p-4 Grundlegung der PsychologieArthur Kronfeld    
 
LUDWIG BINSWANGER
Einführung in die Probleme
der allgemeinen Psychologie

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"Nennen wir den Ausgangspunkt, von dem eine empirische Wissenschaft ausgeht, indem sie ihn einfach als  gegeben  voraussetzt oder hinnimmt, das Material dieser Wissenschaft, in der Psychologie also die  psychischen Tatsachen,  so haben wir, um klare Unterscheidungen zu treffen, daran zu erinnern, daß dieses  Material  einer Erfahrungswissenschaft, mit einem anderen Wort ihr  wirklicher  Gegenstand, nicht zu verwechseln ist mit dem  Gegenstand der Erkenntnis  überhaupt. Was für eine empirische Wissenschaft lediglich Material ist und von ihr als gegeben hingenommen und als real seiend vorausgesetzt werden darf, das enthält für die Erkenntnistheorie gerade das Problem. Das Gegebene oder Tatsächliche im Sinne der empirischen Wissenschaft ist nicht auch ein erkenntnistheoretisch Letztes. Die Erkenntnistheorie sucht ja hinter die Erfahrung zurückzugehen und diese selbst zum Problem zu machen. Was für die empirische Wissenschaft erst Rohmaterial, Anfang ist, ist für sie schon Ende, schon Erkenntnis produkt." 

"Die Wahrnehmung in einem unlöslichenn Zusammenhang mit dem Werturteil. Wir können etwas nur wahrnehmen, indem wir es so oder so bewerten. Auch wenn wir die Wertqualität von einem Wahrgenommenen wegdenken, so bleibt immer noch ein Objekt übrig, welches ein Objekt einer möglichen Wertung ist oder kurz Wertobjekt, auch dann, wenn die Wertung noch nicht vollzogen ist oder wenn nachträglich von ihr abstrahiert wird."


EINLEITUNG

I.

Die anschauliche Wirklichkeit, von welcher die Psychiatrie schauend, beobachtend, scheidend und kombinierend ihren Ausgangspunkt nimmt und zu welcher sie umgestaltend, helfend und heilend auf großen Umwegen zurückkehrt, ist der seelisch-kranke Mensch. Ob ich an einem Menschen eine zirkumskripte Phobie wahrnehme und sie auf dem Umweg über die Einwirkung auf seinen "seelischen Mechanismus" auflösen will, oder ob ich an ihm eine schwachsinnige Euphorie wahrnehme und sie auf dem Umweg über den Kampf gegen die Spirochäten in seinem Gehirn zu bekämpfen suche, immer bleibt der Ausgangs- und Endpunkt meines Wahrnehmens, Denkens und Handelns der seelisch kranke Mensch. Es ist nun zu konstatieren, daß die Psychiatrie als Wissenschaft ein Teilstück dieses ganzen Weges künstlich herausgenommen und in den Vordergrund der Betrachtung gestellt hat, ein Stück, das gekennzeichnet ist durch den Lehrsatz: Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten. Obwohl der isolierte wissenschaftliche Bedeutungsgehalt dieses Satzes nicht angetastet werden kann, ist doch dieser Gehalt in dem Ganzen desjenigen objektiven Sinngebildes, das wir wissenschaftliche Psychiatrie nennen, noch keineswegs an seine richtige "Stelle" gerückt, sind die logischen und methodologischen Beziehungen zwischen ihm und dem Ganzen der psychiatrisch-wissenschaftlichen Aufgabe noch keineswegs näher bestimmt, geschweige den geklärt.

Bezeichnen wir die anschauliche Wirklichkeit, mit der die Psychiatrie es zu tun hat, mit dem Ausdruck seelische Person, noch ganz unabhängig davon, ob es sich um eine kranke oder um eine gesunde Person handelt, so müssen wir also zunächst einmal feststellen: Geisteskrankheiten sind Krankheiten der seelisch-anschaulichen oder, wie wir später sagen werden, der psychologischen Person. Nun ist es aber nicht so, daß der Satz "Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten" zu dem eben genannten in einem Widerspruch stünde; denn sein Bedeutungsgehalt liegt in einer ganz anderen begrifflichen und sachlichen Sphäre. Im Fortgang unserer psychiatrischen Aufgabe nämlich entfernen wir uns immer mehr von der anschaulichen Wirklichkeit, von der psychologischen Person also, und dabei tritt unser Weg nach zwei Richtungen auseinander: der eine führt zu dem Begriff der Seele, des seelischen Funktionszusammenhangs oder des seelischen Organismus, der andere zu dem Begriff des neurophysiologischen Zusammenhangs und so zum Gehirn oder zur Gehirnrinde. Es gilt nun einzusehen, daß beide Funktions- oder Organismusbegriffe, der seelische sowohl als der hirnphysiologische, mit der anschaulichen Wirklichkeitm genannt psychologische Person, unmittelbar nichts zu tun haben. Beide stellen "Umwege" dar, zum Zweck der  Erklärung  und  Veränderung  der anschaulichen Wirklichkeit, Umwege auf dem Weg von der Person zur Person. Die Person selbst  ist,  ebensowenig wie sie das Gehirn  ist,  auch die "die Seele". So ist auch der (wirkliche) Gegenstand der Psychiatrie weder die Seele, noch das Gehirn, sondern die psychologische Person.

So ergeben sich für die Psychiatrie zumindest drei sehr verschiedenartige Aufgaben: die Erforschung der kranken psychologischen Person der kranken Seele und des kranken Gehirns. Die scheinbar nächstliegendste und umfassendste Aufgabe, die erste nämlich, ist erst in allerneuester Zeit in Angriff genommen worden, aber ohne daß ihr Zentralbegriff, derjenige der psychologischen Person selbst, systematisch entwickelt und herausgehoben wäre. Dies aber ist das Hauptziel unserer Bemühungen. Das Verhältnis jener drei Aufgaben und ihrer Gegenstände zueinander bleibt dabei ganz unberührt.

Man sieht demnach, daß sich unsere Schrift noch keineswegs mit psychiatrischer Erkenntnis befassen wird, sondern lediglich mit psychologischer und wiederum nicht mit empirisch-, sondern mit allgemein-psychologischer. Ihr Ziel ist also wesentlich bescheidener als dasjenige des großangelegten Werkes von KRONFELD "Das Wesen der psychatrischen Erkenntnis, Bd. 1, Berlin 1920) (1). Was sie will, ist lediglich, dem Psychiater anhand der sehr zerstreuten und sehr verschiedenartigen Literatur eine Übersicht über den Problemgehalt der allgemeinen Psychologie zu geben, damit er sich womöglich ein eigenes Urteil zu bilden vermöge über die jetzt im Vordergrund unseres Interesses stehenden allgemein-psychologischen Fragen. Wohl hat die methodologische Besinnung in der Psychiatrie durch JASPERS den entscheidenden Anstoß erhalten; aber noch ist in manchen Fragen alles im Fluß, droht in anderen die Diskussion bereits wieder zu erstarren, und ist insbesondere der Satz, "Geisteskrankheiten sind Krankheiten der psychologischen Person", nocht nicht energisch und systematisch genug zum Ausdruck gebracht worden.

Die Literatur wurde soweit ausgebeutet und erwähnt, als es zur Klarstellung eines Problems in methodologischer, psychologischer oder historischer Hinsicht jeweils nötig erschien. Auf Vollständigkeit konnte dabei aus leicht einzusehenden Gründen nirgends Anspruch gemacht werden. Wenn auf das historische Moment besondere Rücksicht genommen wurde, so geschah es nicht nur aus didaktischen Gründen, sondern vor allem aus der Erwägung, "daß das Wahre bloß durch seine Geschichte erhoben und erhalten, das Falsche bloß durch seine Geschichte erniedrigt und zerstreut werden kann", wie GOETHE einmal schreibt. Ferner wurde besonders darauf Bedacht genommen, wörtlich zu zitieren, einmal, um nicht fremdes Gut als eigenes auszugeben, sodann, um den Leser mit der Ausdrucksweise und dem Stil der Autoren vertraut zu machen und ihm die Lektüre ihrer Werke dadurch zu erleichtern; denn einen Ersatz für dieselben kann auch diese Schrift nicht bieten.

Damit verlassen wir nunmehr das Gebiet der Psychiatrie, um uns ausschließlich mit  "allgemeiner  Psychologie" zu beschäftigen.


II.

Die Unterscheidung zwischen einem  allgemeinen  und einem  speziellen  Forschungsgebiet ist den meisten Wissenschaften geläufig. Die allgemeine Forschung bezieht sich, wie der Name sagt, in der Regel auf dasjenige, was  allen  Objekten einer Wissenschaft "gemein" ist, die spezielle auf dasjenige, was nur  besonderen  Objekten oder Gruppen solcher zukommt. Mit Recht hat man daher die Aufgabe allgemeiner Wissenschaft darin gesehen, daß sie aus dem Gesamtgebiet einer Wissenschaft diejenigen Tatsachen zusammenzustellen habe, welche "den weitesten Geltungsbereich haben" oder welche "einer möglichst großen Anzahl von Einzelerscheinungen gemeinsam sind". In diesem Sinne unterscheiden wir zwischen einer allgemeinen und speziellen Botanik, Zoologie, Biologie, Physiologie, Pathologie, Psychiatrie usw. Immer wird der allgemeine "Teil" dieser Wissenschaften das allen Pflanzen, Tieren, Menschen, Krankheiten in gewissem Sinne Gemeinsame bearbeiten, also aus dem gegebenen Mannigfaltigen eine begriffliche Abstraktion vollziehen und das Abstrahierte für sich betrachten. Indem sich dieser abstrahierenden oder verallgemeinernden Betrachtung zuallererst der Unterschied zwischen ruhendem Sein und fortschreitender Veränderung oder Bewegung aufdrängt, spaltet sie sich rasch in eine allgemeine Lehre vom Sein (So-sein) (Morphologie oder Gestaltlehre) und von der Veränderung des Seins ("Dynamik", Physiologie im weitesten Sinne, Lehre von den Verrichtungen oder Funktionen). Auch die allgemeine Psychiatrie z. B. zerfällt derart in eine Morphologie und Physiologie der geistigen Störungen. Demgegenüber betrachtet der  spezielle  Teil der einzelnen Wissenschaften Sein oder Gestalt und Verrichtungen oder Funktionen besonderer Individuen oder individueller Gruppen.

Diese Scheidung zwischen allgemeiner und besonderer Aufgabe bleibt gleichsam auf derselben Ebene hinsichtlich des Gegenstandsgebietes einer Wissenschaft. Meist kommt aber noch ein anderes Moment hinzu, das dem Ausdruck "allgemein" eine weitere Bedeutung verleiht, so daß er nicht mehr nur auf einen  größeren  Umfang, sondern auf einen vom speziellen  qualitativ  verschiedenen Geltungsbereich hinweist. Dieses Moment macht sich da geltend, wo man etwa von der allgemeinen Forschung erwartet, daß sie die  Grundlagen  und die  Probleme  einer Wissenschaft darstellt, wie die z. B. in der allgemeinen Biologie der Fall ist (vgl. z. B. SCHAXEL "Über die Darstellung allgemeiner Biologie", 1919 und "Grundzüge der Theorienbildung in der Biologie", 1919). Je weiter nämlich die allgemeine Forschung vordringt und je umfassender der Bereich der Tatsachen ist, den sie begreifen will, desto abstrakter und "unwirklicher" werden die eigentlichen "Gegenstände" ihrer Betrachtung und Forschung. Anstelle der "leibhaftigen" Pflanzen-, Tier- oder Menschenwelt treten jetzt als wissenschaftliche Gegenstände etwa die  "Lebens äußerungen" und schließlich  "das  Leben" selbst, wie in der Physik anstelle der Körper und ihrer Veränderungen schließlich die "Gegenstände" Kraft und Materie. Dieser Fortgang allgemeiner Forschung vom anschaulich Gegebenen oder von der anschaulichen Wirklichkeit zu immer abstrakteren "Gegenständen" beruth auf dem Prozeß des wissenschaftlichen  Denkens.  Irgendwann einmal wird aber für jede Wissenschaft der Moment kommen, wo ihr in der dünnen Luft ihrer Abstraktionen gleichsam der Atem ausgeht, wo sie mit ihnen "nicht mehr weiterkommt". In diesem Moment, der sich historisch immer feststellen läßt und der sich in jeder Wissenschaft nicht nur einmal, sondern immer wieder einstellt, tritt das ein, was man "die Besinnung einer Wissenschaft auf ihre Methode" nennen kann; d. h. die wissenschaftliche Reflexion wendet sich jetzt von der Betrachtung der Gegenstände auf die Betrachtung des  Denkens über  die Gegenstände, mit einer anderen Wendung, von den Dingen und Geschehnissen auf die  Begriffe  von ihnen. Mit dieser Wendung tritt nun auch der Bedeutungswandel des Ausdrucks "allgemein" ein. Allgemeine Forschung ist jetzt nicht mehr lediglich eine  umfassendere  Forschung als die spezielle, sondern sie ist dieser gegenüber anders  geartet.  Sie untersucht jetzt nicht mehr dieselben Objekte wie die spezielle Forschung und ist jetzt nicht mehr biologische, physikalische oder psychiatrische Forschung, sondern sie untersucht jetzt die  Begriffe  dieser Forschungsrichtungen und ist somit begriffskritische oder, wie man seit KANT kurz sagt,  kritische Forschung. 

Nun ist aber zwischen die einzelwissenschaftliche und die kritische Forschung jeweils ein mehr oder weniger ausgedehntes Forschungsgebiet eingeschoben, das Gebiet der einzelwissenschaftlichen  Theorien.  Keine Wissenschaft, die diesen Namen verdient, bleibt bei einer bloßen Anhäufung von Begriffen stehen; vielmehr sucht eine jede die Begriffe zu Regeln, die Regeln zu Gesetzen, die Gesetze zu Theorien systematisch weiterzubilden. In denjenigen Wissenschaften, in welchen die Theorienbildung am weitesten fortgeschritten ist, wie in der Physik und ihren Sonderwissenschaften und etwa noch in der Chemie, hat sich jeweils ein besonderes Forschungsgebiet herausgebildet, das man als "theoretische" Physik, Chemie usw. bezeichnet. Auch dieses Gebiet der Forschung wird bisweilen als "allgemeines" bezeichnet. Es ist aber klar, daß es in unserem (kritischen) Sinne nicht allgemein genannt werden kann. Wenn etwa die theoretische Physik als die "Lehre von den ursächlichen Zusammenhängen zwischen den Erscheinungen in der Natur" bezeichnet wird, so zeigt schon diese eine Definition den den  realen Tatsachen  zugewandten Charakter dieser Forschung.  Allgemeine  Physik würde die Begriffe (physikalische) Erscheinung, (physikalisch-) ursächlicher Zusammenhang, (physikalische) Natur untersuchen, aber nicht die besonderen Gesetze und Theorien, aufgrund welcher die Erscheinungen physikalisch-ursächlich  erklärt  werden können; vielmehr würde auch das physikalische Erklären ein Forschungsobjekt allgemeiner Physik sein.

Demnach darf auch eine allgemeine Psychologie nicht mit theoretischer Psychologie verwechselt werden. Allgemeine Psychologie ist nicht die Lehre von den psychologischen  Theorien.  Zwar gibt es eine (naturwissenschaftlich orientierte) theoretische Psychologie, welche es der theoretischen Physik  im Prinzip  gleichtun will. Aber diese theoretische Psychologie ist nicht allgemeine Psychologie, auch nicht ein Teil derselben, sondern sie ist selbst Objekt oder Gegenstand der allgemeinen Psychologie. "Wie ist so etwas wie jene theoretische Psychologie möglich? Wie verfährt sie? Welches ist die Struktur und Leistungsfähigkeit ihrer Begriffe?" Diese und ähnliche Fragen können Gegenstand von allgemeinpsychologischer Forschung sein. Umso weniger aber ist theoretische Psychologie mit allgemeiner Psychologie identisch, als gerade die Frage der Theorienbildung in der Psychologie überhaupt ein Grundproblem allgemeiner Psychologie darstellt.

Wir können also nach dem bisherigen die  allgemeine Psychologie  etwa als die Lehre von der kritischen Besinnung auf die begrifflichen Grundlagen der Psychologie bezeichnen, kürzer als  "Kritik der Psychologie".  Und da Psychologie ohne Beiwort für uns immer soviel wie  empirische  Psychologie bedeutet, bedeutet allgemeine Psychologie für uns immer Kritik der empirischen Psychologie, ihrer begrifflichen Grundlagen oder ihrer logischen Fundamente. Allgemeine Psychologie ist demnach ein Zweig der  Methodologie d. h. desjenigen Teils der Logik, welcher die Aufgabe hat, die verschiedenen  Verwendungen  deutlich zu machen, welche die logischen Formen und Normen in den einzelnen Wissenschaften je nach der formalen und sachlichen Natur ihrer  Gegenstände,  ihrer  Verfahrensweisen  und ihrer  Probleme  finden (vgl. WINDELBAND, Die Prinzipien der Logik, Seite 16).

Die allgemeine Psychologie ist nun noch keineswegs soweit fortgeschritten, daß man behaupten könnte, sie hätte ihre Aufgabe als Zweig der Methodologie bereits  erfüllt.  Im Gegenteil! Wohin wir blicken, herrscht noch Unfertigkeit, Unsicherheit, Zweifel, Widerspruch. Deshalb stoßen wir hier mehr auf Fragen, als auf endgültige Antworten, mehr auf Probleme, als auf Lösungen. Wir sprechen daher im Titel unserer Schrift ausdrücklich von den  Problemen  der allgemeinen Psychologie und, da wir sie nicht  alle  bearbeiten und diejenigen, welche wir bearbeiten, meist auch nicht bis in die letzten Konsequenzen verfolgen können - was nur aufgrund eines Systems der Philosophie möglich wäre - von einer  Einführung  in die Probleme der allgemeinen Psychologie.


Erstes Kapitel
Die Definition des Psychischen
und seine naturwissenschaftliche Darstellung

Überblickt man die Grundsätze des tatsächlichen Betriebes heutiger Psychologie und Psychopathologie, so gewahrt man ein deutliches Mißverhältnis zwischen der mangelnden Klarheit und Schärfe dieser Grundsätze und der Emsigkeit und Geschäftigkeit des Betriebes selbst. Wir stehen auch heute noch beinahe auf dem Punkt, auf dem BRENTANO im Jahre 1874 stand, als er die Forderung erhob, anstelle der  Psychologien  müßten wir eine  Psychologie  zu setzen suchen ("Psychologie vom empirischen Standpunkt"), und wir können auch heute noch konstatieren, was in seiner Züricher Antrittsrede vom Jahr 1876 WINDELBAND beklagte, nämlich daß die Psychologie in jedem ihrer Vertreter wieder von vorne begänne ("Über den gegenwärtigen Stand der psychologischen Forschung"). Daran ist sicherlich nicht die rohe psychologische und psychopathologische  Forschung  schuld, denn sie hat seither ein ganz enomes "Tatsachenmaterial" zutage gefördert, auch nicht der Mangel an methodologischer Besinnung auf die wissenschaftlichen Prinzipien der Psychologie, sondern der Mangel an  Zusammenarbeit  zwischen den Methodologen, welche fast immer Philosophen sind, und den Männern der empirischen Psychologie Psychopathologie, welche der Philosophie meist vorurteilsvoll und verständnislos gegenüberstehen. Es gibt wohl kaum eine andere Wissenschaft, wo "Theoretiker" und Praktiver bis vor kurzem so getrennte Wege gingen, wie in der Psychologie und Psychopathologie. (2) Dies ist als Reaktion auf einmal gewesene historische Tatsachen verständlich, aber beklagenswert im Hinblick auf die Gegenwart, wo beide Forschungsgebiete, das empirische und das methodologisch-kritische, auf eine gegenseitige Berührung und Berücksichtigung im höchsten Grad angewiesen sind.

An die Spitze nun derjenigen Erkenntnisse, welche der Methodologe dem Empiriker zu übermitteln hat, muß die Einsicht treten,  "daß  sich kein Erkennen auf andere Gegenstände beziehen kann, als die es selbst begrifflich bestimmt hat" (WINDELBAND, Die Prinzipien der Logik, 1913, Seite 42) Da wir es hier mit der Besinnung auf die Prinzipien der  Psychologie  zu tun haben, muß daher unsere erste Aufgabe sein, zu untersuchen, wie die Psychologie ihren Gegenstand begrifflich bestimmt. Vorher müssen aber noch einige Bemerkungen erkenntniskritischer Natur vorausgeschickt werden.

Kein ernsthafter erkenntnistheoretischer Standpunkt wird Wert darauf legen, das Band mit den Einzelwissenschaften dadurch zu lockern, daß er den empirischen Realismus der Erfahrungswissenschaften in Zweifel zieht und dem empirischen Forscher verbietet, in den  Tatsachen  seiner Wissenschaft die Wirklichkeit oder Realität zu erblicken. "Das Wirkliche darf nicht zum Unerkennbaren werden", sagt RICKERT, "falls die Erkenntnistheorie in Harmonie mit den Einzelwissenschaften bleiben soll" ("Der Gegenstand der Erkenntnis", 3. Auflage, Seite 361). Auch KANT legt bekanntlich den größten Wert darauf, zu betonen, der transzendentale Idealist sei in empirischer Realist, der den "Erscheinungen" eine Wirklichkeit zuerkenne, "die nicht erschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird" ("Kritik der reinen Vernunft", 1. Ausgabe, Seite 371). Nennen wir den Ausgangspunkt, von dem eine empirische Wissenschaft ausgeht, indem sie ihn einfach als "gegeben" voraussetzt oder hinnimmt, das Material dieser Wissenschaft, in der Psychologie also die "psychischen Tatsachen", so haben wir, um klare Unterscheidungen zu treffen, daran zu erinnern, daß dieses "Material" einer Erfahrungswissenschaft, mit einem anderen Wort ihr  wirklicher  Gegenstand, nicht zu verwechseln ist mit dem "Gegenstand der Erkenntnis" überhaupt. Was für eine empirische Wissenschaft lediglich Material ist und von ihr als gegeben hingenommen und als real seiend vorausgesetzt werden darf, das enthält für die Erkenntnistheorie gerade das Problem. Das Gegebene oder Tatsächliche im Sinne der empirischen Wissenschaft ist nicht auch ein erkenntnistheoretisch Letztes. Die Erkenntnistheorie sucht ja hinter die Erfahrung zurückzugehen und diese selbst zum Problem zu machen. Was für die empirische Wissenschaft erst Rohmaterial, Anfang ist, ist für sie schon Ende, schon Erkenntnis produkt.  "Auch die einzelne Erfahrung und Wahrnehmung wird als wirklicher Gegenstand oder als Material der Erkenntnis erst durch die Anerkennung der Norm oder durch die Kategorie der Gegebenheit produziert" (RICKERT "Der Gegenstand der Erkenntnis, 1915, Seite 384), und die Aufgabe der Erkenntnistheorie ist es gerade, zu zeigen, wie und wodurch diese "Produktion" oder Erzeugung des wirklichen Gegenstandes zu denken ist. Erst  dieses Wie  bildet  ihren  Gegenstand. (Vgl. RICKERT, a. a. O., Die Kategorie der Gegebenheit, Seite 376f und "Das Problem der objektiven Wirklichkeit", Seite 388f). Diese Unterscheidung als bekannt vorausgesetzt, können wir uns zum Gegenstand der empirischen Psychologie selbst wenden.


I. Die Definition des Psychischen
oder der Gegenstand der Psychologie

"Jede Wissenschaft nämlich", sagt RICKERT (a. a. O. Seite 389), "ist Bearbeitung eines Materials, und daraus ergeben sich zwei Problme, von denen das sich das eine auf das  Material,  das andere auf seine  Bearbeitung  bezieht." Beide Problemkreise sind jedoch keineswegs scharf zu trennen; denn auch im Begriff des Gegenstandes einer  empirischen  Wissenschaft liegt schon ein gutes Stück Bearbeitung. Dabei verstehen wir jetzt aber unter Gegenstand einer empirischen Wissenschaft nicht mehr das Rohmaterial derselben, die einzelnen Wahrnehmungen und Erfahrungen, was RICKERT oben den  wirklichen Gegenstand  nannte, sondern wir verstehen darunter jetzt die methodische Weiterverarbeitung dieses Rohmaterials zum  "wissenschaftlichen Gegenstand". Wirklicher  Gegenstand (= Wahrnehmungsinhalte, unmittelbare Erfahrungsinhalte, KANTs Erscheinungen) und  wissenschaftlicher  Gegenstand ist durchaus nicht dasselbe. Der letztere ist auch für eine empirische Wissenschaft keineswegs gegeben. "Die Gegenstände einer Wissenschaft sind niemals unmittelbar als solche gegeben, vielmehr werden sie von jeder Wissenschaft erst  durch synthetische Begriffsbildung erzeugt"  (WINDELBAND, Prinzipien etc. Seite 111) Der wissenschaftliche Gegenstand ist also der durch die betreffende Wissenschaft bereits geformet oder bearbeitete wirkliche Gegenstand, oder sagen wir nunmehr lieber, das bereits geformte (Erfahrungs-)Material. (3)  Dieses  Material dürfen wir, wie erwähnt, als gegeben voraussetzen, und wir können daher mit der Untersuchung beginnen, wie die Psychologie aus ihrem Material ihren wissenschaftliche Gegenstand erzeugt, bearbeitet oder formt. Da es sich dabei um eine rein begriffliche Bearbeitung handelt, können wir auch fragen: wie bestimmt oder definiert die Psychologie ihren Gegenstand? Was ist der Begriff ihres Gegenstandes? (Definiert wird nämlich "nicht der Name und nicht die Sache, sondern allein der Begriff"; vgl. RICKERT, Zur Lehre von der Definition, Seite 85). Nennen wir diesen Begriff rundweg "das Seelische" oder "das Psychische", so haben wir nach der  Definition des Psychischen  zu fragen. Damit fängt schon die Kontroverse an, denn solche Definitionen gibt es unzählige. Das ist auch nicht verwunderlich; denn die Definition hat die  wesentlichen  Merkmale der Objekte zu bestimmen und aus ihnen den Begriff zu bilden (Vgl. RICKERT, Definition, Seite 34), und wesentlich ist etwas immer nur im Hinblick auf einen bestimmten Zweck oder Wert. Nach ihrem Zweck läßt sich über die Definitionen des Psychischen ein Überblick gewinnen: doch die einen verfolgen einen vorwiegend erkenntnistheoretischen, andere einen vorwiegend logisch-klassifikatorischen, wieder andere einen phänomenologischen, eine rein "deskriptiven" Zweck usw. (Die metaphysischen Definitionen interessieren uns hier nicht.)

Zu den ersteren gehört diejenige Definition, welche in der Experimentalpsychologie die herrschende ist, und von der WUNDT selbst zugibt, daß sie "einer notwendigen Rückwirkung der neueren kritischen Erkenntnistheorie auf die Psychologie" entspringt (Über die Definition der Psychologie, Seite 9). Andere hingegen sind sich dieser erkenntnistheoretischen Grundlage nicht bewußt und halten ihre Auffassung für das Selbstverständlichste und Einfachste von der Welt. Jene erkenntnistheoretische Voraussetzung, nach der sich aber alle orientieren, ist diese: daß die gesamte Wirklichkeit oder die Welt uns nur gegeben sei als "unser" Bewußtseinsinhalt, für uns nur existiere in "unserem" Bewußtsein, nichts anderes  sei  als "unser" Bewußtseinsinhalt. Statt Bewußtseinsinhalt finden wir noch andere Ausdrücke: Bewußtseinserscheinungen oder Erscheinungen schlechthin, Gegenstände oder Vorgänge der Innenwelt, Erlebnisse, Vorstellungen usw. Für diese Auffassung fällt die Wirklichkeit zusammen mit den Bewußtseinsinhalten. Infolgedessen können ihre Anhänger nicht etwa sagen: Als physisch bezeichnen wir die Dinge außer uns, die "Körper", als psychische die Vorgänge in uns oder die seelischen Tatsachen, vielmehr sind nach ihrer Lehre sowohl die Körper, als auch die "inneren" Vorgänge gleicherweise Bewußtseinsinhalte! Sie müssen daher am Bewußtseinsinhalt selbst eine Differenzierung vornehmen, um den Gegenstand der Naturwissenschaft abzutrennen. Das geschieht dann folgendermaßen: Bei MACH (Beiträge zur Analyse der Empfindungen) sind es
    "Erlebnisse von gleicher Art, aus denen sich nur relativ restere und beständigere, räumlich und zeitlich verknüpfte Komplexe herausheben, die  deshalb  Körper genannt werden. Die  Art des Zusammenhangs der Elemente  (unserer Empfindungen, Anschauungen, Erinnerungen, Gefühle usw.) entscheide über ihre Zugehörigkeit zur Naturwissenschaft oder Psychologie." Auch KÜLPE geht aus von den "Erlebnissen", von der "reinen, ursprünglichen Erfahrung" (Einleitung in die Philosophie).
Bei EBBINGHAUS, der zwar in der zweiten Auflage seiner "Grundzüge der Psychologie" den ursprünglichen konsequenten Standpunkt verlassen hat, ist die Rede von "Bewußtseinserscheinungen", "Gegenständen", Dingen oder Vorgänge der  Innenwelt,  die (in der  zweiten  Auflage) "zum Teil" als ganz andersartig, "zum Teil" aber als ganz gleichartig aufgefaßt werden, ob sie nun den Naturwissenschaften oder der Psychologie zur Bearbeitung unterliegen. Nur der "Gesichtspunkt" der Betrachtung ist ein anderer. Daß gerade mit einer solchen "Teils-teils-Auffassung" eine befriedigende Definition des Psychischen nicht erreicht werden kann, leuchtet ohne weiteres ein, und EBBINGHAUS kommt auch logischerweise zu dem Schluß, daß die Abgrenzung der Psychologie gegen die Physik im  einzelnen  nicht ein für allemal feststehend, sondern "Veränderlich mit unseren Einsichten" sei (vgl. "Die Geschichte des Phänomens des Farbenkontrastes); nur die allgemeinen Gesichtspunkte blieben davon unberührt! (4) WUNDT geht von den "Vorstellungen" aus: "Die Vorstellungen, deren Eigenschaften die Psychologie zu erforschen sucht, sind dieselben wie diejenigen, von denen die Naturforschung ausgeht" (Grundriß der Psychologie, Seite 2). Der "Standpunkt der Betrachtung" ist aber insofern in ihrer vom Subjekt unabhängig gedachten Beschaffenheit", die Psychologie "den gesamten Inhalt der Erfahrung in seinen Beziehungen zum Subjekt und in den ihm von diesen unmittelbar beigelegten Eigenschaften" betrachtet (Seite 3). Oder kürzer: die Naturwissenschaft habe "die Objekte unter möglichster Abstraktion vom Subjekt", die Psychologie "den Anteil des Subjekts an der Entstehung der Erfahrung" zu berücksichtigen (Seite 5 basiert WUNDT seine Auffassung wiederum auf LIPPS' "Grundtatsachen des Seelenlebens"). G. E. MÜLLER ferner kommt in seinem großangelegten Werk "Zur Analyse der Gedächtnistätigkeit und des Vorstellungsverlaufs" bei der Besprechung der Unterschiede zwischen äußerer Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung zum dem Schluß:
    "Es zeigt sich also, daß zwischen der äußeren Wahrnehmung und der Selbstwahrnehmung nur insofern ein durchgreifender Unterschied besteht, als bei ersterer die eintretenden Bewußtseinsinhalte eine andere Auffassung erfahren als bei letzterer. Im ersteren Fall dienen die Bewußtseinsinhalte dazu, uns einen der  physischen  Gesetzmäßigkeit unterworfenen Körper mit einer bestimmten Eigenschaft, in einem bestimmten Zustand, in einer bestimmten Entfernung oder dgl. vorstellen zu lassen. Bei der Selbstwahrnehmung dagegen interessieren uns die Bewußtseinsinhalte so, wie sie ansich sind, oder insofern, als sie hinsichtlich ihres Eintretens, Verhaltens und Wirkens der  psychologischen  Gesetzmäßigkeit unterliegen" ... (§ 12, Seite 85).
Nun wissen wir aber, daß die erkenntnistheoretische  Voraussetzung  (denn um eine solche handelt es sich), welche die Wirklichkeit auf das im Bewußtsein Gegebene, auf das Immanente oder den Bewußtseinsinhalt beschränkt, keineswegs unbestritten ist. Ja, als Grundproblem der ganzen Erkenntnistheorie wird gerade das Problem der  transzendenten,  d. h. über den Bewußtseinsinhalt hinausgehenden oder außerhalb des Bewußtseins liegenden  Realität  bezeichnet (RICKERT, Gegenstand, Seite 21); denn wenn auch unter einer gewissen Voraussetzung die Körper als Bewußtseinsinhalte zu bezeichnen sind, "so hören sie darum doch durchaus nicht auf, ihre unmittelbare Realität als Körper zu behalten" (RICKERT, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Seite 140). Die Kritik, welche RICKERT an jener erkenntnistheoretischen Voraussetzung geübt hat, insbesondere durch die strenge Unterscheidung zwischen psychologischem und erkenntnistheoretischem Subjekt und durch die Aufzeigung der Vermengung dieser Begriffe in den obigen Auffassungen, diese Kritik zwingt uns geradezu, jene Voraussetzung zu verwerfen. Wir sehen dann auch ein, daß wir nicht gezwungen sind, wie DILTHEY und WUNDT behaupten, der Körperwelt lediglich Phänomenalität, der Welt des Seelischen allein Realität zuzuerkennen. Beide Welten sind für uns gleich "phänomenal" oder gleich "real" (5).

Aber auch abgesehen von erkenntnistheoretischen Erwägungen erheben sich Bedenken gegen die erwähnten Auffassungen: sie sind mehr praktischer Natur und richten sich gegen die praktischen Folgen jener Auffassungen. So sagt WITASEK mit Recht: "Es scheint zum Beispiel gar nicht möglich, an den Erlebnissen (psychischen Tatsachen) Bestandteile oder Eigenschaften zu unterscheiden, die vom erlebenden Individuum, dem Subjekt, abhängen, im Gegensatz zu solchen, von denen das nicht gilt; denn sie sind in allen ihren Teilen und Eigenschaften durchaus vom Subjekt bestimmt, und wo sie vom Objekt mit abhängig sind, verschmelzen die beiden Einflüsse ganz und gar zu einem einheitlichen Gebilde, an dem,  für sich  genommen, ein realer Anteil des einen und des andern so wenig mehr zu sondern ist, wie etwa am Ton der Geige der Anteil des Bogens von dem der Saite" (Grundlinien der Psychologie, Seite 11).

Die Theorie, nach welcher Psychisches und Physisches zunächst ein und dasselbe, nämlich "mein Bewußtseinsinhalt", sein soll, sah sich genötigt, das Psychische gleichsam erst sekundär zu definieren, aus Begriffen wie Gesetzmäßigkeit, Zusammengehörigkeit und vor allem aus dem an Mißverständnissen und Äquivokationen so reichen Gegensatzpaar subjektiv-objektiv. Die Definition, zu der wir uns nunmehr wenden, sucht und findet das "wesentliche" Merkmal des Psychischen in seinem "Wesen" selbst. Sie geht nicht mehr zurück auf die Stufe, wo die Begriffe physisch und psychisch noch eine erkenntnistheoretische Einheit bilden, sondern nimmt das Psychische als gegeben hin. Wir können sie als Beispiel einer klassifikatorisch orientierten Definition betrachten. Gemeint ist die Definition BRENTANOs.

Vorher erwähnen wir unter den Defintionen des Psychischen aber noch eine, welche gleichsam den Übergang darstellt zwischen jenen erkenntnistheoretischen und der nun folgenden Definition; es ist die Definition NATORPs in seiner "Einleitung in die Psychologie" (1888). NATORP sagt, daß es "in jeder Hinsicht, numerisch wie inhaltlich dieselbe Erscheinung" ist, welche "zugleich in subjektiver, psychologischer Hinsicht als ein Moment des Bewußtseins erwogen und in objektiv-wissenschaftlicher Betrachtung auf den in ihr erscheinenden Gegenstanz bezogen wird" (zitiert nach NATORP, Allgemeine Psychologie, Seite 265). Der Akzent ist zu legen auf die Wendung: "auf den in ihr erscheinenden Gegenstand bezogen". BRENTANO geht einen Schritt weiter. Er sagt nicht, jene "Erscheinung"  wird  auf den in ihr erscheinenden Gegenstand  bezogen,  sondern  sie weist  (an und für sich) auf einen Gegenstand hin,  bezieht sich  auf einen Inhalt,  richtet sich  auf ein Objekt; kurz, die Definition BRENTANOs, in der er ein "positives Merkmal des Psychischen im Gegensatz zum Physischen" anzugeben vermag, beruth auf folgendem:
    "Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, im Urteil ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, im Haß gehaßt, im Begehren begehrt usw. - - - Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas ähnliches. Und somit können wir die psychischen Phänomene definieren, indem wir sagen, sie seien solche Phänomene, welche intentional einen Gegenstand in sich enthalten" (Psychologie vom empirischen Standpunkt, Seite 115)
Wir haben hier diejenige Definition vor uns, die heute wieder, und zwar mit vollem Recht, eine große Rolle in logischen und psychologischen Untersuchungen spielt. Bekanntlich baute HUSSERL seine Lehre vom Bewußtsein als intentionalem Erlebnis darauf auf, nachdem MEINONG und seine Schule sich bereits mit ihr befaßt hatte. Eine Frucht all dieser Untersuchungen finden wir in der für Logik und Psychologie so wichtigen Unterscheidung der Begriffe "Inhalt" und "Gegenstand" des Bewußtseins und in all dem, was aus dieser Unterscheidung folgt. Unter anderem folgt daraus ein neues Gegenargument gegen die Definition des Psychischen von seiten der Experimentalpsychologen, worauf wir zunächst noch eingehen wollen. So erklärt HUSSERL:
    "Die Behauptung: der Unterschiied zwischen dem in der Wahrnehmung bewußten Inhalt und dem  in ihr  wahrgenommenen (wahrnehmungsmäßig vermeinten) äußeren Gegenstand sei ein bloßer Unterschied der Betrachtungsweise, welche  dieselbe Erscheinung  einmal im subjektiven Zusammenhang (im Zusammenhang der auf das Ich bezogenen Erscheinungen) und das andere Mal im objektiven Zusammenhang (im Zusammenhang der Sachen selbst) betrachtete, ist phänomenologisch falsch. Die Äquivokation, welche es gestattet, als  Erscheinung  nicht nur  das Erlebnis, in dem das Erscheinen des Objektes besteht  (z. B. das konkrete Wahrnehmungserlebnis, in dem uns das Objekt vermeintlich selbst gegenwärtig ist), sondern auch  das erscheinende Objekt als solches  zu bezeichnen, kann nicht scharf genug betont werden" (Logische Untersuchungen II, 2. Auflage, Teil 1, Seite 349).
Mit etwas anderen Worten weist auch WITASEK (Grundlinien der Psychologie, Kap. I) auf jene Äquivokation und ihre Folgen hin: Die Gegenstände, auf die sich das Vorstellen, Fühlen, Wollen bezieht, sind keine Bewußtseinsinhalte, sind nicht wiederum Vorstellungen usw., sondern Vorgestelltes, Gefühltes, Gewolltes. Sie sind selbst überhaupt nichts Geistiges, weisen nicht über sich hinaus, wie wir es von den psychischen Tatsachen kennen. Wer diese Scheidung leugnet, muß auch den Inhalt des Begriffspaares Subjekt-Objekt leugnen, und von diesem gingen die genannten Autoren ja aus.

Wir betonen von vornherein die große Bedeutung der BRENTANOschen Definition, ohne uns am Ausdruck "psychische Phänomene" zu stoßen, da er nichts über die phänomenale oder reale "Natur" des Seelischen aussagen, sondern nur den Gegensatz zum metaphysischen Seelenbegriff betonen will (vgl. BRENTANO, Psychologie, Kap. I). BRENTANO läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß er als Gegenstand der Psychologie nur die psychischen Phänomene "in diesem Sinn von wirklichen Zuständen" angesehen haben will (Seite 130). Wir nehmen auch nicht Anstoß daran, daß, wenn die BRENTANOsche Definition richtig sein soll,  alle  psychischen Phänomene "auf  Vorstellungen  als ihrer Grundlage" beruhen sollen (Seite 126); denn bei der weiten Fassung, die BRENTANO seinem Begriff der Vorstellung gibt (Seite 106), kann man ihm wohl zustimmen. Wir betonen ferner, was für ein großer Fortschritt dadurch angebahnt wurde, daß die psychischen Phänomene nicht mehr nach ihrem Inhalt (als Vorgestelltes, Gefühltes, Gewolltes), sondern nach ihrem intentionalen oder "Aktcharakter" (als Vorstellen, Fühlen, Wollen) behandelt wurden, mit anderen Worten, daß die "Weise der Beziehung des Bewußtseins auf einen Inhalt" in den Vordergrund gestellt und so eine "Funktionspsychologie" angebahnt wurde. Was man an der BRENTANOschen Definition des Gegenstandes der Psychologie aussetzen kann, ist nur das, daß, wenn man im intentionalen Charakter des Psychischen ein  wesentliches  Merkmal für die Unterscheidung vom Physischen erblickt, große Gebiete der empirischen Psychologie aus deren Bereich herausfallen. Das sind die Empfindungen und die Empfindungskomplexionen (vgl. HUSSERL, Log. Unters. II, Teil 1, Seite 369), für welche der intentionale Charakter geradezu  unwesentlich  ist; er kann also nicht in eine Definition aufgenommen werden, die allem Psychischen im üblichen Sinne zugrunde gelegt werden darf.

Während es die Definition BRENTANOs auf eine scharfe und endgültige Scheidung zwischen Physischem und Psychischem abgesehen hat, tendiert die nun folgende auf eine Scheidung zwischen Psychischem und Logischem. RICKERT (Grenzen etc., Seite 126), den wir jetzt im Auge haben, sagt: "Psychisch sollten nur solche Vorgänge genannt werden,  die im nichtkörperlichen  Leben einzelner Individuen zeitlich ablaufen." Der zeitliche Ablauf, die Zugehörigket zu einzelnen Individuen und das Moment des nicht-körperlichen Lebens sind hier die wesentlichen Merkmale. Das erste und zweite ist wesentlich zur Abgrenzung all jener Gebilde, die wohl an seelischen Vorgängen haften, nicht aber in ihnen aufgehen, die nicht zeitlich ablaufen, nicht an einzelne Individuen gebunden sind, die überhaupt nicht  sind,  sondern  gelten und zwar gelten für viele Individuen, auch wenn die psychischen Vorgänge, an denen sie haften, nur einmalige, in einzelnen Individuen ablaufende Vorgänge sind (RICKERT, Gegenstand, Seite 255f: Der transzendente Sinn; Seite 264f: Sinn und Welt). Es handelt sich dabei um keine  wirklichen  Gebilde, sondern um  Sinngebilde,  um den von  vielen  geminsam verstandenen Sinn oder Gehalt von Urteilen, im Gegensatz zum  einmaligen wirklichen  psychischen Akt des Urteilens, um die Bedeutung von Worten, im Gegensatz zum Akt des Aussprechens und des Meinens der Bedeutung usw. Das Merkmaml des "zeitlichen Ablaufs" soll also aussagen, daß es sich bei den psychischen Vorgängen um  reale  Vorgänge handelt, um ein  Sein,  um ein "sinnfreies Dasein", im Gegensatz zum irrealen Sinn und zur "sinnvollen Leistung". Die Wissenschaft von jenem Sein würde sich dann von den Körperwissenschaften nur durch das  Material  unterscheiden, während beide der Wissenschaft gegenüberzustellen, die es mit der Deutung der Sinngebilde zu tun hat, der "objektiven" Logik. Die RICKERTsche Definition bezweckt also vor allem eine scharfe Trennung der Psychologie von der Logik, wie sie von LEIBNIZ, TETENS, KANT, HERBART, BOLZANO, MEINONG angebahnt und heutzutage insbesondere von HUSSERL durchgeführt.

Was schließlich das dritte Merkmal anbelangt, das Moment des "nicht-körperlichen Lebens", so kann man die vorwiegend negative Bestimmung beanstanden. Da aber alle Wirklichkeit, die wir kennen, nur körperliche und seelische Vorgänge enthält, sind die einen durch die Ausschließung der anderen hinreichend gekennzeichnet, und jeder weiß, was damit gemeint ist. Eine positive,  inhaltliche  Kennzeichnung des Psychischen zu finden, die  allen  psychischen Erscheinungen wesentlich wäre, ist bisher nicht gelungen: wo sie versucht wurde, ist sie entweder zu eng, wie im Versuch BRENTANOs, oder zu konstruiert und anfechtbar, wie z. B. im Versuch MÜNSTERBERGs, den wir später in einem anderen Zusammenhang noch kennenlernen werden. Der Ausdruck "Vorgänge" endlich kann von der empirischen Psychologie ohne weiteres akzeptiert werden, da er nichts anderes als das reale Sein besagt, das jede  empirische  Wissenschaft  voraussetzt. 

Stellen wir nun die Definitionen des Psychischen, mit denen wir uns bis jetzt beschäftigt haben, einander gegenüber, so wird es uns schwer, einzusehen, daß alle auf denselben Gegenstand hinzielen, so groß ist ihre Divergenz. Das rührt, wie wir eingangs betonten, von dem Zweck her, um dessentwillen sie aufgestellt wurden. Immerhin sollten sie alle das gemeinsam haben, daß an ihnen klar würde, wie die  Psychologie als Wissenschaft  ihren Gegenstand "erzeugt", bestimmt oder definiert. Bei der ersten Gruppe bestimmte die Psychologie ihren Gegenstand dadurch, daß sie das Rohmaterials, den "Inhalt der Erfahrung", gleichsam einer Revision unterzog und ihn nur insoweit "psychisch" nannte, als er "Beziehungen zum Subjekt" aufweist, oder insoweit, als er "der psychologischen Gesetzmäßigkeit unterliegt". Hier sehen wir einen ganz anderen als den landläufigen, vorwissenschaftlichen Begriff des Psychischen zum Gegenstand der Psychologie erhoben; hier wird ganz deutlich, wie die Psychologie als Wissenschaft ihren Gegenstand erst "erzeugt". Weniger deutlich sehen wir dieses "Erzeugen" bei der Definition BRENTANOs (Psychologie Seite 102), von der er selbst sagt, daß sie keine "Definition nach den herkömmlichen Regeln der Logiker" sei, sondern nur "die Verdeutlichung der beiden Namen: physisches Phänomen - psychisches Phänomen" bezwecke. Jedoch auch hier wird klar, daß es nur einer wissenschaftlichen, synthetischen Begriffsbildung zu verdanken ist, wenn der intentionale Charakter des Psychischen erkannt, herausgestellt und zum Gegenstand der Psychologie gemacht wurde. Anders scheint dies nun bei der dritten Definition zu sein. Wir sehen nicht ein, welchen Anteil die Psychologie als Wissenschaft an dieser Begriffsbestimmung hat, ja, daß sie überhaupt einen Anteil daran hat; denn für das, was RICKERT als psychische Vorgänge bezeichnet und zum Gegenstand der Psychologie erhebt, bedarf es keiner  wissenschaftlichen  Begriffsbildung, da jeder Einzelne, wenn er nur logisch, d. h. folgerichtig denkt, zum gleichen Resultat kommen muß. Die Definition RICKERTs scheint lediglich die Definition des gesunden Menschenverstandes zu sein, aber nicht diejenige einer Wissenschaft. (6) Eine solche zu geben, lag RICKERT auch insoweit ganz fern, als er ausdrücklich von einer näheren  inhaltlichen  Begriffsbestimmung des Psychischen absah. (7)

Immerhin, rein formal ist die Definition RICKERTs auch nicht. Wenn wir auch für die Psychologie noch keinen inhaltlich bestimmten Gegenstand haben, so können wir doch sonst einiges daran anknüpfen, was uns später zugute kommen wird. Es ist durchaus  Vorpsychologisches,  mit anderen Worten Erkenntnistheoretisches. Wenn auch erkenntnistheoretische Erörterungen nicht in der Absicht dieser Arbeit liegen, so muß es uns doch vergönnt sein, dann und wann aus unserem Haus herauszutreten und das Fundament zu betrachten, auf dem es aufgebaut ist.

Dieses Fundament ist nun in der RICKERTschen Definition bereits enthalten; es ist die Trennung des Psychischen und Physisischen. Diese Trennung geht der Psychologie voraus; die Psychologie als solche hat sich damit nicht zu befassen oder, wie MÜNSTERBERG einmal sagt; "Das logische Stadium jener Einheit (des Bewußtseinsinhalts) muß bereits aufgehoben sein, wenn die Möglichkeit einer Physik oder Psychologie einsetzen soll" (Prinzipien der Psychologie, Seite 105). Aber der Psychologie, wenn er keine Scheuklappen trägt, wird sich doch fragen, worauf eigentlich jene Trennung beruth und wodurch sie veranlaßt wird. Im Anschluß an RICKERTs Erkenntnistheorie können wir nun sagen, daß "im Inhalt des Gegebenen sich gewisse spezifische Differenzen finden, die uns im Interesse einer allgemeinen wissenschaftlichen Theorie veranlassen, Begriffe von zwei verschiedenen Arten des Wirklichen, des raumerfüllenden und des nicht-raumerfüllenden, zu bilden. Diese Unterschiede haben wir ebenso wie alle inhaltliche Mannigfaltigkeit einfach hinzunehmen, denn sie sind als inhaltliche Besonderheiten absolut irrational" (RICKERT, Gegenstand, Seite 428).  "Diesen  Dualismus schafft keine Begriffsbildung aus der Welt". Der andere Dualismus aber, "nach dem die Welt aus zwei einander ausschließenden Arten des Realen, der Welt der extensio und der Welt der cogitatio, bestehen soll", wird erst durch die Physik und die Psychologie geschaffen und kann infolgedessen wiederum nicht überwunden werden, weil wir sonst "unsere wissenschaftliche Begriffsbildung, die Raumerfüllendes von Nicht-Raumerfüllendem trennen muß, um zu allgemeinen Theorien des physischen und des psychischen Seins zu kommen, für  ungültig  erklären" müssen. Wir haben es bei der Überwindung  dieses  Dualismus mit einem Scheinproblem zu tun; denn man kann nicht jene zwei Reiche, "die lediglich der wissenschaftlichen Begriffsbildung ihre Entstehung verdanken, durch eine Weiterbildung derselben wissenschaftlichen Begriffsbildung wieder zu  einem  Reich zusammendenken wollen" (ebd. Seite 429). Oder mit anderen Worten: "Alles Begreifen macht ein Trennen des ursprünglich Verbundenen nötig. Deshalb entstehen aus den  vortheoretischen Einheiten  überall die  theoretischen Verschiedenheiten,  und die Begriffe können als verschiedene  Begriffe  selbstverständlich nie wieder zusammenfallen, sondern müssen für immer getrennt bleiben. Aber deshalb, weil zwei Begriffe nicht  ein  Begriff sind, dürfen wir doch nicht glauben, wir stünden vor einem  Welträtsel"  (ebd. Seite 299). Selbstverständlich hat man das Recht, "für die quantifizierbaren Elemente der Wirklichkeit den Namen des Physischen und für den nicht quantifizierbaren Rest den Namen des Physischen zu verwenden und diese beiden Gebiete zu einer besonderen Behandlung an zwei verschiedene Wissenschaften zu verteilen. Aber eine ganz andere Frage ist die, ob man die Produkte dieser Begriffsbildungen auch als für sich bestehende Realitäten ansehen und sie mit dem identifizieren darf, was wir als Körper und Geist unmittelbar erleben. Diese Frage ist schon aus dem Grunde zu verneinen, weil wir dadurch die Welt als Ganzes unbegreiflich machen" (Psyschologische Kausalität und psychophysischer Parallelismus, Seite 76). "Wir stoßen hier auf eine im Wesen unseres Denkens begründete prinzipielle  Grenze der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung  und nicht auf ein Welträtsel. Weil die Naturwissenschaft die unmittelbare Wirklichkeit in zwei verschiedenen Richtungen, als Körperwissenschaft und als Psychologie, bearbeiten muß, kann sie aus den sich daraus ergebenden einander ausschließenden Denkprodukten nicht wieder eine Einheit herstellen wollen" (ebd. Seite 77).

Wir glauben nicht, mit dieser erkenntnistheoretischen Abschweifung Philosophie in die Psychologie hineinzutragen, haben wir doch oben beide streng geschieden; vielmehr glauben wir, gerade im Gegenteil den Psychologen hierdurch zu warnen, sich in philosophische Streitfragen hineinzumischen, indem er allzu "naiv" seiner Begriffswelt, die für  ihn  Realität haben muß, auch metaphysische Realität andichtet. Vielmehr, statt zu philosophieren, wollen wir den Satz RICKERTs beherzigen: "Daß die objektive Wirklichkeit inhaltlich irrational ist, sollte für den wissenschaftlichen Menschen lediglich ein Ansporn sein, ihre  Unvernünftigkeit  durch Begriffsbildungen zu überwinden, d. h. den Inhalt, soweit er es gestattet, mit gültigen theoretischen Formen zu durchsetzen" (Gegenstand, Seite 431).

Zum Schluß dieser kurzen Einführung in die Definitionen des Psychischen müssen wir noch zweier wissenschaftlicher Auffassungen aus neuester Zeit gedenken, welche bei aller prinzipiellen Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit im einzelnen doch  das  gemeinsam haben, daß sie auf eine gegenständliche Definition des Psychischen und Physischen und damit auf die Behauptung einer  gattungsmäßigen  Verschiedenheit beider verzichten. Daß "im Inhalt des Gegebenen sich gewisse spezifische Differenzen finden", wie wir oben hörten, wird hier geleugnet. Wenn, so folgert man, Physisches und Psychisches nur gattungsmäßig verschiedene  Gegenstände  wären, etwa wie Bäume und Häuser, die aber in derselben Weise "gegeben" wären, dann müßten diese gattungsmäßig verschiedenen Einheiten auch definierbar sein, d. h. man müßte dann angeben können, in welchen Mermalen sich psychische und physische Gegenstände unterscheiden. Dies aber, so erklärt SCHELER, dessen Auffassung wir zunächst zitieren (Die Idole der Selbsterkenntnis, Abhandlungen und Aufsätze II, Seite 34), ist unmöglich, und alle dahinzielenden Versuche mssen als gescheitert betrachtet werden (8). Der Versuch DESCARTES', der einzige, der eine Definition "rein nach Inhaltsmerkmalen der Gegenstände" (nach den Merkmalen der Ausdehnung und des Denkens) geben wollte, dieser Versuch beruth auf einer "puren metaphysischen Konstruktion ohne  jede  phänomenale Voruntersuchung". SCHELER bestreitet, daß jene Scheidung der physhischen und psychischen Gegenstände in ausgedehnte und unausgedehnte oder denkende "phänomenal", d. h. bei unvoreingenommener Betrachtung der Phänomene und ohne Konstruktion, begründet sei. Auf seine Beweisführung, die sich ähnlich schon bei BRENTANO findet, gehen wir hier nicht ein. Kurz, er erklärt, eben dadurch, daß  keine  solche Definition nach unterschiedlichen Merkmalen des Gegebenen möglich sei, werde klar, "daß  psychisch  eine echte Wesenheit ist - nicht ein besonderer Daseinsgehalt, sondern eine Form des  Da seins - der nach dem Wesenszusammenhang von Art- und Daseinsform auch eine besondere Form der Anschauung entspricht" (Seite 42). Wir werden erst nach der Einführung in die Phänomenologie HUSSERLs Klarheit darüber bekommen, was man unter Wesenheit und Wesenserkenntnis überhaupt versteht. Halten wir nur fest, daß dem Psychischen (nach SCHELER) eine besondere  Form der Anschauung  entspricht, und daß der Begriff des Psychischen nicht an den einzelnen psychischen Tatsachen "als ein Gemeinsames an ihnen abstrahiert" ist. Daraus aber, daß das Psychische hier als eine  Form  des Daseins und Gegebenseins aufgefaßt wird, folgt keineswegs, daß SCHELER sich zu der erwähnten "Gesichtspunkt"- oder "Standpunkt"-Lehre bekennt. Vielmehr haben wir hier gegenüber den Definitionen nach inhaltlichen Merkmalen und denjenigen nach dem Standpunkt der Betrachtung eine dritte, selbständige Auffassung vom Psychischen vor uns. Es ist etwas ganz anderes, den Unterschied zwischen physisch und psychisch auf einen Unterschied der  Ordnungsweise derselben Inhalte  zurückzuführen, wie es jene Gesichtspunktlehren oder "Ordnungstheorien" taten, oder  zwei  Arten des Wahrnehmens anzuerkennen, wie SCHELER es tut. Dort handelt es sich um "bloße Unterschiede des denkenden Beziehens" und "wird der Wesensunterschied durch Denken und urteile erst geschaffen"; hier, bei SCHELER, handelt es sich um einen "Unterschied im Wesen der  Phänomene  und der ihnen entsprechenden Wahrnehmungsarten" (Seite 53). Physisch und psychisch sind keine "erst durch das Denken zu kreierenden beiden Wahrnehmungsarten kann man ruhig als äußere und innere Wahrnehmung bezeichnen. Es handelt sich hier zunächst um einen "nur erlebbaren Richtungsunterschiede" der Akte des Wahrnehmens, welcher Richtungsunterschied aber keineswegs  "als relativ auf den Leib  und demgemäß auch auf die Sinnesfunktion und -organe anzusehen ist" (Seite 60). Äußere Wahrnehmung ist nicht soviel wie "Sinneswahrnehmung" wo wir auf SCHELERs Lehre vom inneren Sinn zu sprechen kommen). Abgesehen von dem nur erlebten Richtungsunterschied beider Arten der Wahrnehmung ist nun aber auch die Einheit und Mannigfaltigkeit des in ihnen Gegebenen "völlig disparat und entgegengesetzt". Wie die Mannigfaltigkeit des Physischen "ein  Auseinander  darstellt, das den Formen von Raum und Zeit  identisch  innewohnt und durch dessen besondere Ordnung sich die Verschiedenheiten von Raum und Zeit noch bestimmen lassen, so stellt die ursprüngliche seelische Mannigfaltigkeit, wie sie in jedem beliebigen Akt innerer Wahrnehmung angetroffen wird und mit dem Wesen dieses Aktes in einem Wesenszusammenhang steht, eine Mannigfaltigkeit dar, in der es kein  Auseinander  überhaupt mehr gibt, sondern nur das nicht weiter definierbare  Zusammen  im  Ich,  wobei  Ich  eben nur die eigentümliche Einheit dieser Mannigfaltigkeit bedeutet. Die Art also,  wie  Gefühle, Gedanken, Bilder im  Ich  zusammen sind, in großer Fülle vielleicht in einem bestimmten Akt innerer Wahrnehmung, ist weder eine zeitliche  noch  eine räumliche, gleichwohl aber eine anschauliche, wenn auch eine solche  sui generis  [aus sich selbst - wp] (Seite 115f). Was mir so in einem Akt innerer Wahrnehmung gegeben ist, "erscheint dabei stets auf einem undeutlichen Hintergrund des  ganzen ungeteilten Ich.  Das in der inneren Wahrnehmung erscheinende Ich ist also stets als Totalität gegenwärtig, auf der sich z. B. das Gegenwarts-Ich nur als besonders hellleuchtender Gipfel heraushebt. Keine Rede davon also, daß ich erst aus der Wahrnehmung des gegenwärtigen Ich mit errinnerten Ichen der Vergangenheit das Ich stückweise zu einer Einheit verknüpfen müßte - so wie ich einen Körper aus Teilen zusammensetzte" (Seite 118f).

Wir werden dieser Auffassung SCHELERs von einer im Gegebenen anschaulich vorgefundenen und nicht erst durch das Denken hergestellten Verschiedenheit des Physischen und Psychischen und seiner Lehre von der inneren Wahrnehmung als einer besonderen Aktrichtung noch öfter begegnen (vgl. vor allem Seite 234f). Wie man sich auch zu ihr im Hinblick auf die Definition des Psychischen stellen mag, so ist doch die Behauptung eines spezifischen  Anschauungsdatums,  einer spezifischen anschaulichen Gegebenheit der Psychischen etwas außerordentlich Naheliegendes und den unmittelbaren Tatsachen Entsprechendes. Wir erblicken in ihr eine äußerst wichtige Errungenschaft der neuen Psychologie, die uns insbesondere für eine Psychologie der Person, wie wir sie in dieser Schrift anstreben, grundlegend zu sein scheint.

Ein anderes nun ist die Definition des Psychischen, ein anderes die Definition des "Gegenstandes der Psychologie". Man kann mit SCHELER die Möglichkeit der ersteren bestreiten und doch die der letzteren weiter verfolgen.

Vorher wenden wir uns aber noch der anderen Auffassung vom Wesen des Psychischen (und damit auch des Physischen) zu, welche wie diejenige SCHELERs nicht vom Inhalt des Gegebenen ausgeht, sondern von der Art und Weise, wie wir uns dem Gegebenen gegenüber verhalten, welche also keine Dualität oder "gattungsmäßige Verschiedenheit" im  Gegebenen  anerkennt, sondern nur in der  Erfassung  des Gegebenen. Während es sich aber bei SCHELER dabei um verschiedene "Formen der Anschauung" handelt, handelt es sich bei HÄBERLIN, dessen Auffassung wir jetzt im Auge haben, um verschiedene Arten des Urteils und der dem Urteil sehr nahestehenden "Wahrnehmung" (nämlich um  Selbst-  und  Fremdwahrnehmung bwz. -urteil); und während SCHELER sich der phänomenologischen Wesensanalyse bedient, bedient sich HÄBERLIN der logisch-deskriptiven Analyse des Urteils. Seine ganze Untersuchung ist kein Forschungs-, sondern ein Beweis- oder Begründungsverfahren. Ausgehend von  einer  Grundvoraussetzung, nämlich der Sinnhaftigkeit der Erkenntnis, sucht er die Denknotwendigkeit des von ihm gefundenen Resultates nachzuweisen (Vgl. HÄBERLIN, "Der Gegenstand der Psychologie" (1921) (I) und "Leib und Seele" (1921)(II)).
    Urteil  ist Setzung, ist Beurteilung; jedes Urteil setzt etwas voraus, nämlich eben das, was beurteilt wird oder das  Objekt  des Urteils. Inhalt des Urteils ist demnach das beurteilte Objekt (I, 27). Richtig sein wollende oder objektive Urteile, mit denen allein die Wissenschaft es zu tun hat, setzen ferner Prinzipien oder Normen von objektiver Geltung voraus, als Maßstab der Beurteilung. Ein richtig sein wollendes Urteil bedeutet daher eine objektiv gemeinte  Bewertung  seines Objekts. Was aber als Objekt bewertet wird, mußt als Wertobjekt schlechthin gesetzt sein. Das Materials der Wissenschaft setzt sich aus lauter Wertobjekten, d. h. aus lauter mit objektivem Anspruch bewerteten Objektiven zusammen (I, 29).

     Wahrnehmung  "ist der geeignetste Terminus für ein Urteilhaftes" im "intuitiven" und wertfreien Sinn (I, 38). Trotzdem steht die Wahrnehmung in einem unlöslichenn Zusammenhang mit dem Werturteil (II, 2). Wir können etwas nur wahrnehmen, indem wir es so oder so bewerten. Auch wenn wir die Wertqualität von einem Wahrgenommenen wegdenken, so bleibt immer noch ein Objekt übrig, welches ein Objekt einer möglichen Wertung ist oder kurz Wertobjekt, auch dann, wenn die Wertung noch nicht vollzogen ist oder wenn nachträglich von ihr abstrahiert wird.

    Über den Zusammenhang von Wahrnehmung und Werturteil kurz noch folgendes: Wahrnehmung wird hier als "materialschaffend gedacht (I, 39). Wahrnehmungswissenschaft ist ein solche, deren Material aus Wahrnehmungsinhalten besteht. Diese Inhalte müssen aber objektiv gemeint, d. h. für wahr gehalten sein, denn nur solche kommen für die wissenschaftliche Bearbeitung in Frage. Für wahr gehalten sind aber nur Inhalte von Urteilen, d. h. Werte und deren Voraussetzungen: jene Wertobjekte. Infolgedessen kann der Wahrnehmungs inhalt  nicht ein bloßes oder "nacktes" Objekt sein, wie es der "Vorstellungsinhalt" ist. "Ein in Verbindung mit Wissenschaft sinnvoller Wahrnehmungsbegriff" kann nicht mit dem Begriff der Vorstellung zusammenfallen. Wahrnehmung in diesem Sinne begreift zwar Vorstellung in sich, ist aber mehr als Vorstellung; sie ist keine bloße Objektsetzung, sondern Wertobjektsetzung, eine Setzung von Objekten notwendiger Bewertung (I, 40f). "Wahrnehmung ist ja gar nichts anderes als ein notwendiger integrierender Bestandteil des Werturteils" (I, 54).

    Wertobjektsetzung ist vollkommen identisch mit Daseinsanerkennung oder Tatsachensetzung. "Das sein heißt Wertobjekt sein Tatsache ist Wertobjekt" (I, 42f). Es besteht aber ferner kein Unterschied zwischen Tatsache und Wertobjekt einerseits und "dem  Wirklich"  andererseits (I, 45).

    Wenn wir nämlich mit der Wahrnehmung einem Etwas einen positiven oder negativen Wert beilegen, indem wir es als "Objekt" oder Gegenstand bezeichnen, so tun wiri das in der Meinung, daß diesem Etwas eine Aktivität, ein Wirken oder Wirken-Können, mit einem anderen Wort: eine  Funktion  zukommt. Wir denken es als  Funktionssubjekt  und, so weit es als objektiv wirklich gemeint ist, als unter einer Norm stehendes Funktionssubjekt oder, gemäß der obigen Terminologie, als Wertobjekt. "Im Zusammenhang objektiv gemeinten Urteils ist alles Funktionssubjekt (also alles Wirkliche) zugleich auch Wertobjekt." Empirische Wissenschaft kann demnach sowohl mit Tatsachenwissenschaft als mit Wirklichkeitswissenschaft als auch mit Wissenschaft von den Wertobjekten identisch gesetzt werden.

    Nun gibt es aber, und hiermit kommen wir geradewegs auf unser Problem,  zweierlei  Arten der Wahrnehmung, zweierlei Wahrnehmungs weisen,  und insofern auch zweierlei Arten des Urteils: Selbst- und Fremdwahrnehmung und Selbst- und Fremdbeurteilung.

    Anhand der Analyse des Norm- oder Verpflichtungserlebnisses, des Erlebnisses der ethischen Normanerkennung, weist HÄBERLIN nach, daß für jedes Urteilssubjekt nur ein solches (objektiv gemeintes) Urteil möglich ist, dessen Objektnorm Norm für es selbst, für das Subjekt des Urteils, ist, was sich auch so ausdrücken läßt: objektiv gemeinte Urteile sind nur als Selbstbeurteilungen möglich. "Denn  Selbst  bedeudet eben jene gedachte Identität von Urteilssubjekt und (beurteiltem) Funktionssubjekt (I, 56). Infolge der Zusammengehörigkeit von Werturteil und objektiv gemeinter Wahrnehmung und der Identität von Wahrnehmungswirklichem und "Objekt eines Werturteils", kann HÄBERLIN nun erklären, daß es für irgendein Urteils- und Wahrnehmungssubjekt kein anderes Wirkliches gibt als dieses Subjekt selbst und keine andere Wahrnehmung als die Selbstwahrnehmung. "Nur in der Selbstwahrnehmung werden wir  unmittelbar  jene Werthaftigkeit und zugleich jene Funktionalität inne, welche den Wirklichkeitscharakter ausmachen" (II, Seite 3). Weniger populär ausgedrückt heißt das: "daß das Wirkliche, sofern es als solches in der Erfahrung schlechthin festgestellt wird, für jedes Urteilssubjekt zusammenfällt mit seinem  Ich,  d. h. mit  dem  Funktionssubjekt, das mit dem Urteilssubjekt identisch ist" (I, 59).

    Die große Frage, die sich jetzt erhebt, ist nun aber die, wieso wir etwas als wirklich betrachten können, das wir zugleich als Nicht-Ich taxieren? Wir sehen HÄBERLING geht keineswegs von der Unterscheidung psychisch-physisch aus, sondern von der Unterscheidung Ich - Nichtich, ja auch nicht von dieser, sondern von der Unterscheidung zwischen der  Wahrnehmung  des Ich und der  Wahrnehmung  des Nichtich oder des Fremden. Die Beantwortung jener Frage aber lautet: "Wir  übertragen  in der Fremdwahrnehmung den uns aus der Selbstwahrnehmung entstandenen Begriff der Wirklichkeit auf ein anderes". Fremdwahrnehmung ist vermittelt durch Selbstwahrnehmung, ist mittelbare Wahrnehmung, d. h. mittelbare Wirklichkeitssetzung (II, 3 und 4). Jede Übertragung aber erfolgt durch eine doppelte Identifikation: durch die Urteilsidentifikation (Ineinssetzung von Subjekt und Objekt des Urteils im  Ich)  und durch "Funktionsidentifikation" (Ineinssetzung des eigenen mit dem zweiten Funktionssubjekt, dem das Fremdurteil gilt). "Das Fremdurteil ist ein durch funktionelle Identifikation kompliziertes und damit modifiziertes Selbsturteil." Dasselbe gilt für die Fremd- und Selbst wahrnehmung.  Das Nichtich, das Fremde, das Du, "wird beurteilt oder wahrgenommen, wie wenn es Ich wäre, es ist auch, im Urteil, Ich, aber eben ein fremdes, ein "alter Ego" (I, 60). Da das Ich aber das Wirkliche schlechthin, das Wertobjekt schlechthin ist, so muß auch das Nichtich Wirkliches oder Wertobjekt sein; es ist dies aber erst  mittelbar,  und zwar mittelbar nicht im Sinne einer minder wirklichen, sondern einer mittelbar  gesetzten  oder wahrgenommenen Wirklichkeit. "Mittelbar wirklich heißt darum einfach: ichfremd, anderes, Nichtich." "Das Fremde ist tatsächlich nur insofern wirklich, als es Ich ist, ein anderes Ich freilich (Du), aber doch ein Ich, ja nicht  ein  Ich, sondern  mein  Ich, freilich Identifikations-, nicht eigenliches oder ursprüngliches Ich. Wirklichkeit (der Wahrnehmung) gibt es nur in der Form des Ich;, aber es gibt zwei Arten von Ich" (I, 61). Wir sehen, wie hier aus dem Unterschied in der Wahrnehmungs- und Beurteilungs weise  der Unterschied der  Inhalte  oder Produkte dieser Weisen bestimmt wird!
HÄBERLIN findet also im Material der empirischen Wissenschaft zweierlei "Inhalte": Inhalte mit einem reinen Wirklichkeitscharakter und Inhalte mit einem Fremdwirklichkeitscharakter. "Alles Ichhafte trägt einfach die Wirklichkeitsform, alles Fremdwirkliche trägt diese Form auch, darüber aber die Fremdform." "Jenes Plus im  Inhalt  der Fremdwahrnehmung ist deshalb gerade dieser Charakter der  Andersheit,  Fremdheit. Diese neue Form legt sich über diejenige des Wirklichen überhaupt, gesellt sich ihr bei, und aus dieser (der Ichhaftigkeit) und der Fremdform zusammen ergibt sich die Form  Fremd-Wirklichkeit  (Duhaftigkeit)" (I, 63f).

Die gebräuchlichsten Namen für den Wirklichkeitscharakter einerseits und den Fremdheitscharakter andererseits aber sind -  psychisch  und  physisch. "Psychisch ist etwas, sofern es wirklich ist, physisch ist es, sofern es ein Fremdes ist"  (II, 7). "Was ich an mir selbst unmittelbar wahrnehme (meinen Körper nehme ich nicht unmittelbar wahr, P. H.), ist  rein psychisch;  was ich als Fremdes wahrnehme, ist immer auch physisch." "Es besteht also  nicht ein Gegensatz  zwischen seelisch und körperlich in dem Sinne, daß dasjenige, was seelisch ist, nicht körperlich sein könnte und umgekehrt. Der Gegensatz besteht vielmehr zwischen dem Reinpsychischen und dem körperlichen Psychischen, oder, wie wir das letztere auch nennen, dem  Psychophysischen Aller Inhalt der unmittelbaren Selbstwahrnehmung ist rein psychisch, alle Größen der Fremdwahrnehmung sind psychophysisch" (ebd.) Oder etwas anders ausgedrückt: Die beiden Glieder der psychophysischen Dualität, also die beiden Formen des Fremdwirklichen, haben eine ganz verschiedene Wirklichkeits- oder Wahrnehmungsbedeutung und sind insofern vollkommen  disparat.  "Sie bilden zusammen eine Dualität, aber  keinen Gegensatz;  sie liegen überhaupt nicht auf derselben Ebene. Denn der psychische Charakter ist einfach der Wirklichkeitscharakter.  Der physische Charakter tut zur Wirklichkeit des Inhalts nichts hinzu und nimmt nichts weg.  Sondern er bedeutet nur eine  Beziehung zum Subjekt der Wahrnehmung,  eine Beziehung, die mit Wirklichkeit an und für sich gar nichts zu tun hat;  physisch sein heißt: für ein Wahrnehmungssubjekt fremd sein, weiter gar nichts.  Der Wirklichkeitscharakter wird dadurch nicht berührt." (I, 66).

Der phyische Charakter läßt sich auch umschreiben, "als  Identifikationscharakter  in dem Sinne, daß  physisch  all das ist, was durch eine funktionelle Identifikation hindurch als wirklich anerkannt ist.  Physisch  ist also nicht ein Attribut des Wirklichen als solchem, sondern ein  Symptom,  nämlich das Identifikationssymptom des Identifikationswirklichen. Alles Physische ist wirklich (im Sinne der Wahrnehmung, d. h. der Meinung),  aber nicht weil es physisch ist, sondern weil es psychisch gedacht ist.  Das andere zu betonen, ist demnach kaum mehr nötig: daß nicht etwa alles Wirkliche physisch ist, sondern daß Wirkliches  ohne  das physische Symptom vorkommt, eben dort, wo es nicht als Fremdes, sondern als Eigenes wahrgenommen wird." (ebd.)

HÄBERLIN unterscheidet dann drei Stufen der Identifikation: die maximale, die mittlere und die minimale, welchen als Inhalt entsprechen
    1. die handelnden Persönlichkeiten
    2. die Organismen,
    3. die "bloßen" Dinge.
Wir werden darauf im vierten Kapitel bei der Besprechung der Konstituierung des fremden Ichs zurückkommen.

Die Definitionen des Psychischen, die wir an unserem Auge haben vorüberziehen lassen, führen schon tief in die Problematik der allgemeinen Psychologie hinein. Mit Ausnahme der ersten (auf der Ordnungs- oder Standpunkttheorie aufgebauten), welche bereits der Geschichte angehört, werden uns alle diese Definitionen noch beschäftigen. Wir überliefern uns aber, um freie Hand zu behalten, keiner einzigen allein, denn wir brauchen alle. Die Darstellung einer Wissenschaft hängt so eng mit der Definition ihres Gegenstandes und dieser wieder so eng mit dem Material einer Wissenschaft zusammen, daß man sich nicht frühzeitig mit einer Definition begnügen darf, wo man über  verschiedene  Darstellungsweisen eines Wissenschaftsgebietes handeln will.

So trocken die bisherige Übersicht über die Definitionen des Psychischen erscheinen mag, soviel Denkenergie, soviel wissenschaftliches "Leben" ist doch in ihnen enthalten. Aber noch mehr! Wir finden darin, mit Ausnahme etwa der RICKERT'schen, mehr negativen Nominaldefinition, einen immer stärker erklingenden Mut und Willen zur Psychologie. Wieviel voller und tiefer als diejenige WUNDTs klingt schon BRENTANOs Definition, und wieviel näher sind wir wiederum dem lebendigen Ich, der Person, bei SCHELER und HÄBERLIN! Indem hier überall die Art und Weise der geistigen Erfassung der Person, der Anschauung, Wahrnehmung oder des Verstehens derselben in den Vordergrund tritt, berühren sich die letzteren Auffassungen auch ganz besonders nahe mit der empirischen Psychologie der Person. Dabei brechen sie mit Jahrhunderte alten Vorurteilen und zeigen uns deutlich das eine: Allgemeine Psychologie, auch heute noch, ist ein Wagnis! Wir dürfen jetzt nicht mehr fragen, was geschehen wäre, wenn KEPLER, GALILEI, NEWTON Psychologen gewesen wären (vgl. BERGSON, Science psych. et science phys., Seite 585), sondern müssen uns fragen, was noch geschehen kann,  trotzdem  sie Mathematiker waren; jedoch wollen wir hier keine Prophetie treiben, sondern zu unserer nüchternen Methodologie zurückkehren.
LITERATUR - Ludwig Binswanger, Einführung in die Probleme der allgemeinen Psychologie, Berlin 1922
    Anmerkungen
    1) Bei dessen Erscheinen war unsere Schrift schon soweit fertiggestellt, daß sich eine Auseinandersetzung mit seinem, anscheinend ähnliche Ziele verfolgenden und sich offenbar vielfach mit dem unsrigen berührenden, Inhalt nicht empfahl. Es muß den Fachgenossen zur Beurteilung überlassen bleiben, wo sich Übereinstimmungen, wo Gegensätze finden.
    2) In der Psychologie bildet z. B. STUMPF, in der Psychopathologie JASPERS eine Ausnahme.
    3) Es besteht also die Stufenfolge: Gegenstand der Erkenntnis - wirklicher Gegenstand - wissenschaftlicher Gegenstand.
    4) EBBINGHAUS, Grundzüge der Psychologie, § 1. Vgl. hierzu MÜNSTERBERG: "Objekte, von denen es zweifelhaft ist, ob sie psychische Bewußtseinsinhalte oder physische Körper sind, kann es nicht geben." (Prinzipien der Psychologie, Seite 105)
    5) Vgl. RICKERT, Gegenstand der Erkenntnis, insbesondere Kapitel II und "Die Grenzen der naturw. etc, Abschnitt: Physisch und Psychisch. Das erkenntnistheoretische Subjekt (= "Bewußtsein überhaupt") unterscheidet sich vom psychologischen Subjekt (= "mein" Bewußtsein) dadurch, daß es nichts Psychisches mehr enthält, überhaupt keine Wirklichkeit mehr ist, sondern lediglich ein erkenntnistheoretischer Formbegriff. Nur deswegen "kann es als das zu  gesamten  empirischen Wirklichkeit gehörende Bewußtsein angesehen werden, mit Rücksicht auf das dann das gegebene Sein in seiner Totalität zum Bewußtseinsinhalt wird." Es ist daher ganz falsch, zu sagen, die Wirklichkeit oder die Welt sei  mein  Bewußtseinsinhalt oder  meine  Vorstellung. Wenn ferner für das erkenntnistheoretische Subjekt auch das Wort Bewußtsein gebraucht wird, so ist die Definition des Psychischen als der Bewußtseinsvorgänge natürlich viel zu weit: denn dieses Bewußtsein ist dann nur "der Name für alle in der Erfahrung gegebene Wirklichkeit", für die körperliche wie für die seelische; für  dieses  Bewußtsein ist die gesamte Erfahrungswelt zwar Bewußtseinsinhalt, dies aber nur im Sinne der "Bewußtheit", der Unmittelbarkeit des Seins überhaupt!
    6) Wir dürfen hier von ihrem Nebenzweck, der auf die Trennung des Psychischen vom Logischen hinzielt, absehen.
    7) Vgl. "Die Grenzen etc.", Seite 144. Wenn wir uns daran erinnern, daß "definiert wird nicht der Name und nicht die Sache, sondern lediglich der Begriff", so wird klar, daß wir es hier gar nicht mit einer richtigen Definitione zu tun haben, sondern lediglich mit einer Nominaldefinition. RICKERT sagt ja auch, psychisch sollten nur solche Vorgänge  genannt  werden usw.
    8) Auch die BRENTANO'sche Definition lehnt SCHELER (aus von uns übrigens nicht geteilten Gründen) ab. (Seite 43f)