p-4 Rudolf WillyMax WalleserLudwig PongratzWilliam SternErnst Laas    
 
CARL MAX GIESSLER
Die Identifizierung von Persönlichkeiten

"Der Gefühlston spielt bei den intellektuellen Stimmungen eine nebensächliche Rolle."

"Wirklich zur Entwicklung gelangende psychische Kraftfelder haben wir vornehmlich bei den Stimmungen. Bei den affektiven Erregungen im engeren Sinne (wie Freude, Begeisterung, Angst, Scham) haben wir rasch und intensiv wirkende Kraftfelder. Und in der steten Aufeinanderfolge der zur Entwicklung gelangenden oder sich anbahnenden psychischen Kraftfelder offenbart sich unser aktuelles Ich."


Zu den wichtigsten Vorstellungen des Individuums gehören die Vorstellungen von Individuen derselben Gattung. Es ist daher von Bedeutung, daß beim kleinen Kind das Gedächtnis für Physiognomien früher zur Entwicklung gelangt, als das für Zusammenfassungen anderer Gesichtseindrücke, daß ferner das Personengedächtnis zusammen mit dem Ortsgedächtnis am längsten bestehen bleibt und selbst bei eintretender Seelenblindheit erst in höheren Stadien dieser Geisteskrankheit verschwindet. In folgendem soll nun ein für die Praxis besonders wichtiger Fall, nämlich die Identifizierung von Persönlichkeiten, der psychologischen Analyse unterworfen werden. Bevor wir jedoch zur eigentlichen Behandlung übergehen, wollen wir uns zunächst über die Arten der Reproduktionstätigkeit im allgemeinen auseinandersetzen.


§ 1. Die Arten der Reproduktion

Wir beschränken mit WUNDT das Gedächtnis auf "die Fähigkeit der Erneuerung der Vorstellungen". Bezüglich der Gedächtnisarten begegnen wir bereits bei verschiedenen Psychologen, namentlich bei RIBOT, der Neigung, ein emotionelles Gedächtnis als eine besondere Art hervorzuheben. Unter Verfolgung der hierdurch gegebenen Anregung möchte ich erweiternd eine dreifache Art der Reproduktionstätigkeit zur Unterscheidung vorschlagen:
    Erstens die  unbetonte  Reproduktion, bei welcher ein gegenwärtiger Eindruck oder eine Erinnerung sogleich die Spuren früherer Eindrücke hervorruft, ohne von einer merklichen Betonung begleitet zu sein.

    Zweitens die  emotionelle  Reproduktion bei der Wiederkehr von solchen Eindrücken des individuellen oder Gattungslebens, welche durch ihre unmittelbar fördernden oder hemmenden Beziehungen zu den Lebensbedingungen des Individuums mit rasch vorübergehender oder länger anhaltender organischer Betonung verbunden sind. (1) Zur letzteren Art würde die von emotionellen Stimmungen geleitete gehören.

    Drittens die  ingeniöse  [erfindungsreiche, wp] Reproduktion, welche durch intellektuelle Stimmungen geleitet wird. Diese Art haben wir bei längerem Suchen. Speziell bei der judiziösen tritt hier die Mitwirkung der Verstandeseinheiten hervor.
Fragen wir nach dem hier ins Gewicht fallenden Unterschied zwischen intellektuellen und emotionellen Stimmungen. Die Sprache hat nur emotionelle Stimmungen mit Namen belegt, wie die heitere, trübe, erhabene, wehmütige, zuversichtliche, apathische usw. Bei den emotionellen Stimmungen bildet das Emotionelle das Maßgebende. Jede von ihnen kann sich mit den verschiedensten Vorstellungskreisen verbinden. Bei den Intellektuellen Stimmungen dagegen treten die Vorstellungsgefühle in den Vordergrund, welche sich auf ganz bestimmte Vorstellungskreise beziehen. Diese Vorstellungsgefühle sind nichts anderes, als Gefühle für die jeweilige Art der Innervation [Erregung eines Organs oder Gewebes durch Nerven - wp]) bestimmter Nervenpartien, auf deren Erregung das Bestehen der den Vorstellungskreis konstituierenden Vorstellungen, sei es der Majorität oder der einzelnen Gruppen verwandter Vorstellungen oder einer besonders gewichtigen, angewiesen ist. Andere derarten Innervationen haben wir z. B., je nachdem wir uns in geometrischen, botanischen, sprachlichen, medizinischen, technischen usw. Vorstellungskreisen bewegen oder wenn wir an Turnplätze, Konzertsäle, Werkstätten, Schreibstuben, Märkte, Blumengärten usw. denken. Der Gefühlston spielt bei den intellektuellen Stimmungen eine nebensächliche Rolle. Bei einer emotionellen Stimmung tritt der in der Seele herrschende Gefühlston allmählich mit sämtlichen Vorstellungen des gerade verarbeiteten Vorstellungskreises in assoziative Beziehung. Hierbei erleiden die Vorstellungen eine Veränderung bezüglich der Gruppierung ihrer Merkmale, sofern diejenigen Merkmale, deren Gefühlston mit dem herrschenden Gefühlston zusammenstimmt, in den Vordergrund treten. Der herrschende Gefühlston wirkt also als assoziativer Hintergrund. Eine intellektuelle Stimmung kommt zustande, indem die der Majorität der Vorstellungen oder den einzelnen Gruppen oder einer besonders gewichtigen zugehörigen Merkmale in den Vordergrund gelangen und unter Hinzutreten des Gefühls der Lust oder Unlust zu einem Stimmungskomplex vereinigt werden. Nachdem auf diese Weise ein assoziativer Hintergrund geschaffen ist, werden auch bei der Synthesis der Merkmale der übrigen Vorstellungen, welche dem betreffenden Vorstellungskreis angehören, diejenigen hervorgehoben, welche gleichzeitig dem betreffenden Stimmungskomplex zugehören. Denjenigen Vorstellungen, welchen die zum Stimmungskomplex zugehörigen Merkmale abgehen, werden solche unter Umständen sogar künstlich assoziiert oder aber derartige Vorstellungen werden überhaupt vernachlässigt. Durch den bei jeder Wiederholung der betreffenden Stimmungslage erneuerten Vorgang des Stimmens erlangt der assoziative Hintergrund mehr und mehr die Oberhand über die Vorstellungen, denen er assoziiert ist, wodurch allmählich ein gewisser Grad von Ähnlichkeit der nervösen Betonungen, auf welchen die einzelnen Vorstellungen des Stimmungskomplexes basieren, zustande kommt, so daß diese Vorstellungen selbst einander verwandt zu sein scheinen. - Im Traumzustand, wo die Assoziationshemmung für nicht zugehörige Merkmale nachläßt, erfolgt unter dem Druck der geschilderten Verähnlichung von einer Vorstellung zur anderen eine sinnlich anschaubare Übertragung von bisweilen sogar unverträglichen Merkmalen. (2)


§ 2. Beziehungen zwischen der Reproduktion und den psychischen Kraftfeldern

Um das Phänomen der Reproduktion noch genauer zu erkennen, wollen wir eine Befruchtung unserer psychologischen Erkenntnis durch Bezugnahme auf Analoga aus dem Gebiet der Physik, speziell des Magnetismus, nach dem Vorgehen HÖFLERs zu erzielen suchen. HÖFLER verwertet für die Psychologie den Begriff des Kraftfeldes, d. h. des Raumes rund um eine magnetische Masse herum, soweit noch magnetische Wirkungen sichtbar sind. Er stellt folgende Behauptung auf:
    "Die durch eine Nachricht in mir erregten Vorstellungen tauchen in meinem Bewußtsein auf, erhalten sich eine Zeit lang in ihm, verschwinden wieder, aber nach ganz anderen Zeit- und Intensitätsmaßen, wenn ein Urteils- und ein Begehrungsleben für jene Vorstellungen ein Kraftfeld darstellen, als wenn sie weder meinem Urteil, noch meinem Begehren Angriffspunkte zu psychischer Tätigkeit bieten." (3)
Meiner Ansicht nach sind wir berechtigt, in allen Fällen von psychischen Kraftfeldern zu reden, wo einige Zeit hindurch Vorstellungen herangezogen werden, welche einem bestimmten Assoziationskreis angehören, nicht nur in den Fällen, wo das unter dem Druck der urteilenden Funktion oder des Begehrens geschieht. Allerdings wird die Anziehung um so intensiver sein, wenn ein Bedürfnis hinzutritt, d. h. wenn ein Urteil gefällt werden soll oder wenn ein Begehren nach Erfüllung ringt. Wirklich zur Entwicklung gelangende psychische Kraftfelder haben wir vornehmlich bei den Stimmungen. Bei den affektiven Erregungen im engeren Sinne (wie Freude, Begeisterung, Angst, Scham) haben wir rasch und intensiv wirkende Kraftfelder. Die unbetonte Reproduktion dagegen würde Punkte des psychischen Geschehens kennzeichnen, wo sich ein neues Kraftfeld anbahnt, aber nicht zur Entwicklung gelangt. Und in der steten Aufeinanderfolge der zur Entwicklung gelangenden oder sich anbahnenden psychischen Kraftfelder offenbart sich unser aktuelles Ich.

Suchen wir noch weitere Analogien, Den Raum um die anziehende oder abstoßende Masse denken sich die Physiker durch Flächen gleichen Potentials in Schichten geteilt. Dies sind die äquipotentiellen oder Niveau-Flächen. Es ist dieselbe Kraft nötig, um Elemente auf dieselbe Niveau-Fläche zu heben. Wollten wir dies auf die Vorgänge der Reproduktion anwenden und von psychischen Niveau-Flächen reden, so würde vor allem das Blickfeld dahin gehören, d. h. die jeweilig im Bewußtsein befindlichen Vorstellungen. Daß zunächst für verschiedene Vorstellungskreise verschiedene Potenz besteht, erkennen wir leicht. Offenbar werden nämlich diejenigen, welche zeitlich zurückliegen, ebenso wie diejenigen, welche seltener Gegenstand der psychischen Verarbeitung werden, desgleichen die uns weniger interessierenden, schwerer reproduziert werden können. Für dieselben ist also geringere Potenz vorhanden. Je inniger dagegen die Beziehung ist, in welcher solche Vorstellungskreise zum Ich der jeweiligen Lebensepoche stehen, sei es, daß sie Bestandteile der gewohnten Vorstellungsverarbeitung des betreffenden Individuums bilden, sei es, daß sie das Interesse des Individuums besonders erregen, umso leichter sind sie reproduzierbar. Was aber die einzelnen Vorstellungskreist betrifft, so können wir auch hier nicht behaupten, daß die zugehörigen Vorstellungen sich auf je einer bestimmten Niveau-Fläche befinden. Denn auch hier besteht für manche derselben größere, für andere geringere Potenz. Dies erkennen wir, wenn wir die Entwicklung studieren, welche das Befestigen der Vorstellungen eines bestimmten Vorstellungskreise durchmacht. Beim Kennenlernen neuer Örtlichkeiten, Straßen, Plätze, Gegenden, Wohnungen, Arbeitsräume, öffentlicher Räume z. B. befestigen sich anfangs nur die Spuren für solche Verhältnisse, deren Wahrnehmung für diese Orientierung von Wichtigkeit ist und welche die Aufmerksamkeit unwillkürlich fesseln. Denken wir an die betreffende Örtlichkeit zurück, so werden wir anfangs nur imstande sein, einige, das bildliche Hervortreten bestimmter Teile begünstigende Spurenkomplexe zu erregen, welche jedoch nicht zusammenhängen, sondern diskontinuierlich hervortreten, während beim Übergang von einem zum nächstfolgenden die Bewegungs- und Gesichtsempfindungen nicht inhaltlich, sondern nur funktionell und ohne Richtung auf bestimmte Formen und Farben festgehalten werden. Je öfter man jedoch die betreffende Straße durchwandert, in dem betreffenden Raum verweilt, umso mehr werden auch die bisher vernachlässigten Punkte Berücksichtigung finden. Schließlich sind so viele Spuren gesetzt, daß wir imstande sind, gedächtnismäßig von einem beliebigen Punkt der Örtlichkeit aus für beliebige Richtungen die zugehörigen Spuren zu erwecken. Und es ist klar, daß der Rückgang der Zahl und Ausdehnung der diskontinuierlichen Stellen in direktem Verhältnis steht zur Leichtigkeit und Sicherheit des Erzeugens der kontinuierlichen Stellen. Offenbar besteht nun für diejenigen Vorstellungen, welche zuerst Gegenstand unserer Aufmerksamkeit waren, größere Potenz als für diejenigen, welche erst später berücksichtigt werden. Denn der Grad der Einübung ist infolge der häufigeren Wiederkehr für die ersteren größer, als für die letzteren. Beim Reproduzieren des betreffenden Vorstellungskreises werden sich demnach die Vorstellungen nicht auf einer einzigen Niveau-Fläche befinden, sondern auf einem Komplex benachbarter äquipotentieller Flächen. Die Unterschiede der verschiedenen psychischen Niveau-Flächen aber bestehen in der verschiedenen Intensität und Präzision, welche die zugehörigen Vorstellungen erlangen, sowie in der verschiedenen Kontinuität und Schnelligkeit, mit der die Vorstellungen sich aneinanderschließen. Je mehr die Klarheit der Niveau-Flächen sich von der Klarheit der aktuellen Vorstellungen unterscheidet, um so entfernter liegen diese Niveau-Flächen der Wirksamkeit des Ich. Je näher sie liegen, umso stärker werden auch die motorischen Begleiterscheinungen mit in Aktion treten; bei entfernter liegenden Flächen tritt das Motorische zurück. Erhöhen wir die Intensität des psychischen Kraftfeldes, so sind wir imstande, den entsprechenden Vorstellungskreis von einem entfernteren Komplex benachbarter Niveau-Flächen auf einen näheren zu heben.


§ 3. Die Einübung des Gedächtnisses auf Persönlichkeiten

Da die Identifizierung von Persönlichkeiten nur mit Hilfe entsprechender, im Gedächnist vorhandener Spuren vonstatten gehen kann, so ist es naheliegend, zunächst zu untersuchen, nach welchen Richtungen hin die von einer Persönlichkeit ausgehenden Eindrücke in unserem Gedächnist befestigt sind.

Dieselben regen zunächst die mechanische Tätigkeit des Sinnengedächtnisses an. Die Einübung desselben auf Persönlichkeiten kommt dadurch zustande, daß wir diese Persönlichkeiten zum wiederholten Male mit Bezug auf sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften fixieren. Es entstehen auf diese Weise Assoziationsketten von Spuren, denen allmählich immer mehr Glieder an- und eingefügt werden. Diese Ketten werden allmählich immer rascher und lückenloser verlaufen. Je bekannter uns eine Persönlichkeit ist, umso größer ist auch unsere Fähigkeit, aufgrund der Wahrnehmung einiger sinnlich anschaubarer Eigenschaften oder aufgrund der Erinnerung an solche die übrigen mit Hilfe entsprechender Spuren des Sinnengedächtnisses hinzuzuergänzen. Je fremder uns dagegen eine Persönlichkeit ist, umso geringer ist auch dieser Grad der Fähigkeit der Wiedererneuerung. Fremde Personen werden zwar hin und wieder die Analogie einer Spur in uns anregen, so daß sich eine bemerkbare Identifizierung anbahnt. Umso fühlbarer wird jedoch im nächsten Moment der Widerstand hervortreten, wenn wir versuchen, eine uns geläufige Assoziationskette anzuschließen.

Die Einübung des emotionellen Gedächtnisses auf Persönlichkeiten vollzieht sich dadurch, daß wir dieselben wiederholt auf unser Ichgefühl wirken lassen. Der Kampf ums Dasein hinterließ bei den Individuen die Gefühle der Stärke oder Schwäche, der Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit anderen Individuen gegenüber, in Verbindung mit den Gefühlen des Hasses oder der Liebe, der Furcht oder des Zutrauens. Diese Gefühle fanden im Instinkt eine bleibende Befestigung für die nachfolgenden Generationen und trugen zur Erhaltung und zum Schutz bei. Auf dem Gebiet des Menschlichen sind diese instinktiven Modifikationen des Ichgefühls beim persönlichen Gegenübertreten infolge der größeren Zahl der Gefühle weit zahlreicher, als beim Tierischen. Dasselbe gilt auch von den mit diesen Emotionen verbundenen Modifikationen des Mienenspiels und der Körperhaltung. Auch erfahren diese instinktiven Äußerungen durch nähere Bekanntschaft mit den betreffenden Individuen beim Menschlichen weit mehr Verstärkungen, Abschwächungen, Umwandlungen, als beim Tierischen. Wir erkennen demnach den Grad der Einübung unseres emotionellen Gedächnisses auf Persönlichkeiten aus dem Grad der Modifikation unseres Ichgefühls bei einer Begegnung mit jenen. Beim Begegnen mit uns fremden Persönlichkeiten werden nur jene allgemeinen instinktiven Modifikationen unseres Ichgefühls, unseres Mienenspiels und unserer Haltung stattfinden. Je größer dagegen der Grad unserer Bekanntschaft mit einer Persönlichkeit ist, umso mehr werden jene speziellen Reaktionen zutage treten.

Betrachten wir drittens die Einübung des ingeniösen Gedächtnisses auf Persönlichkeiten. So oft wir eine Person in einer bestimmten Umgebung erblicken, setzen wir sie in assoziative Beziehung zu den Vorstellungsgefühlen, welche zu den stimmungsbildenden Faktoren der betreffenden Umgebung gehören. Erscheint uns die Person z. B. in einem Kaufladen, in einer Schreibstube, Werkstatt, Klinik usw., so sehen wir sie als erfüllt mit Vorstellungen an, welche sich auf die betreffende Umgebung beziehen, ihre Tätigkeit als bestimmt durch die Erfordernisse, die der Zweck der jeweiligen Örtlichkeit nahe legt, ihre Anschauungen als unter dem Druck der Lebensstellung stehend, der sie angehören usw. Allmählich gewinnen diese Assoziationen immer größere Festigkeit, so daß beim Erblicken der Persönlichkeit in einer neuen Situation sofort jener Assoziationskomplex wiederkehrt, welcher sie mit jener früheren Situation verband. In vielen Fällen wird ein höherer Grad von Festigkeit des Bandes zwischen einer Persönlichkeit und einer bestimmten Umgebung dadurch herbeigeführt, daß der zugehörige Assoziationskomplex am Äußeren der Persönlichkeit geeignete Anhaltspunkte findet, so z. B. wenn ihre Kleidung, Haltung, die Art ihrer Betätigung von der Beschaffenheit sind, daß sie uns als notwendige Bedingungen oder Folgen des Wirkens der Persönlichkeit innerhalb der betreffenden Umgebung erscheinen. Je größer nun die Zahl von Situationen ist, denen wir eine bestimmte Person unter Vermittlung der zugehörigen stimmungsbildenden Faktoren assoziiert haben, umso größer ist die Einübung des ingeniösen Gedächtnisses auf diese Person. Je seltener dagegen das Stimmen von Situationen mit Bezug auf eine bestimmte Person stattgefunden hat, umso geringer ist der Grad dieser Einübung.


§ 4. Der Verlauf der Identifizierung

Dieselbe gipfelt letzten Endes im Streben, die Einordnung der Persönlichkeit in eine frühere Situation, in der wir sie angetroffen hatten, zu bewerkstelligen. Da es vor allem gilt, die uns entgegentretende Persönlichkeit als Objekt der Wahrnehmung mit Hilfe der Sinne aufzufassen, so tritt die Verwertung des Sinnengedächtnisses zuerst in Kraft. Jedes Gegenübertreten einer Person hat aber zugleich irgendwelche Modifikationen unseres Ichgefühls zur Folge und regt daher unser emotionelles Gedächtnis an. Dasselbe tritt also im zweiten Moment in Wirkung. Im dritten Moment gelangt das ingeniöse Gedächtnis zur Aktion, welches zur Entwicklung seiner Funktion längere Zeit braucht, als das mechanische Sinnengedächtnis und emotionelle Gedächtnis. Es bringt die Einreihung der Persönlichkeit zum Abschluß. Betrachten wir jetzt den Verlauf der Identifizierung in einem idealen Fall, nämlich in einem solchen, wo der Reproduktionsvorgang mit Hilfe der drei genannten Gedächtnisarten vollständig zur Entfaltung gelangt.

Bei der Verwertung des Sinnengedächtnisses kommt die Tendenz zum Ausdruck, Situationen hervorzuheben, in Bezug auf welche der Grad der Einübung ungefähr derselbe ist, wie in Bezug auf die zu identifizierende Persönlichkeit. Mit Hilfe dieses Gedächtnisses vollzieht die Reproduktionstätigkeit zuerst eine Zusammenfassung der von der Persönlichkeit ausgehenden, sinnlich vermittelten Eindrücke, bzw. eine gedächtnismäßige Ergänzung einiger flüchtig aufgenommener Eindrücke, durch Spuren der zugehörigen Assoziationskette. Dabei findet zugleich eine Prüfung des Grades der Einübung auf die betreffende Persönlichkeit statt. Die Reproduktionstätigkeit versucht nun, die jeweilige Umgebung durch eine anderen von der Beschaffenheit zu ersetzen, daß der Gradunterschied zwischen der Einübung auf die sinnlichen Eindrücke, welche sich auf die Person beziehen und der Einübung auf die der projektierten Umgebung zugehörigen Vorstellungen ein Minimum beträgt. Hierbei müssen wir berücksichtigen, daß wir fortwährend ein bestimmtes Gefühl für den Grad besitzen, in welchem unsere Sinnestätigkeit auf die einzelnen Gruppen von Eindrücken der jeweiligen Umgebung eingeübt ist. Wie weit der räumliche Umkreis reicht, der auf diese Weise jeweilig umspannt wird, hängt vom jeweiligen Grad der Beschäftigung unseres Bewußtseins ab. Jedenfalls ist er dann, wenn wir uns in fortschreitender Bewegung befinden, so daß immer andere und wieder andere Eindrücke auf uns einstürmen, von geringerem Umfang, als in den Fällen, wo wir in Ruhe an einem bestimmten Ort verharren. Beim Durchwandern von Stadtteilen oder Gegenden ist das Gefühl der Einübung am präsentesten für die Örtlichkeiten, die man auf dem Weg berührt hatte und für diejenigen, welche in der Richtung der Bewegung liegen, sowie für diejenigen, nach denen hin der Gedanke durch Zufall seitlich abgeschweift war. In einer uns fremden Gegend ist der Grad der Einübung für die räumlichen Elemente ein Minimum, sofern wir nur hin und wieder eine Analogie zu bekannten Verhältnissen wiederfinden, in gewohnten Räumen dagegen ein Maximum. Treffen wir nun eine Person, die wir identifizieren wollen, so suchen wir zunächst in der näheren Umgebung, soweit das Gefühl der Einübung für dieselbe präsent gemacht ist, nach Örtlichkeiten, für welche der Grad der sinnlichen Einübung derselbe oder doch nur wenig größer bzw. wenig geringer ist, als der Grad der sinnlichen Einübung auf die betreffende Persönlichkeit. Von da aus erstreckt sich die Prüfung im weiteren Umkreis auf solche Örtlichkeiten, für welche das Gefühl der Einübung noch nicht präsent gemacht ist. Gelingt die gesuchte Einfügung auch da nicht, so bewegt sich der Gedankenflug sprungweise nach anderen Gegenden und sucht da weiter, indem dabei für die jedesmal hervorgehobenen Örtlichkeiten das Gefühl der Einübung präsent gemacht wird. Für die Fälle, wo wir in einer uns wenig bekannten oder fremden Stadt eine uns bekannt vorkommende Person entdecken oder wo wir in der Heimatstadt eine Person aus einer uns weniger bekannten Stadt zu sehen meinen, reduzieren sich die soeben geschilderten Vorgänge auf den letzten Teil. Man fühlt es, daß die Einübungen auf Persönlichkeit und Umgebung bezüglich des Grades bedeutend differieren. Es findet sich deshalb momentan ein vollständiges Abstrahieren von den durch die Sinnesreize zugeführten Eindrücken und ein allseitiges Operieren mit Gedächtnisspuren statt. Dieses instinktive Experimentieren mit dem Grad der Einübung, welches im ersten Moment des Reproduktionsprozesses in Kraft tritt, dient dazu, vorbereitend zu wirken für die Verwertung anderer Richtungen des Gedächtnisses, deren Mitwirkung im zweiten und dritten Moment beginnt, sofern mit Hilfe der Spuren des Sinnengedächtnisses eine Anzahl von Situationen herangezogen werden, bei denen ein Grad von Wahrscheinlichkeit für die Möglichkeit einer Einordnung vorauszusetzen ist.

Das im zweiten Moment zur Mitwirkung gelangende emotionelle Gedächtnis bewirkt, daß jene oben geschilderten, durch die Erfahrung modifizierten Reaktionen des Ichgefühls in Verbindung mit entsprechenden reflektorischen Veränderungen des Mienenspiels und der Haltung zur Geltung kommen, welche bei einmaligem oder mehrmaligem Antreffen der Persönlichkeit in früheren Situationen aufgetreten waren. Der Anblick der Persönlichkeit ruft eine jener früheren Reaktionsformen zurück, welche sich durch frühere Berührungen befestigt hatten. Wir empfinden von neuem den Grad der Überordnung, Unterordnung, Abhängigkeit, Unabhängigkeit, des Zutrauens oder Mißtrauens dieser Person gegenüber und wir suchen unter den Situationen, welche mit Hilfe des Sinnengedächtnisses nach dem vorhin angegebenen Kriterium herangezogen werden, solche zwecks genauerer Prüfung festzuhalten, für welche die Möglichkeit besteht, daß wir in ihnen eine derartige bestimmte Modifizierung des Ichgefühls erleben konnten.

Während mit Hilfe der Mechanik des Sinnengedächtnisses eine weitere, mit Hilfe des emotionellen Gedächtnisses eine engere Wahl von Situationen getroffen wird, in welche eine Einreihung der Persönlichkeit möglich ist, herrscht gleichzeitig das Streben, mit Hilfe des im dritten Moment zur Mitwirkung gelangenden ingeniösen Gedächtnisses die Einreihung in eine bestimmte Situation zu bewerkstelligen. Das ingeniöse Gedächtnis gibt uns die Möglichkeit, die Spuren für jene Vorstellungsgefühle zur Verwertung zu bringen, welche zu den Stimmungsmodi für früher wahrgenommene Situationen gehört hatten. Unter ihnen suchen wir nach einem Stimmungsmodus, welcher sich den von der Persönlichkeit ausgehenden Eindrücken leicht assoziieren läßt. Oft enthält das Äußere der Person Hinweise auf den Charakter von Situationen, für welche eine Möglichkeit der Einreihung besteht. Oft wird auch die Hinleitung zur gesuchten Situatione von der gegenwärtigen und durch eine gewisse Ähnlichkeit beider erleichtert. In denjenigen Fällen dagegen, in welchen das jeweilige Äußere der Persönlichkeit das Assoziieren eines Stimmungsmodus erschwert, sind wir genötigt, von der Verfassung, in welcher uns die Persönlichkeit augenblicklich entgegentritt, nämlich von ihrer momentanen Betätigung, Körperhaltung, Miene, Bekleidung usw. abzusehen und diese Merkmale durch andere entsprechende zu ersetzen, welche mit einem leichter assoziierbaren Stimmungsmodus harmonieren würden.

Je bekannter uns eine Persönlichkeit ist, umso mehr bedient sich die Reproduktionstätigkeit nur jener mechanischen Reaktionen des Sinnen- und emotionellen Gedächtnisses, indem dabei keinerlei Einordnungen in Situationen versucht werden. Im entgegengesetzten Fall operiert die Reproduktionstätigkeit umso länger mit dem ingeniösen, bzw. judiziösen Gedächtnis. Wo aber alle drei Gedächtnisarten bei der Reproduktion mitwirken, da sind sie nicht gleichzeitig bei der Prüfung aller Situationen tätig, nach denen sich der Gedanke hinbewegt. Vielmehr erfolgt bei der Prüfung einer jeden einzelnen Situation das Funktionieren des ingeniösen Gedächtnisses erst dann, sobald die Prüfung durch das Sinnen- und emotionelle Gedächtnis von Erfolg gewesen ist, d. h. sobald Örtlichkeiten gefunden sind, für welche derselbe Grad der Einübung besteht, wie auf die betreffenden Persönlichkeiten und deren Charakter die Wiederkehr jener durch das Auftreten der betreffenden Persönlichkeit am eigenen Ich hervorgerufenen Modifikationen begünstigt.

Bei unseren bisherigen Untersuchungen über die Identifizierung von Persönlichkeiten waren nur solche Fälle stillschweigend vorausgesetzt, bei denen die Gedächtnisspuren für die Situationen, in welche wir die Persönlichkeiten einordnen mußten, dem neueren Bestand des Gedächtnisses angehörten und deshalb leichter mobil gemacht werden konnten. Es kommt jedoch häufig vor, daß wir Personen wiederfinden, welche wir in einer früheren Lebensepoche einmal oder öfter gesehen hatten, an Örtlichkeiten, die wir seit längerer Zeit nicht wieder besucht, an die wir nicht wieder gedacht hatten.

Hier spielt auch die Reproduktion des Zeitlichen eine Rolle. Das Ich der einzelnen Epochen unseres Lebens unterscheidet sich bezüglich seines Inhalts, sofern in jeder Epoche bestimmte Gefühle, Strebungen, Vorstellungskreise vorherrschen, während andere noch fehlen, unbetont bleiben oder verschwinden. Zu den hauptsächlichsten Gefühlen gehören bestimmte Körpergefühle, bestimmte Gefühle, welche sich auf Besitz von Kenntnissen, Fertigkeiten, Erfahrungen usw. beziehen. Von den Strebungen gehören die nach bestimmten Gütern des Lebens hierher, die nach bestimmten intellektuellen, ethischen Erwerbungen, nach bestimmten Genüssen, bestimmte Hoffnungen, Sorgen usw. Die Vorstellungskreise aber verändern sich je nach unseren äußeren Verhältnissen, sowie je nach dem Wechsel der herrschenden Gefühle und Strebungen. Wir können also den Verlauf unseres Lebens, statt ihn durch Jahreszahlen oder wichtige Erlebnisse zu skizzieren, durch die Epochen der Entwicklung unseres Ich repräsentieren. Die Eindrücke unseres vergangenen Lebens sind nun bestimmten Entwicklungsepochen unseres Ich assoziiert. Wir vermögen demnach einen Eindruck des vergangenen Lebens zeitlich zu lokalisieren, wenn wir imstande sind, die betreffende Zusammensetzung des Ichgefühls wiederzufinden, welche damals bestand. Im vorliegenden Fall war die zu identifizierende Persönlichkeit in einer bestimmten Zeit zum damals herrschenden Inhalt unseres Ich in Beziehung getreten und hatte dadurch einen Eindruck auf unser Gedächnis hinterlassen. Treffen wir die Persönlichkeit jetzt wieder, so wird unser Ich reagieren, aber nicht in dem Umfang und meist wohl auch nicht mit der Intensität, wie beim Erblicken von Bekanntschaften aus der letzten Epoche unserer Ich-Entwicklung. Vielmehr lösen wir von unserem gegenwärtigen Ich einen Teil seines Inhaltes ideell ab, ergänzen ihn entsprechend und formen daraus ein Ich-Gefühl, wie es zur Zeit unserer früheren Begegnung mit der betreffenden Persönlichkeit vorhanden war. Unser gegenwärtiges Ich-Gefühl erfährt also eine ideelle Reduzierung auf das frühere Ich-Gefühl. Den Zeitabstand dieser Epoche des Ichgefühls empfinden wir dabei instinktiv mit und wir vollziehen nun mit Hilfe des wiedererneuerten Ich-Gefühls jener Epoche die Identifizierung, indem wir dabei nur solche Situationen und Örtlichkeiten zur Prüfung gelangen lassen, welche uns in der damaligen Zeit geläufig waren. Der Unterschied gegen vorhin besteht also darin, daß hier das eingeleitete Operieren mit dem Grad der Einübung des Sinnengedächtnisses so lange inhibiert [gehemmt, wp] wird, bis die geschilderte Reduzierung des Ich-Gefühls stattgefunden hat.



Der geschilderte Reproduktionsvorgang, so kompliziert er ist, so gehört er doch noch nicht zu den kompliziertesten. Komplizierter sind z. B. Reproduktionsvorgänge, bei denen die Vorstellung einer beabsichtigten, aber nicht ausgeführten Handlung den Gegenstand der Erinnerung bildet. Hier wirkt außer der willkürlich erzeugten Willensenergie, deren Maß sich nach der jeweiligen Dringlichkeit der Ausführung, d. h. der Reproduktion der darauf bezüglichen Vorstellungen richtet, auch noch die ursprünglich beim Projektieren der Handlung entbotene, bisher latent gebliebene, jetzt aber aktuell werdende Willensenergie als treibende Kraft auf den Reproduktionsvorgang. (4)
LITERATUR - Carl Max Gießler, Die Identifizierung von Persönlichkeiten, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 24, Leipzig 1900
    Anmerkungen
    1) Vgl. meine Schrift "Die Gemütsbewegungen und ihre Beherrschung", Leipzig 1900, Seite 41
    2) Genaueres darüber in meinem Buch "Aus den Tiefen des Traumlebens", Halle 1890, Seite 66 - 81
    3) ALOIS HÖFLER, Psychische Arbeit, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 8, Leipzig 1895, Seite 44
    4) Vgl. meine Schrift "Über die Vorgänge bei der Erinnerung an Absichten, Halle 1895