p-4G. F. LippsA. PfänderH. MünsterbergP. Rée    
 
ADOLF BOLLIGER
Die Willensfreiheit
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"Wenn es keine Willensfreiheit gäbe und kein Mensch daran glaubte, so müßte man sie erfinden und den Glauben daran den Menschen einreden und einimpfen, weil das in allen Fällen der mächtigste zum  sittlichen Leben  determinierende Faktor sein wird."

"Die Allerweltsmeinung und die zur Zeit herrschende  Weltweisheit  glaubt die ganze Welt als Paradigma von Ursache und Wirkung zitieren zu können. Ich bin um Paradigmen eher verlegen: Im ganzen Reich der Phaenomena - mit Gunst und Verlaub aller Naturforscher und aller Kantianer sei's gesagt - vermag ich nichts zu entdecken, was dem definierten Ursachenbegriff entspräche."


I. Der Gegenstand der Untersuchung

Ein Bauer geht mit seiner Kuh zum Markt. Er  will,  sie  muß;  erst ist frei, sie gezwungen. So wenigstens beurteilt er die Sache; bei allen dringenden Beweggründen, die ihn zu Markte treiben, taxiert er seinen Gang als freie Tat; so tut es mit ihm das Gros der Menschheit.

Anders eine Minderheit; diese behauptet, der Bauer und seine Kuh befänden sich in ganz gleichen Umständen. Werde sie an sichtbarem Seil geführt, so er an unsichtbarem. An Freiheit sei bei ihm so wenig wie bei ihr; sie  müßten  beide. Die Beweggründe (Motive) seien tatsächlich für ihn Determinanten.

In diesem Gegensatz der Mehrheit und der Minderheit ist tatsächlich unser ganzes Untersuchungsobjekt gegeben.

Versuchen wir dasselbe mit ein paar Paradigmen genauer zu fixieren:

Ein Durchschnittsmensch begleitet seine Handlungen und Zustände mit Urteilen folgender Art: Ich bin nun sozial der und der; aber es bestand keine unentfliehbare Notwendigkeit, gerade das zu werden, was ich geworden bin. Mein dermaliger Zustand ist nicht die Auswirkung einer  moira  [Schicksal - wp], einer  anarche  [Herrenlosigkeit - wp], einer  heimarmene  [Vorsehung - wp]. Ich bin weder durch mechanische noch psychische Notwendigkeit noch auch durch eine Verbindung beider determiniert. Ich bin Theologe; aber es stand nicht in den Sternen geschrieben, daß ichs werden mußte. Bei allen wie immer beschaffenen und noch so drängenden Motiven kam doch meinem  freien Willen (1) eine entscheidende Rolle zu. Mein Wille hätte als eine allen determinierenden Potenzen überlegene Größe meinem Lebensschifflein eine andere Richtung geben können.

Weiter: Jener Durchschnittsmensch befindet sich zur Stunde in einer gewissen moralischen Verfassung, die anderen Achtung, ihm Selbstachtung abnötigt. Dieser erfreuliche Zustand wird von ihm nicht gefühlt und beurteilt als etwas, was kraft einer unentfliehbaren Notwendigkeit so werden mußte. Er beurteilt seinen Zustand dahin, daß er kraft fortgesetzten guten Wollens also geworden; und von diesem Wollen nimmt er an, daß es auch anders hätte sein können.

Anderer Fall: Unser paradigmatischer Durchschnittsmensch befindet sich vielleicht in einer Verfassung, die ihm die Verachtung der Mitmenschen einträgt und die er mit Selbstverachtung begleiten muß. Auch diesen traurigen Zustand begleitet er nicht mit dem Bewußtsein, daß derselbe unvermeidlich war; er urteilt vielmehr, daß die Möglichkeit dagewesen wäre, anders zu  wollen  und kraft dieses anderen Wollens einen ganz anderen moralischen Habitus herbeizuführen. Und das Leiden, das seiner moralischen Verfassung als Folge verbunden ist, wird von ihm nicht als vom Schicksal zugwälztes Ungemacht empfunden; das Gefühl des Leidens ist vielmehr drei- oder zehnfach verbittert durch das Bewußtsein, daß der Gesamtzustand nicht so zu sein brauchte, daß alles anders sein könnte, wenn er nur, wie's in den Grenzen der Möglichkeit lag, anders  gewollt  hätte.

Es darf als eherne Erfahrungstatsache gelten, daß alle Durchschnittsmenschen ihre Taten und Zustände mit solchen Urteilen begleiten; sie taxieren ihren Willen als ein allen determinierenden Faktoren überlegene Potenz.

Die weite Verbreitung dieses Urteils über den  Willen  beweist nun freilich noch nichts für dessen Richtigkeit. Bis auf die Tage des KOPERNIKUS war auch alle Welt überzeugt, daß die Erde hier unten festliege und daß die Sonne sich alltäglich um sie drehe. Es kam die Aufklärung und in derselben die Erkenntnis, daß jenes zuvor allgemeinmenschliche Urteil irrig war; es war ein idolon tribus humanae [menschliches Trubbild der Gattung - wp].

Die moderne Wissenschaft tendiert stark dahin, uns zu sagen, es verhalte sich mit der allgemein-menschlichen Beurteilung des Willens nicht anders; sie sei wie die vorkopernikanische Weltansicht ein idolon tribus humanae.

Diese "Wissenschaft", welche sich der allgemein-menschlichen Beurteilung des Wollens gegenüber als KOPERNIKUS fühlt, leugnet freilich nicht, daß des Menschen Leben durch das, was wir sein Wollen heißen, im höchsten Maß beeinflußt werde. (2) Aber sie fügt hinzu, das sei die Jllusion des allgemeinmenschlichen Urteils, zu wähnen, daß das Wollen des einzelnen Menschen so oder anders sein könnte. Das sogenannte Wollen bestimme freilich des Menschen Leben, sei aber selber auch eine determinierte Größe. Der Wille wird also als Hauptfaktor in unserem Leben anerkannt, aber selbst wieder als ein Element der Determination, der  anarche  interpretiert. Zum Beispiel: Die guten Taten JESU und PAULI seien freilich Ausflüsse ihres Wollens, genauso wie die schlechten des JUDAS ISCHARIOT und des NERO. Aber eben dieses Wollen, das gute und das schlechte, sei eines jeden Schicksal gewesen; ihr Wille sei durch ihr physisch-psychisches Erbe, durch die Erziehung, durch die Umgebung im weitesten Sinn determiniert gewesen; nirgends die leiseste Möglichkeit, anders zu sein, als sie  de facto  waren. Alles Wollen (wie real auch immer) sei, metaphysisch recht verstanden, ein Getriebenwerden, ein  Müssen. 

Dementsprechend werden von denen, die sich auf dem Willensgebiet als Copernici aufspielen, auch die Gewissensbisse als idolon tribus humanae ausgelegt. Das Urteil des Gewissens, dahin lautend "du hättest anders handeln sollen und auch können" ist ihnen eitel Torheit wie die Meinung von der Drehung der Sonne um die Erde. - Freilich räumen diese Copernice ein, die Gewissensbisse seien eine sehr wohltätige Torheit; sie wirkten nämlich als determinierende Faktoren im Leben, determinierend zum "Guten" und seien so eine sehr weise Veranstaltung der Natur zur Erreichung ihrer Zwecke. Zum Beispiel: wenn der Normalmensch einen Mitmenschen übervorteilt hat, so ist zwar der nachfolgende Gewissensbiß, daß er anders gehandelt, als er gesollt und  gekonnt,  inhaltlich rein illusorisch; er hat gehandelt, wie die Notwendigkeit ihn zwang. Aber der materiell falsche Gewissensbiß wirkt nun doch mit seiner höllischen Bitterkeit bei späteren Handlungen determinierend mit und die Summe der materiell immer falschen Gewissensbisse hat vielleicht endlich die Wirkung, ihn zum "Guten" (3) zu determinieren. Es erscheint also das allgemein menschliche Eidolon [Trugbild - wp] als der mächtigste Motor des sittlichen Lebens. Das Beste im sittlichen Leben quillt in diesem Fall aus dem Irrtum; und die "Aufgeklärten", welche über die Hecke sehen, das Jllusorische der Gewissensbisse erkannt haben und mit ihrer Erkenntnis das Schuldgefühl dämpfen und endlich löschen, haben eben damit einen Hauptmotor des sittlichen Lebens eingebüßt. Eine wunderliche, tolle Einrichtung der Welt, wenn sie also beschaffen ist, wie diese "Copernici" uns einreden wollen, daß das Beste aus dem Irrtum quillt. Die Theorie, welcher die Rede von der Willensfreiheit als Torheit gilt, endet hier bei der Einsicht: Wenn es keine Willensfreiheit gäbe und kein Mensch daran glaubte, so müßte man sie erfinden und den Glauben daran den Menschen einreden und einimpfen, weil das in allen Fällen der mächtigste zum "sittlichen Leben" determinierende Faktor sein wird.

Ähnlich wie zu den Gewissensbissen muß sich der Determinismus zum Begriff der  Strafe  stellen; dieser Begriff ist ganz bestimmt nicht auf deterministischem Boden gewachsen und bleibt hier ein Fremdkörper; man sucht ihn gleichwohl sich zu assimilieren. Recht witzig tut es FECHNER (4): "Ein Junge hört, daß alles in der Welt, auch Wollen und Handeln des Menschen, aus reiner Notwendigkeit erfolgt. Halt, denkt er, damit kannst du ja künftig deine Unarten entschuldigen und alsbald begeht er eine solche. Der Vater schlägt ihn dafür. Was schlägst du mich, sagt der kluge Junge, ich kann nichts für meine Unart, die Notwendigkeit meines Wesens bringt es so mit sich. Ganz gut, sagt der Vater, aber die Notwendigkeit meines Wesens bringt es auch mit sich, daß ich dich dafür schlage. Der Junge meint, was geht mich diese fremde Notwendigkeit an, wenn die eigene innere Notwendigkeit mich forttreibt, dieselbe Unart zu begehen; also begeht er sie aber- und abermals; jedesmal schlägt ihn der Vater dafür stärker; und damit findet sich der Junge endlich doch innerlich genötigt, dieselbe Unart nicht mehr zu begehen. Für den Jungen setze den Menschen, für die Schläge Strafen überhaupt, für den Vater die göttliche Weltordnung." Ich fürchte, der Witz, mit dem die deterministische Straftheorie hier vorgetragen wird, könne das Greuliche derselben nicht zudecken. FECHNER räumt auch ein, ohne den Glauben an ein strafendes und lohnendes Jenseits wäre es mit der vorigen Ansicht nichts. Ich fürchte, es ist auch  mit  dem Jenseitsglauben nichts mit jener Ansicht. Eine schöne göttliche Weltordnung das, die uns, die schlechthin Gebundenen, mit Schlägen zum Gastmahl des ewigen Lebens treibt! Wär's nicht doch besser, wenn der Determinismus auf "Witze" verzichtete und gestände, daß er mit der Strafe nichts anzufangen weiß! -

Im übrigen hören wir jetzt nach ihren bloßen Behauptungen die "Gründe" und "Beweise" der Deterministen an und prüfen wir, ob dieselben zulänglich sind!


II. Die verschiedenen Formen des Determinismus und die Unzulänglichkeit ihrer jeweiligen Begründung.

Es gibt verschiedene Formen, den Determinismus zu begründen. Ich skizziere die vornehmsten derselben und schließe jeweils meine Kritik an:

1. Die vulgär-philosophische Form des Determinismus

Der vulgär-philosophische Determinismus unserer Zeit räsonniert so: Es gibt ein Kausalitätsgesetz, demzufolge alle Dinge eine ungeheure Kette bilden, in welcher jedes Glied sowohl Wirkung als auch Ursache ist. "Jedes Ding und jedes Wesen in der Welt ist sowohl Wirkung als auch Ursache", sagt HÖFFDING (5) mit der Miene absoluter Selbstverständlichkeit. Vom Willen nun behaupten, daß er frei sei, heiße behaupten, daß er dem Kausalitätsgesetz nicht untertan sei. Wer von freiem Willen rede, vindiziere dem Willen die Fähigkeit eine Reihe von Ereignissen  schlechthin  anzufangen; er nehme den Willen aus der Ursachenreihe heraus und behaupte, derselbe sei Ursache, ohne seinerseits Wirkung zu sein.

Diese Beschränkung der Gültigkeit des Kausalgesetzes wird vom vulgärphilosophischen Determinismus abgelehnt aus Gründen der  Einheitlichkeit der Weltanschauung.  Es widerstrebt den Herren, für einen Bezirk des Wirklichen, den Willen, Ausnahmegesetze zuzulassen. Sie machen das monistische Postulat geltend, daß das Kausalgesetz  universale  Gültigkeit haben müsse. Sie wollen nicht zulassen, daß das Gebiet des menschlichen Willens ein exemtes [befreites - wp] Gebiet sei; der Wille müsse mit in die ungeheure Kette des Geschehens in der jedes Glied sowohl Ursache als auch Wirkung ist, aufgenommen sein.

Meine Kritik: Dieses sogenannte Kausalgesetz, dem alles und auch der Wille untertan sein soll, ist selbst ein Stück Aberglaube. Was man unter jenem Titel als Alleinherrscher geltend macht, ist ein Popanz, mit dem man mich nicht schreckt. Jedes Ding, so verkündigt man, muß eine Ursache haben. Was ist die Legitimation dieser Behauptung? Daß jede  Wirkung  ihre Ursache habe, das verstehe ist. Aber daß jede Ursache ihrerseits wieder Wirkung sein müsse, das verstehe ich nicht und habe nie eine wirkliche Begründung dafür gehört. Warum soll eine Ursache nicht allensfalls eine  Ur -Sache, ein Erstes, ein Anfang sein? -

Wie fatal jener herrschende Kausalbegriff ist, zeigt sich auch, wenn das Dasein der Welt als ganzer erwogen wird:

Kein Ding ohne Ursache.

Folglich kein  erstes  Ding (kein Anfang des Weltgeschehens), weil dasselbe ursachlos sein müßte.

Folglich überhaupt kein Ding, weil das erste nicht in Erscheinung treten konnte und somit nicht alle folgenden. Es kann überhaupt nichts sein, weil die Reihe des Geschehens nie  beginnen  konnte. Es ist also der absolute Nihilismus die Folge jener Kausalitätslehre, deren Absurdität der regressus in infinitum [ewiger Teufelskreis - wp] nur schlecht verhüllt, aber niemals beseitigt.

Muß aber erst zur Vermeidung des Nihilismus in Ansehung der Welt als ganzer eine Ursache angenommen werden, die nicht selbst wieder Wirkung ist, so sind wir alsbald disponiert für die Erwägung, ob es nicht vielleicht auch im Fortgang der Welt in Gestalt von Willensakten ähnliche Anfänge gebe. Jedenfalls wird der ebenso anspruchsvolle wie grundlose Satz "Jedes Ding muß eine Ursache haben" jene Erwägung nicht hindern dürfen.

Das beiläufig. Im übrigen gehe ich jetzt daran, in anderer, wie ich hoffe, ganz überzeugender Weise zu zeigen, wie völlig unhaltbar jene herrschende Auffassung des Kausalgesetzes ist:

Was meinen wir mit dem Namen der Ursache?

Wenn ich von zwei Größen  a  und  b  die erste die Ursache der zweiten, die zweite die Wirkung der ersten nenne, so meine ich damit, daß  a  dem  b  zum Dasein verholfen habe, daß die Existenz des  b  auf  a  ruhe. Und wenn ich die vereinten Größen  l + m + n + o  Ursachen der Größe  x  heißt, so meine ich, daß das Dasein der letzteren vollständig auf der Summe jener anderen ruhe. Das dürfte genau das sein, was im Grunde genommen jedermann unter Ursachen und Wirkungen versteht. Unsere Definition dürfte auch als klar und unzweideutig gelten. Sie umschließt zwar keine Ansicht und auch nicht einmal eine Ahnung darüber, durch welche Mittel und Wege ein  a  als Ursache einem  b  als Wirkung zum Dasein verhelfen könne. Wir nennen ein erstes die Ursache eines andern, wenn es die Existenz dieses andern trägt, ganz unbekümmert darum, ob uns Mittel und Wege des Verursachens durchsichtig oder gänzlich verschlossen sind.

Gibt es aber nun auch im Reich des Wirklichen etwas, was dem definierten Ursachenbegriff entspricht? Die Allerweltsmeinung und die zur Zeit herrschende "Weltweisheit" glaubt die ganze Welt als Paradigma von Ursache und Wirkung zitieren zu können. Ich bin um Paradigmen eher verlegen: Im ganzen Reich der Phaenomena - mit Gunst und Verlaub aller Naturforscher und aller Kantianer sei's gesagt - vermag ich nichts zu entdecken, was dem definierten Ursachenbegriff entspräche.

Was wir in der gesamten Erfahrung antreffen, das sind Reihen von Phänomenen, die mit großer Beharrlichkeit und Gleichförmigkeit einander zu folgen pflegen. Daher die fast allgemein menschliche Tendenz, die jeweilig sukzedierenden Erscheinungen wegen der beständigen temporalen und lokalen Verknüpfung (respektive Nähe) als Wirkungen der präzedierenden [richtungsändernden - wp zu denken. So der gemeine Mann, so die vulgäre Naturwissenschaft.

Es ist HUME gewesen, der dem gegenüber energisch geltend gemacht hat, daß all die Sukzessionen auch bei tausendfach sich wiederholender Verknüpfung doch kein wissenschaftliches Recht geben, die vorausgehenden Erscheinungen als die Ursachen der nachfolgenden zu deuten und zu deklarieren. Wissenschaftlich können wir nur aussagen, daß gewisse Erscheinungen jeweils lokal und temporal nebeneinander bestehen und es bleibt im millionsten Fall der Wiederholung ebenso problematisch, ob sie kausal verknüpft sind, wie im ersten. Nach HUME denken wir immer nur auf Grund von Gewohnheit, nie nach wissenschaftlichem Recht, irgendwelche Erscheinungen verknüpft.

KANT kam bekanntlich durch diese HUMEschen Gedanken in große Aufregung und Verlegenheit; er wollte denselben entfliehen und die Art seines Entfliehens begründet zumeist den "welthistorischen Ruf" der kantischen Philosophie.

Was tat KANT? Er mußte HUME einräumen, daß ein empirisches Recht, die vorausgehenden Phänomena als Ursachen der nachfolgenden zu denken, nicht vorliegt und es ist auch nach KANT keiner gekommen, der dieses empirische Recht gegenüber HUME erbracht hätte. Also stimmte KANT HUME zu? Nicht doch. KANT erklärte, und das ist seine welthistorische Tat: "Was sich empirisch nicht rechtfertigen läßt, das vollziehe ich kraft eines apriorischen Kausalbegriffs. Ich bringe den Kausalbegriff als rein apriorische Verstandesform aus meinem Geist an die Phänomena heran. Was empirisch in bloß zeitlicher Sukzession vorliegt, verknüpfe ich durch diesen apriorischen Kausalbegriff."

Was wohl wohl HUME dazu gesagt hätte, wenn er - er ist 1776 gestorben - so glücklich gewesen wäre, die "Kritik der reinen Vernunft" noch zu erleben und zu lesen und  gar zu verstehen!  Ich bin's gewiß, daß dieser scharfe Denker für den kantischen Ausweg nie mehr als ein Lächeln gehabt hätte. Unter dem Titel und Namen einer apriorischen Synthesis die durch die Erfahrung nicht hinlänglich motivierte Verknüpfung nun doch zu vollziehen, das wäre ihm höchstens als der kristallisierte Niederschlag eines populären Vorurteils im Gehirn eines Metaphysikers erschienen. HUME würde erklärt haben: Ob der Bauer und der unkritische Naturforscher zwei sukzedierende Phänomena kraft der Gewohnheit kausal verknüpft denken oder ob KANT die nämliche Verknüpfung kraft eines apriorischen Kausalbegriffs vollzieht, fällt für mich in die nämliche Verdammnis. Was beweist doch all das  Knüpfen,  das gewohnheitsmäßige und das apriorische? Die Frage ist, ob die beiden Phänomena auch wirklich Ursache und Wirkung  sind.  Ihr denkt sie als solche, tuts gewohnheitsmäßig oder apriori. Die Frage ist, ob wirklich das eine Phänomen als Ursache die Existenz des anderen trägt und darüber wird durch all euer Knüpfen nichts entschieden.

Und nun besehe man den sauberen Handel. Mit diesem faulen Kausalbegriff des Durchschnittsmenschen oder dem nicht besseren KANTs, der gegenüber den HUMEschen Bedenken nicht gerechtfertigt worden ist, treten nun unsere Philosophen und Ethiker an den Willen heran und erklären: "Wir dulden nicht, daß der Wille ein exemtes Gebiet sei; er muß dem allgültigen Kausalitätsbegriff untertan sein."

Wie sagt ihr? Ihr wollt nicht dulden, daß der Wille ein exemtes Gebiet darstelle? Als wenn ihr von irgendeinem Bezirk der Wirklichkeit, von irgend zwei empirischen Größen bewiesen hättet, daß sie kausal verknüpft seien! Ihr habe nicht auf einem einzigen Punkt der Wirklichkeit die Gültigkeit eures Kausalbegriffs erwiesen; und nun redet ihr dem Willen gegenüber von der Unzulässigkeit von Exemtionen. Ihr beansprucht Alleinherrschaft für euren Kausalbegriff, dessen Herrschaft doch nicht für den kleinsten Bezirk erwiesen ist.

Ergebnis: Die Freiheitsfrage kann vor  diesem  Kausalitätsbegriff noch nicht verloren sein. Wir beanspruchen keine Exemtion von der Botmäßigkeit eines legitimen Alleinherrschers; aber von diesem auf allen Punkten illegitimen Kausalitätsbegriff wollen wir unbehelligt sein.

Damit hat unsere  Kritik  einem Räsonnement der Deterministen gegenüber ihre Pflicht getan.  Positiv  darzulegen, wo sich nun wirklich Ursachen finden, wenn sie in der Reihe der Phänomena nicht nachweisbar sind, ist hier noch nicht der Ort.


2. Die empiristische Form der Begründung des Determinismus

a) Abstammung, Erziehung, Milieu

Ich resümiere hier über die Realitäten, die u. a. PAULSEN zur Begründung des Determinismus verwendet hat. (6)

So viel wir sehen, nimmt das Menschenleben einen Anfang in der Zeit. Hängt das Geborenwerden irgendwie von der Wahl des Menschen ab? ist es eine Sache seiner Entscheidung, ob und in welchen Verhältnissen er geboren werden will? PAULSEN glaubt aufgrund der Erfahrung mit Nein antworten zu dürfen: der Mensch von von Eltern erzeugt, die er sich nicht selber erwählt hat; er muß ohne Wahl die geistig-leibliche Gesamtverfassung derselben antreten; so gut wie ihre körperlichen Eigenschaften erbt er ihr Temperament, ihre Begierden, ihre intellektuellen Anlagen und Kräfte. Die Abstammung bestimmt augenscheinlich nicht nur unseren leiblichen Habitus bis zur Form des letzten Hautwärzchens und der Farbennuance unseres Haars, sondern ebenso bis ins allerfeinste unsere geistigen Anlagen, die Raschheit und die Langsamkeit unseres Denkens, die Feinheit und die Stumpfheit unseres Urteils, bestimmt unsere Neigungen und Abneigungen, unsere tugendhaften und unsere verbrecherischen Anlagen. - Jeder erhält aus dem Mutterleib ohne Wahl auch seine Geschlechtsbestimmtheit, die doch sein Leben so entscheidend bestimmt. Er erhält ebenso als Naturausstattung den Habitus eines bestimmten Volks. "In der Entstehung des Menschen", sagt PAULSEN, "deutet also nichts darauf hin, daß er gleichsam ein exemtes  Gebiet,  eine Enklave im Reich der Natur bilde, für die ihre Gesetze nicht gelten."

Und wie nun weiter? Das im Mutterleib angetretene Erbe entwickelt sich nach der Geburt unter neuen determinierenden Faktoren der Umgebung, d. i. der Natur und vor allem der Kultur. Das Kind wächst auf in Luft und Sonnenschein, in der Schönheit und dem Reichtum eines gottgesegneten Himmelsstrichs; oder es wächst auf in der Armut und Frostigkeit eines kargen, öden Landes. Das Kind wird ernährt, gut oder schlecht; es hat die Erziehung in jedem einzelnen Fall ein bestimmtes individuelles Gepräge. Die Familie, die Schule, die Anstalten, in denen es aufwächst, formen zu jeder Stunde an ihm und von diesen nie unterbrochenen Einflüssen muß jeder zum Schlußeffekt etwas beitragen. - Weiter: Das Kind wird durch die Erziehung eingetaucht in die Lebensform eines Volkes. Sitten, Gewohnheiten, Urteile dieses Volkes bestimmen seine Sitten, Gewohnheiten, Urteile. Es erwirbt die Sprache dieses Volks und damit eine Fülle von Begriffen, Urteilen und wahrscheinlich Vorurteilen, von denen es in der Folge beherrscht wird. Das Kind wird neben der Familie und der Schule geformt von der Kirche und vor allem von der Gesellschaft. Und wie wir in eine bestimmte Kirche hineingeboren werden, so auch in eine bestimmte Sphäre der Gesellschaft; und die Gesellschaft, welcher der einzelne durch seine Abstammung in der Regel lebenslänglich angehört, bestimmt ihm seine Geschmacksurteile und seine sittlichen Urteile, - verbietet ihm dies, gebietet ihm jenes, - tadelt dies, lobt das, - normiert alles und jedes. PAULSEN schließt die diesbezügliche Darlegung folgendermaßen: "Volk und Zeit, Eltern und Erzieher, Umgebung und Gesellschaft bestimmen jedem einzelnen Menschen Anlage und Entwicklung, Lebensstellung und Lebensaufgabe. Er erscheint als ein Produkt der Gesamtheit, aus der er hervorwächst; wie ein Sproß am Baum nicht durch seinen Willen Form und Funktion hat, sondern durch den Gesamtkörper, an dem er wächst, so bestimmt auch ein Mensch nicht, selbst vor sich selber seiend, durch einen Entschluß seines Willens sich Gestalt und Lebenslos; er kommt in die Welt und funktioniert in der Welt wie ein Glied des Volkskörpers. Und mit dem Leben seines Volkes ist also auch sein Leben eingesenkt in das geschichtliche Gesamtleben der Menschheit und zuletzt in die ewige und unvordenkliche Notwendigkeit des Weltlaufs." (7)


b) Unsere Taten als Determinanten für die Zukunft,
der empirische Charakter.

Wenn Erbschaft, Erziehung, Milieu für freie Selbstbestimmung, keine Raum zu lassen scheinen, so scheint angesichts eines weiteren Faktums die Selbstbestimmung vollends illusorisch: Meine Erfahrung legt nahe, daß man bisheriges Handeln mein zukünftiges Handeln determiniert. Das scheint doch empirisch der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses gebären muß: und das ist der Hauptsegen der guten Tat, daß sie für die Zukunft das Tun des Guten möglich macht. Meine bisherigen Taten erloschen nicht mit dem Augenblick der Ausführung; sie wirken vielmehr als zinstragendes Kapital, als psychische Dispositionen in mir fort; sie treiben mich im Sinne des Beharrungsvermögens (der vis inertiae der Physik) in einer bestimmten Richtung. Durch wiederholtes Handeln in der nämlichen Richtung werden die Dispositionen fest, gewisse Formen des Handelns werden Gewohnheit und Leidenschaft, ich bin ein Charakter (ein guter oder ein schlechter) geworden; denn unter Charakter verstehen wir doch die zur festen Gewohnheit gewordene Weise des Handelns. Wo bleibt dieser vis inertiae [Kraft der Trägheit - wp] des sittlichen Lebens gegenüber die Möglichkeit freier Selbstbestimmung? Haben die Deterministen nicht recht, über eine pelagianisch gedachte Willensfreiheit, die als Charakter indelebilis [untilgbare Prägung - wp], von keinerlei früheren Taten beengt, dem Menschen verliehen sein soll, zu spotten? - Werden sie nicht ebenso mit vollem Recht den Begriff der Umkehr und Neugeburt zu den Toten legen dürfen? In der Tat, die Deterministen werden sagen: Eure offizielle Moral und zumal die von den Kanzeln verkündigte, redet ein Breites über Sinnesänderung, Umkehr, Wiedergeburt? aber jeder solche Redner wäre in höchster Verlegenheit, wenn er Paradigmen zu seiner Lehre, wirklich umgekehrte Menschen erweisen sollte. Der moralische Habitus der einzelnen Menschen zeige doch eine erstaunlich Beharrlichkeit. Wie ein treuer Hund treu bleibe und ein falscher falsch, so sei es auch beim Menschen. Wer einen bestimmten Menschen genau kenne, wer ihn in gewissen Situationen beobachtet habe, der könne auch voraussagen, wie derselbe sich in Zukunft verhalten werde und brauche nicht zu fürchten, daß er als falscher Prophet befunden werde. Diese eherne Regelmäßigkeit in den moralischen Willensäußerungen schließe Willensfreiheit aus.


c) Die Regelmäßigkeit von Willensentscheidungen
nach der Statistik

Nach der Statistik kehren gewisse Handlungen mit großer Regelmäßigkeit wieder. Die jährliche Anzahl der Heiraten, der Verbrechen, der Selbstmorde, ja der einzelnen Formen der Selbstmorde zeigt eine Konstanz, wie sie mit der Annahme freier Willensentscheidungen unvereinbar scheint. Wenn diese Handlungen mit so großer Regelmäßigkeit wiederkehren, so scheint doch evident, daß deren Ursachen entsprechend konstante, aller Willkür der Individuen entzogene Größen sein müssen. Es haben darum auch deterministische Denker die Ergebnisse der Moralstatistik als Beweismaterial für ihre Theorie verwertet.

Ich lasse nun meine Kritik dieses "empiristisch" begründeten Determinismus folgen.

zu a) Die aufgezählten Erfahrungstatsachen reichen trotz PAULSEN und all seinen Gesinnungsgenossen bei weitem nicht zu einem Erfahrungsbeweis der Unfreiheit des Menschen. Die Erfahrung beweist allerdings, daß der Mensch kein absolut freies Wesen ist, - nicht ein Gott, der von aller und jeder Umgebung unabhängig wäre, - auch nicht ein freies Wesen in dem Sinne, daß er in jedem Augenblick, durch alles Vorausgehende (Erbschaft und eigene Taten) unbehindert, von vorne anfangen könnte. Im übrigen aber haben PAULSEN und seine Gesinnungsgenossen mit ihren Behauptungen die Erfahrung weit überschritten.

Einmal transzendiert die Behauptung, daß der Mensch ohne alle Selbstbestimmung die ganze Last des elterlichen Erbes angetreten habe, jede Erfahrung. Möglich, daß es so ist. Aber es ist ein nacktes Theorem, fußend auf der Annahme, daß die Zeugung des Menschen einen absoluten Anfang bedeute. Das ist, weit entfernt, eine Erfahrungstatsache zu sein, seinerseits ein höchst problematisches Theorem. Es ist ebenso denkbar und aus Gründen, die ich jetzt nicht darzulegen habe,  weit wahrscheinlicher,  daß meine individuelle Geschichte Äonen zurückreicht hinter jenen Akt neun Monate vor meiner Geburt, welchen die, die so am Schein kleben, für meinen absoluten Anfang halten möchten. Keine, schlechthin keine Erfahrung widersteht der Annahme, daß frühere selbsteigene Taten für mich die Nötigung enthielten, an diesem oder jenem Ort, in solchen oder jenen Verhältnissen geboren zu werden; meine Taten können den Zwang enthalten haben, daß ich gerade ein solches elterliches Erbe, wie es mir zuteil geworden ist, antreten mußte. Keine Tatsache widersteht der Annahme, daß meine Eltern mich nicht eigentlich gezeugt, sondern nur in eine neue Phase meiner Seelenwanderung eingeführt haben; und die Art, wie ich diese Phase durchlebe und absolviere, wird vermutlich  die  Entwicklungsphase bedingen, in die einzutreten mir hernach möglich ist; die Taten meiner irdischen Menschenwallfahrt werden mir vermutlich nachfolgen, ja mir vorangehen als die Bahnbrecher ins neue Leben. Was ich so im Sinne PLATONs und großer orientalischer Denker und Religionslehre, die ihm vorausgingen, andeute, ist freilich auch bloß Theorem; nur darf man nicht wähnen, dasselbe mit dem Theorem des "blöden Augenscheins", wonach unser Leben in der irdischen Zeugung seinen absoluten Anfang hat, zu überwinden. PLATON und die Orientalen sind immerhin von etwas anderem Gewicht als die modernen Philosophen des Augenscheins.

Aber gesetzt nun auch, daß wider die Vermutungen und Ahnungen großer Denker die ganze Last meines elterlichen Erbes mir ohne alle Selbstbestimmung und Wahl zugeteilt sei, ist denn damit auch schon bewiesen, daß ich durch das Erbe determiniert bin? Leidet denn der Tatbestand nicht auch die andere Auslegung, daß mir in Gestalt der elterlichen leiblich-geistigen Mitgift ein Material zugefallen ist, das ich in Taten der Selbstbestimmung bearbeiten, gestalten, verbessern soll? Wer erlaubt sich denn, mit Tatsachen zu beweisen, daß in meinem Erbe (inklusive die späteren determinierenden Faktoren) die zureichenden Gründe vorlagen für das, was ich geworden bin, daß auch nicht ein Quentlein zur hinlänglichen Begründung fehlte? Möglich ist bis auf weiteres auch das andere, daß das Erbe nur in Verbindung mit einem Faktor der Selbstbestimmung, der das erstere bearbeitete, das Resultat meines Lebens erklärt.

Und wer will weiter beweisen, daß nach dem Erbe die Erziehung und die Umgebung im weitesten Sinne schlechthin determinierend gewirkt haben? War nicht am Ende auch die Erziehung, waren nicht alle Einflüsse der Umgebung nur ein weiteres Material, das ich mit  eigenen Taten  so oder so bearbeitet habe? Jedenfalls reicht keine Erfahrung so weit, daß man sowas in Abrede stellen könnte. Die Empiriker haben ihren eigenen Boden verlassen, sind Nichtempiriker geworden, wenn sie behaupten, daß die Erfahrung absolute Determination beweise.

zu b) Was mein Determiniertsein durch meine früheren Taten und die Konstanz meines guten oder schlechten Charakters betrifft, so hat man bei weitem das Erfahrungsmäßige überschritten, wenn man den Faktor der Selbstbestimmung als nicht vorhanden erklärt. Ganz gewiß bin ich in keinem Augenblick meiner irdischen Wallfahrt in der Lage, meine früheren Taten als nicht vorhanden zu betrachten; dieselben folgen mir nach und bestimmen meinen moralischen Habitus. Noch weniger kann ich von der zur festen Gewohnheit gewordenen Handlungsweise (d. i. vom sogenannten Charakter) abstrahieren. Aber damit ist noch lange nicht bewiesen, daß das Frühere die  zureichenden  Gründe für das Nachfolgende enthält. Die Deterministen  behaupten  es;  bewiesen  haben sie es  nie.  Möglich bleibt immer noch, daß alle meine früheren Taten, wie drängend und zwingend auch immer sie mich verfolgen, doch immer nur ein Material konstituieren, das in der jeweiligen Gegenwart bearbeitet werden soll und kann. Vielleicht muß doch mein Leben nicht in der Richtungslinie meiner früheren Taten weiter gravitieren; vielleicht zeichnet auch nicht einmal die zur festen Gewohnheit (zum Charakter) gewordene Weise des Handelns mir meinen Weg unbedingt vor. Gewiß kann ich das Vorausgegangene und Gegebene nicht annullieren; aber vielleicht ist es mir doch möglich, durch eigene Taten mein Leben in jedem gegenwärtigen Augenblick von seiner Gravitationsrichtung leise abzulenken.

Vielleicht  ist es so, sage ich. Denn positiv zu beweisen habe ich hier noch nichts. Es genügt hier, das Negative nachgewiesen zu haben, daß die "empiristischen" Deterministen die Erfahrung weit überschritten haben. Nie hat einer von ihnen wirklich bewiesen, daß inmitten der determinierenden Faktoren, die auch ich sehe, ein Faktor der Selbstbestimmung (der Freiheit) ausgeschlossen sei. Die empiristische Begründung des Determinismus ist mißlungen.

zu c) Die regelmäßige Wiederkehr von Handlungen, wie sie uns die Moralstatistik darlegt, beweist nichts für den Determinismus. Der Anhänger der Willensfreiheit hat weder Erfahrung noch Logik gegen sich, wenn er urteilt: Die regelmäßigen Reihen der Statistik beweisen nicht einen Moloch der Notwendigkeit, dem soundso viele Opfer dargebracht werden müssen. Dieselben  erzählen  bloß, daß unter den gegebenen nötigenden Verhältnissen, die niemand leugnet, soundso viele sich zur Eheschließung, zum Diebstahl, zum Raubmord, zum Selbstmord faktisch entschlossen haben und immer wieder entschließen, nicht aber, daß sie sich haben entschließen  müssen.  Dieselben  erzählen,  daß bei Verschiebung der nötigenden Faktoren, z. B. beim Steigen der Kartoffel- und Kornpreise jeweils eine kleinere Zahl wie sonst zur Ehe, mehr wie sonst zu Diebstahl, Raub- und Selbstmord sich entschließen, nicht aber, daß sie sich entschließen  müssen.  Mit dem  Müssen  prädiziert man immer etwas, was die Erfahrung übersteigt. Es ist denkbar, daß der absolute Zwang determinierenden Faktoren jene regelmäßigen Reihen der Moralstatistik zur Folge hat; aber es ist ebenso denkbar, daß inmitten der gegebenen Verhältnisse die freien Entschließungen der vielen Individuen jene regelmäßigen Reihen herbeiführen. Was unter dem Denkbaren das Wirkliche ist, kann jedenfalls durch keinen deterministischen Machtspruch entschieden werden.

Im übrigen will ich statt eigenem Räsonnement nur noch ein treffliches Wort LOTZEs (8) anführen: "Zweideutig sind die  statistischen  Resultat, wonach gewisse Handlungen mit ausnahmsloser Regelmäßigkeit wiederkehren und dadurch  allgemeine Gesetze,  denen sie unterworfen sind, bezeugen sollen. Wenn man bereits voraussetzt, daß keine Freiheit möglich, sondern alle denkbaren Ereignisse durch Gründe bedingt sind, dann freilich beweist die regelmäßige Wiederkehr bestimmter Handlungen das beständige Vorhandensein der Gründe, die sie bedingen; allein so lange diese Frage noch  schwebt,  also die Möglichkeit der Freiheit erst  geprüft  werden soll, kann keine Art der Wiederkehr von Handlungen, weder eine regelmäßige noch eine unregelmäßige, für rätselhafter oder einer Erklärung bedürftiger gehalten werden, als irgendeine andere; und jene statistischen Tatsachen bedeuten, selbst wenn sie ganz richtig sind, nichts weiter als Erzählungen davon,  wie  sich die Freiheit entschieden  hat,  ohne irgendeinen Schluß auf Gründe möglich zu machen, die ja eben durch die Ansicht von der Freiheit prinzipiell geleugnet würden."
LITERATUR - Adolf Bolliger, Die Willensfreiheit, Berlin 1903
    Anmerkungen
    1) Der Normalmensch empfindet den Namen des  freien Willens  als Pleonasmus [doppelt gemoppelt - wp]. Der Wille als solcher gilt ihm als frei, als ein Gegensatz allen Müssens.
    2) Anders ZIEHEN, "Leitfaden der physiologischen Psychologie", Seite 205: "Wir vermochten die letztere (die Handlung) aus der Empfindung uns aus den Erinnerungsbildern früherer Empfindungen, den Vorstellungen, nach den Gesetzen der Ideenassoziation in völlig genügender Weise abzuleiten." ZIEHEN sieht nirgends einen Anlaß, so etwas wie einen Willen zu statuieren; Vorstellungen und Gefühle lösen die Handlungen aus. Eine angebliche Bestätigung, daß es so etwas wie Willen nicht gibt, liefert ihm (Seite 207 auch die Psychiatrie, die von Willenspsychosen nichts wisse.
    3) Ich schreibe das "Gute" in diesem Zusammenhang in Anführungszeichen, weil etwas schlechthin Erzwungenes den Namen des Guten vielleicht nicht verdient. Der hohe Name des Guten ist nicht auf dem Boden des Determinismus gewachsen und sollte wohl auch nicht auf diesen Boden verpflanzt werden.
    4) GUSTAV THEODOR FECHNER, Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht, Leipzig 1879, Seite 174
    5) HARALD HÖFFDING, Ethik, Seite 79
    6) FRIEDRICH PAULSEN, Ethik, II. Buch, 9. Kap. 2. Abschnitt
    7) Vgl. auch die Schrift von RENARD: "Ist der Mensch frei?"
    8) HERMANN LOTZE, Grundzüge der praktischen Philosophie, Seite 20