p-4H. DohrnE. DürrH. KohnK. HaslbrunerD. Braunschweiger    
 
THEODULE RIBOT
Die Psychologie
der Aufmerksamkeit


"Die Natur der absichtslosen Aufmerksamkeit bei einer Person verrät deren Charakter oder zumindest deren Grundneigungen. Sie lehrt uns, ob es ein frivoler, alltäglicher, beschränkter, offener oder tiefer Geist ist. Die Türschließerin leiht naturgemäß ihre ganze Aufmerksamkeit den Zuträgereien, dem Klatsch; der Maler einem schönen Sonnenuntergang, in welchem der Bauer nur das Herannahen der Nacht sieht; der Geologe den Steinen, die er am Weg sieht, worin der Laie nur Pflastersteine erkennt."

"Was ist denn eine Berufung anderes, wenn nicht eine Aufmerksamkeit, die ihren Weg findet und sich für das ganze Leben entscheidet? Es gibt sogar keine schöneren Beispiele spontaner Aufmerksamkeit; da diese nicht einige Minuten oder eine Stunde, sondern  immer fortdauert." 


Einleitung

Man hat sich häufig mit den Äußerungen der Aufmerksamkeit, sehr wenig jedoch mit ihrem Mechanismus beschäftigt. Dieser letztere Gesichtspunkt ist der einzige, den ich mir in dieser Arbeit zu untersuchen vornehme. Doch auch in diesen Grenzen erscheint die Frage wichtig, denn sie ist, wie man weiter unten sehen wird, das Gegenstück, die notwendige Ergänzung zur Assoziationstheorie. Wenn diese Untersuchung auch nur in etwas dazu beitragen würde, diese Lücke der zeitgenössischen Psychologie auszufüllen und Andere zu neuen Arbeiten anzuregen, so hat sie ihren Zweck erfüllt. (1)

Ohne zunächst den Versuch zu machen, die Aufmerksamkeit zu definieren oder zu charakterisieren, nehme ich von vornherein an, daß jedermann über die Bedeutung des Wortes genügend unterrichtet ist. Eine größere Schwierigkeit besteht jedoch darin, zu erfahren, wo die Aufmerksamkeit beginnt und wo sie endet; denn sie umfaßt alle Grade vom flüchtigen, einer summenden Biene vergönnten Augenblick bis zum Zustand völliger Absorption. Es dürfte den Gesetzen einer guten Lehrmethode entsprechen, nur die einwandfreien typischen Fälle, d. h. solche zu studieren, welche mindestens eins der folgenden zwei Merkmale aufweisen, nämlich, die Intensität und die Dauer. Fallen beide zusammen, so hat die Aufmerksamkeit ihren Höhepunkt erreicht. Die Dauer allein gelangt durch Akkumulation zum gleichen Ergebnis, so z. B., wenn man beim Schein mehrerer elektrischer Funken ein Wort oder eine Zeichnung entziffert. Die Intensität oder Stärke ist an und für sich allein ebenso wirksam: wenn z. B. eine Frau vermöge eines bloßen Augenzwinkerns den Aufputz ihrer Rivalin wahrnimmt. Die schwachen Formen der Aufmerksamkeit vermögen uns nichts zu lehren; jedenfalls dürfen wir unsere Studie nicht eben mit ihnen beginnen. Solange man noch nicht die großeb Linien vorgezeichnet hat, ist es zwecklos, Abtönungen aufzutragen und sich bei den äußersten Feinheiten aufzuhalten.

Diese Arbeit soll vielmehr folgende Fragen festlegen und beantworten:

Es gibt zwei ganz verschiedene Formen der Aufmerksamkeit: eine natürliche, absichtslose und eine künstliche, willkürliche.

Die erstere, die von den Psychologen am meisten vernachlässigte, ist die echte, sozusagen die Ur- und Grundform der Aufmerksamkeit. Die zweite von den meisten Psychologen ausschließlich erörterte Form ist lediglich eine Nachahmung, ein Ergebnis der Erziehung, der Abrichtung des seelisch-körperlichen Werdens. Naturgemäß schwankend und unbeständig, zieht sie ihre ganze Wesenheit aus der spontanen Aufmerksamkeit, in welcher sie allein einen Stützpunkt findet. Sie ist lediglich ein Mittel der Vervollkommnung und ein Erzeugnis der Zivilisation.

Die Aufmerksamkeit ist in ihren beiden Formen keineswegs eine unbestimmte Tätigkeit, sozusagen eine Art "reine Handlung" des Geistes, der durch geheimnisvolle und unbegreifliche Mittel wirkt. Ihr Mechanismus ist wesentlich  motorisch,  d. h. sie wirkt stets auf Muskeln und durch Muskeln und zwar hauptsächlich in Form eines Stillstandes. Man würde daher als Überschrift dieser Studie den MAUDLEYschen Satz wählen können: "Derjenige ist unfähig, seine Muskeln zu beherrschen, der keiner Aufmerksamkeit fähig ist."

Die Aufmerksamkeit ist ihren beiden Formen gemäß ein abnormer, ein Ausnahmezustand, der nicht lange andauern kann, weil er in einem Widerspruch mit der Grundbedingung des physischen Lebens steht: dem  Wechsel.  Die Aufmerksamkeit ist ein fester Zustand. Wenn sie ziellos verlängert wird, namentlich unter ungünstigen Verhältnissen, so weiß jeder aus Erfahrung, daß eine zunehmend wachsende Umnebelung des Geistes, schließlich aber eine Art geistige, nicht selten von Schwindel begleitete Leere eintritt. Diese leichten vorübergehenden Störungen  beheben  entschieden den Widerstreit der Aufmerksamkeit mit dem normalen Seelenleben. Das Vorwärtsschreiten zur Bewußtseinseinheit, das den Untergrund der Aufmerksamkeit bildet, zeigt sich auch besser in den offenbar krankhaften Fällen, die wir später noch in ihrer chronischen Gestalt kennenlernen werden, die eben die fixe Idee darstellt, sowie in ihrer akuten Form als  Ekstase. 

Schon jetzt, und ohne in Einzelheiten einzugehen, können wir mit Hilfe dieses sehr bedeutsamen Merkmals - d. h. die Tendenz zur Bewußtseinseinheit - zur Definition der Aufmerksamkeit übergehen. Wenn wir einen gesunden, durchschnittlich veranlagten erwachsenen Menschen annehmen, so besteht bei ihm der gewöhnliche Mechanismus seines geistigen Lebens in einem fortdauernden Kommen und Gehen innerer Ereignisse, in einem Defilieren von Empfindungen, Gefühlen, Vorstellungen der geistigen Erinnerungsbilder, die sich verbinden oder bestimmten Gesetzen zustreben. Das ist aber, richtig gesprochen, keine Kette, keine Reihenfolge, wie man oft gemeint hat, sondern vielmehr eine Ausstrahlung nach mehreren Sinnen und in mehreren Lagen, ein bewegliches geschehendes Aggregat, das unaufhörlich entsteht und vergeht. Jedermann weiß, daß dieser Mechanismus heutzutage hinreichend bekannt ist, und daß die Assoziationstheorie zum eisernen Bestandteil der zeitgenössischen Psychologie gehört. Nicht etwa, daß nun damit alles getan wäre; denn nach unserer Meinung hat man der Rolle der Gemütszustände als verborgene Ursache zahlreicher Assoziationen noch lange nicht genug Rechnung getragen. Mehr als einmal geschieht es, daß eine Idee eine andere hervorruft, nicht kraft einer ihr etwa mit anderen gemeinsamen Ähnlichkeit, wodurch sie ersetzt werden könnten, sondern weil es ein und dieselbe Gemütstat ist, die sie bedingt und die sie vereinigt (2). Es erübrigt sich, die Assoziationsgesetze auf physiologische Gesetze, den psychologischen Mechanismus auf den an ihm gebundenen Gehirnmechanismus zurückzuführen (3), allein wir sind von diesem Ideal noch sehr weit entfernt.

Der normale Zustand stellt nur die Mehrheit der Bewußtseinszustände dar, oder, nach einem von gewissen Autoren angewendeten Ausdruck, den  Polydeismus  [Mehrideenherrschaft - wp] Die Aufmerksamkeit ist der augenblickliche Stillstand dieses fortwährenden Vorbeiziehens zugunsten eines einzigen Zustandes: nämlich der  Monoideismus  [Einideenherrschaft - wp]. Es muß jedoch wohl unterschieden werden, in welchem Sinn wir dieses Wort anwenden wollgen. Stellt nun die Aufmerksamkeit die Verwunderung bei nur einem einzigen Bewußtseinszustand dar? Nein. Die innere Beobachtung lehrt uns, daß sie nur ein relativer Monoideismus ist, d. h. daß sie das Vorhandensein einer herrschenden Vorstellung annimmt, da sie alles, was sich auf sie bezieht und nichts anderes zu sich heranzieht, sondern den Assoziationen lediglich gestattet, in sehr engen Grenzen aufzutreten und zwar unter der Bedingung, daß sie sich gegen ein und denselben Punkt hinneigen. Sie leitet nach Möglichkeit die gesamte Gehirntätigkeit zu ihren Gunsten ab.

Gibt es nun Fälle eines absoluten Monoideismus, in denen das Bewußtsein auf einen einzigen Zustand herabgesetzt wird, so daß er es ganz und gar ausfüllt, d. h. wo der Mechanismus der Assoziation gänzlich aufgehalten wird, also stillsteht? Unserer Meinung nach trifft es für einzelne sehr seltene Fälle der Ekstase zu, wie wir später noch eingehender zeigen werden. Dies ist jedoch ein flüchtiger Augenblick; denn das Bewußtsein schwindet, sobald ihm seine durchaus notwendigen Existenzbedingungen fehlen.

Die Aufmerksamkeit (um nicht wieder darauf zurückzukommen, erinnern wir noch einmal daran, daß wir uns nur mit durchaus klaren Fällen beschäftigen werden) besteht also in der Unterstellung einer relativen Einheit des Bewußtseins unter die Mehrheitszustände, unter den die Regel bildenden Wechsel. Dennoch reicht das nicht für ihre Definition aus. Heftiges Zahnweh, Leibweh, große Freude rufen zwar auch eine augenblickliche Einheit des Bewußtseins hervor, die wir aber nicht mit der Aufmerksamkeit verwechseln dürfen. Die Aufmerksamkeit ist gegenständlich keine rein subjektive Veränderung, sie ist vielmehr eine Erkenntnis, eine Wissenschaft, ein Geisteszustand. Hier ist ein neues Merkmal zu verzeichnen.

Aber das ist nicht alles. Um sie von gewissen Zuständen zu unterscheiden, die sich ihr nähern und, die im Laufe dieser Arbeit näher auseinandergesetzt werden sollen (z. B. die fixen Ideen) müssen wir der sie stets begleitenden, sie größtenteils ausmachenden Anpassung - wir werden versuchen, es festzustellen - Rechnung tragen. Worin besteht diese Anpassung? Vorerst beschränken wir uns auf einen ganz oberflächlichen Gesichtspunkt.

In den Fällen spontaner Aufmerksamkeit neigt der ganze Körper nach seinem Objekt, den Augen, Ohren, bisweilen auch den Armen hin; alle Bewegungen stehen still. Die Persönlichkeit ist befangen, d. h. alle Neigungen des Individuums, seine ganze verfügbare Tatkraft richten sich auf ein und denselben Punkt. Die physische oder äußere Anpassung ist das Kennzeichen der psychischen oder inneren Anpassung. Die Konvergenz ist also nur die Herabsetzung auf die der Ausbreitung der Bewegungen und Stellungen zu unterstellende Einheit, welche dne normalen Zustand kennzeichnet.

In den Fällen willkürlicher Aufmerksamkeit ist die Anpassung sehr häufig unvollständig, unterbrochen, unbeständig. Die Bewegungen stehen still, treten jedoch manchmal wieder auf. Der Organismus konvergiert zwar, jedoch schwach und unzuverlässig. Die Unterbrechungen der physischen Anpassung geben das Zeichen der Unterbrechungen der geistigen Anpassungen. Die Persönlichkeit ist nur teilweise und nur für Augenblicke befangen.

Der Leser wird es entschuldigen, wenn ihm diese kurzen Vorbemerkungen dunkel und unzureichend erscheinen. Die genaue Beweisführung wird später erbracht werden. Es handelte sich vorerst nur darum, eine Definition der Aufmerksamkeit vorzubereiten, die ich glaube, in folgender Form vorschlagen zu können: Sie ist ein intellektueller Monoideismus mit spontaner oder künstlicher Anpassung des Individuums, oder, falls man eine andere Formel vorzieht:  Die Aufmerksamkeit besteht in einem ausschließlich oder doch vorwiegenden Geisteszustand mit absichtsloser oder künstlicher Anpassung des Individuums. 

Begnügen wir uns nun mit diesen Allgemeinheiten, um bei ihrem Mechanismus alle Formen der Aufmerksamkeit zu untersuchen und kennen zu lernen.



I. Kapitel
Die ursprüngliche,
spontane Aufmerksamkeit


1. Abschnitt

Die ursprüngliche Aufmerksamkeit ist die einzige, die vorhanden ist, solange Erziehung und künstliche Mittel herangezogen werden. Es gibt bei den meisten Tieren und kleinen Kindern keine andere als diese. Sie ist also eine unter die Einzelwesen sehr ungleich verteilte Naturgabe. Aber ob stark oder schwach: immer und überall hat sie Gemütszustände zur Ursache. Sie ist eine absolute, ausnahmslose Regel.

Der Mensch so gut wie das Tier leiht seine Aufmerksamkeit naturgemäß nur dem, was ihn berührt, was ihn interessiert, was in ihm einen angenehmen, unangenehmen oder gemischten Zustand hervorruft. Da *Lust und Unlust nur Zeichen dafür sind, daß manche unserer Neigungen befriedigt oder unbefriedigt sind, weil unsere Neigungen das in uns Intimere sind, ja, weil sie den Grund unserer Persönlichkeit, unseres Charakters ausdrücken, so folgt daraus, daß die natürliche, spontane Aufmerksamkeit ihre Wurzeln im Grunde unseres Wesens selber hat. Die Natur der absichtslosen Aufmerksamkeit bei einer Person verrät deren Charakter oder zumindest deren Grundneigungen. Sie lehrt uns, ob es ein frivoler, alltäglicher, beschränkter, offener oder tiefer Geist ist. Die Türschließerin leiht naturgemäß ihre ganze Aufmerksamkeit den Zuträgereien, dem Klatsch; der Maler einem schönen Sonnenuntergang, in welchem der Bauer nur das Herannahen der Nacht sieht; der Geologe den Steinen, die er am Weg sieht, worin der Laie nur Pflastersteine erkennt. Möge der Leser selbst in und um sich blicken: Die Beispiele sind so leicht aufzufinden, daß es überflüssig ist, sich damit hier noch weiter zu befassen.

Man müßte sich wundern, daß eines so klare, in die Augen springende Wahrheit, (ohne ein Voraffektzustand zu sein, würde die natürliche Aufmerksamkeit eine Wirkung ohne Ursache darstellen) - nicht schon lange Anerkennung in der Psychologie gefunden hat, wenn eben die Mehrzahl der Psychologen sich nicht darauf versessen hätte, lediglich nur die höheren Formen der Aufmerksamkeit zu untersuchen. (4) Im Gegenteil, es ist wichtig, auf der Ur- und Grundform zu beharren, denn ohne sie wird nichts verständlich, erklärt sich nichts, alles hängt in der Schwebe und man bleibt ohne den für diese Untersuchung unersetzlichen Leitfaden.

Ein für *Lust oder Unlust unempfänglicher Mensch oder Tier würde unfähig sein, aufzumerken. Für ihn könnte es nur stärkere außer anderen Zuständen geben. Das aber ist etwas ganz Verschiedenes. Es ist also unmöglich, mit *CONDILLAC aufrechtzuerhalten, daß, wenn es inmitten einer Menge von *Empfindungen eine durch ihre Lebhaftigkeit vorherrschende gibt, sie "in Aufmerksamkeit verwandelt " wird. Nicht die Intensität allein, die wirkt, sondern vor allem unsere Anpassung, d. h. unsere befriedigten oder unbefriedigten Neigungen. Die Stärke (Intensität) ist lediglich ein Element, häufig sogar das niedrigste. Es muß besonders betont werden, daß die spontane Aufmerksamkeit ursprünglich keine Anstrengung erfordert. Der Tagedieb, der in den Straßen lungert, bleibt gaffend stehen vor einem Umzug oder einer vorbeiziehenden Maskerade, jedoch nur solange, wie der Vorbeimarsch dauert. Wenn in einem Augenblick die Anstrengung auftritt, so ist dies das Zeichen, daß die Aufmerksamkeit ihre Natur wechselt, daß sie eben willkürlich, künstlich wird.

In der Lebensbeschreibung großer Männer überwiegen solche Züge, die beweisen, daß die spontane Aufmerksamkeit ganz und gar von Affektzuständen abhängt; sie gelten als gültiges Beweismaterial, weil uns somit die Erscheinung in ihrer ganzen Kraft gezeigt wird. Starke Aufmerksamkeit wird stets durch starke Leidenschaften verursacht und begünstigt.  "Fourier",  sagt ARAGO, "blieb läppisch und unfähig aufzumerken bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr; um diese Zeit wurde er in die Elemente der Mathematik eingeführt und zugleich ein anderer Mensch. *MALEBRANCHE nahm ganz zufällig und mit Abneigung die Abhandlung  "Über den Menschen"  von DESCARTES in die Hand; diese Lektüre verursachte ihm so heftiges Herzklopfen, daß er sich genötigt sah, alsbald sein Buch wieder zuzuklappen und das Lesen zu unterbrechen, um frische Luft zu schnappen - und er wurde Cartesianer. Es ist überflüssig noch NEWTONs und vieler anderer zu gedenken. - Man wird vielleicht einwenden: diese Züge sind das Kennzeichen einer sich offenbarenden Berufung. Allein, was ist denn eine Berufung anderes, wenn nicht eine Aufmerksamkeit, die ihren Weg findet und sich für das ganze Leben entscheidet? Es gibt sogar keine schöneren Beispiele spontaner Aufmerksamkeit; da diese nicht einige Minuten oder eine Stunde, sondern  immer fortdauert. 

Prüfen wir nun einen anderen Anhaltspunkt der Frage: Ist der Zustand der Aufmerksamkeit dauernd? Scheinbar wohl, in Wahrheit aber ist er unterbrochen. Was man "die Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand heften" nennt, das heißt kurz und bündig gesprochen, einer Reihe von Eindrücken oder zusammenhängenden Vorstellungen mit einem fortwährend erneuerten und vertieften Interesse folgen. Wenn man z. B. einer Theateraufführung beiwohnt ... Selbst, wenn es sich um einen kleinen greifbaren Gegenstand, wie eine Münze oder eine Blume handelt, gibt es einen fortgesetzten Übergang des Geistes von einem Punkt zum andern, also eine Reihe von *Suggestionen. Es dürfte somit richtiger sein, zu sagen, daß der Gegenstand ein Aufmerksamkeitszentrum, d. h. derjenige Punkt ist, von wo aus sie ihren Ausgang nimmt, und nach welchem sie fortwährend zurückkehrt. (5)

Psychologische Untersuchungen, von denen wir weiter unten sprechen werden, beweisen, daß die Aufmerksamkeit dem Gesetz des Rhythmus unterworfen ist. STANLEY HALL hat während seiner so sorgfältig gemachten Studien der graduellen Veränderungen des auf die Fingerspitze bewirkten Druckes festgestellt, daß die *Wahrnehmung der Fortdauer unmöglich scheint, daß das Subjekt kein Gefühl der  Ab-  oder fortgesetzten  Zunahme haben kann. Die Aufmerksamkeit wählt zwischen mehreren Druckgraden, um sie miteinander zu vergleichen. Gewisse Irrtümer im Vermerk der astronomischen Erscheinungen werden ebenfalls diesen Schwingungen der Aufmerksamkeit zugeschrieben (6).

MAUDSLEY und LEWES haben die Aufmerksamkeit auf einen Reflex zurückgeführt, richtiger dürfte es sein, zu sagen, auf eine Reihe von Reflexen. Physische Reizung erzeugt Bewegung; ebenso bewirkt eine vom Objekt herrührende Reizung eine ununterbrochen sich wiederholende Anpassung. Die tieferen und anhaltenderen Fälle spontaner Aufmerksamkeit haben alle Merkmale einer unersättlichen Leidenschaft, die sich nicht stillt, vielmehr fortwährend wieder beginnt, um sich zu befriedigen. Der Trunksüchtige stürzt ein volles Glas gierig hinunter und wenn es eine böse Fee wieder füllen würde, so würde er es aber und abermals leeren. Bei der erotischen Leidenschaft geschieht dasselbe. VICQ d'AZYR behauptete, daß die Affen nicht erziehungsfähig sind, weil man sie nicht aufmerksam machen kann (was übrigens falsch ist.) GALL entgegnete hierauf: Zeigt einem Affen sein Weibchen und ihr werdet sehen, daß er fähig ist, aufzumerken. Gegenüber einem wissenschaftlichen Problem wirkt auch der Geist eines NEWTON nicht anders; es ist eine fortgesetzte Reizung, die ihn ihrer Gewalt hält ohne Rast und ohne Ruh! Es gibt keine klarere, unbestrittenere, leichter zu erweisende Tatsache als diese: Die spontane Aufmerksamkeit hängt von Affektzuständen, Wünschen, Zufriedenheit, Unzufriedenheit, Eifersucht usw. ab; ihre Stärke und Dauer hängen von der Stärke und Dauer letzterer ab.

Es erübrigt sich hier eine für den Mechanismus der Aufmerksamkeit wichtige Tatsache zu vermerken. Die wirkliche Unterbrechung in einer scheinbaren Fortdauer ermöglicht ausschließlich eine lange Aufmerksamkeit. Wenn wir eines unserer Augen auf einen einzigen Punkt gerichtet halten, so wird im Verlauf einiger Zeit das Sehen trübe, es bildet sich wie eine Wolke zwischen uns und dem Gegenstand, zuletzt aber sehen wir gar nichts mehr. Wenn wir unsere Hand flach, unbeweglich auf einen Tisch legen, ohne sie aufzustützen (denn der Druck ist eben eine Bewegung), so wird die Empfindung allmählich schwächer und schwindet schließlich ganz. Es gibt nun keine *Wahrnehmung ohne Bewegung, wie schwach sie auch sein mag. Jedes Sinnesorgan ist zugleich empfindend und bewegend. Sobald eine absolute Unbeweglichkeit eine der beiden Elemente (die Beweglichkeit) ausschaltet, versagt alsbald die Funktion des anderen. Mit einem Wort: die Bewegung ist die Grundbedingung der Veränderung, die wiederum eine Bedingung des Bewußtseins ist. Die ganz bekannten Erfahrungstatsachen lassen uns erst die Notwendigkeit solcher Unterbrechungen in der im Bewußtsein bisweilen wahrnehmbaren Aufmerksamkeit verständlich erscheinen, weil sie zwar sehr kurz, aber sehr genau geordnet sind.


2. Abschnitt

Die physischen Kundgebungen der Aufmerksamkeit sind zahlreich und von sehr große Wichtigkeit. Wir werden sie an unseren geistigen Augen sorgsam vorüberziehen lassen und schicken voraus, daß wir sie weniger als Wirkungen dieses Zustandes des Geistes, als vielmehr als ihre notwendigen Bedingungen, oft sogar als ihre Bildungsstoffe ansehen werden. Diese Kenntnis, weit entfernt etwas Nebensächliches zu sein, ist für uns eine Hauptsache. Um einen einigermaßen klaren Begriff vom Mechanismus der Aufmerksamkeit zu erlangen, braucht man nicht weit zu suchen. Sie ist nach all dem nur eine Stellung des Geistes, d. h. ein rein formaler Zustand: wenn man sie aller physischen, sie bestimmenden, sie verkörpernden Begleiterscheinungen entkleidet, so sieht man sich einer reinen *Abstraktion, einem Trugbild gegenüber. Auch die, welche von der Aufmerksamkeit nur der inneren Beobachtung gemäß gesprochen haben, sind bei ihrem Mechanismus stumm geblieben und haben sich darauf beschränkt, ihre Macht zu verherrlichen.

Man muß sich stets das folgende Grundprinzip vergegenwärtigen: Jeder Geisteszustand ist von abgegrenzten, bestimmten physischen Kundgebungen begleitet. Der Gedanke ist nicht, wie viele nach der Überlieferung noch meinen, ein Ereignis, das in einer übersinnlichen, ätherisierten, unfassbaren Welt geschieht (7). Wir wiederholen mit SETCHENOFF: "Kein Gedanke ohne Ausdruck", d. h. der Gedanke ist ein Wort oder eine Handlung im Entstehungszustand, mit anderen Worten, der Anfang einer Muskeltätigkeit. Die sinnlichen Formen der Aufmerksamkeit bezeugen diesen Grundsatz so klar, daß er von niemandem in Zweifel gezogen werden kann; ebenso verhält es sich mit der inneren oder verborgenen Form, der sogenannten  Reflexion,  wovon wir später noch sprechen werden.

Die physischen Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit können auf drei Gruppen zurückgeführt werden: vasomotorische Erscheinungen, respiratorische Erscheinungen, motorische oder Ausdruckserscheinungen. Sie bezeichnen sämtlich einen Konvergenzzustand des Organismus und der Konzentration der Arbeit.

I. Nehmen wir an, daß zwanzig Personen ihre Aufmerksamkeit fünf bis zehn Minuten lang auf ihren kleinen Finger richten, so geschieht etwa folgendes: einige werden keinerlei Bewußtseinsempfindung haben; andere werden deutliche Empfindungen, *Schmerz, Weh, beschleunigten Puls verspüren; die meisten werden ein leichtes Empfinden von Schwere und Kribbeln fühlen. Dieses einfache Experiment regt zu folgenden Fragen an: Finden nicht immer in diesem oder jenem Teil des Körpers unaufhörliche Veränderungen, Modifikationen, den Geweben zuschreibende Empfindungen statt, d. h. Veränderungen, die unbemerkt geschehen, wenn also die Aufmerksamkeit nicht auf dieselben gerichtet werden würde? Kann die Aufmerksamkeit die Gefäßtätigkeit der sinnlichen Ganglien vermehren und subjektive Empfindungen entstehen helfen? Können, schließlich, die sympathischen Zentren gereizt, die vasomotorischen Nerven so beeinflußt werden, daß vaskuläre,  in den Finger  übergehende Veränderungen, auf welchen sich die Empfindung bezieht, bestimmt werden? Die erstere Annahme erscheint nur in sehr mäßigem Umfang wahrscheinlich. In Wahrheit wird man ja immer eine Empfindung in den Fingern verspüren, wenn man sich befleißigt, diese Empfindung herbeizuführen. Wir meinen, daß die beiden übrigen Annahmen sehr begründet sind. Die verspürte Empfindung ist vielleicht teilweise subjektiv; allein nach unserer Meinung ist der Finger, auf welchen sich der Gedanke eine ziemliche Zeitlang heftet, wirklich der Sitz der Empfindung. Die plötzlichen vaskulären Gefäßerweiterungen werden in Gestalt von beschleunigtem Puls, Druck usw. verspürt (8).

Es ist höchst wahrscheinlich und wird fast allgemein angenommen, daß die Aufmerksamkeit, selbst, wenn sie auf keinen Teil unseres Körpers bezogen wird, von einem örtlichen Blutandrang gewisser Gehirnteile begleitet ist. Die Vaskularisation [Neubildung kleiner Blutgefäße - wp] der beteiligten Teile wird infolgedessen vermehrt durch eine größere funktionelle Tätigkeit. Dieser örtliche Blutandrang hat als Ursache eine Erweiterung der Arterien, die selbst wieder die Wirkung der vasomotorischen Nerven auf die Muskelgewebe der Arterien zur Ursache hat. Die vasomotorischen Nerven hängen vom großen Sympathicus ab, welcher der Willenstätigkeit unterworfen ist, der jedoch alle Einflüsse der Gemütszustände erleidet. Die Experimente MOSSOs zeigen u. a., daß die leiseste, flüchtigste Gemütsbewegung einen Blutzufluß zum Gehirn verursacht. Der Blutkreislauf ist im Gehirnorgan während des Arbeitens reger, als während der Ruhe (9). Wir sind also berechtigt zu sagen, daß die Aufmerksamkeit, indem sie sich auf eine Gesamtheit von Vorstellungen richtet, die Beschleunigung des Kreislauf im Nervensubstrat dieser Vorstellungen zum Zweck hat. Das also geschieht, wenn eine Vorstellung sich gewaltsam des Geistes bemächtigt hat: sie unterält im Gehirn einen regen Kreislauf und gestattet ihm nicht, zu ruhen oder zu ermüden (10). Bemerken wir noch die Gesichtsröte (bisweilen Blässe) nach einer längeren Aufmerksamkeit.

II. Die Atmungsveränderungen, die die Aufmerksamkeit begleiten, nähern sich wieder, richtiger gesagt, *Bewegungserscheinungen und treten einesteils in das Gefühl der Anstrengungen ein. Der Rhythmus der Atmung wechselt, verlangsamt sich und erleidet bisweilen einen zeitweiligen Stillstand.

Das Vermögen der Aufmerksamkeit erwerben, sagt LEWES, heißt die geistigen Richtigstellungen aus den rhythmischen Bewegungen der Atmung lernen abwechseln zu lassen. Das ist ein glücklicher Ausdruck, wie der, welcher im Französischen einen lebhaften aber oberflächlichen Denker bezeichnet, der nicht fähig ist zu einer Arbeit mit  "langem Atem."  Das Gähnen, das auf eine anhaltende Anstrengung der Aufmerksamkeit folgt, ist vermutlich die Wirkung der Verlangsamung der Atmung. Oftmals bringen wir im ähnlichen Fall eine längere Einatmung zustande, um die Luft in unseren Lungen gehörig zu erneuern. (11) Das Seufzen, ein anderes Atmungssymptom, ist, wie mehrere Schriftsteller hervorgehoben haben, der Aufmerksamkeit, dem physischen und moralischen Schmerz gemeinsam: es läuft darauf hinaus, das narkotisierte Blut durch einen willkürlichen oder unwillkürlichen Stillstand der Atmung mit Sauerstoff zu verbinden. (12)

Alle diese Tatsachen sind hinreichende Beweise zugunsten dessen, was weiter oben gesagt wurde. Die Aufmerksamkeit ist etwas Ausnahmsweises, eine ungewöhnliche Tat, die nicht lange andauern darf.

III. Die Bewegungen des Körpers, die nach dem Sprachgebrauch die Aufmerksamkeit ausdrücken, sind von hoher Wichtigkeit. Wir können davon in diem Kapitel nur einen Teil untersuchen; das übrige wird besser an seiner Stelle bei der Besprechung der willkürlichen Aufmerksamkeit (13) sein; allein, hier werden wir zum erstenmal den motorischen Mechanismus der Aufmerksamkeit beobachten

. Prüfen wir zunächst die Tatsachen. Erst in unseren Tagen sind sie ernsthaft untersucht worden. Vorher hatten sich lediglich Künstler und einzelne ihrer Phantastereien wegen überhaupt nicht ernstzunehmende Physiognomisten damit beschäftigt.

DUCHENNE (von Boulogne), der Bahnbrecher auf diesem wie auf mehreren anderen Gebieten, kam auf den Gedanken, daß die reine Beobachtung, wie sie von seinen Vorgängern (CH. BELL, GRATIOLET u. a.) angestellt wurde, der experimentellen Methode zur Seite zu stellen sei. Er rieft auf elektrischem Weg die vereinzelte Zusammenziehung eines Gesichtsmuskels an einem mit Unempfindlichkeit behafteten Menschen hervor und hielt das Ergebnis des Experiments durch die Photographie fest. Nach der in seinem  "Mechanismus der menschlichen Physiognomie"  (1862) aufgestellten Lehre genügt oftmals die Zusammenziehung eines einzigen Muskels, um eine Gemütsbewegung auszudrücken; jeder Gemütszustand erzeugt eine einzige örtliche Veränderung. So ist, nach ihm, der Stirnmuskel, der Muskel der Aufmerksamkeit; der obere Gesichtsmuskel der Lider, der Muskel der Reflexion; der Pyramidenmuskel, der der Drohung; der große Zygomaticus (Backenmuskel) der Lachmuskel; der Augenbrauenmuskel, der des Schmerzes; der Dreiecksmuskel der Lippen, der des Mißfallens usw. Bei all dem beschränkt sich DUCHENNE auf die Feststellung von Tatsachen nach dem Beispiel *JOHANNES MÜLLERs, der erklärte, daß der Ausdruck der Gemütsbewegungen eine gänzlich unerklärliche Tatsache ist. - DARWIN ging weiter. Unter Benutzung der vergleichenden Methode und unter Anlehnung an mühsame Untersuchungen und Ermittlungen, erörterte er den Ursprung der verschiedenen Mechanismen des Ausdrucks; er bemühte sich, festzustellen, warum die Zusammenziehung eben dieses Gesichtsmuskels notwendig an einen bestimmten Geisteszustand gebunden ist.

Ohne diese minutiösen Ermittlungen wäre jeglicher Versuch, den Mechanismus der Aufmerksamkeit zu erklären, verfrüht gewesen. Denn wie will man sich einen Mechanismus erklären, dessen Getriebe man nicht kennt. Sehen wir nun zu, was man im allgemeinen von der Aufmerksamkeit unter ihrer beiden Formen weiß: d. h. auf äußere Gegenstände (eigentliche Aufmerksamkeit) oder innere Ereignisse (Reflexionen) angewandt.

Die Aufmerksamkeit (um uns bestimmter zu fassen, werden wir sie sinnliche nennen), zieht den Stirnmuskel zusammen. Dieser Muskel, der die ganze Stirngegend umfaßt, hat seine bewegliche Lage in der vertieften Fläche der Haut des Lides und seine feste Lage im hinteren Schädelteil. Beim Zusammenziehen zieht er die Augenbrauen an sich, hebt sie und bewirkt Längsfalten auf der Stirn: das Auge ist infolgedessen weit geöffnet sehr deutlich sichtbar. Im äußersten Fall wird der Mund weit aufgesperrt. Bei Kindern und bei vielen Erwachsenen erzeugt die lebhafte Aufmerksamkeit eine Verzerrung (Potrusion) der Lippen, eine Art Fratze. PREYER hat versucht, dieses Mienenspiel durch einen erblichen Einfluß zu erklären.
    "Alle Tiere", sagt er, "lenken ihre Aufmerksamkeit zunächst auf die Suche nach Nahrung. Die Gegenstände, die ihre Lippen, ihre Spürhaare, ihr Rüssel und ihre Zunge erreichen können, sind die, auf welche sich ihre Witterungen richten. Jeden Prüfung, jedes Suchen nach Nahrung wird als von einer überwiegenden Tätigkeit des Mundes und seiner Nebenteile begleitet. Bei dem an den Zitzen saugenden Neugeborenen verlängert sich der Mund nach vorn."
So würde eine Verbindung zwischen den ersten Bewegungen des Mundes und der Tätigkeit der Aufmerksamkeit hergestellt sein.

Die Reflexion äußert sich in einer fast umgekehrten Weise. Sie wirkt auf den oberen Lidmuskel und senkt die Augenbrauen herab. Es entstehen infolgedessen kleine vertikale Falten zwischen den Augenbrauen: das Auge ist überdeckt oder geschlossen, oder aber es blickt nach innen. Dieses Runzeln verleiht der Physiognomie einen Ausdruck geistiger Tatkraft. Der Mund ist geschlossen wie bei einer Anstrengung.

Die Aufmerksamkeit paßt sich nach außen, die Reflexion nach innen an. DARWIN erklärt die Äußerungsweise der Betrachtung durch die *Analogie. Demnach ist es die Stellung des erschwerten, von äußeren Gegenständen auf innere verlegten *Sehens schwer faßbarer Ereignisse. (14)

Bisher haben wir nun von Gesichtsbewegungen gesprochen, allein es gibt auch solche des ganzen Körpers: des Kopfes, des Rumpfes, der Gliedmaßen. Es ist nicht möglich, sie bis in alle Einzelheiten zu beschreiben, weil sie bei jeder Tiergattung abweichen (15). Es gibt im allgemeinen Unbeweglichkeit, Anpassung der Augen, der Ohren, der Tastorgane je nach den Fällen: mit einem Wort, Streben nach der Wirkungseinheit, Konvergenz. Die Konzentration des Bewußtseins und die der Bewegungen, die Ausbreitung der Vorstellungen und die der Bewegungen gehen nebeneinander. Gedenken wir nur der Erhebungen und Berechnungen GALTONs über diesen Gegenstand. Er hat eine Zuhörerschaft von fünfzig Personen beobachtet, die einem langweiligen Vortrag beiwohnte. Die Zahl der genau schätzbaren Bewegungen der Zuhörerschaft war sehr einförmig, nämlich fünfundvierzig in der Minute, d. h. durchschnittlich eine Bewegung auf die Person. Zu wiederholten Malen wurde die Zahl der Bewegungen auf die Hälfte herabgesetzt, nachdem die Aufmerksamkeit des Publikums angeregt worden war; sie waren zudem weniger ausgedehnt, weniger anhaltend, sie waren kürzer und schneller.

Beiläufig möchte ich einem Einwand begegnen. Bekanntlich wird die Aufmerksamkeit, zumindest in ihrer betrachtenden Form, bisweilen von Bewegungen begleitet. Viele Leute meinen, daß das Umhergehen ihnen hilft, einer Zerstreutheit Herr zu werden, andere schlagen sich an die Stirn, kratzen sich am Kopf, reiben sich die Augen, bewegen unaufhörlich, ja wohl im Takt Arme und Beine. Hier findet eine Vergeudung, nicht aber eine Sparsamkeit der Bewegungen statt; allein, es ist doch eine nutzbringende Ausgabe. Die so erzeugten Bewegungen sind keine einfachen mechanischen Erscheinungen, die auf die äußere Umgebung wirken; sie wirken auch auf das Gehirn durch den Muskelsinn ein, das sie wie jeden anderen Sinneseindruck aufnimmt, und sie vermehren ferner die Gehirntätigkeit.

Ein rascher Gang, ein beschleunigtes Laufen treibt bei ihm Vorstellungen und Worte an; sie erzeugen, wie *BAIN sagt, eine mechanische Trunkenheit. Die Experimentalforschungen von FÉRÉS, die wir hier nicht eingehend wiedergeben können (16) liefern uns zahlreiche Beispiele der dynamischen Wirkungen der Bewegungen. Wir recken unsere Arme und Beine, ehe wir uns an die Arbeit begeben, d. h. wir erwecken die motorischen Zentren. Gelähmten Gliedern auferlegte Passivbewegungen vermochten in gewissen Fällen die verlorene Tätigkeit wiederherstellen, wenn man nämlich die Bewegungsvorstellungen wiederbeleben würde. Heben wir übrigens noch hervor, daß diese Bewegungen darauf hinauslaufen, die Geistestätigkeit zu vermehren, nicht aber die Aufmerksamkeit zu konzentrieren; sie liefern ihr einfach den Stoff, die Materie. Es handelt sich hierbei um eine vorläufige Operation.

Ist dieser Einwand damit beseitigt, so haben wir nunmehr die eigentliche Rolle der Bewegungen in der Aufmerksamkeit zu begründen. Wir haben uns bisher darauf beschränkt, sie zu beschreiben, d. h. zumindest die hauptsächlichsten. Führen wir jedoch die Frage auf ihre klarsten und einfachsten Wortbegriffe zurück:

Sind die Bewegungen des Gesichts, des Körpers, der Gliedmaßen und die Atmungsveränderungen, die die Aufmerksamkeit begleiten, wie man sie gewöhnlich annimmt, einfach Effekte, Zeichen?  Sind sie im Gegenteil die notwendigen Bedingungen, die Bildungselemente, die unersetzlichen Faktoren der Aufmerksamkeit?  Ohne weiteres nehmen wir die zweite Behauptung an. Wenn man die Bewegungen vollständig beseitigen würde, so wäre damit zugleich auch die Aufmerksamkeit gänzlich beseitigt.

Obgleich wir diese Behauptung im Augenblick nur zum Teil begründen könnten (das Studium der einem anderen Kapitel vorbehaltenen willkürlichen Aufmerksamkeit wird sie uns unter einem neuen Gesichtspunkt zeigen), so erscheint es dennoch angängig, hierbei zu verweilen, da wir eben einen wesentlichen Punkt des Mechanismus der Aufmerksamkeit berühren.

Die erste und wichtigste Rolle der Bewegung in der Aufmerksamkeit besteht darin, den *Bewußtseinszustand zu  erhalten  und zu  verstärken.  Da es sich nun um einen Mechanismus handelt, so ist es vorzuziehen, die Frage von ihrer physiologischen Seite aufzufassen, indem man erwägt, was im Gehirn als zweifachem, geistigen und motorischen, Organ vor sich geht.

1. Als geistiges Organ dient das Gehirn als Substrat den *Wahrnehmungen (in der sinnlichen Aufmerksamkeit), den Begriffen und Vorstellungen (in der Reflexion). Nach der Hypothese leisten die funktionierenden Nervenelemente im Durchschnitt eine höhere Arbeitsleistung. Die Aufmerksamkeit verursacht entschieden eine intensive Innervation wie zahlreiche psychometrische Experimente, bei denen sie mitspielt, beweisen (17). Eine Vorstellung als Tätigkeit, sagt MAUDSLEY, erzeugt in den Nervenelementen einen Molekularwechsel, der sich den sinnlichen Nerven entlang bis zur Peripherie, oder zumindest bis zu den sinnlichen Ganglien verlängert, deren Empfindlichkeit auf diese Weise vergrößert worden ist. Aus dieser Fortpflanzung der Molekularwirkung auf den Ganglien ergibt sich, daß die Muskeln in Verbindung mit dem betätigten Sinn durch eine Reflexwirkung in eine gewisse Spannung eintreten und das Gefühl der Aufmerksamkeit vermehren. Nach von HARTMANN "besteht die Aufmerksamkeit in materiellen Vibrationen der Nerven", in einem "die empfindlichen Nerven durchlaufenden Nervenstrom, welcher sich vom Zentrum zur Peripherie wendet." (18) Es gibt nun aber noch ein anderes Element und dieses ist nicht das geringste.

2. Als Organ der Bewegungen spielt das Gehirn eine komplizierte Rolle. Zunächst wirkt es als Erreger der der Wahrnehmung, die *Vorstellung oder den Begriff begleitenden Bewegungen; dann kehren diese oft intensiven Bewegungen zum Gehirn mittels des Muskelsinnes als Empfindungen der Bewegungen zurück; dieselben vermehren die verfügbare Energiemenge, die zum Teil Erhaltung oder Verstärkung des Bewußtseins dient, zum anderen Teil nach ihrem Ausgangspunkt in Form einer neuen Bewegung zurückkehrt. Auf diese Weise entsteht ein Hin und Her vom Zentrum zur Peripherie und wieder von der Peripherie zum Zentrum usw. Die Stärke des Bewußtseins ist nur der subjektive Ausdruck dieser komplizierten Arbeit. Allein, anzunehmen, daß sie ohne die organischen Vorbedingungen andauern kann, wäre eine haltlose Mutmaßung im vollständigen Mißklang mit allem, was die Erfahrung uns lehrt. Der ungebildete Zuschauer, der sich in der Oper langweilt, weil er von der Musik nichts versteht, wird äußerst aufmerksam, wenn ein plötzlicher Szenenwechsel eintritt, d. h. der Gesichtseindruck hat augenblicklich eine Anpassung der Augen und des ganzen Körpers erzeugt. Ohne diese organische Konvergenz würde der Eindruck rasch dahinschwinden.
    "Das geschieht", sagt Wundt, "bei der überwiegenden Rückwirkung auf die sensitiven Teile, als Ursprung des Prozesses, der im wesentlichen den Unterschied zwischen der Aufmerksamkeit und willkürlichen Bewegung ergibt. In derselben nimmt die zentrale Reizung ihre Hauptrichtung nach den Muskeln; bei der Aufmerksamkeit hingegen konkurrieren nur die Muskeln mit untergeordneten sympathischen Bewegungen." (19)
Mit anderen Worten: es wird eine Bewegungsreflexion erzeugt. Fassen wir mit MAUDSLEY diesen Mechanismus in folgendem Satz zusammen:
    "Zunächst Reizung der geeigneten Ideationsbahn mittels äußerlicher oder innerlicher Vergegenwärtigung; zweitens Kraftvermehrung der ersten Reizung vermöge einer neuen, der entsprechenden Bewegungsinnervation zuzuschreibenen Reizung; drittens eine neue Energievermehrung durch die darauffolgende Reaktion der Wahrnehmungszentren, die reizbarer als die übrigen sind, auf die Vorstellung, denn der gegenseitige Einfluß dieser sinnlichen und Bewegungsfaktoren verstärkt ihre Tätigkeit bis zu einem gewissen Punkt." (20)
Wenn wir also den gewöhnlichen Zustand mit dem Aufmerksamkeitszustand vergleichen, so finden wir beim ersteren schwache Darstellungen, wenig Bewegungen; beim zweiten, eine lebhafte Darstellung, energische und konvergierende Bewegungen, sowie auch den Rückschlag der erzeugten Bewegungen. Es ist ziemlich belanglos, ob dieser letztere Anprall bewußt oder unbewußt ist: nicht  das Bewußtsein  macht die Sache, es zieht vielmehr nur den Nutzen aus ihr.

Man wird vielleicht sagen: Wir geben die Reaktion der Bewegungen auf das Gehirn zu, aber was beweist, daß die Bewegungen ursprünglich kein einfacher Effekt der Aufmerksamkeit sind? Es gibt drei mögliche Hypothesen: die Aufmerksamkeit (der Bewußtseinszustand) ist Ursache der Bewegungen, oder sie ist der Effekt davon, oder aber sie ist zunächst deren Ursache und nachher die Wirkung.

Ich begehre nicht, unter diesen drei, rein logisch und dialektisch wertvollen Hypothesen zu wählen, sondern die Frage anders zu stellen. In dieser Form ist sie, ohne es zu scheinen, von diesem traditionellen Dualismus, von welchem die Psychologie sich so schwer losmachen möchte, ganz durchtränkt, und sie beschränkt sich nach all dem lediglich darauf, zu fragen, ob bei der Aufmerksamkeit zunächst die *Seele auf den Körper* wirkt oder der Körper auf die Seele. Dieses Rätsel brauche ich nicht zu lösen. Für die physiologische Psychologie gibt es nur innere Zustände, die untereinander sowohl durch ihre Eigenschaften als auch durch ihre physischen Begleiterscheinungen verschieden sind. Wenn der zu erzeugende Geisteszustand schwach, kurz, fast ausdruckslos ist, so ist dies keine Aufmerksamkeit. Ist er stark, beständig, unbegrenzt und durch die obenerwähnten physischen Veränderungen herbeigeführt, dann haben wir eben Aufmerksamkeit. Wir stützen uns darauf, daß die Aufmerksamkeit  in abstracto  als rein inneres Ereigenis nicht vorhanden ist; sie ist vielmehr ein konkreter Zustand, ein psycho-physiologisches Vielfaches. Bei unserem Zuschauer in der Oper, bei welchem man, angenommen, die Anpassung der Augen, des Kopfes, Körpers, der Glieder, die Veränderungen der Atmung und des Gehirnkreislaufs usw., die bewußte oder unbewußte Rückwirkung all dieser Erscheinungen auf das Gehirn, beseitigt; - ich sage, was von allem Ursprünglichen, auf diese Weise Entkleideten und Entblößten, dann bei ihm übrig bleibt, ist entscheiden keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn etwas bleibt, so ist es ein ephemerer [kurzzeitiger - wp] Bewußtseinszustand, der Schatten von dem, was gewesen ist. Wir hoffen, daß dieses Beispiel, so schemenhaft es auch ist, uns verständlicher sein wird als lange Reden. Die motorischen Kundgebungen sind weder Wirkungen noch Ursachen, sondern Elemente: mit dem Bewußtseinszustand, welcher ihre subjektive Seite ist,  sind  sie Aufmerksamkeit.

Möge der Leser dies nur als einen Umriß, als Vorerinnerung zum Gegenstand auffassen, der später vervollständigt wird. Wir sprechen also vom Gefühl der Anstrengung, weil es bei der spontanen Aufmerksamkeit sehr selten ist, ja, wenn man ihm überhaupt begegnet; aber die Rolle der Bewegungen ist von ziemlich hoher Bedeutung, weshalb wir immer wieder darauf zurückkommen.
LITERATUR Theodule Ribot, Die Psychologie der Aufmerksamkeit, Leipzig 1908
    Anmerkungen
    1) ERNST DÜRR, *Die Lehre von der Aufmerksamkeit, Leipzig 1907
    2) vgl. JAMES SULLY, Illusionen, Kapitel VII
    3) vgl. AUGUSTE FOREL, Gehirn und Seele, Bonn 1901
    4) Die Psychologen, die die Bedeutung der Affektzustände in der Aufmerksamkeit klar erkannt haben, sind nicht allzu zahlreich. Ich muß mich leider darauf beschränken, folgende Schriftsteller anzuführen: MAUDSLEY, Physiology of Mind, Cap. V; LEWES, Problems of Life and Mind, Bd. III, Seite 184; CARPENTER, Mental Physiology, Cap. III; *HORWICZ, Psychologische Analysen, Bd. I, sowie etliche Schüler HERBARTS, namentlich VOLKMANN von VOLKMAR, Lehrbuch der Psychologie, Bd. II, § 114.
    5) SULLY, Outlines of Psychology, Kap. IV
    6) American Journal of Psychology, Bd. 1, 1887 - Philosophische Studien, Bd. V, 1888, Seite 56f.
    7) HISLOP, Science and future Life, London 1906; Kap. XII. DIETZE, Gott und Welt, Bamberg 1906, Vorwort Seite V. LIPPS, Leitfaden der Psychologie, 1906. KANT, Kritik der reinen Vernunft (Ausgabe B), Seite 526. MÖBIUS, Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie; Halle 1906, Seite 12 und 49-51. CLOUSTON, Hygiene of Mind; London 1906, Seite 13 und 26. RUEST, Stirners Individualismus und Egoismus, Berlin 1906, Seite 3.
    8) HACK-TUKE, Geist und Körper; Seite 2. EISLER, Leib und Seele, Leipzig 1906, Seite 164.
    9) Dr. DIETZE, Le Sommeil et l'Insommnie; Anvers 1903 und Straßburger Post, 14. August 1900.
    10) MAUDSLEY, Physiologie des Geistes, Seite 301. GLEY, Über den Zustand des Schlagaderpulses während der geistigen Arbeit.
    11) LEWES, a. a. O., Seite 188
    12) DIETZE, a. a. O., Bayr. Kur., wiss. Beilage vom 8. November 1906
    13) vgl. das folgende Kapitel II.
    14) vgl. hierüber: DARWIN, Äußerung der Gemütsbewegungen, Kap. X; PREYER, Seele des Kindes, Seite 250f; MANTEGAZZA, Die Physiognomie, Kap. XVI.
    15) Eine beachtenswerte Studie über die Aufmerksamkeit bei den Tieren findet sich bei RICARDI, Saggio di studi e die osservazioni intorno all' attenzione nell' nomo e negli animali, Modena 1877, zweiter Teil, Seite 1-17.
    16) vgl. sein Buch "Sensation et Mouvement".
    17) a. a. O., Seite 297. (CLOUSTON, Hygiene of Mind, mißt jedoch den von SOMMER-GIESSEN aufgebrachten psychometrischen Experimenten gar keine Bedeutung bei.)
    18) EDUARD von HARTMANN, *Philosophie des Unbewußten, Bd. 1, Seite 145; Bd. II, Seite 165. (So auch HUMBOLDT.)
    19) WILHELM WUNDT, Physiologische Psychologie, Seite 723-724 der ersten Auflage. Dieser Satz ist in den späteren nicht mehr enthalten.
    20) a. a. O., Seite 301