p-4cr-2W. TatarkiewiczW. WundtM. NemoW. SchuppeR. Seydel     
 
EDUARD von HARTMANN
Der naive Realismus
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"Die Optik zeigt, daß die Dinge durch ihr reflektiertes Licht zwar auf das Sehorgan eine Einwirkung oder einen Reiz ausüben, daß aber die Anordnung dieser Reize zu einem dem Ding ähnlichen Bild nur durch eine besondere physiologische Einrichtung des Organs herbeigeführt werden kann. Damit war die Annahme beseitigt, daß das Sehen das Ding selbst, sei es in seiner Einheit und Ganzheit, sei es in verschickten Gestaltproben, wahrnimmt."

"Es stellte sich heraus, daß die Raumzeitlichkeit der Atombewegungen von der Physik als Vorbedingung ihrer eigenen Möglichkeit im Interesse der Selbsterhaltung festgehalten werden muß. Gäbe die Physik die Raumzeitlichkeit der Atombewegungen auf, so gäbe sie sich selbst auf, so müßte sie vom Schauplatz der Wissenschaft abtreten, auf dem nun nichts mehr für sie zu tun übrig bliebe."

"Bei den auf größere Entfernung durch ein Medium fortgepflanzten Wirkungen der Dinge kann nicht mehr von der Wahrnehmung einer unmittelbaren Wirkung gesprochen werden, da jedes der zahllosen Atome des Mediums nur auf das folgende wirkt und die undulatorische Erregung an seinen Nachbarn weiter gibt."

"Diese konstanten Gruppen gesetzmäßiger Kraftäußerungen, die wir Dinge nennen, sind so in der Tat in ihrem Fortbestand und in ihrer Beschaffenheit ganz unabhängig davon, ob ein Teil ihrer Wirkungen zufällig auf ein Wahrnehmungsorgan trifft oder nicht; sie sind also das was sie sind, an sich, d. h. ganz abgesehen davon, ob sie von irgendeinem Subjekt wahrgenommen werden oder nicht, und gerade dies ist der Sinn des erkenntnistheoretischen Begriffes  Ding an sich." 

"Das Bewußtsein kann nicht über die Grenzen seines subjektiv-idealen Inhalts hinausgreifen, und der Inhalt alles Bewußtwerdens ist auf die eigene psychische Zuständlichkeit beschränkt. Was ich fühle, ist  mein  Gefühl; was ich empfinde, ist  meine  Empfindung; was ich anschaue, ist  meine  Anschauung; was ich vorstelle, ist  meine  Vorstellung, was ich denke, ist  mein  Gedanke; was Objekt meines Bewußtseins ist, hat sich eben dadurch als Inhalt  meines  Bewußtseins, als Moment  meiner  Subjektivität, als Zuständlichkeit  meines  seelischen Innern, als subjektiv-ideales Sein ausgewiesen."


2. Die Unhaltbarkeit des naiven Realismus.

a) Die physikalische Widerlegung
des naiven Realismus.

Der naive Realismus war von der Voraussetzung ausgegangen, daß es überall  Stoffe,  nicht  Kräfte  sind, welche durch unmittelbare Berührung mit dem Sinnesorgan in ihrer besonderen Beschaffenheit wahrgenommen werden, und daß die wahrzunehmenden Stoffe von den Dingen zu den Sinnen probeweise verschickt werden, wenn die Dinge selbst von den Sinnen räumlich getrennt bleiben. Diese Ansicht ist physikalisch unhaltbar und erleidet eine vollständige Umwandlung in ihr Gegenteil, indem die Physik allen Stoff in Systeme von Kräften, alle scheinbare stoffliche Berührung in dynamische Fernwirkung, und alle vermeintliche Emission von unwägbaren Stoffen in eine Fortpflanzung von Wellenbewegungen der Kraftpunkte auflöst.

Diese Umwandlung beginnt bei der Lehre vom Schall, weil hier die Wellenschwingungen sich im gröbsten Medium fortpflanzen und am leichtesten dem Auge sichtbar zu machen sind. Der Physiker findet bei seiner Analyse der äußeren Vorgänge, welche den Schall im Ohr entstehen lassen, nichts, was mit der Schallempfindung irgendeine Ähnlichkeit hätte, sondern nur wellenförmige Bewegungen in elastischen festen Körpern oder Gasen. Er gelangt dadurch zu der Überzeugung, daß es nur diese Bewegungsform ist, welche sich von der Tonquelle zum Ohr fortpflanzt, aber nicht ein schon fertiger Schall, und daß der Schall erst eine Wirkung ist, welche das Anschlagen der Luftwellen im Ohr hervorruft.

Den zweiten Stoß erhielt der naive Realismus von seiten der Naturwissenschaft durch die Klarlegung der dioptrischen und katoptrischen Gesetze, da diese selbst auf dem Boden der Emissionstheorie zur Umstoßung der naiv-realistischen Ansichten über das Sehen genügte. Denn die Optik lehrte, daß weder etwas vom Auge zu den Dingen ausstrahlt, noch auch fertige Bilder von den Dingen zum Auge hinfliegen, sondern daß nur die gesetzmäßig zurückgeworfenen und zerstreuten Strahlen des auffallenden Lichtes von den beleuchteten Dingen zum Auge hin geleitet werden, und daß ohne eine besondere Einrichtung des Auges gar kein Bild des Dinges, sondern nur eine Unterscheidung von hell und dunkel zustande kommen würde. Die Optik zeigte also bereits auf dem Boden der Emissionstheorie, daß die Dinge durch ihr reflektiertes Licht zwar auf das Sehorgan eine Einwirkung oder einen Reiz ausüben, daß aber die Anordnung dieser Reize zu einem dem Dinge ähnlichen Bilde nur durch eine besondere physiologische Einrichtung des Organs herbeigeführt werden kann. Damit war die Annahme beseitigt, daß das Sehen das Ding selbst, sei es in seiner Einheit und Ganzheit, sei es in verschickten Gestaltproben, wahrnimmt, und festgestellt, daß das Sehen nur Reize oder Wirkungen wahrnehmen kann, die vom Ding als ihrer Ursache ausgehen.

Aber noch immer konnte sich die Vorstellung behaupten, daß, wenn auch nicht die Gestalt des Dinges, so doch das von ihm ausgestrahlte oder reflektirte Licht selbst wahrgenommen wird, in dem Sinne, daß dieser ins Auge eindringende physikalische Lichtstoff identisch sei mit dem wahrgenommenen Licht. Die Aufrechterhaltung dieser Ansicht wurde sehr schwierig schon gegenüber der Brechung des weißen Lichtstrahls in unendlich viele Strahlen von unendlich verschiedener Brechbarkeit und Fortpflanzungsgeschwindigkeit, welche vom Auge als verschiedenfarbiges Licht mit unendlich vielen Abstufungen wahrgenommen werden; denn entweder war nun das scheinbar einfache Licht etwas unendlich zusammengesetztes (NEWTON), oder die Farbe mußte aus der physikalischen Welt der Dinge-ansich gestrichen und auf eine bloß subjektive Erscheinung zurückgeführt werden (GOETHE). In beiden Fällen ging die vorausgesetzte Identität des physikalischen und des wahrgenommenen Lichtes in die Brüche. Aber die Entscheidung wurde erst durch die Bekanntschaft mit den Erscheinungen der Polarisation und Interferenz des Lichts herbeigeführt, welche den Sieg der Undulationstheorie über die Emissionstheorie sicherte. Nun war die physikalische Ursache der Lichterscheinungen ebenso wie diejenige der Schallerscheinungen als eine wellenförmige Bewegung festgestellt, welche auf bestimmte Schwingungsebenen beschränkt (polarisiert) werden konnte, und deren Wellenberge und Wellentäler sich beim Zusammentreffen gegenseitig auslöschen mußten. Damit war jeder Gedanke an eine Ähnlichkeit des physikalischen Lichtstrahls und der Lichtempfindung beseitigt, und das von den Dingen ausgesandte physikalische Licht als ein der Wahrnehmung durchaus heterogener Reiz erkannt, der selbst wieder nur eine Wirkung des Dinges und seines Reflexionsvermögens ist.

Die Undulationstheorie erstreckte sich zunächst weiter auf die Wärme, indem Licht und Wärme als identische Schwingungsformen erkannt wurden, die nur durch die Schwingungsgeschwindigkeit (also auch Wellenlänge und Brechbarkeit) verschieden sind. Wenn die Hautnerven meiner Hand die Wärmestrahlung der Sonne oder eines Feuers empfinden, so ist es nun nicht mehr ein Wärmestoff, den ich als das, was er ist, wahrnehme, sondern es sind Ätherschwingungen, welche meine Haut durchdringen und in einer uns noch unbekannten Weise auf ihre Nervenendigungen als Reiz wirken. Und wenn ich meine Hand an den warmen Ofen lege, so ist es auch bei dieser Wärmeleitung doch wiederum der die Körpermoleküle umgebende Äther, welche den Schwingungszustand von einem Moleküle auf das benachbarte, von der Oberfläche des Ofens auf die Oberfläche der Hand überträgt.

Das Gleiche gilt für elektrische Entladungen, deren Erschütterung ich fühle, oder für chemische Agentien in einem flüssigem oder gasförmigem Aggregatzustand, welche die Schmeckbecher meiner Zunge oder die Nervenendigungen meiner Riechmuscheln umspülen. Sofern ein Stoff geschmeckt oder gerochen werden soll, muß er sich als chemisch differenter Stoff zu den Organoberflächen verhalten und eine chemische Einwirkung auf sie ausüben; diese aber charakterisiert sich unter dem Gesichtspunkt der Undulationstheorie allemal als eine Veränderung des bestehenden Schwingungszustandes der Organmoleküle durch den anderartigen Schwingungszustand der herangebrachten Stoffmoleküle mittelst der Bewegungsübertragung des beide umgebenden Äthers, und infolge dessen als eine Lageveränderung und Gruppierungsveränderung der oberflächlichen Molekülschichten im Sinne einer chemischen Zersetzung und anderweitigen Verbindung. In allen diesen Fällen kommt nicht unmittelbar die Beschaffenheit oder der Bewegungszustand des physikalischen Reizes zur Wahrnehmung, sondern diese muß schlechterdings vermittelt sein durch die Veränderung in der organischen Materie des Sinnesorgans selbst, die ihre Wirkung ist. In allen diesen Fällen vollzieht sich ferner die Kausalität des Reizes auf das Organ nicht durch eine unmittelbare Berührung von Stoff zu Stoff, sondern durch eine dynamische Einwirkung, nämlich durch eine dynamische Beeinflußung des vorhandenen molekularen Bewegungszustandes in molekularen Abständen. Wir haben es also letzten Endes bei jedem Organreiz mit einer  actio in distans  [Fernwirkung - wp] zu tun, wenn auch der das Organ unmittelbar treffende Reiz nur eine Distanz von molekularen Entfernungen überspringt.

Dies gilt auch für denjenigen Sinn, welcher nach naiv-realistischer Ansicht am sichersten das Vorrecht einer unmittelbaren stofflichen Berührung zu genießen wähnt, für den Tastsinn. Ob die konstituierenden Elemente der Materie wirklich ihrem Wesen nach undurchdringlich sind oder nicht, ist eine heute noch schwebende Streitfrage; so viel ist physikalisch sicher, daß das, was uns als Undurchdringlichkeit der Materie erscheint, nicht ein passiver Widerstand des toten Stoffes, sondern ein aktiver Widerstand abstoßender Kräfte ist, welcher bei der Annäherung auf sehr kleine Entfernungen sehr rasch wächst und auf gewisse kleinste Entfernungen jeder uns bekannten Offensivkraft überlegen wird. Wenn ich also mit den Fingern ein Stück Holz umspanne und dessen Festigkeit als Widerstand an seinen Grenzen fühle, so fühle ich keineswegs das Stück Holz selbst, sondern nur die von seinen Oberflächenmolekülen ausgehenden dynamischen Replusivwirkungen. Bei der bekannten Relativität aller Raumverhältnisse fällt es gar nicht ins Gewicht, daß mir der Abstand, auf welchen diese Abstoßung sich als Undurchdringlichkeit geltend macht, im Verhältnis zu meiner Körpergröße und der Größe meiner tastenden Hand äußerst klein vorkommt; ich weiß ja doch, daß noch ganze Welten von Atomgebilden in demselben Platz haben. Entscheidend ist nur die physikalische Feststellung, daß eine stoffliche Berührung ausgeschlossen ist, daß mit keinem Sinne jemals die Dinge selbst, sondern immer nur ihre Wirkungen in größerer oder geringerer Entfernung von den Dingen wahrgenommen werden können, und daß die Eigenschaften der Dinge selbst, durch welche sie ihre Reizwirkungen auf die Organe ausüben, ebensowenig wie die Bewegungen des etwaigen übertragenden Mediums zwischen beiden mit dem Inhalt der bewußten Wahrnehmungen irgendeine Ähnlichkeit haben. Auch die Tastempfindungen der Härte und Weichheit, der Glätte und Rauhheit haben keine Ähnlichkeit mit den Eigenschaften der Dinge, welche durch dieselben erschlossen werden; denn die letzteren werden als Unterschiede der Kohäsionskraft und der Oberflächengestalt vorgestellt, während die ersteren anscheinend einfache Empfindungen mit mehr oder minder starkem Lust- und Unlustzusatz sind.

Durch die Molekulartheorie der Materie verlor auch die Eigenschaft der Ausdehnung ihre bisherige Bedeutung, so daß die Übereinstimmung zwischen der wahrgenommenen Ausdehnung und der entsprechenden Eigenschaft des Dings aufhörte. Die anscheinend solide Masse des betasteten Würfels, welche nach naiv-realistischer Anschauung den eingenommenen Raum kontinuierlich erfüllt, mußte sich in erster Reihe eine Durchsetzung mit Poren und Zwischenräumen gefallen lassen, wobei aber das schwammartige Gerüst des Dings noch eine kontinuierlich zusammenhängende Masse bildete. Von der Anerkennung der Porösität als einer allgemeinen Eigenschaft der Körper ging dann die Physik in zweiter Reihe fort zu einer Zerlegung aller Körper in Moleküle, deren Gestalt und relative Größe von der chemischen Qualität des Stoffes abhing; dadurch wurde die Kontinuität der ausgedehnten Masse in eine Menge ausgedehnte Körperchen aufgelöst, die nur in den sie verbindenden Kräften ihren Zusammenhalt besaßen. In dritter Reihe stellte sich ferner heraus, daß jedes dieser Moleküle in vielseitig schwingender Bewegung befindlich ist, und daß zwischen den chemisch differenten Körpermolekülen sehr große Zwischenräume angenommen werden mußten, um für die Imponderabilien, d. h. für die verschiedenen Bewegungsformen des intermolekularen Äthers Platz zu schaffen. Die Ausdehnung der Moleküle schrumpfte gegen die Abstände derselben voneinander nun dermaßen zusammen, daß die anscheinend solide Masse in ihrer molekularen Anordnung nunmehr ein Analogon der makrokosmischen Sonnen- und Fixsternsysteme darbot. In vierter Reihe wiederholte sich alsdann dasselbe Verhältnis innerhalb jedes chemischen Moleküles, als man zu der Einsicht gelangte, daß jedes zusammengesetzte chemische Molekül aus den Molekülen chemischer Elemente, und daß alle die verschiedenen chemischen Element-Moleküle aus verschiedenartigen Verbindungen gleicher Körperatome mit dazwischengelagerten Ätheratomen bestehen müßten. Die Ausdehnung der Uratome schrumpfte nunmehr im Vergleich zu der Ausdehnung der betasteten Dinge zu so einer minimalen Winzigkeit zusammen, daß sie der Vorstellung zu entschwinden drohte. In fünfter Reihe erhielt aber der Begriff der Ausdehnung den Todesstoß durch die Forderung der mathematischen Physiker und Naturphilosophen, daß die Uratome absolut ausdehnungslos und punktuell, also schlechthin unstofflich als reine mathematische Punkte und Zentra von Kraftsphären gedacht werden müßten.

Ausgedehnt ist danach nur noch die Kraftwirkung, aber nicht das Kraftwesen. Was an den Dingen als Kontinuität erscheint, ist reine Diskontinuität der Kraftzentra; was als solider, massiger Stoff erscheint, ist ein völlig stoffloses System von Kräften; was als ein durch das Ding erfüllter Raum erscheint, ist nur die räumliche Umgrenzung gewisser Kraftkombinationen und Kraftäußerungsformen; was als Ausdehnung des Dinges erscheint, ist nur der von diesem Kräftesystem und seinen bestimmten Kraftäußerungsformen okkupierte, beziehungsweise gesetzte und produzierte Raum. Somit hört die Ausdehnung ebenso wie die Undurchdringlichkeit auf, eine Eigenschaft der Dinge selbst zu sein, und wird zu einem Ergebnis ihrer Wirkungen oder Kraftäußerungen.

Dagegen hat die Physik bisher die Raumzeitlichkeit der Dinge-ansich nicht angezweifelt. Jedes Kraftzentrum muß eine bestimmte Lage im Verhältnis zu allen andern, oder einen Ort haben, und die Art seiner Ortsveränderung im Verhältnis zu allen andern muß ebenfalls bestimmt sein. Ort und Ortsveränderung sind zunächst räumliche Bestimmungen; da aber jede Lagenbestimmung im System nur für einen bestimmten Zeitpunkt gilt, und jede Ortsveränderung oder Bewegung den Begriff der Geschwindigkeit in sich schließt, so sind sie ebensowohl zeitliche Bestimmungen. Wie die Ruhe nur ein Spezialfall der Bewegung, so ist der Ort oder die Lage in einem bestimmten Zeitpunkt nur ein Spezialfall der gesetzmäßigen Bewegung, welche die Orte zu allen Zeitpunkten bestimmt. Die Wirkungen, welche ein Ding oder Atomsystem auf die Sinne ausübt, hängen demnach ab von dem Integral der Bewegungen aller in ihm enthaltenen Atomkräfte, in welches natürlich auch die bestimmte Zahl dieser Atomkräfte schon mit Berücksichtigung gefunden hat.

Es entsteht nun hier die Frage, woher es kommt, daß die Physik vor der Raumzeitlichkeit der Atombewegungen Halt macht und noch nicht dazu fortgeschritten ist, diese auch noch kritisch zu beleuchten. Zur Beantwortung dieser Frage hat man sich zu vergegenwärtigen, daß die Physik ihren Ausgangspunkt von dem im Bewußtsein vorgefundenen naiven Realismus genommen hat, und durch die physikalische Unhaltbarkeit seiner Ansichten Schritt vor Schritt zur Aufgabe seiner Positionen gedrängt ist. Genetisch betrachtet ist die physikalische Überzeugung von der Raumzeitlichkeit der Atomkraftäußerungen weiter nichts als ein stehengebliebener Rest des naiven Realismus, und dieser Überzeugungsrest erscheint um so zuversichtlicher, je mehr sich in ihn die ganze instinktive Überzeugungskraft des naiven Realismus geflüchtet und zusammengedrängt hat. Ein physikalisches Bedürfnis zur Berichtigung dieser Ansicht ist bisher nirgends hervorgetreten; der physikalische Zweifel am naiven Realismus ist aber immer nur insoweit hervorgetreten, als sich eine physikalische Nötigung zur Berichtigung der naiv-realistischen Ansichten hervordrängte.

Die Physik kann daher aus sich selbst gar keinen Grund schöpfen, in der Kritik noch weiter zu gehen. Nur insofern die Physik in Wechselwirkung mit der Physiologie und Psychologie steht und ihr die weiterhin zu erörternden Bedenken gegen die Raumzeitlichkeit der Dinge-ansich von diesen beiden, entgegengebracht werden, kann sie in die Lage versetzt werden, sich zu prüfen, ob denn dieser naivrealistische Überzeugungsrest in ihrer Weltanschauung auch eine Begründung habe. Bei dieser Prüfung stellt sich dann heraus, daß die Raumzeitlichkeit der Atombewegungen von der Physik als Vorbedingung ihrer eigenen Möglichkeit im Interesse der Selbsterhaltung festgehalten werden muß. Gäbe die Physik die Raumzeitlichkeit der Atombewegungen auf, so gäbe sie sich selbst auf, so müßte sie vom Schauplatz der Wissenschaft abtreten, auf dem nun nichts mehr für sie zu tun übrig bliebe.

Die Physik wird einräumen müssen, daß die Überzeugungskraft des naiven Realismus keine wissenschaftliche Legitimation mehr für die Raumzeitlichkeit der Dinge beibringen kann, nachdem sie selbst seinen Fundamentalsatz von der unmittelbaren Wahrnehmung der Dinge an sich umgestoßen hat und durch die entgegengesetzte Ansicht einer bloß mittelbaren Wahrnehmung der Dinge durch Rückschlüsse aus ihren dynamischen Wirkungen ersetzt hat. Aber die Physik wird an der Raumzeitlichkeit der Atombewegungen als an einer ihr unentbehrlichen Hypothese festhalten müssen, mit deren Hülfe sie die ganze Welt physikalisch erklären kann, ohne welche aber jede Möglichkeit irgendwelchen physikalischen Erklärungsversuches überhaupt abgeschnitten ist.

Die Physik wird weiterhin zugeben müssen, daß durch die Reduktion der ursprünglichen naiv-realistischen Überzeugung von der Raumzeitlichkeit der Dinge-ansich auf den Wert einer bloßen Hypothese die Möglichkeit eröffnet ist, das diese Hypothese und mit ihr die ganze physikalische Wissenschaft eine einzige große Jllusion sei. Aber die Physik wird nichts destoweniger fortfahren, eine Hypothese, welche ihr und durch sie der Menschheit schon so gute Dienste geleistet hat, zu benutzen, und aus ihrer Bewährung den Glauben an ihre Wahrheit zu schöpfen. Sie wird sich auch den andern Glauben nicht rauben lassen, daß selbst für den unwahrscheinlichen Fall des künftigen Ersatzes dieser Hypothese durch eine bessere die auf ihr erbauten Erklärungen nicht ganz verloren sein werden, sondern sich mutatis mutandis [mit den erforderlichen Abänderungen - wp] auf die neue bessere Hypothese werden irgendwie umdeuten lassen.

Sie wird endlich bereitwillig zugeben, daß das Aufschließen neuer physikalischer Erfahrungsgebiete eine Erweiterung und Vervollständigung, und damit auch Berichtigung unserer bisherigen Hypothesen über die Räumlichkeit der Dinge ansich bringen könne, etwa in dem Sinne, daß die rein mathematischen Spekulationen über die Möglichkeit einer vierten Raumdimension eine empirische Bestätigung erhielten. Aber sie wird es ablehnen müssen, in ihrer Hypothese der Räumlichkeit der Dinge-ansich über diejenigen Bestimmungen hinauszugehen, welche durch das Erklärungsbedürfnis der physikalischen Erscheinungen tatsächlich gefordert sind, und wird die Zumutung als unwissenschaftlich zurückweisen, bloßen mathematischen Möglichkeiten zuliebe eine Komplikation in ihren Hypothesen anzubringen über die einfachste Form hinaus, in welcher sie dem physikalischen Erklärungsbedürfnis genügen.

Wenn aber der Physik von Seiten einer idealistischen Erkenntnistheorie zugemutet wird, die Raumzeitlichkeit als eine ausschließlich subjektive Anschauungsform ohne transsubjektive (oder erkenntnistheoretisch-transzendente) Geltung anzuerkennen, also auch die Raumzeitlichkeit der Atombewegungen als eine bloß subjektive Vorstellung zu nehmen, so wird sie die Tragweite dieser Zumutung entweder gar nicht verstehen, oder aber dieselbe entrüstet zurückweisen müssen. Alle Naturforscher, welche die ausschließliche Subjektivität der Raumzeitlichkeit nominell anerkennen, wissen nicht, was sie, tun; denn sonst hätten sie von demselben Augenblick an aufhören müssen, Naturforscher zu sein, und insofern sie fortgefahren haben, durch Atombewegungen die Naturerscheinungen erklären zu wollen, haben sie tatsächlich ihren nominellen Idealismus desavouiert [in Abrede gestellt - wp]. Wer das Gegenteil behaupten und etwa sagen wollte, daß er mit bloß subjektiven, nur von ihm vorgestellten Atomen und Atompunkten irgendetwas, egal ob objektiv reale Naturerscheinungen oder seine subjektive Erscheinungswelt habe erklären wollen, der weiß nicht mehr, was er sagt.

Die Vorstellungen eines Physikers von Atomen und Atombewegungen werden niemals eine Licht- oder Wärmeerscheinung hervorbringen, sondern nur wirklich existirende Atome und reale Ortsveränderungen derselben können dies, wenn die physikalische Erklärung von Licht und Wärme richtig ist. Die physikalischen Erklärungsversuche mit dem Atom begriffen und Bewegungsanschauungen fortsetzen zu wollen, könnte nur dem Insassen eines Irrenhauses in den Sinn kommen. Ein Naturforscher dagegen, der im Besitz geistiger Gesundheit ist, steht, wenn ihm die bloße Subjektivität der Räumlichkeit und Zeitlichkeit aus anderweitigen Gründen zur Gewissheit geworden ist, nur noch vor der Alternative, entweder seine physikalischen Forschungen als auf einer illusorischen Grundhypothese beruhend aufzugeben, oder dieselben trotz der Überzeugung von der Irrtümlichkeit dieser Hypothese doch in dem Sinne fortzusetzen, als ob die Hypothese wahr wäre, nämlich in der Hoffnung, dadurch vorbereitendes Material zusammenzutragen, dessen eigentlicher Sinn ihm zwar unklar bleibt, das aber auf Grund einer künftigen besseren Hypothese umgedeutet und dadurch indirekt verwertet werden kann.

Bei der letzteren Entscheidung zum Weiterforschen aufgrund einer als unrichtig erkannten aber provisorisch festgehaltenen Hypothese ist jedoch die Voraussetzung festgehalten, daß es nicht nur Dinge ansich giebt, sondern daß sie auch auf andere und auf unsere Sinne wirken. Ein tanszendentaler Idealismus, welcher das Ding-ansich leugnet, oder was praktisch dasselbe ist, es zu einem bloß negativen Grenzbegriff oder einer rein subjektiven Kategorie verflüchtigt, oder welcher zwar das Ding ansich als positives, wenngleich unbekanntes  X  stehen läßt, aber ihm die transzendente Kausalität auf andere Dinge und auf den Wahrnehmenden abspricht, ein solcher transzendentaler Idealismus hebt die Möglichkeit irgendeiner anderen physikalischen Hypothese zum Ersatz der Raumzeitlichkeit der Atomkomplexe schlechterdings auf.

Ein Naturforscher, der sich aus philosophischen Gründen zu einem solchen transzendentalen Idealismus bekennt, kann deshalb auch nicht mehr die Hypothese der Raumzeitlichkeit als eine obgleich unwahre, so doch praktisch weiter zu benutzende Hypothese seinen Forschungen zugrundelegen, sondern muß die physikalische Forschung als ein durchaus eitles und in sich widerspruchsvolles Tun aufgeben. Ist der Glaube an seine Spezialwissenschaft und ihre Fruchtbarkeit in ihm stark genug, um sich solchen Konsequenzen nicht zu unterwerfen, so muß ihm eben damit die physikzerstörende Konsequenz des transzendentalen Idealismus als dessen  reductio ad absurdum  erscheinen, so daß dadurch rückwärts die Beweiskraft der philosophischen Argumente für den subjektiven Idealismus in Frage gestellt wird. Ist dagegen der Glaube an die Unentbehrlichkeit einer physikalischen Welterklärung in ihm nicht so mächtig, so muß er jeden Versuch einer solchen für prinzipiell verkehrt, und allein und ausschließlich die philosophische Welterklärung für berechtigt erachten, also vom Physiker zum Philosophen umsatteln, in der Hoffnung, dort dasjenige zu finden, was die Menschheit bisher vergeblich auf dem Irrweg physikalischer Hypothesen gesucht hat.

Sehen wir von den Zweifeln ab, welche durch anderartige Argumente in die physikalische Weltansicht geworfen werden können, so läßt sich dieselbe unter Bezugnahme auf die obige Formulierung des naiven Realismus in folgende Sätze fassen:
    1) Was wahrgenommen wird, sind nicht die Dinge selbst, sondern nur ihre Wirkungen auf unsre Sinne; die Dinge selbst sind ihrer Natur nach unfähig, wahrgenommen zu werden.

    2) Was wahrgenommen wird, kann so, wie es wahrgenommen wird, niemals an den Dingen-ansich angenommen werden, mit Ausnahme der raumzeitlichen Bestimmungen der Lage und Bewegung; in allen anderen Eigenschaften sind Dinge und Wahrnehmungen durchaus einander unähnlich.

    3) Was aufeinander wirkt, sind die Dinge selbst und nicht die Wahrnehmungen; die Kausalität der Dinge aufeinander kann nur wahrgenommen werden, insofern sie zugleich mit einer kausalen Einwirkung auf unsere Sinne verknüpft ist.

    4) Die Dinge-ansich sind, von kausal bedingter Veränderung abgesehen, konstant und ihre Existenz kontinuierlich, die Wahrnehmungen dagegen intermittierend und ihr Bestand diskontinuierlich; die substanziellen und kausal wirksamen Dinge an sich sind für uns unwahrnehmbar und werden nur aus den von ihnen verursachten Wahrnehmungen erschlossen.

    5) Die Welt der Dinge-ansich ist für alle Subjekte ein und dieselbe, aber die Wahrnehmungen, aus welchen, und die Gedankenoperationen, durch welche sie für das Bewußtsein erschlossen wird, sind in jedem Bewußtseinssubjekt numerisch verschieden, selbst dann, wenn sie inhaltlich ganz gleich wären.
Es ist klar, daß diese physikalische Weltansicht vom naiven Realismus unmittelbar zum transzendentalen Realismus hinüberleitet unter Überspringung des transzendentalen Idealismus. Aber gerade in dieser Überspringung liegt ihre Schwäche, weil sie gegen Angriffe des transzendentalen Idealismus nicht gerüstet ist, und den letzten Rest des Realismus, den sie kritiklos aus dem naiven Realismus beibehalten hat, nämlich die transzendente Gültigkeit von Raum, Zeit und Kategorien, gegen diese Angriffe nicht zu verteidigen vermag. Die physikalische Weltansicht ist deshalb kein wissenschaftlich begründeter und gesicherter transzendentaler Realismus, sondern das zufällig richtige Ergebnis einer Rechnung mit ungeprüften Voraussetzungen. Wenn so vieles an der instinktiven Weltansicht des naiven Realismus unrichtig war, so bedarf doch der beibehaltene Rest desselben mindestens ebensosehr der kritischen Vorsicht, und es scheint keine ausreichende Legitimation seiner Wahrheit zu sein, daß gerade auf dem beschränkten Boden der physikalischen Forschung kein Anlaß zur Berichtigung desselben hervortritt. Versteht man unter Physik im weiteren Sinne die gesamte Naturwissenschaft, so fällt auch die Physiologie unter dieselbe, und deshalb liegt es den Physikern mindestens nicht fern, ihre Weltansicht mit dem Ergebnis der Physiologie der Sinneswahrnehmung zu vergleichen und nach Maßgabe dieser weiter zu berichtigen.


b) Die physiologische Widerlegung
des naiven Realismus.

Die physikalische Weltansicht hatte das Ding-ansich aus dem Bereiche der Wahrnehmbarkeit ausgeschieden und an seiner statt die kausale Einwirkung, welche es auf die Sinnesorgane übt, als Wahrnehmungsobjekt angenommen. Die Einwirkung des Dings auf die Sinne konnte als eine unmittelbare Einwirkung gelten bei denjenigen Wahrnehmungsakten, wo eine sogenannte Berührung mit dem Ding stattfindet, weil die auf einander wirkenden Ätherschichten der benachbarten Oberflächenmoleküle noch selbst zu den Dingen und Sinnesorganen gehörten. Bei den auf größere Entfernung durch ein Medium fortgepflanzten Wirkungen der Dinge konnte allerdings nicht mehr von der Wahrnehmung einer unmittelbaren Wirkung gesprochen werden, da jedes der zahllosen Atome des Mediums nur auf das folgende wirkt und die undulatorische Erregung an seinen Nachbarn weiter gibt. Indessen wie nach naiv-realistischer Auffassung das emittierte Teilchen vermöge der qualitativen Gleichartigkeit seines Stoffes das emittierende Ding selbst für die Wahrnehmung vertreten konnte, so kann für die physikalische Auffassung der Schwingungszustand des dem Ohre benachbarten Luftteilchens den Schwingungszustand der schwingenden Saite vertreten, weil beide nach Schwingungsgeschwindigkeit und Wellenform gleichartig sind und sich nur durch die Intensität der undulatorischen Bewegung unterscheiden. Ebenso kann der Schwingungszustand des dem Auge benachbarten Ätherteilchens den Schwingungszustand der Kerzenflamme vertreten, insofern beide dasselbe spektralanalytische Bild geben.

Wenn nun die kausale Einwirkung des Dinges, die sich der Wahrnehmung darzubieten schien, noch mehr oder minder als eine unmittelbare aufgefaßt wurde, so konnte sie auch nicht bloß als unmittelbarer Vertreter des Dinges an sich gelten, sondern sogar als die dem Wahrnehmungssubjekt zugekehrte Seite seiner realen Existenz oder seines wirklichen Daseins. Denn gerade für die physikalische Weltansicht hatte sich ja die Existenz der Dinge ansich in ein System von dynamischen Aktionen aufgelöst, hinter denen nur noch metaphysische, aber physikalisch unerfaßliche Wesenheiten steckten; war aber das Dasein der Dinge ihrer Betätigung und die Wirklichkeit der Dinge ihrer Wirksamkeit gleichzusetzen, so mußte der Schein erwachsen, als ob mit der Wahrnehmung der unmittelbaren Wirksamkeit der Dinge auch ihr wirkliches Dasein wahrgenommen würde, und nur ihr metaphysisches Wesen der Wahrnehmung entrückt und verborgen bliebe. Die physikalische Weltansicht hatte die Welt der Dinge-ansich in eine Welt der objektiven Erscheinung oder realen Kraftäußerungen umgestaltet und hinter dieser eine naturwissenschaftlich unerkennbare Welt von metaphisischen Wesenheiten oder Kräften stehen lassen. So konnte durch die Voraussetzung einer unmittelbaren Wahrnehmung der Wirksamkeit der Dinge der naive Realismus sich gleichsam gerechtfertigt erklären, insofern er nur ein erkenntnistheoretisches Ding-ansich und metaphysisches Wesen unterschied, und das erstere in den Wirksamkeitsgruppen von gesetzmäßiger Beständigkeit suchte. Denn diese konstanten Gruppen gesetzmäßiger Kraftäußerungen, die wir Dinge nennen, sind so in der Tat in ihrem Fortbestand und in ihrer Beschaffenheit ganz unabhängig davon, ob ein Teil ihrer Wirkungen zufällig auf ein Wahrnehmungsorgan trifft oder nicht; sie sind also das was sie sind, an sich, d. h. ganz abgesehen davon, ob sie von irgendeinem Subjekt wahrgenommen werden oder nicht, und gerade dies ist der Sinn des erkenntnistheoretischen Begriffes "Ding an sich".

Es bedarf wohl keiner Ausführung, daß diese Umdeutung des Dings-ansich nicht haltbar ist. Das Ding-ansich, das als erkenntnistheoretischer Gegensatz dem Wahrnehmungsobjekt gegenübersteht, schließt Kraft und Kraftäußerung, Wesen und objektive Erscheinung ein, ebenso wie der Begriff der Erscheinung, welcher als metaphysischer Gegensatz dem des Wesens gegenübersteht, objektive und subjektive Erscheinung oder Kraftäußerung und Wahrnehmung einschließt. So wenig die Kraftäußerung denkbar ist ohne eine in ihr sich äußernde Kraft, ebenso wenig ist das Ding-ansich als bloße Summe von Kraftäußerungen ohne irgendwelche in ihnen sich äußernde Kraftwesenheiten denkbar. Die Entgegensetzung eines erkenntnistheoretischen Begriffes wie "Ding an sich" gegen einen metaphysischen wie "Wesen", muß auf alle Fälle einen schiefen Gegensatz geben, ebenso schief, als wenn man beide identifiziert. Dies hindert aber natürlich nicht, daß beide Versuche gemacht werden können. Wird die Kraftäußerung von der Kraft losgerissen und das Ding ansich gegenüber dem Wesen verselbstständigt, das sich in ihm auswirkt, so gelangen wir zu einem umgedeuteten naiven Realismus, der sich als mit der physikalischen Weltansicht zusammenfallend behauptet. Wird dagegen das Wesen und das Ding-ansich identifizirt, so gelangen wir zu einer bestimmten Form des transzendentalen Idealismus (zur schopenhauerschen Auslegung Kants). Der naive Realismus kann aber auch dann, wenn er den Begriff des Dings-ansich in der angegebenen Weise umdeutet, nur in dem Fall die physikalische Weltansicht für sich in Anspruch nehmen, wenn die Voraussetzung stichhaltig ist, daß es die unmittelbare Wirksamkeit der Dinge ist, welche im Wahrnehmungsakt zum Gegenstand der Wahrnehmung wird.

Diese Voraussetzung aber kann nur Bestand haben, so lange der Körper des Wahrnehmenden als eine durchweg und gleichmäßig beseelte Einheit und jede Berührung mit irgendeinem Körperteil als ausreichend zur Affektion der Seele mit komplizierten Sinneswahrnehmungen betrachtet wird. Diese Voraussetzung ist selbst so naiv unkritisch, daß es kein Wunder ist, wenn sie zur Stütze eines in seinem Sinne etwas umgedeuteten naiven Realismus werden kann. Die physikalische Weltansicht kann an ihr nur solange festhalten, als sie ihren Blick gewaltsam auf die außerhalb der Leibesgrenzen belegenen Naturvorgänge beschränkt und sich jede Betrachtung darüber versagt, was aus den physikalischen Einwirkungen wird, wenn sie in den Leib des Wahrnehmenden eingedrungen sind, oder welche Umwandlung die physikalischen Kraftäußerungen beim Eintritt in den Leib erleiden. Jede wenn auch noch so oberflächliche Reflexion auf diese Frage zerstört unweigerlich die Voraussetzung, daß wir die unmittelbaren Wirkungen der Dinge wahrnehmen, und hebt damit die Möglichkeit auf, daß die physikalische Weltansicht bei einem "naiven Realismus" von etwas modifizierter Gestalt stehen bleibt. Da nun das Verfolgen der Umwandlungen des physikalischen Eindrucks im Leib Aufgabe der Physiologie der Sinneswahrnehmung ist, so ist es diese, welche den letzten Rest des naiven Realismus aus der physikalischen Weltansicht vertreibt.

Die Epidermis [Hautoberfläche - wp] ist unempfindlich; eine Berührung derselben kann deshalb nur dadurch zur Wahrnehmung gelangen, daß der Druck oder die Schwingungsform des physikalischen Reizes durch die Epidermis mechanisch weiter geleitet wird zu empfindungsfähigen Körperteilen. Hiermit ist der Begriff der Berührung auch in dem Sinne aufgehoben, wie ihn die Physik noch hatte bestehen lassen, nämlich als unmittelbares Aufeinanderwirken der Atome der beiden Oberflächenschichten des Dings und des Leibes. Die unempfindliche Epidermis lagert sich allemal als eine trennende Schicht zwischen beide, deren Dicke im Vergleich mit Molekularentfernungen sehr groß ist. Das Ding wirkt unmittelbar durch sogenannte Berührung nur auf die Epidermis, und diese erst wirkt durch mancherlei Zwischenglieder auf die Endorgane der Tastnerven. Noch verwickelter ist die Vermittelung beim Ohre, wo das Trommelfell die empfangenen Erschütterungen zunächst durch bewegliche Knöchelchen an eine zweite Membran weiter leitet, welche ihrerseits durch Vermittlung einer Flüssigkeit die Fasern des CORTIschen Organs in Resonanz versetzt.

Hornhaut, Linse und Glaskörper sind ebenfalls unempfindliche Instrumente, aus denen die  Camera obscura  des Auges erbaut ist. Wenn es sich nicht um die Wahrnehmung des Unterschieds von Licht und Dunkelheit sondern um eine Auffassung der Gestalten der Dinge handelt, so müssen die divergierenden Strahlen des von den Dingen reflektierten Lichtes notwendig in Konvergenz übergeführt und im Brennpunkt zu einem verkleinerten Bilde gesammelt werden, das zwar umgekehrt, aber doch der perspektivischen Projektion der Dinge ähnlich ist. Nicht die Dinge selbst, auch nicht ihre divergenten Lichtstrahlen, sondern nur die zur Konvergenz gebrochenen und zum Netzhautbild gesammelten Lichtstrahlen sind der auf die Netzhaut wirkende Reiz, und die Unentbehrlichkeit dieser kausalen Zwischenglieder zeigt sich darin, daß ein durch Fehler im Apparat vor oder hinter die Netzhaut projiziertes oder gar verzerrtes Bild auch die Gesichtswahrnehmung ebenso undeutlich macht oder entstellt wie das Netzhautbild. Gleichwohl ist das Netzhautbild nichts Reelles, nicht etwas, das auf die Nervenenden der Netzhaut wirken könnte, sondern nur ein auf der Netzhaut zustande kommender Beleuchtungseffekt, der für die Beobachtung eines andern Auges als verkehrtes und verkleinertes Bild erscheint. Nicht dieses dem Anatomen sichtbare, aber ansich nicht vorhandene Netzhautbild kann auf die Nervenenden wirken, sondern nur die konvergenten Lichtstrahlen können wirken, welche sich an der Stelle, wo einem Dritten das Bild erscheint, schneiden.

Die Frage ist nun weiter, wie sie hier wirken, ob durch Übertragung ihrer eigentümlichen Schwingungsform auf den Nerven, oder ob durch Umwandlung ihrer Schwingungsform in eine andere. Im Ohr ist es wenigstens möglich, daß die Schwingungsform der Schallwellen auf die Nervenenden übertragen und in den Nervenfasern fortgeleitet wird, weil die Schwingungsform der Schallwellen allen Aggregatzuständen der Materie zugänglich ist. Ob aber diese Möglichkeit im Ohr wirklich benutzt ist, und ob nicht die Schallwellen auch hier in Erregungen ganz anderer Art umgesetzt werden, das vermögen wir nicht anzugeben, obwohl die Kürze der längsten Fasern des CORTIschen Organs dafür zu sprechen scheint. Beim Auge liegt die Sache anders, weil wir wissen, daß die Fortpflanzung des Lichts auf Bewegungen des Äthers mit Ausschluß der Körperatome beruth, und daß diese das Licht fortpflanzenden Ätherwellen nur in durchsichtigen Körpern möglich sind, in undurchsichtigen aber bald ausgelöscht werden. Nun sind im Auge nur die vor der Retina liegenden Teile durchsichtig, also können auch nur diese die Lichtwellen als solche fortpflanzen; in der undurchsichtigen Retina dagegen müssen die Lichtwellen als solche notwendig ausgelöscht werden, und nur diejenigen Formen, in welche ihre lebendige Kraft sich bei dieser Auslöschung umwandelt, können als unmittelbarer Reiz auf den Sehnerv wirken.

Man nimmt an, daß es die Zerstörung des Sehpurpurs ist, welche als chemischer Reiz auf den Sehnerven wirkt, und daß das Auge nach Zerstörung des Sehpurpurs bis zum Wiederersatz desselben durch den Stoffwechsel geblendet, d. h. unfähig ist, weitere Lichtreize in Nervenreize umzusetzen. Gleichviel ob diese Ansicht richtig oder erschöpfend sein mag oder nicht, darf man doch soviel als feststehend annehmen, daß es ein chemischer Reiz ist, in welchen der Lichtreiz umgesetzt wird (ganz wie auf der photographischen Platte, welche in den Brennpunkt einer  Camera obscura  gestellt wird), und daß dieser chemische Reiz in einer Alteration des normalen Stoffwechsels auf der Retina besteht. Welche Funktionen die Stäbchen und Zapfen auf der Retina haben, ist noch weniger klar, doch nimmt man an, daß sie mit der Sonderung der verschieden brechbaren Lichtstrahlen etwas zu tun haben, also die Organe sind, durch welche die Unterschiede der Farben in der Lichtempfindung ermöglicht werden.

Wenn die Ansicht von der Umsetzung des Lichtreizes in einen chemischen Reiz richtig ist, so tritt damit das Sehen in eine Reihe mit dem Schmecken und Riechen, bei denen die berührenden Stoffpartikel doch auch nur dadurch den Sinn affizieren, daß sie in ihrem flüssigen oder gasförmigen Aggregatzustand in einechemische Wechselwirkung mit den Nervendorganen treten und deren normalen Stoffwechsel in irgendeiner Weise verändern. Was also unmittelbar als Reiz auf den Geschmacks- oder Geruchsnerv wirkt, ist nicht die chemische Beschaffenheit der Speisen und Duftstoffe, sondern die Veränderungen des organischen Stoffwechsels in den Endorganen, welche durch die chemische Wechselwirkung mit diesen Stoffen hervorgerufen werden. Stoffe, welche den Stoffwechsel in den betreffenden Organen nicht verändern, also für dieselben chemisch neutral sind, erscheinen als geschmacklos, beziehungsweise geruchlos, d. h. sie werden trotz der ebenso engen Berührung mit den Sinnesorganen vom Geschmack und Geruch gar nicht wahrgenommen, vielmehr nur durch den Tastsiun, bzw. Gesichtssinn. Aus alledem ergibt sich, daß die Wahrnehmung der Wirkungen des Dinges keine unmittelbare, sondern eine mehr oder weniger vermittelte ist, bis sie auch nur zu den Endgebilden der Sinnesnerven gelangt.

Welcher Art nun auch die Endgebilde sein mögen, in welche die Fasern der Sinnesnerven ihre letzten Verzweigungen aussondern und einsenken, so viel ist gewiß, daß sie als Bestandteile der Sinnesorgane noch nicht selbst einer Sinnesempfindung fähig sind, sondern nur zu einer bestimmten Umformung des Reizes und zur Übermittelung des umgeformten Reizes an die Sinnesnerven dienen können. Ob und in welchem Grade die Empfindung in einem noch nicht zu Nervenmasse differenzierten Protoplasma möglich ist, haben wir hier nicht zu erörtern; jedenfalls kann eine solche Empfindung, wenn sie besteht, sich an Klarheit und Bestimmteit mit der uns durch die Nerven vermittelten auch nicht im Entferntesten messen. Für diese unserer Erfahrung gegebene Sinnesempfindung können die Sinnesorgane keinenfalls mehr bedeuten als kausale Zwischenglieder in den mannigfachen Umwandlungen des Nervenreizes.

Wir wissen, daß es auf der Haut sogenannte Empfindungskreise gibt, innerhalb deren zwei Zirkelspitzen als eine empfunden werden; ihre Größe ist für verschiedene Körperstellen verschieden, bleibt sich aber bei minimaler seitlicher Verschiebung gleich. Daraus folgt, daß nicht je ein einfacher Tastempfindungseindruck je einer Primitivfaser des Tastnerven entsprechen kann, sondern, daß bei einem einfachen Tastempfindungseindruck mehrere Nervenprimitivfasern zusammenwirken müssen, weil sonst die stetige Verschiebbarkeit der Empfindungskreise unerklärlich wäre. Wir wissen nichts darüber, wie es kommt, daß eine Gruppe von  n  erregten Primitivfasern einen einfachen Tasteindruck hervorbringt, eine Gruppe von  n + 1  erregten Primitivfasern aber einen doppelten. Es scheint, daß die isolierte Erregung einer einzelnen Primitivfaser, wenn sie überhaupt praktisch ausführbar wäre, in jeder Art von Sinnesnerven ein zu schwacher Reiz sein würde, um empfunden zu werden, und daß es immer erst die Verstärkung des Reizes durch gleichzeitige Erregung mehrerer benachbarter Primitivfasern ist, welche zur Auslösung einer Empfindung führt. Der Charakter der ausgelösten Empfindung ändert sich, wenn die Stelle der Reizeinwirkung sich verschiebt, so daß zwar ein Teil der vorher erregten Primitivfasern auch jetzt noch erregt wird, ein anderer Teil aber nicht, und dafür einige vorher nicht erregte Fasern zu der Erregungsgruppe hinzutreten. Dies gilt nicht nur für die Lokalisation des Tastreizes auf der Haut und für die Lokalisation des Lichtreizes auf der Netzhaut (bzw. im Gesichtsfeld), sondern auch für die Empfindung der Tonhöhe durch die mitschwingende Erregung bestimmter Teile des CORTIschen Organs im Ohr. Bei einer wenn auch noch so geringen Veränderung der Tonhöhe ändert sich die Gruppe von Primitivfasern, deren Erregung die Tonempfindung vermittelt, obschon die Klangqualität der Empfindung in allen übrigen Beziehungen außer der Tonhöhe dieselbe bleiben kann. Ebenso muß bei aller sonstigen Gleichartigkeit der Tast- oder Gesichtsempfindung bei einer Verschiebung der erregten Fasergruppe derjenige Charakter der Empfindung eine Änderung erleiden, welcher zur verschiedenen Lokalisierung der gleichen Empfindung zwingt.

Beim Geschmack und Geruch haben sich keine Vorkehrungen im Organ entwickelt, welche eine deutliche Unterscheidung zwischen den gleichartigen Erregungen benachbarter Fasergruppen gestatteten. Es fehlt deshalb bei ihnen sowohl die Ordnung der Eindrücke in eine systematische Reihe wie die Tonskala, als auch die Möglichkeit einer Lokalisation der Reize durch die Geschmacks- und Geruchsempfindungen selbst. Beim Geschmack genügt der Tastsinn der Zunge und des Gaumens, um die praktisch erforderliche Lokalisation mit den Geschmacksempfindungen zu verbinden, und beim Geruch ist überhaupt kein Bedürfnis nach genauerer Lokalisation vorhanden, weil die Duftstoffe die eingezogene Luft gleichmäßig erfüllen und die ganzen Riechmuscheln gleichmäßig umspülen. Der Wärmesinn der Haut dagegen scheint ähnlich wie der Tastsinn unmittelbar mit einer allerdings ungenauen Lokalisation verbunden zu sein, welche übrigens in den meisten Fällen durch Miterregung des Tastsinns ihre genauere Bestimmteit erhält. Diejenige Änderung des Charakters einer übrigens gleichartigen Empfindung, welche durch Verschiebung der erregten Fasergruppe bewirkt wird, heißt, wenn sie als Lokalisierung der Empfindung perzipiert wird,  Lokalzeichen. 

Jede Primitivfaser eines Nerven besteht aus Nervenmark und einer isolierenden Scheide. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Nervenmark, welches den Endorganen der Sinneswahrnehmung benachbart ist, als der am meisten peripherische Punkt im Organismus betrachtet werden muß, wo ein Analogon der Sinnesempfindung zustande kommt. Aber wenn selbst diese Annahme begründet wäre, so würde doch niemals davon die Rede sein können, daß die hier entstehende peripherische Empfindung als solche in dasjenige Bewußtsein fällt, welches man das menschliche Bewußtsein nennt; vielmehr würde sie in jeder Primitivfaser ein eigenes Bewußtsein konstituieren, das von dem menschlichen Hirnbewußtsein völlig getrennt ist und zu dessen Entstehung und Inhalt keinen Beitrag liefert. Jeder Sinnesnerv würde nach dieser Annahme soviel Bewußtseine entstehen lassen, als er Primitivfasern besitzt; eine Summation und Integration dieser Bewußtseinsphänomene im Laufe des Nerven aber ist schon dadurch ausgeschlossen, daß jede Faser von der andern durch ihre Scheide isoliert ist, und sich jede Erregung nur in der Längsrichtung der Faser fortpflanzen kann. Dasjenige, was in der Längsrichtung fortgepflanzt wird, ist wiederum nicht das innerliche Bewußtseinsphänomen, sondern die physikalische Schwingungsform der Nervenmasse. Die zahllosen eventuellen Bewußtseine der Primitivfasern kommen weder zu einer Verschmelzung untereinander, noch zu einer solchen mit dem Hirnbewußtsein, sondern führen, wenn sie existieren, ein isolirtes dumpfes mosaikartig gesondertes Einzelleben, das für die Entstehung der Sinneswahrnehmung im spezifisch menschlichen Bewußtsein völlig bedeutungslos ist. Schneidet man einen Sinnesnerven nahe an seiner Ursprungsstelle im Gehirn durch, so mögen die vielen Bewußtseine seiner Primitivfasern zunächst unverändert fortbestehen, insofern die Erregung durch das Sinnesorgan fortdauert; trotzdem ist die menschliche Wahrnehmung durch das betreffende Sinnesorgan in diesem Falle ebenso sicher aufgehoben, als wenn die Durchschneidung des Nerven dicht am Endorgan erfolgt und jede Erregung des Sinnesnerven an der Schwelle abgewehrt wird.

Die Sinnesnerven haben demnach nur die Aufgabe, den specifischen Reiz des Endorgans in eine spezifische Schwingungsform des Fasermarks umzusetzen und diese zu den Zentralorganen des Nervensystems hinzuleiten. Dieses Zentralorgan ist aber wiederum kein einfaches, sondern ein höchst verwickeltes Gebilde. Die Nerven geben Fasern nach verschiedenen Gruppen von Ganglienzellen ab, und empfangen andere, die von solchen herkommen; sie teilen sich dann weiter in Stränge, die zu verschiedenen Hirnteilen hinführen, welche untereinander ebenfalls durch Leitungsstränge verbunden sind. Die Versuche mit Hysterischen beweisen, daß es eine rein seelische Tastanästhesie, eine Seelenblindheit, Seelentaubheit usw. gibt, welche durchaus nicht die für das Großhirnbewußtsein unbewußte Perzeption der betreffenden Sinneseindrücke verhindert; denn diese relativ unbewußten Sinneswahrnehmungen können einerseits zweckmäßige Reflexakte zur Folge haben und andererseits in die Funktion eines nicht gelähmten Sinnes umgesetzt werden und so ins Großhirnbewußtsein treten. (1) Ähnliche Verhältnisse kommen vorübergehend bei Gesunden im hypnotisierten Zustand vor und sind als sonnambules Sprechen, Schreiben und Handeln, bzw. als sonnambule Sinnesversetzung längst bekannt.

Aber auch im normalen wachen Zustand zeigt das Studium der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses, wie sehr eine relativ unbewußte Wahrnehmung in untergeordneten Hirnteilen und das Auftauchen einer Erinnerung an diese unbewußten Wahrnehmungen bei einem Wechsel des Bewußtseinsinhalts mitwirkt. Man wird annehmen dürfen, daß selbst die bewußte Wahrnehmung des wachen Bewußtseins nicht so, wie wir sie kennen, zustande kommen könnte, wenn nicht die untergeordneten Hirnteile die vom Sinnesnerven zugeführten Erregungsformen zunächst in mannigfacher Weise umsetzten und verarbeiteten, um sie endlich in einer relativ vollendeten Gestalt dem höchsten Bewußtseinszentrum zuzuführen. Wie das höchste Bewußtsein keinen unmittelbaren Einblick hat in die etwaigen Empfindungszustände der Nervenfasern, so auch nicht in die Bewußtseine der mittleren und niederen Hirnteile; hier wie dort, müssen die Erregungen auf mechanischem Wege als physikalische Schwingungsform von einem empfindenden Teil zum andern geleitet werden, und das höchste Bewußtsein zieht einen unmittelbaren Nutzen nicht aus den untergeordneten, ihm unbewußten Bewußtseinen, sondern nur aus der Umformung oder Modifikation der molekularen Bewegungszustände der Nervenmasse, welche durch die Reflexion und Verarbeitung des Reizes in diesen Zentren herbeigeführt ist.

Als Endresultat aller physiologischen Vermittlungen beim Wahrnehmungsprozeß ergibt sich, daß dasjenige oberste Zentrum, auf welches das spezifisch menschliche, normale, wache Bewußtsein sich stützt, von den zuleitenden Nervensträngen und Verbindungsfasern nichts weiter empfangen kann, als die physikalische Anregung zu bestimmten molekularen Bewegungsformen seiner Gangliensubstanz. Die so resultierende Molekularbewegung des obersten Hirnczentrums hat sich von der Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen physikalischen Reiz umso weiter entfernt, je mehr Zwischenglieder umformend und modifizierend einwirkten. Wie dieser zentrale Bewegungszustand in einen bewußten Empfindungszustand umgesetzt wird, davon wissen wir gar nichts; aber das eine dürfen wir als gewiß annehmen, daß auf die Beschaffenheit der Empfindung nur dieser zentrale Bewegungszustand von unmittelbarem Einfluß ist, und daß zwischen beiden keinerlei Ähnlichkeit besteht.

Die Unähnlichkeit der Empfindung mit dem sie veranlassenden Bewegungszustand oder Reiz war auch schon der physikalischen Betrachtung entgegengetreten; aber es war hier doch eine gewisse Analogie zwischen der räumlichen Anordnung des physikalischen Bewegungszustandes und der räumlichen Anschauung des Bewußtseins übrig geblieben. Diese Analogie entschwindet nunmehr auch. Schon die Erregungen, welche die verschiedenen Primitivfasern des Sehnerven zuführen, unterscheiden sich für das Zentrum nicht durch die tatsächliche räumliche Lage und Anordnung der Fasern im Nerven, von der das Bewußtsein gar keine Ahnung hat, sondern nur durch die qualitativ verschiedene Färbung der zugeführten Erregungen. Wenn im Nerven noch wenigstens für den Anatomen extensive Unterschiede zwischen den zuführenden Fasern bestehen, so verschwinden diese auch für die objektive Betrachtung des Sezierenden, wo sich die Insertion des Nerven in das Zentrum vollendet hat. Für die Empfindung lösen sich schließlich alle extensiven Unterschiede des physikalischen Reizes in qualitative und intensive Unterschiede auf.

Es ist ganz vergeblich (mit ÜBERWEG) im Zentralorgan nach einer extensiven Anordnung der physiologischen Reize zu suchen, etwa nach einer Analogie des Bildes auf der Retina; denn erstens ist für solche tatsächlich die Organisation nicht vorhanden, und zweitens könnte sie, wenn sie vorhanden wäre, doch nicht das Mindeste zur räumlichen Ausbreitung der Empfindung beitragen, weil die Seele nicht wie ein den Reiz beschauendes Auge im Gehirn sitzt.Für die Beschaffenheit der Empfindung kann nur die Schwingungsform der molekularen Hirnbewegung, aber nicht die Stelle innerhalb des Bewußtseinsorgans, an welcher sie stattfindet, von Bedeutung sein. Nur aus den qualitativen und intensiven Lokalzeichen der Empfindung kann die Seele den Anlaß schöpfen, das gesamte Empfindungsmaterial zweidimensional zu ordnen; nur aus ihrer eigenen spezifischen Natur kann sie den Anlaß schöpfen, das zweidimensional geordnete Empfindungsmaterial als ein räumlich ausgebreitetes anzuschauen.

Die Isolierung der Primitivfasern im Sehnerven gegeneinander hat durchaus nur die Aufgabe, die Empfindungselemente als ein qualitativ ordnungsfähiges Material zu ermöglichen, aber nicht die Aufgabe, durch die räumliche Lagerung der Empfindungsreize im Nerven die räumliche Lagerung der Empfindungen im Gesichtsfeld vorzubilden. Das Gegenteil wird durch den Hörnerv bewiesen, welcher dieselbe Isolierung der Primitivfasern zum Zweck einer qualitativen Ordnungsfähigkeit der Tonempfindungen zeigt, aber zu keinerlei Lokalisation der Töne nach Maßgabe der räumlichen Lage der ihnen entsprechenden Primitivfasern Anlaß gibt. Die räumliche Lage der schwingenden Gehirnteilchen zueinander erlischt in der einfachen Qualität der Empfindung ebenso wie die räumliche Bewegungsform der Schwingungen. Es gibt keine Möglichkeit, die Räumlichkeit in irgendeinem Sinne aus der Mechanik der Molekularbewegungen in den Bewußtseinsinhalt einzuschmuggeln; die Räumlichkeit des Bewußtseinsinhalts kann ebensowenig aus der Räumlichkeit des empfindenden Gehirns wie aus der Räumlichkeit der Dinge-ansich stammen.

Wenn die Seele (2) irgendein Ding-ansich wahrnähme, so könnte es nur das Gehirn ihres eigenen Leibes, bzw. dessen zeitweiliger molekularer Bewegungszustand sein. Tatsächlich weiß aber die Seele gar nichts von ihrem Gehirn, und womöglich noch weniger von dessen molekularen Bewegungszuständen; man kann also auch nicht sagen, daß sie diese wahrnimmt. Daß sie andererseits die Dinge-ansich, welche sie wahrzunehmen wähnt, ganz gewiß nicht wahrnimmt, das hat die physiologische Betrachtung der Sinneswahrnehmung zur Genüge erwiesen. Wenn nun die Seele weder die Dinge noch die Bewegungszustände ihres Gehirns wahrnimmt, so kann man überhaupt nicht mehr sagen, daß sie irgend etwas Dingliches, real Existirendes, äußerlich Daseiendes wahrnimmt, so bleibt nichts übrig als zu sagen, daß sie ihren eignen Bewußtseinsinhalt wahrnimmt. Dieser Bewußtseinsinhalt besteht ursprünglich aus Empfindungen, mit welchen die Seele auf die Bewegungszustände ihres obersten Hirnzentrums reflektorisch reagiert, welche aber mit den molekularen Bewegungszuständen, durch welche sie ausgelöst werden, nicht die geringste Ähnlichkeit haben. So unbewußt ihr die Beschaffenheit und Existenz des Hirnreizes bleibt, so unbewußt bleibt ihr auch ihre eigene Tätigkeit, mit welcher sie auf diesen Hirnreiz reflektorisch reagiert; nur das Ergebnis dieses unbewußten Leidens und Tuns der Seele fällt ins Bewußtsein, wird vom Licht des Bewußtseins beleuchtet, oder zündet vielmehr dieses Licht an: die Empfindung.

So ist dann die Empfindung als der ursprünglich einzige Bewußtseinsinhalt auch das primitive Objekt der (inneren) Wahrnehmung oder Perzeption, und erst aus den Umformungen der Empfindung entwickeln sich die sekundären und weiteren Objekte der Wahrnehmung. Aus dem zweidimensional geordneten und räumlich ausgebreiteten Empfindungsmaterial wird die Anschauung; durch die Projektion der Empfindung in die dritte Dimension wird die zunächst innere Anschauung zur anscheinend äußeren. Beides sind intellektuelle Zutaten, welche die Seele von sich aus und aus ihrer eigensten Natur zur Empfindung hinzufügt. Insbesondere die Projektion der Empfindung und Anschauung in die dritte Dimension hinaus beruht ganz auf unbewußten Schlußfolgerungen, sei es nun, daß wir uns aus der konvergenten Einstellung der Augenachsen bestimmen lassen, die Gesichtsempfindung des leuchtenden Punktes in den Schnittpunkt beider Achsen zu setzen, oder sei es, daß wir aus der Kombination der Druckempfindungen in den drei die Schreibfeder haltenden Fingern veranlaßt werden, die Tastempfindung in die Federspitze zu projizieren. Selbst die Projektion des zweidimensional geordneten Tastbildes auf die Haut des eigenen Leibes ist ein Akt einer solchen unbewußten Projektion, der im Gehirn allein entstehenden und ansich unräumlichen, rein seelischen Empfindungen; diese Projektion des Tastbildes auf die Haut wird erst ermöglicht durch die intellektuelle Kombination der Tastempfindungen mit den Muskelbewegungsgefühlen und durch die Kreuzung der kombinierten Tast- und Muskelgefühle verschiedener Körperteile bei deren gegenseitiger Berührung.

Weil alle diese Schlußfolgerungen unbewußt sind, gehen sie so zeitlos vorüber und stecken sie so implizit im Ergebnis darin, daß wir das Resultat einer Verbindung von Empfindungen und komplizierten Intellektualfunktionen für etwas unmittelbar Gegebenes halten und für unmittelbare Erfahrung nehmen. Aber die Beobachtung des allmählichen geistigen Erwachens bei kleinen Kindern und die Erfahrungen der operierten Blindgeborenen belehren uns eines Besseren, indem sie uns zeigen, daß zwar die Anwendung der Raumanschauung auf die nach Lokalzeichen geordneten Empfindungen etwas Angeborenes sein muß, daß aber die nähere Durchführung dieser Anwendung und die verständnisvolle  Deutung  der eigenen Sinnesempfindungen, insbesondere in Bezug auf die dritte Dimension, erst allmählich erworben, eingeübt und befestigt werden muß.

Die Lage der schwingenden Hirnteilchen und die physikalischen Bewegungsformen ihrer Schwingungen bleiben ein äußeres Dasein, welches nicht in das Bewußtsein übergeht, denn das Bewußtsein weiß von ihnen gar nichts. Die Empfindungen, welche das Bewußtsein als seinen ersten und ursprünglichsten Inhalt vorfindet, können schon deshalb nicht aus dem äußeren Dasein ins Bewußtsein übergehen, weil sie nur seelische Zustände sind, welche im äußeren Dasein unmöglich sind. Die räumlichen Gestaltverhältnisse der Dinge-ansich werden schließlich durch den physiologischen Prozeß der Wahrnehmung vollständig zersetzt und aufgelöst, um in den entsprechenden Empfindungen als qualitative Empfindungsunterschiede gesetzmäßig wiedergeboren zu werden. Wenn die Seele aus diesen qualitativen Empfindungsunterschieden mit Hilfe unbewußter Intellektualfunktionen sich Raumanschauungen neu erbaut, so kann man, selbst für den Fall, daß diese Raumanschauungen eine den Dingen ansich ähnliche Gestalt zeigen sollten, doch nicht behaupten, daß die räumlichen Verhältnisse der Dinge durch die Wahrnehmung in das Bewußtsein hinübergeführt oder hineingetragen seien. Es kommt eben gar nichts, nicht der geringste Bestandteil des Bewußtseinsinhalts, vom äußeren Dasein her in das Bewußtsein hinein.

Die Welt des Daseins und die Welt des Bewußtseins sind zwei völlig heterogene und streng geschiedene Welten. Die Welt der Dinge-ansich außerhalb des menschlichen Leibes kann in das Bewußtsein schon darum nicht eindringen, weil ihre Reize erst unzählige physiologische Umgestaltungen erfahren, ehe sie das Gehirn, das eigentliche und alleinige Organ des menschlichen Bewußtseins affzieren; die Vorgänge im Gehirn können aber wieder darum nicht in das Bewußtsein eindringen, weil der verschlungene, rasend schnelle Mückentanz der diskreten Gehirnmoleküle keine Ähnlichkeit mit dem ruhenden, stetigen, nur langsam sich verändernden Bewußtseinsinhalt des Wahrnehmenden hat. Die gleiche Erwägung gilt auch für niedere Nervenzentren und Ganglien, sowie für niedere Tiere und empfindungsfähiges Protoplasma; immer ist das äußere mechanische Geschehen im Bewußtseinsorgan etwas schlechtin Heterogenes gegenüber der subjektiven Innerlichkeit der Empfindung, und immer ist die Außenwelt unfähig, die Empfindung zu beeinflussen anders als durch eine Modifikation der molekularen Bewegungsvorgänge des Bewußtseinsorgans (bzw. des empfindungsfähigen Protoplasmas).

Die physiologische Betrachtung der Sinneswahrnehmung ändert nach all dem an der physikalischen Weltansicht nur einen einzigen Punkt; aber diese Änderung ist von einschneidender Wichtigkeit, indem sie auch abgesehen von allen erkenntnisteoretischen und metaphysischen Erwägungen dem naiven Realismus die Möglichkeit abschneidet, sich durch eine leichte Modifikation so zu wenden, daß er die physikalische Weltansicht für sich als eine Bestätigung seines Standtpunkts in Anspruch nehmen kann. Die physiologische Betrachtung lehrt nämlich Folgendes:

Was wahrgenommen wird, sind weder die Dinge selbst, noch ihre unmittelbaren Wirkungen auf unsere Sinne, noch auch die Endglieder von langen und verwickelten Kausalketten im Gehirn, sondern allein und ausschließlich das rein seelische Produkt einer unbewußten reaktiven Seelentätigkeit, welche durch molekulare Gehirnschwingungen in gesetzmäßiger Weise unbewußt hervorgerufen wird. Nicht nur die äußeren Dinge selbst, sondern auch ihre letzten mechanischen Wirkungen im Gehirn sind als Bestandteile einer dem Bewußtsein heterogenen Welt des äußeren Daseins ihrer Natur nach unfähig wahrgenommen zu werden. Nur die Produkte der eigenen unbewußten Seelentätigkeit, sofern sie in das Bewußtsein fallen, sind ihrer Natur nach fähig, wahrgenommen zu werden.

Mit dieser Berichtigung des ersten Punktes bleiben die vier andern Punkte des Resumes der physikalischen Weltansicht bestehen. Durch diese Berichtigung des ersten Punktes wird aber jeder schüchterne Rest von naivem Realismus beseitigt und der transzendentale Realismus als der einzig mögliche erkenntnistheoretische Standpunkt der naturwissenschaftlichen Weltanschauung proklamiert, wenn wir unter "naturwissenschaftlicher Weltanschauung" diejenige verstehen, welche der Einheit von Physik und Physiologie gemäß ist.


c) Die philosophische Widerlegung
des naiven Realismus.

Die vorhergehende Betrachtung hat uns gezeigt, daß aus der äußeren Welt des Daseins kein Bestandteil unmittelbar in die innere Welt des Bewußtseins hinein- und hinüberschlüpfen kann, sondern daß die Seele von den ins Gehirn geleiteten und physiologisch umgeformten Reizen der Außenwelt nur eine kausale Anregung empfangen kann, um selbsttätig, unbewußt und gesetzmäßig sich von innen heraus eine eigene innere Bewußtseinswelt zu erbauen. Dieses Ergebnis konnte aber doch nur daraus entspringen, daß wir von der Kritik des naiven Realismus herkamen und seine instinktiven Voraussetzungen Stein um Stein abbrachen; denn nur aus diesem Gang der Untersuchung erklärt es sich, daß wir von einer äußeren Welt des Daseins etwas zu wissen meinten, welche nach der physiologischen Kritik niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein kann. Wir gingen davon aus, daß es die Welt der Dinge-ansich ist, welche wir wahrnehmen, und daß deren Existenz uns durch unmittelbare Erfahrung verbürgt ist; nachdem wir eingesehen haben, daß diese Voraussetzung irrtümlich ist, können wir auch nicht mehr so ohne weiteres mit den unwahrnehmbaren Resten dieser zerstörten Außenwelt als mit etwas Gegebenem operieren, das zur Erklärung des Bewußtseinsinhalts etwas beitragen könnte. Diesen Fehler begehen aber die meisten Naturforscher und Philosophen, welche die Eierschalen des naiven Realismus noch nicht vollständlig abgestreift haben.

Die philosophische Betrachtung muß eine andere Haltung zu diesen erkenntnistheoretischen Fragen einnehmen. Sie muß rein vom Gegebenen ausgehen, insofern es als Erfahrungstatsache gegeben ist, nicht insofern es eine über die unmittelbare Erfahrung hinausgehende Wahrheit beansprucht. Der naive Realismus wollte auch von der Erfahrung ausgehen, aber er nahm die im Bewußtseinsinhalt vorgefundene Überzeugung, daß die Dinge selbst Gegenstand der Wahrnehmung sind, nicht als eine bloß subjektive Tatsache, sondern maß dem Inhalt dieser Überzeugung eine über die Erfahrung hinausgehende Kraft der Beglaubigung bei. Die philosophische Betrachtung hat beides zu trennen. Sie hat das Vorhandensein der naiv-realistischen Überzeugung als psychische Tatsache anzuerkennen und psychologisch zu erklären, und sie hat den Inhalt dieser Überzeugung als eine zunächst völlig unbeglaubigte Behauptung zu prüfen. Sie findet die Entstehung dieser naiv-realistischen Überzeugung in der schon oben angegebenen Weise durch die rein praktischen Zwecke der intellektuellen Anpassung, durch die praktische Zulänglichkeit und zweckdienliche Einfachheit des naiven Realismus ausreichend erklärt, kann aber dem Inhalt dieser Überzeugung keinerlei theoretische Wahrheit mehr beimessen.

Die physiologische Betrachtung hatte gezeigt, daß sowohl die Empfindungen als auch ihre zweidimensionale räumliche Ausbreitung und ihre Projektion in die dritte Dimension unbewußte selbsttätige Leistungen der Seele seien, von denen allein die letzten Resultate ins Bewußtsein fallen, daß mit andern Worten sowohl die "Materie der Empfindung" als auch die "Form der Anschauung" von innen heraus (ab interiori) produziert sei. Die philosophische Betrachtung zeigt nun weiter, daß die so in den Raum hinaus projizierten Anschauungen als Objekte der Wahrnehmung aufgefaßt werden, daß diese anschaulichen Wahrnehmungsobjekte des Gesichtssinns und des Tastsinns zu kombinierten Wahrnehmungsobjekten miteinander verschmolzen werden, und daß auf diese kombinierten anschaulichen Wahrnehmungsobjekte des Gesichts- und Tastsinns auch die Empfindung der übrigen, nicht räumlich anschauenden Sinne hinausprojiziert und ihnen eingegliedert werden. So ist jedes, auch das komplizierteste Wahrnehmungsobjekt nichts weiter als ein Assoziationsprodukt von Empfindungen und Anschauungen, d. h. von rein subjektiven Bewußtseinsinhalten.

Die Einheit, zu welcher die verschiedenen Empfindungen und Anschauungen verknüpft werden, ist eben so eine Kategorie des Verstandes, wie die Vielheit von Wahrnehmungsobjekten, welche für die Anschauung bestehen bleibt. Indem der Wechsel der auf das Wahrnehmungsobjekt hinausprojizierten Empfindungen als Wechsel der Eigenschaften aufgefaßt wird, tritt die Kategorie der verharrenden Substanz hinzu und macht aus der Summe von Eigenschaften ein Wahrnehmungsding. Indem weiterhin der Wechsel der Eigenschaften an den beharrenden Dingen als eine Folge ihrer wechselseitigen Beziehungen aufgefaßt wird, ist es die Kategorie der Kausalität, welche durch ihr Hinzutreten die starren Substanzen in Fluß zu bringen scheint. So sind es die unbewußt hinzugefügten reinen Denkformen des Verstandes oder die Kategorien, welche die subjektiven Empfindungen und Anschauungen zu einer subjektiven Erscheinungswelt ordnen und vereinigen.

Diese subjektive Erscheinungswelt besitzt die einzige Realität, welche durch das unmittelbare Gegebensein der Erfahrung verbürgt sein kann, d. h. diejenige "empirische Realität", welche Realität heißt unbeschadet dessen, daß diese ganze subjektive Erscheinungswelt nur Produkt des subjektiven Empfindens und Denkens, nur ein inneres Seelengespinst, nur Bewußtseinsinhalt, und insofern subjektiv-ideal ist. Insofern die Wahrnehmungsobjekte auf Dinge-ansich als auf ihre transzendenten Korrelate transzendental bezogen werden, und die subjektive Erscheinungswelt auf eine transzendent-reale Welt von Dingen-ansich transzendental bezogen wird, tritt das Ding-ansich als letzte und höchste erkenntnistheoretische Kategorie hinzu, um das Weltbild zu vervollständigen. Anschauung = Empfindung + unbewußte Intellektualfunktion der räumlichen Ausbreitung; Wahrnehmungsobjekt = Summe von Anschauungen und Empfindungen + unbewußte Intellektualfunktion der räumlichen Projektion und unbewußte Anwendung der Kategorie der Einheit; Wahrnehmungsding = Wahrnehmungsobjekt + unbewußte Anwendung der Kategorie der Substantialität; subjektive Erscheinungswelt = Summe von Wahrnehmungsdingen + unbewußte Anwendung der Kategorie der Kausalität; transzendent-reale Welt = subjektive Erscheinungswelt + unbewußte Anwendung der Kategorie des Dings-ansich.

Empfinden und Denken, Sinnesfunktion und Verstandesfunktion, aus denen der ganze Bewußtseinsinhalt aufgebaut ist, sind beides psychische Tätigkeiten, subjektive Funktionen, seelische Vorgänge, und ihre Ergebnisse, die ins Bewußtsein treten, können nur Änderungen im seelischen Zustand des wahrnehmenden Subjekts sein. Was das Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen psychischen Zustände und nichts anderes. Alle Strebungen, Gefühle, Empfindungen, Anschauungen, Gedanken und alles, was aus ihnen sich unbewußt und bewußt zusammensetzt, sind innere seelische Zustandsänderungen. Nur als solche werden sie Inhalt des Bewußtseins oder Gegenstand der Perzeption; aber schon die unbewußten Seelentätigkeiten, deren Ergebnis sie sind, entziehen sich dem Bewußtsein, geschweige denn die etwaigen Ursachen, welche als unbewußte Erregungsreize für diese unbewußten Tätigkeiten gewirkt haben mögen. Es mag sein, daß das Denken solche wirkende Erregungsursachen voraussetzt, aber dann fügt es eben nur einen am Leitfaden der Kausalitätskategorie gebildeten Gedanken hinzu; die Erfahrung lehrt uns nichts über eine Kausalität dessen, was jenseits unsres Bewußtseins liegt, auf unsere Seelentätigkeit, sie lehrt uns einfach deshalb nichts darüber, weil ihr Reich mit den Grenzen des Bewußtseinsinhalts ein Ende hat.

Die Erfahrung lehrt uns nur unseren Bewußtseinsinhalt kennen, und dieser enthält nichts als Modifikationen unserer eignen seelischen Zustände. Die Erfahrung lehrt uns nichts darüber, ob jenseits unseres Bewußtseins ein Gebiet unbewußter psychischer Funktionen besteht, welche wir als unsere eigenen Funktionen und als die Quelle unseres Bewußtseinsinhaltes ansehen dürfen, sondern nur unser Denken fügt diese Annahme hinzu. Die Erfahrung lehrt uns erst recht nichts darüber, ob jenseits unseres Bewußtseinsinhaltes neben unseren eigenen unbewußten Seelenfunktionen noch andere Funktionen anderer Subjekte oder Dinge existieren. Wir können nicht aus Erfahrung wissen, ob es eine bewußtseinstranszendente Welt (zu welcher auch unsere eigenen unbewußten Seelenfunktionen gehören würden), oder ob es gar eine transsubjektive Welt (jenseits unserer bewußten und unbewußten Funktionen) gibt. Wenn wir denken, daß es eine solche Welt gibt, so ist das unser Gedanke, von dem wir zunächst nicht wissen, ob er Wahrheit oder Irrtum bietet.

Wenn es eine solche bewußtseinstranszendente oder gar transsubjektive Welt gibt, so wissen wir, daß nach allen physikalischen und physiologischen Annahmen unsre Empfindungen keinerlei Analogon in derselben haben können. Ob unsere Anschauungsform der Räumlichkeit auf die Welt der Dinge-ansich, falls sie existiert, anwendbar wäre, darüber kann uns die Erfahrung ebensowenig etwas lehren, wie darüber, ob unsre Denkformen oder Kategorien (z. B. Einheit, Vielheit, Substantialität, Kausalität) für dieselbe irgendeine Geltung und Bedeutung besäßen. Wir wissen nur, daß wir unsere Anschauungsformen auf Empfindungen und unsere Denkformen auf Empfindungen und Anschauungen anwenden, und daß die Empfindungen kein Analogon in einer etwaigen Welt der Dinge ansich haben würden. Wir müssen also jedenfalls mit der Möglichkeit rechnen, daß unsere für Empfindungsmaterial passenden Anschauungs- und Denkformen für das andersartige Material jener Welt nicht passen.

Es ist wohl unbestreitbar, daß wir unsere Anschauungs- und Denkformen in der stillschweigenden Voraussetzung auf unser Empfindungsmaterial anwenden, daß wir damit ein wahres, d. h. der transzendent-realen Welt adäquates Weltbild erbauen, oder mit anderen Worten, daß aller unserer unbewußten Anwendung der Anschauungsund Denkformen unbewußter Weise die letzte und höchste erkenntnistheoretische Kategorie des Dinges-ansich zugrundeliegt. Was der einen Denkform jedoch recht ist, das ist der anderen billig; es würde aus dem Gesagten nichts weiter folgen als der unauflösliche logische Zusammenhang des Systems der Kategorien in unserer unbewußten Verstandestätigkeit, aber keineswegs die transcendente Wahrheit des Ergebnisses ihrer transzendentalen Anwendung.

Vielleicht wäre sogar der instinktive Hang zu diesem transzendentalen Gebrauch der Anschauungs- und Denkformen nur als ein atavistisches [uraltes - wp] Überbleibsel des naiven Realismus aufzufassen, so daß mit dem Einleben in die richtigere Weltansicht auch dieser instinktive Hang allmählich verschwinden würde. Vielleicht wäre aber auch instinktive Hang zum transzendentalen Gebrauch der Anschauungs- und Denkformen als eine unserer geistigen Organisation teleologisch eingeprägte Jllusion zu betrachten, welche, obgleich theoretisch unwahr, doch als praktisch nützlich gelten müßte, um uns zu einem solchen Verhalten zu motivieren, wie es angezeigt wäre, wenn eine transsubjektive Welt bestände. Wie dem auch sei, ob atavistisches Überbleibsel der naiv-realistischen Periode, ob psychologisch notwendige Jllusion, jedenfalls kann uns dieser instinktive Hang zum transzendentalen Gebrauch der Anschauungs- und Denkformen und zur Zuspitzung all unserer Konstruktionen auf die Kategorie des Dings ansich keinerlei Bürgschaft für die theoretische Wahrheit und logische Statthaftigkeit eines solchen Gebrauches geben, und zwar gleich wenig Bürgschaft, mag nun eine Welt der Dinge-ansich existieren oder nicht. Denn selbst in dem Falle, daß der einen Kategorie des Dinges ansich Wahrheit zukäme, wäre damit noch durchaus kein Anhaltspunkte für eine transzendentale Anwendbarkeit der übrigen Kategorien und der Anschauungsformen auf das supponierte Ding-ansich gegeben; auch in diesem Falle bliebe das Ding ansich ein für uns schlechthin unbekanntes  X von dem wir weder positiv noch negativ irgendetwas erfahren oder behaupten könnten. Ob aber dieses  X  bloß unser Gedanke ist, oder ob ihm etwas Existierendes jenseits unsres Bewußtseins entspricht, bleibt gleichfalls für immer unerfahrbar.

Wenn die physiologische Widerlegung des naiven Realismus darin gegipfelt hatte, daß aus der vorausgesetzten physikalischen Welt des äußeren Daseins nichts in die psychische Welt des inneren Bewußtseins hineinschlüpfen kann, sondern in dieser letzteren alles von innen heraus neu geschaffen und aufgebaut werden muß, so gipfelt umgekehrt die philosophische Widerlegung darin, daß das Bewußtsein nicht über die Grenzen seines subjektiv-idealen Inhalts hinausgreifen kann, und daß der Inhalt alles Bewußtwerdens auf die eigene psychische Zuständlichkeit beschränkt ist. Was ich fühle, ist  mein  Gefühl; was ich empfinde, ist  meine  Empfindung; was ich anschaue, ist  meine  Anschauung; was ich vorstelle, ist  meine  Vorstellung, was ich denke, ist  mein  Gedanke; was Objekt  meines  Bewußtseins ist, hat sich eben dadurch als Inhalt  meines  Bewußtseins, als Moment meiner Subjektivität, als Zuständlichkeit  meines  seelischen Innern, als subjektiv-ideales Sein ausgewiesen. Das Bewußtein ist Akzidens meiner Seele und kann aus meiner Innerlichkeit nicht heraus; es kann sich nicht über die Grenzen seiner idealen Sphäre ausdehnen, nicht Fühlhörner ausstrecken, um etwas ihm Transzendentes zu betasten, sich nicht über die Dinge-ansich hinüberstülpen, auch nicht die Dinge mit Fangarmen in sich hineinziehen.

Damit ist dann die zwischen äußerlichem Dasein und innerlichem Bewußtsein gähnende Kluft von beiden Seiten her gleichmäßig konstatiert, und dem naiven Realismus jeder Boden entzogen. Es ist aber an seine Stelle zunächst nicht etwas andres gesetzt, sondern nur die Widerlegung des instinktiven erkenntnistheoretischen Dogmatismus kritisch bis zu Ende durchgeführt. Eine solche rein negative Kritik kann für sich allein zunächst nur zum Nichtwissen führen, zu jener skeptischen Weltansicht, welche als Durchgangspunkt zwischen naivem Dogmatismus und positivem Kritizismus unentbehrlich scheint. Daß das theoretische Bewußtsein sich niemals auf die Dauer bei einem ergebnislosen Skeptizismus beruhigt, dafür ist durch die Anlage der menschlichen Natur zur Genüge vorgesorgt. Die weiter sich ergebenden Standpunkte des erkennenden Bewußtseins zu verfolgen, wird die Aufgabe der folgenden Abschnitte sein. Hier handelte es sich zunächst nur um die erschöpfende Widerlegung des naiven Realismus, und für diese dürfte das Beigebrachte ausreichen. Die Skepsis erstreckt sich natürlich auch auf den Erklärungswert der Naturwissenschaften, der, wie oben gezeigt, völlig illusorisch ist, wenn die transzendentale Anwendung der Anschauungs- und Denkformen auf das Ding-ansich illusorisch ist, oder wenn gar die transzendente Geltung der Kategorie des Dinges-ansich selber illusorisch ist. Von einem philosophischem Gesichtspunkt aus hat die physikalische Weltansicht keine Existenzberechtigung, außer soweit sie sich vor dem philosophischen Forum zu legitimieren vermag. Wenn aber unser gesamtes Erkennen auf einer psychologisch unentrinnbaren illusorischen Beschaffenheit in der Organisation unseres Geistes beruhen sollte, so kann das physikalische Erkennen natürlich keine Ausnahme machen.

Das Ergebnis der philosophischen Widerlegung des naiven Realismus läßt sich folgendermaßen zusammenfassen:
    1) Was wahrgenommen wird, ist ausschließlich der eigene Bewußtseinsinhalt, d. h. Veränderungen des eigenen seelischen Zustandes.

    2) Ob es Dinge ansich gibt, liegt außer dem Bereich der Erfahrbarkeit.

    3) Ob unsere Anschauungs- und Denkformen auf die Dinge ansich, falls es solche gibt, anwendbar sind, oder nicht, liegt außerhalb des Bereichs der Erfahrbarkeit.

    4) Die Welt für mich ist meine subjektive Erscheinungswelt, welche sich aus meinen Empfindungen und meinen unbewußten und bewußten Intellektualfunktionen aufbaut.

    5) Ob es noch andere Welten außer meiner subjektiven Erscheinungswelt gibt oder nicht, liegt außerhalb des Bereichs der Erfahrbarkeit.
LITERATUR - Eduard von Hartmann, Das Grundproblem der Erkenntnistheorie, Leipzig 1914
    Anmerkungen
    1) Vgl. die ausgezeichneten Untersuchungen von Pierre Janet und A. Binet (Revue philosophique de la France et de l'etranger 1888 Nr. 3, 1889 Nr. 2 u. 4).
    2) Dieser Ausdruck soll hier nur zur Bequemlichkeit der Darstellung dienen und der metaphysischen Frage, ob es eine Seele gebe, und was dieselbe sei, in keiner Weise vorgreifen.