p4-2Heinrich RickertWilhelm Wundt    
 
LUDWIG BUSSE
Die Wechselwirkung
zwischen Leib und Seele

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"Der Gedanke, von der Physiologie die richtige Erklärung der psychischen Prozesse zu erwarten, ist überdies absurd, da vielmehr, umgekehrt die psychologische Erkenntnis zur richtigen Interpretation und Vervollständigung der physiologischen Vorgänge notwendig, die Psychologie der Schlüssel für die physiologische Erkenntnis ist."

In dem im Jahr 1893 in  zweiter  Auflage erschienenen zweiten Band seiner Logik hat SIGWART dem 5ten, die Methoden der Induktion behandelnden Abschnitt einen 55 Seiten umfassenden Paragraphen 97b neu eingefügt, in welchem er die Lehre von der  Wechselwirkung zwischen Leib und Seele  gegen die dieselbe leugnende Theorie des  psychophysischen Parallelismus  verteidigt.

Seine Stellung zu dieser Streitfrage formuliert der Seite 519 mit den Worten:
    "... die Annahme von  Kausalbeziehungen zwischen Vorgängen im Bewußtsein und äußeren Veränderungen  ist durch die allgemeinen Voraussetzungen der empirischen Forschung gerechtfertigt und die Theorie des psychophysischen Parallelismus ist weder durch den Begriff der Kausalität oder das Prinzip der Erhaltung der Energie gefordert, noch läßt sie sich ihrer Konsequenzen wegen durchführen.

    Wer die einschlägige Literatur nur einigermaßen aufmerksam verfolgt hat, wird zugeben müssen, daß SIGWART mit diesen Worten scharf und klar die Punkte bezeichnet hat, um welche sich die Erörterung der Streitfrage bisher hauptsächlich gedreht hat und voraussichtlich auch in Zukunft drehen wird."
Es sind das die drei Fragen:
    1) Spricht der  allgemeine Kausalitätsbegriff  zugunsten der psychophysischen Wechselwirkung oder zugunsten des psychophysischen Parallelismus?

    2) Erlaubt das  Gesetz der Erhaltung der Energie  die Annahme einer Wechselwirkung zwischen Leib und Seele oder schließt er sie aus und nötigt uns zur Annahme des psychophysischen Parallismus?

    3) Machen die  Konsequenzen des psychophysischen Parallelismus  seine Ablehnung notwendig oder nicht?
Die  zweite  dieser drei Fragen ist es, auf welche die nachfolgenden Zeilen eine Antwort zu geben versuchen wollen. In den sechs Jahren, die seit dem Erscheinen der zweiten Auflage von SIGWARTs Methodenlehre verflossen sind, ist die alte Streitfrage in einer ganzen Anzahl von Werken, Schriften und Aufsätzen immer wieder, zum Teil ausführlich und eingehend, erörtert worden. In fast allen spielt das Prinzip der Erhaltung der Energie und die Frage seiner Vereinbarkeit mit der Annahme einer Wechselwirkung zwischen Leib und Seele eine große Rolle; mehrere beachtenswerte Versuche, diese Vereinbarkeit nachzuweisen, sind, zum Teil unter Berufung auf SIGWARTs Ausführungen, gemacht worden. Es dürfte daher kein ganz unangemessenes Unternehmen sein, diese Frage nochmals einer, übrigens hier unter Beiseitelassung der eigentlich  metaphysischen  Theorien wesentlich vom  empirischen  Standpunkt aus anzustellenden, erneuten Prüfung zu unterziehen.

Diejenigen, welche der Meinung sind, daß die Lehre von der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele dem Gesetz der Erhaltung der Energie widerstreite und daher duch die Parallelitätstheorie ersetzt werden müsse, pflegen ihre Behauptung auf eine naturphilosophische Ansicht zu stützen, welches etwa durch folgende Gesichtspunkte charakterisiert ist.

Auf physischem Gebiet besteht ein strenger und ausnahmsloser Kausalzusammenhang in dem Sinne, daß jede physische Wirkung ihre zureichende  physische  Ursache und jede physische Ursache ihre  physische  Wirkung hat. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung wird durchweg beherrscht und geregelt durch das Gesetz der Erhaltung der Energie, welches für jedes irgendwo verbrauchte Quantum von Energie einen vollen Ersatz in Gestalt eines an anderer Stelle erscheinenden äquivalenten Energiequantums fordert. So erscheint der physische Kosmos als ein großes, die unorganische wie die organishe Welt umfassendes, in sich abgeschlossenes Ganze, als ein geschlossener Kreislauf des Geschehens, der einen konstante, keiner Vermehrung oder Verminderung fähige, wohl aber in den verschiedensten Formen sich manifestierende Summe physischer Energie repräsentiert.

Gilt diese von SIGWART in ähnlicher Weise charakterisierte (1) Anschauung universell und unbedingt, so gilt natürlich ohne weiteres auch der, wie SIGWART vollkommen richtig bemerkt, nur die negative Kehrseite derselben bildende Satz: daß "ein psychisches Geschehen niemals als Wirkung eines physiologischen Vorgangs betrachtet werden darf" (2) und daß "auch ein psychisches Geschehen nicht als Ursache eines physischen gelten kann".

Damit wäre dann die Lehre von der Wechselwirkung als unmöglich und zugleich der psychophysische Parallelismus als notwendig erwiesen. Denn da die Erfahrung einen regelmäßigen Zusammenhang von Physischem und Psychischem nun einmal zeigt, wir auch "allen Grund haben zu glaben, daß kein psychischer Vorgang ohne korrespondierende physiologische Veränderungen - chemischer Umsatz von Gehirnsubstanz, Veränderung der Spannung der Gefäßnerven usw. - verläuft" (3), so bleibt, wenn psychophysische Wechselwirkung ausgeschlossen ist, zur Erklärung dieser Tatsache nur noch die Annahme eines durchgehenden Parallelismus physischer und psychischer Vorgänge übrig, wie ihn SPINOZA bereits behaupt und in dem Satz formuliert hat: Ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum [Jedem physischen Vorgang entspricht ein physischer und umgekehrt. - wp].

Nur diejenige Fassung des parallelistischen Grundgedankens aber kann, wie SIGWART mit Recht hervorhebt, als wirklich parallelistisch gelten, welche dem durchgehenden Kausalzusammenhang der physischen Prozesse einen ebenos durchgehenden Kausalzusammenhang der psychischen Prozesse parallel gehen läßt und die tatsächlich und empirisch vorhandenen Lücken desselben ebenso durch hypothetisch angenommene  psychische  Zwischenglieder ausfüllt, als sie auf physiologischem Gebiet den uns in unserer Beobachtung nie vollständig gegebenen Zusammenhang der Vorgänge durch hypothetisch angenommene  physiologische  Zwischenglieder zu einem lückenlosen zu gestalten sich für berechtigt hält. Die andere Auffassung, welche nur auf physiologisch-physischem Gebiet einen lückenlosen Kausalzusammenhang annimmt, die psychischen Phänomene aber als lediglich passive, unter sich weder kausal noch lückenlos zusammenhängende gelegentliche Begleiterscheinungen der physischen Prozesse faßt und dann folgerichtig die Psychologie auf Physiologie zurückführt, in der Physiologie den Schlüssel für die Psychologie erblickt, lehnt er mit Recht ab. Denn sie widerspricht der im Parallelismus liegenden Forderung, beide Gebiete wirklich parallel zu behandeln. Der Gedanke, von der Physiologie die richtige Erklärung der psychischen Prozesse zu erwarten, ist überdies absurd, da vielmehr, wie SIGWART schon an früherer Stelle ausgeführt hat, umgekehrt die psychologische Erkenntnis zur richtigen Interpretation und Vervollständigung der physiologischen Vorgänge notwendig, die Psychologie der Schlüssel für die physiologische Erkenntnis ist. (4)

Die Entscheidung der Frage, ob der psychophysische Parallelismus in der von uns akzeptierten Fassung durch das Gesetz der Erhaltung der Energie notwendig, die Lehre von der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele also durch dasselbe unmöglich gemacht wird, hängt nun offenbar von der richtigen Auffassung des  Sinnes und der Tragweite des Energiegesetzes,  also davon ab, ob die in der oben skizzierten naturphilosophischen Anschauung enthaltene Auffassung desselben richtig ist oder nicht.

Nach SIGWART sind in ihm  drei  Gedanken enthalten:
    1) "das der Effekt das Maß sei, was wir als Wirkung einer Ursache betrachten können";

    2) der mit dem vorigen  nicht  zusammenfallende Gedanke, daß im Gebiet des materiellen Geschehens alle Veränderungen nur aus äußeren Ursachen hervorgehen und die Dinge Wirkungsfähigkeit nur haben, sofern sie in Relationen stehen, aus denen eine Veränderung eines andern hervorgehen kann";

    3) "daß auf demselben Gebiet die Wirkungsfähigkeit einer Ursache sich in demselben Maß erschöpft, als sie an einem anderen Ort einen Effekt hervorbringt, der selbst wieder eine gleiche Wirkungsfähigkeit besitzt."
Von diesen drei Sätzen folgt der erste unmittelbar aus dem Kausalitätsprinzip, während die beiden anderen, wie SIGWART mit Recht bemerkt, durchaus empirisch sind, aus einer Reihe von Vorgängen zunächst in der anorganischen Natur abstrahiert. Der zweite dieser empirisch gefundenen Sätze, also der oben an dritter Stelle angeführte Satz ist es, welcher den den Kern des Energieprinzips bildenden Äquivalenzgedanken recht eigentlich zum Ausdruck bringt. Auch er ist also, wie ja auch jetzt so ziemlich allgemein zugestanden wird, empirisch. (5)

Nicht ganz klar ist mir die Bedeutung des  zweiten  der von SIGWART genannten Sätze. Soll er die  mechanische Interpretation  des Energiegesetzes, d. h. die Behauptung ausdrücken, daß alle Energieumsetzungen lediglich die Überführung verschiedener Bewegungsformen oder Lagerungsweisen ineinander bedeuten? (6) Dann wären unter "äußeren Ursachen"  "mechanische"  und unter den  "Relationen"  solche der Lagerung der kleinsten Teilchen zu verstehen, während der Ausdruck "im Gebiet des materiellen Geschehens", ebenso wie im 3ten Satz, soviel wie "innerhalb des materiellen Geschehens", d. h. beim Wirken der materiellen Dinge aufeinander, bedeuten würde. Die Ausführungen SIGWARTs § 73, sowie Nr. 7 dieses Paragraphen (7), in Verbindung mit den Erörterungen in § 100 scheinen eine solche Auffassung nahe zu legen. In diesem Fall wäre zu bemerken, daß, wie auch SIGWART selbst noch auf Seite 528 bemerkt, die mechanische Auffassung durchaus kein notwendiger integrierender Bestandteil des Energiegesetzes selbst ist.

Vielleicht aber soll der Satz auch das Prinzip der geschlossenen Naturkausalität zum Ausdruck bringen und sind unter äußeren Ursachen "physische" zu verstehen. Alsdann besagt er, daß die Dinge Wirkungsfähigkeit nur dann haben, wenn sie zu anderen  Dingen  in Relation stehen.

Dann wäre die Frage aufzuwerfen, ob das Prinzip der geschlossenen Naturkausalität wirklich, wie viele meinen, im Energieprinzip enthalten, mit ihm identisch ist. von einer Erörterung dieser Frage, die uns noch weiter beschäftigen wird, sehe ich einstweilen ab, möchte aber zwecks größerer Klarheit noch die von EBBINGHAUS in seinen "Grundzügen der Psychologie", Seite 29 gegebene ansprechende Formulierung des Prinzips der Erhaltung der Energie in extenso anführen.

"Bei allen Umwandlungen der körperlichen Dinge ineinander und bei allem Wechsel des Geschehens an ihnen bleibt stets  ein Faktor in seinem Gesamtwert  unverändert, an dem sie alle in wechselndem Maß Anteil haben, nämlich ihre Fähigkeit (unter geeigneten Umständen) mechanische Arbeit zu verrichten. Diese Fähigkeit, die eben Energie genannt wird, haftet an den verschiedensten Eigenschaften oder Vorgängen, z. B. an den Bewegungen der Dinge (kinetische Energie), ihren Entfernungen (potentielle Energie), an ihrer chemischen Verwandtschaft, ihren thermischen und elektrischen Verhältnissen. Alle diese Manifestationsweisen können sich aufs mannigfaltigste ineinander umsetzen und einander vertreten, aber immer, wenn es geschieht, bewahren sie dabei ein bestimmtes festes Verhältnis. Für ein bestimmtes (in bestimmter Weise zu messendes) Quantum des einen Agens oder Prozesses, das irgendwo für unsere Beobachtung verschwindet, entsteht anderswo ein bestimmtes Quantum eines anderen Agens und stets ist dabei die Energie, d. h. der Arbeitswert der einander äquivalenten Quanta von derselben Größe, ganz einerlei wie die Umwälzungen geschehen, ob vorwärts oder rückwärts, direkt oder durch beliebige Zwischenglieder, in viel oder wenig Zeit." (8)

Dürfen wir diese Formulierungen als einen zutreffenden Ausdruck des Sinnes des Energieprinzips betrachten, so müssen wir anerkennen, daß es an und für sich nur verlangt, daß bei allem Wechsel des Geschehens die neuentstehene Energieform ihrem Betrag nach der zu ihrer Hervorbringung aufgewandten Energie äquivalent sei, dagegen gar nichts darüber aussagt, welcher Art die verschwindende und die an ihre Stelle tretende neue Energieform sein müsse.  Welche  Energieformen einander hervorrufen, bleibt demnach völlig unbestimmt.

Das hebt SIGWART Seite 528 scharf hervor. Das Gesetz der Erhaltung der Energie, führt er aus, "betrifft nur die  quantitativen Verhältnisse  und besagt, daß, wo ein Wirken stattfindet, diese quantitative Gleichheit besteht zwischen dem Maß der Wirkungsfähigkeit, welche der Effekt repräsentiert und dem Maß der Wirkungsfähigkeit, aus welcher der Effekt hervorgegangen ist, zwischen der Wirkungsfähigkeit, welche ein Körper gewinnt und der, welche der andere verliert."

An diesen Umstand, welcher SIGWART an dieser Stelle zu keinen weiteren Folgerungen Veranlassung gibt, knüpft ein Versuch an, die Lehre von der Wechselwirkung mit dem Energieprinzip in Übereinstimmung zu bringen, den STUMPF in seiner Rede zur Eröffnung des III. internationalen Kongresses in München (1896) gemacht hat. (9) Läßt das Gesetz der Erhaltung der Energie, so argumentiert STUMPF, die Natur der sich nach ihm ineinander umsetzenden Energieformen gänzlich unbestimmt, so hindert uns nichts, ebenso wie Wärme, Elektrizität etc., auch das Geistige als eine besondere Energieform anzusehen, die ebenso in ihr äquivalente Beträge von physischer Energie umgesetzt und aus ihnen zurückgewonnen werden kann, wie sich in der Natur Bewegung in Wärme verwandeln und aus ihr zurückgewinnen läßt.

Die oben charakterisierte naturphilosophische Anschauung würde alsdann, wenn sie im Übrigen unangefochten bleibt, zu einer, den physischen wie den psychischen Kosmos umfassenden Ansicht zu erweitern sein. Nicht der physische Kosmos allein, sondern das Geistiges und Physisches in sich enthaltende und zu mannigfacher Wechselwirkung miteinander verknüpfende  Universum  bildet nun eine in sich geschlossen Totalität; nicht die Summe der physischen, sondern die Summe der physischen  und  der psychischen, in ihm enthaltenen Energie ist konstant und keiner Verminderung und Vermehrung fähig. Aller Austausch von Energieformen, sowohl der physischen und psychischen untereinander als auch der physischen mit psychischen, vollzieht sich nach dem Prinzip der Äquivalenz, für jedes irgendwo verschwindende Quantum physischer  oder  psychischer Energie erscheint anderswo ein anderes genau  entsprechendes  Quantum physischer oder psychischer Energie.

Von  diesem  Versuch, die psychophysische Wechselwirkung mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie (in dem Sinne, daß die Gesamtsumme der vorhandenen Energie konstant bleibt) in Einklang zu bringen, unterscheidet sich ein anderer, von KÜLPE unternommener, in einem wichtigen Punkt. "Man braucht", sagt KÜLPE, "bloß anzunehmen, daß eine Äquivalenz zwischen den geistigen und materiellen Prozessen besteht. Es würde dann das Energiequantum, das auf jener Seite verloren gehen müßte, damit ein entsprechendes Quantum geistiger Energie entstehen könnte, durch den abermaligen Umsatz der letzteren in eine neue materielle Energieform wieder eingebracht werden können. Es bliebe sich demnach ganz gleich, ob ein Quantum geistiger Energie sich in den Ablauf der materiellen Prozesse einschöne oder nicht. Das Gesetz der Erhaltung der Energie in seiner bisherigen Auffassung würde nicht verletzt werden."
LITERATUR - Ludwig Busse, Die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele und das Gesetz der Erhaltung der Energie, Festschrift für Christoph Sigwart, Tübingen 1900
    Anmerkungen
    1) Er läßt sie in der Behauptung gipfeln, "daß auf dem Gebiet des materiellen und physiologischen Geschehens ein strenger Kausalzusammenhang in dem Sinne besteht, daß jede von außen bewirkte oder durch die inneren organischen Prozesse herbeigeführte Veränderung der Gehirnsubstanz ihre materiellen Erfolge ... nach dem Prinzip der Erhaltung der Energie haben muß und daß umgekehrt alles, was im Körper geschieht, in den vorangehenden materiellen Vorgängen seine vollkommen zureichende Ursache habe". Der Körper ist demnach durchaus als Maschine zu betrachten.
    2) SIGWART fügt noch zur weiteren Begründung hinzu: "denn die Wirkungsfähigkeit der Gehirnsubstanz ist in den äquivalenten physiologischen Vorgängen erschöpft und kann also nicht noch ein Mehr von Wirkung hervorbringen, das in keiner Weise in das Verhältnis der Äquivalenz zu Molekularbewegungen gesetzt werden kann": In diesem Satz sind, wie mir scheint, zwei Gedanken in ein Abhängigkeitsverhältnis von einander gebracht, die nach meinem Dafürhalten voneinander unabhängig sind. Wenn sich die Wirkungsfähigkeit der Gehirnsubstanz in den äquivalenten physiologischen Vorgängen  erschöpft,  so genügt dieser Umstand vollkommen, um eine psychische Wirkung in ein Äquivalenzverhältnis zu Molekularbewegungen gesetzt werden kann oder nicht. Die Unmöglichkeit der Herstellung einer derartigen Beziehung zwischen Physischem und Psychischem würde einen  weiteren,  vom erstgenannten unabhängigen Grund für die Unmöglichkeit psychophysischer Wechselwirkung bedeuten. Ich komme auf die hier angedeuteten Gesichtspunkte zurück, wenn ich die von STUMPF, KÜLPE, REHMKE, WENTSCHER und ERHARDT gemachten Versuche, die Lehre von der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele mit dem Prinzip der Erhaltung der Energie zu vereinigen, bespreche.
    3) Dieselbe Ansicht äußern u. a. HÖFFDING (Psychologie in Umrissen auf Grundlage der Erfahrung, deutsch von BENDIXEN, Leipzig 1887, Seite 75), JODL (Lehrbuch der Psychologie, Stuttgart 1896, Seite 57 - 59). REHMKE (Lehrbuch der allgemeinen Psychologie, Hamburg und Leipzig 1894, Seite 103), während WENTSCHER (Über physische und psychische Kausalität und das Prinzip des psychophysischem Parallelismus, Leipzig 1896, Seite 118) meint, eine  notwendige  Forderung sei das nicht.
    4) Vgl. die treffende und wahrhaft erquickende Abfertigung, die WUNDT der "materialistischen Psychologie" hat zuteil werden lassen, Philosophische Studien X, Über psychophysische Kausalität und das Prinzip des psychophysischen Parallelismus, sowie derselbe Über die Definition der Psychologie, Philosophische Studien XII. Vgl. auch LIEBMANN, Analysis der Wirklichkeit, 2. Auflage, Abschnitt: Gehirn und Seele, sowie "Gedanken und Tatsachen", 1899, Seite 228 und 414. In den "Aphorismen" XII sagt LIEBMANN geradezu: "Psychologie liefert den Kommentar zum Gehirn". Vgl. ferner PAULSEN, Einleitung in die Philosophie, Buch I, Seite 91. ERHARDT, Die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, Leipzig 1897, Seite 148. Hierher gehört auch, was STUMPF, Rede zur Eröffnung des III. internationalen Kongresses für Psychologie in München, 1896, Seite 7 mit gerechtem Spott über "das wunderliche Unternehmen der Schattentheorie" bemerkt, "Kausalität gerade demjenigen Gebiet abzustreiten, aus dessen Erscheinungen allein wir den Begriff der Kausalität schöpfen". Endlich sei noch das Urteil eines neueren englischen Autors angeführt.
    5) ALOIS RIEHL hält (Philosophischer Kritizismus II, Seite 266) am apriorischen (metaphysischen) Charakter des Energiegesetzes, den MAIER und JOULE ihm beilegen zu müssen glaubten, fest.
    6) EBBINGHAUS, Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1897, Seite 34
    7) Seite 534: "daß wir es innerhalb dieses Kreises nur mit Elementen von konstanten Kräften und mit Bedingungen ihrer Wirkungen zu tun haben,  die  in äußeren Relationen der Lage und der gegenseitigen Bewegung liegen."
    8) Hiermit vergleiche man noch die Definition, welche MACH, Populärwissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896, Seite 156 gibt: "Durch mechanische Arbeit können die verschiedensten physikalischen (thermischen, elektrischen, chemischen usw.) Veränderungen eingeleitet werden. Werden dieselben rückgängig, so erstatten sie die mechanische Arbeit wieder genau in dem Betrag, welcher zur Erzeugung des rückgängig gewordenen Teils nötig war. Darin besteht der Satz der Erhaltung der Energie". Endlich sei auch noch die Formulierung von STUMPF angeführt, a. a. O. Seite 9: "Ohne jede hypothetische Zutat ausgesprochen ist es ... ein Gesetz der Transformation: wenn kinetische Energie (lebendige Kraft sichtbarer Bewegung) in andere Kraftformen umgewandelt und diese schließlich in kinetische Energie zurückverwandelt werden, so kommt der nämliche Betrag zum Vorschein, der ausgegeben wurde." - Alle diese Formulierungen kommen darin überein, das Gesetz der Erhaltung der Energie als eine Transformationsformel zu fassen, welche den Wechsel des Geschehens an den körperlichen Dingen im Sinne der Erhaltung der Energie regelt. Die Wichtigkeit dieses Sinnes des Energieprinzips wird aus den weiteren Erörterungen genügend hervorgehen. - Nur flüchtig gehe ich noch auf die weiteren Annahmen ein, welche "in dem Sinne, in dem es gewöhnlich verstanden wird", das Energieprinzip nach SIGWART noch in sich schließt, nämlich "daß jeder Effekt auch wieder  tatsächlich  die Fähigkeit besitze, einen weiteren gleich großen Effekt hervorzubringen und ihn früher oder später hervorbringen werde und daß jede (lebendige oder potentielle) Energie ihrerseits auf ein früheres quantitativ gleiches Maß zurückweise; daß wir jeden wirkungsfähigen Zustand auf einen früheren zurückführen müssen und daß ins Endlose aus ihm wieder Zustände folgen werden, welche dasselbe Maß von Wirkungsfähigkeit enthalten". Darin liegt, nach SIGWART, die Behauptung "daß sich die Bedingungen der Wirkungsfähigkeit in fortwährendem Wechsel so erzeugen, daß jede vorhandene Wirkungsfähigkeit auch wieder aktuell werde". - - Ich weiß nicht, wie weit die Behauptung, daß das Gesetz der Erhaltung der Energie  gewöhnlich  in diesem, doch sehr erweitertem Sinn verstanden werde, zutrifft. Ohne allen Zweifel hat SIGWART aber Recht, wenn er derartige Folgerungen als unzulässig ablehnt. Der Hinweis auf das sogenannte CARNOTsche Gesetz genügt in der Tat vollkommen, um sie zurückzuweisen. Es liegt im Charakter des Energiegesetzes als einer  Transformationsformel,  daß es nur aussagt, wie sich,  wenn  ein Geschehen, wenn Energieumsetzung stattfindet, die Energie dabei verhält, nicht aber fordert,  daß  eine Energieumsetzung notwendig immer stattfinden müsse. Weist das Naturgeschehen daher notwendig auf einen Anfangszustand oder, nach dem CARNOTschen Gesetz, auch auf einen Endzustand hin, so gilt für diese beiden äußersten Grenzpunkte des Weltgeschehens das Gesetz der Erhaltung der Energie nur noch in dem Sinne, daß die im Anfangs- und Endzustand vorhandene noch nicht veränderte oder unveränderliche Energie noch derselben Bedingung untersteht, daß,  wenn  sie sich ändert, alle Änderungen, die sie durchläuft, nach ihm vor sich gehen. Ob man aber eine Energie, die nicht mehr in mechanische Arbeit verwandelt werden kann, überhaupt noch Energie nennen will, ist schließlich Geschmackssache. Man kann wohl mit MACH (Populärwissenschaftliche Vorlesungen, Seite 195) fragen, "ob es überhaupt einen wissenschaftlichen Sinn und Zweck hat, eine Wärmemenge, die man nicht mehr in mechanische Arbeit verwandeln kann (z. B. die Wärme eines abgeschlossenen durchaus gleichmäßig temperierten Körpersystems) noch als eine Energie anzusehen" und ihm zugeben, daß "in diesen Fällen das Energiegesetz eine ganz müßige Rolle spielt, die ihm nur durch die Gewohnheit zugeteilt wird."
    9) CARL STUMPF, Einleitung in die Philosophie, Leipzig 1895, Seite 150