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HIPPOLYTE BERNHEIM
Hypnotismus und Suggestion

"Jemanden hypnotisieren heißt nur: seine Suggestibilität künstlich erhöhen."

"Die Macht der eindringenden Vorstellung wird durch den Ton der Überzeugung, durch gewisse Gebärden, durch die Autorität, durch die sich mitteilende Erregung, durch List, durch ihr Auftreten in Gestalt eines materiellen Vorgangs wesentlich erhöht."

"Die Hypnose ist kein Schlaf; sie ist ohne Schlaf möglich."

Vor einigen Monaten veröffentlichte Herr Prof. DELBOEUF in der "Revue de l'hypnotisme" einen Aufsatz unter dem Titel: "Comme quoi il n' y a pas d'hypnotisme", der folgendermaßen begann:

"Dieser Ausspruch klingt paradox und doch zweifle ich nicht, daß Herr BERNHEIM ihn ohne Zaudern bestätigen würde."

In der Tat habe ich schon häufig die Ansicht geäußert: Es gibt keinen Hypnotismus; es gibt nur Phänomene der Suggestion.

Dieser Ausspruch ist im Allgemeinen nicht richtig verstanden worden. Einige Ärzte haben uns für Phantasten gehalten, die ihre einstigen Götter verbrannten. Daher möchte ich mir hier einige erklärende Worte erlauben.

Die größte Zahl der Mediziner und in ihrem Gefolge das Publikum, halten den sogenannten hypnotischen Zustand noch für einen eigentümlichen, abnormen, widernatürlichen, wie eine durch Katalepsie [Gliederstarre, wp], Analgesie [Ausschaltung von Schmerz, wp], Halluzinabilität und andere seltsame, hysterieforme Erscheinungen charakterisiert künstliche Neurose, die zu einer Geistesstörung führen kann. Daher ist der Hypnotismus für das Publikum, ja sogar für manchen Arzt ein Gegenstand des Abscheus; daher kommt es auch, daß auf den von ihnen Hypnotiseure genannten Ärzten ein gewisses Odium lastet.

Ich bleibe bei dem Ausspruch: Als etwas Pathologisches, als eine künstliche Neurose betrachtet, existiert ein Hypnotismus nicht. Wir schaffen im eigentlichen Sinn, mit ihm keinen besonderen Zustand des Gehirns oder des Nervensystems; wir machen uns ganz einfach nur eine physiologische Eigentümlichkeit des Gehirns - die Suggestibilität - zunutze und schaffen die zur Entfaltung dieser Suggestibilität günstigen Vorbedingungen.

Ich nenne  Suggestion  den Vorgang, durch welchen eine Vorstellung in das Gehirn eingeführt und von demselben angenommen wird.' Wenn ich zu jemandem sage: "Stehen Sie auf," so unterbreite ich seinem Gehirn die Vorstellung, aufzustehen. Diese dem Gehirn zugeführte Vorstellung macht die  von mir gegebene Suggestion  aus, die  angenommene  und in Handlung  umgesetzte  Vorstellung ist die von der betreffenden Person  realisierte Suggestion. 

An anderer Stelle habe ich dargelegt, daß jede angenommene Vorstellung dahin  strebt,  sich zu realisieren, sich in Tätigkeit umzusetzen, d. h. Bewegung, Empfindung, Bild zu werden. Die Person, zu der ich brüsk sage: "Stehen Sie auf!", erhebt sich oder bemüht sich aufzustehen. Selbst dann, wenn die ihrer Kritik unterworfene Vorstellung von ihrem Willen neutralisiert und zurückgewiesen wird, wird die erste unwillkürliche Reflexbewegung stets eine  Tendenz  nach der Tätigkeit des Aufstehens gewesen sein.

Wenn man durch einen Registrierapparat alle Muskelbewegungen der betreffenden Person aufzeichnen könnte, so würde man unzweifelhaft eine Kurve konstatieren können, die der  angefangenen,  aber, als ihre Realisation im Zuge war, vom Willen zurückgehaltenen Bewegung entspricht.

Wenn ich zu jemandem sage: "Sie haben eine Wespe auf der Stirn", so wird er es mir glauben, weil er keinen Grund hat, mir nicht zu glauben; die Suggestion ist angenommen und der wird auf der Stirn einen Stich oder ein Jucken spüren: die Vorstellung ist  Empfindung  geworden.

Wenn ich sage: "Dort läuft ein Hund", so wird das Bild des Hundes sich dem Geist meiner Versuchsperson in mehr oder weniger scharfen Umrissen präsentieren; die Vorstellung hat die Tendenz, Bild zu werden, gelangt aber nicht immer dazu.

Jede angenommene Vorstellung bildet eine Suggestion; aber nicht alle Suggestionen können sich realisieren.

Gleichviel, ob die suggerierte Tätigkeit vom Gehirn leichter oder schwerer realisiert wird, das Wesen des Phänomens bleibt immer dasselbe. Jedesmal, wenn ein Gehirndynamismus von einer Idee hervorgerufen wird, wenn in der psychischen, affektionellen, motorischen, sensitiven, sensoriellen Sphäre das Phänomen: Suggestion in Erscheinung tritt: immer handelt es sich um eine in Bewegung, Tätigkeit, Empfindung, Erregung, Bild umgewandelte Vorstellung.

Man hat meine Definition zu weitgehend gefunden. Ich halte jede Vorstellung für eine Suggestion, sie findet sich in allen unseren Handlungen: es ist das der Determinismus, welcher eine Gehirntätigkeit hervorbringt.

Man hat gesagt, "man könne nur dann von einer Suggestion sprechen, wenn die Vorstellung in dem Moment, wo sie angebracht wird, sich im Gegensatz zur objektiven Wahrheit befindet oder wenigsten mit den aktuellen Wahrnehmungen nicht konform ist." Meiner Ansicht nach heißt das die psychologische Natur des Phänomens verkennen, d. h. das Wort Suggestion willkürlich lediglich auf die künstlich erzeugten Jllusionen und Halluzinationen anwenden.

Wenn ein hervorragender Redner ruhige und gemäßigte Gemüter so entflammt, daß er sie zu gewalttätigen Handlungen hinreißt, hat er dann nicht den psychischen Dynamismus der Person, an die er seine Worte richtete, modifiziert? Hat er nicht Suggestionen gegeben? Die Advokaten, die Professoren, die Journalisten, die Geschäftsmänner, die Scharlatane sind sämtlich Suggestionäre.

Alle suggerierten und angenommenen Vorstellungen lassen sich jedoch nicht realisieren.

Unter den durch den Dynamismus des Gehirns vollzogenen Phänomenen werden die einen, die dem Willen untergeordnet sind, leicht ausgeführt, vorausgesetzt, daß diese Handlungen zu denen gehören, die unser Nervensystem zu realisieren gelernt hat. Aufstehen, gehen, schlagen, sind Vorstellungen, die sich leicht in Handlungen umsetzen.

Dagegen werden andere, unserem Willen entzogene Phänomene, uns unbewußt durch den Gehirn-Automatismus ausgeführt. Die Tätigkeit der Nervenzentren der Blutzirkulation, der Atmung, der Verdauung vollzieht sich außerhalb unseres Bewußtseins. Das sind Reflexbewegungen des vegetativen Lebens, unabhängig von der Vorstellung, d. h. der Suggestion.

Aber andere entspringen, trotzdem sie sich unabhängig von unserem Willen vollziehen, dennoch einer Suggestion, weil sie sich nicht außerhalb unseres Bewußtseins bewegen. Die Vorstellung bringt sie automatisch zustande. Die Schmerzen der Hypochonder, die Paralysen psychischen Ursprungs, der aus Nachahmung entstandene Veitstanz, das Abführen auf Pillen aus mica panis [Brotkrumen, wp], die Analgesie bei religiöser Extase, die durch Vorstellungen oder Eindrücke bei Hysterischen oder Geisteskranken erzeugten Jllusionen und Halluzinationen - das alles sind durch eine Vorstellung suggerierte automatische Phänomene, die das Gehirn ohne Einmischung des Willens ausführt.

Aber der Gehirnmechanismus dieser dem Einfluß des Ichs entzogenen Phänomene ist oft schwerer in Tätigkeit zu setzen. Die experimentelle Suggestion glückt weniger leicht, wenn sie nicht durch Mitwirkung des Willens unterstützt wird: Der Hirnautomatismus gehorcht nicht immer einem einfachen Befehl.

Wenn ich zu jemandem sage: "Ihr Arm ist gelähmt", so kann diese durch mein Wort beeinflußte Person mir zunächst Glauben schenken. Aber die Lähmung vollzieht sich nicht, wie die Bewegung, durch den von der Vorstellung in Tätigkeit gesetzten Willen allein: Die Vorstellung muß dem kortikalen [in der Gehirnrinde sitzenden, wp] motorischen Zentrum des Armes Einhalt gebieten, so daß dasselbe, durch die Vorstellung zur Untätigkeit verdammt, dem Arm nicht mehr den Nerveneinfluß, der ihn in Bewegung setzt, zuführen kann. Nun wirkt sogar der Versuch, den die betreffende Person macht, um sich zu überzeugen, ob die Lähmung vorhanden ist, durch eine Kontra-Suggestion, die viel wirksamer, weil leichter zu realisieren ist, mächtiger auf das Bewegungszentrum des Armes. Die aus der Kontrolle des Hirns resultierende Kontra-Suggestion hat die von mir eingegebene Idee neutralisiert und unwirksam gemacht.

Wenn ich zu einer Person sage: "Sehen Sie diesen großen Hund", so wird sie mir zuerst glauben. Die Vorstellung des Hundes präsentiert sich ihrem Geist; ja, dieselbe kann unter Umständen so stark sein, daß sie das Bild des Hundes skizziert. Diese Skizze ist jedoch zu farbenschwach, um überzeugend zu wirken: nun tritt die Gehirnkontrolle dazwischen, löscht die Skizze aus und neutralisiert die Suggestion.

Indessen habe ich, indem ich eine Armlähmung suggeriere, nicht einen unrealisierbaren, unserem Gehirndynamismus zuwiderlaufenden Vorgang suggeriert; denn wir wissen, daß unter gewissen Umständen die Vorstellung der Lähmung das Bild einer psychischen Paralyse schaffen und realisieren kann. Indem ich den Anblick eines Hundes suggeriere, zitiere ich nur ein im Gehirn eingezeichnetes Erinnerungsbild und wir wissen, daß wir im Schlaf oder in einer hypnagogischen Periode, die dem Schlaf vorhergeht, ja sogar bei gewissen Zuständen von Geisteskonzentration im Wachen, das gedachte Ding sehen; die Erinnerungsbilder werden so lebhaft, wie die Wirklichkeit und werden, indem sie auf diese Weise wirkliche Halluzinationen realisieren, exteriorisiert [äußert, wp]. Der Mechanismus, den ich suggeriere, ist also ein  physiologischer  Mechanismus, dessen Realisation sich mit den Eigenschaften unseres Hirns ganz gut vereinbaren läßt.'

Allein bei der Mehrzahl der Personen werden die Gläubigkeit, welche eine Vorstellung leicht annehmen läßt und der Gehirn-Automatismus, der dieselbe in Bewegung, Empfindung, Bild umsetzt, durch die Vermögen: Aufmerksamkeit, Vernunft und Urteil gesteuert, welche zusammen das ausmachen, was ich die Gehirnkontrolle nenne. Ihr ist es zu danken, daß der Automatismus nicht Alleinherrscher ist. Die Eindrücke, die verschiedene Bilder, die unaufhörlich die Tendenz haben, aus unserem Sensorium hervorzuquellen, werden durch diese Kontrolle weggefegt. Die Suggestibilität, d. h. die Gläubigkeit und die ideodynamische [unwillkürlich unbewußte, wp] Umgestaltung werden durch die denkende Tätigkeit des Gehirns eingeengt.

Damit der Gehirn-Automatismus alle Wahrnehmungen unserer Phantasie völlig realieren, damit die Suggestion bei zahlreichen Phänomenen in das automatische Gebiet eindringen könne, muß die Suggestibilität gesteigert werden.  Jemanden hypnotisieren heißt nur: seine Suggestibilität künstlich erhöhen. 

Bei der Erhöhung der Suggestibilität hat man also mit zwei Faktoren zu rechnen:
    1. mit der Annahme der Vorstellung und
    2. mit ihrer Realisation
Die Macht der eindringenden Vorstellung wird durch den Ton der Überzeugung, durch gewisse Gebärden, durch die Autorität, durch die sich mitteilende Erregung, durch List, durch ihr Auftreten in Gestalt eines materiellen Vorgangs (Elektrisation, Suspension [Stoffgemisch aus Flüssigkeit und Feststoffen, wp], etc.) wesentlich erhöht.

Die Realisation der Idee wird durch alles, was die Tätigkeit der Verstandesfähigkeiten einschränkt, erleichtert. Unterdrücken Sie die Kontrolle und der nicht mehr von ihr im Gleichgewicht erhaltene Automatismus führt die zu realisierende Handlung im größtmöglichen Grad aus.

Nun lehrt die Beobachtung, daß der Schlaf, welcher die intellektuelle Initiative aufhebt, den automatischen Phänomenen freien Lauf läßt. Alsdann werden die aus der Peripherie ausgehenden Eindrücke, die im Sensorium auftauchenden Vorstellungen zu Bildern, die scharf umschrieben wie die Wirklichkeit sein und als Wahrheit imponieren. Die Träume des Schlafes sind Autosuggestionen, spontane Halluzinationen, wie die bei den künstlich eingeschläferten Personen künstlich erzeugten Halluzinationen künstliche Träume sind. Im Schlaf befindet sich das Gehirn in einem Zustand erhöhter Suggestibilität, welche dem automatischen Dynamismus vollkommen freien Spielraum gestattet. Daher stammt die Idee, Leute in Schlaf zu versetzen, um diesen Zustand künstlich herzustellen. Daher auch die Definition des Wortes Hypnotismus: künstlich verlängert Schlaf.

Die Erfahrung lehrt jedoch, daß der Schlaf nicht notwendig ist, um dem psychischen Zustand einen für die Erzeugung aller sogenannten hypnotischen Phänomene - die Jllusionen und Affirmation [Bejahung / Zustimmung, wp], Halluzinationen mit inbegriffen - günstigen Boden zu schaffen. Die wiederholte und überzeugende , die Faszination, die religiöse Exaltation [Aufgeregtheit / Übererregung, wp], die die Gehirnkontrolle zum Schweigen bringen, erzeugen auch ohne Schlaf den Zustand erhöhter Suggestibilität.

Es gibt Menschen, bei denen dieselbe  von Haus aus  schon groß genug ist, daß die einfache Affirmation, ohne Schlaft und ohne vorhergehende ihn begünstigende Manipulationen bei ihnen alle sogenannten hypnotischen Phänomene hervorruft. Durch das einfache Wort schafft man bei ihnen Anästhesie, Kontraktur, Halluzinationen, Impulse, die verschiedensten Handlungen. Bei diesen Personen wirkt die empfangene Vorstellung genügend auf die automatischen Zentren, um sich in Handlung umzusetzen; der mäßigende Einfluß der Kontrolle hat nicht die Zeit oder die Kraft, Einhalt zu gebieten. Diese Art Leute sind ziemlich zahlreich. Bei allen guten Somnambulen können alle diese Phänomene im wachen Zustand erzielt werden. Der Schlaft ist also nicht die conditio sine qua non [unerläßliche Bedingung, wp] für die Realisation der Phänomene der Suggestion, die man gemeinhin hypnotische nennt. Er selbst ist ein durch Suggestion erzeugter organischer Akt, wir suchen ihn zu erzielen, weil er uns die anderen Maßnahmen erleichtert, obschon diese aber auch ohne Schlaf realisiert werden können.  Die Hypnose ist kein Schlaf; sie ist ohne Schlaf möglich.  Deshalb behaupte ich, daß das Wort Hypnotismus ausgemerzt und durch  "Zustand erhöhter Suggestibilität",  ersetzt werden kann. Ich schaffe durch die Suggestion Analgesie, Halluzinationen, Impulse, Schlaf, d. h. verschiedene organische Phänomene und ich sage: Hier haben wir einen Menschen mit Halluzinationen, einen Menschen, der unempfindlich gemacht, durch Suggestion eingeschläfert ist.

Übrigen kann man auch die Frage aufwerfen, ob der suggerierte, der sogenannte hypnotische Schlaf, derselbe Zustand ist, wie der natürliche. Herr Dr. SPERLING findet diese alte Frage müßig: "da man die Bedingungen des normalen Schlafes ebensowenig in allen seinen individuellen Einzelheiten kennt, wie die des hypnotischen, wäre ein Vergleich mit nicht bekannten Vergleichsobjekten müßig."

Darauf habe ich zu erwidern, daß der narkotische, hysterische, der Chloroformschlaf sehr wohl vom natürlichen Schlaf zu unterscheiden ist, trotzdem man nicht alle individuellen Einzelheiten des einen wie der andern kennt, daß man Hysterie sehr gut von Epilepsie unterscheidet, obgleich das wahre Wesen beider nicht bekannt ist. Es ist nicht müßig, sondern sehr wichtig zu wissen, ob der sogenannte hypnotische Schlaf ein natürlicher Schlaf ist oder nicht oder ob er ein abnormer, antiphysiologischer Zustand, eine künstliche Neurose ist.

Ich glaube wohl, daß es unter den durch Suggestion eingeschläferten Personen solche gibt, welche wirklich und auf natürliche Weise schlafen. Ihr äußeres Verhalten scheint wenigsten genau das gleiche zu sein. Wenn man sie sich selbst überläßt, verhalten sie sich wie gewöhnliche Schläfer; manchmal haben sie sogar spontane Träume, deren sie sich beim Erwachen erinnern und dann haben sie auch das Bewußtsein, daß sie geschlafen haben. Der einzige scheinbare Unterschied zwischen diesem Schlaf und dem natürlichen, ist der, daß ich mich einmischen und bei der betreffenden Person suggestive Phänomene hervorrufen kann. Aber dasselbe kann ich auch bei Leuten im natürlichen Schlaf tun. Wie ich oft, nach NOIZET und LIÉBEAULT beobachtet habe, kann man sich, ohne sie zu erwecken, durch Verbalsuggestion mit Schläfern in Rapport setzen und dann kann man genau dieselben Phänomene erhalten: Katalepsie, Analgesie, Halluzinationen etc., wie wenn man diese Personen durch Suggestion in Schlaf versetzt hätte. Die Mütter wissen, daß ihre Kinder ihnen oft im Schlaf Antwort geben, trinken, ohne beim Erwachen nachher etwas davon zu wisssen. Die Träume sind die von den Sinnen eingegebenen Autosuggestionen des natürlichen Schlafes.

Der künstliche Schlaf unterscheidet sich also in Wirklichkeit nicht vom gewöhnlichen Schlaf: Beide sind von erhöhter Suggestibilität begleitet. Es ist jedoch möglich, daß nicht alle vermeintlichen suggestiv Eingeschläferten auch wirklich schlafen. Es gibt viele, die nur die Jllusion des Schlafes haben. Sehen wir uns z. B. einen sehr suggestiblen Menschen an. Im wachen Zustand und im Stehen suggeriere ich ihm eine Halluzination, eine Handlung, Analgesie. Ich sage zu ihm: "Sie schlafen nicht." "Nein", versetzt er. - Nun sage ich: "Sie schlafen", worauf der "Ja" erwidert. Er behält dabei dieselbe Stellung bei, antwortet auf alle Fragen, obgleich er nicht zu schlafen scheint. Wenn ich sage: "Es ist genug, ich wecke Sie", erinnert er sich an nichts und glaubt, geschlafen zu haben. Es ist möglich, daß sich bei ihm nicht der  wirkliche Vorgang des Schlafes abspielte,  sondern daß er nur in der Jllusion desselben verfangen war. Außerdem kann ich dieser sehr empfänglichen Person die Vorstellung eines retroaktiven, einige Stunden zurückreichenden fingierten Schlafes beibringen, obwohl dieser Schlaf nie stattfand. Es verhält sich mit dem suggerierten Schlaf wie mit anderen suggerierten Sachen. Wenn ich mehreren Personen eine Rötung der Haut mit Hitzegefühl suggeriere, so gibt es welche unter ihnen, bei denen die Röte sich wirklich entwickelt; andere wiederum, bei denen das nicht der Fall ist und die nur daran glauben, die Röte zu sehen, bzw. das Brenngefühl zu haben. Und doch besteht bei ihnen nur die Jllusion des Phänomens.

Zum Schluß dieser Studie möchte ich nochmals hervorheben, daß jede vom Gehirn angenommene Vorstellung eine Suggestion bildet, daß die Suggestion leichter gelingt, d. h. daß die Vorstellung leichter aufgenommen und sich leichter in Handlung umwandelt, wenn man durch Suggestion selbst den psychischen Zustand hervorruft, der die Suggestibilität erhöht; daß bei gewissen Persönlichkeiten diese Suggestibilität von Natur hinreichen ist, um durch einfache Affirmation die sogenannten hypnotischen Phänomene sich realisieren zu lassen, daß der durch Suggestion hervorgerufene Schlaf möglicherweise nur in der Jllusion des Schlafes besteht oder daß er möglicherweise mit dem natürlichen Schlaf identisch ist.
LITERATUR - Hippolyte Bernheim, Hypnotismus und Suggestion, Zeitschrift für Hypnose, Berlin 1893