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ADOLF REINACH
Die Überlegung
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"Dem Rang nach steht die fragende Einstellung höher als die Ungewißheit und tiefer als jede Stellungnahme. Sie wurzelt in der Ungewißheit und hat die immanente Tendenz, zu einer Stellungnahme zu führen. Sieht man das klar, so ist es nicht mehr möglich, sie zu verwechseln mit der stellungnehmenden Vermutung oder dem stellungnehmenden Zweifel, in die sie eventuell einmündet, mit der Ungewißheit, aus der sie entspringt, oder mit der Fassungslosigkeit, die in ihr bereits überwunden ist. Sie bildet den genauen Gegensatz zu den Fällen, in denen sich das Subjekt dem Problem gegenüber verschließt; denn ihr ist die Tendenz wesentlich, zu einer  Einsicht  zu gelangen."

Als eine eigenartige innere Haltung des Subjekts, die einen scharfen Einschnitt macht in den kontinuierlichen Abfluß unserer Erlebnisse, beansprucht die Überlegung eine genauere Analyse. Durch die Rolle, welche sie innerhalb der ethischen und rechtlichen Bewertung spielt, macht sie eine solche Analyse besonders dringlich. Merkwürdige Antinomien scheinen hier zu bestehen. Die verdienstvolle Handlung gilt als minder verdienstlich, wenn sie "ohne jede Überlegung" geschehen ist. Sie gilt aber auch dann als minder verdienstlich, wenn umgekehrt das handelnde Subjekt sie "erst aufgrund einer langen Überlegung" vollzog. Wir machen es einem Menschen zum Vorwurf, wenn er eine wichtige Handlung begeht, ohne "sich die Sache auch nur einen Augenblick lang zu überlegen". Wir beurteilen aber umgekehrt eine verwerfliche Handlung um vieles härter, wenn sie "mit Überlegung" geschah. In schroffster Weise kommt dieser letzte Gesichtspunkt in unserem Strafgesetzbuch zur Geltung. Die Tötung eines Menschen, die ohne Überlegung geschieht, wird mit Zuchthaus nicht unter fünf Jahren, beim Vorliegen mildernder Umstände mit Gefängnis nicht unter sechs Monaten bestraft. (Strafgesetzbuch §§ 212, 213). Die Tötung eines Menschen, die mit Überlegung ausgeführt ist, wird unter allen Umständen mit dem Tode bestraft (StGB § 211). Sechs Monate Gefängnis und der Tod: ein ungeheurer Unterschied, für den die Überlegung allein ausschlaggeben ist, dieselbe Überlegung, die wir ansich doch schätzen und von den Menschen verlangen. Alle diese entgegengesetzten Beurteilungen werden von uns im täglichen Leben mit großer Sicherheit vollzogen, aber keineswegs in voller Klarheit verstanden. Die aufgezeigten Widersprüche wird jeder für nur scheinbare erklären. Aber eine wirkliche Einsicht in die hier obwaltenden Verhältnisse besitzt man damit nicht. Hierzu bedarf es in erster Linie einer phänomenologischen Analyse des Momentes, von dem wir so oft reden, dessen Vorhandensein in uns wir mit so großer Sicherheit feststellen, und das wir doch so wenig kennen: der Überlegung.

Phänomenologisch soll die Analyse sein. Das bedeutet hier, daß wir nicht geläufige Begriffe heranschlepen dürfen, Vorstellung, Denken, Fühlen, Wollen usw., um daraus die Überlegung "aufzubauen", wobei mit absoluter Sicherheit das ihr Wesentliche verloren gehen würde, daß wir uns vielmehr bemühen müssen, in das Phänomen selbst uns hineinzuversetzen, um getreu das wiederzugeben, was wir da lebendig zu schauen vermögen. Nur soweit soll diese Analyse hier geführt werden, als es notwendig ist, um die ethische und strafrechtliche Bedeutung der Überlegung aufzuklären.


I.

Wir suchen die Überlegung zuerst in der intellektuellen Sphäre auf: Versetzen wir uns in einen kontinuierlichen, rasch abfließenden Denkverlauf hinein, denken wir etwa an den Vortragenden, der sein fertiges Wissen, Satz für Satz, Gedanken für Gedanken seinen Hörern darlegt. Hier können wir das reinste Beispiel des überlegungsfreien Denkens finden. Lassen wir nun aber plötzlich eine Überlegung eintreten, so wird das in jedem Fall eine  Stockung  bedeuten. Folgten sich vorher Behauptung auf Behauptung, intellektuelle Stellungnahme auf intellektuelle Stellungnahme, so ist dieser Fluß jetzt durchbrochen; die nächste Stellungnahme ist aufgeschoben. Aber es handelt sich um eine Stockung ganz eigener Art. Auch ein plötzlicher Lärm mag eine Stockung verursachen. Aber der Lärm reißt den Denkenden aus dem Denkverlauf heraus, die Überlegung zieht ihn besonders tief hinein. Sie hält die Stellungnahme auf, aber sie bereitet sie gleichzeitig vor.

Die Überlegung ist ein teleologischer Prozeß. Das heißt, daß ihre Stadien sich nicht selbst genügen, in der Weise wie etwa in einem Panorama Bild auf Bild an uns vorüberzieht. Eher werden wir an eine Melodie denken, bei der jeder Ton das Ganze vorbereitet. Aber auch hier ist die Analogie ungenau. So wenig der einzelne Ton Selbstzweck ist, so erhält er doch im Ganzen der Melodie seine Stelle und Mitwirkung. Das erste Stadium einer Überlegung aber ist in keinem Ganzen aufgehoben. Seine einzige Funktion ist es, das letzte Stadium zu ermöglichen. Dieses letzte Stadium aber, auf welches die Überlegung abzielt, ist allemal eine Stellungnahme des Subjekts. Auch innerhalb der intellektuellen Sphäre, auf die wir uns jetzt beschränken, kann diese Stellungnahme mannigfach abgestuft sein. Es gibt in erster Linie die auf einsichtiger Erkenntnis beruhende Überzeugung; sie gibt der Überlegung die eigentliche Erfüllung. Daneben können aber auch in unvollkommener Weise - als Ersatzfüllungen gleichsam - auftreten: die Vermutung, die kritische Indifferenz, der Zweifel. Innerhalb des Zweifels und der Vermutung sind noch beliebig viele Abstufungen möglich. Aber stets sind es notwendig Stellungnahmen, auf welche die Überlegung abzielt. Endet sie mit dem Mangel oder mit der Enthaltung von jeglicher Stellungnahme, mit einem absoluten "ich weiß nicht", dann hat sie ihr immanentes Ziel verfehlt, dann ist der Prozeß gescheitert.

Jede intellektuelle Stellungnahme ist notwendig eine Stellungnahme zu etwas. Sie bezieht sich, spezieller gesprochen, notwendig auf einen Sachverhalt. Auch der Überlegung ist die Intentionalität wesentlich. Es kann keine Überlegung geben, die nicht Überlegung über etwas wäre, die nicht ihr "Thema" hätte. Das Thema der Überlegung muß natürlich in naher Beziehung stehen zum intentionalen Korrelat der Stellungnahme, auf welche sie abzielt. Im einfachsten Fall sind beide identisch. In anderen Fällen sind mehrere einander widerstreitende Sachverhalte Thema der Überlegung. Dann kann sich eine positive Stellungnahme nur auf einen dieser Sachverhalte beziehen; sie wird aber zugleich eine entsprechende negative Stellungnahme zu einem widerstreitenden Sachverhalt in sich schließen. Auch der Fall kommt häufig vor, daß das Thema der Überlegung zunächst noch mehr oder minder unbestimmt ist und erst allmählich diejenige Spezialisierung erfährt, auf die sich die endgültige Stellungnahme bezieht. Eine Differenzierung der einzelnen Fälle ist hier in weitem Umfang möglich. Wir halten uns an den ersten und einfachsten Fall.

Innerhalb der Überlegung können wir viele Stadien herausheben, und diese Stadien charakterisieren sich als ein bestimmtes inneres Verhalten des Ich. Durch sie alle hindurch aber zieht sich eine Identität, eine bestimmte "Einstellung" oder "Haltung" des Ich, die sie zu einer teleologischen Einheit gestaltet, und aus der alles überlegende Tund entfließt, jene Haltung, in die das Subjekt sich konzentriert, wenn es überlegen will, und die es ängstlich vor jeder Störung und Ablenkung zu schützen sucht. Ihre Eigentümlichkeit wird uns besonders klar bewußt, wenn wir bemerken, daß sie eingenommen wird, oder eingenommen werden kann, bevor noch ein inneres Tun des Ich beginnt, daß sie dann dieses innere Tun begleitet, und erst durch die endgültige Stellungname ihre Auflösung und Erfüllung findet. Wir werden diese Haltung des Subjekts am besten als Fragehaltung bezeichnen. Sie bedeutet etwas Letztes und nicht weiter Zurückführbares, etwas, dessen Definition nicht nur unmöglich ist, sondern auch zwecklos wäre. Es kann sich nur darum handeln, es dem näher zu bringen, der sehen will und zu sehen versteht.

Einer Sache gegenüber, die mir vorgetragen wird, oder die ich mir selbst vorlege, kann ich mich verschieden benehmen. Ich kann sie glauben, an ihr zweifeln, sie für möglich halten; ich kann auf jede Stellungnahme ausdrücklich verzichten, ich kann auch noch weniger tun als dies: ich kann mich ihr innerlich verschließen, sie einfach abweisen. Das alles sind wohlgeschiedene Verhaltensweise des Subjekts; die fragende ist noch nicht darunter. Viel näher liegt die Vermengung mit ihr, wenn wir an den Zustand der inneren Fassungslosigkeit einer Sache gegenüber denken. Dieser Zustand bedeutet nicht, daß ich an der Sache zweifle, denn ich nehme in ihm überhaupt keine kritische Stellung ein. Er bedeutet auch nicht, daß ich sie einfach abweise, mich ihr verschließe oder gar ausdrücklich auf eine Stellungnahme verzichte. Ich vollziehe überhaupt keinen Akt, sondern bin der Sache in absoluter Passivität preisgegeben.

Jede solche Fassungslosigkeit schließt eine  Ungewißheit  in sich über den betreffenden gedanklichen Inhalt. Man hüte sich davor, diese Ungewißheit zu verwechseln mit dem Zweifel oder einer anderen Stellungnahme. Ein Zweifel kann ja ebenso gewiß sein wie eine Überzeugung und eine Überzeugung ebenso ungewiß wie ein Zweifel. Die Ungewißheit ist ein eigenartiges Moment, das sowhl als Färbung von Stellungnahmen auftreten kann, wie auch als selbständige, vor aller, auch vor der  zweifelnden  Stellungnahme liegende Einstellung des Subjekts. Auch sie ist nicht fragende Einstellung, aber sie  kann  zu ihr führen und  muß  zugrunde liegen, wo immer ein solches Fragen vorliegt. Dem Rang nach steht die fragende Einstellung höher als die Ungewißheit und tiefer als jede Stellungnahme. Sie wurzelt in der Ungewißheit und hat die immanente Tendenz, zu einer Stellungnahme zu führen. Sieht man das klar, so ist es nicht mehr möglich, sie zu verwechseln mit der stellungnehmenden Vermutung oder dem stellungnehmenden Zweifel, in die sie eventuell einmündet, mit der Ungewißheit, aus der sie entspringt, oder mit der Fassungslosigkeit, die in ihr bereits überwunden ist. Sie bildet den genauen Gegensatz zu den Fällen, in denen sich das Subjekt dem Problem gegenüber verschließt; denn ihr ist die Tendenz wesentlich, zu einer "Einsicht" zu gelangen. In dieser Einsicht, welche als Überlegungs-Zielpunkt einen eigenen deskriptiven Charakter trägt, und in der Überzeugung, die in ihr grünet, findet sie ihre totale Erfüllung. Auch Vermutungenn, sogar Zweifel, können ihr Antwort geben, ohne doch ganz das zu leisten was sie verlangt. Wo aber überhaupt keine Stellungnahme sie abzuschließen vermag, da ist sie ins Dasein getreten, ohne ihr natürliches Ziel auch nur unvollkommen zu erreichen. Mag sie dann eintrocknen oder in einem eigenen Akt aufgehoben werden - das ihr natürliche Ende hat sie nicht gefunden.

Es hat keinen großen Zweck, hier noch nach umschreibenden Ausdrücken zu suchen, wo wir mit dem Wort "Frage-Einstellung" das Wesentliche am Besten treffen. Es ist die Haltung des Subjektes einem Problem gegenüber, die man in Worte etwa so zu übersetzen vermag: ist  A  wirklich  b,  oder: ist  A b  oder  c  usw. In dieser Haltung "öffnet" sich gleichsam das Subjekt: es ist in Bereitschaft, die Antwort zu hören, d. h. die Einsicht in die Sachlage zu empfangen. Je nach dem Umfang des Fragethemas dehnt sich diese Bereitschaft auf ein engeres oder weiteres Feld möglicher Antworten aus, um dann in einer einzigen Antwort ihre Erfüllung zu finden.

Wir haben von einer "Übersetzung" der Frage-Einstellung in Worte gesprochen. Auch diese Formulierungen, falls sie sinnvoll vollzogen werden, werden als ein "Fragen" betrachtet. Man kann von Akten des Fragens reden, deren Umkleidung hier die Worte sind, ähnlich wie es Akte des Behauptens in Worten gibt. Aber man darf diese wortumkleideten Frageakte nicht verwechseln mit der Frage-Einstellung, aus der sie entspringen, und der sie in bestimmtem Sinne Ausdruck verleihen. Zwei Punkte mögen genügen, um die Scheidung zu befestigen. Eine Frage-Einstellung ist möglich, ohne eine ausdrückliche Frage nach sich zu ziehen. Und: das ausdrückliche Fragen ist en  Akt  im echten Sinne, ein inneres  Tun  des Subjekts, aber keine innere  Einstellung  des Subjekts wie die Fragehaltung. Darum auch ist jene zeitlich punktuell, während diese einer beliebigen zeitlichen Dauer fähig ist. Die Fragehaltung ist das Grundphänomen: von ihr hätte eine Phänomenologie der Frage ihren Ausgang zu nehmen.

Fragehaltung ist nicht überlegendes Tun. Es brauch nicht einmal notwendig ein solches Tun aus ihr zu entspringen. Denken wir an den Zuhörer, vor den der Redner zunächst sein Problem hinstellt, um ihn in die Fragehaltung zu versetzen. Er ist nun innerlich "geöffnet", der Einsicht gewärtig, die er empfangen wird. Von einem eigenen Tun braucht hier keine Rede zu sein. Schritt für Schritt, so wie der Redner sie vorträg, strömen ihm die Erkenntnisse zu. Keine von ihnen bietet sich ihmm als Selbstzweck dar; alles sind sie für ihn nur Stadien zu der Endeinsicht in das aufgeworfene Problem. Es ist ein teleologischer Prozeß des Verstehens, der sich da vollzieht; das, was dem Ganzen die zielstrebige Einheit gibt, ist die Fragehaltung des Subjekts mit ihrer dauernden Bereichtschaft die endgültige Antwort zu hören. Ein solcher Vortrag gleicht einer Bergbesteigung, die uns zu einem Aussichtspunkt führen soll, und bei der ein jeder Schritt nur als Mittel zur Erreichung des Zieles gilt, im Gegensatz zu Spaziergängen, bei denen jedes Stadium als solches schon genossen wird. Von einer Überlegung ist in unserem Fall noch nichts zu finden, solange kein eigenes inneres Tun des Subjektes vorliegt. Freilich ist das nicht der ideale Zuhörer, der sich mit dem bloßen Zuströmen der Einsichten begnügt, und es ist, besonders vom didaktischen Standpunk aus, auch nicht der beste Redner, der ein solches Verhalten begünstigt. Nicht nur die Fragehaltung soll der Hörer einnehmen und sich in ihr der Lösung entgegenöffnen; er soll auch mittun, "selbst überlegen". Und hier nun stoßen wir zum ersten Mal auf das überlegende Verhalten selbst, abgeschieden von der Frage-Einstellung und doch auf ihr beruhend und sich aus ihr entwickelnd. Sehen wir von den Komplikationen unseres Beispiels ab und suchen wir die Überlegung im einsamen Denken zu erfassen.

Wir betrachten den einfachsten Fall: ein einzelner Satz, ein Axiom etwa, sei Thema der Überlegung. Es werde gehört und verstanden (1). Ungewißheit in Bezug auf seinen Inhalt möge sich einstellen, eine fragende Einstellung mag daraus erwachsen und eben damit eine Tendenz des Subjekts auf vollgültige Einsicht. Wie kann diese Tendenz ihre Erfüllung finden, wenn das Subjekt ohne Einwirkung von außen in sich selbst eingeschlossen ist? Sicherlich nur durch ein überlegendes Verhalten des Subjekts. In diesem einfachsten Fall müssen wir finden was wir suchen. Gerade durch seine Einfachheit ist dieser Fall besonders schwierig. Man kann sich hier nicht helfen durch allerlei "Ideenassoziationen", man kann nicht hinweisen auf ein Tun des Ich, das nach Gründen und Gesichtspunkten ausschaut, all das wird gegenstandslos, wo es sich um eine unmittelbare Einsicht in ein gedanklich bereits Vorhandenes handelt. Der gedankliche Stoff wird durch die Überlegung in keiner Weise vermehrt. Wenn es aber so ist, so erhebt sich die Fraage, was dann eine Überlegung hier überhaupt zuwege bringen kann. Man ist gezwungen auf feinere Nuancen zu achten, die man sonst allzuleicht übersieht, und die man doch nicht übersehen darf, da in ihnen schon ein überlegendes Verhalten des Subjektes in Erscheinung tritt.

Man wird vor allen Dingen bemerken, daß nicht jedes beliebige "Dasein" eines Gedankens die Einsicht in seinen Inhalt gestattet. Beim Verstehen eines Satzes "empfange" ich zwar den Satzgedanken, aber ich leben in ihm, der gedankliche Inhalt stellt sich mir nicht  dar.  Auch Ungewißheit oder Zweifel können sich bezüglich seiner einstellen, ohne daß mir das Gedachte dadurch präsent zu werden bräuchte. Die Intentionalität dieser Erlebnisse, ihre notwendige Beziehung auf den gedanklichen Inhalt wird niemand bestreiten. Aber durchaus irrig ist es, als Grundlage eines jeden intentionalen Erlebnisses stets eine "Vorstellung", ein "Erscheinen" des intentionalen Inhaltes zu postulieren. Oder will man das wirklich in allen Fällen finden, in denen ein Zuhörer den komplizierten und rasch aufeinanderfolgenden Entwicklungen eines Redners verstehend und glaubend folgt? Auch in der Frage-Einstellung braucht das Subjekt sein Verhältnis zu dem in Frage gestellten Inhalt nicht zu ändern; es hat den Gedanken, und es stellt das Gedachte in Frage, ohne daß es ihm in einer Vorstellung "gegenwärtig" zu sein, "vorzuschweben" bräuchte. Die Überlegung dagegen treibt aus diesem Verhältnis heraus. Sie zielt ja ab auf eine Einsicht in den Gedankeninhalt; eine solche Einsicht ist aber nicht möglich, solange wir, glaubend oder nicht nichtglaubend, in den zugeführten Gedanken leben. Sie setzt voraus, daß der Inhalt dem Subjekt mehr oder minder deutlich gegenwärtig ist, daß er ihm zur Gegebenheit kommt. In der Art und Weise freilich wie diese Gegebenheit erzielt werden kann, bestehen mannigfache Unterschiede.

Es gibt Fälle, in denen uns schon während des Verstehens eines Satzgedankens der ausgesagte Inhalt vorschwebt. Es sagt jemand: draußen ist blauer Himmel und die Sonne scheint; und sofort steht mir das entsprechende Bild vor Augen, in ihm ist mir der als bestehend ausgesagte Sachverhalt gegenwärtig. Es wäre fehlerhaft das eigentliche Satzverständnis in dieses Bild oder in sein Erfassen verlegen zu wollen. Denn beides kann fehlen oder verschwinden, ohne doch das Satzverständnis aufzuheben, ja sogar ohne es notwendig zu tangieren. Nehmen wir an, es sei zunächst nichts anderes da als das unanschauliche und präsenzlose Satzverständnis, so ist es in Fällen von der Art des eben erwähnten sehr leicht, eine Präsenz des Ausgesagten zu erlangen. Es bedarf dazu keines phänomenologisch aufweisbaren Tuns; ein fast unmerklicher Impuls genügt, um den betreffenden Sachverhalt in der Stellung vor sich zu haben, welche die Überlegung erfordert. Freilich können wir die Überlegung selbst an diesem Beispiel nicht studieren. Sie hat hier keine Stelle, da auch die genaueste Vergegenwärtigung eines derartigen Sachverhaltes keine Einsicht in ihn zu gewähren vermag. Hier ist vielmehr erforderlich und hier genügt zugleich ein Blick in die Welt da draußen, um uns vom Sein des betreffenden Sachverhaltes zu überzeugen. Ein Blick in die Welt da draußen ist aber nichts, was in die Einheit des Überlegungsprozesses eingehen könnte. Niemals kann das überlegende Tun in einem solchen Hinsehen auf ein Existierendes bestehen. Ein anderes Beispiel vermag uns hier weiter zu führen.

Ich höre den Satz "Orange liegt zwischen Gelb und Rot", und ich verstehe diesen Satz. Ich kann ihn verstehen, ohne daß der gemeinte Sachverhalt mir in irgendeiner Weise vorschwebt. Das Verständnis kann durchaus unanschaulich sein, und auch da, wo allerlei Bilder und Schemata auftauchen, darf dieses Fluktuieren nicht verwechselt werden mit dem anschaulichen Dastehen des Sachverhaltes. Aber auc hier genügt eine unmerkliche und unsagbare Einstellung des Subjekts, um dieses letztere Ziel zu erreichen. Man sieht sofort, daß diese Einstellung notwendig erfolgen muß immer da, wo ich mich nicht mit dem leeren Satzverständnis begnüge, sondern das Ausgesagte in die Überlegung ziehe. Vor mir schwebt nun etwa eine rote und eine gelbe Fläche und zwischen beiden eine orangegefärbte. In diesem Bild erfasse ich den gemeinten Sachverhalt nicht direkt. Der unmittelbar zugehörige Sachverhalt würde ja den Ausdruck finden: diese orangegefärbte Fläche da liegt räumlich zwischen der gelb- und rotgefärbten. In unserem Beispiel aber handelt es sich um die reinen Farbqualitäten schlechthin, und um die eigenartigen Beziehungen, in denen solche Qualitäten in der Farbskala zueinander stehen. Das Bild dient mir nur als Unterlage, aufgrund deren ich den ausgesagten Sachverhalt erfasse. In den einzelnen vorschwebenden Farbflächen erfasse ich die Qualitäten, während mir die räumliche Ordnung zugleich jene ganz andersartige Qualitätenordnung repräsentiert. Zur Einsicht in den erst verstandenen Gedankeninhalt genügt also keineswegs jene Einstellung, durch die sich uns das Bild gibt. Der weitere Gang der Überlegung kann etwa so verlaufen, daß das Subjekt, unter Vernachlässigung der Form der Farbflächen, ihrer Ausdehnung und dgl. sich in die Qualitäten selbst hineinversetzt, und daß es zugleich die Qualität  Orange  in einem Akt synthetischer Apperzeption in Beziehung setzt zu den Qualitäten Gelb und Rot. Nun erst, wenn es das tut, leuchtet es ihm auf: Orange liegt in der Tat zwischen Rot und Gelb, nun erst erwächst ihm zugleich die Überzeugung von diesem Sachverhalt. Die Überlegung hat damit ihr Ziel gefunden. So kurz dieser Prozeß auch ist, es ist doch ein Prozeß, der ein ganz bestimmtes Verhalten des Subjekts in sich schließt. Wir haben die Einstellung, die Bilder erscheinen läßt, wir haben das Erfassen der Farbqualitäten als solcher, das sicher mehr ist, als ein bloßes Hinstarren auf die Farben, das vielmehhr ein Herausheben und Heranziehen der Qualitäten und ein Sichversenken in sie bedeutet. Und wir haben schließlich den zusammenfassenden Akt, welcher die Qualitäten in bestimmter Hinsicht zueinander in Beziehung setzt, wodurch erst das zunächst gedanklich bloß Gemeinte wirklich einleuchtet und einsichtig wird. Die Fragehaltung des Subjekts hat dieses Verhalten durchzogen und ihm zur Grundlage gedient. Leuchtet der Sachverhalt ein, so ist die ihr immanente Tendenz erfüllt, die Antwort ist erfolgt. Damit geht die Fragehaltung über in die aus der Erkenntnis entspringende Überzeugung des Subjekts.

In der Änderung der Stellung zum Gedanken, speziell in der Vergegenwärtigung des gedanklichen Inhaltes, erschöpft sich also hier das überlegende Tun des Ich. Keine Rede von einem Hinausgreifen nach Hinsichten und Gründen, keine Herbeischaffung von neuem Material, nichts als die Umbiegung vom bloßen Verständnis zum Sehen und Einsehen.

Daß sich die Vergegenwärtigung des Inhaltes verschiedenerlei Stadien in sich schließt, haben wir gesehen. Immerhin hat es sich in unserem Beispiel noch um einen ziemlich primitiven Fall gehandelt. Man stelle einen anderen Satz daneben: jede Veränderung setzt ein vorausgehendes Geschehen voraus, mit dem sie notwendig verknüpft ist. Man überlege sich diesen Satz, d. h. man versuche, sich von seinem bloßen Verständnis zu einer Vergegenwärtigung und eventuellen Einsicht in seinen Inhalt durchzuringen, und man wird sehen, welche mannigfachen und schwierigen Aufgaben hierbei erwachsen. (2) Wie schwer ist es zunächst schon, das, was Veränderung besagt, adäquat zu erfassen. Wir gehen darauf nicht weiter ein. Schließlich genügt ja die einfache Reflexion auf das, was wir soeben tun, um unsere These recht eindringlich zu machen. Wir überlegen vom Beginn dieser Ausführungen an, was wohl Überlegung ist. Verstanden wurde dieser Ausdruck sofort. Auch hier besteht die Aufgabe der Überlegung darin, dem Subjekt zum gedachten Inhalt eine neue Stellung zu verschaffen: Überlegend vergegenwärtigen wir uns das überlegende Verhalten selbst. Es wir hier deutlich, wie verschieden sich im einzelnen die Vergegenwärtigung gestalten kann. Etwas ganz anderes ist das Erfassen des Wesens an sinnlich anschaulichen Bildern, als das Sichhineinleben in Haltungen und Einstellungen und Akte des Subjekts. Wir können das nicht im einzelnen verfolgen. Wir stellen als ersten Typus der Überlegung das Veralten des in Fragehaltung befindlichen Subjekts fest, welches vom bloßen Verständnis oder Aufblitzen eines Gedankens durch Vergegenwärtigung des Inhaltes zur Einsicht und Überzeugung führt.

Daß die Winkelsumme im Dreieck = 2 Rechten ist, oder daß ein Freund mich besuchen wird, kann ich mir mit absoluter Klarheit vorstellig machen, ohne daß mit eine Einsicht oder Stellungnahme erwächst. Hier muß sich die Überlegung anderer Mittel bedienen. Hier erst kommen die Gesichtspunkte in Betracht, durch die man fälschlicherweise das Wesen der Überlegung schlechthin zu bestimmen sucht: Vermehrung des Materials, Ideenassoziationen, Suchen nach Gründen und Gegengründen. Durch das Erreichen eines bestimmten Endpunktes (der Stellungnahme) von einem bestimmten Ausgangspunkt aus (der Fragehaltung), der zugleich der leitende und Einheit schaffende Gesichtspunkt ist, wird das Wesen der Überlegung als solcher charakterisiert. Die Art des Weges und der Mittel dazu vermag nur verschiedene  Typen  zu konstruieren. So ist es lediglich ein neuer Überlegungstyp, auf den wir nun hinweisen möchten. Mit den Haltungen und Tätigkeiten des Subjekts, die sich hier entwickeln, befassen sich zahlreiche Arbeiten zur Psychologie des Denkens. Es sei uns gestattet, lediglich einige Hauptpunkte herauszuheben.

Wie ich mich frage, ob mein Freund wohl kommen wird, so werden keine anschaulichen Bilder mir den Sachverhalt repräsentieren; und wenn sie es doch tun, so stehen sie nicht im Dienst der Überlegung als solcher. Hier muß wirklich das gedankliche Material vermehrt werden, es bedarf der Gesichtspunkte und Gründe. Wie bei den anschaulichen Bildern, bestehen auch hier verschiedene Möglichkeiten. Wie sich beim Verständnis von Sätzen anschauliche Bilder ohne jedes Zutun des Subjekts einstellen können, so auch Gründe und Gegengründe. Ich erwäge das Kommen des Freundes, und es fällt mir ein, daß er es mir versprochen hat. Dieses "Ein-Fallen" bezeichnet bestenfalls die absolute Passivität des Subjekts. So braucht es nun natürlich nicht zu sein. Wie es eine Einstellung auf eine Anschauung gibt, so gibt es auch eine Einstellung auf Gründe. Ich verstehe den Satz, nehme wieder eine solche Richtung ein, die jeder kennt und die man nicht weiter bezeichnen kann, und nun strömen mir Gründe und Gegengründe zu, ohne ein weiteres Zutun von meiner Seite. Bedeutsamer erscheint ein dritter Fall. Auch hier läßt die Anschauung eine Anknüpfung zu. Es gibt Fälle, in denen die Anschauung weder von selbst zufließt noch durch eine einfache Einstellung gewonnen werden kann. Ich versuche, mir einen Menschen im Bild vorzustellen, den ich einmal flüchtig gesehen habe; es gelingt nicht sofort. Nun beginnt ein - phänomenal aufweisbares - Suchen nach dem Bild. Es wird im allgemeinen kein Suchen ins Blaue hinein sein, sondern ein Suchen auf einem bestimmten Weg. Vielleicht stelle ich mir den Ort anschaulich vor, an dem ich den Menschen gesehen habe oder irgendeine Einzelheit von ihm, die mir zurückgeblieben ist, und suche von da aus zu einem Gesamtbild zu gelangen. Ein solches Suchen erscheint uns in der Sphäre der Anschauung als ungewöhnlich; bei Gründen und Gegengründen dagegen ist es das übliche. Es ist ja bekannt genug: wenn wir das Sein eines Sachverhaltes erwägen, so "suchen" wir nach Gründen, wir suchen nach Tatsachen, die sich für oder gegen das Sein des betreffenden Sachverhaltes geltend machen. Das Seltsame eines solchen Suchens wurde früh bemerkt. Was soll es eigentlich? Ist das Gesuchte nicht bekannt, so ist ein Suchen nicht möglich; ist es bekannt, dann ist ein Suchen überflüssig. Es steht mit diesem Einwand gegen die Möglichkeit eines Suchens wie mit denen gegen die Möglichkeit einer Bewegung. Sinnlos ist es, die Möglichkeit von etwas in Zweifel zu ziehen, welches uns in seinem Sein (wenn auch nicht in einer realen Existenz) evident gegeben ist, so wie das Erlebnis des Suchens oder wie etwa das Überholtwerden eines sich bewegenden Gegenstandes durch einen zweiten. Problem kann es nur sein, das in solcher Weise unbezweifelbar Gegebene zu  verstehen.  In den Fällen des Suchens, die uns hier angehen, sind dabei die Schwierigkeiten nicht allzu groß. Nicht konkret Bestimmtes wird ja gesucht - so wie etwa beim Nichtbesinnen auf einen Namen. Das Suchen erstreckt sich vielmehr auf alles schlechthin, was in Betracht kommen kann für das Sein des Sachverhaltes. Ob dasjenige, auf das wir im Suchen und durch das Suchen stoßen, zum Bereich dessen gehört, wonach wir suchen, ob wir in ihm etwas gefunden haben, muß sich dadurch ausweisen, daß es beiträgt zur Begründung oder Widerlegung des Sachverhaltes. Auch dieses Suchen nun pflegt kein Hinaustasten ins Ungewisse zu sein. Wir verfahren auch hier nach bestimmten Hinsichten und Richtlinien. Wir können uns auf nähere Analysen nicht einlassen, nur das eine wollen wir abschließend bemerken: In Ideen-Assoziationen läßt sich auch dieser zweite Typus der Überlegung keinesfalls auflösen. Das "Spiel der Assoziationen" wird ja durch jedes aktive Eingreifen des Subjekts unterbrochen. Aber über diese Selbstverständlichkeit hinaus müssen wir betonen: In dem Maße als sich der Mensch den Assoziationen überläßt, nimmt die Überlegung bei ihm ab. Das absolut assoziationsgemäße "Denken" ist ein absolut überlegungsloses Denken.

Nehmen wir nun an, begründende Gedanken haben sich gefunden. Dann scheinen in der Hauptsache drei Möglichkeiten zu bestehen. Entweder das Subjekt nimmt sie ohne weiteres als feststehend an. Dann fungieren sie in der Überlegung als neugewonnene Stützpunkte. Oder das Subjekt ist ihnen gegenüber ungewiß. Dann wird sich die fragende Einstellung nunmehr auf sie mitbeziehen. Auch sie werden dann in Frage gestellt; freilich nicht ihrer selbst wegen, sondern um des Beitrags willen, den sie für das eigentlich in Frage stehende Thema zu leisten vermögen. Es ist das ein eigentümliches Verhältnis, für das wir eine Analogie finden innerhalb des Wollens bei dem Mittel, das auch nicht seiner selbst wegen gewollt ist, sondern um seines Beitrages willen zu dem eigentlich gewollten Zweck. Es kann nun sein, daß der mittelbar in Frage gestellte Sachverhalt in sich selbst einsichtig ist. Dann sind wir wieder bei unserem ersten Überlegungstypus angelangt. Oder aber wir werden auch hier auf Gründe zurückgewiesen, müssen auch hier "suchen", und so kann es weiter gehen. Es entstehen so jene außerordentlich komplizierten Überlegungsprozesse, die wir besonders innerhalb der Wissenschaften kennen, und in denen wir vom Thema aus immer weiter und weiter zu den Gründen und Gründen der Gründe zurückgetrieben werden. Auch dann noch wird das ganze Tun des Subjekts durchzogen von der einen dem Hauptthema geltenden Fragehaltung. Freilich kann diese inaktuell werden, so z. B. wenn mitüberlegte Nebenthemen die ganze Aufmerksamkeit auf sich konzentrieren; aber auch dann noch, auch als inaktuelle Fragehaltung wird sie den Gang der Überlegung regulieren, ganz ähnlich wie ein inaktuelles Wollen die Abfolge der realisierenden Handlungen. Es kann freilich auch vorkommen, daß die Fragehaltung absolut entschwindet und wirkungslos wird. Ein mittelbar überlegtes Nebenthema kann dann zum Hauptthema werden, das ursprüngliche Hauptthema ist entfallen. Sache der intellektuellen Disziplin ist es, das zu vermeiden. In anderen Fällen ist eine Fragehaltung zwar noch vorhanden, aber sie ist unbestimmt geworden, sie hat ihren Zielpunkt, das Thema verloren. Das sind die Fälle, in denen wir uns mitten im überlegenden Verhalten plötzlich fragen, was wir den eigentlich wissen wollten.

Die auftauchenden und aufgefundenen Begründungsgedanken müssen sich als begründend, bzw. widerlegend geltend machen, wenn sie sich innerhalb der Überlegung irgendwie als nützlich erweisen sollen. Auch das kann in verschiedener Weise geschehen. Ein Gedanke taucht auf und wird sofort geglaubt; nun kann uns aufgrund seiner der andere in Frage gestellte Sachverhalt einleuchten. Man darf dabei nicht von einem Schließen im phänomenalen Sinne reden. Nur eine logisierende Psychologie kann die sogenannten Schlüsse des täglichen Lebens als ein ausdrückliches Schließen und damit als ein bestimmtes Tun des Subjekts interpretieren. Zweifellos gibt es ein solches Schließen; es wird besonders häufig sein, wenn das Subjekt wissenschaftlich überlegt und vor allen Dingen, wenn es wissenschaftlich formuliert. Indem hier das Subjekt einen auftauchenden und von ihm geglaubten Gedankeninhalt festhält, und indem es gleichzeitig einen zweiten, sonst zumeist unterschlagenen Inhalt in bestimmter Weise mit dem ersten in eins nimmt, erschaut es nunmehr in voller Klarheit den aus beiden resultierenden Sachverhalt. Bemerkenswert für uns ist, daß auch bei diesem phänomenal wahrhaften Schließen eine Vergegenwärtigung der in Betracht kommenden Sachverhalte, ein Sichversenken in ihre zugehörigen Gegenstände durchaus überflüssig ist. Das ist ja gerade das Wesentliche an Schlüssen, daß es bei ihnen nicht auf das eine solche Versenkung zulassende und eventuell fordernde Material ankommt, sondern auf ganz bestimmte kategoriale Formen.

Von den entscheidenden Gründen müssen wir unterscheiden die bekräftigenden Instanzen, die sich zwar geltend machen für das Sein eines Sachverhalts, ohne ihn jedoch eigentlich und restlos zu begründen. Am bekanntesten sind sie uns aus Überlegungen des täglichen Lebens. Manches kann dafür sprechen, daß mein Freund mich besuchen wird, anderes spricht dagegen. Hier ist ein Abwägen erforderlich, ein bestimmter Akt synthetischer Apperzeption, der das Für und Wider zusammenfaßt und seinem Gewicht nach miteinander vergleicht. Geht ein solches Abwägen, das wahrhaft widersprechende Instanzen zu berücksichtigen hat, in das überlegende Verhalten ein, so kann die abschließende Stellungnahme niemals eine Überzeugung sein, sondern sie wird je nach den Gewichtsverhältnissen Vermutung, kritische Indifferenz oder Zweifel sein. Die Fragehaltung kann hier nur eine partielle Erfüllung erfahren.

Wir haben mit all dem nur einige wenige Linien innerhalb der intellektuellen Überlegung herausgehoben; wir haben dabei das ausgewählt, was geeignet erscheint, ihre Eigentümlichkeit gegenüber der voluntativen Überlegung heraustreten zu lassen. Unter diesem Gesichtspunkt mag noch eine Bemerkung hinzugefühgt sein. Wenn wir auch bisher einen rein intellektuellen Prozeß besprochen haben, so vollzieht sich dieser doch in einem Subjekt, welches auch anderer Erlebnisse fähig ist. Das Thema der Überlegung "interessiert" das Subjekt, es erlebt in Bezug auf das Sein des Sachverhaltes ein Streben und Widerstreben, Neigung und Abneigung, Hoffnung und Furcht usw. So irrelevant nun auch diese Anteilnahme des Subjekts für das Sein des Sachverhaltes ist, so zweifellos ist es doch andererseits, daß in der psychologischen Realität Beziehungen stattfinden zwischen ihr und der intellektuellen Stellungnahme. Der intellektuellen Überlegung ist es wesentlich, derart illegitime Beeinflussungen auszuschalten. Indem sich die Fragehaltung auf das Sein des Sachverhaltes richtet, und sich, wie wir sagten, der Einsicht gleichsam entgegenöffnet, soll eben alles Sichtreibenlassen von Emotionen jeglicher Art vermieden werden. Wohl kann man sagen, daß die Überlegung als solche häufig geeignet ist, solche Emotionen zu verstärken oder sogar wachzurufen. Es kann erst die Vergegenwärtigung einer Sache ihre Fruchtbarkeit dem Subjekt enthüllen oder doch besonders deutlich machen. Aber nicht das Vorhandensein, sondern die unbefugte Einwirkung der persönlichen Anteilnahme bedeutet eine logische Gefahr. Und gerade dieser Einwirkung stellt sich die intellektuelle Überlegung als solche entgegen.

Es handel sich hier um rein empirische Verhältnisse. So häufig auch die Überlegung im menschlichen Bewußtsein mit emotionalen Erlebnissen verknüpft sein mag, so ist hier doch diese Verknüpfung niemals wesentlich. Wir können uns ein Subjekt konstruieren, das in vollkommener Weise intellektuell überlegt, ohne daß wir in dieses Subjekt die Fähigkeit einer emotionalen Anteilnahme hineinzudenken brauchen. Und gerade hier liegt der wesentlichste Punkt, der die Überlegung innerhalb des Wollens von der intellektuellen Überlegung trennt. Die Konstruktion eines Subjekts, das ohne jede Anteilnahme seine Willensakte überlegend, vorbereitet, ist nicht möglich.
LITERATUR Adolf Reinach, Die Überlegung - ihre ethische und rechtliche Bedeutung - Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 148, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    1) Es gibt auch eine Überlegung, welche sich einzig und allein das Verstehen zur Aufgabe macht. Von ihr sei hier abgesehen.
    2) Ob die adäquate Veranschaulichung des hier in Rede stehenden Satzinhaltes zu einer unmittelbaren Evidenz überhaupt zu führen vermag, bleibt hier dahingestellt.