p-4 Das GedächtnisAufmerksamkeitKörperliche GemeingefühleFarbenlehre    
 
THEODOR ELSENHANS
(1862 - 1918)
Über Verallgemeinerung der Gefühle
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"Mit dem Wort  Dreieck  verbindet sich weder die Vorstellung sämtlicher möglicher Dreiecke, noch ein von Einzelbestimmungen völlig freier Allgemeinbegriff, sondern ein verschwommenes allgemeines Bild des Dreiecks, in welchem - hauptsächlich bei längerem Verweilen der Aufmerksamkeit - einzelne Dreiecksformen als Repräsentanten der Gattung auftauchen. Je weiter das Denken fortschreitet, je schärfer die Auffassung und je treuer das Gedächtnis für kleine Unterschiede wird, desto deutlicher treten diese repräsentierenden Einzelvorstellungen an die Stelle der Unbestimmt allgemeinen Vorstellung."

Es sei vorläufig gestattet, unter dem Ausdruck "Verallgemeinerung der Gefühle" die psychischen Vorgänge auf dem Gebiet des Gefühlslebens zusammenzufassen, welche im Folgenden zur Besprechung kommen sollen. Ob der Ausdruck gerechtfertigt ist und zur Einführung in die wissenschaftliche Terminologie sich eignet, kann sich erst aus der tatsächlichen Zergliederung und Beurteilung der in Betracht kommenden Erscheinungen ergeben, zu welcher mit dieser Abhandlung ein Versuch gemacht werden soll. (1)

Für den Vorgang einer Verallgemeinerung der Gefühle lassen sich zwei Möglichkeiten denken. Entweder nehmen die Gefühle  an dem Verallgemeinerungsprozeß der Vorstellungen teil,  mit welchen sie durch Assoziationen von hinreichender Festigkeit verbunden sind; oder es bilden sich unmittelbar  aus mehreren einzelnen Gefühlen Gefühle allgemeiner Art,  in welchen jene einzelnen Gefühle irgendwie zusammengefaßt sind. Wir fassen zunächst die erste der beiden Möglichkeiten ins Auge.


1.

Vorausgesetzt ist, daß es Vorstellungen gibt, mit welchem Gefühle assoziativ verknüpft sind, so daß bei der Reproduktion der betreffenden Vorstellungen auch die entsprechenden Gefühle reproduziert werden. Unter diesen Vorstellungen finden sich nun viele, die nicht einzelne Gegenstände, Eigenschaften, Zustände, Tätigkeiten, Verhältnisse bezeichnen, sondern eine Vielheit von solchen und zwar eine Vielheit mit ähnlichen Merkmalen umfassen. Man hat sie "allgemeine Vorstellungen", auch "Gemeinvorstellungen" genannt und sie sind beim entwickelten Menschen stets durch  Worte  symbolisiert. Die Wortvorstellung selbst aber ist beim gebildeten Menschen unserer Kulturepoche stets ein Komplex von Vorstellungen aus verschiedenen Sinnesgebieten, die aus dem Sprechen, Lesen, Schreiben der Wörter entstanden sind. Diese akustischen, sensomotorischen, optischen, graphischen Wortbilder stehen in assoziativer Verbindung unter einander und sind mit der Bedeutungsvorstellung, auf welche sie sich gemeinsam beziehen, zu einem Assoziationsganzen verflochten. (2) Wird die "allgemeine Vorstellung", deren Symbol dieses Assoziationsganze ist, durch Hervorhebung ihrer Hauptmerkmale klar und scharf gegen andere abgegrenzt, so wird das Wort zum Ausdruck für einen Begriff.

Doch ist auch auf dieser Stufe der Abstraktion die Einzelvorstellung nicht etwa vollständig verschwunden. Nicht bloß ist das den Begriff symbolisierende Wort in dem Augenblick, in welchem es gebraucht wird, selbst eine Einzelvorstellung, sondern es drängen sich auch beim Versuch, die Abstraktion zu vollziehen, Einzelvorstellungen aus dem betreffenden Gebiet dazu mit der Tendenz, die Gattung zu repräsentieren. Mit dem Wort "Dreieck" verbindet sich weder die Vorstellung sämtlicher möglicher Dreiecke, noch ein von Einzelbestimmungen völlig freier Allgemeinbegriff, sondern ein verschwommenes allgemeines Bild des Dreiecks, in welchem - hauptsächlich bei längerem Verweilen der Aufmerksamkeit - einzelne Dreiecksformen als Repräsentanten der Gattung auftauchen. Je weiter das Denken fortschreitet, je schärfer die Auffassung und je treuer das Gedächtnis für kleine Unterschiede wird, desto deutlicher treten diese repräsentierenden Einzelvorstellungen an die Stelle der Unbestimmt allgemeinen Vorstellung. Umsomehr tritt dann auch die Bedeutung des Wortes als des Mittels zur Zusammenfassung des Verschiedenen hervor. (3) Da aber jener Spezialisierungsprozeß sich niemals vollendet und das Erinnerungsbild nie jede Einzelheit des wahrgenommenen Gegenstandes mit absoluter Treue wiedergibt, so treten die "Gemeinvorstellungen" nie ganz zurück. Auch sind jene Repräsentanten des Begriffs stets begleitet vom Bewußtsein, daß sie nur stellvertretende Bedeutung haben und für sich allein den Umfang des Begriffs nicht ausfüllen.

An diesem Umstand knüpft eine Theorie WUNDTs an, welche zu der Frage einer "Verallgemeinerung der Gefühle" zunächst in enger Beziehung zu stehen scheint. Nach WUNDT (4) kommt jenes Bewußtsein der bloß stellvertretenden Bedeutung der betreffenden Vorstellung in der Regel nur in der Form eines eigentümlichen Gefühls zum Ausdruck. Er nennt dieses Gefühl  "Begriffsgefühl"  und glaubt es darauf zurückführen zu sollen, daß dunklere Vorstelungen, die sämtlich zur Vertretung des Begriffs geeignete Eigenschaften besitzen, sich in der Form wechselnder Erinnerungsbilder zur Auffassung drängen. Hierfür spreche besonders die Tatsache, daß das Begriffsgefühl solange sehr intensiv sei, als irgendeine der konkreten Verwirklichungen des allgemeinen Begriffs als repräsentative Vorstellung gewählt werden, wie z. B. ein individueller Mensch für den Begriff des Menschen, wogegen es fast ganz verschwinde, sobald die repräsentative Vorstellung ihrem Inhalt nach völlig von den Objekten des Begriffs verschieden sei. Es ist aber wohl nicht richtig, daß die bloß stellvertretende Bedeutung der betreffenden Vorstellung in der Regel in der Form eines Gefühls besonderer Art zum Bewußtsein kommt. Daß die einzelne repräsentative Vorstellung sich nicht mit dem durch das Wort ausgedrückten Begriff deckt, wird dem Bewußtsein durch den allgemeinen Charakter des dem Begriff symbolisierenden Wortes stets gegenwärtig erhalten. Diese generalisierende Bedeutung des Wortes ist so selbstverständlich geworden, daß gerade die Einzahl: z. B. "der Mensch" ohne weiteres die Gattung als solche bezeichnet. Begleitende Gefühle sind allerdings zweifellos vorhanden, aber wohl nur Gefühle derselben Qualität, wie sie den richtigen Vollzug des Denkens überhaupt begleiten oder Gefühle, welche dem ästhetischen Gebiet angehören. Wenn eine Vorstellung in besonders anschaulicher Weise den Typus der im Begriff zusammengefaßten Erscheinungen repräsentiert, mag sich ein Gefühl intensiver intellektueller Lust einstellen. Nähert sich die anschauliche Vorstellung etwa einem gedachten Idealtypus, so verbinden sich damit ästhetische Gefühle. Eine besondere Gefühlsqualität dürfte also für diese Erscheinungen kaum in Anspruch genommen werden. Damit erledigt sich auch die Beziehung des WUNDTschen "Begriffsgefühles" zum vorliegenden Thema.

Halten wir nun daran fest, daß jedenfalls im Wort die Verallgemeinerung der Vorstellungen, die Zusammenfassung vieler Gegenstände derselben Gatuung in einem Begriff ihren Ausdruck findet, so erhebt sich die Frage:  Sind auch auf dieser Stufe der Generalisation die ursprünglich mit der Einzelvorstellung verbundenen Gefühlstöne noch vorhanden?  Sind sie vorhanden, so wird sich das am deutlichsten darin äußern, daß sie als regelmäßige Begleiterscheinungen der betreffenden Worte auftreten. Die Selbstbeobachtung läßt darüber keinen Zweifel. Die Wortvorstellungen, welche als Symbole der Begriffe unser ganzes auf die Sprache sich gründendes Denken durchziehen und bedingen, stehen mindesten ihrer großen Mehrzahl nach mit Gefühlen in assoziativer Verbindung. Es sind teils stärkere, teils schwächere Gefühlstöne verschiedener Qualität, welche ihnen unzertrennlich anhaften. Die bloße Reproduktion von Wortvorstellungen wie Waldesrauschen, Frühlingslüfte, Giftmord, Verwesungsgeruch, abscheulich, hochherzig führt ganz deutliche Gefühlstöne mit sich. Der Reiz einer Erzählung beruth zu einem großen Teil auf den wechselnden Gefühlen, welche durch das Medium der Wortvorstellungen des Textes im Leser erweckt werden.

Da aber die Wortbilder in ihrer Verknüpfung mit den allgemeinen Vorstellungen ein kompliziertes Assoziationsganzes darstellen, so knüpft sich daran die weitere Frage,  welche Bestandteile dieses Ganzen  genau genommen in assoziativer Verbindung mit den Gefühlstönen stehen. Ursprünglich ist es offenbar die allgemeine Vorstellung selbst, welche dieses eine Assoziationsglied bildet. Die in vielen einzelnen Fällen erlebte Freude am Anblick schöner Farben führt zur Übertragung dieses Gefühls auf die Vorstellung schöner Farben überhaupt. Nachdem aber das Wort zum feststehenden Symbol der allgemeinen Vorstellung geworden ist und die Assoziation zwischen der Bedeutungsvorstellung und dem akustischen, optischen, sensomotorischen, graphischen Wortbild hinreichende Festigkeit erlangt hat, kann durch jeden dieser Bestandteile des Assoziationsganzen die Reproduktion des Gefühlstons vermittelt sein, da sie ihrerseits ohne weiteres die Bedeutungsvorstellung hervorrufen. Bei weiterer Einübung kommt dieses Zwischenglied überhaupt nicht mehr zu Bewußtsein und die begleitenden Gefühle scheinen sich unmittelbar an die Wortbilder zu knüpfen. Ja das Wortbild selbst, besonders das akustische und sensomotorische kann durch Betonung, Stimmfarbe, Tonhöhe die begleitenden Gefühle zum Ausdruck bringen. Im Wort "abscheulich" z. B. kann durch besonders starke Betonung der Mittelsilbe verbunden mit bedeutender Erhöhung des Tones das begleitende Gefühl sittlicher Entrüstung unmittelbar seinen Ausdruck finden. Die an die Worte "Tod und Grab" sich knüpfenden Gefühlselemente verraten sich in der Tiefe und eigentümlichen Färbung des Tones. Trotzdem kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Reproduktion dieser Gefühlselemente stets durch die Bedeutungsvorstellung vermittelt ist, auch wo diese nicht als besonderer Bestandteil des Gesamtvorgangs zu Bewußtsein kommt. Jene sprachlichen Ausdrucksformen der begleitenden Gefühle treten gerade nur dann auf, wenn die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Wortes gerichtet ist. Handelt es sich allein um die Form des Wortes, so fehlen sie. So muß überhaupt angenommen werden, daß bei der Reproduktion der Gefühlstöne der Wortvorstellungen die entsprechende Bedeutungsvorstellung stets mit im Spiel ist. Sie bleibt nur unbemerkt (5) und ist ein Beispiel für das abgekürzte Verfahren des entwickelten Geisteslebens, bei welchem viele Mittelglieder für das Bewußtsein ausfallen. Dementsprechend wird auch jede Veränderung, welche die Gefühlstöne infolge ihrer Assoziation mit den Wörtern als Symbolen der allgemeinen Vorstellungen erleiden, zuletzt ausschließlich von ihrer assoziativen Verbindung mit den allgemeinen Vorstellungen selbst abzuleiten sein, durch die ihre Reproduktion regelmäßig vermittelt ist. Den tatsächlichen Ausgangspukt aber muß stets die unmittelbar wahrnehmbare Assoziatioin zwischen Wortvorstellung und Gefühlston bilden.

Für uns handelt es sich nun um die Frage,  ob und inwieweit diese Gefühlstöne am Verallgemeinerungsprozeß der mit ihnen verbundenen Vorstellungen teilnehmen,  welcher in den durch die Wörter symbolisierten Begriffen eine Art Höhepunkt erreicht. Daß sie dadurch irgendwelche Veränderungen erfahren hat, kann keinem Zweifel unterliegen. Das lebhafte Gefühl, das sich an die einzelne Wahrnehmungsvorstellung knüpft, ist jedenfalls verschieden von den unbestimmten Gefühlstönen, welche für gewöhnlich mit der Wortvorstellung verbunden sind. Die schwachen Gefühlsregungen, welche die Worte: "Waldesrauschen", "Frühlingslüfte" in uns hervorrufen, sind nicht zu vergleichen mit den stärkeren Gefühlen, welche durch die unmittelbare Empfindung und Wahrnehmung dieser Erscheinungen ausgelöst werden. Das starke Gefühl des Ekels, welches auf die Wahrnehmung eines Verwesungsgeruchs folgt, ist etwas anderes, als das, wenn auch deutliche, so doch viel schwächere Gefühl, das sich schon mit dem bloßen Wort verbindet. Dieser Unterschied besteht nicht etwa bloß zwischen dem Gefühlston der Wahrnehmungsvorstellung und der Wortvorstellung, sondern auch zwischen demjenigen der Erinnerungsvorstellung und der Wortvortellung. Die Vergegenwärtigung eines bestimmten Eisenbahnunglücks, auch wenn sie durch die Erzählung anderer vermittelt ist, führt stärkere und vielleicht andersartige Gefühle mit sich als die im bloßen Wort fixierte allgemeine Vorstellung eines solchen.

Damit hat sich uns bereits ein erstes unterscheidendes Merkmal dieser "verallgemeinerten" Gefühle ergeben:  die geringere Intensität.  Die Tatsache selbst bedarf wohl keiner weiteren Bekräftigung. Es fragt sich, ob sich dafür eine tiefere Begründung finden läßt.

Am nächsten läge die Annahme, daß die Intensität des Gefühls von der Intensität der Vorstellung, an welche es sich knüpft, abhängig sei. Den allgemeinen Vorstellungen könnte eine geringere Intensität zugeschrieben und daraus die geringere Intensität des begleitenden Gefühls abgeleitet werden. Aber abgesehen davon, daß die Annahme von Intensitätsgraden bei solchen Vorstellungen psychologisch sehr anfechtbar ist, zeigt eine kurze Überlegung, daß jenes Verhältnis der Intensitäten schon bei der Empfindung, wo es am deutlichsten hervortreten müßte, nicht zutrifft. Eine Geruchsempfindung von sehr geringer Intensität kann sehr starke Unlustgefühle auslösen. Die Lustgefühle, welche sich mit dem Anhören eines Tonstücks verbinden, haben nicht notwendig beim Fortissimo, sondern vielleicht gerade beim Pianissimo die größte Intensität. (6)

Eine weitere Möglichkeit wäre die Abhängigkeit der Gefühlsintensität von der  Deutlichkeit  der Vorstellung. Da die allgemeine Vorstellung das Gemeinschaftliche vieler Einzelvorstellungen umfaßt, wobei die individuellen Merkmale vernachlässigt werden oder nur in der unbestimmten Form gelegentlich den Begriff repräsentierender Einzeltypen hervortreten, so gehört ein gewisses Maß von Undeutlichkeit geradezu zu ihrem Wesen. Daß aber damit eine Abnahme der Intensität der begleitenden Gefühle verbunden sein müßte, läßt sich trotzdem nicht behaupten. Dies geht aus sonstigen psychologischen Beobachtungen zur Genüge hervor. Auch die undeutlichste Empfindung oder Vorstellung, eine Geruchsempfindung von nicht näher zu bestimmender Qualität, eine Gesichtsvorstellung mit verschwimmenden Umrissen kann Gefühle von hoher Intensität mit sich führen. Auch die dunkle Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis kann einen Sturm von Gefühlen heraufbeschwören. Die Ursache der geringeren Intensität der mit den allgemeinen Vorstellungen verbundenen Gefühle ist also in einer anderen Richtung zu suchen.

Vielleicht ist es zweckmäßig, auf den  teleologischen Zusammenhang  zwischen den Gefühlen und dem Zustand des psychophysischen Organismus des Menschen zurückzugehen. Zeigt das Lustgefühl eine Förderung, das Unlustgefühl eine Hemmung der Funktionen des Organismus oder seiner einzelnen Teile an, sind Schmerz und Lust die "Wächter des Lebens innerhalb der bewußten Welt" (7), so werden sie dieses Wächteramt umso nachdrücklicher ausüben, so wird ihre Intensität umso größer sein, je unmittelbarer die Selbsterhaltung des Organismus begünstigt oder bedroht ist. Das Unlustgefühl, welches uns vor dem Genuß einer in Verwesung übergehenden Speise warnt, ist ein sehr intensives. Die Erinnerung an einen bestimmten Fall dieser Art kann immer noch ein verhältnismäßig starkes Unlustgefüzl hervorrufen, das jedoch bereits eine wesentlich geringere Intensität aufweist. Auch die nur in Worten angedeutete allgemeine Vorstellung eines solchen Falles bewirkt noch ein der Selbstbeobachtung sich deutlich darbietendes Unlustgefühl; aber dieses Gefühl hat an Intensität noch mehr verloren. Eine ähnliche Stufenleiter der Intensitätsgrade würden etwa die eine Gebirgswanderung begleitenden Gefühle, die Erinnerung daran und der Gefühlston des bloßen Wortes darstellen. Je weiter sich die im Gefühl reflektierende Gefahr einer Hemmung oder Aussicht einer Förderung des leiblich-geistigen Organismus zurücktritt, desto mehr verblaßt das Gefühl selbst. Die den Wortschaft der Sprache begleitenden Gefühlstöne sind daher, losgelöst von ihrer unmittelbaren Beziehung auf das Wohl und Wehe des Individuums, nur dürftige Reste der lebhaften Gefühle, welche im sich einzelnen Fall mit der Einzelvorstellung verbanden.

So könnte bei einem teleologischen Hintergrund des Gefühlslebens die Ursache für die Abnahme der Gefühlsintensitäten bei zunehmender Verallgemeinerung der mit ihnen verknüpften Vorstellungen gefunden werden.

Wie verhält es sich nun mit der  Qualität  der Gefühl im Verlauf dieses Verallgemeinerungsprozesses? Es ist im Allgemeinen anzunehmen, daß sie dieselbe bleibt. Denn der Inhalt der Vorstellungen, auf welchen sich die Gefühle beziehen und durch welchen ihre Qualität bestimmt wird, erfährt nur eine Veränderung seiner Form, indem er dem Prozeß der Verallgemeinerung unterworfen wird. Vor allem verliert er dadurch an Bestimmtheit. Es frägt sich, ob diese Annahme der Bestimmtheit nicht auch für die Qualität der begleitenden Gefühle zutrifft. In der Tat ist der Gefühlston, welcher etwa unsere Wortvorstellung "Konzert" begleiten, weniger bestimmt als die Gefühle, welche wir haben, wenn wir ein einzelnes Konzert zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort hören.

Und doch darf diese Unbestimmtheit des Gefühlstones nicht ohne weiteres auf die Unbestimmtheit der allgemeinen Vorstellung, an welche er sich knüpft, zurückgeführt werden. Denn sie tritt auch bei voller Bestimmtheit der zugrunde liegenden Vorstellungen auf. Die "Stimmung", deren wechselnde und ineinander verschwimmende Gefühlsqualitäten meist jeder Bestimmtheit entbehren, kann an durchaus bestimmte Vorstellungen anknüpfen. Das völlig bestimmte Wahrnehmungsbild eines Menschen kann ein ganz unbestimmtes Gefühl der Antipathie hervorrufen. Andere Wahrnehmungen führen zu unbestimmten Gefühlen, die als "Ahnungen" bezeichnet werden. Die Bestimmtheit des Gefühls variiert also unabhängig von der Bestimmtheit der Vorstellungen.

Wie aber ist es dann zu erklären, daß trotzdem mit dem Unbestimmtwerden der Vorstellung beim Abstraktionsprozeß das Unbestimmtwerden des begleitenden Gefühls Hand in Hand geht? Vielleicht ist auch hier die Erklärung in jener teleologischen Betrachtungsweise des Gefühlslebens zu suchen. Die qualitative Bestimmtheit des Gefühls hängt von der Art der Förderung oder Hemmung ab, welche der in den Bereich des Bewußtseins eintretende Gegenstand oder Vorgang für das Individuum mit sich führt. Löst sich dieses Objekt der Gefühlserregung aus dem Zusammenhang mit einem bestimmten Organismus ab, um als allgemeine Vorstellung auf viele Einzelfälle anwendbar zu sein, so fehlt es dem begleitenden Gefühlston am richtunggebenden Element des bestimmten Zustandes des einzelnen Organismus zu einer bestimmten Zeit. Mit dem Unbestimmtwerden des teleologischen Verhältnisses, dessen ständiger Reflex das Gefühl ist, muß auch die Gefühlsqualität selbst unbestimmt werden.

Innerhalb dieser abgeblaßten Gefühlsqualität der allgemeinen Vorstellung tauchen aber entsprechend den zur Repräsentation der Gattung sich drängenden Einzelvorstellungen einzelne qualitativ bestimmtere Gefühle auf, die je nach Eigenart und augenblicklichem Bewußtseinszustand des Individuums der allgemeinen Gefühlsrichtung eine bestimmtere Färbung geben. Der unbestimmte und schwache Gefühlston der Gemeinvorstellung: "Kunstgenuß" wird etwa lebhafter und bestimmter repräsentiert durch die Freude an derjenigen Kunstgattung, welche dem Vorstellenden am nächsten liegt. Das bestimmtere Gefühl wird dann maßgebend für die Schattierung der die allgemeine Vorstellung begleitenden Gefühle. Die Repräsentation des Allgemeinen durch das Besondere nimmt auf dem Gebiet des Gefühlslebens eine etwas andere Gestalt an, als auf dem Weg einer Art Irradiation [Bestrahlung - wp] einen weiteren Kries des Gefühlslebens qualitativ bestimmen.

Als Hauptmerkmale der durch Assoziation mit allgemeinen Vorstellungen - und mittelbar deren Symbolen, den Wortvorstellungen - "verallgemeinerten" Gefühle können wir also feststellen:
    1. wesentlich verminderte Intensität;

    2. geringere oder größere Unbestimmtheit der Qualität unter gelegentlichem Hervortreten einzelner bestimmterer die Gattung repräsentierender und ihre Qualität beherrschender Gefühle.
LITERATUR - Theodor Elsenhans, Über Verallgemeinerung der Gefühle, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 24, Leipzig 1900
    Anmerkungen
    1) Von Literatur über diesen Gegenstand ist mir nur THEODORE RIBOT, L'abstraction des émotions (L'année psychologique 3, 1-9, 1897) bekannt geworden, nachdem Thema und Grundgedanken dieser Abhandlung mir bereits feststanden. RIBOT, dessen Ausführungen ich leider nur aus einer Rezension in dieser Zeitschrift, 1898, Bd. 16, 319f, kenne, scheint jedoch von anderen Gesichtspunkten auszugehen und sich in etwas anderer Richtung zu bewegen. In entfernterer Beziehung zum vorliegenden Thema stehen die Bemerkungen von WILHELM WUNDT über "Begriffsgefühle" (Grundriß der Psychologie, 3. Auflage, Seite 315) und der Aufsatz von JONAS COHN über "Die Gefühlswirkung der Begriffe" (Philosophische Studien 12, Seite 297 - 306).
    2) BENNO ERDMANN, Die psychologischen Grundlagen der Beziehungen zwischen Sprechen und Denken, Archiv für systematische Philosophie, 1896, Seite 355 - 416
    3) CHRISTOPH SIGWART, Logik I, Seite 56f
    4) WILHELM WUNDT, Grundriß der Psychologie, 3. Auflage, Seite 315; Grundzüge der physiologischen Psychologie II, Seite 477f
    5) Auf die Frage der "mittelbaren Assoziation" kann hier nicht näher eingegangen werden. Vgl. dazu: SMITH, Zur Frage der mittelbaren Assoziation, Leipzig 1894 (besprochen in dieser Zeitschrift 9, Seite 141f); WILHELM JERUSALEM, Ein Beispiel von Assoziation durch unbewußte Mittelglieder, Philosophische Studien 10, Seite 323 - 325; WILHELM WUNDT, Sind die Mittelglieder einer mittelbaren Assoziation bewußt oder unbewußt? a. a. O. Seite 326 - 328.
    6) Mit Recht hat daher von EHRENFELS in seiner Auseinandersetzung mit BRENTANO in dieser Zeitschrift 16, Seite 49f den Parallelismus zwischen der Intensität sinnlicher Gefühle und der Intensität des dazugehörigen Inhalts bestritten.
    7) FRIEDRICH JODL, Lehrbuch der Psychologie, 1896, Seite 383