p-4W. WundtF. HillebrandK. LamprechtC. GüttlerJ. Eisenmeier    
 
KARL MARBE
Die Aktion gegen die Psychologie
[eine Abwehr]

"Die Erklärung verlangt, daß die moderne Psychologie künftig nur durch die Errichtung eigener Lehrstühle gefördert werden soll, d. h. daß künftig Gelehrte, die ausschließlich oder vorwiegend im Sinne der modernen Psychologie arbeiten, für philosophische Lehrstühle nicht mehr in Betracht kommen sollen."

"Manche Philosophen scheinen zu meinen, daß man, um universelle zu sein, seine Arbeit auf universalia in einem mittelalterlichen Sinn des Wortes beschränken muß, d. h. daß man, um universell zu sein, die reine Philosophie der Begriffe treiben muß, wie etwa Rickert in seiner Erkenntnistheorie."

"Diese Clique gleicht den Zeitgenossen Galileis, die nicht durch ein Fernrohr sehen wollten und und liefert die beste Jllustration für die allgemeine Tatsache, daß die Menschen häufig die Dinge am meisten von sich weisen und am geringsten bewerten, von denen sie am wenigsten verstehen."


I. Charakterisierung der Erklärung

Das letzte Ziel aller Wissenschaft ist die Erforschung der Wahrheit. Alle wahre Wissenschaft geht gleichgültig am Gefallen oder Mißfallen der großen Menge vorüber und sie findet ihre höchste Befriedigung allein in sich selbst und ihrem hohen Beruf.

Trotzdem bedeutete es eine Verkennung der Tatsachen des Lebens, wenn jemand die praktischen mit der Wissenschaft verknüpften Elemente übersehen würde. Daß viele Wissenschaften wie z. B. die Chemie und Physik unsere materielle Kultur eminent gefördert haben, ist allgemein bekannt und auch, daß die Wissenschaft wiederum durch diese materielle Kultur in der Erstrebung ihrer rein wissenschaftlichen Ziele gefördert wird, dürfte nur selten verkannt werden. Auch erfordert jede Wissenschaft Material, wie Bücher, Apparate, Hilfspersonal usw. Und auch die Erreichung dieses Materials ist keine rein wissenschaftliche Angelegenheit, wie wichtig es auch für die Wissenschaft sein mag. Auch kann man es dem Gelehrten durchaus nicht übel nehmen, wenn er bestrebt ist, weite Kreise für seine Forschungen zu interessieren. Ja, dies ist der einzige Weg, um der Wissenschaft Bahn zu brechen und jüngere Kräfte für die Förderung der Wissenschaft zu gewinnen. Und wenn sich heutzutage immer noch bemittelte und nicht auf den Erwerb von Reichtümern und äußeren Ehren eingestellte Gelehrte finden, die die Verwaltung einer Professur an einer Universität dem Leben des Privatgelehrten vorziehen, so findet dies seine Erklärung, abgesehen von der Anregung, die eine Stellung an der Universität bietet, in der Möglichkeit der größeren wissenschaftlichen Wirksamkeit.

Auch darf man sich durchaus nicht verhehlen, daß das Streben nach wissenschaftlicher Wirksamkeit von Seiten des Gelehrten mit dem Streben nach dem Zurückdrängen anderer von ihm verworfener wissenschaftlicher Richtungen vielfach verbunden sein muß. Wer eine abfällige Kritik schreibt, kämpft gegen Absichten oder Methoden, deren Einfluß zu vernichten er bestrebt ist. Wer seine Stimme bei der Besetzung von Professuren geltend zu machen Gelegenheit hat, wird sich hüten, für diejenigen einzutreten, die seiner Meinung nach einen falschen wissenschaftlichen Weg gehen. Wer als Gelehrter über Stiftungen zu wissenschaftlichen Zwecken zu verfügen hat, wird dafür Sorge tragen, daß sie nicht denjenigen ausgehändigt werden, die seiner Meinung nach die wahre Wissenschaft schädigen, mögen sie selbst auch noch so sehr von der Bedeutung ihrer Mission erfüllt sein. Überhaupt wird jeder Gelehrte bestrebt sein oder wenigstens bestrebt sein dürfen, die seiner Meinung nach wahre Wissenschaft zu fördern und wissenschaftliche Verirrungen zu bekämpfen. So zeigt sich der Kampf des Lebens auch in der Wissenschaft. Daß sich dieser Kampf nicht nur gegen vermeintlich falsche Richtungen wendet, sondern auch gegen solche, denen man zwar eine gewisse Daseinsberechtigung nicht absprechen kann, durch die man aber den Einfluß der eigenen Richtung bedroht fühlt, ist, wenn auch durchaus nicht zu billigen, gewiß begreiflich und bei einigem guten Willen vielleicht sogar verzeihlich.

Trotz der eben geschilderten, zum Teil mißlichen, aber wohl unvermeidlichen Tatsachen, ist es bisher nicht üblich gewesen, daß Gelehrte an alle Universitäten und alle Ministerien deutscher Zunge eine "Erklärung" versandt haben, welche ihrer Natur nach geeignet ist, eine aufblühende Wissenschaft zu unterdrücken, die akademische Karriere vieler Gelehrten zu schädigen und junge Gelehrte abzuhalten, sich einem bestimmten Fach zuzuwenden.

Diese Aktion blieb der Gegenwart vorbehalten. Im Wintersemester 1912/13 sandte Geheimer Rat Dr. HEINRICH RICKERT, Professor der Philosophie an der Universität Freiburg i. Br. eine von ihm selbst und fünf anderen ordentlichen Professoren der Philosophie unterschriebene "Erklärung" an eine große Anzahl von Privatdozenten und Professoren der Hochschulen zur Unterschrift. Dann wurde die "Erklärung" nebst den erzielten Unterschriften an die deutschen philosophischen Fakultäten Österreichs, der Schweiz und Deutschlands, sowie an die den Fakultäten vorgesetzten Verwaltungsbehörden verschickt.

Wir werden nun zunächst zeigen, daß die sehr geschickte, aber keineswegs für alle Augen geschickt genug abgefaßte "Erklärung" tatsächlich auf eine Unterdrückung der Psychologie hinausläuft.

Es liegt mir jedoch fern, zu behaupten, daß RICKERT durch die "Erklärung" eine Schädigung der Psychologie oder ihrer Vertreter beabsichtigt hat. Denn ich bin bestrebt, nichts zu behaupten, was ich nicht beweisen kann. Noch weniger möchte ich die Gesamtheit der übrigen Herren, die ihre Unterschrift gegeben haben, allein deshalb als Feinde der Psychologie brandmarken. Bei vielen wäre dies überhaupt unzulässig und unrichtig.

Die für denjenigen, welcher die Verhältnisse nicht kennt, sehr harmlos klingende "Erklärung" lautet so:

"Die unterzeichneten Dozenten der Philosophie an den Hochschulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sehen sich zu einer Erklärung veranlaßt, die sich gegen die Besetzung philosophischer Lehrstühle mit Vertretern der experimentellen Psychologie wendet.

Das Arbeitsgebiet der experimentellen Psychologie hat sich mit dem höchst erfreulichen Aufschwung dieser Wissenschaft so erweitert, daß sie längst als eine selbständige Disziplin anerkannt wird, deren Betrieb die volle Kraft eines Gelehrten erfordert. Trotzdem sind nicht eigene Lehrstühle für sie geschaffen, sondern man hat wiederholt Professuren der Philosophie mit Männern besetzt, deren Tätigkeit zum größten Teil oder ausschließlich der experimentellen Erforschung des Seelenlebens gewidmet ist. Das wird zwar verständlich, wenn man auf die Anfänge dieser Wissenschaft zurückblickt, und es war früher wohl auch nicht zu vermeiden, daß beide Disziplinen von einem Gelehrten zugleich vertreten wurden. Mit der fortschreitenden Entwicklung der experimentellen Psychologie ergeben sich jedoch daraus Übelstände für alle Beteiligten. Vor allem wird der Philosophie, für welche die Teilnahme der akademischen Jugend beständig wächst, durch die Entziehung von ihr allein gewidmeten Lehrstühlen eine empfindliche Schädigung zugefügt. Das ist umso bedenklicher, als das philosophische Arbeitsgebiet sich andauernd vergrößert und als man gerade in unseren philosophisch bewegten Zeiten den Studenten keine Gelegenheit nehmen darf, si bei ihren akademischen Lehrern auch über die allgemeinen Fragen der Weltanschauung und Lebensauffassung wissenschaftlich zu orientieren.

Nach all dem halten es die Unterzeichneten für ihre Pflicht, die Philosophischen Fakultäten sowie die Unterrichtsverwaltungen auf die hieraus erwachsenden Nachteile für das Studium der Philosophie und Psychologie hinzuweisen. Es muß im gemeinsamen Interesse der beiden Wissenschaften sorgfältig darauf Bedacht genommen werden, daß der Philosophie ihre Stellung im Leben der Hochschulen gewahrt bleibt. Daher sollte die experimentelle Psychologie in Zukunft nur durch die Errichtung eigener Lehrstühle gepflegt werden und überall, wo die alten philosophischen Professuren durch Vertreter der experimentellen Psychologie besetzt sind, ist für die Schaffung von neuen philosophischen Lehrstühlen zu sorgen."


Der psychologische Fachmann wird zunächst den Ausdruck "experimentelle Psychologie" beanstanden und ihn, da er für den Laien irreführend sein kann, zurückweisen.

Die gebildeten Laien werden annehmen, daß die Psychologie eine Disziplin der Philosophie ist und sie haben für diese Meinung die Geschichte der Philosophie von ARISTOTELES bis auf die Gegenwart für sich. Nicht alle aber wissen vielleicht, daß die Methoden der Psychologie in den letzten Jahrzehnten wesentlich umgestaltet wurden und daß die moderne Psychologie durch die Anwendung des Experiments und der Statistik sowie auch durch eine gewisse enge Fühlung mit der Physiologie und Physik sowie durch anderes charakterisiert. Sie können daher aufgrund der "Erklärung" leicht auf die Idee verfallen, daß es neben der eigentlichen Psychologie auch noch eine experimentelle Psychologie gibt. Diese durch die "Erklärung" nahegelegte Ansicht ist ebenso falsch wie etwa die Ansicht, daß es neben der eigentlichen Chemie oder Physiologie noch eine experimentelle Chemie und eine experimentelle Physiologie gibt. Die Sache verhält sich vielmehr so, daß die Physiologie und die Chemie sich im weitesten Umfang des Experiments bedienen, das einen wesentlichen methodologischen Bestandteil dieser Disziplinen bildet und daß auch die Psychologie dazu übergegangen ist, das Experiment im weitesten Umfang anzuwenden. Jeder Schritt gegen die "experimentelle Psychologie" ist daher gleichbedeutend mit einem Schritt gegen die Psychologie in der gegenwärtigen Phase ihrer Entwicklung überhaupt. Man kann ebensowenig zugleich die "experimentelle Psychologie" bekämpfen und zugleich die Psychologie fördern wollen, wie man sich gegen die experimentelle Physik wenden kann, um zugleich der Physik zu dienen, obgleich natürlich das bloße Experimentieren die Psychologie so wenig erschöpft wie die Physik.

Die Aktion wendet sich also tatsächlich gegen die moderne Psychologie.

Der unbefangene Laie wird freilich bei der Lektüre des letzten Satzes vielleicht den Kopf schütteln, die "Erklärung" nochmals lesen und sagen, die Psychologie finde ja darin die allergrößte Anerkennung, ja die "Erklärung" beantrage geradezu die Errichtung psychologischer Professuren. Der Fachmann wird sich bei der lobenden Erwähnung der Psychologie freilich viel eher der hämischen Bemerkungen WINDELBANDs (1) über die Psychologie erinnern und sich eines Lächelns und eines gewissen Argwohns nicht erwehren können, wenn er bemerkt, daß WINDELBAND, der zu den fünf Professoren gehört, die mit RICKERT die Aktion einleiteten, nun auf einmal die Psychologie zu rühmen weiß, für die er bisher fast nur spöttische Bemerkungen übrig hatte. Der Fachmann wird aber auch sogleich erkennen, daß die "Erklärung" faktisch auf eine Unterdrückung der Psychologie hinausläuft.

Sie beanstandet zunächst, daß philosophische Professuren teilweise mit Männern besetzt werden, deren Tätigkeit zum größten Teil oder ausschließlich der experimentellen Erforschung des Seelenlebens gewidmet ist. Nach unseren obigen Darlegungen läuft diese Wendung auf nichts anderes hinaus als auf die Beanstandung der Tatsache, daß philosophische Lehrstühle durch in moderner Weise psychologisch arbeitende Gelehrte besetzt werden, deren Hauptinteresse auf dem Gebiet der Psychologie liegt. Die "Erklärung" verlangt dann, daß die moderne Psychologie künftig nur durch die Errichtung eigener Lehrstühle gefördert werden soll, d. h. daß künftig Gelehrte, die ausschließlich oder vorwiegend im Sinne der modernen Psychologie arbeiten, für philosophische Lehrstühle nicht mehr in Betracht kommen sollen.

Nun ist das Spezialgebiet der Psychologie bei uns zurzeit weder für die Juristen, Mediziner, Theologen noch auch für die Studierenden in der philosophischen Fakultät ein Pflichtstudium. Wo immer heute in Deutschland moderne Psychologie geprüft wird, geschieht dies ausschließlich im Rahmen der Philosophie, die Prüfungsfach für Lehramtskandidaten und Theologen ist. Wenn es daher im Sinne der "Erklärung" ordentliche Professoren der Philosophie, die sich ganz oder vorwiegend mit der modernen Psychologie beschäftigen, nicht mehr gibt, so wird auch eine sachgemäße psychologische Prüfung im Rahmen der Philosophie nicht mehr stattfinden können. Das Studium der Psychologie wird also dann ganz wesentlich zurückgehen und von Ausnahmen abgesehen, ganz aufhören. Auch die Errichtung besonderer Professuren für Psychologie würde an dieser Tatsache nichts ändern.

Wer seine Ansichten über Tatsachen weniger aufgrund von Idealen als aufgrund der Tatsachen selbst gestaltet, wird nicht einwenden, daß es unbillig ist, das Interesse, welches ein Fach bei den Studenten genießt, nach den Examensvorschriften zu bemessen. Wer neben offenen Augen auch Erfahrung im akademischen Leben besitzt, weiß sehr gut, wie das Prüfungswesen das Studium beeinflußt. Mir sind ausgezeichnete Physiologen genug bekannt, die, wenn sie nicht nur, was bei uns bereits geschehen ist, aus dem Staatsexamen, sondern auch noch aus der ärztlichen Vorprüfung exmittiert [hinausbefördert - wp] würden, ihr Institut samt dem Hörsaal getrost in ein durch Lehrtätigkeit ungestörtes Forschungsinstitut umwandeln könnten. Analoges gilt von vielen anderen, z. B. von den Zoologen, deren positive Tätigkeit fast ausschließlich auf den Vorschriften für die ärztliche Vorprüfung und die Lehramtskandidaten beruth. Wenn nun vielleicht augenblicklich die wissenschaftliche Psychologie wegen ihrer Neuheit ein etwas populäres Fach sein mag als Physiologie und Zoologie, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß die bloße Errichtung von psychologischen Professuren, wie sie in der "Erklärung" gewünscht wird, dem Psychologen eine äußerst beschränkte Perspektive auf eine Lehrtätigkeit eröffnet. Demzufolge würde der Rückgang der psychologischen Studiums, wenn die Psychologie im Sinne der "Erklärung" aus der Philosophie verdrängt würde, durch besondere psychologische Professuren als solche nicht wesentlich aufgehalten werden können.

Vom Standpunkt der Wissenschaft aus ist die Errichtung eigener Professuren für Psychologie allerdings auch schon im gegenwärtigen Augenblick zu begrüßen. Eine psychologische Professur erfordert anerkanntermaßen eine psychologisches Institut, in welchem neben dem Vorstand auch Hilfskräfte tätig sind. Jedes richtig verwaltete psychologische Institut ist aber eine Zentralstelle für wissenschaftliche psychologische Arbeit. Kann daher auch die Errichtung neuer psychologischer Institute als solche in Verbindung mit der von der "Erklärung" gewünschten Verdrängung der Psychologie aus der Philosophie den Rückgang der psychologischen Interessen in weiten Kreisen nicht wesentlich aufhalten, so würde der psychologische Fachmann immerhin schon heute die Errichtung neuer psychologischer Professuren dankbar begrüßen. Ja, er muß diese Professuren durchaus fordern, wie dies neuerdings wiederholt geschehen ist (2).

Es wäre aber falsch, sich in dieser Beziehung Jllusionen hinzugeben. Im besten Fall läßt sich heute erreichen, daß an den allergrößten Universitäten die eine oder andere psychologische Professur geschaffen wird. Daß eine Regierung sich bereit finden läßt, heute auch an mittleren oder kleineren Universitäten eine spezifisch psychologische Professur einzurichten, muß als ausgeschlossen gelten, zumal, wenn man bedenkt, daß eine psychologische Professur ohne Institut eine wertlose Einrichtung ist, daß also eine richtige psychologische Professur nicht unerhebliche Geldmittel erfordert. Solche Geldmittel mag eine Regierung vielleicht für eine große Universität gelegentlich zur Verfügung stellen. Jedenfalls aber werden sich die Regierungen hüten, an allen Universitäten teure Professuren zu errichten, für ein Fach, welches, wenn die Psychologie aus dem Machtbereich des Philosophen verdrängt ist, als Lehrfach vollständig brachliegt. Die Errichtung von Professuren aller Fächer hängt heute, wie jeder Unterrichtete weiß, von der Bedeutung dieser Fächer in den Lehrplänen ab.

Diese Darlegungen dürften zur Genüge zeigen, daß, wenn die Regierungen auch vielleicht insofern der "Erklärung" Gehör schenken, als sie Gelehrte, die sich vornehmlich oder ausschließlich mit der modernen Psychologie beschäftigt haben, nicht mehr auf philosophische Professuren berufen, sie doch deshalb nicht im mindesten Veranlassung nehmen werden, in großem Umfang neue psychologische Professuren zu schaffen. Unsere Darlegungen dürften weiterhin gezeigt haben, daß selbst wenn heute, wo die Psychologie als solche in keine Gebiet Pflichtfach ist, psychologische Professuren geschaffen würden, der durch die Verdrängung der Psychologie aus der Philosophie erfolgende Rückgang des psychologischen Studiums keineswegs aufgewogen würde. Somit hat sich ergeben, daß wir in der "Erklärung" eine Aktion vor uns haben, welche die Entwicklung der Psychologie zu unterdrücken geeignet ist.

Haben wir bereits gesehen, daß die Errichtung von neuen psychologischen Professuren freilich schon heute vom Standpunkt der Wissenschaft aus zu begrüßen wäre, so wird die Gründung von neuen psychologischen Professuren in dem Moment unerläßlich, wo die Psychologie in dem Grad Unterrichtsgegenstand geworden ist, in dem sie es verdient.

Die Geschichte der Wissenschaften weist wohl kaum einen zweiten Fall auf, wo eine Disziplin in so kurzer Zeit einen so großen Aufschwung genommen hat, wie die kaum über ein halbes Jahrhundert alte wissenschaftliche Psychologie. Und schon heute läßt sich aufgrund der positiven Resultate zeigen, daß die Psychologie für die verschiedensten anderen Wissenschaften von erheblichster Bedeutung ist (3). Und deshalb wird die Psychologie z. B. für den Juristen und Mediziner wie auch den künftigen Lehrer Prüfungsfach werden müssen. Wenn die Erfüllung dieser Forderungen in Sicht steht, werden sich die Regierungen auch genötigt sehen, psychologische Professuren zu errichten. Und die Psychologen dürfen es nicht daran fehlen lassen, durch ihre positiven Leistungen fortgesetzt den erneuten Beweis der Fruchtbarkeit ihrer Gebiete für die übrigen Disziplinen zu erbringen und so auf die Errichtung eigener psychologischer Professuren hinzuarbeiten.

Aber selbst, wenn jede Universität eine psychologische Professur hat, würde ich, wenn auch nicht als Psychologe, so doch als Philosoph den Einfluß der Psychologie auf die Philosophie niemals ausgeschaltet wissen wollen. Ich bin nicht der Meinung, daß eine Philosophie umso besser ist, je wissenschaftsfremder sie ist. Und ich vertrete die Ansicht, daß eine isolierte Beschäftigung mit Philosophie ein äußerst unfruchtbares Unternehmen ist. Der Philosoph muß mit der Gesamtheit der Wissenschaften Fühlung haben und er darf vor allem nicht die Ergebnisse derjenigen Wissenschaft ignorieren, die sich ex professo [professionell - wp] mit dem Bewußtsein beschäftigt. Jedenfalls aber kann die Tatsache, daß wir auf die Anerkennung der Psychologie im Studienplan der Mediziner, Juristen und Lehrer und damit auf die Errichtung psychologischer Professuren hinarbeiten müssen, an dem Umstand nichts ändern, daß, solange es an dieser Anerkennung fehlt, die Verdrängung der Psychologie aus der Philosophie eine Schädigung der Psychologie bedeuten würde. Dieser Verdrängung im jetzigen Augenblick redet aber die "Erklärung" das Wort.

Zudem ist zu bedenken, daß die Errichtung besonderer Professuren für Psychologie dadurch nicht gefördert, sondern hintangehalten wird, daß die Kenner und Pfleger der Psychologie in den Fakultäten mundtot gemacht werden. Dies geschieht aber, wenn die Psychologen aus den Kreisen der philosophischen Ordinarien zu einer Zeit verschwinden, wo es Ordinariate für Psychologie noch nicht gibt.

Daß, wenn im Sinn der "Erklärung" keine Gelehrten mehr, die sich ausschließlich oder vorwiegend mit moderner Psychologie beschäftigen, auf philosophische Lehrstühle gelangen, die akademische Karriere vieler, insbesondere junger zur Zeit mit Psychologie beschäftigter Gelehrter geschädigt wird, bedarf keiner weitläufigen Erörterung. Daß endlich hierdurch das Interesse derjenigen, die sich erst für ein Fach entscheiden, von der Psychologie abgelenkt wird, kann nur derjenige leugnen, der nicht weiß, ein wie großer Faktor der materielle Gesichtspunkt bei den meisten Menschen und (vielleicht bedauerlicher-, aber tatsächlicherweise) auch bei sehr vielen jungen Gelehrten ist.

Nun liegt es mir natürlich fern, daraus, daß die Aktion tatsächlich die akademische Karriere vieler Gelehrter schädigt, irgendwelche Vorwürfe gegen sie abzuleiten. Alle Fragen der Karriere, nicht nur der eigenen, sondern auch anderer Personen, müssen ganz außer Betracht bleiben, wo wissenschaftliche Interessen sprechen. Es sollte jedoch hier neben anderem lediglich die Tatsache festgestellt werden, daß die Aktion tatsächlich auf die Beeinträchtigung der Karrieren vieler Gelehrter hinausläuft.

Es bleibt also dabei:
    Die Aktion läuft auf eine Unterdrückung der Psychologie und eine Schädigung der Laufbahn vieler Gelehrter hinaus und sie ist geeignet, junge Kräfte abzuhalten, sich der Psychologie zuzuwenden.

Im Jahr 1912 ließ OSWALD KÜLPE eine Schrift über "Psychologie und Medizin" erscheinen (4), in welcher er die Bedeutung der Psychologie für die Medizin nachweist (5). In ihr redet KÜLPE auch dem psychologischen Studium der Mediziner das Wort und in diesem Zusammenhang fordert er, ohne übrigens die Bedeutung der Psychologie für die Philosophie zu verkennen, die Errichtung besonderer psychologischer Professuren. Auch wer von der übrigen wissenschaftlichen Tätigkeit KÜLPEs keine Ahnung hat, kann schon aus dieser Schrift sehen, daß KÜLPE die Bedeutung der Psychologie für die Philosophie nicht gering anschlägt. So sagt er (6):
    "Andererseits kann es für den werdenden Philosophen kein zweckmäßigeres Gebiet einzelwissenschaftlicher Vorbildung geben, als die moderne Psychologie, die einesteils mit den Naturwissenschaften und der Mathematik in lebendiger Fühlung ist und deren Kenntnis bis zu einem gewissen Grad voraussetzt und andernteils den Geisteswissenschaften in wachsendem Maß zur Hilfswissenschaft wird und ihrerseits in ihnen ein reiches Material ihrer Forschung findet."
Auch ist KÜLPE durchaus der Meinung, daß wir psychologische Professuren nur erwarten dürfen, wenn eben die Psychologie ein ordentlicher Lehrgegenstand für die Studierenden wird. In diesem Sinne sagt er:
    "Daß sich ein deutscher Staat entschließen würde, die Psychologie ohne den Anschluß an die Bedürfnisse anderer Disziplinen mit eigenen Lehrstühlen und Instituten auszurüsten, wage ich aufgrund meiner Erfahrungen nicht zu hoffen." (7)
Es war hiernach klar, daß sich KÜLPE - trotdem er in seiner Schrift auch die Schwierigkeit, die Gebiete der modernen Psychologie und der Philosophie gleichzeitig zu beherrschen, mit Recht betont und trotzdem er wie viele andere und ich selbst eigene Professuren für Psychologie in Verbindung mit einem Pflichtstudium der Psychologie verlangt - mit der "Erklärung" nicht identifizieren konnte, und daß er es ablehnen mußte, sich der die Psychologie schädigenden Aktion zu beteiligen.

Weniger klar ist es, wie RICKERT in der Frankfurter Zeitung (8) seine Verwunderung darüber aussprechen kann, daß KÜLPE und die anderen Kenner der modernen Psychologie (oder "Experimentalpsychologen" wie RICKERT sagt) ihre Unterschrift verweigert haben. RICKERT meint schließlich, daß begreifliche Verstimmungen hierfür maßgebend gewesen seien. Das ist falsch. Ich vermute vielmehr, daß KÜLPE und WUNDT und viele andere deshalb nicht unterzeichnet haben, weil sie den objektiven Charakter der Erklärung richtig aufgefaßt haben.

Als ich übrigens die Ausführungen KÜLPEs über die Errichtung psychologischer Professuren las, ging mir sogleich der Gedanke durch den Kopf, daß KÜLPEs Ausführungen über die psychologischen Professuren, wie wohl das weder durch ihren Sinn noch durch ihren Wortlaut indiziert war, gegen die moderne Psychologie ausgenützt werden könnten. Ich schrieb deshalb, nachdem ich auf die spätere Notwendigkeit der Errichtung psychologischer Professuren hingewiesen hatte, wörtlich folgendes (9):
    "Die Philosophen, welche die Bedeutung der Psychologie für die Philosophie erkannt haben, und diejenigen Gelehrten, die Psychologie als Spezialfach gewählt haben, werden allerdings dafür Sorge tragen müssen, daß die Errichtung neuer Professuren bzw. Dozenturen der Psychologie nicht zu einem Schaden für diese Wissenschaft wird. Es gibt auch Universitätskreise, welche die Trennung der Psychologie von der Philosophie sehr begrüßen würden, dabei aber keineswegs von einem Interesse für die Psychologie geleitet sind. Sie würden am liebsten die Psychologie aus der Philosophie verdrängen, psychologische Dissertationen nicht mehr zulassen und das psychologische Institut einem Extraordinarius oder lieber einem Privatdozenten unterstellen, den sie sich womöglich als Assistenten eines psychologiefremden Philosophen oder vielleicht gar eines Philosophie dozierenden Literaturhistorikers denken. Die Habilitationen im Fach der Psychologie würden dann aufhören, und man könnte schließlich die psychologischen Institute wegen Mangels von zu ihrer Leitung geeigneten Kräften wieder schließen. Eine der angedeuteten auch nur ähnliche Entwicklung der Dinge wäre ein Schaden für die Wissenschaft."
Die "Erklärung" redet de facto einer solchen Entwicklung der Dinge das Wort. Sie will die moderne Psychologie aus der Philosophie verdrängen und sie auf psychologische Professuren hinweisen, die es nicht gibt und deren Errichtung noch sehr lange auf sich warten lassen kann. Diejenigen Philosophen, welche die Bedeutung der Psychologie erkannt haben und diejenigen Gelehrten, welche die Psychologie zu ihrem Spezialfach gemacht haben, werden sich für eine solche Unterstützung ihrer Bestrebungen schönstens bedanken.


II. Die Beteiligung der
ordentlichen Professoren

Für die Beurteilung der "Erklärung" ist nicht nur diese selbst, sondern auch die Gewichtigkeit und Anzahl ihrer Unterschriften von Belang. Andererseits aber läßt sich über den Wert der Unterschriften nur dann ein gewisses Urteil gewinnen, wenn einigermaßen feststeht, wem die "Erklärung" zur Unterschrift vorgelegt wurde. Denn es ist natürlich zweierlei, ob jemand nicht unterzeichnete, weil ihm die "Erklärung" nicht vorgelegt wurde oder weil er ihren Inhalt nicht billigte.

Es liegt nun nach einer flüchtigen Durchsicht der unterschriebenen Namen die Vermutung nahe, daß die "Erklärung" allen Dozenten "der Philosophie" an den Universitäten und den übrigen Hochschulen des deutschen Sprachgebietes und nur diesen vorgelegt wurde. Ich habe indessen die Minerva (10) vom Jahr 1913 mit den Unterschriften verglichen und bemerkt, daß die Hypothese, daß die "Erklärung" allen deutschen Dozenten der Philosophie und nur diesen vorgelegt wurde, nicht ganz zutreffend ist.

So befinden sich unter den Unterschriften diejenigen von HEYFELDER (Privatdozent für Ästhetik und Kunstgeschichte an der Universität Tübingen), KÖSTER (Privatdozent für Pädagogik und Didaktik an der Technischen Hochschule in München), SEIDEL (Privatdozent für Pädagogik an der Universität Zürich) und WALASCHEK (a. o. Professor für Ästhetik und Psychologie der Tonkunst an der Universität Wien). Die "Erklärung" wurde also auch Dozenten der Pädagogik und solchen von Spezialgebieten der Philosophie vorgelegt.

Andererseits ist die "Erklärung" nicht allen Dozenten der Philosophie aller Hochschulen und nicht allen Dozenten der Pädagogik und nicht allen Dozenten von Spezialgebieten der Philosophie aller Universitäten zur Unterschrift präsentiert worden, was mir durch schriftliche und mündliche Mitteilungen aus den fraglichen Kreisen bekannt geworden ist.

Da also die "Erklärung" an Dozenten der Philosophie, an Dozenten mit Lehrauftrag oder venia [Lehrberechtigung - wp] für einzelne Teile der Philosophie sowie an Dozenten der Pädagogik zur Unterschrift versandt wurde, da sie aber nicht an alle Dozenten dieser Kategorie verschickt wurde, so wäre es offenbar unbillig, wenn ich den tatsächlichen Unterschriften alle Namen aller Dozenten der Philosophie und einzelner philosophischer Fächer und aller Dozenten der Pädagogik gegenüberstellen wollte. Der numerische Wert der Unterschriften würde dadurch in unzulässiger Weise gedrückt.

Andererseits aber folgt aus dem Mitgeteilten, daß die tatsächliche Anzahl der Unterschriften kein Bild über die Stimmung aller Kreise, innerhalb deren die "Erklärung" zur Unterschrift kursierte, geben kann. Immerhin wird man zugeben müssen, daß die Zahl derjenigen, die unterschrieben haben, eine sehr stattliche ist und mancher Leser der Unterschriften war vielleicht über die große Zahl der Unterschriften erstaunt. Auch dürfte mancher gute Literaturkenner in manchem ausgezeichneten Namen die einzige ihm gegenwärtige literarische Leistung seines Trägers erblickt haben. Die Zahl der Unterschriften beträgt 107, nicht 106, wie RICKERT in seinem Begleitschreiben gelegentlich der Versendung der "Erklärung" sagt.

Läßt sich indessen die Gesamtheit der vorhandenen Unterschriften aus den angeführten Gründen nicht gegen die Gesamtheit der fehlenden Unterschriften von Dozenten gleicher Kategorien abwägen, so darf man ohne in Betracht kommenden Fehler annehmen, daß die "Erklärung" an alle ordentlichen Professoren der Philosophie aller Universitäten deutscher Zunge versandt wurde. Ich verstehe dabei unter ordentlichen Professoren der Philosophie diejenigen ordentlichen Universitätsprofessoren, deren Lehrauftrag "Philosophie" allein oder Philosophie nebst anderen Lehrgegenständen umfaßt. Im Folgenden soll nun untersucht werden, wieviel und welche ordentlichen Professoren der Philosophie die "Erklärung" unterzeichnet haben und wieviele und welche die Unterschrift nicht vollzogen haben.

Bei dieser Untersuchung bediente ich mich ebenso wie bei den bisher von mir erörterten tatsächlichen Feststellungen der Minerva vom Jahre 1913 und zwar hielt ich mich ganz streng an dieses Buch. Hierdurch glaube ich am besten den Schein der Willkürlichkeit zu vermeiden und anderen die Nachprüfung meiner Behauptungen am leichtesten möglich zu machen. Daß auch durch dieses Verfahren gewisse Schwierigkeiten entstehen, läßt sich freilich nicht leugnen. So erscheint JAENSCH, der heute Ordinarius in Marburg ist, nicht als solcher, sondern als Privatdozent in Straßburg. HÖFLER, der bekanntlich Ordinarius in Wien ist und dort auch eine große philosophische Lehrtätigkeit entfaltet, tritt in meiner Statistik der ordentlichen Professoren der Philosophie nicht auf, da er in der Minerva als Ordinarius der Pädagogik verzeichnet ist. Analoges gilt von MARTINAK (Graz). Dagegen figuriert ELTER (Bonn), der ordentlicher Professor der Philologie und Philosophie ist, wiewohl das Hauptgebiet seiner Lehrtätigkeit der Philologie angehört, als Ordinarius der Philosophie. Vielleicht ist ELTER die "Erklärung" nicht zugegangen. Daß sie aber HÖFLER und MARTINAK zuging, die ich nicht in Betracht ziehe, weiß ich gewiß. Nur die in der Minerva als Professoren "der Philosophie" verzeichneten ordentlichen Professoren in Betracht zu ziehen, verbot der Umstand, daß bekanntlich eine Reihe Philosophen die Stellung eines Professors der Philosophie und Pädagogik einnimmt.

Trotzdem mein Verfahren zur Grundlegung meiner statistischen Betrachtungen demnach gewisse unverkennbare Schwierigkeiten mit sich bringt, muß es als absolut ausgeschlossen gelten, daß diese Schwierigkeiten ein in wesentlichen Stücken falsches Ergebnis herbeiführen können betreffs der Beteiligung der ordentlichen Universitätsprofessoren der Philosophie an der Aktion.

Die Untersuchung, wie weit die ordentlichen Universitätsprofessoren der Philosophie in dem erwähnten Sinn ihren Namen unter die "Erklärung" gesetzt haben, hat einen sehr erheblichen Wert. Ich bin gewiß nicht der Meinung, daß Gott allgemein demjenigen, dem er ein Amt gegeben hat, auch den Verstand dazu gegeben hat. Auch weiß ich sehr wohl, daß sich unter den Nichtordinarien sehr viele tüchtige Gelehrte und viele ausgezeichnete Lehrer der Philosophie befinden. Auch daß ein Privatgelehrter sehr erhebliches leisten und durch die Gewichtigkeit seines Urteils ein Dutzend Ordinarien aufwiegen kann, ist mir nicht unbekannt. Endlich gibt es auch auf dem Gebiet der Philosophie einige Professoren außerhalb der Universitäten, die mancher Universitätsordinarius sehr gern bekleiden würde. Aber trotz alledem wird man die Behauptung wagen dürfen, daß die ordentlichen Universitätsprofessoren eines Fachs in ihrer Gesamtheit die kompetentesten Beurteiler der dieses Fach betreffenden Angelegenheiten darstellen. Es dürfte demnach auch von größtem Interesse sein, zu erfahren, wie groß die Anzahl der philosophischen Ordinarii der Universitäten ist, die unterzeichnet haben und wie groß die Anzahl derjenigen ist, die nicht unterzeichnet haben.


Tabelle 1
Unterzeichnet haben:
Bauch (Jena)
Cohen (Marburg)
Deussen (Kiel)
Erhardt (Rostock)
Eucken (Jena)
Falckenberg (Erlangen)
Freytag (Zürich)
Geyser (Münster)
Gödeckemeyer (Königs- berg)
Hensel (Erlangen)
Husserl (Göttingen)
Jodl (Wien)
Joel (Basel)
Lipps (Zürich)
Menzer (Halle)
Messer (Gießen)
Natorp (Marburg)
Rehmke (Greifs- wald)
Rickert (Freiburg)
Riehl (Berlin)
Schwarz (Greifswald)
Spitzer (Graz)
Spranger (Leipzig)
Vaihinger (Halle)
Wahle (Czernowitz)
Willmann (Prag)
Windelband (Heidelberg)


Summe 27


Tabelle 2
Nicht unterzeichnet haben:
Ach (Königsberg)
Adickes (Tübingen)
Baeumker (München)
Baumann (Göttingen)
Baumgartner (Breslau)
Becher (Münster)
Dürr (Bern)
Dyroff (Bonn)
von Ehrenfels (Prag)
Elter (Bonn)
Erdmann (Berlin)
Groos (Tübingen)
Herbertz (Bern)
Hillebrand (Innsbruck)
Kastil (Innsbruck)
Krueger (Halle)
Kühnemann (Breslau)
Külpe (Bonn)
Lipps (München)
Mach (Wien)
Maier (Göttingen)
Marbe (Würzburg)
Martius (Kiel)
Marty (Prag)
Meinong (Graz)
Müller (Göttingen)
Schneider (Freiburg)
Schuppe (Greifswald)
Siebeck (Gießen)
Spicker (Münster)
Stöhr (Wien)
Stölzle (Würzburg)
Störring (Straßburg)
Stumpf (Berlin)
Volkelt (Leipzig)
Walter (Königsberg)
Weber (Straßburg)
Wundt (Leipzig)
Ziegler (Straßburg)


Summe 39

Wir sehen: Unterzeichnet haben 27, nicht unterzeichnet haben 39. Unterschrieben hat also nur die Minorität, nämlich 40,9% oder ca. zwei Fünftel der ordentlichen Professoren. Nicht unterzeichnet haben drei Fünftel. Abgesehen von den schon oben erwähnten Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man versucht, die ordentlichen Professoren der Philosophie gegen die anderen abzugrenzen, wird man freilich noch zu bedenken haben, daß das Unterschreiben und das Nichtunterschreiben nicht bei allein Betracht kommenden Personen gleichwertig ist. Mancher derjenigen, die unterschrieben haben, hätte sicherlich auch eine geschickt abgefaßte "Erklärung" unterschrieben, welche die Psychologie zu fördern bestrebt ist, zumal, wenn ihm diese zuerst vorgelegt worden wäre. Auch persönliche Rücksichten können bewußt oder unbewußt bei der Beteiligung an solchen Aktionen mitwirken, ohne daß man deshalb berechtigt wäre, den Betreffenden einen moralischen Vorwurf zu machen. Andererseits ist vielleicht dieser oder jener nur durch äußere Umstände veranlaßt worden, die Unterschrift nicht zu vollziehen.

Trotz alledem bleibt die Tatsache bestehen: Von den in erster Linie in Betracht kommenden ordentlichen Professoren hat nur eine Minorität unterschrieben.


III. Über die psychologische Sachkenntnis der
Ordinarien, welche die "Erklärung" unterzeichnet haben.

Es ist nun sehr interessant, daß die Minorität der Ordinarii, welche die "Erklärung" gegen die moderne Psychologie unterschrieben hat, als Gesamtheit betrachtet, sich in psychologischen Fragen entschieden weniger kompetent erweist als die Majorität, welche der "Erklärung" fern blieb. Tabelle 3 enthält die Anzahl der Ordinarii, welche die "Erklärung" unterschrieben haben, ferner die Namen und die Anzahl derjenigen Ordinarii dieser Gruppe, welche nach meiner Kenntnis der Dinge irgendwann und irgendwie, wenn auch in bescheidenem Umfang, eigene Forschungen aus dem Gebiet der modernen Psychologie publiziert haben. Tabelle 4 bezieht sich in analoger Weise auf die Ordinarien, welche nicht unterzeichnet haben. Die bloße literarische Beschäftigung mit psychologischen Fragen, die sich auch vielfach bei den Gegnern der Psychologie, wenn auch bisweilen in sehr eigenartiger Weise vorfindet, ist demnach in den beiden folgenden Tabellen nicht berücksichtigt.

Tabelle 3
1 2 3 4
Anzahl der Ordinarii,
die unterschrieben haben
Davon haben psychologische Forschungen publiziert Summe aus Kolumne 2 %
27 Lipps (Zürich)
Messer (Gießen)
2 7,4


Tabelle 4
1 2 3 4
Anzahl der Ordinarii,
die unterschrieben haben
Davon haben psychologische Forschungen publiziert Summe aus Kolumne 2 %
39 Ach (Königsberg)
Becher (Münster)
Dürr (Bern)
Dyroff (Bonn)
Erdmann (Berlin)
Gross (Tübingen)
Herbertz (Bern)
Hillebrand (Innsbruck)
Krueger (Halle)
Külpe (Bonn)
Lipps (München)
Mach (Wien)
Marbe (Würzburg)
Martius (Kiel)
Meinong (Graz)
Müller (Göttingen)
Stöhr (Wien)
Störring (Straßburg)
Stumpf (Berlin)
Wundt (Leipzig)
20 51,3

Wir sehen, unter denjenigen, welche die "Erklärung" gegen die moderne Psychologie unterzeichnet haben, befinden sich nur 7%, die einmal psychologisch gearbeitet haben, während unter denjenigen, welche der "Erklärung" fern blieben, 51% auch psychologische Forschungen im Sinne der modernen Wissenschaft publiziert haben (11). Da die eigene Forschung in einem Gebiet nach der allgemeinen Ansicht am meisten ein Urteil über dieses Gebiet zu begründen geeignet sein dürfte, so zeigen unsere Tabellen, daß die Anhänger der "Erklärung" als Gesamtheit betrachtet, in Fragen der Psychologie weniger kompetent sind als diejenigen, welche nicht unterzeichnet haben. [...]


IV. Der große Umfang der
psychologischen Lehrtätigkeit der Philosophen

Wiewohl wir nun nachweisen konnten, daß die Ordinarien, welche die "Erklärung" unterzeichnet haben, auf dem Gebiet der Psychologie eine weniger intensive Lehrtätigkeit entfalten, als diejenigen, welche nicht unterzeichnet haben, so müssen wir zugestehen, daß auch die Lehrtätigkeit der ersteren auf dem Gebiet der Psychologie ansich betrachtet eine nicht unerhebliche ist. 25% dieser Herren lasen durchschnittlich in jedem Semester psychologische Vorlesungen. Ja, im Semester 1912/13, in welchem die "Erklärung" zur Unterzeichnung zirkulierte, haben sogar 41% der Unterzeichner ihre Lehrtätigkeit auf das Gebiet der Psychologie erstreckt, während im gleichen Semester nur 31% der Nichtunterzeichner Psychologie ankündigten!

Wie ist es nun möglich, daß eine Gruppe von Ordinarien, die sich an einer Aktion gegen die Psychologie beteiligt, und die durch ihre wissenschaftliche Forschungstätigkeit, wie wir sahen, beweist, daß sie, als Gesamteit betrachtet, für die psychologische Forschung kaum in Betracht kommt - wie ist es möglich, daß diese Herren eine für ihre Verhältnisse jedenfalls umfangreiche psychologische Lehrtätigkeit entfalten? Man könnte vielleicht meinen, wer gegen die Psychologie eifert, muß es machen, wie Herr Professor RICKERT in Freiburg, der in den letzten 20 Semestern überhaupt niemals irgendetwas Psychologisches las. Dies ist aber bei den Unterzeichnern keineswegs allgemein der Fall. Ja einzelne, die wie HENSEL (12) und WINDELBAND (13) in der Presse oder in wissenschaftlichen Publikationen ihren Groll gegen die "Psychologen" als Vertreter der Philosophie Luft gemacht haben, halten nach ihrer eigenen Lehrtätigkeit zu schließen die Psychologie für ein Fach, dessen unterrichtliche Behandlung ihnen selbst am Herzen liegen muß.

Es ist schwer, sich ein Bild über die Ursachen dieses Dualismus zu machen. Empfinden es die Herren innerlich als eine Last, über Psychologie vorzutraen, die sie aus äußeren Gründen nicht abwälzen können oder wollen? Oder sind sie etwa der Meinung, daß die moderne wissenschaftliche Psychologie zwar aus der Philosophie hinausgeworfen werden muß, daß aber ihre eigene Psychologie des Ehrentitels einer philosophischen Disziplin durchaus würdig ist? Ich weiß nicht recht, was ich zur psychologischen Lehrtätigkeit vieler Psychologiegegner sagen soll. Auch möchte ich ein ungerechtes Generalisieren vermeiden. Aber ich darf kühn behaupten: was heute an den Universitäten öfters unter dem Titel Psychologie gelesen wird, hat mit der modernen wissenschaftlichen Psychologie nicht das mindeste zu tun und mancher, welcher offen oder in der Tasche heute der Psychologie eine Faust macht und zugleich über Psychologie liest, hat von der modernen wissenschaftlichen Psychologie keinerlei nähere Kenntnis. Es ist daher beim großen Umfang des psychologischen Unterrichts auch in den Kreisen der Psychologiegegner durchaus wünschenswert, daß die Anzahl der Ordinarien, die Psychologie studiert haben und sich als Forscher auf dem Gebiet der Psychologie bewähren, vergrößert wird. Keine Verdrängung der Psychologie, wie es die "Erklärung" wünscht, sondern eine Vermehrung der Psychologiekenner innerhalb der Kreise der philosophischen Ordinarien ist im Interesse eines sachgemäßen Unterrichts der Philosophieprofessoren gelegen.

Als Beweis für meine Behauptung, daß unter dem Titel Psychologie öfters Dinge vorgetragen werden, die mit der wissenschaftlichen Psychologie nichts zu tun haben, führe ich die Ankündigungen von Professor COHEN in Marburg an, der so liebenswürdig war, schon durch die Titel von Vorlesungen anzudeuten, was er unter Psychologie versteht. Er kündigte, dem Universitätskalender zufolge, in den Wintersemestern 1905/06 und 1908/09 die vierstündige Vorlesung "Psychologie als Enzyklopädie der Philosophie" nebst zweistündigen psychologischen Übungen an. Wer die Publikationen COHENs kennt und auch nur eine Ahnung von moderner Psychologie besitzt, wird zugeben, daß das, was COHEN, seiner Schriftstellerei zufolge unter dem Titel "Enzyklopädie der Philosophie" vortragen kann, mit der wissenschaftlichen Psychologie keine wesentlich größere Ähnlichkeit haben kann, als (um einen berühmt gewordenen Vergleich zu benutzen) der Gasthof mit dem Gustav [Fisch mit Fahrrad - wp].

Was sich bei COHEN schon aus dem Titel von Vorlesungen ergibt, das zeigt sich bei vielen anderen in anderer Weise. So las z. B. HENSEL in Erlangen in den Jahren 1905, 1907, 1909 und 1910/11 jeweils eine vierstündige, einmal sogar eine fünfstündige Vorlesung über Psychologie. Nach dem oben erwähnten, gegen die moderne Psychologie gerichteten Aufsatz von HENSEL ist der Frankfurter Zeitung muß ich jedoch annehmen, daß er von der modernen Psychologie so unklare Vorstellungen hat, daß er schwerlich eine vierstündige Vorlesung darüber halten kann. Ich schließe daraus, daß ich in dieser Vorlesung von moderner wissenschaftlicher Psychologie nicht oder nur wenig die Rede sein kann. Es wird sich hier um irgendetwas anderes, sei es um "Geschichte der Psychologie" oder "Metaphysik der Seele" oder sonst irgendetwas handeln.

Auch ist es höchst interessant und für die Frage des Zusammenhangs zwischen Gegnerschaft gegen die Psychologie und gleichzeitiger Pflege der Psychologie höchst charakteristisch, daß an einer süddeutschen Universität seit langer Zeit von den beiden philosophischen Ordinarien, die ebenso wie COHEN die "Erklärung" unterzeichnet haben, abwechselnd fast jedes Jahr eine mehrstündige Vorlesung über Psychologie gehalten wurde. Keiner der beiden Ordinarien läßt durch seine wissenschaftliche Tätigkeit und Vorbildung im allerentferntesten vermuten, daß er sich jemals mit Psychologie gründlicher beschäftigt hat. Der eine hat meines Wissens überhaupt nur, der andere fast nur über historische Dinge geschrieben und er wird mit Recht vielfach mehr als Literaturhistoriker, denn als Philosoph bezeichnet. Diese beiden Ordinarien lesen abwechselnd fast jahraus, jahrein Psychologie, halten es aber doch im Sinne der "Erklärung" für richtig, daß niemand mehr Ordinarius wird, der sich vorwiegend mit Psychologie beschäftigt. Also man darf, um ein richtiger Ordinarius der Philosophie zu sein, sich ausschließlich mit Geschichte der Philosophie beschäftigen oder auch nach der Literaturgeschichte hin gravitieren! Man ist trotzdem fähig, das schwierige Fach der Psychologie richtig zu vertreten! Man darf aber ja nicht gründliche Studien über Psychologie gemacht haben! Wer das getan hat, versteht außer Psychologie gar nichts! Wer aber nichts von Psychologie versteht, der ist, wie einseitig er im Übrigen sein mag, Meister in allen anderen Disziplinen der Philosophie!

Die relativ große Tätigkeit auf dem Gebiet der Psychologie bei allen Ordinarien, mögen sie nun die "Erklärung" unterzeichnet haben oder nicht, muß es doch wohl bedenklich erscheinen lassen, niemanden mehr zum Ordinarius zu befördern, der sich vorwiegend mit moderner Psychologie beschäftigt hat; eine Ernennung psychologiekundiger Gelehrter zu Professoren der Philosophie liegt vielmehr geradezu im Interesse des Unterrichts, den die Philosophieprofessoren an den Universtitäten tatsächlich erteilen.


V. Der Mangel einer tatsächlichen
Begründung der "Erklärung".

Schon jahrelang vor der neuesten Aktion gegen die moderne Psychologie, die in dieser Schrift des Näheren beleuchtet wird, haben viele Gegner der Psychologie versucht, in Tageszeitungen und in wissenschaftlichen Publikationen gegen die moderne Psychologie Stimmung zu machen, ohne daß es die Kenner dieser Psychologie für notwendig erachtet hätten, sich zu wehren. Die "Erklärung" hat uns endlich bestimmt, unsererseits deutlich zu werden. In diesem Sinn hat WUNDT die Schrift "Die Psychologie im Kampf ums Dasein" geschrieben (14). Auch die vorliegende Schrift von mir will dazu helfen, die Gegner der modernen Psychologie in ihre Schranken zurückzuweisen. Frägt man sich nun, welche Anlässe eigentlich für den Kampf gegen die Psychologie maßgebend sind, so ist es unmöglich, irgendeinen berechtigten Anlaß zu finden. Bald hört man, die modernen Psychologen verstünden nichts von Philosophie. Dies ist insofern richtig, als es heute Gelehrte gibt, welche sich die Psychologie als ihr Spezialgebiet gewählt haben und die sich demzufolge mit den übrigen Teilen der Philosophie nicht beschäftigen. Daß aber die Dozenten und Professoren der Philosophie an den Universitäten, die zugleich Psychologen sind, in ihrer Kenntnis der Philosophie und in ihren philosophischen Leistungen durchschnittlich in Sachen der Philosophie hinter den Fachkollegen zurückstehen, die der Psychologie fremd gegenüberstehen, ist durchaus nicht der Fall. Ich will hier nicht Ausführungen wiederholen, in denen ich gezeigt habe, daß ein rationaler Betrieb des Gesamtgebietes der Philosophie ohne psychologische Kenntnisse unmöglich ist. Ich will auch nicht noch einmal zeigen, daß die wissenschaftlichen Leistungen der psychologiefremden Philosophen im weiteren Umfang lehren, wie not ihnen die Kenntnis der modernen Psychologie täte (15). Jedenfalls wäre der Nachweis der philosophischen Unfähigkeit der im Gebiet der Psychologie versierten Philosophen erst zu erbringen. Bisher ist dies nicht geschehen. Daß allerdings auch ihre philosophische Tätigkeit verschieden beurteilt wird, läßt sich nicht leugnen. Sie wird aber nicht verschiedener und nicht ungünstiger beurteilt als die philosophische Tätigkeit der anderen Gruppe. Augenblicklich halte ich es nicht für nötig, diese Tatsache durch Rezensionen zu belegen, was nicht schwer wäre. Aber ich möchte doch nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, daß das wissenschaftliche Ansehen der Schule WINDELBANDs, die am intensivsten gegen die Psychologie arbeitet, dann doch am größten innerhalb dieser Schule selbst ist. Auch braucht man wahrhaftig keine sehr gründliche Kenntnis von der philosophischen (außergeschichtlichen) Literatur unserer Tage zu haben, um zu wissen, daß hier neben gelegentlichem offenbaren Blödsinn unendlich vieles gelehrt wird, was zumindest von anderen ebenso oft verworfen wie anerkannt wird.

Den gesprächsweise öfters erhobenen Vorwurf, daß die psychologisch orientierten Philosophen ihre Lehrtätigkeit "zu wissenschaftlich" betreiben, könnte man sich eher gefallen lassen, wenn er nicht häufig mit der Anschuldigung verbunden wäre, daß es vielen von uns an der Fähigkeit oder dem Mut fehlt, in Fragen der Lebens- und Weltanschauung unseren Mann zu stellen. Auch daß wir durch unsere "Farblosigkeit" den Regierungen sehr willkommen wären, bekommt man öfters mehr oder weniger deutlich und mit dem Charakter eines schweren Vorwurfs zu hören. Der Sachverhalt ist meiner Meinung nach folgender: Der Philosoph hat gewiß neben vielem anderen die Aufgabe, die in der Gegenwart und Geschichte hervortretenden Weltanschauungen darzustellen und vom Standpunkt der Wissenschaft aus zu kritisieren. Er mag auch seiner eigenen Weltanschauung Ausdruck geben, wenn er die erkenntnistheoretischen und naturphilosophischen Schwierigkeiten, die jeder abgeschlossenen Weltanschauung gegenüberstehen, zu betonen gewillt ist. Je wissenschaftlicher aber die Persönlichkeit eines Dozenten gerichtet ist, und je mehr er mit wirklicher Wissenschaft vertraut ist, je selbstkritischer und pflichtbewußter er ist, umso weniger wird er sich bereit finden lassen, das Katheder zu einer Weltanschauungspropaganda zu mißbrauchen. Daß er dadurch gelegentlich nach oben weniger unbequem werden mag, als ein anderer, der Politik und Religion einerseits mit Wissenschaft andererseits verwechselt, mag sein. Daraus aber darf ihm kein Vorwurf erwachsen. Auch braucht sich der mit Psychologie beschäftigte Philosoph über seine den Regierungen vielleicht in gewisser Weise bequeme Existenz nicht zu schämen, zumal er ihnen in anderer Beziehung in der Regel höchst unbequem sein wird; er fordert für seine Tätigkeit weit mehr Mittel an Geld, Räumen und Personal als der "reine" Philosoph.

Ein anderer Vorwurf schließlich ist ernster zu nehmen. Viele Philosophen, die nichts von Psychologie verstehen, fürchten, daß sie von den psychologiekundigen Philosophen in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigt werden. Vor einigen Jahren sagte ein Ordinarius der Philosophie, welcher der Psychologie innerlich vollkommen fernsteht, zu einem jungen Philosophen, der bisher nur psychologisch gearbeitet hatte und der sich für Philosophie habilitieren wollte, ungefähr folgendes:
    "Ich bedaure, auf ihre Wünsche nicht eingehen zu können; wir Philosophen müssen Rückgrat haben; die Psychologen nehmen uns die Lehrstühle weg."
Dieser Fall ist typisch. Man sieht die Philosophie, d. h. die eigene psychologiefremde Philosophie in Gefahr und man will gegen die psychologisch orientierte Philosophie und gegen die Psychologie überhaupt Stellung nehmen. Auch die "Erklärung" dürfte ihre Entstehung der Furcht vor einer die Tatsachen der Psychologie berücksichtigenden Philosophie verdanken, die freilich keineswegs bei alle, welche die "Erklärung" unterzeichnet haben, vorhanden ist. Daß aber, wie gelegentlich in Zeitungen behauptet wurde, jemals Professuren für Philosophie an die moderne Psychologie abgetreten wurden, ist ganz falsch. Auch es es sachlich unbegründet, wenn sich RICKERT in dem schon erwähnten Artikel der Frankfurter Zeitung gegen die angebliche Besetzung philosophischer Professuren mit einseitigen Spezialforschern wendet, und wenn er die "Erklärung" als eine Abwehr des Eindringens der einseitigen Spezialforschung in die Philosophie darstellt.

Es liegen keine Fälle vor, in welchen einseitige psychologische Spezialforscher zu Universitätsprofessoren der Philosophie ernannt worden wären. RICKERT ist zwar, wie er in dem genannten Artikel deutlich durchblicken läßt, entgegengesetzter Ansicht. Diese Ansicht ist aber nicht zutreffend. RICKERT nenne uns die Persönlichkeiten deutlich, auf die er sich bezieht! Persönliche Rücksicht ist hier nicht am Platz. Welchen psychologiekundigen Ordinarius der Philosophie wird er als einseitigen Spezialforscher zu bezeichnen den Mut haben?

Wenn man fragt, welche Berufungen aus der letzten Zeit in erster Linie den Grimm der psychologiefremden Philosophen erregt haben, so hört man allenthalben, es sei die Berufung Professor ACHs als Ordinarius nach Königsberg und die Berufung von Dr. JAENSCH als Ordinarius nach Marburg. Gegen keine der beiden Berufungen läßt sich aber mehr einwenden als gegen die meisten anderen. ACH hat das medizinische Staatsexamen bestanden und die medizinische Doktorwürde erworben. Er hat dann bei einem der bekanntesten Philosophen, nämlich bei OSWALD KÜLPE, Philosophie studiert und den philosophischen Doktor gemacht und umfangreich psychiatrische, physiologische und psychologische Studien gepflogen und nach anderen Publikationen eines der fundamentalsten Probleme der Philosophie, das Willensproblem, nach neuen Methoden in grundlegender Weise behandelt.

Eine solche Behandlung des Willensproblems ist ebensowenig eine einseitige Spezialforschung, wie die vielseitigen Untersuchungen JAENSCHs über das Raumproblem. JAENSCH hat nach vorausgehenden philosophischen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien und nach der Veröffentlichung kleinerer psychologischer Untersuchungen das philosophisch wichtige Problem der Raumwahrnehmung nebst seinen Beziehungen zur Ästhetik und Erkenntnislehre in zwei umfangreichen Werken erörtert.

Der größte Fehler dieser Publikation von JAENSCH besteht ebenso wie der der Willensuntersuchungen ACHs nach der Ansicht der Psychologiegegner offenbar darin, daß beide Forscher ihren Untersuchungen Experimente zugrunde gelegt haben. Hätten sie das Willensproblem bzw. das Raumproblem in der jener Gruppe von Autoren geläufigen Weise behandelt, so würde wohl von ihren Berufungen keine Aufheben gemacht worden sein. Denn man wird nicht annehmen dürfen, daß die Gegner der Psychologie, soweit sie Dozenten der Philosophie sind, sich einer so bodenlosen Unwissenheit auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie hingeben, daß sie nicht wissen, daß die Willens- und Raumprobleme zu den wichtigsten in der Geschichte der Philosophie hervortretenden Fragen gehören.

Aber freilich! Die Herren nennen vielfach jeden einen Nur-Psychologen, der von Psychologie etwas versteht, mag er im übrigen geleistet haben, was er will. Da darf es uns nicht wundernehmen, wenn sie junge Gelehrte, die doch auf irgendeinem Gebiet anfangen müssen, sofort als einseitige Spezialisten brandmarken. Für die Tatsache, daß die Beschäftigung mit der Philosophie in den Augen der der Psychologie fernstehenden Philosophieprofessoren alle philosophischen Leistungen verdunkelt, hat neuerdings RICKERT in dem genannten Aufsatz wieder einen Beweis gegeben. Er nennt KÜLPE einen Psychologen, "der auch auf philosophischem Gebiet gearbeitet hat". Als ob die vielseitigen philosophischen Arbeiten KÜLPEs, der durch seine philosophische Sachkenntnis die Bewunderung aller Urteilsfähigen erregt, nicht ausreichten, um ihn voll und ganz des Ehrentitels eines Philosophen würdig zu machen.

Aber die Universalität, welche viele von den Philosophen verlangen, ist freilich eigentümlicher Art. Manche scheinen zu meinen, daß man, um universelle zu sein, seine Arbeit auf universalia in einem mittelalterlichen Sinn des Wortes beschränken muß, d. h. daß man, um universell zu sein, die reine Philosophie der Begriffe treiben muß, wie etwa RICKERT in seiner Erkenntnistheorie. Andere halten die einseitige und isolierte Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie oder einem anderen außerpsychologischen Spezialgebiet für einen echten Philosophen für ausreichend. Übrigens wird nicht nur die Beschäftigung mit Psychologie, sondern auch die mit anderen Wissenschaften dem Philosophen vielfach verargt, während doch gerade die Orientiertheit im Gesamtgebiet Wissenschaft die beste Grundlage des Philosophen darstellt. So haben meine Erfindung der Rußmethode und meine verwandten physikalischen und technischen Arbeiten mir in den Kreisen der "echten" Philosophen, aber glücklicherweise nur bei diesen, vielfach Spott eingetragen.

Charakteristisch für den Begriff des "Psychologen" bei den Gegnern der Psychologie ist auch die Behandlung der vor einigen Semestern erfolgten Berufung der Herrn Professor STÖRRING nach Straßburg. STÖRRING, der philosophisch vielseitig gearbeitet hat und der längere Zeit hindurch als ordentlicher Professor in Zürich die Geschichte der Philosophie berufsmäßig vertrat, wurde vor einiger Zeit von den Psychologiegegnern in der Presse als bloßer "Psychologe" hingestellt, weil er an dem Gebrechen leidet, auch von Psychologie etwas zu verstehen und weil er fähig ist, auch diese Wisenschaft in würdiger und sachgemäßer Weise an der Universität zu lehren.

Freilich gibt es auch Fälle, wo die Beschäftigung mit anderen als rein philosophischen Dingen das Ansehen eines Philosophieprofessors bei den Gegnern der Psychologie nicht schädigt. Dies scheint dann der Fall zu sein, wenn man selbst ein Gegner der Psychologie ist. In einem solchen Fall kann man, wie eine Tatsache aus den letzten Semestern zeigte, bald als Philosoph gelten, bald auch von einem Gesinnungsgenossen als Literaturhistoriker gepriesen werden.

Man muß übrigen schon der modernen Psychologie innerlich und äußerlich so fern stehen wie RICKERT, um sie mit RICKERT in dem genannten Artikel der Frankfurter Zeitung einfach als Spezialwissenschaft abzutun. Die Wissenschaft vom Seelenleben wird, auch wenn unser Wunsch nach speziellen Psychologieprofessuren erfüllt sein wird, immer einen Grundpfeiler aller Wissenschaft und auch der übrigen Teile der Philosophie darstellen. Daß die Psychologie schon heute für die mannigfaltigsten Wissenschaften eine wichtige Hilfswissenschaft ist, habe ich erst vor Kurzem aufgrund von Tatsachen dargelegt. Und ich meine allerdings, die Psychologie sei für die Gesamtheit der Wissenschaften noch etwas fundamentaler als z. B. die Einteilungen der Wissenschaften, die WINDELBAND und RICKERT sich zurechtgelegt haben oder die Geschichten, die RICKERT vom Transzendenten zu erzählen weiß. Dabei liegt es mir natürlich, wie ich übrigens auch schon in wissenschaftlichen Publikationen öfters darlegte, gänzlich fern, Psychologie einerseits und Logik und Erkenntnistheorie andererseits zu verwechseln oder zu vermischen oder gar Psychologie und Philosophie überhaupt zu identifizieren. Man muß schließlich auch ein ganz "reiner", über alle, auch die wissenschaftliche Erfahrung stolz hinwegblickender, wenn auch mutiger Philosoph sein, um zu einer Zeit, wo bekanntlich die moderne Psychologie und die moderne Pädagogik im innigsten Kontakt miteinander arbeiten, wo die Einsicht über die Bedeutung der Psychologie innerhalb der Kreise der Juristen nachweislich stetig wächst, wo die Ästhetik durch die Psychologie einen neuen Aufschwung erfahren hat und wo sich die angewandte Psychologie auch auf die Geschichte, Sprachwissenschaft und Philologie bezieht (16), als psychologischer Laie ein Buch zu schreiben, zu dessen Leitsätzen die Behauptung gehört, die Psychologie könne für die Geisteswissenschaften nichts Erhebliches leisten, wie es RICKERT soeben wieder getan hat. (17)

Nach all dem können wir sagen, daß ein sachlich berechtigter Anlaß zu einer Aktion gegen die Psychologie, wie sie im Sinn der Erklärung liegt, durchaus nicht vorlag. Gerade was RICKERT in seinem die Aktion verteidigenden Artikel der Frankfurter Zeitung nicht wahr haben will, daß nämlich hier eine Partei gegen eine andere gearbeitet hat, ist tatsächlich der Fall. Die Gegner der Psychologie geben ihrem Unmut shcon lange in der Presse und in der wissenschaftlichen Literatur Ausdruck. Ihr Ärger hat sich jetzt zu einer Aktion verdichtet, bei welcher sie das bisher unerhörte Mittel anwenden, daß sie an alle Regierungen und philosophischen Fakultäten ein Schreiben richteten, das geeignet ist, die Psychologie zu schädigen. Wir waren unsererseits bisher zurückhaltender. Aber alles lassen auch wir uns nicht gefallen.


V. Zusammenfassung und Schlußbemerkungen

Wir haben gesehen, daß die "Erklärung", die ihrer Natur nach geeignet ist, die Psychologie zu schädigen, die öffentliche Wirksamkeit vieler Gelehrter zu beeinträchtigen und andere abzuhalten, sich der Psychologie zuzuwenden, nur von einer Minorität der ordentlichen Universitätsprofessoren der Philosophie unterzeichnet wurde. Wir sahen ferner aufgrund statistischer Betrachtungen, daß diese Minorität, nach ihrer Forschungstätigkeit und ihrer Lehrtätigkeit zu schließen, in Fragen der Psychologie weniger orientiert ist als die Majorität, welche der "Erklärung" fern blieb. Auch hat sich gezeigt, daß die Psychologie nach dem Lehrplan der Universitätsordinarien, mögen sie nun die "Erklärung" unterzeichnet haben oder nicht, einen so breiten Raum ihrer Lehrtätigkeit einnimmt, daß es gegen das Interesse des akademischen Unterrichts verstoßen würde, wenn Philosophen, die sich ausschließlich oder vorwiegend mit Psychologie beschäftigt haben, nicht mehr zu philosophischen Ordinarien ernannt würden. Einseitigkeit ist freilich überall von Übel. Aber man kann nicht nur als Psychologe, sondern auch als Historiker der Philosophie, sowie als Erkenntnistheoretiker, Ethiker, Ästhetiker und Naturphilosoph einseitig sein und man ist es auch häufig, sowohl in seiner wissenschaftlichen wie auch in seiner Lehrtätigkeit, wie ich durch weitere statistische Darlegungen sehr wohl beweisen könnte. Keineswegs aber läßt sich zeigen, daß sich die psychologisch geschulten Ordinarii einer größeren Einseitigkeit hingeben als die anderen. Unsere Ausführungen haben dann auch weiterhin ergeben, daß sich keinerlei sachliche Gründe nachweisen lassen, die eine Verdrängung der Psychologen aus den Ordinariaten für Philosophie rechtfertigen würden, und daß die ganze neueste Aktion gegen die Psychologie sich als ein Vorgehen einer der Psychologie fremd gegenüberstehenden unduldsamen Partei oder, wie wir auch sagen würden, Clique darstellt, wenngleich es freilich, wie ich öfters andeutete, unzulässig wäre, alle Unterzeichner auch als direkte Feinde der Psychologie und als Anhänger dieser Partei zu brandmarken. Diese Clique gleicht den Zeitgenossen GALILEIs, die nicht durch ein Fernrohr sehen wollten und und liefert die beste Jllustration für die allgemeine Tatsache, daß die Menschen häufig die Dinge am meisten von sich weisen und am geringsten bewerten, von denen sie am wenigsten verstehen.

Die Frage der Errichtung spezieller psychologischer Professuren ist eine Frage für sich, welche die Kenner der Psychologie nach Kräften in richtiger Weise zu fördern bestrebt sein müssen. Die Hilfe der Gegner der Psychologie hierzu in Anspruch zu nehmen, scheint mir jedenfalls nicht zweckmäßig.

Die Regierungen und Fakultäten werden aber besser tun, die Besetzung der philosophischen Lehrstühle von der wissenschaftlichen Tüchtigkeit und der Lehrbegabung der in Betracht kommenden Persönlichkeiten abhängig zu machen, als von den Wünschen der nun wohl genügend gekennzeichneten «Erklärung».
LITERATUR Karl Marbe, Die Aktion gegen die Psychologie, Leipzig und Berlin 1913
    Anmerkungen
    1) vgl. z. B. WINDELBAND, Die Philosophie im deutschen Geistesleben des 19. Jahrhunderts, Tübingen 1909, Seite 92 oder Präludien, Bd. 1, Tübingen 1911, Seite 271.
    2) OSWALD KÜLPE, Psychologie und Medizin, Leipzig 1912. Auch erschienen (jedoch ohne Vorwort) in der Zeitschrift für Pathopsychologie, Bd. 1, Heft 2 und 3, 1912, Seite 187 f. - KARL MARBE, Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen, Bd. 1, Heft 1, 1912, Seite 81.
    3) KARL MARBE, Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen, Bd. 1, 1913, Seite 5f.
    4) KÜLPE, a. a. O., Seite 187f
    5) Über die Bedeutung der Psychologie für die Medizin vgl. auch MARBE, Fortschritte der Psychologie und ihrer Anwendungen, Bd. 1, 1913, Seite 14f, sowie WILHELM PETERS, Die Beziehungen der Psychologie zur Medizin und die Vorbildung der Mediziner, Würzburg 1913
    6) KÜLPE, a. a. O., Seite 79 der Separatausgabe, Seite 265 der Zeitschrift
    7) KÜLPE, a. a. O., Vorwort (in der Zeitschrift nicht abgedruckt), Seite VI
    8) Frankfurter Zeitung vom 4. März 1913, Erstes Morgenblatt.
    9) MARBE, Fortschritte a. a. O., Seite 81f.
    10) Minerva, Jahrbuch der gelehrten Welt, Straßburg 1913
    11) Die im vorausgehenden und folgenden Text angegebenen Prozentzahlen sind, wie man aus den Tabellen sieht, auf ganze Zahlen abgerundet.
    12) Frankfurter Zeitung, Juli 1990
    13) Vgl. z. B. WINDELBAND, Die Philosophie im deutschen Geistesleben des 19. Jahrhunderts, Tübingen 1909, Seite 92 oder "Präludien" Bd. 1, Tübingen 1911, Seite 271
    14) WILHELM WUNDT, Die Psychologie im Kampf ums Dasein, Leipzig 1913. Von großem Interesse ist auch der Aufsatz von KARL LAMPRECHT (Die Zukunft, 21. Jhg., Nr. 27, Seite 16f), der im Vorgehen gegen die Psychologie eine Gefahr für die Geisteswissenschaften erblickt.
    15) MARBE, Fortschritte etc. a. a. O., Bd. 1, 1913, Seite 66f.
    16) Zur Literatur über den tatsächlichen Zusammenhang der Psychologie mit den übrigen Wissenschaften, vgl. MARBE, Fortschritte etc. a. a. O., Seite 5f. Speziell über die Bedeutung der Psychologie für die Rechtswissenschaft handeln meine "Grundzüge der forensischen Psychologie", die demnächst erscheinen werden. Im letzten Kapitel dieser Schrift ist auch von der Anerkennung der Psychologie innerhalb der Kreise der Juristen die Rede. Vgl. hierzu auch WILLIAM STERN, Zeitschrift für angewandte Psychologie, Bd. 7, Seite 70f.
    17) HEINRICH RICKERT, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Tübingen 1913