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EDUARD von HARTMANN
Philosophie des Unbewußten

"In der ganzen griechischen Philosophie finden wir nirgends den Gegensatz von Natur und Geist mit voller Klarheit hingestellt, noch weniger seine Bedeutung erkannt, am wenigsten aber in ihrer klassischen Zeit. Wenn dies schon vom Gegensatz des Realen und Idealen gilt, was dürfen wir uns wundern, daß der Gegensatz des Unbewußten und Bewußten noch viel weniger dem natürlichen Verstand einfällt und daher noch viel später in der Geschichte der Philosophie zum Durchbruch kommt, ja daß heute noch die allermeisten Gebildeten einen für närrisch halten, wenn man von unbewußtem Denken spricht."

Einleitendes
I. Allgemeine Vorbemerkungen

a. Aufgabe des Werks

"Vorstellungen zu haben,  und sich  ihrer doch nicht bewußt zu sein,  darin scheint ein Widerspruch zu liegen, denn wie können wir wissen, daß wir sie haben, wenn wir uns ihrer nicht bewußt sind. - Allein wir können uns doch mittelbar bewußt sein, eine Vorstellung zu haben, obgleich wir uns ihrer unmittelbar nicht bewußt sind." (KANT, Anthropologie $ 5. "Von den Vorstellungen, die wir haben, ohne uns ihrer bewußt zu sein.") Diese klaren Worte des klaren großen Königsberger Denkers enthalten den Ausgangspunkt unserer Untersuchungen, wie das zur Aufnahme gegebene Feld.

Das Gebiet des Bewußtseins ist ein nach allen Richtungen so durchpflügter Weinberg, daß das Verfolgen dieser Arbeiten dem Publikum fast schon zum Überdruß geworden ist, und noch immer ist der gesuchte Schatz nicht gefunden, wenn auch unverhoffte reiche Ernten aus dem durcharbeiteten Boden hervorgesproßt sind. Daß man mit der philosophischen Betrachtung dessen begann, was das Bewußtsein unmittelbar in sich fand, war sehr natürlich; sollte es nun aber nicht verlockend um der Neuheit willen und hoffnungsreich in Bezug auf den Gewinn sein, den goldenen Schatz in den Tiefen des Berges, in den edlen Erzen seines Felsgesteins, statt auf der Oberfläche des fruchtbaren Erdbodens zu suchen? Freilich bedarf es dazu des Bohrers und Meißels und langer mühevoller Arbeit, bis man auf die goldenen Adern trifft, und endlich langer Bearbeitung der Erze, bis der Schatz gehoben ist - wer die Mühe nicht scheut, der folge mir, in der Arbeit selbst liegt ja der höchste Genuß!

Der Begriff "unbewußte Vorstellung" hat allerdings für den natürlichen Verstand etwas Paradoxes, indessen ist der enthaltene Widerspruch, wie auch KANT sagt, nur scheinbar. Denn wenn wir nur von dem wissen können, was wir im Bewußtsein haben, also von dem nichts wissen können, was wir nicht im Bewußtsein haben, welches Recht haben wir dann zu der Behauptung, daß dasjenige, dessen Existenz in unserem Bewußtsein wir kennen, nicht auch außerhalb unseres Bewußtseins sollte existieren können? Allerdings, würden wir in diesem Falle weder die Existenz, noch die Nichtexistenz behaupten können, und aus diesem Grund bei der Annahme der Nichtexistenz stehen und bleiben müssen, bis wir zu der positiven Behauptung der Existenz anderswoher ein Recht bekommen. Dies war im Allgemeinen der bisherige Standpunkt. Je mehr die Philosophie jedoch den dogmatischen Standpunkt der instinktiven Sinnlichkeit und der instinktiven Verstandesüberzeugung verließ, und die nur höchst indirekte Erkennbarkeit alles bisher für unmittelbaren Bewußtseinsinhalt Gehaltenen einsah, desto mehr Wert mußte natürlich ein indirekter Nachweis der Existenz einer Sache erhalten, und so konnte es nicht fehlen, daß sich hier und da in denkenden Köpfen sich das Bedürfnis zeigte, zwecks der anderweitig unmöglichen Erklärung gewisser Erscheinungen im Gebiete des Geistes auf die Existenz unbewußter Vorstellungen als deren Ursache zurückzugehen. Alle diese Erscheinungen zusammenzufassen, aus jeder einzelnen die Existenz unbewußter Vorstellungen und unbewußten Willens wahrscheinlich zu machen, und durch ihre Summe das in allen übereinstimmende Prinzip zur Höhe einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit zu erheben, ist die Aufgabe der beiden ersten Abschnitte dieses Werks. Der erste derselben betrachtet Erscheinungen von physiologischer und zoopsychologischer Natur, der zweite bewegt isch auf dem Gebiet des menschlichen Geistes. Durch dieses Prinzip des Unbewußten erhalten zugleich die betrachteten Erscheinungen ihre einzig richtige Erklärung, die zum Teil noch ausgesprochen war, zum Teil aber bloß darum keine Anerkennung finden konnte, weil das Prinzip selbst erst durch die  Zusammenstellung aller  hierher gehörigen Erscheinungen konstatiert werden kann. Außerdem eröffnen sich aus der Anwendung dieses bisher im embryonalen Zustand befindlich gewesenen Prinzips die bedeutendsten Perspektiven auf neue Behandlungsweisen scheinbar bekannter Gegenstände; eine Menge Gegensätze und Widersprüche früherer Systeme und Ansichten finden ihre umfassende Lösung durch Herstellung des höheren, beide Seiten als unvollkommene Wahrheiten in sich befassenden Standpunktes. Mit einem Wort, das Prinzip erweist sich höchst fruchtbar für Spezialfragen. Weit wichtiger als dies aber ist die Art, wie das Prinzip des Unbewußten unvermerkt aus dem physischen und psychischen Gebiet sich zu Ansichten und Lösungen von Aufgaben erweitert, die man nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch als dem  metaphysischen  Gebiet angehörig bezeichnen würde. An unserem Prinzip aber spinnen sich diese Resultate so einfach und natürlich aus naturwissenschaftlichen und psychologischen Betrachtungen heraus, daß man den Übergang in ein anderes Gebiet gar nicht merken würde, wenn einem der Inhalt dieser Fragen nicht schon anderweitig bekannt wäre. Es drängt und zieht sich alles nach  dem Einen  hin, es  kristallisiert  gewissermaßen in jedem neuen Kapital ein Stück mehr von der Welt um diesen  Kern  herum, bis es zur  All-Einheit  erwachsen das Weltall umfaßt und sich zuletzt plötzlich als das darstellt, was den Kern aller großen Philosophien gebildet hhat, SPINOZAs Substanz, FICHTEs absolutes Ich, SCHELLINGs absolutes Subjekt-Objekt, PLATOs und HEGEL absolute Idee, SCHOPENHAUERs Wille usw.

Ich bitte deshalb, am Begriff der unbewußten Vorstellung vorläufig keinen Anstoß zu nehmen, wenn er auch zuerst wenig positive Bedeutung hat, der positive Inhalt des Begriffs kann sich erst  im Laufe  der Untersuchung  bilden,  vorerst genüge es, daß damit eine außerhalb des Bewußtseins fallende unbekannte Ursache gewisser Vorgänge gemeint ist, welche den Namen  Vorstellung  deshalb erhalten hat, weil sie mit dem uns im Bewußtsein als Vorstellung Bekannten das gemein hat, daß sie wie jene einen  idealen  Inhalt besitzt, der selbst keine Realität hat, sondern höchstens einer äußeren Realität im idealen Bild gleichen kann. Dem analog brauche ich den Kollektivbegriff "das Unbewußte" zur Bezeichnung nicht des negativen Prädikates "unbewußtes sein", sondern des unbekannten positiven Subjekts, welchem dieses Prädikat zukommt, speziell für "unbewußter Wille und unbewußte Vorstellung" in Eins gefaßt -

"Die Philosophie ist die Geschichte der Philosophie" - dieses Wort unterschreibe ich von ganzem Herzen. Wer aber das Wort so versteht, als ob nur hinter uns die Wahrheit läge, der möchte in einem tiefen Irrtum stecken, denn es gibt einen toten und einen lebenden Teil in der Geschichte der Philosophie, und das  Leben  ist nur in der  Gegenwart.  So wird an einem Baum der feste, den Stürmen trotzende Stamm von totem Holz vom Zuwachs früherer Jahre gebildet, und nur eine dünne Schicht enthält das Leben des mächtigen Gewächses, bis auch sie im nächsten Jahr zu den Toten zählt. Nicht der Blätter- und Blütenschmuck, der die Beschauer früherer Sommer am meisten bestach, war es, was dem Baum eine dauernde Stärkung verlieh, - sie halfen höchstens abgefallen und verfault seine Wurzeln dünen, - sondern der unbeachtete kleine Ringzuwachs am Stamm, und die unscheinbaren neuen Ästchen, das war es, was seine Ausdehung, Höhe und Festigkeit mehrte. Und nicht bloß Festigkeit verdankt der lebensfrische Ring seinen toten Vorfahren, sondern indem er sie  umfaßt,  auch die Größe seines Umfangs; darum ist, wie am Baum, das erste Gesetz für einen neu anschießenden Ring, daß er alle seine Vorgänger auch wirklich umfaßt und in sich beschließt, das zweite aber, daß er selbständig aus den Wurzeln von unten herauf erwächst. Die Aufgabe, das alles in der Philosophie zu vereinigen, ist fast paradox, denn wer auf der Höhe der Situation steht, pflegt die  Unbefangenheit  verloren zu haben,  vor vorn  anfangen zu können, und wer einen selbständigen Anfang unternimmt, liefert meist ein dilettantisch unreifes Produkt, weil er die bisherige historische Entwicklung nicht inne hat.

Ich glaube, daß das Prinzip des Unbewußten, welches den alle Strahlen in sich vereinenden Brennpunkt dieser Untersuchung bildet,  in dieser Allgemeinheit gefaßt,  wohl als ein neuer Standpunkt zu betrachten sein dürfte. Wie weit es mir gelungen sei, in den Geist der bisherigen Entwicklung der Philosophie einzudringen, muß ich dem Urteil der Leser überlassen; nur bemerke ich, daß in Rücksicht auf den Plan des Werks der Nachweis, daß ziemlich alles, was in der Geschichte der Philosophie als wahres Kernholz betrachtet werden kann, in den letzten Resultaten umfaßt ist, sich nur auf kurze, aber dem Kenner gewiß genügende Hindeutungen beschränken muß.


b. Methode der Untersuchung und Art der Darstellung

Man kann drei Hauptmethoden in der forschenden Wissenschaft unterscheiden, die dialektische (HEGELsche), die deduzierende (von oben nach unten), und die induzierende (von unten nach oben). Die dialektische Methode muß ich, ohne mich hier auf Erwägungen für oder wider einlassen zu können), (1) schon rein deswegen ausschließen, weil sie, wenigstens in ihrer bisherigen Gestalt, der  Gemeinverständlichkeit  entbehrt, auf welche es hier abgesehen ist; die Vertreter derselben, welche die relative Wahrheit an allem ja mehr als jeder andere anzuerkennen verpflichtet sind, werden hoffentlich auch dieses Werk seines naturwissenschaftlichen Charakters wegen nicht verdammen, zumal es ihren Tendenzen durch einen gewissen positiven Gegensatz gegen gemeinschaftliche Gegner und durch einen propädeutischen Wert für Nichtphilosophen in vieler Hinsicht entgegen kommen dürfte. Wir haben also noch das Verhältnis der deduktiven oder herabsteigenden, und der induktiven oder hinausteigenden Methode zu betrachten. -

Der Mensch kommt zur Wissenschaft, indem er die Summe der ihn umgebenden Erscheinungen zu begreifen und sich zu erklären versucht. Die Erscheinungen sind Wirkungen, zu denen er die Ursachen wissen will. Da verschiedene Ursachen die gleiche Wirkung haben können (z. B. Reibung, galvanischer Strom, und chemischer Prozeß die Wärme), kann auch  eine  Wirkung verschiedene Ursachen haben; die zu einer Wirkung  angenommene  Ursache ist mithin nur eine Hypothese, die keineswegs Gewißheit, sondern nur eine sich anderweitig bestimmende Wahrscheinlich haben kann.

Es sei die Wahrscheinlichkeit, daß  U1  die Ursache der Erscheinung  E  sei  = u1,  und die Wahrscheinlichkeit, daß  U2  die Ursache von  U1  sei  = u2,  so ist die Wahrscheinlichkeit, daß  U2  die entferntere Ursache von  E ist = u1 ⋅ u2;  voraus man sieht, daß bei jedem Schritt rückwärts in der Kette der Ursachen die Wahrscheinlichkeitskoeffizienten der einzelnen Ursachen in Bezug auf ihre nächste Wirkung sich multiplizieren, d. h. aber immer kleiner werden (z. B. 8/10 neunmal mit sich selbst multipliziert gibt circa 1/10). Wüchsen nicht die Wahrscheinlichkeitswerte der Ursachen beim Fortschreiten wiederum dadurch, daß die anzunehmenden Ursachen immer weniger werden und immer mehr Wirkungen aus  einer  Ursache erklärbar werden, (2) so würden bald die Wahrscheinlichkeiten durch die beständige Multiplikation unbrauchbar kleine Werte erhalten. Wären nun von allen Erscheinungen in der Welt die Ursachen rückwärts so weit erkannt, bis sie auf eine oder wenige letzte Ursachen oder Prinzipien zurückgeführt wären, so wäre die Wissenschaft, die  eine  ist, wie die Welt  eine  ist, in induktiver Weise vollendet. Denkt man sich nun, daß irgendjemand diese Aufgabe in vollkommenerer oder unvollkommenere Form gelöst habe, so steht die Frage offen, ob derselbe, um seine Überzeugung anderen mitzuteilen, besser tut, sie den Weg von den Erscheinungen rückwärts und aufwärts bis zu den letzten Ursachen zu führen, oder ihnen aus diesen Prinzipien von oben herunter die Welt, wie sie ist, zu deduzieren. Es handelt sich hier um eine einfache Alternative, denn wenn SCHELLING in seinem letzten System die Notwendigkeit einer Verbindung beider Wege behauptet, indem er (siehe Werke II. Abt., Bd. 3, Seite 151, Anm.) mit einer negativen, von unten aufsteigende Philosophie beginnt, und mit einer positiven von oben herabsteigenden Philosophie schließt, so ist diese Doppelheit nur dadurch möglich, daß er für beide die Gebiete sondert, und zwar erstere auf rein logischem Gebiet hält, d. h. ihre induktive Methode nur auf Tatsachen der  inneren  Erfahrung des Denkens basiert (vgl. Werke II, Bd. 1, Seite 321 und 326), während er die so als Resultat gewonnene höchste  Idee  in seiner positiven Philosophie als das  wirklich Existierende  und das Prinzip alles Seienden (vgl. II. 3, Seite 150) zu erweisen sucht, indem er von derselben nach deduzierender Methode die Tatsachen der  äußeren  Erfahrung abzuleiten unternimmt. (Ähnliches gilt für KRAUSEs aufsteigenden und absteigenden Lehrgang.) Selbst  wenn  die Resultate letzterer Deduktion den Ansprüchen der Wissenschaft irgendwie genügten, so würde doch eine solche willkürliche Trennung der inneren und äußeren Erfahrung wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen sein, jedenfalls aber für  letzteres  Gebiet unsere  obige  Alternative sich  wiederholen,  ob die aufsteigende oder absteigende Methode der Darstellung vorzuziehen sei. Die Entscheidung fällt zweifelsohne zugunsten der von unten aufsteigenden oder induzierenden Methode aus; denn
    1) steht der andere noch unten, das Unten ist also für ihn der  natürliche  Ausgangspunkt, er kommt beim Weg von unten nach oben stets vom Bekannten zum Unbekannten, während er sich auf den Standpunkt der letzten Prinzipien nur durch einen  salto mortale  versetzen kann, und dann während des ganzen Weges von  einem  Unbekannten zum andern kommt, und ganz zum Schluß erst wieder zu Bekanntem;

    2) der Mensch hält vorläufig immer seine eigene Meinung für die richtige und mißtraut folglich jeder ihm neuen Lehre; darum will er wissen,  wie  der andere zu seinem sublimen Resultat gekommen ist, wenn sein Mißtrauen sich nicht bis zum Schluß erhalten soll, und dies kann nur auf dem von unten aufsteigenden Weg geschehen;

    3) der Mensch mißtraut heimlich seinem eigenen  Verstand  ebenso sehr, als er auf seine einmal gefaßte  Meinung  fast unerschütterlich baut; darum ist es sehr schwer, jemand durch Deduktion zu überzeugen, weil er derselben immer mißtraut, auch wenn er nichts dagegen zu sagen weiß, während er bei der Induktion weniger scharf und anhaltend zu denken braucht, sondern mehr sehend und anschauend die Wahrheit herausfühlen kann;

    4) die Deduktion aus den letzten Prinzipien, selbst angenommen, daß sie unwiderleglich richtigt sei, kann wohl imponieren durch ihre Großartigkeit, Geschlossenheit und Geistreichheit, aber nicht überzeugen, denn da dieselben Wirkungen aus ganz verschiedenen Ursachen herstammen können, so beweist die Deduktion glücklichstenfalls immer nur die  Möglichkeit dieser  Prinzipien, keineswegs ihre Notwendigkeit, ja sie verleiht ihnen nicht einmal einen  bestimmten  Wahrscheinlichkeitskoeffizienten, wie die induktive Methode tut, sondern kommt über den  bloßen Begriff der Möglichkeit  nicht hinaus. Um ein Bild zu brauchen, ist es allerdings gleichgültig, wenn man den Rhein kennenlernen will, ob man stromauf oder stromab wandert, für den Bewohner der Rheinmündung ist aber doch der natürliche Weg stromauf, und wenn ein Hexenmeister kommt, der ihn mit einem Luftsprung an die Quellen versetzt, so weiß er ja gar nicht, ob dies auch die Quellen des  Rheins  sind, und ob er nicht etwa die ganze mühsame Wanderung vergebens antritt. Und kommt er dann an der Mündung dieses Flusses an, und findet sich in einer fremden Gegend statt in der Heimat, so macht ihm wohl gar der Hexenmeister weiß, daß dies seine Heimat sei, und mancher glaubt es ihm um der schönen Reise willen. -
Nach alledemm wäre es unerklärlich, wie jemand, der auf induktivem Weg zu seinen Prinzipien gekommen ist, zur Mitteilung und zum Beweis derselben die deduktive Methode nehmen sollte; dieser Fall kommt auch in der Tat niemals vor. Vielmehr sind alle Philosophen, die ihr System deduzieren (sei die Methode klar ausgesprochen, oder in verhüllter Form), in der Tat durch das einzige Mittel, das außer der Induktion übrig bleibt, zu ihren Prinzipien gekommen, durch einen Luftsprung von mystischer Natur und die Deduktion ist dann der Versuch, von ihrem mystisch erworbenen Resultat zu der zu erklärenden Wirklichkeit herabzusteigen und zwar auf einem Weg, der durch die unstatthafte Analogie mit der ganz andersartigen Wissenschaft der Mathematik und durch die blendende Evidenz der in letzterer erzielten Resultate für alle systematischen Köpfe von jeher etwas Verlockendes gehabt hat. Für jene Philosophen ist nämlich die Deduktion allerdings der natürliche Weg, da das Oben ihr gegebener Ausgangspunkt ist. Abgesehen davon, daß sowohl die Deduktion selbst als auch die zu beweisenden Prinzipien immer nach menschlicher Weise mangelhaft sein müssen, und daß demgemäß die Deduktion zwischen sich und der zu erklärenden Wirklichkeit stets eine weite Kluft offen läßt, ist das Schlimme an der Sache, daß die  Deduktion  ihre eigenen Prinzipien, wie schon ARISTOTELES wußte, überhaupt nicht  beweisen  kann, weil sie ihnen im günstigsten Fall nur die Möglichkeit, aber nicht eine bestimmte Wahrscheinlichkeit erobert,, darum gewinnen die Prinzipien durch dieselbe wohl etwas an  Verständlichkeit,  aber nicht an  Überzeugungskraft,  und eine Überzeugung von ihrer Richtigkeit zu gewinnen, bleibt ausschließlich der  mystischen Reproduktion  überlassen, wie ihre Entdeckung in mystischer Produktion bestand. Dies ist der größte Übelstand bei der Philosophie, soweit sie sich dieser Methode bedient, daß die Überzeugung von der Wahrheit ihrer Resultate nicht wie bei induktiv-wissenschaftlichen Ergebnissen  mitteilbar  ist, und selbst das Verständnis ihres Inhalts, wie bekannt, großen Schwierigkeiten unterliegt, weil es unendlich schwer ist, eine mystische Konzeption in eine adäquat-wissenschaftliche Form zu gießen. Nur zu häufig täuschen aber auch die Philosophen sich und den Leser über die mystische Entstehungsweise ihrer Prinzipien, und suchen denselben in Ermangelung guter Beweise einen wissenschaftlichen Halt durch spitzfindige Scheinbeweise zu geben, über deren Unwert sie nur die feste Überzeugung der Wahrheit des Resultats verblenden kann. Hier liegt die Erklärung jener Erscheinung, daß man sich (mit seltenen Ausnahmen einer zufälligen Geistesverwandtschaft) von der Lektüre der Philosophen unangenehm abgestoßen fühlt, wenn man auf ihre Beweise und Deduktionen blickt, aufs Höchste angezogen und gefesselt dagegen, wenn man auf die imposante Geschlossenheit ihrer System, ihre gorßartigen Weltanschauungen, ihre genialen, das Verborgendste aufhellenden Lichtblicke, ihre tiefen Konzeptionen, ihre geistreichen Apercus, ihren psychologischen Scharfblick sieht. Die Art der Beweise ist es, welche dem naturwissenschaftlichen Denker jener instinktiven Widerwillen gegen die philosophie einflößt, jenenn Widerwillen, der sich zu unserer Zeit, wo auf allen Gebieten des Lebens der Realismus über den Idealismus triumphiert, bis zur souveränen Verachtung gesteigert hat.

Aus der deduktiven Methode der Philosophen folgt ferner, daß sich über einzelne Punkte nur insoweit streiten läßt, als es Konsequenzen von Prinzipien betrifft, über die man von vornherein einig ist. Da nun aber das ganze System eine Konsequenz der obersten Prinzipien sein soll, so kann man, vorausgesetzt daß alle Konsequenzen in sich folgerichtig sind, nur das Ganze ablehnen oder akzeptieren, je nachdem man die obersten Prinzipien ablehnt oder akzeptiert, während man bei der von unten, d. h. von allgemein zugegebenen und empirisch feststehenden Tatsachen aus bauenden induktiven Philosophie der Induktion bis zu einem beliebigen Punkt zustimmend folgen, dann aber seinen Weg von dem des Philosophen trennen und an dem zugestandenen Unterbau der Pyramide einen großen Gewinn zu eigener weiterer Benutzung nach Hause tragen kann. Es ist demnach erklärlich, daß jedes deduktive System mehr oder minder einsam wie die Spinne in ihrem Netz sitzt, weil alle Differenzen schon in den obersten Prinzipien liegen, über die man niemals einig wird, wenn man mit ihnen  anfangen  will, während unter verschiedenen induktiven philosophischen Systemen (die leider bis jetzt noch nicht existieren) ein ähnliches Bewußtsein solidarischer Verknüpfung durch ein gemeinsames Fundament bestehen würde, wie in der induktiven Wissenschaft überhaupt, wo jeder einmal streng wissenschaftlich getane Schritt allen anderen weiter gehenden zugute kommt, und auch die kleinste Gabe als Baustein zum ganzen dankbar angenommen wird. Endlich ergibt sich aus Obigem, warum es der deduktiven Philosophie noch niemals gelungen ist, ihr engbegrenztes Publikum auf die Mehrzahl der Gebildeten zu erweitern, und warum es ihr ebenso wenig gelingen konnte, die große Kluft, welche sie  von der zu erklärenden Wirklichkeit scheidet,  auszufüllen.

Der Teil der Philosophie dagegen, welcher das induktive Verfahren eingeschlagen hat, und die gesamten Naturwissenschaften im weitesten Sinne des Wortes, haben zwar schätzbare Resultate untergeordneter Art und Baugrund für die Nachfolger geliefert, aber sie sin noch himmelweit entfernt von letzten Prinzipien und einem einheitlichen System der Wissenschaft.

So gähnt für beide Seiten eine Kluft; die Induktion kommt nich zu letzten Prinzipien und zum System, die Spekulation nicht zur Erklärung der Wirklichkeit und zur Mitteilbarkeit. Man kann hieraus schließen, daß sich das Ganze nicht von einer Seite her begreifen läßt, sondern daß man die Sache zugleich von beiden Seiten anfassen muß, und sich von hüben und drüben nach den vorspringendsten Punkten umtun muß, ow sich eine Brücke schlagen läßt. Denn so ganz hoffnungslos ist die Sache eben nicht. Wie in einem Gefäß mit geschmolzenem Schwefel kristallisieren die Gedanken sowohl vom Grund als von oben aus, und wenn sich nur erst die ersten am weitesten hervorragenden Nadeln erfaßt haben, dann wächst auch bald die ganze Masse zusammen. Wir sind an diesem Punkt in der Geschichte der Wissenschaft angelangt, wo sich schon die ersten Vorläufer begegnen, wie zwei Bergleute, die sich aus sich unterirdisch begegnenden Stollen durch die sie noch trennende Wand hindurch klopfen hören. Denn die induktive Wissenschaft hat in allen Zweigen der unorganischen und organischen Natur und auch in der des Geistes in neuester Zeit so gewaltige Fortschritte gemacht, daß derartige Versuche einen ganz anderen Boden unter sich finden, als z. B. die eines ARISTOTELES, PARACELSUS, BACON und LEIBNIZ. Andererseits hat aber auch die alle früheren Perioden weit überflügelnde Glanzperiode der Philosophie Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts dem spekulativen Geist eine so vielseitige Bereicherung zugeführt, daß beide Teile sich wiederum ebenbürtig gegenüberstehen. Aber freilich ist sich mit diesen Fortschritten die Welt auch klarer geworden über den polaren Gegensatz beider Gebiete, der früher sich mehr dem Bewußtsein entzog, und daher kommt es, daß jeder Forscher sich für eine der beiden RIchtungen viel bestimmter zu entscheiden pflegt, als das früher der Fall war. Darum fehlt es der Gegenwart hauptsächlich an einer Persönlichkeit, welche beide Seiten mit gleicher Liebe und Hingebung erfaßt, welche fähig ist, wenn auch nicht zur mystischen Produktion, so doch zur Reproduktion, und doch zugleich eine genaue Übersicht des exakten Wissens und die Strenge der induktiven exakten Methode sich zu eigen gemacht hat, welche endlich die vorliegende Aufgabe klar erkennt, die spekulativen (mystisch erworbenen) Prinzipien mit den bisher höchsten Resultaten der induktiven Wissenschaft nach induktiver Methode zu verbinden, und damit die allgemein zugängliche Brücke zu den Prinzipien zu schlagen, und diese bisher bloß subjektiven Überzeugungen zur objektiven Wahrheit zu erheben. Im Hinblick auf diese große und zeitgemäße Aufgabe wählte ich das Motto: "Spekulative Resultate nach induktiv-naturwissenschaftlicher Methode!" Nicht als ob ich des Glaubens wäre, ein so umfassender Kopf zu sein, wie zur Lösung dieser Aufgabe erforderlich ist, oder gar glaubte, in diesem Werk eine genügende Lösung geboten zu haben, - das soll mir fern liegen; aber damit glaube ich Dank zu verdienen, daß ich diese auch schon von anderen Männern erkannte und auf verschiedene Weisen in Angriff genommene Aufgabe klar als Ziel der gegenwärtigen, merklich an spekulativer Erschöpfung leidenden Philosophie hinstelle, daß ich in den vorliegenden Untersuchungen zur Lösung derselben nach Kräften mein Scherflein beitrage, und dadurch anderen vielleicht eine erwünschte Anregung gebe, namentlich aber, indem ich die Sache an einer bisher vernachlässigten Seite anfasse, die ich jedoch gerade für die fruchtbarste halten muß. Zugleich legt mir die ausgesprochene Auffassung die Pflicht auf, mich vor jedem der beiden Foren, sowohl dem naturwissenschaftlichen wie auch dem philosophischen, zur Beurteilung zu stellen. Das tue ich aber mit Freuden, denn ich halte jede Spekulation für falsch, die den klaren Ergebnissen der empirischen Forschung widerspricht und halte umgekehrt alle Auffassungen und Auslegungen empirischer Tatsachen für falsch, welche den strengen Ergebnissen einer rein logischen Spekulation widersprechen.

Es sei mir vergönnt, noch einige Worte über die Art der Darstellung zu sagen. Der erste Grundsatz war Gemeinfaßlichkeit und Kürze. Der Leser wird deshalb keine Zitate finden, soweit sie sich nicht im Text einflechten, jede Polemik ist auf das möglichste vermieden, außer wo sie zur Aufklärung eines Begriffs unerläßlich war. Ich traue mehr auf die siegende Kraft der positiven Wahrheit, soweit dieselbe in meiner Arbeit enthalten ist, als ich glaube, daß jemand durch eine noch so schlagende negative Polemik sich von seinen Ansichten wird abbringen lassen. Auch ziehe ich es vor, anstatt die Irrtümer und Schwächen großer Männer zu bekritteln, welche sich mit der Zeit ganz von selber durch Vergessenheit richten, ihre größten Momente hervorzuheben, wo sie ahnungsvoll das in Andeutungen vorwegnehmen, was erst die zukünftige Entwicklung in ausführlicher Zusammengehörigkeit begründet. Ferner ist oft die Gelegenheit zu interessantenn Seitenbemerkungen, zu gründlicheren, weiter ausholenden Beweisen, detaillierteren Ausführungen usw. unbenutzt gelassen, um nur nicht in eine Ausführlichkeit der Darstellung zu verfallen, mit denen wenigen meiner Leser gedient sein möchte. Daher sind die Kapitel in der größeren Mehrzahl, mit Ausnahme der grundlegenden, fast aphoristisch gehalten, weil ich glaube, daß die meisten Leser eine kurze, viel Anregung zum Selbstdenken bietende Darstellung einer erschöpfenden Behandlung des Stoffs vorziehen werden. Zugleich ist die Behandlung der Kapitel im Hinblick auf die Annehmlickeit beim Lesen möglichst so eingerichtet, daß jedes derselben eine eigene kleine Abhandlung über einen begrenzten Stoff darstellt (nur wenige machen hiervon eine Ausnahme und gehören untrennbar zusammen, wie z. B. Kapitel  C VI. und VII).  Die Kapitel der ersten beiden Abschnitte beweisen  sämtlich  und  jedes für sich  die  Existenz  des Unbewußten; ihr Verständnis und ihre Beweiskraft  stützen  und  erhöhen  sich aber gegenseitig wie eine Gewehrpyramide, also auch die späteren die früheren. Ich bitte deshalb das Urteil über die ersten gütigst zurückhalten zu wollen, mindestens bis zur Beendigung des Abschnitts  A.  Wenn aber einem Leser auch der Beweis dieses oder jenes Kapitels falsch erscheint, so fallen darum keineswegs die Beweise der anderen, wie man aus einer großen Gewehrpyramide ganz gut eins oder mehrere der Gewehre herausnehmen kann, ohne daß dieselbe einfällt. Endlich bitte ich um gütige Nachsicht in Bezug auf die einzelnen als Beispiele benutzten physiologsichen und zoologischen Tatsachen, wo einem Laien gar leicht ein Irrtum widerfahren kann, der aber für das große Ganze unmöglich von Bedeutung sein kann.


c. Vorgänger in Bezug auf den Begriff des Unbewußten.

Wie lange hat es gedauert, bis in der Geschichte der Philosophie der Gegensatz von Geist und Natur, von Denken und Sein, von Subjekt und Objekt zum klaren Bewußtsein kam, jener Gegensatz, der jetzt unser ganzes Denken beherrscht. Denn der natürliche Mensch fühlte als Naturwesen Leib und Seele in sich als Eins, er antizipierte instinktiv diese Identität, und seine bewußte Verstandesarbeit mußte erst weit gediehen sein, ehe er sich von diesem Instinkt soweit lossagen konnte, um die ganze Tragweite jenes Gegensatzes zu erkennen. In der ganzen griechischen Philosophie finden wir nirgends diesen Gegensatz mit voller Klarheit hingestellt, noch weniger seine Bedeutung erkannt, am wenigsten aber in ihrer klassischen Zeit. Wenn dies schon vom Gegensatz des Realen und Idealen gilt, was dürfen wir uns wundern, daß der Gegensatz des Unbewußten und Bewußten noch viel weniger dem natürlichen Verstand einfällt und daher noch viel später in der Geschichte der Philosophie zum Durchbruch kommt, ja daß heute noch die allermeisten Gebildeten einen für närrisch halten, wenn man von unbewußtem Denken spricht. Denn das Unbewußte ist dem natürlichen Bewußtsein so sehr  terra incognita  [unbekannter Boden - wp], daß es die Identität von  Vorstellen  und  sich einer Sache bewußt sein,  für ganz selbstverständlich und zweifellos hält. Dieser naive Standpunkt ist schon bei CARTESIUS (princ. phil. I, 9) und noch ausführlicher bei LOCKE ausgedrückt:  Versuche über den menschlichen Verstand,  Buch II, Kapitel 1, § 9: "Denn Vorstellungen haben und sich etwas bewußt sein, ist einerlei," oder § 19: "denn ein ausgedehnter Körper ohne Teile ist so denkbar, wie ein Denken ohne Bewußtsein. Sie können, wenn es ihre Hypothese erfordert, mit ebensoviel Grund sagen: Der Mensch ist immer hungrig, aber er hat nicht immer ein Gefühl davon. Und doch besteht der Hunger eben in diesem Gefühl, sowie das Denken im Bewußtsein, daß man denkt." Man sieht, daß LOCKE diese Sätze in aller Einfalt  postuliert;  es ist deshalb ganz  unrichtig,  wenn man von gewissen Seiten heute noch die Behauptung hört, LOCKE habe die Möglichkeit unbewußter Vorstellungen  bewiesen.  Er beweist nur  aus  dieser postulierten Voraussetzung, daß die  Seele  keine Vorstellung haben kann, ohne daß der Mensch sich dessen bewußt ist, weil sonst das Bewußtsein der Seele und das des Menschen zwei verschiedene Personen ausmachen würden, und daß folglich die Cartesianer in ihrer Behautung Unrecht haben, daß die Seele als denkendes Wesen unaufhörlich denken muß. - LOCKE ist mithin der erste und einzige, der diese stillschweigende Voraussetzung des natürlichen Verstandes zum wissenschaftlichen und ausführlichen Ausdruck bringt; mit diesem Schritt war aber auch naturgemäß die Erkenntnis ihrer Einseitigkeit und Unwahrheit und die Entdeckung der unbewußten Vorstellungen durch LOCKEs großen Gegner LEIBNIZ gegeben, während alle früheren Philosophen wohl im Stillen mehr auf die eine oder die andere Seite neigten, aber sich das Problem überhaupt nicht zu Bewußtsein brachten.

LEIBNIZ wurde zu seiner Entdeckung durch das Bestreben geführt, die angeborenen Ideen und die unaufhörliche Tätigkeit der Vorstellungskraft zu retten. Denn wenn LOCKE bewiesen hatte, daß die  Seele  nicht bewußt denken kann, wenn der  Mensch  sich dessen nicht bewußt ist, und sie doch immerfort denken  sollte,  so blieb nichts übrig als ein  unbewußtes  Denken. Er unterscheidet daher  perception,  Vorstellung, und  apperception bewußte Vorstellung oder schlechthin Bewußtsein (Monadologie § 14) und sagt (gesperrt gedruckt): "Daraus, daß sich die Seele des Gedankens nicht bewußt ist, folgt noch gar nicht, daß sie zu denken aufhört." (Neue Versuche über den menschlichen Verstand, Buch II, Kap. 1, § 10) Was LEIBNIZ zur positiven Begründung seines neuen Begriffes beibringt, ist freilich mehr als dürftig, aber ein ungeheures Verdienst ist es, daß er sogleich mit genialem Blick die Tragweite seiner Entdeckung übersah, daß er (§ 15) die innere dunkle Werkstätte der Gefühle, der Leidenschaften und der Handlungen, daß er die Gewohnheit und vieles anderes als Wirkungen dieses Prinzips erkennt, wenn er dies auch nur mit wenigen Worten andeutet, - daß er die unbewußten Vorstellungen für das Band erklärt, "welches jedes Wesen mit dem ganzen übrigen Universum verbindet", - daß er durch sie die prästabilierte Harmonie der Monaden untereinander erklärt, indem jede Monade als Mikrokosmos unbewußt den Makrokosmos und ihre Stelle in demselben vorstellt. Ich bekenne freudig, daß die Lektüre des LEIBNIZ es war, was mich zuerst zu den hier niedergelegten Untersuchungen angeregt hat.

Für die Auffassung der sogenannten angeborenen Ideen findet er ebenfalls die bis jetzt maßgebende Anschauung (Buch I, Kap. 3, § 20): "Sie sind nichts anderes als natürliche Fertigkeiten, gewisse aktive und passive Anlagen." (Kap. 1, § 25): "Ihre wirkliche Erkenntnis ist der Seele freilich nicht angeboren, aber diejenige, welche man eine potentielle Erkenntnis (connoissance virtuelle) nennen könnte. So ist auch die Figur, die aus dem Marmor entstehen soll, in seinen Adern bereits gezeichnet, und also im Marmor selbst, noch ehe man sie beim Arbeiten entdeckt." Es ist dasselbe gemeint, was später SCHELLING (Werke Abt. I, Bd. 3, Seite 528f) präziser ausdrückte mit den Worten: "Insofern das Ich alles aus sich produziert, insofern ist alles . . . Wissen a priori. Aber insofern wir uns dieses Produzierens nicht bewußt sind, insofern ist in uns nichts a priori, sondern alles  a posteriori  . . . Es gibt also Begriffe  a priori,  ohne daß es angeborene Begriffe gäbe. Nicht Begriffe, sondern unsere eigene Natur und ihr ganzer Mechanismus ist das uns Angeborene . . . Dadurch, daß wir den Ursprung der sogenannten Begriffe  a priori  jenseits des Bewußtseins versetzen,  wohin für uns auch der Ursprung der objektiven Welt fällt,  behaupten wir mit derselben Evidenz und dem gleichen Recht, unsere Erkenntnis sei ursprünglich ganz und durchaus empirisch, und sie sei ganz und durchaus a priori." - Nun kommt aber die schwache Seite von LEIBNIZ unbewußter Vorstellung hinten nach, die schon ihrem gewöhnlichen Namen  "petite perception"  liegt. Indem LEIBNIZ in seiner Erfindung der Infinitesimalrechnung und in vielen Teilen ein seiner Erfindung der Infinitesimalrechnung und in vielen Teilen der Naturbetrachtung, in der Mechanik (Ruhe und Bewegung), im Gesetz der Kontinuität usw. den Begriff des (mathematisch sogenannten) unendlich Kleinen mit dem glänzendsten Erfolg einführte, suchte er auch die  petite perceptions  auf diese Weise als Vorstellungen von so geringer Intensität zu fassen, daß sie sich dem Bewußtsein entziehen. Hiermit zerstörte er auf der einen Seite, was er auf der anderen erbaut zu haben schien, den wahren Begriff des Unbewußten als ein dem Bewußtsein entgegengesetztes Gebiet, und die Bedeutung desselben für Gefühl und Handeln. Denn wenn, wie LEIBNIZ selbst behauptet, das Naturell, der Instinkt, die Leidenschaften, kurz die mächtigstens Einflüsse im Menschenleben aus dem Gebiet des Unbewußten stammen, wie sollen sie durch Vorstellungen bewirkt werden, die so  schwach  sind, daß sie sich dem Bewußtsein entziehen; wie solten da nicht die  kräftigen  bewußten Vorstellungen im entscheidenden Moment  prävalieren  [überwiegen - wp]? Dies interessiert aber LEIBNIZ weniger, und für sein Hauptaugenmerk, die angeborenen Ideen und die beständige Tätigkeit der Seele, reicht allerdings seine Annahme des unendlich kleinen Bewußtseins aus. Demgemäß richten sich auch die meisten seiner  Beispiele  von  petites perceptions  auf Vorstellungen von geringem Bewußtseinsgrad, z. B. die Sinneswahrnehmungen im Schlaf. Bei alledem bleibt LEIBNIZ der Ruhm, zuerst die Existenz von Vorstellungen behauptet zu haben, deren wir uns nicht bewußt sein, und denselben eine hoche Wichtigkeit beigelegt zu haben.

Daß KANT den Begriff der unbewußten, oder wie er sie nennt,  dunklen  Vorstellung von LEIBNIZ entlehnt habe, ist an der zu Anfang angeführten Stelle unschwer zu erkennen. Daß auch er dem Gegenstand große Wichtigkeit beigelegt hat, zeigt folgende Stelle des § 5 der Anthropologie: "Daß das Feld unserer Sinnesanschauungen und Empfindungen, deren wir uns nicht bewußt sein, obgleich wir unbezweifelt schließen können, daß wir sie haben, d. h. dunkler Vorstellungen im Menschen (und so auch in Tieren) unermeßlich sei, die klaren dagegen nur unendlich wenige Punkte derselben enthalten, die dem Bewußtsein offen liegen: daß gleichsam auf dre großen Charte unseres Gemüts nur wenige Stellen illuminiert sind, kann uns Bewunderung über unser eigenes Wesen einflößen." Von scharfem Blick zeigt es, daß KANT zuerst das Wesen der Geschlechtsliebe im Unbewußten gesucht hat. Im Wesen des Begriffs scheint aber auch er wenig über den LEIBNIZschen Standpunkt des abgeschwächten Bewußtseins hinweggekommen zu sein, wie das Wort  dunkle  Vorstellung vermuten läßt, obwohl er einer höheren Auffassung auch in diesem Punkt vermöge seiner ganzen Philosophie viel näher gestanden haben muß, wie schon der Umstand beweist, daß er die LEIBNIZsche Theorie vom unendlich kleinen Bewußtsein nirgends ausdrücklich vorbringt. Auch ihm lag der Gegenstand zu fern, um demselben mehr als drei Seiten zu widmen, von denen die Hälfte nicht zur Sache gehört. Viel näher lag der Begriff des Unbewußten der Glaubensphilosophie (HAMANN, HERDER und JACOBI), die eigentlich auf ihm beruth, aber sich über sich selbst so unklar und so unfähig ist, ihre eigene Grundlage rationell zu begreifen, daß sie nie dazu kommt, das Stichwort ihrer Partei zu finden.

In voller Reinheit, Klarheit und Tiefe finden wir dagegen den Begriff des Unbewußten bei SCHELLING; es lohnt sich daher ein Seitenblick auf die Art und Weise, wie er zu demselben gekommen ist. Hierüber gibt am besten folgende Stelle Aufschluß (SCHELLINGs Werke Abt. I, Bd. 10, Seite 92f): "Die Meinung dieses (des FICHTEschen) subjektiven Idealismus konnte nicht sein, daß das Ich die Dinge außer sich  frei  und mit  Wollen  setzt, denn nur zu vieles ist, daß das Ich ganz anders wollte, wenn das äußere Sein von ihm abhinge . . . Um dies alles zeigte sich nun FICHTE unbekümmert . . . Angewiesen nun, die Philosophie da aufzunehmen, wo sie FICHTE hingestellt hatte, mußte ich vor allem sehen, wie jene unleugbare und unabweisliche Notwendigkeit" (mit der dem Ich seine Vorstellungen von der Außenwelt entgegentreten), "die FICHTE gleichsam nur mit Worten hinwegzuschalten sucht, mit den FICHTEschen Begriffen, also mit der behaupteten absoluten Substanz des Ich sich vereinigen ließe. Hier ergab sich nun aber sogleich, daß freilich die Außenwelt  für mich  nur da ist, insofern ich zugleich selbst da und mir bewußt bin (dies versteht sich von selbst), aber daß auch umgekehrt,  sowie  ich für mich selbst  da,  ich mir  bewußt  bin, daß, mit dem ausgesprochenen Ich bin, ich auch die Welt als bereits - da - seiend finde, daß also auf keinen Fall das  schon bewußte  Ich die Welt produzieren kann. Nichts verhinderte aber, mit diesem  jetzt  in mir sich-bewußten Ich auf einen Moment zurückzugehen,  wo es seiner noch nicht bewußt war,  eine Region jenseits des  jetzt vorhandenen  Bewußtseins anzunehmen, und eine Tätigkeit, die nicht mehr selbst, sondern nur durch ihr Resultat in das Bewußtsein kommt." (Vgl. auch SCHELLINGs Werke Abt. I. Bd. 3, Seite 348f). Der Umstand, daß SCHELLING keine andere Ableitung für den Begriff des Unbewußten hat. als aus der Voraussetzung des FICHTEschen Idealismus, ist wohl der Grund, daß seine zahlreichen schönen Bemerkungen über diesen Begriff auf die Bildung der Zeit nicht mehr Einfluß gehabt haben, da letztere, um seine Notwendigkeit einzusehen, einer empirischen Ableitung desselben bedurft hätte. Außer der vorhin bei Gelegenheit des LEIBNIZ schon angeführten Stelle werden im Verlauf unserer Untersuchungen noch mehrfach Zitate aus SCHELLING herangezogen werden. Hier nur noch einiges zur Orientierung im Allgemeinen (Werke I. 3. Seite 624)): "In allem, auch dem gemeinsten und alltäglichsten Produzieren wirkt mit der bewußten Tätigkeit eine bewußtlose zusammen." Die Ausführung dieses Satzes auf den verschiedenen Gebieten der empirischen Psychologie hätte  a posteriori  die Grundlage des Begriffs des Unbewußten gegeben; SCHELLING bleibt dieselbe aber (mit Ausnahme für das ästhetische Produzieren) nicht nur schuldig, sondern er behauptet auch andererseits (Werke I. 3. Seite 349): "Eine solche (zugleich bewußte und bewußtlose) Tätigkeit ist  allein  die ästhetische." Wie rein und tief trotzdem SCHELLING in der Genialität seiner Konzeption den Begriff des Unbewußten erfaßt hatte, beweist folgende Hauptstelle (I. 3. Seite 600): "Dieses ewig Unbewußte, was, gleichsam die ewige Sonne im Reicht der Geister, durch sein eigenes ungetrübtes Licht sich verbirgt, und obgleich es nie Objekt wird, doch allen freien Handlungen seine Identität aufdrücckt, ist zugleich  dasselbe  für alle Intelligenzen, die unsichtbare Wurzel, wovon alle Intelligenzen nur die Potenzen sind, und das ewig Vermittelnde des sich selbst bestimmenden Subjektiven in uns und des Objektiven oder Anschauenden, zugleich der Grund der Gesetzmäßigkeit in der Freiheit und der Freiheit in der Gesetzmäßigkeit." In selben Maß wie für SCHELLING in seiner eigenen Entwicklungsgeschichte der FICHTEsche Idealismus in den Hintergrund trat, verfiel auch der Begriff des Unbewußten diesem Schicksal. Während derselbe im transzendentalenn Idealismus eine Hauptrolle spielt, ist von ihm schon in den bald nachher erschienenen Schriften kaum noch die Rede und später verschwindet er fast ganz. Auch die mystische Naturphilosophie der SCHELLINGschen Schule, welche (besonders SCHUBERT) doch so viel auf dem Gebiet des Unbewußten verkehrt, hat sich meines Wissens mit einer Entwicklung und Betrachtung dieses Begriffes nirgends befaßt.

Bei HEGEL tritt ebenso wie in SCHELLINGs späteren Werken der Begriff des Unbewußten nicht deutlich heraus, außer in der Einleitung zu den Vorlesungen über "Philosophie der Geschichte", wo er die in Kapitel  B. X.  anzuführenden Ideen SCHELLIINGs über diesen Gegenstand reproduziert. Gleichwohl fällt HEGELs absolute Idee in ihrem Ansichsein vor ihrer Entlassung zur Natur, also auch vor ihrer Rückkehr zu sich als Geist, in jenem Zustand, wo sie die Wahrheit ohne Hülle ist, gleichsam die Gottheit in ihrem ewigen Wesen vor Erschaffung der Welt und eines endlichen Geistes, durchaus mti dem zusammen, was ich das Unbewußte nenne, wenn sie auch nur die eine Seite desselben, nämlich die Seite des Logischen oder der Vorstellung ist. Bei HEGEL erlangt nämlich der Gedanke auch erst dann das Bewußtsein, wenn er durch die Vermittlung seiner Entäußerung zur Natur den Weg vom bloßen Ansichsein zum Fürsichsein zurückgelegt, und als ein sich gegenständlich gewordener, als  Geist  zu sich selbst gekommen ist. Der HEGELsche Gott als Ausgangspunkt ist erst "ansich" und unbewußt, nur Gott als Resultat ist "für sich" und bewußt, ist Geist. Daß das Zum-Fürsich-Gelangen, Sich-Gegenstand-Werden wirklich ein Zu-Bewußtsein-Kommen ist, spricht HEGEL in Werke XIII, Seite 33 und 46 deutlich aus.

SCHOPENHAUER kennt als metaphysisches Prinzip nur den Willen, während ihm die Vorstellung in materialistischem Sinn Hirnprodukt ist, eine Tatsache, welche dadurch keine Einschränkung erleidet, daß er die Materie des Gehirns wiederum für die bloße Sichtbarkeit eines (blinden, d. h. vorstellungslosen) Willens erklärt. Der Wille, das einzige  metaphysische  Prinzip SCHOPENHAUERs ist hiernach selbstverständlich ein  unbewußter  Wille, die Vorstellung hingegen, die ihm nur das Phänomen eines Metaphysischen und daher  als  Vorstellung nicht selbst etwas Metaphysisches ist, kann auch da, wo sie unbewußt wird, niemals mit der unbewußten Vorstellung SCHELLINGs vergleichbar sein, welche ich als  gleichberechtigtes metaphysisches  Prinzip dem des unbewußten Willens  koordiniere.  Aber auch abgesehen von diesem Unterschied des Metaphysischen und Phänomenalen bezieht sich die "unbewußte Rumination", auf welche SCHOPENHAUER in zwei übereinstimmenden Apercus  (Welt als Wille und Vorstellung,  3. Auflage II, Seite 148 und  Parerga  2. Auflage, Seite 59) zu sprechen kommt, und welche er ins Innere des Gehirns verlegt, doch nur auf die dunklen und  undeutlichen  Vorstellungen des LEIBNIZ und KANT: welche vom Licht des Bewußtseins  zu  schwach beschienen sind, um klar hervorzutreten, welche also bloß unterhalb der Schwelle des deutlichen Bewußtseins gelegen sind, und sich von den deutlich-bewußten Vorstellungen  nur graduell  (nicht wesentlich) unterscheiden. SCHOPENHAUER erreicht also den wahren Begriff der absolut unbewußten Vorstellung in diesen beiden, übrigens für seine Philosophie ganz einflußlosen Apercus ebensowenig wie in einer anderen Stelle, wo er vom gesonderten Bewußtsein untergeordneter Nervenzentren im Organismus spricht (W. a. W. u. V. II, Seite 291). Einen Anknüpfungspunkt für die wahre, absolut unbewußte Vorstellung bietet das SCHOPENHAUERsche System allerdings, aber eben nur da, wo es sich selbst untreu wird und sich mit sich selbst in Widerspruch setzt, indem ihm die  Idee,  welche ihm ursprünglich nur eine andere Gattung von Anschauung des zerebralen Intellekts ist, zu einer der realen Individuation vorhergehenden und dieselbe bedingenden metaphysischen Wesenheit wird (vgl. meinen Aufsatz: "Über die notwendige Umbildung der Schopenhauer'schen Philosophie aus ihrem Grundprinzip heraus" in den "Philosophischen Monatsheften" Bd. II, Heft 6, besonders Seite 461 - 466). Hiervon zeigt aber SCHOPENHAUER selbst keine Ahnung, so daß es ihm z. B. nicht einfällt, die Idee zur Erklärung der Zweckmäßigkeit in der Natur heranzuziehen, welche ihm vielmehr in echt idealistischer Weise ein bloßer subjektiver Schein ist, der durch die Auseinanderzerrung des real Einen in das Nebeneinander und Nacheinander von Raum und Zeit entsteht, wobei dann die wesentliche Einheit in Form einer eigentlich gar nicht existierenden teleologischen Beziehung hindurchschimmert, so daß es ganz verkehrt wäre, in der Zwecktätigkeit der Natur etwa  Vernunft  zu suchen. Dabei merkt er aber gar nicht, daß der unbewußte Naturwille  eo ipso  [schlechterdings - wp] eine unbewußte Vorstellung als Ziel, Inhalt oder Gegenstand seiner selbst voraussetzt, ohne die er leer, unbestimmt und gegenstandslos wäre; so gebärdet sich dann der unbewußte Wille in den scharfsinnigen und lehrreichen Betrachtungen über Instinkt, Geschlechtsliebe, Leben der Gattung usw. immer genau so,  als ob  er mit einer unbewußten Vorstellung verbunden wäre, ohne daß SCHOPENHAUER letzteres wüßte oder zugäbe. Allerdings fühhlte SCHOPENHAUER, der wie alle Philosophen und die menschliche Natur überhaupt im Alter leise mehr und mehr vom Idealismus zum Realismus hin gravitierte, im Stillen wohl eine gewisse Notwendigkeit, den Schritt, den SCHELLING längst über FICHTE hinaus getan hatte, den Schritt vom subjektiven zum objektiven Idealismus nachzutun; aber er selbst konnte sich nicht dazu entschließen, den Standpunkt seiner Jugend (speziell das erste Buch seines Hauptwerks) entschieden zu desavouieren, und mußte diesen Entschluß seinen Schülern (FRAUENSTÄDT, BAHNSEN) überlassen. So finden wir hierüber nur Andeutungen, die, weiter ausgeführt, den ganzen bisherigen Standpunkt seines Systems verrücken würden, z. B. die Stelle  Parerga,  2. Auflage, II Seite 291 (auf welche Dr. Freiherr DUPREL in COTTAs "Deutscher Vierteljahrsschrift", Heft 129 hingewiesen hat), wo er die Möglichkeit hinstellt, daß nach dem Tod dem "ansich erkenntnislosen Willen" eine höhere Form des erkenntnislosen Bewußtseins zukommen könne, in welchem der Gegensatz von Subjekt und Objekt aufhört. Nun ist aber ales Bewußtsein  eo ipso  Bewußtsein eines Objekts mit mehr oder minder deutlich bewußter Beziehung auf den korrelativen Begriff des Subjekts, also ein  Bewußtsein,  in welchem dieser Gegensatz aufhört, undenkbar; wohl aber ist eine  unbewußte Erkenntnis  ohne diesen Gegensatz denkbar, wie SCHOPENHAUER ihr in der Schilderung der intuitiven Idee bereits sehr nahe getreten ist (W. a. W. u. V. I, § 34). Man wird also zugeben müssen, daß SCHOPENHAUER hier das Richtige geahnt, ihm aber einen verkehrten Ausdruck gegeben hat und dadurch verhindert worden ist, dieses Apercu an die einzig mögliche Stelle in seinem System einzufügen. Nur sein gehässiges Vorurteil gegen SCHELLING hinderte ihn, dort all das zu finden, was ihm mangelt, und wonach er an dieser Stelle vergeblich ringt.

HERBART versteht unter "bewußtlosen Vorstellungen" solche, "die  im Bewußtsein  sind, ohne daß  man sich   ihrer bewußt ist" (Werke V, Seite 342), d. h. ohne daß man dieselben "als die seinigen beobachtet und an das Ich anknüpft", oder mit anderen Worten, ohne daß man dieselben mit dem  Selbstbewußtsein  in Verbindung bringt. Dieser Begriff bietet keine Gefahr der Verwechslung mit dem wahrhaft Unbewußten; dagegen ist um der von FECHNER gemachten Anwendungen willen ein anderer von HERBART behandelter Begriff zu berücksichtigen, nämlich der "der Vorstellungen unterhalb der Schwelle des Bewußtseins", welche nur, ein von der Realisierung mehr oder minder entferntes  Streben  nach Vorstellung repräsentieren, selbst aber "durhcaus kein wirkliches Vorstellen" sind, vielmehr für das Bewußtsein nicht einmal Nichts, sondern "eine unmögliche Größe" bedeuten (HERBARTs Werke V, Seite 339 - 342). HERBART kommt auf diesen schwer zu fassenden Begriff dadurch, daß er gemäß der Anschauungsweise des LEIBNIZ eine Kontinuität der Ab- und Zunahme im Übergang von wirklichen Vorstellungen des Bewußtseins zu solchen, die im Gedächtnis schlummern, und umgekehrt, festhalten, auch die Möglichkeit eines Aufeinander-Wirkens dieser schlummernden Gedächtnisvorstellungen nicht aufgeben wollte, trotzdem aber sich nicht zu einer materialistischen Erklärungsweise dieser Prozesse herbeilassen konnte, in der Art, daß er in ihnen nur materielle Prozesse herbeilassen konnte, in der Art, daß er in ihnen nur materielle Hirnprozesse von einer für die Bewußtseinserregung nicht ausreichenden Stärke gesehen hätte. Nun ist aber auf dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft unschwer zu sehen, daß die sogenannten schlummernden Gedächtnisvorstellungen durchaus nicht Vorstellungen  in actu,  in Tätigkeit, sondern bloß  Dispositionen  des Gehirns zur leichteren Entstehung dieser Vorstellungen sind. Wie eine Saite auf den Ton  a  oder  c  resoniert, je nachdem sie auf  a  oder  c  gestimmt ist, so entsteht auch im Gehirn leichter die eine oder die andere Vorstellung, je nachdem die Verteilung und Spannung der Hirnmoleküle so beschaffen ist, daß sie leichter mit der einen oder der andern Art von Schwingungen auf einen entsprechenden Reiz antwortet. Was bei der Saite das Stimmen ist, das ist für das Gehirn die bleibende Veränderung, welche eine lebhafte Vorstellung nach ihrem Verschwinden in Verteilung und Spannung der Moleküle hinterläßt. Daß aber jede Vorstellung wirklich in endlicher und zwar ziemlich kurzer Zeit völlig verklingt, ist schon  a  priori einzusehen, da nur eine Bewegung, welche keinen Widerstand findet, unendlich lange fortdauern kann, im Gehirn aber die Widerstände sehr stark sind, die sich jeder Bewegung widersetzen. Es kann demnach HERBARTs unbewußter Zustand der Vorstellung nur innerhalb der Grenzen bestehen bleiben, welche durch das Aufhören der Bewegung einerseits und das Aufhören der bewußten Vorstellung bei noch fortdauernder Bewegung der Hirnschwingungen andererseits gegeben sind, vorausgesetzt, daß beide Grenzen nicht zusammenfallen. Die Frage ist also
    1) ob  jede  Stärke von Hirnschwingungen eine Vorstellung erweckt, oder ob die Vorstellung erst bei einer gewissen Stärke derselben beginnt, und

    2) ob durch jede Stärke von Hirnschwingungen ein  bewußte  Vorstellung erregt wird oder erst von einer gewissen Stärke an.
Diesen Fragen ist FECHNER in seinem ausgezeichneten Werk "Psychopysik" näher getreten. Sein Gedankengang ist folgender: Nicht jeder sinnliche Reiz bewirkt Sinnesempfindung, sondern nur von einer gewissen Größe an, die  Reizschwelle  heißt; z. B. eine tönende Glocke wird erst von einer gewissen Entfernung aus gehört. Addieren sich mehrere gleichartige, einzeln nicht wahrnehmbare Reize, so entstehen bewußte Empfindungen; z. B. durch mehrere zugleich tönende ferne Glocken, deren jede einzeln man nicht hören würde, oder das Blattgeflüster im Wald. Nun könnte man dies zwar so erklären, daß der Reiz unter der Schwelle nur darum keine Empfindung bewirkt, weil er nicht stark genug ist, um die Leitungswiderstände im Sinnesorgan und Nerven bis zum Zentralorgan zu überwinden, daß aber die Seele auf den kleinsten, im Zentrum selbst angelangten Reiz mit entsprechender Empfindung reagiert. Diese Annahme reicht aber allein nicht aus, denn sie paßt nicht auf  Empfindungs unterschiede. Denn verschieden starke, gleichartige Reize bewirken verschiedene Empfindungen; doch muß auch hier der Unterschied der Reize ein gewisses Maß (die Unterschiedsreizschwelle) überschreiten, wenn die Empfindungen als verschieden wahrgenommen werden sollen. Hier können offenbar Leitungswiderstände nicht für die Erscheinung verantwortlich gemacht werden, da  jede  der Empfindungen groß genug ist, dieselben zu überwinden. Andererseits können aber für Reizschwelle und Unterschiedsschwelle auch nicht verschiedene Prinzipien geltend gemacht werden, da der erste Fall auf den zweiten Fall  zurückführbar  ist, wenn in letzteren der eine Reiz  = 0  gesetzt wird. Mithin bleibt nur die Annahme übrig, daß die Schwingunen am  Zentrum  einen gewissen Grad überschreiten müssen, ehe die Empfindung erfolgt. Was hierbei für die Sinnesempfindung gilt, gilt natürlich für jede andere Vorstellung und ist somit die zweite Frage entschieden. Es bleibt die Ermittlung offen, ob die Reize unter der Schwelle die Seele  überhaupt  zu einer Reaktion bringen, welche dann eine unbewußte Empfindung oder Vorstellung wäre, oder ob die Reaktion der Seele erst bei der Schwelle beginnt.

Hören wir weiter auf FECHNER. Das sogenannte WEBER'sche Gesetz lautet: "Zwei gleichartige Empfindungsunterschiede verhalten sich wie die zwei Quotienten der zugehörigen Reize", und die von FECHNER hieraus höchst geistreich abgeleitete Formel lautet:  γ = k log β / b,  worin  γ  die Empfindung beim Reiz  β, b  die Reizschwelle, d. h. der Wert des Reizes, bei dessen kleinster Überschreitung  γ  den Wert  0  überschreitet, und  k  eine Konstante ist, welche die Beziehung der Maßeinheiten von  β  und  γ  enthält. Wird nun  β  kleiner als  b,  d. h. der Reiz kleiner als die Reizschwelle, so wird  γ  negativ und sinkt umso weiter unter  O,  als  β  sinkt (bei  &bta; = O  ist  γ = - ∞). 

Diese negativen  γ's  nennt nun FECHNER  "unbewußte  Empfindungen", aber auch mit dem vollen Bewußtsein, in diesem Wort nur eine Lizenz des Ausdrucks zu haben, welche bedeuten sollen, daß die Empfindung  γ  sich umso mehr von der Wirklichkeit entfernt, je weiter  &gamm;  unter  0  sinkt, d. h. daß  ein immer größerer Zuwachs des Reizes  dazu erforderlich ist, um nur erst den Nullwert von  γ  wieder hervorzubringen, und dieses an die Grenze der Wirklichkeit zurückzurufen. Das negative Vorzeichen vor  γ  bedeutet also hier (wie anderweitig oft das Imaginäre) die Unlösbarkeit der Aufgabe, aus der gegebenen Reizgröße eine Empfindung zu berechnen.

Über die sachliche Bedeutung des negativen Vorzeichens sagt FECHNER sehr richtig, kann nur die vernünftige Vergleichung des Rechenansatzes mit den erfahrungsmäßigen Tatsachen Aufschluß geben. Darum weist er den Seitenblick auf Wärme und Kälte hier als ganz ungehörig zurück, und verbietet, aus positiven und negativen  γ's  eine algebraische Summe zu ziehen, ebenso wie das bei Flächenberechnungen durch rechtwinklige Koordinaten mit den positiven und negativen Flächenstücken unzulässig ist. "Mathematisch kann der Gegensatz der Vorzeichen ganz ebenso gut auf den Gegensatz der Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, als der Zunahme und Abnahme oder der Richtungen bezogen werden. - Im System der Polarkoordinaten bedeutet er den Gegensatz der Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit einer Linie, so aber, daß größere negative Werte eine  größere> Entfernung von der Wirklichkeit  Radiusvektor 
als Funktion eines Winkels gültig ist, auf die Empfindung als Funktion eines Reizes zu übertragen" (Psychophysik II, Seite 40). Was hier für den algebraischen Ausdruck der Funktion gilt, gilt natürlich auch für eine geometrische Veranschauligung als Kurve, wo der sichtbare Zusammenhang des positiven und negativen Teils das Urteil von neuem gefangen nehmen könnte. Man sieht, daß es schwer ist, für die negativen  γ's  einen bezeichnenden Ausdruck zu finden, der nicht zu Mißverständnissen Anlaß geben könnte; das beste wäre vielleicht, geradezu "unwirkliche Empfindung" zu sagen. FECHNER ist jedoch aus der willkürlichen Benutzung des Wortes unbewußte Empfindung kein Vorwurf zu machen, da er unsere positive Bedeutung des Unbewußten nicht kennt oder wenigstens nicht anerkennt. Schlimmer aber ist es, daß FECHNER später so inkonsequent war, sich in der Tat durch den Zusammenhang der geometrischen Kurven unterhalb der Schwelle täuschen zu lassen, und von einem realen Zusammenhang der Bewußtseine verschiedener Individuen unterhalb der Schwelle zu sprechen. -

Ich bin hierauf so ausführlich eingegangen, weil ich mich vor Verwechslung mit dem FECHNERschen Begrif der unbewußten Empfindung wahren, zugleich dem trefflichen Werk den Zoll meiner Hochachtung darbringenn und endlich die Gelegenheit benutzen wollte, den Leser mit dem Begriff der Schwelle bekannt zu machen, der in den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft von Bedeutung ist, und den auch wir für unsere Untersuchungen nicht entbehren können. Daß übrigens eine gewisse Stärke des Hirnreizes dazu gehört, um überhaupt die Seele zu einer Reaktion zu nötigen, ist teleologisch sehr begreiflich; denn was sollte aus uns armen Seelen, werden, wenn wir fortwährend auf die unendliche Menge unendlich kleiner Reize reagieren sollten, die uns unaufhörlich umspielen. Aber wenn die Seele einmal auf einen Hirnreiz reagiert, so ist auch  eo ipso  das Bewußtsein gegeben, wie in Kap. C. III. gezeigt wird; dann können diese Reaktionen nicht mehr unbewußt bleiben. Wollte man hier aber auf die Theorie vom unendlich kleinen Bewußtsein zurückkommen, so wird dieselbe einfach durch das Experiment widerlegt, welches zeigt, daß die bewußte Empfindung  stetig  abnimmt bis zum Nullwert, dem die Reizschwelle entspricht, also die unendlich kleinen Werte  in der Tat oberhalb der Schwelle durchläuft,  wo wirklich noch unendlich kleines Bewußtsein vorhanden ist, mit der Schwelle selbst aber  0  wird, d. h.  absolut aufhört;  ich verweise darüber auf FECHNERs Werk.

In die neuere  Naturwissenschaft  hat der Begriff des Unbewußten noch wenig Eingang gefunden; eine rühmliche Ausnahme macht der bekannte Physiologe CARUS, dessen Werke "Psyche" und "Physis" wesentlich eine Untersuchung des Unbewußten in seinen Beziehungen zu leiblichen und geistigem Leben enthalten. Wie weit ihm dieser Versuch gelungen ist, und wieviel ich bei dem meinigen von ihm entlehnt haben könne, überlasse ich dem Urteil des Lesers. Jedoch füge ich hinzu, daß der Begriff des Unbewußten hier in seiner Reinheit, frei von jedem unendlich kleinen Bewußtsein klar hingestellt ist. Außer bei CARUS hat auch noch in einigen Spezialuntersuchungen der Begriff des Unbewußten sich eine Geltung erzwungen, welche indessen selten über das betreffende spezielle Gebiet ausgedehnt worden ist. So sieht sich z. B. PERTY in seinem Buch: "Über das Seelenleben der Tiere" (Leipzig und Heidelberg 1865) zu einer Ableitung des Instinkts aus unbewußten Momenten hingeführt, und ebenso erkennt WUNDT, Beiträge zu einer Theorie der Sinneswahrnehmung", Leipzi und Heidelberg 1862, auch in HENLEs und PFEUFFERs Zeitschrift für rationale Medizin 1858 und 59) die Notwendigkeit an, zur Erklärung der Entstehung der Sinneswahrnehmung auf unbewußte geistige Prozesse, z. B. unbewußte Schlußfolgerungen, zurückzugehen, eine Darlegung, welche von HELMHOLTZ gebilligt worden ist. Zur Annahme unbewußter Schlüsse findet sich auch ZÖLLNER bewogen zwecks Erklärung derjenigen pseudoskopischen [die Bilder beiden Augen werden vertauscht - wp] Phänomene, welche bei Unmöglichkeit einer physiologischen Erklärung eine psychologische Erklärung notwendig erfordern (vgl. POGGENDORFs Annalen 1860, Bd. 110, Seite 500f) Ferner beginnt BASTIAN seine "Beiträge zur vergleichenden Psychologie" (Berlin 1868) mit den Worten (Seite 1): "Daß  nicht wir  denken, sondern daß  es in uns  denkt, ist demjenigen klar, der aufmerksam auf das zu sein gewohnt ist, was in uns vorgeht." Dieses "Es" liegt aber, wie namentlich aus Seite 120f hervorgeht, im Unbewußten. Indessen geht auch dieser Forsher nicht über unbestimmte Andeutungen hinaus.

Auch in der modernen Behandlung der  Geschichte  zeigen sich Spuren, daß die Leistungen SCHELLINGs und HEGELs (auf die wir noch zu sprechen kommen) von der Gegenwart doch nicht ganz vergessen sind. So sagt FREYTAG in der Vorrede zum 1. Band seiner "Bilder aus der deutschen Vergangenheit", 5. Auflage, Bd. I, Seite 23f: "Alle großen Schöpfungen der Volkskraft, angestammte Religion, Sitte, Recht, Staatsbildung sind für uns nicht mehr die Resultate einzelner Männer, sie sind organische Schöpfungen eines hohen Lebens, welches zu jeder Zeit nur durch das Individuum zur Erscheinung kommt, und zu jeder Zeit den geistigen Gehalt der Individuen in sich zu einem mächtigen Ganzen zusammenfaßt . . . So darf man wohl, ohne etwas Mystisches zu meinen, von einer  Volksseele  sprechen . . . Aber  nicht mehr bewußt,  nicht so zweckvoll (?) und verständig, wie die Willenskraft des Mannes, arbeitet das Leben des Volks. Das Freie, Verständige in der Geschichte vertritt der Mann, die Volkskraft wirkt unablässig mit dem  dunklen Zwang  einer  Urgewalt,  und ihre geistigen Bildungen entsprechen zuweilen in auffallender Weise den  Gestaltungsprozessen  der  stillschaffenden Naturkraft,  die aus dem Samenkorn der Pflanze Stile, Blätter und Blüte hervortreibt." - Eine weitere Ausführung dieser Gedanken ist es, welche den Arbeiten von LAZARUS über "Völkerpsychologie" zugrunde liegt (vgl. meinen Aufsatz "Das Wesen des Gesamtgeistes" in der "Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik").
LITERATUR - Eduard von Hartmann, Philosophie des Unbewußten, Berlin 1870
    Anmerkungen
    1) Meine Ansichten über dieselbe habe ich in einer besonderen Schrift "Über die dialektische Methode", Berlin 1868, niedergelegt.
    2) Das Wachsen geschieht nach der weiter unten entwickelten Formel.