise zusammengesetzt sein, und ihre Ähnlichkeit besteht dann nur für das Auge, in irgendeiner anderen physikalischen Beziehung ist sie nicht vorhanden.

Daß die Art unserer Wahrnehmungen ebensosehr durch die Natur unserer Sinne, wie durch die äußeren Objekte bedingt sei, wird durch die angeführten Tatsachen sehr augenscheinlich und ist für die Theorie unseres Erkenntnisvermögens von der höchsten Wichtigkeit. Gerade dasselbe, was in neuerer Zeit die Physiologie der Sinne auf dem Weg der Erfahrung nachgewiesen hat, suchte KANT schon früher für die Vorstellungen des menschlichen Geistes überhaupt nachzuweisen, indem er den Anteil darlegte, welchen die besonderen eingeborenen Gesetze des Geistes, gleichsam die Organisation des Geistes, an unseren Vorstellungen haben. Die neuere Philosophie dagegen, ausgehend von der Annahme der Identität der Natur und des Geistes, suchte diese Gesetze des Geistes auch zu Gesetzen der Wirklichkeit zu machen und mußte demgemäß auch versuchen, die Gleichheit unserer Sinnesempfindungen mit den wirklichen Eigenschaften der wahrgenommenen Körper nachzuweisen. Darum namentlich wurde sie zur Verteidigerin von GOETHEs Farbenlehre. Daß der Streit über diese Lehre wesentlich diesen Sinn hat, habe ich bei anderer Gelegenheit darzulegen versucht.

So entsteht also durch das äußere Licht die Lichtempfindung, welche dann durch die Fasern des Sehnerven dem Gehirn zugeleitet wird und hier zu Bewußtsein gelangt. Aber eine Lichtempfindung ist immer noch kein Sehen. Zum Sehen wird die Lichtempfindung erst, insofern wir durch sie zur Kenntnis der Gegenstände der Außenwelt gelangen; das Sehen besteht also erst im Verständnis der Lichtempfindung. Die vornehmste Tatsache, welche uns auf diesem psychologischen Gebiet unserer Untersuchung entgegentritt, ist die: Jede Lichtempfindung veranlaßt die Vorstellung von etwas Hellem vor uns im Gesichtsfeld. Das scheint sehr einfach und natürlich zu sein, da ja doch eine Lichtempfindung immer von Licht angerecht wird. Immer? Das ist nicht genau gesprochen. Ich habe vorhin schon angeführt, daß auch durch andere Reize, welche den Sehnerv und die Netzhaut treffen, eine Lichtempfindung erregt wird. Auch in diesen Fällen entsteht in uns die Vorstellung, daß dieses Licht aus dem vor uns liegenden Raum kommt. Lassen wir bei offenen Augen von der Stirn zum Nacken einen elektrischen Strom gehen, der dabei auch den Sehnerv reizt, so glauben wir einen Lichtblitz zu sehen, welcher die vor uns liegenden Körper erhellt, obgleich der elektrische Strom in diesem Fall gar kein objektives Licht, keine Ätherschwingungen, weder im Auge noch in der Außenwelt, erzeugt. In diesem Fall wird die  Sinnesempfindung zur Sinnestäuschung Das Sinnesorgan täuscht uns dabei nicht, es wirkt in keiner Weise regelwidrig, im Gegenteil, es wirkt nach seinen festen, unabänderlichen Gesetzen und kann gar nicht anders wirken. Aber wir täuschen uns im Verständnis der Sinnesempfindung.

Ferner ruft die Reizung einer bestimmten Stelle der Netzhaut die Vorstellung eines leuchtenden Körpers an einer  bestimmten  Stelle des vor uns liegenden Raumes hervor. Ich habe Ihnen vorhin auseinandergesetzt, daß Licht, welches von einem bestimmten Punkt des Gesichtsfeldes ausgeht, beim deutlichen Sehen nur einen Punkt unserer Netzhaut trifft; deshalb verlegen wir den Ursprung aller Lichtempfindung, welche in einem solchen Punkt der Netzhaut entsteht, stets an die korrespondierende Stelle des äußeren Gesichtsfeldes. Drücken Sie mit dem Nagel am äußeren Augenwinkel, so entsteht ein kleiner Lichtschein. Sie werden ihn vielleicht zuerst gar nicht bemerken, weil Sie ihn da suchen, wo Sie drücken. Weit gefehlt! Gerade an der entgegengesetzten Seite des Gesichtsfeldes, in der Nähe des Nasenrückens erscheint er, als ein kleiner heller Kreis. Drücken Sie unter dem Augenbrauenrand der Augenhöhle auf das Auge, so erscheint der Lichtschein in der Gegend des unteren Lides; kurz, an welcher Seite des Auges Sie auch drücken, der Lichtschein erscheint immer an der entgegengesetzten Seite.

Die Erklärung der Erscheinung geht schon aus dem Vorhergesagten hervor. Kehren wir zurück zu dem Fall, wo wir am äußeren Augenwinkel drücken und der Lichtschein am Nasenrücken erscheint. Es werden hier durch den Druck dieselben Punkte der Netzhaut gereizt, welche Licht vom Nasenrücken her zu bekommen pflegen, denn das Bild auf der Netzhaut ist umgekehrt, und das Bild des Nasenrückens wird auf der äußeren Seite der Netzhaut entworfen. Lassen wir uns also verleiten, von der Reizung der Netzhaut durch den Druck des Fingernagels auf das Vorhandensein von Licht zu schließen, so ist es auch nur folgerichtig, daß wir dieses Licht von derselben Stelle des Raumes herkommen lassen, von welcher das wirkliche Licht herkommt, wenn es die betreffende Stelle der Netzhaut trifft. In der Erfahrung unseres ganzen Lebens haben wir aber den Ursprung des Lichts, welches die äußersten Teile der Netzhaut trifft, am Nasenrücken gesucht und gefunden, und unsere Vorstellung verlegt also frischweg auch das scheinbare Licht des Drucks an dieselbe Stelle. Daß unsere Vorstellung so verfährt, werden wir natürlich und begreiflich finden, aber auf einen auffallenden Umstand möchte ich hier aufmerksam machen, der wohl geeignet ist, eine Überraschung zu erregen.

Wir haben nämlich unsere Vorstellung bei einem Fehlschluß ertappt; wir haben auch wissenschaftlich eingesehen, wie sie dazu gekommen ist, und wie sich die Sache eigentlich verhält; wir wissen, unsere Vorstellung hat eine Schlußfolgerung, welche sich Millionen Mal als richtig erwies, unrichtigerweise auf einen Fall angewendet, auf den sie nicht paßt. Nun sollte unsere Vorstellung doch billigerweise ein Einsehen haben und uns nicht mehr das falsche Bild eines Lichtscheins auf dem Nasenrücken vorspiegeln, sondern den Lichtschein dahin verlegen, wo die Lichtempfindung erregt ist. Wir wiederholen den Versuch nun mit der wissenschaftlich gesicherten Überzeugung, die Lichtempfindung finde am äußeren Augenwinkel statt. Hat sich unsere Vorstellung belehren lassen? Wir werden gestehen müssen, nein. Sie verhält sich wie der ungelehrigste Schüler, sie läßt die arme Lehrerin Wissenschaft reden, solange sie will, und bleibt hartnäckig bei ihrer Aussage stehen, der Lichtschein sitze doch auf dem Nasenrücken.

So ist es auch bei allen anderen Sinnestäuschungen, von welchen ich noch reden werde. Sie verschwinden niemals dadurch, daß wir ihren Mechanismus einsehen, sondern bleiben in ungestörter Kraft bestehen.

Eine andere Reihe von Täuschungen über den Ort des gesehenen Gegenstandes entsteht, wenn das Licht nicht ungestört vom Gegenstand zum Auge gelangen konnte, sondern auch spiegelnde oder lichtbrechende Körper gestoßen ist. Der bekannteste Fall dieser Art ist die Spiegelung an den gewöhnlichen ebenen Spiegeln. Das Licht, welches auf einen Spiegel fällt, wird von diesem so zurückgeworfen, als käme es von Gegenständen her, die ebenso weit hinter der Spiegelebene liegen, wie die wirklich vorhandenen Gegenstände vor ihr. Fäll das gespiegelte Bild in das Auge, so wird es in diesem natürlich ebenso gebrochen, und trifft eben dieselben Netzhautpunkte, wie es Licht tun würde, welches von wirklichen Körpern ausgegangen wäre, die sich am scheinbaren Ort der optischen Bilder des Spiegels befänden. Unsere sinnliche Vorstellung konstruiert sich also auch sogleich die den Spiegelbildern entsprechenden wirklichen Körper und legt ihnen denselben Grad von Bestimmtheit und Evidenz bei, wie den direkt gesehenen Körpern. Auch hier erhält sich die scheinbare Lebhaftigkeit und die scheinbare räumliche Lage des Bildes, trotzdem unser Verstand von seiner Nicht-Existenz überzeugt ist.

Ähnlich verhält es sich mit dem Fernrohr und dem Mikroskop. In ihren Gläsern wird das Licht derart gebrochen, daß es, wenn es das Instrument verlassen hat, weiter geht, als käme es von einem vergrößerten Gegenstand her, und der Beobachter, welcher durch das Instrument sieht, glaubt nun wirklich diesen vergrößerten Gegenstand zu sehen.

Nach der Stelle unserer Netzhaut, in welcher eine Lichtempfindung angeregt wird, beurteilen wir also, in welcher Richtung sich die verschiedenen hellen Gegenstände befinden, die uns umgeben und in welche Teile des Gesichtsfeldes wir sie zu setzen haben. Wir erhalten dadurch ein perspektivisches Bild der Außenwelt, wie auch das optische Bild auf unserer Netzhaut ein solches perspektivisches Bild ist. Ein richtiges perspektivisches Bild von Gegenständen, die eine regelmäßige, uns wohl bekannte Form haben, läßt uns allerdings auch ein ziemlich gutes Urteil über die Tiefendimension der dargestellten Gegenstände fassen, namentlich wenn noch eine richtige Beleuchtung und Schattengebung hinzukommt. Deshalb genügen gute perspektivische Zeichnungen von Maschinenteilen, von Gebäuden usw., weil wir wissen, daß die Zeichnung Gegenstände von regelmäßiger, kugeliger, zylindrischer oder prismatischer Grundgestalt darstellen soll. Bei unregelmäßig gebildeten Gegenständen dagegen gewähren die perspektivischen Zeichnungen nur eine sehr unvollkommene Anschauung der Tiefendimension. In der Landschaftsmalerei hilft noch die sogenannte Luftperspektive, d. h. die Veränderung des Farbentons und der Klarheit der Umrisse, welche durch die dazwischenliegenden Luftschichten verursacht wird. Wodurch unterscheidet sich nun eine perspektivische Zeichnung von der direkten Ansicht des Gegenstandes selbst, welche uns unsere Augen liefern, und warum erkennen wir beim direkten Sehen die körperlichen Verhältnisse so sehr viel besser und sicherer?

Die Antwort liefert uns ein optisches Instrument, welches in den letzten Jahren ein beliebter Gegenstand der Unterhaltung für das Publikum geworden ist, nämlich das des englischen Physikers WHEATSTONE erfundene  Stereoskop.  Dieses Instrument gibt perspektivischen Zeichnungen, an denen man bei der direkten Betrachtung durchaus nicht entscheiden kann, welche Teile vorne, welche hinten liegen sollen, und um wieviel der eine Teil hinter dem anderen liegt.

Die Prinzipien des Stereoskops sind einfach folgende: Wenn wir irgendeinen Gegenstand, eine Landschaft, ein Zimmer oder dergleichen betrachten, dessen verschiedene Teile in verschiedener Entfernung liegen, so gewinnen wir von verschiedenen Standpunkten verschiedene Ansichten. Diejenigen Gegenstände des Vordergrunds, welche, vom ersten Standpunkt aus gesehen, irgendeine bestimmte Stelle des Hintergrunds bedeckten, decken vom zweiten Standpunkt aus andere Stellen. Flächen, die vom ersten Standpunkt stark verkürzt erschienen, erscheinen vom zweiten weniger verkürzt und umgekehrt. Wenn wir also von zwei verschiedenen Standpunkten aus perspektivische Ansichten desselben körperlich ausgedehnten Gegenstandes aufnehmen, so sehen diese Ansichten nicht gleich aus, sondern unterscheiden sich umso mehr, je verschiedener die Standpunkte sind. Die allervollkommenste perspektivische Zeichnung desselben Gegenstandes wird aber ihr Ansehen nicht wesentlich verändern, wenn wir sie nacheinander von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Die Gegenstände des Vordergrunds der Zeichnung decken immer genau dieselben Stellen ihres Hintergrundes, die Flächen, welche einmal verkürzt erscheinen, bleiben verkürzt.

Nun hat der Mensch  zwei  Augen, welche fortdauernd die Welt von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachten, welche also auch fortdauernd zwei verschiedene perspektivische Ansichten dem Bewußtsein zur Begutachtung darbieten, so oft sie einen körperlich ausgedehnten Gegenstand wahrnehmen. Wenn dagegen beide Augen eine perspektivische Zeichnung des Gegenstandes betrachten, die auf einer ebenen Fläche ausgeführt ist, so erhalten beide dasselbe perspektivische Bild. Dadurch werden wir befähigt, den wirklichen Gegenstand von seiner Abbildung zu unterscheiden, möge letztere auch noch so getreu und vollkommen sein.

Wenn wir aber nun zwei perspektivische Zeichnungen desselben Gegenstandes anfertigen, welche den Ansichten des rechten und linken Auges entsprechen, und dann jedem Auge die betreffende Zeichnung in einer richtigen Lage zeigen, so hört der wesentliche Unterschied zwischen der Ansicht des Gegenstandes und seiner Abbildung auf, und wir glauben nun, statt der Zeichnungen in der Tat die Gegenstände zu sehen.

Dieses leistet das Stereoskop. Zu stereoskopischen Darstellungen gehören also immer je zwei Zeichnungen desselben Gegenstandes, welche von zwei verschiedenen Standpunkten aus aufgenommen sind. Der optische Teil des Instruments, der äußerst verschieden eingerichtet sein kann, leistet weiter nichts, als daß er die beiden verschiedenen Zeichnungen scheinbar an denselben Ort verlegt. Ja, wer im Schielen geübt ist, braucht gar keine optischen Hilfsmittel. Wenn man einfach die beiden Zeichnungen nebeneinander legt und solange schielt, bis sich von den dabei entstehenden doppelten Bildern die beiden mittleren decken, so tritt die stereoskopische Täuschung ein.

Am lehrreichsten sind stereoskopische Darstellungen von körperlichen Figuren, welche aus einfachen Linien und Punkten zusammengesetzt sind, weil hier alle anderen Hilfsmittel für die Beurteilung der Tiefendimension fehlen, und daher die Täuschung selbst und ihr Grund am augenscheinlichsten hervortritt. Am wunderbarsten aber, wegen der außerordentlichen Lebhaftigkeit der Täuschung, sind die zuerst von MOSER (1) ersonnenen und ausgeführten stereoskopischen Darstellungen von Landschaften, Statuen und menschlichen Figuren, welche mittels der Photographie gewonnen werden.

So konstruieren wir uns also die Raumverhältnisse der uns umgebenden Gegenstände fortdauernd aus zwei verschiedenen perspektivischen Ansichten, welche unsere beiden Augen uns von ihnen liefern. Der Einäugige entbehrt dieses Vorteils: solange er sich nicht von der Stelle bewegt, erkennt er seine Umgebung nur insofern richtig, als man dies aus einem vollkommen getreuen Gemälde erkennen könnte. Nur wenn er sich fortbewegt, lernt er die Ansichten verschiedener Standpunkte kennen und die Raumverhältnisse sicher zu beurteilen. Man kann also sagen solange er still sitzt, sieht er nicht die Welt, sondern nur ein perspektivisches Gemälde der Welt. Er kann deshalb auch vom Stereoskop keinen Vorteil ziehen, weil die Täuschung beim Gebrauch dieses Instruments auf dem gleichzeitigen Gebrauch beider Augen beruth.

So erklärt sich auch die Schwierigkeit eine von der Jugend zuweilen geübten Spiels. Man hängt einen Ring an einem Faden auf. Einer der Spielenden setzt sich so, daß er den Ring von der schmalen Seite sieht, und hat die Aufgabe, während er ein Auge schließt, ein Stäbchen durch den Ring zu schieben. Gewöhnlich gelingt es ihm, zum Gelächter der Anderen, erst nach vielen vergeblichen Bemühungen, während die Aufgabe mit zwei offenen Augen ganz leicht zu lösen ist.

Von den Momenten, welche wir zur Beruteilung der Raumverhältnisse gebrauchen, ist schließlich noch eines zu erwähnen. Wir beurteilen die Richtung, ausd er das Licht herkommt, nach der Stelle der Netzhaut, welche davon getroffen wird. Aber die Stelle des Bildes auf der Netzhaut ändert sich, wenn man das Auge bewegt. Es muß also auch noch die Stellung des Auges im Kopf bekannt sein, wenn wir richtig auf die Raumverhältnisse schließen sollen. Jede Bewegung des Auges, die nicht infolge unseres Willenseinflusses entsteht, oder nicht so ausgeführt wird, wie wir es durch unseren Willen beabsichtigt haben, stört daher unser Urteil über die Lage der uns umgebenden Gegenständ. Schließt man ein Auge, und drückt und zerrt man am anderen, so treten sogleich scheinbare Bewegungen der gesehenen Gegestände ein. Durch den äußeren mechanischen Einfluß wird hier das Auge verschoben, ohne daß wir genau beurteilen können, in welcher Richtung und wie weit das geschieht; die optischen Bilder verschieben sich dabei auf der Netzhaut, und wir schließen daraus auf eine Bewegung der Gegenstände. Haben wir bei diesem Versuch beide Augen geöffnet, so erblick das unbewegte Auge den Gegenstand fest und unverrückt, während das gedrückte oder gezerrte Auge ein zweites bewegliches Bild desselben daneben sieht. In dieses Gebiet gehören auch die Scheinbewegungen, welche beim Schwindel eintreten. Sie erklären sich größten Teils daraus, daß die Wirkung der Muskeln, die das Auge bewegen, falsch beurteilt wird. Ein Fieberkranker, dem die Gegenstände zu tanzen scheinen, wenn er die Augen bewegt, weil er die Wirkung seiner Augenmuskeln auf die Stellung des Auges falsch beurteilt, findet daher Erleichterung, sobald er sie fest auf einen Punkt geheftet hält, weil dann der Grund dieser Scheinbewegungen fortfällt. Jemand, der sich schnell im Kreis gedreht hat, sieht, wenn er wieder still steht, die Gegenstände seiner Umgebung in entgegengesetzter Richtung eine Scheinbewegung ausführen. Jemand, der, in der Eisenbahn sitzend, längere Zeit die Gegenstände, an denen er vorüberfährt, betrachtet hat und nun in den Wagen hineinblickt, glaubt, die Gegenstände im Wagen in der entgegengesetzten Richtung bewegt zu sehen. Jemand, der einige Zeit auf der See gefahren ist, glaubt nachher zu Lande ähnliche Bewegungen des Zimmers zu sehen, wie sie in der Kajüte des Schiffes stattfanden. In diesen Fällen hat sich eine falsche Gewöhnung des Urteils ausgebildet. Während die wirkliche Bewegung stattfand, mußte der Beobachter, wenn er einen Gegenstand fixieren wollte, seine Augen entsprechend mitbewegen. So entstand nun eine neue Art von Einübung bei ihm, die ihn lehrte, welchen Grad von Spannung er den Augenmuskeln geben mußte, um einen Gegenstand zu fixieren. Hört nun die wirkliche Bewegung auf, so will er in derselben Weise fortfahren, die Gegenstände zu fixieren. Jetzt aber tritt bei derselben Spannung der Muskeln eine Verschiebung des Netzhautbildes ein, da die Gegenstände sich nicht mehr in entsprechender Weise mit den Augen bewegen, und der Beobachter urteilt deshalb, daß die stillstehenden Gegenstände sich bewegen, bis er sich wieder auf die Fixation feststehender Gegenstände eingeübt hat. Es ist diese Art der Scheinbewegungen namentlich deshalb interessant, weil sie lehrt, wie schnell eine veränderte Einübung in der Deutung der Sinneswahrnehmungen eintreten kann.

Wie wenig wir überhaupt beim täglichen Gebrauch unserer Sinnesorgane an die Rolle denken, welche diese dabei spielen, wie ausschließlich uns nur das von ihren Wahrnehmungen interessiert, was uns über Verhältnisse der Außenwelt Nachricht verschafft, und wie wenig wir solche Wahrnehmungen berücksichtigen, welche dazu nicht geeignet sind, dafür noch einige Beispiele. Wenn wir einen Gegenstand genau betrachten wollen, so richten wir die Augen so auf ihn, daß wir ihn deutlich und einfach sehen. Wenn wir dann ein Auge durch einen Druck mit dem Finger seitlich verschieben, entstehen, wie ich schon erwähnte, Doppelbilder des Gegenstandes, weil wir nun nicht mehr die Bilder beider Augen in dieselbe Stelle des Gesichtsfeldes verlegen. Aber während wir den einen Gegenstand fixieren, paßt die Stellung unserer Augen nicht mehr für alle Gegenstände, welche näher oder ferner liegen, als der fixierte, und alle diese Gegenstände erscheinen und doppelt. Man halte einen Finger nahe vor das Gesicht, und sehe nach dem Finger; achtet man nun gleichzeitig auf die Gegenstände des Hintergrundes, so erscheinen diese doppelt, und sieht man nach einem Punkt des Hintergrundes, so erscheint der Finger doppelt. Wir können also nicht zweifeln, daß wir fortdauernd den größeren Teil der Gegenstände des Gesichtsfeldes doppelt sehen, und doch merken wir das gar nicht so leicht; vielleicht gibt es viele Personen, die es durch ihr ganzes Leben nicht gemerkt haben. Auch wenn wir es schon wissen, gehört immer noch ein besonderer Akt der Aufmerksamkeit dazu, um die Doppelbilder wahrzunehmen, während wir beim gewöhnlichen praktischen Gebrauch der Augen mit der größten Beharrlichkeit von ihnen abstrahieren.

Ferner, würden Sie wohl glauben, daß in jedem menschlichen Auge, ganz nahe der Mitte des Gesichtsfeldes, sich eine Stelle befindet, welche gar nicht sieht, sondern vollständig blind ist, nämlich die Eintrittsstelle des Sehnerven? Und das solten wir unser ganzes Leben lang nicht bemerkt haben? Wie ist das möglich? Es ist ebensogut möglich, als daß jemand Monate, Jahre lang auf einem ganzen Auge blind sein kann und es erst bei einer zufälligen Erkrankung des anderen Auges bemerkt. So auch mit dem normalen blinden Fleck des Auges. Die blinden Flecke beider Augen fallen nicht auf denselben Teil des Gesichtsfeldes. Wo also das eine Auge nichts sehen kann, sieht das andere, und auch wenn wir ein Auge schließen, bemerken wir nicht so leicht den blinden Fleck, weil wir gewöhnlich, um etwas genau zu sehen, nur eine einzige, durch einen besonderen Bau ausgezeichnete Stelle der Netzhaut, die Stelle des direkten Sehens, anwenden. Die Eindrücke, welche von den übrigen Teilen des Gesichtsfeldes kommen, geben gleichsam nur eine flüchtige Skizze von der Umgebung des betrachteten Gegenstandes. Und da wir meistens den Blick auf den verschiedenen Teilen des Gesichtsfeldes umherschweifen lassen und die Gegenstände, welche uns interessieren, dabei nacheinander fixieren, so werden wir trotz des blinden Flecks, bei diesen Bewegungen mit allen Teilen des Gesichtsfeldes bekannt und nicht gehindert sein, alles wahrzunehmen, an dessen Wahrnehmung uns etwas liegt.

Um sich vom Vorhandensein eines solchen Flecks zu überzeugen, muß man schon methodische Beobachtungen anstellen. Wenn man das linke Auge schließt, ein Papierblatt in der Entfernung von 7 Zoll vor das rechte Auge hält, und irgendeinen bezeichneten Punkt der Papierfläche fixiert, so entspricht der blinde Fleck der Stelle des Papiers, welche 2 Zoll nach rechts vom Gesichtspunkt liegt. Befindet sich hier ein schwarzer Fleck, oder irgendein kleiner Gegenstand, so sieht man diesen nicht, sondern die weiße Fläche des Papiers erscheint ununterbrochen. (2)

Die Größe des blinden Flecks ist hinreichend, um uns am Himmel eine Scheibe, welche einen zwölfma größeren Durchmesser hätte als der Mond, verdecken zu können. Ein menschliches Gesicht kann er verdecken, wenn sich dieses in 6 Fuß Entfernung befindet. Sie sehen, daß seine Größe verhältnismäßig gar nicht unbedeutend ist.

Diese Tatsachen bestätigen, was ich vorher aussprach, daß wir von unseren Sinneswahrnehmungen beim unbefangenen Gebrauch der Sinne nur das berücksichtigen, was uns Aufschluß über die Außenwelt gibt. Aber neuere Untersuchungen über den blinden Fleck geben uns außerdem noch interessante Aufschlüsse über die Rolle, welche psychische Prozesse schon bei den einfachsten Sinneswahrnehmungen spielen. Bringen wir in die dem blinden Fleck entsprechende Stelle des Gesichtsfeldes irgendein Objekt, welches kleiner ist als der blinde Fleck, so sehen wir es überhaupt nicht, sondern füllen die Lücke mit der Farbe des Grundes aus, wie das namentlich im beschriebenen Versuch mit dem schwarzen Fleck auf weißem Papier geschieht. Fällt der blinde Fleck auf einen Teil irgendeiner Figur, so ergänzen wir die Figur, und zwar so, wie es den am häufigsten uns vorkommenden Figuren ähnlicher Art entspricht. Fällt der blinde Fleck z. B. auf einen Teil einer schwarzen Linie auf weißem Grund, so setzt die Einbildungskraft die Linie auf dem kürzesten Weg durch den blinden Fleck hin fort, auch dann, wenn in Wahrheit an der Stelle die wirkliche Linie eine Lücke oder Ausbiegung haben sollte.

Fällt der blinde Fleck auf die Mitte eines Kreuzes, so ergänzt die Einbildungskraft den mittleren Teil, und wir glauben ein Kreuz zu sehen, selbst in dem Fall, wo in Wahrheit die vier Schenkel in der Mitte gar keine Verbindung haben sollten, usw.

Sind verschiedene Auslegungen gleich geläufig, so schwankt die Vorstellung oft zwischen der einen und anderen, sie kann aber nicht durch den Willen gezwungen werden, die eine oder die andere zu wählen.

Wenn beide Augen geöffnet sind, so entscheiden wir im Allgemeinen nach den Wahrnehmungen des sehenden Auges. Halte ich ein Paier mit einem roten Fleck so vor mich hin, daß der rote Fleck vom rechten Auge nicht gesehen wird, so wird er doch vom linken gesehen, und ich glaube deshalb, ein Papier mit einem roten Fleck wahrzunehmen, was auch der Wirklichkeit entspricht. In anderen Fällen entscheiden wir aber nicht unbedingt nach den Wahrnehmungen des sehenden Auges. Wenn ich nun ein ganz weißes Papier nehme und vor das linke Auge ein rotes Glas halte, so erscheint das ganze Papier gleichmäßig rötlich-weiß, ohne daß die dem blinden Fleck des rechten Auges entsprechende Stelle sich durch ein besonderes Ansehen auszeichnete. Und doch sind die unmittelbaren Empfindungen, welche sich auf diese Stelle beziehen, jetzt in beiden Augen genau dieselbe wie vorher, als das Papier mit dem roten Fleck betrachtet wurde; nämlich das rechte Auge sieht hier gar nichts, das linke reines Rot. Trotzdem erscheint diese Stelle nicht rein rot, sondern, wie das ganze übrige Papier, weiß mit einem schwachen rötlichen Schein. Der Unterschied liegt nur darin, daß jetzt dem linken Auge nicht bloß die eine Stelle, sondern die ganze Papierfläche rein rot erscheint. Die dem blinden Fleck des rechten Auges entsprechende Stelle zeichnet sich im linken nicht durch ihre Farbe vor dem anderen Papier aus, und das Urteil findet deshalb keinen Grund, jener Stelle eine besondere Beschaffenheit beizulegen. Hier finden wir also einmal einen Fall, wo die Einbildungskraft, trotz der gleichen Sinneseindrücke, sich durch das Urteil bestimmen läßt, dieselben verschieden und richtig zu deuten.

Das Feld der sogenannten Gesichtstäuschungen ist noch ungemein reich. Die angeführten Beispiele werden aber genügen, Ihnen die Eigentümlichkeiten der Wahrnehmungen unseres Auges und unserer Sinne überhaupt anschaulich zu machen.

Ich habe bisher immer gesagt, die Vorstellung in uns urteile, schließe, überlege usw., habe micht aber wohl gehütet zu sagen,  wir  urteilen, schließen, übelegen; denn ich habe schon anerkannt, daß diese Akte ohne unser Wissen vor sich gehen und auch nicht durch unseren Willen und unsere besser Überzeugung abgeändert werden können. Dürfen wir denn nun, was hier geschieht, dieses Denken ohne Selbstbewußtsein und nicht unterworfen der Kontrolle der selbstbewußten Intelligenz, wirklich als Prozesse des Dnkens bezeichnen? Dazu kommt, daß die Genauigkeit und Sicherheit in der Konstruktion unserer Gesichtsbilder so groß, so augenblicklich und unzweifelhaft ist, wie wir sie unseren Schlußfolgerungen zuzutrauen eigentlich nicht geneigt sind. Denn so sehr wir uns auch mit der Macht unseres Verstandes brüsten, so belegen wir doch im gemeinen Leben und in den nicht mathematischen Wissenschaften zu oft dasjenige mit dem Namen eines Schlusses, was eigentlich nur ein Erraten oder eine wahrscheinliche Annahme ist, als daß wir nicht geheime Zweifel hegen müßten gegen die Zuverlässigkeit solcher Schlußfolgerungen, die nicht auf Erfahrung gestützt sind. Und was die Schnelligkeit der Schlußfolgerungen betrifft, so sind diese auch da, wo wir absolute Zuverlässigkeit erreichen können, wie in mathematischen Folgerungen und Rechnungen, so schwerfällig, umständlich und langsam, daß sie mit den blitzschnellen Auffassungen unseres Auges nicht im Entferntesten verglichen werden können.

Die Natur der psychischen Prozesse zu bestimmen, welche die Lichtempfindung in eine Wahrnehmung der Außenwelt verwandeln, ist eine schwere Aufgabe. Leider finden wir bei den Psychologen keine Hilfe, weil für die Psychologie die Selbstbeobachtung bisher der einzige Weg des Erkennens gewesen ist, wir es aber hier mit geistigen Tätigkeiten zu tun haben, von denen uns die Selbstbeobachtung gar keine Kunde gibt, deren Dasein wir vielmehr erst aus der physiologischen Untersuchung der Sinneswerkzeuge schließen können. Die Psychologen haben daher die geistigen Akte, von denen hier die Rede ist, auch meist unmittelbar zur sinnlichen Wahrnehmung gerechnet, und keinen näheren Aufschluß über sie zu erhalten gesucht.

Diejenigen, welche sich nicht entschließen mochten, dem Denken und Schließen eine Rolle bei den sinnlichen Wahrnehmungen einzuräumen, kamen zunächst zu der Annahme, daß das Bewußtsein aus dem Auge hinaustrete, längs des Lichtstrahls sich bis zum gesehenen Objekt hinbreite und dieses an Ort und Stelle wahrnehme, etwa so, wie PLATON es ausspricht:
    "Unter allen Organen bildeten die Götter die strahlenden Augen zuerst. Ein Organ des Feuers, das nicht brennt, sondern ein mildes Licht gibt, jedem Tag angemessen, hatten sie bei dieser Bildung zur Absicht. Wenn des Auges Licht um den Ausfluß des Gesichtes ist, und Gleiches zu gleichem ausströmende sich vereint, so entwirft sich in der Richtung der Augen ein Körper, wo immer das aus dem Innern strömende Licht mit dem äußeren zusammentrifft. Wenn aber das verwandte Feuer des Tages in die Nacht vergeht, so ist auch das innere Licht verhalten; denn in das Ungleichartige ausströmend verändet es sich und erlischt, indem es sich durch keine Verwandtschaft der Luft anfügen und mit ihr eins werden kann, da sie selbst kein Feuer hat."
Diese Stelle ist merkwürdig, weil darin ein Anerkenntnis der wichtigen Rolle liegt, welche das Auge bei der Lichtempfindung spielt. Man würde das innere Licht in dieser Beziehung der Nerventätigkeit vergleichen können. Ebenso wie PLATON das innere Licht ausströmen, an den erleuchteten Körpern mit dem äußeren Licht zusammenkommen, und hier das Bewußtsein von der Anwesenheit des Körpers entstehen läßt, so ließen Neuere das geheimnisvolle Nervenagens aus dem Auge ausströmen und diese an den Körpern selbst erkennen. Namentlich huldigten dieser Lehre die Anhänger des tierischen Magnetismus, welche überhaupt ihre ganze Theorie auf die Annahme einer den menschlichen Körper umgebenden Nervenatmosphäre gebaut hatten. Sie ließen das Nervenfluidum bekanntlich Reisen zu den entferntesten Teilen der Erde und selbst des Weltalls antreten, um dort auszukundschaften, was der neugierige Magnetiseur zu wissen wünschte. Obgleich aber die beschriebene Vorstellung vom Sehen des sinnlichen Anschauung des gemeinen Lebens mehr entsprechen möchte, läßt sie sich nicht halten. Denn warum merkt es das ausströmende Nervenprinzp oder Bewußtsein nicht, daß nur der Finger die Netzhaut gedrückt hat, und draußen gar kein Licht sei? und was geschieht ihm, wenn es draußen auf einen Spiegel stößt? wird das Bewußtsein von ihm nach denselben Gesetzen, wie das Licht, zurückgeworfen? und warum täuscht es sich nachher über den Ort des durch den Spiegel gesehenen Körpers? Wir verwickeln uns in die größten Absurditäten, wenn wir dieser Hypothese nachgehen; eben deshalb hat dieselbe niemals Eingang in die ernstere Wissenschaft erlangen können.

Wenn aber das Bewußtsein nicht unmittelbar am Ort der Körper selbst diese wahrnimmt, so kann es nur durch einen Schluß zu ihrer Kenntnis kommen. Denn nur durch Schlüsse können wir überhaupt das erkennen, was wir nicht unmittelbar wahrnehmen. Daß es nicht ein mit Selbstbewußtsein vollzogener Schluß sei, darüber sind wir einig. Vielmehr hat er mehr den Charakter eines mechanisch eingeübten, der in die Reihe der unwillkürlichen Ideenverbindungen eingetreten ist, wie solche zu entstehen pflegen, wenn zwei Vorstellungen sehr häufig miteinander verbunden vorgekommen sind. Dann ruft jedesmal die eine mit einer gewissen Naturnotwendigkeit die andere hervor. Denken Sie an einen gewandten Schauspieler, der uns die Kleidung, die Bewegungen und Sitten der Person, welche er darstellt, getreu vorführt. Wir werden uns allerdings jeden Augenblick darauf besinnen können, daß das, was wir auf der Bühne sehen, nicht die Person der Rolle, sondern der Schauspieler XY sei, den wir auch schon in anderen Rollen gesehen haben, aber diese Vorstellung, als ein Akt des freien und selbstbewußten Denkens, wird doch die Täuschung nicht beseitigen, welche uns fortdauernd die Vorstellung von der Person der Rolle lebendig erhält. Wir werden der Person auf der Bühne unwillkürlich fortdauernd die Gefühle zumuten, welche der Rolle entsprechen, und eine danach eingerichtete Handlungsweise erwarten. Ja, bei der höchsten Vollendung der dramatischen Darstellung kommt uns nicht einmal die Kunst des Schauspielers zu Bewußtsein, weil wir das, was er tut, ganz natürlich finden, und nur durch den Vergleich mit ungeschickteren Mitschauspielern, bei denen wir an die stattfindende Täuschung fortdauernd durch Züger erinnert werden, welche der Person des Schauspielers und nicht der der Rolle angehören, lernen wir einen Schauspieler ersten Ranges schätzen.

Gerade so ist es bei den optischen Täuschungen, wenn wir ihren Mechanismus einsehen. Wir wissen in solchen Fällen, daß die Vorstellung , welche der sinnliche Eindruck in uns hervorruft, unrichtig ist; das hindert aber nicht, daß diese Vorstellung in all ihrer Lebhaftigkeit bestehen bleibt. Und während es beim Schauspieler vielleicht nur konventionelle Formen der Kleidung, Bewegung, Sprechweise sind, die die Täuschung erhalten, und wir höchstens bei leidenschaftlichen Aufregungen an eine natürliche Verbindung des Gefühls und seiner Zeichen, welche der Schauspieler vorführt, denken können, so haben wir es bei den Sinneswahrnehmungen mit einer Verbindung von Vorstellungen zu tun, welche durch die Natur unserer Sinne selbst bedingt ist, also viel seltenere Ausnahmen zuläßt, als die Formen der menschlichen Sitte. Unser ganzes Leben hindurch haben wir in millionenfacher Wiederholung erfahren, daß, wenn in gewissen Nervenfasern unserer beiden Augen, bei einer gewissen Stellung derselben, ein Gegenstand eine Lichtempfindung erregte, wir den Arm so weit ausstrecken mßten, oder eine bestimmte Zahl von Schritten gehen mußten, um ihn zu erreichen. Dadurch ist dann die unwillkürliche Verbindung zwischen dem bestimmten Gesichtseindruck und der Entfernung und Richtung, in welcher der Gegenstand zu suchen ist, hergestellt. Deshalb entsteht und erhält sich die Vorstellung eines solchen Gegenstandes, wenn uns z. B. das Stereoskop die entsprechenden Gesichtseindrücke hervorruft, auch gegen unsere besser begründete Überzeugung, gerade wie uns die Kleider und Bewegungen des Schauspielers die lebendige Anschauung der Person der Rolle aufrecht erhalten. Im letzteren Fall ist die Verbindung zwischem dem Äußeren und dem Wesen der Person, z. B. zwischen männlichen Kleidern und einem Mann, doch rein konventionell, nicht einmal durch Naturnotwendigkeit gegeben, also jedenfalls nur angelernt, nicht angeboren. Was die Beurteilung der Entfernung durch die Augen betrifft, so können wir wohl ebenfalls nicht zweifeln, daß diese durch Einübung angelernt sei. Wir sehen deutlich bei jungen Kindern, daß sie ganz falsche Vorstellungen von den Entfernungen der Gegenstände haben, die sie erblicken, und mancher von Ihnen wird sich vielleicht aus seiner Jugend noch Erlebnisse zurückrufen können, bei denen er in grober Täuschung über die Entfernungen war. Ich entsinne mich selbst noch deutlich des Augenblicks, wo mir das Gesetz der Perspektive aufging, daß entfernte Dinge klein aussehen. Ich ging an einem hohen Turm vorbei, auf dessen oberster Gallerie sich Menschen befanden, und mutete meiner Mutter zu, mir die niedlichen Püppchen herunterzulangen, da ich durchaus der Meinung war, wenn sie den Arm ausstrecke, werde sie nach der Gallerie des Turmes hingreifen können. Später habe ich noch oft nach der Gallerie jenes Turms emporgesehen, wenn sich Menschen darauf befanden, aber sie wollten dem geübteren Auge nicht mehr zu niedlichen Püppchen werden.

Durch das Prinzip der Einübung, der Erziehung unserer Sinnesorgane erklärt sich auch die Sicherheit und Genauigkeit in der Raumkonstruktion unserer Augen. Mit welcher die künstlichsten Maschinen übertreffenden Genauigkeit wir lernen können die Organe unseres Körpers zu gebrauchen, das zeigen die Übungen des Jongleurs, die Stöße gewandter Billardspieler. Wir alle sind, sozusagen, Jongleure mit den Augen; denn wir haben uns jedenfalls viel anhaltender und länger in der Beurteilung unserer Gesichtsobjekte geübt, als unsere gymnastischen Künstler in ihren Kugelspielen und Balanzierübungen; wir erregen mit unserer Kunstfertigkeit nur deshalb kein Aufsehen, weil jeder andere dieselbe Reihe von Kunststücken ausführen kann.

Indem wir sehen  gelernt  haben, haben wir eben nur gelernt, die Vorstellung eines gewissen Gegenstandes mit gewissen Empfindungen zu verknüpfen, welche wir wahrnehmen. Die Mittelglieder, durch welche die Empfindungen zustande kommen, interessieren uns dabei gar nicht; ohne wissenschaftliche Untersuchung lernen wir sie auch gar nicht kennen. Zu diesen Mittelgliedern gehört auch das optische Bild auf der Netzhaut. Der Umstand, daß es auf dem Kopf steht, und wir die Gegenstände doch aufrecht sehen, hat viel Verwunderung und eine unendliche Menge unnützer Erklärungsversuche hervorgerufen. Wir haben durch Erfahrung gelernt: eine Lichtempfindung in gewissen Fasern des Sehnerven bezeichnet helle Gegenstände oben im Gesichtsfeld, eine Lichtempfindung in gewissen anderen Fasern bezeichnet sie unten. Wo diese Fasern in der Netzhaut, im Sehnerven liegen, ist dabei ganz einerlei, wenn wir nur imstande sind, den Eindruck der einen Faser von dem der anderen zu unterscheiden. Daß es eine Netzhaut und optische Bilder darauf gebe, weiß ja der natürliche Mensch gar nicht. Wie soll ihn da die Lage des optischen Bildes auf der Netzhaut irre machen können?

Inwieweit übrigens die bloß erlernten oder die angeborenen, und durch die Organisation des Menschen selbst wesentlich bedingten Verknüpfungen von Vorstellungen im Verständnis unserer Sinneswahrnehmungen in Betracht kommen, läßt sich bis jetzt wohl kaum entscheiden. Bei Tieren beobachten wir instinktive Handlungen, die darauf hindeuten. Das neugeborene Kalb geht auf das Euter der Kuh zu, um zu saugen; das würde, wenn es mit Bewußtsein geschähe, ein Verständnis der Gesichtserscheinungen und eine Kenntnis des Gebrauchs seiner Füße voraussetzen, die nicht erlernt sein könnten. Aber wer von uns kann sich in die Seele eines neugeborenen Kalbes versetzen, um den Mechanismus dieser instinktiven Handlungen zu verstehen?

Somit wäre das, was ich früher das Denken und Schließen der Vorstellungen genannt habe, nun doch wohl kein Denken und Schließen, sondern nichts als eine mechanisch eingeübte Ideenverbindung? Ich bitte Sie, noch einen letzten Schritt weiter mit mir zu machen, einen Schritt, der uns wieder auf unseren Anfang, auf KANT, zurückführen wird. Wenn eine Verbindung zwischen der Vorstellung eines Körpers von gewissem Aussehen und gewisser Lage und unseren Sinnesempfindungen entstehen soll, so müssen wir doch erst die Vorstellung von solchen Körpern haben. Wie es aber mit dem Auge ist, so ist es auch mit den anderen Sinne; wir nehmen nie die Gegenstände der Außenwelt unmittelbar wahr, sondern wir nehmen nur Wirkungen dieser Gegenstände auf unsere Nervenapparate wahr, und das ist vom ersten Augenblick unseres Lebens an so gewesen. Auf welche Weise sind wir denn nun zuerst aus der Welt der Empfindungen unserer Nerven hinübergelangt in die Welt der Wirklichkeit? Offenbar nur durch einen Schluß; wir müssen die Gegenwärt äußerer Objekte als  Ursache  unsere Nervenerregung voraussetzen; denn es kann keine Wirkung ohne Ursache sein. Woher wissen wir, daß keine Wirkung ohne Ursache sein könne? Ist das ein Erfahrungssatz? Man hat ihn dafür ausgeben wollen; aber wie man sieht, brauchen wir diesen Satz ehe wir noch irgendeine Kenntnis von den Dingen der Außenwelt haben; wir brauchen ihn, um nur überhaupt zu der Erkenntnis zu kommen, daß es Objekte im Raum um ums gibt, zwischen denen ein Verhältnis von *Ursache und Wirkung bestehen kann. Können wir ihn aus der inneren Erfahrung unseres Selbstbewußtseins hernehmen? Nein; denn die selbstbewußten Akte unseres Willens und Denkens betrachten wir gerade als  frei;  d. h. wir leugnen, daß sie notwendig Wirkungen ausreichender Ursachen seien. Also führt uns die Untersuchung der Sinneswahrnehmungen auch noch zu der schon von KANT gefundenen Erkenntnis: daß der Satz: "Kein Wirkung ohne Ursache", ein vor aller Erfahrung gegebenes Gesetz unseres Denkens sei. (3)

Es war der außerordentliche Fortschritt, den die Philosophie durch KANT gemacht hat, daß er das angeführte Gesetz und die übrigen eingeborenen Formen der Anschauung und Gesetze des Denkens aufsuchte und als solche nachwies. Damit leistete er, wie ich schon vorher erwähnte, dasselbe für die Lehre von den Vorstellungen überhaupt, was in einem engeren Kreis für die unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmungen auf empirischen Wegen die Physiologie durch JOHANNES MÜLLER geleistet hat. Wie letzterer in den Sinneswahrnehmungen den Einfluß der besonderen Tätigkeit der Organe nachwies, so wies KANT nach, was in unseren Vorstellungen von den besonderen und eigentümlichen Gesetzen des denkenden Geistes herrühre. Sie sehen also, daß KANTs Ideen noch leben und sich noch immer reich entfalten, selbst auf Gebieten, wo man ihre Früchte vielleicht nicht gesucht haben würde. Auch hoffe ich Ihnen klar gemacht zu haben, daß der Gegensatz zwischen Philosphie und Naturwissenschaften nur auf gewisse neuere Systeme der Philosophie überhaupt, sondern nur auf gewisse neuere System der Philosophe bezieht, und daß das gemeinsame Band, welches alle Wissenschaften verbinden soll, keineswegs durch die neuere Naturwissenschaft zerrissen ist. Ja ich fürchte sogar, daß Sie auf meinen heutigen naturwissenschaftlichen Vortrag das Sprüchlein anwenden könnten, welches MEPHISTOPHELES eigentlich auf die Philosophen gemünzt hat:
    Dann lehret man euch manchen Tag,
    Daß, was ihr sonst auf einen Schlag
    Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
    Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sei.

LITERATUR - Hermann Helmholtz, Über das Sehen des Menschen [Vortrag gehalten zu Königsberg am 27. Februar 1855] Vorträge und Reden, Bd. 1, Braunschweig 1896
    Anmerkungen
    1) Siehe HEINRICH WILHELM DOVE, Repertorium der Physik, Bd. V, Seite 384, Jahrgang 1844
    2) Der Leser wird den Versuch an der beistehenden Figur leicht ausführen können.
    kreuzpunkt
    Er schließe das linke Auge, blicke mit dem rechten nach dem Kreuzchen und entferne das Papierblatt etwa 7 Zoll vom Auge, so wird ihm die schwarze Kreisfläche verschwinden. Nähert er das Papier dem Auge oder entfernt er es, so kommt sie wieder zum Vorschein. Man achte aber ja darauf, stets das Kreuzchen zu fixieren.
    3) Spätere genauere Erörterungen des Sinnes dieses Satzes finden Sie in meiner Rede über "*Die Tatsachen in der Wahrnehmung".