p-4ra-1 Theodor ZiehenMax OffnerB. Rawitz    
 
ADOLF LASSON
Das Gedächtnis
[1 | 3]

"In der Seele ist das Gedächtnis weit mehr als bloß eine ihrer Erscheinungsformen neben anderen. Gedächtnis zu sein ist ihr Wesen, und was die Seele ist, das ist sie dadurch, daß sie Gedächtnis ist. Gerade nur so weit, wie ihr Gedächtnis reicht, reicht auch das Dasein der Seele. Was Gedächtnis hat, das hat seelische Innerlichkeit; sofern etwas kein Gedächtnis hätte, könnte bei ihm auch nicht von Seele die Rede sein."

"In uns muß eine  Einheits-Funktion  vorhanden sein, durch die wir uns das mit sich Identische, das Einheitliche und Bleibende gewinnen können, oder es bleibt uns überhaupt versagt. Diese Einheits-Funktion in ihrem weitesten Umfang nennen wir  Denken." 

"Auch die Empfindung wird, wie die Wahrnehmung gemacht, von innen gewirkt. Ein bloß rezeptives Vermögen ist eine haltlose Abstraktion. Überall ist die Seele produktiv, wo sie einen Gegenstand hat, und alle Bestimmtheit des Inhalts ist eine Frucht der Tätigkeit der Seele. Die Seele also als solche ist nicht ohne das Denken;  im Denken aber wurzelt alle Identität und damit alles Gedächtnis." 

"Zeit und Raum mit ihrer Grenzenlosigkeit sind nichts Selbständiges, sondern sie sind nur am Seienden als ein formelles Element; ohne den bestimmten Inhalt, der sich räumlich ausbreitet, zeitlich fließt, ist weder Raum noch Zeit überhaupt etwas."

"Der Geist ist nicht ohne den Gegenstand, und der Gegenstand nicht ohne den Geist, und wie der Geist, so ist auch der Gegenstand, den er sich setzt, bestimmte und beschlossene Einheit. In dieser seiner Tätigkeit, sich und den Gegenstand zu setzen, ist der Geist  Aufmerksamkeit.  Aufmerksamkeit ist eine Tat der Einheitsfunktion, ist Begrenzen und Bestimmen, Sammeln und Konzentrieren, und dadurch gewinnt sich der Geist mit seinem Gegenstand sich selbst als ein Identisches und Eines. Aufmerksamkeit ist das erste und ursprünglichste Phänomen des geistigen Lebens; sie ist ansich schon, was der Geist überhaupt ist,  Wille.  Nur im Wollen ist der Geist als Geist, und dieses Wollen hat er nicht anders als denkend."



V o r w o r t

Die folgende Studie versucht in gedrängtem Umriß eine Reihe von einleitenden Betrachtungen zur Metaphysik zu geben. Sie behandelt im wesentlichen die Begriffe von Einheit und Identität; da sie aber die Erörterung an die psychologische Erscheinung des Gedächtnisses anknüpft, so hat sie von diesem den Namen erhalten. Man hat sich wieder daran gewöhnt, das Geistesleben des Menschen als eine ganz besondere Einrichtung zu betrachten, die mit der Natur der Dinge nichts weiter gemein hat, und die uns deshalb nur gestattet, die Erscheinung der Dinge zu erkennen, wie sie sich als Folge dieser unserer beschränkten Anlage darstellt, während die eigene Natur der Dinge uns ewig verhüllt bleibt. Im Gegensatz zu dieser Anschauungsweise möchten wir in diesen Betrachtungen gerade dies als die wichtigste aller Erkenntnisse festhalten, daß unsere geistige Anlage in vollständiger Harmonie mit der Welt des Ansichseienden steht, daß es nicht bloß für uns keine andere Objektivität gibt, als eine solche, die mit den Formen und Gesetzen unseres Geisteslebens übereinstimmt, sondern daß auch die Vorstellung einer ansich bleibenden, unserem Erkennen ewig unzugänglichen Welt den gröbsten Widerspruch enthält und in einem wirklichem Denken unvollziehbar ist. Um diesen Satz in möglichster Anschaulichkeit und Deutlichkeit vorzutragen, schien uns das Gedächtnis der angemessenste Anknüpfungspunkt zu sein. Dieses grundlegende Phänomen allen geistigen Lebens erweist sich bei näherer Betrachtung als völlig übereinstimmend mit den letzten Voraussetzungen dafür, daß überhaupt etwas ist, sich überhaupt etwas im Sein erhält und behauptet und als Objekt für ein denkendes Wesen festgehalten werden kann. Daß man sich aber ein Seiendes vorstellt, dem alle Formen und Gesetze unseres Denkens fremd sind, auf das keiner der Stammbegriffe unseres Erkenntnisvermögens anwendbar ist, das scheint so gar keinen Sinne zu haben, daß im Ernst darüber zu streiten verlorene Mühe wäre. Es ist eine offenbar widersinnige Anforderung, sich in schlichtem Ernst ein Objekt zu denken, das schlechterdings nicht gedacht werden kann. Jedes sogenannte Ding-ansich ist Gedachtes, ist Objekt des Denkens, oder es ist gar nichts, eine leere Hülse und eine bloße Redewendung. Ist es aber gedacht und Objekt, so ist es auch nicht mehr bloß ansich, sondern für uns, und muß gedacht werden, wie eben gedacht werden muß, in den unverbrüchlichen Formen logischer Vernünftigkeit, wollen wir nicht im Unsinn enden. Unter diesem Gesichtspunkt bitten wir die folgenden Ausführungen gelten zu lassen und ihr aphoristische Natur zu entschuldigen.

trenner

Der Begriff des Gedächtnisses gehört zunächst dem Gebiet des psychischen Lebens an. Gedächtnis ist eine Erscheinungsform seelischer Innerlichkeit; man bezeichnet es wohl als ein Vermögen, eine Eigenschaft, eine Tätigkeit derjenigen Wesen, denen wir eine solche Innerlichkeit zuschreiben, also zunächst der Menschen und der Tiere. Indessen wird es gleich von vornherein gut sein zu bemerken, daß sich Seele und Innerlichkeit nicht wohl als etwas Spezielles, Auffälliges in der Welt fassen läßt, neben dem es gleichwertig oder gar in überwiegender Würdigkeit noch anderes gäbe, was durchaus nicht Seele und nicht Innerlichkeit hätte. Sondern offenbar ist alles, was es etwa gibt, mindestens auf das seelische Leben bezogen, als dessen Inhalt oder Gegenstand; denn auf andere Weise ließe sich von ihm nichts wissen und nichts aussagen. Und andererseits läßt sich das seelische Leben gar nicht anders vorstellen als im Einklang mit der Gesamtheit aller übrigen Erscheinungen. Denn ohne Inhalt kann es nicht sein, und den Inhalt, den es hat, kann es eben nur dieser Gesamterscheinung entnehmen; dies aber kann nimmermehr so geschehen, daß es dieser eine Form aufzwänge, die ihr fremd wäre, sondern nur so, daß die Form der Innerlichkeit und die Form der von ihr aufgefaßten äußeren Welt wesentlich übereinstimmen und nur zufällig auseinandergehen. Was uns also irgendwie auf seelischem Gebiet begegnet, das hat eine ganz universale Bedeutung; jede Erscheinungsform der Innerlichkeit ist auch eine Grundform für den Bestand des Weltalls. Welt und Seele lassen sich nicht trennen. Was die Seele iist und was sie hat, das ist und das hat die Welt, und was wir von der Seele erkennen, das erkennen wir nicht von einem einzelnen Bestandteil der Welt, sondern von der Welt als solcher. Denn die Welt mag sonst sein, was sie will: jedenfalls ist beseelt zu sein, ihre wesentliche Daseinsform.

In der Seele nun ist das Gedächtnis wieder offenbar weit mehr als bloß eine ihrer Erscheinungsformen neben anderen; sondern Gedächtnis zu sein ist ihr Wesen, und was die Seele ist, das ist sie dadurch, daß sie Gedächtnis ist. Gerade nur so weit, wie ihr Gedächtnis reicht, reicht auch das Dasein der Seele. Was Gedächtnis hat, das hat seelische Innerlichkeit; sofern etwas kein Gedächtnis hätte, könnte bei ihm auch nicht von Seele die Rede sein. Es gilt aber, das Gedächtnis in seiner universellsten Bedeutung zu erfassen, und da müssen wir so sagen: Gedächtnis ist auf seelischem Gebiet überall da, wo das Vergangene, sei es eine Tätigkeit, sei es ein Gebilde, eine Eigenschaft, ein Vermögen der Seele, im Verlauf der Zeit in der Innerlichkeit fortbesteht, offenbar oder verborgen, also so, daß das Vergangene unmittelbar wiedererkennbar gegenwärtig bleibt, oder so, daß es zur Gegenwärtigkeit wieder emporgerufen zu werden vermag, oder so, daß seine verborgene Gegenwart angenommen werden muß, um die vorhandene Erscheinung erklärlich zu machen.

Das Gedächtnis in allen diesen Formen ist uns eine so vertraute und so gewohnte Sache, daß wir uns gar nicht mehr oder doch nur in einzelnen hervorstechenden Fällen über dasselbe wundern. Und doch ist es unter allen Dingen, die uns irgendwie begegnen können, das merkwürdigste und wunderbarste, wenn wir ernsthaft darüber nachzudenken beginnen. Wie ist es doch damit? Was soll es heißen: in der Seele hat ein Vorgang stattgefunden und ist abgelaufen; aber er ist damit doch noch keineswegs zuende, sondern er selber oder seine Wirkung, sein Ergebnis besteht in der Seele fort? Soll es heißen: das scheinbar Vergangene ist nicht wirklich vergangen, sondern es dauert noch? oder ist es zwar vergangen, aber es besteht gleichwohl in gewisser Weise fort? oder es ist zwar vergangen und besteht nicht mehr, aber ein anderes besteht, das dem Vergangenen ähnlich oder gleich ist? Welche dieser Fragen wir auch bejahen, das Rätsel ist immer gleich dunkel und die Schwierigkeit, es zu lösen, gleich groß.

Zunächst, damit Gedächtnis sei, ist erforderlich, daß es ein dauerndes, im Zeitverlauf dasselbe bleibendes und sich auch in dieser seiner Identität mit sich erfassendes Wesen gebe, nämlich eben die Seele, die Gedächtnis hat, oder, was vielleicht richtiger ist, die in dieser Beziehung "Gedächtnis" heißt. Aber es gehört weiter dazu, daß diese in ihrer Einzelheit fest bestimmte, von anderem, was sie nicht ist, sicher unterscheidbare und sich selbst unterscheidende Seele auch der Schauplatz ganz bestimmter einzelner Vorgänge sei, die sich ebenso wie die Seele selbst von anderen unterscheiden und als dieselbigen, die sie sind, wiedererkennen oder mit anderen vergleichen und nach Ähnlichkeiten oder Verschiedenheiten bestimmen lassen. Und was wir mit Bezug auf das Gedächtnis von der Seele und von den Vorgängen in ihr gesagt haben, das gilt ganz allgemein auch von jedem möglichen Gegenstand, zu dem die Seele in ein Verhältnis treten kann. Gedächtnis kann es nur geben in einer Welt, in welcher die Erscheinungen in sich bestimmt und von anderem unterschieden, mit sich identisch in der Zeit dauern und wiederholbar sich erneuern und das numerisch Gesonderte zueinander in ein Verhältnis der Gleichheit und Ähnlichkeit, der Verschiedenheit und Unähnlichkeit steht. Eine solche Welt, wie sie als Bedingung für das Gedächtnis vorausgesetzt wird, nehmen wir unbefangen als das Selbstverständliche hin. Es frägt sich: wie kommen wir zu dieser Welt, und wie verträgt sie sich mit den subjektiven Bedingungen unseres Auffassungsvermögens?


I.

Alles was wir Seele nennen im Sinne von Innerlichkeit überhaupt, das verläuft in der Zeit. Die Zeit aber verläuft kontinuierlich. Jeder Versuch, die Zeit anders zu denken, als in dieser Kontinuität ihres Verlaufs, scheitert auf das Kläglichste. Die Zeit ist die bloße gemeinschaftliche Form allen Geschehens, zunächst des innerlichen Geschehens. Sie selbst hat ansich keinen Unterschied; der Unterschied kommt in sie erst durch den Inhalt, also durch das, was in zeitlicher Form vorgeht. Die Zeit wirkt nicht, aber alles Wirken findet in zeitlicher Form statt. Sie hat keine Grenze und keine Teile, aber sie läßt jede Grenze zu und ist schlechthin teilbar. Sie ist bloß ausgedehnt, und ausgedehnt bloß in der einen Richtung, nach dem Gleichnis der räumlichen Linie. Sieht man vom zeitlichen Inhalt ab, so läßt sich die Zeit nur quantitativ bestimmen nach Länge und Kürze, also nach Analogie der räumlichen Ausdehnung, nach einem mehr oder weniger des zeitlichen Verlaufs, das ansich sonst völlig gleichgültig ist. Denn in ihrem ganzen Verlauf ist die Zeit gleichartig; das gleiche Quantum der Zeit, die gleiche Zeitstrecke, ist von jedem gleichen Quantum nur numerisch und in keiner Weise qualitativ verschieden. Wo wir also eine qualitative Bestimmtheit finden, da findet sie in der Zeit wohl ihr Unterkommen; aber sie stammt nicht aus der Zeit. Die Zeit läßt eine solche Bestimmtheit als ihren Inhalt zu, aber sie vermag keinen bestimmten Inhalt aus sich zu erzeugen. Die Bestimmtheit stammt nicht aus der Zeit. Sie trägt den Charakter der Zeitlichkeit; aber sie bringt in die Zeit ein neues Moment, das nicht schon der Form der Zeitlichkeit selber angehört.

Die Zeit bietet in der Kontinuität ihres Verlaufs nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende. Man dürfte auch nicht sagen, daß in der Zeit das eine stetig in das andere übergeht; denn in der Zeit ist nicht eins und ist deshalb auch nicht anderes. Vielmehr in diesem Verlauf wird nur gesetzt, um stetig aufgehoben zu werden. Da ist nichts, denn da kann von keiner Dauer die Rede sein. Die Gegenwart ist immer nur als Grenze zwischen dem, was vergangen und dem, was zukünftig ist, und diese Grenze hat keinen Bestand. Sie fließt selber stetig mit in diesem ununterbrochenen Taumel. Der Augenblick läßt sich nicht festhalten. Die Unendlichkeit, die dem Verlauf nach vorwärts und rückwärts zukommt und das Ende ebenso ausschließt wie den Anfang, durchdringt auch jeden einzelnen Punkt des Verlaufs, soweit von einem Punkt die Rede sein kann, und als unendliche Teilbarkeit auch des kleinsten Teils macht sie jede gesetzte Bestimmtheit auch schon zugleich zur aufgehobenen. Da ist nichts beständig als dieser Widerspruch des stetigen Setzens und Aufhebes in einem Zug ohne festzuhaltende Grenze. Wer die Zeit denkt, der denkt diesen stetigen Widerspruch, in dem es kein Bleiben, keine Bestimmtheit, keine Einheit gibt, also auch keine Möglichkeit eines Gedächtnisses. Wenn trotzdem Gedächtnis besteht, so kann es wenigstens nicht in der Zeit als solcher seine Wurzel haben. -

Aber, könnte man meinen, wenn freilich die Zeit keinen Anhalt gewährt, um etwas Bestimmtes und Einzelnes daran befestigen zu können, - der  Raum  ist doch das Element der Dauer: in der Form der Räumlichkeit haben wir ein beharrendes Sein und bleibenden Bestand, also auch die Möglichkeit des Gedächtnisses. Denn als räumlich wird eben dieses Nebeneinander mit sich identischer, dauernder Bestimmtheiten gedacht. Indessen, auch das wird sich so ohne weiteres nicht halten lassen. Zunächst ist der Raum vom Fluß der Zeit nicht abzutrennen. Er ist vielmehr mit allem, was in ihm ist, gerade dasjenige, an dem sich die stetig im Setzen auch schon das Gesetzte aufhebende Natur der Zeit betätigt, und ebenso stetig wie der Verlauf der Zeit ist auch der Raum und alles Räumliche, und eben dadurch ist er der widerspruchsvoll alle Bestimmtheit ausschließenden Natur der Zeit offen und zugänglich. Was im Raum ist, das ist eben als solches auch veränderlich schlechthin. Gerade dieses Nebeneinander, welches doch ein Zusammen von wohl unterscheidbaren, in sich beschlossenen Bestimmtheiten sein soll, ist vielmehr ein stetiges Vergehen und Entstehen, das ebensowohl auch kein Vergehen und Entstehen ist, weil dazu ein fester Bestand durch irgendwelchen auch noch so kleinen Teil der Zeit gehörte, der nicht gefunden wird. Denn wo kein dauernd Seiendes ist, da gibt es auch nichts, von dem man das Entstehen oder Vergehen aussagen könnte.

Zudem, wenn im Raum ein bestimmtes, einzelnes, in sich geschlossenes, von anderem unterschiedenes Seiendes gefunden werden soll, so müßte doch der Raum daran ganz unschuldig sein. Denn im Raum lassen sich wohl Grenzen setzen, aber er setzt selber keine Grenzen. Der Raum ist gerade so stetig, wie die Zeit und fließt ebenso wie diese über jede Grenze hinaus. Gerade wie die Zeit läßt er weder Anfang noch Ende zu, und wenn im Raum von einer Mehrheit von Richtungen die Rede ist, so gilt von jeder Richtung in ihm, was in der Zeit von der einen Richtung gilt, in der sie fließt. Und genau so wie in der Zeit ist auch im Raum der Punkt selber, den man setzen könnte, eine fließende Grenze. Man darf vom Raum sagen, was von der Zeit gesagt worden ist, daß er für jede Grenze empfänglich ist; aber die Grenze stammt nicht aus ihm, sie ist nicht eigentlich seine Grenze, sondern sie kommt ihm von außen und wird ihm angetan. Der Raum, man mag ihn teilen so viel man will, ist immer noch weiter teilbar; man mag ihn erweitern, soviel man will, er läßt sich immer noch mehr erweitern. Gibt es also ein bestimmtes bleibendes Sein im Raum, - und daß es das gibt, ist ja ganz unzweifelhaft, weil man ohne das überhaupt nichts weder sagen noch verneinen könnte - so ist es damit genau so wie mit dem Sein des Bestimmten in der Zeit: auch der Raum ist keine Macht des bleibenden Bestandes. Er ist eine empfängliche Form, aber keine zeugende Potenz. Wer da Raum sagt, der bezeichnet das völlig Passive, Unwirksame. Auch im Raum lßt sich nichts halten oder behalten. Das Bestimmte ist wohl im Raum, aber es stammt nicht aus dem Raum. Der Raum läßt Unterschiede und eine mit sich identisch bleibende Bestimmtheit zu: aber er selber ist überall derselbe, schlechthin gleichartig; seine Teile sind nur numerisch verschieden, der einzige ihm selber angehörige Unterschied ist der der Quantität, des mehr oder weniger der Ausdehnung, und dieser Unterschied ist völlig gleichgültig, ist im Grund keiner.

Zeit und Raum, beide untrennbar miteinander und durcheinander gegeben, sind die Formen unserer Anschauung. Eben deshalb fließt aller Inhalt der Anschauung in stetiger  Bewegung.  Oder wenden wir die Betrachtung auf das Subjektive, auf den inneren, den psychischen Vorgang, - es kommt uns ja auf das Gedächtnis an, zunächst als psychologische Erscheinung, - so ist nicht abzusehen, wie sich aus dem sinnlichen Vermögen irgendeine Einheit oder Bestimmtheit sollte ergeben können. Wie man auch das sinnliche Vermögen sonst näher fassen und beschreiben mag, jedenfalls ist es ein rezeptives Vermögen, das seine Eindrücke von draußen empfängt, das von Reizen abhängig ist und höchstens auf diese mit ihm eigentümlichen Formen der Gegenwirkung antwortet. Nun ist das Äußere, das da wirkt, eben das zeitlich-räumlich Bewegte, das stetig Veränderte, wo keine Bestimmtheit bleibt, weil keine vorhanden ist, wo es nichts Eines und nichts Identisches gibt, weil jegliches, was etwa gesetzt wird, in eben diesem Setzen auch schon aufgehoben ist. Und genau ist es auch mit diesem Fluß der inneren Vorgänge, wenn man da von einer Mehrzahl sprechen darf, wo es gar keine Einzahl gibt. Was auf uns eindringt, ist eine ganze Welt von Erscheinungen, die unser sinnliches Vermögen von allen Seiten zugleich ergreifen, und wie die Zeit fließt, so fließen auch die Eindrücke und die Reize in einem stetigen Übergang ohne Grenze und Bestimmtheit. Oder setzen wir ein räumlich begrenztes einzelnes Ding als das unser sinnliches Vermögen Affizierende, so ist wieder an diesem einzelnen Ding, und sei es noch so klein, eine Unendlichkeit von einzelnen Punkten und im kleinsten Zeitteil eine Unendlichkeit von Veränderungen, und nennen wir Empfindung diese durch das Äußere, wohin auch der eigene Leib gehört, gewirkte Affektion der Innerlichkeit, so ist schlechterdings nicht abzusehen, wie eine bestimmte einzelne Empfindung sollte gewirkt werden können von dem, was an sich selber ohne Bestimmtheit und Einheit ist, im stetigen Fluß des zeitlichen Verlaufs, in der nach allen Richtungen gleich unbestimmt verlaufenden Unendlichkeit der grenzenlosen räumlichen Ausdehnung. Gibt es also für uns, eine in uns und außer uns bestimmte, mit sich identische, dauerhafte Einzelheit, so kann sie nicht gegeben sein im stetigen Fluß der Empfindung, sofern diese betrachtet wird als die innere Affektion aufgrund äußerer Reize und Eindrücke.


II.

Nun ist uns aber das EInzelne und Bestimmte ohne Zweifel gegeben; denn wir sprechen ja und unterhalten uns miteinander als unterschiedene Einzelwesen, und wir sprechen von bestimmten Gegenständen und legen sprechend einen Verlauf innerer Vorgänge sondernd und scheidend auseinander. Dabei halten wir wenigstens identische Inhalte im Gedächtnis fest, denn beim letzten Wort ist uns auch das erste noch gegenwärtig, das wir gesprochen haben, und ohne dieses Festhalten wäre ein Sprechen ganz unmöglich. Wenn nun dieses Einzelne und Bestimmte, wie wir gesehen haben, weder von außen stammen, noch von der von außen im Innern gewirkten Affektion herrühren kann, die man Empfindung nennt, so wird die Kraft noch erst zu suchen sein, die uns aus dem Verfließen mit der grenzenlosen Unbestimmtheit des Raums, der Zeit und der Bewegung und Veränderung heraushebt. Daß wir diese Kraft, durch die uns Bestimmtes und Einzelnes gegeben wird, zunächst in unserer inneren Welt zu suchen haben, ist aus dem Vorausgegangenen klar. In uns muß eine  Einheits-Funktion  vorhanden sein, durch die wir uns das mit sich Identische, das Einheitliche und Bleibende gewinnen können, oder es bleibt uns überhaupt versagt. Die Macht, die dem Äußeren abgeht, ist der Innerlichkeit vorbehalten, und unseres eigenen Geistes Natur muß es erklärbar machen, daß wir bestimmte Vorstellungen in bestimmte Worte zu kleiden und bestimmte Gegenstände auszudrücken vermögen. Diese Einheits-Funktion in ihrem weitesten Umfang nennen wir  Denken. 

Offenbar beherrscht das Denken in der eben angegebenen Bedeutung den ganzen Verlauf aller Vorgänge der inneren Welt. Denn Einheit und Bestimmtheit ist in dieser überall, wenn auch in verschiedenen Graden. In dieser inneren Welt ist nirgends ein Bruch, sondern ein stetiges Aufsteigen vom Niederen zum Höheren. Nirgends ist bloßer, noch ungeformter Stoff; nur die Macht ist verschieden, mit der die Form den Stoff durchdringt. Schon die niedrigste Stufe, die Empfindung, hätte gar keinen Sinn, wenn sie nicht von jener Einheitsfunktion, in wie geringer Mächtigkeit auch immer, durchdrungen wäre. Den das schlechthin Fließende und Grenzenlose ist überhaupt nichts: es kann nicht gedacht noch gesagt werden. Soll der Empfindung irgendwie ein Sein zukommen, so muß ihr auch irgendein Grad an Bestimmtheit zukommen. Es muß in der Empfindung das Gleiche und das Unterschiedene sein, es muß in ihr Grenze und Einheit zu finden sein, wenn auch immerhin verwaschen und trübe, so von einer Empfindung gesprochen werden können. Und weiter: baut sich auf dem Verlauf der Empfindungen die Fülle der Wahrnehmungen auf, Wahrnehmungen von bestimmten, unterscheidbaren, wiedererkennbaren Gegenständen, so muß darin die Wirkung der im wahrnehmenden Geist mächtigen Einheitsfunktion, die wir Denken genannt haben, anerkannt werden, und es muß das schon in der Empfindung vorhandene, aber noch teilweise latente Element der Bestimmtheit darin nur weiter durchgebildet sein, so daß dem Empfindungsstoff damit keine Gewalt geschieht, nichts ihm völlig Fremdes ihm aufgezwungen wird. Bloßes Affiziertwerden von außen ist wider die Natur der Seele; schon auf ihrer niedersten Stufe ist sie mit ihrer Selbsttätigkeit zugegen. Alle Bestimmtheit wird von ihr nicht bloß passiv entgegengenommen; wie es bei der Wahrnehmung offen vor Augen liegt, so ist es schon in der Empfindung. Auch die Empfindung wird, wie die Wahrnehmung gemacht, von innen gewirkt. Ein bloß rezeptives Vermögen ist eine haltlose Abstraktion. Überall ist die Seele produktiv, wo sie einen Gegenstand hat, und alle Bestimmtheit des Inhalts ist eine Frucht der Tätigkeit der Seele, wobei ja freilich nicht ausgeschlossen ist, daß die Seele durch ihre Tätigkeit eben das wiedererzeugt, was der Gegenstand schon ansich ist und hat. Die Seele also als solche ist nicht ohne das Denken;  im Denken aber wurzelt alle Identität und damit alles Gedächtnis. 

Eben darum kann dann aber auch die Äußerlichkeit, die die Seele affiziert, keine bloße Äußerlichkeit, und das Material, aus dem sich die Seele das Bestimmte erzeugt, kann nicht das schlechthin Unbestimmte sein. Zeit und Raum mit ihrer Grenzenlosigkeit sind nichts Selbständiges, sondern sie sind nur am Seienden als ein formelles Element; ohne den bestimmten Inhalt, der sich räumlich ausbreitet, zeitlich fließt, ist weder Raum noch Zeit überhaupt etwas. Verselbständigen lassen sie sich nur auf dem Weg der Abstraktion.  Was die Seele ist, das ist auch die Welt.  Gibt es das Bestimmte und Einzelne in der Seele, so gibt es dasselbe auch in der Welt. Wird die Seele was sie ist durch die in ihr tätige Einheitsfunktion, so muß die Welt auch eine Macht der Einheit in sich enthalten, und die erzeugende Macht der Einheit, die das Bestimmte setzt, wird in der Welt dieselbe sein wie in der Seele. Wir nennen sie in der Seele Denken, wir dürfen sie in der Welt nicht anders nennen. Dasselbe Denken also, durch das sich die Seele das Eine und das Bestimmte gewinnt, ist es, das auch in der Welt als objektiver Gedanke das Eine und Bestimmte gestaltet. Wie die Seele von der fließenden und unbestimmten Empfindung aus aufsteigend zu immer geschlosseneren Einheiten gelangt und zuletzt in der Form des Begriffs die ewig mit sich identischen, alles durchwaltenden Ideen erzeugt, so geht es auch in der objektiven Welt zu. Von der kontinuierlichen Äußerlichkeit des Raumes, der Zeit und der Bewegung geht es empor zu den Gesetzen, Gattungen, Ideen, die als die ewig unveränderlichen Stützen dieses ganze Gebäude tragen und zusammenhalten. Die schrankenlos ausgedehnte Materie mit ihrer unendlichen Teilbarkeit bildet die Grenze des Seienden nach unten hin. Ihr unbestimmtes Fließen, schlechthin bestimmbar durch Formen, Prinzipien und Begriffe,  ist  nicht eigentlich; es ist nur das letzte Moment, bis wohin sich der Prozeß des Seienden verliert und von dem er immer wieder ansteigt, wie ein Nullpunkt, der doch nie erreicht wird, sondern zu dem nur eine stetige Annäherung stattfindet. Das Formlose hat auch draußen kein Sein, das bloße unbestimmte Werdenn keine Wirklickeit. Es ist in der Wirklichkeit enthalten als ein Moment an ihr, aber als ein stetig gesetztes und stetig aufgehobenes Moment. Das Wirkliche ist in der Welt wie in der Seele das Konkrete: bestimmte Individualität, geformte Materie, erfüllte Zeit, stets angehaltender Fluß der Veränderung, dauernde Gestalt von Einzelwesen, beherrscht durch Begriffe, Gesetze, Ideen.  Und darum gibt es ein Gedächtnis wie in der Seele so auch in der Welt.  Nicht bloß die Seele hält ihre bestmmten Gebilde fest, at in diesen ihr eigenes mit sich identisches Sein und ihren dauernden mit sich identischen Inhalt, sondern auch die Welt ist dieser Prozeß, mit sich identisch in stetigem Wechsel doch die identischen Gestalten zu bewahren und immer neu zu erzeugen und daran ihr eigenes Sein und das Sein ihres Inhalts zu haben. Dadurch ist die Welt erkennbar, dem Denken zugänglich und durchsichtig; dadurch ist das Denken auf die Einheit mit seinem Objekt angelegt, so daß sein Inhalt und der Inhalt der Welt ein und derselbe Inhalt zu werden vermag. Die Produktivität des Geistes geht der Produktivität der Welt parallel. Es wird dem Geist nichts geschenkt. Er hat das Wahre nicht unmittelbar; er muß sich alles erst erarbeiten. Aber was er sich nach seinen eingeborenen Kräften, Formen und Gesetzen auf normale Weise erzeugt und erarbeitet, das fällt mit der parallel laufenden Macht der objektiven Dinge, mit ihren Kräften, Formen und Gesetzen zu sammen. Das Gedächtnis der Seele und das objektive Gedächtnis der Welt ist ein und dasselbe Gedächtnis; es beruth im Objekt wie im Subjekt auf derselben Einheitsfunktion, und das Gedenken der Seele wie das Denkbarsein der Welt wurzelt in derselben, Grenze und Bestimmtheit und Einheit schaffenden Macht des Denkens.


III.

Wir verwenden in diesen Darlegungen für die Innerlichkeit eine ganze Reihe von Ausdrücken: Seele, Bewußtsein, Geist, ohne auf die Unterschiede in der Bedeutung dieser Ausdrücke weiter zu achten. Es kommt auf diese Unterschiede zunächst noch nichts an. Wo irgendwo in der Welt Leben ist, - und vielleicht ist es von keiner Stelle der Welt und von keinem Wesen in ihr ausgeschlossen, - das ist auch irgendeine Stufe der Innerlichkeit, und mehr als Stufen dieser Innerlichkeit bezeichnen auch jene Unterschiede nicht. Innerlichkeit ist überall mit Identität und Gedächtnis verbunden, und von diesem nach seine allgemeinsten Wesen handeln wir. Jetzt aber wird es gut sein, uns auf die höchste Stufe der Innerlichkeit zu beschränken, weil an ihr das Wesen der Sache am deutlichsten hervortritt, und diese oberste Stufe nennen wir  Geist. 

Was der Innerlichkeit überhaupt zukommt, das kommt dem Geist am allermeisten zu. Geist ist wesentlich denkend, und Denken ist wesentlich geistig. Denken in seiner vollsten Bedeutung kommt allein dem Geist zu. Wir nennen es reines Denken, nicht als ob es unvermittelt und von selber käme; sondern es hat seine niederen Formen als seine Voraussetzungen in sich, aber als überwundene. Es hat sich aus dem Empfinden, Wahrnehmen, Anschauen, Vorstellen gewonnen, sich durch sie vermittelt; aber diese seine Voraussetzungen tilgt es zugleich in sich, daß sie in ihm als solche nicht weiter zu merken sind, und es erweist sich, daß das Denken der eigentliche, wahre Grund dieser seiner Voraussetzungen und Bedingungen ist. Geist ist Innerlichkeit, die die Natürlichkeit überwunden hat, ist reine Tat, sich selbst zu setzen und festzuhalten, und zwar sich als völlig beschlossene Einheit zu fassen und in dieser seiner Identität mit sich zu behaupten. Indem der Geist sich setzt, setzt er sich auch seinen Gegenstand; es ist ein und dieselbe Tat. Denn der Geist ist nicht ohne den Gegenstand, und der Gegenstand nicht ohne den Geist, und wie der Geist, so ist auch der Gegenstand, den er sich setzt, bestimmte und beschlossene Einheit. In dieser seiner Tätigkeit, sich und den Gegenstand zu setzen, ist der Geist  Aufmerksamkeit Aufmerksamkeit ist nicht ein anderes, das zum Geist noch hinzukäme, nicht eine Eigenschaft an ihm eine Tätigkeit von ihm, sondern der Geist als solcher ist Aufmerksamkeit in dieser ersten Stufe seiner Verwirklichung, wo er sich und seinen Gegenstand setzt, und diese Stufe ist nicht zeitlich beschränkt und vergänglich, wie etwa die Kindheit am Menschen, die doch einmal aufhört und Jugend und Mannestum wird, sondern sie ist immer da, wo Geist ist, als des Geistes ursprüngliches Wesen und elementares Moment. Aufmerksamkeit ist eine Tat der Einheitsfunktion, ist Begrenzen und Bestimmen, Sammeln und Konzentrieren, und dadurch gewinnt sich der Geist mit seinem Gegenstand sich selbst als ein Identisches und Eines. Aufmerksamkeit ist das erste und ursprünglichste Phänomen des geistigen Lebens; sie ist ansich schon, was der Geist überhaupt ist,  Wille.  Nur in seiner Tätigkeit, sich und seinen Gegenstand nicht nur zu setzen, sondern auch festzuhalten, hat der Geist sein wirkliches Dasein und Leben, und dieses Festhalten, das ist der Wille, ein Wirken des Geistes zunächst auf sich und dann auch auf den Gegenstand. So ist dieses Festhalten seiner selbst im Strom der Zeit, das Selbst-Bewußtsein, nichts Geschenktes, sondern etwas Erarbeitetes, die Frucht der Aufmerksamkeit, das Zeugnis, daß der Geist Wille ist. In der Sammlung weiß der Geist von sich und von seinem Gegenstand, zusammenfassend und vereinend, unterscheidend und sondernd; in der Zerstreuung verliert er sich und seinen Gegenstand, indem ihm mit der Einheit auch der Unterschied verloren geht. Nur im Wollen ist der Geist als Geist, und dieses Wollen hat er nicht anders als denkend. Denken ist gesammelte Tätigkeit, höchste Willensanstrengung. Die Einheitsfunktion, durch die der Geist sich als Geist und seinen Gegenstand als solchen setzt und festhält, wird nicht allein nicht ohne Willen geübt, sondern ist ganz und gar eine Äußerung des Willens, der der Geist selbst ist.  Das Denken und das Wollen sind nicht zwei, sondern eines,  nicht miteinander untrennbar verbunden, sondern dasselbe, und die Verschiedenheit des Namens bedeutet nicht eine Verschiedenheit der Sache, sondern einen Unterschied der Richtung in ein und derselben Tätigkeit. Dieselbe Selbstbehauptung heißt Denken, wenn sie sich wesentlich auf den Gegenstand richtet, und Wollen, wenn sie sich wesentlich auf den Geist selber richtet. Der Geist  denkt,  wenn er den Gegenstand als den seinigen in seiner Einheit und Bestimmtheit festhält und in diesem seinem Gegenstand sich selbst behauptet; der Geist  will,  wenn er sich als dieses einheitliche Subjekt in dieser seiner denkend ergriffenen Bestimmtheit festhält und mit sich selbst seinen Gegenstand behauptet. Das Wollen läuft wie das Denken auf eine Bearbeitung des Unmittelbaren und Gegebenen hinaus; das Denken vollzieht sein Werk, indem es im erfaßten Begriff die Natur des Geistes an diesem Gegebenen rein herausstellt, das Wollen, indem es im erreichten Zweck dem Geist das, was seiner Natur entspricht, als seinen unmittelbaren und gegebenen Gegenstand zuführt. So bearbeitet das Denken die innere, das Wollen die äußere Welt, jenes so, daß es die innere Welt mit der eigenen Natur der äußeren Welt, dieses so, daß es die  äußere Welt  mit der eigenen Vernunft der inneren Welt in Einklang bringt. Aber die Tat des Geistes darin ist beidemale ein und dieselbe. Der Geist, indem er sich denkend, wollend in seiner Einheit mit sich stetig setzt und bewahrt, setzt und bewahrt darin zugleich seinen Gegenstand im Fluß der Zeit als den einen, bestimmten und erhält ihn sich gegenwärtig. Insofern ist der Geist  Gedächtnis.  Gedächtnis ist nicht bloß Voraussetzung für den Geist und Moment im Geist und in seiner Tätigkeit;, sondern es ist wie die Aufmerksamkeit der Geist selbst, als die Tat, denkend und wollend sich und seinen Gegenstand setzen und zu behaupten. Ist die Aufmerksamkeit darin gegenwärtig als das elementare Moment, so ist ebenso das Gedächtnis gegenwärtig als das höhere Moment; es ist ein Unterschied wie von Blüte und Frucht, aber nicht zeitlich getrennt, sondern in einem zugleich. Der Geist, der Aufmerksamkeit und Gedächtnis ist, ist eben darin die Tätigkeit des Denkens und Wollens, und er ist all das eben deshalb, weil er die Macht aller Einheit und aller Bestimmtheit ist.

Indessen, sobald wir das Wirken dieser Einheitsfunktion als der wesentlichen Tat des Geistes näher ins Auge fassen, so gilt es vor allem auch hier die wesentlichen Unterschiede in ihrer Bestimmtheit sorgsam zu beachten, nach denen der Geist diese seine Funktion übt. Denn nicht auf einen Schlag gewinnt sich der Geist die Einheit in allem, was ihm Gegenstand wird; sondern seine Tätigkeit, Einheit zu setzen, vollzieht sich mit wachsender Macht auf einer Reihe von Stufen, und je nach der Stufe, die diese Funktion erreicht hat, gewährt auch das Gedächtnis einen verschiedenen Anblick. Wollen wir das Gedächtnis verstehen, so müssen wir es selber als eine auf einer Verschiedenheit von Stufen sich vollziehende, in ihrer Einheit eine Anzahl von wesentlichen Unterschieden umfassende Lebensform des Geistes betrachten lernen. Es ist die Macht des Geistes, in dreifacher Form, immer höher ansteigend, aus der unendlichen Vielheit sich die Einheit zu gewinnen, und wo wir irgendwo Menschen denkend finden, da ist ihnen, klarer erfaßt oder dunkler, und mehr bewußt oder minder, eine dieser Grundformen der Einheitsfunktion wirksam. Nicht zufällig sind diese Formen, sondern notwendig, Konsequenzen aus der eigensten Natur des Geistes, Ausstrahlungen seiner Fülle, und nicht beliebig oder willkürlich bedienen sich ihrer die Menschen, sondern bezwungen durch die vernünftige Anlage, die in ihnen nach Verwirklichung strebt. Auch nicht so verhalten sich diese Schemata der Einheitsfunktion, daß die eine den Irrtum ergäbe und die andere Wahrheit, sondern so, daß jede ihr Recht und ihren Anteil an der Wahrheit hat und nur alle insgesamt in ihrem Zusammenwirken und in vollkommener Verschmelzung das volle Recht haben und die letzte Wahrheit geben. Wie aber die Natur des Geistes in inniger Harmonie steht mit der Natur des Gegenstandes, so entsprechen auch jene drei Stufen der Einheisfunktion der Stufenfolge der Wesen im einheitlichen und gegliederten Universum. Der Irrtum entsteht erst, wenn die eine der Stufen für das Ganze ausgegeben wird, oder wenn die niedere Stufe sich statt der höheren vordrängt, oder wenn nur die Gesichtspunkte, die für die eine Stufe die entscheidenden sind, gelten sollen, diejenigen aber, die für die anderen überwiegen, ausdrücklich oder stillschweigend außer Acht gelassen werden. Einheit, Bestimmtheit, Identität, jedes hat also verschiedene Bedeutung, verschiedene Grade der Intensität, verschiedene Form und Beziehung, je nach dem Schema der Einheitsfunktion, unter dem es erfaßt wird, und damit ändert sich auch die Bedeutung des Gedächtnisses. Und so mag es dann gestattet sein, nach diesen Vorbereitungen an eine kurze Charakteristik der drei Grundschemata der Einheitsfunktion heranzutreten.


IV.

Einheit also will sich der Geist gewinnen aus der unendlichen Unbestimmtheit der kontinuierlich fließenden Erscheinung. Die erste und abstrakteste Form dieser Einheit ergibt sich da, wo das Eine zum Vielen ergänzend hinzugefügt wird als das, was nicht das Viele, aber woran das Viele ist. Dann gilt das Eine als seiend, für sich, selbständig, als das Eigentliche und Wahre; das Viele dagegen, das dem Einen negativ gegenübersteht, ist dann nicht eigentlich; mindestens ist es nicht für sich, nicht selbständig. Es ist abhängig; es bedarf eines Trägers, einer Stütze, und das Eine, dieses Tragende und Stützende, liegt außerhalb des Vielen, des Getragenen und Gestützten; sie sind sich gegenseitig fremd und äußerlich und nur tatsächlich aufeinander bezogen. Einheit in dieser Form gedacht heißt  Substanz,  und das ist das erste und abstrakteste Schema, unter dem der Geist seine Einheitsfunktion übt.

Ob wir unter dem Schema der Substanz denken wollen, ist nicht in unsere Wahl gegeben; wir müssen so denken als vernünftige Wesen aufgrund der Natur des Geistes und können nicht anders denken. Es ist damit wie überall, wo es sich um die aus der Vernunft selber fließenden Konsequenzen handelt: man kann wohl in Worten das Schema der Substanz leugnen, seine Gültigkeit der Meinung nach bestreiten; aber dann behauptet man es, indem man es leugnet, und hält es tatsächlich fest, indem man es bestreitet. Es ist die Form der  protestatio facto contraria  [dem Handeln widersprechender Vorbehalt - wp]. Man kann nicht ein vernünftiges Wesen sein und Bewegung denken ohne das, was bewegt wird, nicht Kraft denken ohne Materie, nicht Form ohne Stoff, nicht Eigenschaften, Verhältnisse, Tätigkeiten, Zustände ohne das Ding, das sie trägt, nicht Vielheit überhaupt ohne die Einheit der Substanz. Man kann wohl sagen, man denke so, auch meinen, man sei damit im Recht; aber man kann nicht wirklich so denken. Wie man sprachlich an die substantivische Bezeichnungsform gebunden ist, so ist man denkend an den Substanzbegriff gebunden. Man muß diesen Begriff nur auch richtig erfassen; dann ergibt sich seine Unausweichlichkeit für alles Denken von selbst.

Substanz wird nur gedacht, wo ein  Verhältnis zu anderem  gedacht wird. Substanz ist etwas nicht anders als im Verhältnis zu anderem, was nicht Substanz ist. Dieses andere aber ist zugleich auf die Substanz bezogen; man sagt, es sei an der Substanz, hafte ihr an, trete an ihr auf, verschwinde an ihr. Man darf sich den Substanzbegriff nicht mißverständlich einengen. Mißverständnis ist es, wenn diejenigen, die unmündig oder verbildet sich gan an die sinnliche Anschauung verlieren, Substanz überhaupt nur im Sinne des sinnlich Existierenden, des Dinglichen, des Körperlichen nehmen, während sie doch tatsächlich sich selbst, und auch ihren Gedanken oder Einfall als Substanz denken und behandeln. Nicht minder mißverständlich ist es, wenn man den Substanzbegriff statt relativ, wie er ist, absolut nimmt. Was Substanz ist, braucht nicht schlechthin und in jeder Beziehung Substanz sein. Es kann etwas Substanz sein in Bezug auf das, was an ihm und was im Verhältnis zu ihm nicht Substanz ist, und kann zugleich selbst an anderem sein und in Bezug auf dieses andere, was seine Substanz ist, nicht Substanz sein. So ist der Körper Substanz für die Bewegung, die Bewegung Substanz für die Beschleunigung, die Beschleunigung Substanz für das Maß der Zunahme. Die Sprache verfährt darin ganz der Natur des Gedankens gemäß, wenn sie jedes selbständig als Begriff Gedachte auch als Substantivum bezeichnet; denn zugrunde liegt in jedem Begriff die Beziehung auf andere Begriffe, auf die Merkmale, wie man zu sagen pflegt, die im Inhalt jenes Begriffs umfaßt seind und in dieser Beziehung sich zum ihm als ihrer Substanz verhalten. Das Wenn und das Aber, das Hier und das Heute, das Schreiben und das Lesen wird mit demselben Recht gesagt wie der Hund und die Katze, die Eiche und die Palme, der Stein und die Kohle. All das ist wirkliche echte Substanz mit Bezug auf etwas anderes, was an demselben ist, und von kategorialer Verschiebung zu reden, die in dem einen Fall stattfinden soll, während nur das andere echte Substanzen bedeutet, ist willkürlich. Das Kennzeichen der Substanz trägt das eine, wie das andere.

Wo unter dem Schema der Substanz gedacht wird, da wird die Einheit erfaßt als das Bleibende im Wechsel, als das Selbständige gegenüber dem Unselbständigen, als das Mächtige gegenüber dem Gewirkten und Abhängigen. Aber das Verhältnis zwischen der Substanz und dem, was an der Substanz ist, stellt sich als ein rein tatsächliches dar ohne jede Innerlichkeit der Beziehung. Das gilt von den  Akzidenzen  [Unwesentliches - wp], es gilt aber auch von den  Attributen  der Substanz. Denn zwischen den Akzidenzen, die an der Substanz kommen und verschwinden, und der Substanz selbst liegen in der Mitte die Attribute der Substanz, die an der Natur der Substanz wie an der der Akzidenzen teilnehmen, an jener, sofern sie selber bleibend und notwendig sind wie die Substanz, an dieser, sofern sie nicht selbständig, sondern abhängig sind, wie die Akzidenzen. Die Attribute umschreiben den Kreis der Akzidenzen, die an der Substanz auftreten können; sie bezeichnen die bleibende Form des wechselnden Geschehens; die Akzidenzen bilden die Modi der Attribute, die zufälligen, unwesentlichen, flüchtigen Veränderungen, die innerhalb der Attribute auftreten und auch ausbleiben können, wenn sie aber kommen, sich in die Form dieser Attribute einreihen lassen müssen. Akzidenzen sind die Tätigkeiten, die Zustände und Verhältnisse, in denen sich die festen Eigenschaften als die Attribute der Substanz ausdrücken. Die Attribute sind an der Substanz, sie sind an ihr tatsächlich und notwendig; aber es ist eine äußerliche Notwendigkeit, die begrifflich nicht weiter ableitbar ist, und das Denken bleibt dabei als bei einem Letzten stehen. Daß sie an der Substanz sind, so wie sie sind, und die notwendige Form der zufälligen Akzidenzen vermitteln, das muß man hinnehmen; es ist eben nicht anders. Die Substanz ist also die begriffliche Einheit des gegebenen Vielen in der unmittelbarsten und darum auch in der ärmsten Form, Einheit als bloße äußere Tatsächlichkei ohne inneren Grund. Die Substanz ist nicht ihre Attribute, diese sind nicht die Substanz; beide werden zusammen gefunden, sie bleiben aber gegeneinander spröde und unmitteilsam und gehen nicht ineinander über. Das Attribut kann auch an einer anderen Substanz sein, die verschiedenen Attribute können sich an verschiedenen Substanzen in der verschiedensten Weise gruppieren; aber dieselbe Substanz ist jedesmal nur mit denselben Attributen gegeben; sie ist das schlechthin Unveränderliche. Die Akzidenzen mögen kommen und gehen, die Substanz mit ihren Attributen bleibt. Und so drängt jedes einzelne, was zunächst als Substanz aufgefaßt wird, dazu, über sie selbst, sofern sie nur irgendwie in den Strudel des Werdens hineingezogen wird, hinauszugehen zu etwas anderem, was nun nicht mehr bloß in gewisser Beziehung, sondern in jeder Beziehung Substanz ist, sich im Wechsel behauptet und mit sich identisch bleibt. Unter dem Schema der Substanz sieht sich damit das Denken gezwungen, auf eine letzte und höchste Einheit hinauszulaufen, die aller Vielheit zugrunde liegt, aber freilich ihr zugleich rein äußerlich gegenübersteht. Es ist immer derselbe Zug des Denkens, nach dem die Vielheit dessen, was als Substanz gedacht wird, auch ihrerseits eine Einheit verlangt, um das Nebeneinander des Vielen dem Gedanken zu unterwerfen, und immer wieder ist das Denken versucht, dieser letzten Einheit gegenüber alle Vielheit als bloßen gleichgültigen Schein verschwinden zu lassen.

Für das Nebeneinander des Vielen in dieser Äußerlichkeit des Verhältnisses bietet sich unter dem Schema der Substanz die räumliche Beziehung als das nächste Medium der Auffassung dar. Das Viele liegt, weil nebeneinander, auch auseinander, und seine wesentliche Bestimmung ist die quantitative, Ausdehnung und Zahl, als die Form aller Äußerlichkeit. Die Vielheit in diesem Sinne der rein äußerlichen Beziehung ist völlig inhaltslos, die Veränderung völlig äußerlich, ein bloßer Schein. Der wirkliche Vorgang ist eine Veränderung der räumlichen Beziehung, Bewegung als Annäherung und Entfremdung, Anlagerung und Trennung, und nur als Medium dieser rein äußerlichen Beziehung kommt dabei die Zeit in Betracht. was sich bewegt, wird dadurch nicht verändert, es ändert sich nur die Gruppierung als äußerliche Beziehung zu anderem. Aus jeder Verbindung geht das Element genau ebenso wieder hervor, wie es in die Verbindung eingegangen ist. Ihm selber ist nichts geschehen, es hat nichts erlebt; es ist nur etwas mit ihm vorgegangen, nämlich eine Änderung der Beziehung. Und diese Änderung selber ist ddas Werk eine ganz äußerlichen Notwendigkeit für die die Anschauung das Schema des Stoßes bereit hat. Nichts, was an eine eigene innere Natur des Bewegten erinnerte, spricht dabei mit; die Bewegung vollzieht sich am Element als sein äußerliches Schicksal. In Wahrheit geschieht dabei nichts; das Eine, was allein wahrhaft ist, hält sich vielmehr in der Vielheit dieser Vorgänge in unverbrüchlicher Identität. Identisch erhält sich das Bewegte, identisch die Kraft, beides auf seine Grundbestimmung als Quantum angesehen; die Vielheit ist wirklich ganz akzidenziell, das Sicherhalten der substantiellen Einheit ist der eigentliche Vorgang. Und danach bestimmt sich auch die Natur des Wirkens, von dem hier allein die Rede sein kann. das Wirkende, die  Ursache,  ist nichts andrees als das Gewirkte, die  Wirkung;  sie sind bloß formell getrennt. Es ist dieselbe Bewegung, die in der einen Beziehung als Ursache, in der anderen als Wirkung erscheint, und Ursache und Wirkung gehen dem Raum und der Zeit nach unmittelbar ineinander über. Mit der Ursache ist auch die Wirkung gesetzt; zwischen dem sich erhaltenden Einen als der Ursache und dem durch sie Gesetzten, der Wirkung, ist keine Trennung, kein wirklicher Unterschied. Und so herrscht hier im Denken das doppelte Bestreben, den Unterschied zwar immer zu setzen, aber ihn doch wieder nicht gelten zu lassen, sondern ihn stetig aufzuheben und als bloßen Schein zu nehmen. Es ist nur die Konsequenz des Denkens unter dem Schema der Substanz, wenn aller Vorgang in der Welt der Vielheit als mechanische Verursachung gedacht, alle Qualität als bloßer Schein beseitigt und das rein Quantitative, die Bewegung als räumliche, für das allein Wahrhafte und Wirkliche angesehen wird.

Die eigentliche Heimat für das Denken unter dem Schema der Substanz bildet der Gegenstand als äußerer und die Welt der Gegenstände als äußere Welt. Der verhängnisvolle Zwang, dem das Bewußtsein unterliegt, sich zu spalten und seinen Gegenstand aus sich hinaus zu verlegen in die hoffnungslose Fremdheit, den Gegenstand so als das Wahre und Seiende und sich selbst, das Bewußtsein, dem Gegenstand gegenüber als ein bloß Zufälliges und Gleichgültiges anzusehen, wird der Ausgangspunkt für das begriffliche Denken. Aber wenn das Ziel dieses Denkens dies ist, jenen verhängnisvollen Zwang zu durchbrechen und jene hoffnungslose Fremdheit zu tilgen, so ist dieses Ziel doch nicht sogleich erreicht, sondern es bedarf dazu der langen Vorbereitung. Der Zwang, unter dem das unmittelbare Bewußtsein steht, ergibt doch nicht die reine Täuschung, ebensowenig wie er die volle Wahrheit ergibt. Die Fremdheit ist wahrhaft vorhanden, nicht bloße Bewußtseinserscheinung, sondern auch ansich. In dieser Fremdheit ergreift das begriffliche Denken den Gegenstand unter dem Schema der Substanz, das das  kosmologische  Schema ist, und verleiht dem Gegenstand den Charakter der Dinglichkeit. Der Gegenstand ist danach ein Ganzes, seine Bestimmtheit die, aus Teilen zu bestehen, und diese Teile bestehen wieder aus Teilen, das Ganze ist jedesmal durch die äußerlichste Form der Beziehung, durch Anlagerung, Aggregierung von Teilen nach dem Bild der Räumlichkeit gebildet. Es ist die ärmlichste und dürftigste Einheitsform, die überhaupt gedacht werden kann, und noch ganz in der unmittelbaren sinnlichen Anschauung wurzelnd. Den Gegenstand unter der Kategorie des Ganzen und der Teile aufzufassen, ist das Kennzeichen des dürftigsten und ungebildetsten Verstandes, wenn man dabei stehen bleibt und nicht weiter kommt. Die Dinge werden dabei zugleich als selbständig gegeneinander und doch als aufeinander wirkend gedacht, jedes als schlechthin bestimmt durch alle anderen in der mechanischen Verkettung der Ursachen. Hinter diesen Ursachen, die ein zeitlich wechselndes Geschehen darstellen, liegen aber die ewig notwendigen mathematischen Verhältnisse. Auch in diesen ist die Notwendigkeit eine äußerliche und tatsächliche. Zwar, das Mathematische erzeugt sich der denkende Geist, wenn auch aufgrund äußerer Anschauung, von innen; aber er folgt darin einem Zwang des Konstruierens, dessen innerer Grund nicht eingesehen werden kann, ja bei dem an inneren Grund weiter nicht gedacht wird. Im Mathematischen bietet sich die Notwendigkeit, nach der der Geist seine Gebilde erzeugt, als eine ganz ebenso äußerliche und tatsächliche dar, wie die Notwendigkeit, die das Verhältnis der Substanz zu ihren Attributen bezeichnet. Von einem solchen Prinzip aus muß in solcher Weise weiter konstruiert werden, darüber kann es gar keine zweite Ansicht geben; es ist einmal so und tatsächliches Attribut des Geistes, diesem Zwang zu unterliegen, allerdings so, daß das Resultat dieses geistigen Konstruierens den ideellen Rahmen abgibt, in dem sich alles, was Gegenstand der Anschauung und Erfahrung soll werden können, bewegen muß, und daß es den Typus bezeichnet, dem sich alle Wirklichkeit so viel wie möglich annähert. Darauf beruth dann auch die Gesetzlichkeit all dieses Geschehens. Das Mathematische bestimmt mit mechanischem Zwang diese ganze äußere Gegenständlichkeit; überall Zahl, Maß und Gewicht und ein bestimmtes quantitatives Verhältnis, aber jede tiefere innere Bestimmung fehlt.

So wird gedacht, und es kann nicht anders gedacht werden, wo man bei der Substanz als der niedrigsten und ärmsten der geistigen Einheitsfunktionen stehen bleibt. Nun muß ja wohl unter dem Schema der Substanz gedacht werden; aber ein solches Denken bildet nur den Ausgangspunkt, nicht auch schon das Ziel der geistigen Bearbeitung des Gegebenen. Denn was geleistet werden soll, wird doch nicht erreicht. Die Fremdheit des Gegenstandes wird nicht getilgt, die Erscheinung nicht begreiflich gemacht. Zu all dem wird hier nur erst der Anlauf genommen. Vielheit und Einheit bleiben sich fremd gegenüber, und die auseinandergehenden Richtungen, die in diesem Denken zum Ausdruck kommen, die Verschiedenheit zu setzen und sie aufzuheben, kommen zu keiner Versöhnung. Es soll die Substanz sein, und es soll auch die Vielheit dessen sein, was an ihr ist; im Denken aber verschwindet entweder die Einheit an der Vielheit oder umgekehrt diese an jener, und es ist eine falsche Ruhe, die sich das Denken erkauft, indem es sich bei dem dunklen Abgrund der einen Substanz, der alles verschlingt, befriedigt erklärt, als könnte es überhaupt auf lebendige Vielheit und Reichtum der Erscheinung verzichten, ohne sich selbst aufzugeben. Soland diese Richtung des Denkens sich auf das Begreifen der äußeren Gegenstände beschränkt, kann sich ihre vollkommene Verödung und Leerheit verbergen, indem die Fülle der Erscheinung aus der immer bereiten äußeren Anschauung unvermerkt und unbewußt immer wieder in sie hineingetragen wird, um ihre Armut zu bereichern. Wird sie aber auf die Objekt der inneren Welt übertragen, wozu die Versuchung gerade den düftigsten Geistern am nächsten liegt, so ergibt sich eine trostlose Pseudowissenschaft, die aller gesunden Vernunft und allem tieferen Bedürfnis des denkenden Geistes gerade ins Gesicht schlägt, dafür sich aber nur umso hochmütiger und selbstgewisser gebärdet, als sie in ihrer Armut und Beschränktheit das tiefergehende Bedürfnis der anderen durchaus nicht zu verstehen oder zu würdigen vermag.

Wie sich nun unter dem Gesichtspunkt des geschilderten Gedankenganges das Gedächtnis ausnehmen wird, ist leich einzusehen. Wir haben, wo von Substanz die Rede ist, das einheitliche, sich erhaltende Wesen, das allen Wechsel und alles erden überdauert; also haben wir hier auch im Seienden die Identität, die die Grundlage des Gedächtnisses ausmacht. Und da auch die innere Welt unter dasselbe Schema gebeugt wird, so haben wir in dieser ein vollkommenes Gegenbild zur gegenständlichen Identität in der äußeren Welt. Beide Male aber trägt das sich Erhaltende, das Identische dinglichen Charakter. Wirkliche Veränderung kommt nicht vor; die Identität ist also nicht die sich aus der Veränderung wiederherstellende Einheit, sondern ein bloßer starrer äußerer Fortbestand ohne alle innerliche Lebendigkeit. Das seelische Gedächtnis selber erscheint im gleichen Licht, wie die Identität der die Veränderung überdauernden Dinge. Das Ich als stetige Tat freier Selbstbehauptung fällt natürlich weg; das Ich ist bloßer Schein, höchstens das Ergebnis mechanischer leiblicher Vorgänge. Dafür erlangt nun der seelische Vorgang, die Empfindung oder auch die Vorstellung, selber dinglichen Charakter und wird als Substanz angesprochen, und so erhält sie sich, etwa nach Art eines Dings, in wechselnder Gruppierung und Beleuchtung, mechanischem Druck oder Zug unterliegend, über eine Schwelle aufsteigend, unter dieselbe versinkend, angezogen, abgestoßen, schwingend, sich assoziierend, sich lösend. In allen diesen mechanischen Prozessen, denen er unterliegt, ist aber der psychische Vorgang im strengsten Sinne des Wortes derselben geblieben; das Gedächtnis ist ein Schatzhaus aufgehäufter geprägter Münzen, die man so hervorlangen kann, oder die unter der Einwirkung mechanisch wirkender Kräfte emportauchen, oder es bildet eine Schnur mit aufgereihten Bildern, die ganz fertig, wie sie von je waren und bleiben müssen, auf demselben mechanischen Weg herabgelangt und hervorgezogen werden. Dabei ist es einigen Klar, daß das nur ein bildlicher, anschaulicher Ausdruck ist für das, was man eigentlicher und treffender zu sagen sich nicht imstande fühlt. Die anderen - und das ist die bei weitem größere Mehrzahl - erkennen nicht einmal die Bildlichkeit darin, sondern vermeinen in vollem bitterem Ernst darin die Sache selbst zu haben und zu geben. Ein höchst seltsamer, verwundersamer Irrtum des Denkens, der unglaublich scheinen würde, wüßte man nicht, daß die blinde Macht des einmal ergriffenen Schemas im Denken die minder dialektisch gearteten Gemüter widerstandslos mit fortreißt bis in den äußersten Widersinn, der von den Arglosen für die höchste Offenbarung gehalten wird, falls er nur gewissen Neigungen und Vorurteilen schmeichelt.

Die starre Identität des im Fluß des Werdens fortbestehenden Dings, sei dies nun der äußere Gegenstand oder der nach dessen Analogie vorgestellte seelische Vorgang, ist die niedrigste Form, oder richtiger nur die Grundlage und Voraussetzung des Gedächtnisses. Aber ebenso muß gesagt werden, daß diese sich identisch behauptete Dinglichkeit auch im Seienden wohl ein Element, aber nur das niedrigste bildet, das als solches nie gefunden wird, sondern immer nur überkleidet mit höheren Daseinsstufen. Und so geht dann auch das Denken über die Substanz als Schema der Einheitsfunnktion hinaus zu höheren Stufen. Die Substanz ist wohl überall; aber nirgends ist sie bloße Substanz. Im Bereich der äußeren Gegenständlichkeit findet sich solches, was dem Charakter bloßer Substantialität nahe und näher kommt; aber diese bloße und nackte Substantialität ist selber wieder wie ein Nullpunkt zu betrachten, zu dem die Bewegung herabsinken mag, der aber nie erreicht wird, weil vor dem Erreichen des Nullpunktes die Bewegung schon weider zur Richtung auf höhere Stufen emporschnellt. Das Ding ohne alle Innerlichkeit wird nicht gefunden, so wenig gefunden, wie der ungeformte Stoff oder die kraftlose Materie. Wo Einheit gedacht wird, da muß sie gedacht werden als mit irgendeinem Grad von Innerlichkeit behaftet. Das begriffliche Denken, indem es sich in diesem Sinne über das Schema der Substanz erhebt, erfaßt die Einheit in der gegebenen Vielheit als das  Wesen. 
LITERATUR - Adolf Lasson, Das Gedächtnis, Berlin 1894