p-4 Joachim WachWilhelm Dilthey    
 
EDMUND HUSSERL
Philosophie
als strenge Wissenschaft

[1/2]

"Alle Naturwissenschaft ist ihren Ausgangspunkten nach naiv. Die Natur, die sie erforschen will, ist einfach für sie da. Selbstverständlich  sind  Dinge, sind als ruhende, sich bewegende, sich verändernde im unendlichen Raum, und als zeitliche Dinge in der unendlichen Zeit. Wir nehmen sie wahr, wir beschreiben sie in schlichten Erfahrungsurteilen. Diese selbstverständlichen Gegebenheiten in objektiv gültiger, streng wissenschaftlicher Weise zu erkennen, das ist das Ziel der Naturwissenschaft."

"In der Epoche lebendiger Reaktion gegen die Scholastik war der Feldruf: Weg mit den hohlen Wortanalysen. Die Sachen selbst müssen wir befragen. Zurück zur Erfahrung, zur Anschauung, die unseren Worten allein Sinn und vernünftiges Recht geben kann. Ganz trefflich! Aber was sind denn die Sachen, und was ist das für eine Erfahrung, auf welche wir in der Psychologie zurückgehen müssen? Sind etwa die Aussagen, die wir den Versuchspersonen im Experiment abfragen, die Sachen? Und ist die Deutung ihrer Aussagen die  Erfahrung  von Psychischem?"


Seit den ersten Anfängen hat die Philosophie den Anspruch erhoben, strenge Wissenschaft zu sein, und zwar die Wissenschaft, die den höchsten theoretischen Bedürfnissen Genüge leiste und in ethisch-religiöser Hinsicht ein von reinen Vernunftformen geregeltes Leben ermögliche. Dieser Anspruch ist bald mit größerer, bald mit geringerer Energie geltend gemacht, aber niemals ganz preisgegeben worden. Auch nicht in den Zeiten, in denen Interessen und Fähigkeiten für reine Theorie zu verkümmern drohten, oder religöse Mächte die Freiheit theoretischer Forschung unterbanden.

Dem Anspruch, strenge Wissenschaft zu sein, hat die Philosophie in keiner Epoche ihrer Entwicklung zu genügen vermocht. Auch nicht in der letzten Epoche, die bei aller Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit philosophischer Richtungen in einem wesentlich einheitlichen Entwicklungszug von der Renaissance bis zur Gegenwart fortgeht. Zwar ist gerade dies das herrschende Ethos der neuzeitlichen Philosophie, daß sie, statt sich naiv dem philosophischen Trieb hinzugeben, vielmehr durch das Medium kritischer Reflexion, in immer tiefer dringenden Forschungen über die Methode, sich als strenge Wissenschaft konstituieren will. Aber die einzige reife Frucht dieser Bemühungen war die Begründung und Verselbständigung der strengen Natur- und Geisteswissenschaften, sowie neuer rein mathematischer Disziplinen. Die Philosophie selbst in dem sich nun erst abhebenden besonderen Sinn entbehrte nach wie vor des Charakters strenger Wissenschaft. Schon der Sinn dieser Abhebung verblieb ohne wissenschaftlich sichere Bestimmung. Wie die Philosophie zu den Natur- und Geisteswissenschaften stehe, ob das spezifisch Philosophische ihrer, doch auf Natur und Geist wesentlich bezogenen Arbeit prinzipiell neue Einstellungen erfordere, mit denen prinzipiell eigenartige Ziele und Methoden gegeben seien, ob also das Philosophische uns gleichsam in eine neue Dimension führe oder sich mit den empirischen Wissenschaften von Natur und Geistesleben in ein und derselben Ebene abspiele: das ist bis heute strittig. Es zeigt, daß nicht einmal der eigentliche Sinn der philosophischen Probleme zu einer wissenschaftlichen Klärung gekommen ist.

target="_blank"Also die Philosophie, ihrem historischen Absehen nach die höchste und strengste aller Wissenschaften, sie, die den unverlierbaren Anspruch der Menschheit auf reine und absolute Erkenntnis vertritt (und was damit untrennbar Eins ist: auf reines und absolutes Werten und Wollen), vermag sich nicht zu wirklicher Wissenschaft zu gestalten. Die berufene Lehrmeisterin am ewigen Werk der Humanität vermag überhaupt nicht zu lehren: in objektiv gültiger Weise zu lehren. KANT liebte es zu sagen, man könne nicht Philosophie, nur Philosophieren lernen. Was ist das anderes als ein Eingeständnis der Unwissenschaftlichkeit der Philosophie. Soweit Wissenschaft, wirkliche Wissenschaft reicht, soweit kann man lehren und lernen, und überall im gleichen Sinne. Nirgendwo ist ja wissenschaftliches Lernen ein passives Aufnehmen geistesfremder Stoffe, überall beruth es auf Selbsttätigkeit, auf einem inneren Nacherzeugen der von den schöpferischen Geistern gewonnenen Vernunfteinsichten, nach Gründen und Folgen. Philosophie kann man nicht lernen, weil es hier solche objektiv begriffenen und begründeten Einsichten nicht gibt, und was dasselbe besagt, weil es hier noch an begrifflich fest begrenzten und ihrem Sinn nach voll geklärten Problemen, Methoden und Theorien fehlt.

Ich sage nicht, Philosophie sei eine unvollkommene Wissenschaft, ich sage schlechthin, sie sei noch keine Wissenschaft, sie habe als Wissenschaft noch keinen Anfang genommen, und ich nehme dabei als Maßstab ein, wenn auch kleines Stück eines objektiv begründeten Lehrinhalts. Unvollkommen sind alle Wissenschaften, selbst die vielbewunderten exakten Wissenschaften. Sie sind einerseits unvollständig, vor sich den unendlichen Horizont offener Probleme, die den Erkenntnistrieb nimmermehr ruhen lassen werden; sie haben andererseits mancherlei Mängel in dem schon ausgebildeten Lehrgehalt, es zeigen sich da und dort Reste der Unklarheit oder Unvollkommenheiten in der systematischen Ordnung der Beweise und Theorien. Aber wie immer, ein Lehrgehalt ist vorhanden, immerfort wachsend und sich neu verzweigend. An der objektiven Wahrheit, bzw. objektiv begründeten Wahrscheinlichkeit der wundervollen Theorien der Mathematik und der Naturwissenschaften wird kein Vernünftiger zweifeln. Hier ist - im Großen und Ganzen - kein Raum für private "Meinungen", "Anschauungen", "Standpunkte". Soweit es dergleichen im einzelnen doch gibt, soweit ist die Wissenschaft noch nicht gewordene, sondern werdende Wissenschaft und wird allgemein so beurteilt. (1)

Von ganz anderer Art nun als die soeben beschriebene Unvollkommenheit aller Wissenschaften ist diejenige der Philosophie. Sie verfügt nicht bloß über ein unvollständiges und nur im einzelnen unvollkommenes Lehrsystem, sondern schlechthin über keines. Alles und jedes ist hier strittig, jede Stellungnahme ist Sache der individuellen Überzeugung, der Schulauffassung, des "Standpunktes".

Was uns die wissenschaftliche Weltliteratur der Philosophie in alten und neuen Zeiten an Entwürfen anbietet, mag auf ernster, ja ungeheurer Geistesarbeit beruhen; noch mehr, es mag der künftigen Etablierung wissenschaftlich strenger Lehrsysteme in hohem Maße vorarbeiten: aber als ein Fond philosophischer Wissenschaft kann darin vorläufig nichts anerkannt werden, und keine Aussicht besteht, etwa mit der Schere der Kritik da und dort ein Stück philosophischer Lehre herauszuschneiden. Diese Überzeugung muß wieder einmal schroff und ehrlich ausgesprochen werden und gerade an dieser Stelle, in den Anfängen des "Logos", der für eine bedeutsame Umwendung der Philosophie Zeugnis ablegen und dem künftigen "System" der Philosophie den Boden bereiten will.

Denn mit der schroffen Betonung der Unwissenschaftlichkeit aller bisherigen Philosophie erhebt sich sogleich die Frage, ob die Philosophie noch weiterhin das Ziel, strenge Wissenschaft zu sein, festhalten will, ob sie es wollen kann und wollen muß. Was soll uns die neue "Umwendung" bedeuten? Etwa die Abwendung von der Idee einer strengen Wissenschaft? Und was soll uns das "System" bedeuten, das wir ersehnen, das uns als Ideal vorleuchten soll in den Niederungen unserer forschenden Arbeit? Ein philosophisches "System" im traditionellen Sinn, gleichsam eine MINERVA, die vollendet und gewappnet aus dem Haupt eines schöpferischen Genies entspringt - um dann in späteren Zeiten neben anderen solchen Minerven im stillen Museum der Geschichte aufbewahrt zu werden? Oder ein philosophisches Lehrsystem, das nach gewaltigen Vorarbeiten von Generationen, von unten her mit zweifelssicherem Fundament wirklich anfängt und wie jeder tüchtige Bau in die Höhe wächst, indem Baustein um Baustein gemäß leitenden Einsichten als feste Gestalt dem Festen angefügt wird? An dieser Frage müssen sich die Geister und die Wege scheiden.

Die für den Fortschritt der Philosophie entscheidenden "Umwendungen" sind diejenigen, in welchen der Anspruch der vorangegangenen Philosophien, Wissenschaft zu sein, durch die Kritik ihres vermeintlich wissenschaftlichen Verfahrens zerfällt, und nun der vollbewußte Wille, Philosophie im Sinne strenger Wissenschaft radikal neu zu gestalten, der leitende und die Ordnung der Arbeiten bestimmende ist. Alle Denkenergie konzentriert sich zunächst darauf, die von der bisherigen Philosophie naiv übersehenen oder mißverstandenen Bedingungen strenger Wissenschaft durch eine systematische Erwägung zu entscheidender Klarheit zu bringen, um dann den Neubau eines philosophischen Lehrgebäudes zu versuchen. Ein solcher vollbewußter Wille zu strenger Wissenschaft beherrscht die sokratisch-platonische Umwendung der Philosophie und ebenso zu Beginn der Neuzeit die wissenschaftlichen Reaktionen gegen die Scholastik, insbesondere die Cartesianische Wendung. Ihr Impuls geht über auf die großen Philosophien des 17. und 18. Jahrhunderts, er erneuert sich mit radikalster Gewalt in der Vernunftkritik eines KANT und beherrscht noch das Philosophieren FICHTEs. Immer aufs neue richtet sich die Forschung, auf die wahren Anfänge, die entscheidenden Problemformulierungen, die rechte Methode.

Erst in der romantischen Philosophie tritt eine Wandlung ein. Wiewohl auch HEGEL auf die absolute Gültigkeit seiner Methode und Lehre besteht, so fehlt seinem System die philosophische Wissenschaftlichkeit allererst ermöglichende Vernunftkritik. Im Zusammenhang damit aber steht es, daß diese Philosophie, wie die romantische Philosophie überhaupt, in der Folgezeit im Sinne sei es einer  Schwächung  oder einer  Verfälschung  des Triebes zur Konstitution strenger philosophischer Wissenschaft gewirkt hat.

Was das letztere, die Tendenz auf Verfälschung anbelangt, so rief bekanntlich der Hegelianismus mit dem Erstarken der exakten Wissenschaften Reaktionen hervor, infolge deren der  Naturalismus  des 18. Jahrhunderts einen übermächtigen Auftrieb gewann und mit seinem, alle absolute Idealität und Objektivität der Geltung preisgebenden Skeptizismus, die Weltanschauung und Philosophie der neuesten Zeit in vorherrschender Weise bestimmte.

Andererseits, im Sinne einer Schwächung des philosophischen Wissenschaftsbetriebes, übte die HEGELsche Philosophie Nachwirkungen durch ihre Lehre von der relativen Berechtigung jeder Philosophie für ihre Zeit - eine Lehre, die freilich innerhalb des Systems von prätendierter absoluter Gültigkeit einen ganz anderen Sinn hatte, als den historizistischen, mit dem sie von Generationen aufgenommen worden ist, die mit dem Glauben an die HEGELsche Philosophie auch den an eine absolute Philosophie überhaupt verloren hatten. Durch den Umschlag der metaphysischen Geschichtsphilosophie HEGELs in einen skeptischen Historizismus ist nun wesentlich bestimmt das Aufkommen der neuen  "Weltanschauungsphilosophie",  die sich gerade in unseren Tagen rasch auszubreiten scheint, und die im übrigen selbst mit ihrer zumeist antinaturalistischen und gelegentlich sogar antihistorizistischen Polemik nichts weniger als skeptisch sein will. Sofern sie sich aber mindestens in ihrem ganzen Vorhaben und Vorgehen nicht mehr von jenem radikalen Willen zu wissenschaftlicher Lehre beherrscht zeigt, die den großen Zug der neuzeitlichen Philosophie bis KANT ausgemacht hat, bezog sich speziell auf sie die Rede von einer Schwächung des philosophischen Wissenschaftstriebes.

Die nachfolgenden Ausführungen sind vom Gedanken getragen, daß die höchsten Interessen menschlicher Kultur die Ausbildung einer streng wissenschaftlichen Philosophie fordern; daß somit, wenn eine philosophische Umwendung in unserer Zeit Recht haben soll, sie jedenfalls von der Intention auf eine Neubegründung der Philosophie im Sinne strenger Wissenschaft beseelt sein muß. Diese Intention ist der Gegenwart keineswegs fremd. Sie ist voll lebendig gerade innerhalb des herrschenden Naturalismus. Von Anfang an geht er, und mit aller Entschiedenheit, der Idee einer streng wissenschaftlichen Reform der Philosophie nach, und glaubt sogar jederzeit, mit seinen früheren, wie mit seinen modernen Gestaltungen, sie schon verwirklicht zu haben. Aber all das vollzieht sich, prinzipiell betrachtet, in einer Form, die theoretisch von Grund auf verfehlt ist, so wie sie praktisch eine wachsende Gefahr für unsere Kultur bedeutet. An der naturalistischen Philosophie radikale Kritik zu üben, ist heutzutage eine wichtige Angelegenheit. Ganz besonders bedarf es gegenüber der bloß widerlegenden Kritik aus den Konsequenzen, einer positiven Kritik an den Grundlagen und Methoden. Nur sie ist geeignet, das Vertrauen auf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Philosophie ungebrochen zu erhalten, das durch die Erkenntnis der widersinnigen Konsequenzen des auf der strengen Erfahrungswissenschaft sich aufbauenden Naturalismus bedroht ist. Einer solchen positiven Kritik dienen die Ausführungen des ersten Teils dieser Abhandlung.

Was aber die vielbemerkte Umwendung unserer Zeit anlangt, so ist sie zwar - und das ist ihr Recht - im wesentlichen antinaturalistisch gerichtet, aber unter dem Einfluß des Historizismus scheint sie von den Linien wissenschaftlicher Philosophie abführen und in bloße Weltanschauungsphilosophie einmünden zu wollen. Der prinzipiellen Erörterung des Unterschiedes dieser beiden Philosophien und der Erwägung ihres relativen Rechts ist der zweite Teil gewidmet.


Naturalistische Philosophie

Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich-zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen. Mit der schrittweisen Realisierung dieser Idee in immer neuen, eine Überfülle strenger Erkenntnisse begründenden Naturwissenschaften greift auch der Naturalismus immer weiter um sich. Ganz ähnlich ist später, als Folgeerscheinung der "Entdeckung der Geschichte" und der Begründung immer neuer Geisteswissenschaften der Historizismus erwachsen. Den herrschenden Auffassungsgewohnheiten entsprechend, neigt eben der Naturwissenschaftler dazu, alles als Natur, der Geisteswissenschaftler als Geist, als historisches Gebilde anzusehen und demgemäß, was so nicht angesehen werden kann, zu mißdeuten. Der Naturalist also, um uns jetzt ihm besonders zuzuwenden, sieht nichts anderes als Natur und zunächst physische Natur. Alles was ist, ist entweder selbst physisch, es gehört dem einheitlichen Zusammenhang der physischen Natur an, oder es ist zwar psychisches, aber dann eine bloße abhängig Veränderliche von Physischem, bestenfalls eine sekundäre "parallele Begleittatsache". Alles Seiende ist psychophysischer Natur, das ist nach fester Gesetzlichkeit eindeutig bestimmt. Nichts für uns Wesentliches ändert sich an dieser Auffassung, wenn im Sinne des Positivismus (sei es des an einen naturalistisch gedeuteten KANT sich anlehnenden, sei es einen HUME erneuernden und konsequent ausgestaltenden) die physische Natur in Empfindungskomplexe sensualistisch aufgelöst wird, in Farben, Töne, Drücke etc., ebenso aber auch das sogenannte Psychische in ergänzende Komplexe derselben oder noch anderer "Empfindungen".

Was alle Formen des extremen und konsequenten Naturalismus, angefangen vom populären Materialismus bis zum neuesten Empfindungsmonismus und Energetismus, charakterisiert, ist einerseits die  Naturalisierung des Bewußtseins,  einschließlich aller intentional-immanenten Bewußtseinsgegebenheiten; andererseits die  Naturalisierung der Ideen  und damit aller absoluten Ideale und Normen.

In letzterer Hinsicht hebt er sich, ohne es zu bemerken, selbst auf. Nehmen wir als exemplarischen Index aller Idealität die formale Logik, so werden bekanntlich die formal-logischen Prinzipien, die sogenannten Denkgesetze, vom Naturalismus als Naturgesetze des Denkens gedeutet. Daß das einen Widersinn jener Art mit sich führt, der jede in einem prägnanten Sinn skeptische Theorie charakterisiert, ist an einem anderen Ort ausführlich nachgewiesen worden. (2) Man kann auch die naturalistische Axiologie und Praktik, darunter die Ethik, einer ähnlichen radikalen Kritik unterwerfen und ebenso die naturalistische Praxis selbst. Denn den theoretischen Widersinnigkeiten folgen unvermeidlich Widersinnigkeiten (evidente Unstimmigkeiten) im aktuellen theoretischen, axiologischen, ethischen Verhalten. Der Naturalist ist, kann man alles in allem sagen, in seinem Verhalten Idealist und Objektivist. Er ist erfüllt vom Streben, wissenschaftlich, also jeden Vernünftigen bindend, zur Erkenntnis zu bringen, was überall echte Wahrheit, das echte Schöne und Gute sei, wie es dem allgemeinen Wesen nach zu bestimmen, nach welcher Methode es im Einzelfall zu gewinnen sei. Durch Naturwissenschaft und naturwissenschaftliche Philosophie, glaubt er, sei das Ziel der Hauptsache nach erreicht, und mit aller Begeisterung, die dieses Bewußtsein gibt, tritt er nun für das "naturwissenschaftlich" Wahre, Gute und Schöne als Lehrer und praktischer Reformator ein. Er ist aber ein Idealist, der Theorien aufstellt und vermeintlich begründet, die eben das negieren, was er in seinem idealistischen Verhalten, sei es Theorien bauend, sei es Werte oder praktische Normen als die schönsten und besten zugleich begründend und empfehlend, voraussetzt. Nämlich voraussetzt, sofern er überhaupt theoretisiert, sofern er überhaupt Werte objektiv hinstellt, denen das Werten gemäß sein soll, und ebenso überhaupt praktische Regeln, denen gemäß jedermann wollen und handeln soll. Der Naturalist lehr, predigt, moralisiert, reformiert (3) Aber er leugnet, was jede Predigt, jede Forderung als solche ihrem Sinn nach voraussetzt, Nur predigt er nicht wie der antike Skeptizismus, expressis verbis [ausdrücklich - wp]: das einzig Vernünftige sei, Vernunft -theoretische wie axiologische und praktische Vernunft - zu leugnen. Ja er würde dergleichen gar weit von sich weisen. Der Widersinn liegt bei ihm nicht offen, sondern ihm selbst verborgen darin, daß er die Vernunft naturalisiert.

In dieser Hinsicht ist der Streit sachlich entschieden, möge auch die Flutwelle des Positivismus und des ihn im Relativismus überbietenden Pragmatismus noch weiters steigen. Freilich zeigt sich gerade in diesem Umstand, wie gering die praktisch wirksame Kraft von Argumenten aus den Konsequenzen ist. Vorurteile machen blind, und wer nur Erfahrungstatsachen sieht und nur Erfahrungswissenschaft innerlich gelten läßt, wird sich durch widersinnige Konsequenzen nicht sehr gestört fühlen, die sich nicht in der Erfahrung als Widersprüche gegen Fakta der Natur ausweisen lassen. Er wird sie als "Scholastik" beiseite schieben. Die Argumentation aus den Konsequenzen über aber auch nach der anderen Seite, nämlich bei den für ihre schlagende Kraft Empfänglichen, gar leicht eine Fehlwirkung. Dadurch daß der Naturalismus völlig diskreditiert erscheint, er, der Philosophie aufgrund strenger Wissenschaft und als strenge Wissenschaft gestalten wollte, erscheint nun auch sein methodisches Ziel selbst als diskreditiert, und das umso mehr, als auch auf dieser Seite die Neigung verbreitet ist, sich strenge Wissenschaft nur als positive Wissenschaft und eine wissenschaftliche Philosophie nur aus auf eine solche Wissenschaft fundierte denken zu können. Indessen das ist auch nur ein Vorurteil, und  darum  von der Linie strenger Wissenschaft abbiegen zu wollen, wäre grundverkehrt. Gerade in der Energie, mit welcher der Naturalismus das Prinzip strenger Wissenschaftlichkeit in allen Sphären der Natur und des Geistes, in Theorie und in Praxis zu realisieren sucht, und mit der er danach strebt, die philosophischen Seins- und Wertprobleme wissenschaftlich - nach seiner Meinung "exakt naturwissenschaftlich" - zu lösen, liegt sein Verdienst und zugleich ein Hauptteil seiner Kraft in unserer Zeit. Vielleicht gibt es im Ganzen neuzeitlichen Leben keine mächtiger, unaufhaltsamer vordringende Idee, als die der Wissenschaft. Ihren Siegeslauf wird nichts hemmen. Sie ist in der Tat ihren rechtmäßigen Zielen nach allumspannend. In idealer Vollendung gedacht, wäre sie die Vernunft selbst, die neben und über sich keine Autorität mehr haben könnte. In die Domäne der strengen Wissenschaft gehören also gewiß auch all die theoretischen, axiologischen, praktischen Ideale, die der Naturalismus, indem er sie empiristisch umdeutet, zugleich verfälscht.

Indessen, allgemeine Überzeugungen besagen wenig, wenn man sie nicht begründen, Hoffnungen auf eine Wissenschaft wenig, wenn man zu ihren Zielen keine Wege zu ersehen vermag. Soll also die Idee einer Philosophie, als strenger Wissenschaft von den bezeichneten und allen wesensverwandten Problemen nicht kraftlos bleiben, so müssen wir klare Möglichkeiten vor Augen haben, sie zu realisieren, es müssen sich uns durch Klärung der Probleme, durch eine Vertiefung in deren reinen Sinn, volleinsichtig die Methoden entgegendrängen, die solchen Problemen adäquat, weil durch ihr eigenes Wesen gefordert sind. Das gilt es zu leisten und so in Eins das lebendig-tätige Vertrauen auf die Wissenschaft und zugleich ihren wirklichen Anfang zu gewinnen. In dieser Hinsicht leistet uns die, sonst ja nützliche und unentbehrliche Widerlegung des Naturalismus aus den Konsequenzen sehr wenig. Ganz anders wenn wir an seinen Grundlagen, seinen Methoden, seinen Leistungen die nötige positive und dabei immer prinzipielle Kritik üben. Indem die Kritik scheidet und klärt, indem sie dazu zwingt, dem eigentlichen Sinn der philosophischen Motive nachzugehen, die meist so vage und vieldeutig als Probleme formuliert werden, ist sie geeignet, die Vorstellungen besserer Ziele und Wege zu wecken und unser Vorhaben positiv zu fördern. In dieser Absicht besprechen wir ausführlicher den oben besonders hervorgehobenen Charakter der bekämpften Philosophie, nämlich die  Naturalisierung des Bewußtseins.  Die tieferen Zusammenhänge mit den berührten skeptischen Konsequenzen werden im folgenden von selbst hervortreten und ebenso die ganze Weite, in der unser zweiter Vorwurf, die Naturalisierung der Ideen anlangend, gemeint und zu begründen ist, verständlich werden.

*          *
*

Wir knüpfen unsere kritischen Analysen natürlich nicht an die mehr populären Reflexionen philosophierender Naturforscher an, sondern beschäftigen uns mit der in wirklich wissenschaftlichem Rüstzeug auftretenden gelehrten Philosophie. Insbesondere aber mit einer Methode und Disziplin, durch welche sie glaubt, endgültig den Rang einer exakten Wissenschaft erklommen zu haben. Sie ist darin so sicher, daß sie auf jedes andere Philosophieren mit Geringschätzung herabsieht. Zu ihrem exakt wissenschaftlichen Philosophieren stehe es so, wie die trübe Naturphilosophie der Renaissance zur jugendkräftigen exakten Mechanik eines GALILEI, oder wie die Alchemie zur exakten Chemie eines LAVOISIER. Fragen wir nun nach der exakten, wenn auch noch beschränkt ausgebauten Philosophie, dem Analogon der exakten Mechanik, so werden wir auf die psychophysische und ganz besonders die  experimentelle Psychologie  hingewiesen, der doch nieman den Rang einer streng Wissenschaft wird abstreiten können. Sie sie die so lang gesuchte, nun endlich zur Tat gewordene exakt-wissenschaftliche Psychologie. Logik und Erkenntnistheorie, Ästhetik, Ethik und Pädagogik hätten durch sie endlich ihr wissenschaftliches Fundament gewonnen, ja sie seien schon im vollen Zug, sich zu experimentellen Disziplinen umzubilden. Im übrigen sei die strenge Psychologie selbstverständlich die Grundlage aller Geisteswissenschaften und nicht minder auch der Metaphysik. In letzterer Hinsicht freilich nicht das bevorzugte Fundament, da in gleichem Umfang auch die physische Naturwissenschaft an der Fundamentierung dieser allgemeinsten Wirklichkeitslehre beteiligt sei.

Demgegenüber unsere Einwände: Zunächst ist, wie eine kurze Überlegung lehren würde, einzusehen, daß Psychologie überhaupt als Tatsachenwissenschaft ungeeignet ist, Fundamente für diejenigen philosophischen Disziplinen abzugeben, die es mit den reinen Prinzipien aller Normierung zu tun haben, also der reinen Logik, der reinen Axiologie und Praktik. Eine nähere Ausführung können wir uns ersparen: sie würde uns offenbar zu den schon besprochenen skeptischen Widersinnigkeiten zurückführen. Was aber die  Erkenntnistheorie  anlangt, die wir ja von der reinen Logik, im Sinne der reinen Mathesis universalis [Universalmathematik - wp] trennen (als welche es nicht mit dem Erkennen zu tun hat), so kann gegen den erkenntnistheoretischen Psychologismus und Physizismus manches gesagt werden, wovon einiges hier angedeutet werden soll.

Alle Naturwissenschaft ist ihren Ausgangspunkten nach naiv. Die Natur, die sie erforschen will, ist einfach für sie da. Selbstverständlich  sind  Dinge, sind als ruhende, sich bewegende, sich verändernde im unendlichen Raum, und als zeitliche Dinge in der unendlichen Zeit. Wir nehmen sie wahr, wir beschreiben sie in schlichten Erfahrungsurteilen. Diese selbstverständlichen Gegebenheiten in objektiv gültiger, streng wissenschaftlicher Weise zu erkennen, das ist das Ziel der Naturwissenschaft. Ähnliches gilt von der Natur im erweiterten psychophyischen Sinn, bzw. den sie erforschenden Wissenschaften, also insbesondere der Psychologie. Das Psychische ist nicht eine Welt für sich, es ist gegeben als Ich oder Icherlebnis (in einem übrigens sehr verschiedenen Sinne), und dergleichen zeigt sich erfahrungsmäßig gebunden an gewisse physische Dinge, genannt Leiber. Auch das ist eine selbstverständliche Vorgegebenheit. Dieses Psychische nun, im psycho-physischen Naturzusammenhang, in dem es selbstverständlich da ist, wissenschaftlich erforschen, es objektiv gültig bestimmen, die Gesetzmäßigkeiten seines sich Bildens und sich Umbildens, seines Kommens und Gehens entdecken, das ist die Aufgabe der Psychologie. Alle psychologische Bestimmung ist eo ipso psycho-physische, nämlich im weitesten Sinn (den wir von un an festhalten), daß sie eine nie fehlende physische Mitbedeutung hat. Auch wo die Psychologie - die Erfahrungswissenschaft - auf Bestimmung von bloßen Bewußtseinsvorkommnissen abgesehen hat und nicht auf psychophysische Abhängigkeiten im gewöhnlichen engeren Sinne, sind diese Vorkommnisse doch als solche der Natur gedacht, d. i. als zugehörig zu menschlichen oder tierischen Bewußtseinen, die ihrerseits eine selbstverständliche und mitaufgefaßte Anknüpfung an Menschen- oder Tierleiber haben. Die Ausschaltung der Naturbeziehung würde dem Psychischen den Charakter der objektiv-zeitlich bestimmbaren Naturtatsache, kurzum der psychologischen Tatsache nehmen. Halten wir also fest: Jedes psychologische Urteil schließt die existenziale Setzung der physischen Natur in sich, ob nun ausdrücklich oder nicht.

Danach ist folgendes einleuchtend: Sollte es entscheidende Argumente geben, um derentwillen die physische Naturwissenschaft nicht Philosophie im spezifischen Sinne sein, nie und nimmer der Philosophie als Grundlage dienen und nur aufgrund vorausgehender Philosophie philosophische Verwertung zu Zwecken der Metaphysik gewinnen kann: dann müßten alle solchen Argumente ohne weiteres Anwendung finden auf die Psychologie.

Nun fehlte es an solchen Argumenten keineswegs.

Es genügt nur an die "Naivität" zu erinnern, mit der, gemäß dem oben Gesagten, Naturwissenschaft Natur als gegeben hinnimmt, eine Naivität, die in ihr sozusagen unsterblich ist und sich z. B. an jeder Stelle ihres Verfahrens neu wiederholt, wo sie auch schlichte Erfahrung rekurriert - und schließlich führt ja  alle  erfahrungswissenschaftliche Methode eben auf Erfahrung zurück. Die Naturwissenschaft ist allerdings in  ihrer  Art sehr kritisch. Bloß vereinzelte, wenn auch gehäufte Erfahrung gilt ihr noch sehr wenig. In der methodischen Anordnung und Verknüpfung der Erfahrungen, im Wechselspiel zwischen Erfahren und Denken, das seine logisch festen Regeln hat, scheidet sich gültige und ungültige Erfahrung, erhält jede Erfahrung ihren abgestuften Geltungswert, und arbeitet sich überhaupt objektiv gültige Erkenntnis, Naturerkenntnis heraus. Aber wie sehr diese Art der Erfahrungskritik uns befriedigen mag, solange wir  in  der Naturwissenschaft stehen und in ihrer Einstellung denken - eine ganz andere Erfahrungskritik ist noch möglich und unerläßlich, eine Kritik, die die gesamte Erfahrung überhaupt und das erfahrungswissenschaftliche Denken zugleich in Frage stellt.

Wie Erfahrung als Bewußtsein einen Gegenstand geben oder treffen könne; wie Erfahrungen durch Erfahrungen sich wechselseitig berechtigen oder berichtigen können, und nicht nur sich subjektiv aufheben oder sich subjektiv verstärken; wie ein Spiel des erfahrungslogischen Bewußtseins objektiv Gültiges, für an und für sich seiende Dinge Gültiges besagen soll; warum sozusagen Spielregeln des Bewußtseins nicht für die Dinge irrelevant sind; wie Naturwissenschaft in allem und jedem verständlich werden soll, sofern sie in jedem Schritt ansich seiende Natur zu setzen und zu erkennen vermeint - ansich seiend gegenüber dem subjektiven Fluß des Bewußtseins - das alles wird zum Rätsel, sowie die Reflexion sich darauf ernstlich richtet. Bekanntlich ist die Erkenntnistheorie die Disziplin, welche solche Fragen beantworten will und bisher, trotz aller Denkarbeit, welche die größten Forscher an sie gewendet haben, wissenschaftlich klar, einstimmig, entscheidend nicht beantwortet hat.

Es bedarf nur strenger Konsequenz in der Festhaltung des Niveaus dieser Problematik (einer Konsequenz, die freilich  allen  bisherigen Erkenntnistheorien gefehlt hat), um den  Widersinn  einer "naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie" einzusehen, also auch den jeder psychologischen. Sind, allgemein gesprochen, gewisse Rätsel der Naturwissenschaft prinzipiell immanent, so sind ihr selbstverständlich deren Lösungen nach Prämissen und Ergebnissen prinzipiell transzendent. Die Lösung eines jeden Problems, das der Naturwissenschaft  als solcher  anhaftet also ihr durch und durch, von Anfang bis Ende anhaftet - von der Naturwissenschaft selbst erwarten zu wollen, oder auch nur zu meinen, daß sie für die Lösung eines derartigen Problems irgendwelche  Prämissen  beisteuern könne, das heißt sich in einem widersinnigen Zirkel bewegen.

Es wird auch klar, daß wie jede wissenschaftliche, so jede vorwissenschaftliche Ansetzung der Natur in einer Erkenntnistheorie, die ihren einstimmigen Sinn behalten soll, prinzipiell ausgeschaltet bleiben muß und damit  alle  Aussagen, welche  thetische  Existenzialsetzungen von Dinglichkeiten mit Raum, Zeit, Kausalität etc. implizieren. Das erstreckt sich offenbar auch auf alle Existenzsetzungen, welche das Dasein des forschenden Menschen, seiner psychischen Vermögen und dgl. betreffen.

Ferner: Wenn Erkenntnistheorie gleichwohl die Probleme des Verhältnisses von Bewußtsein und Sein erforschen will, so kann sie nur Sein als Korrelatum von Bewußtsein vor Augen haben, als bewußtseinsfähig "Gemeintes": als Wahrgenommenes, Erinnertes, Erwartetes, bildlich Vorgestelltes, Phantasiertes, Identifiziertes, Unterschiedenes, Geglaubtes, Vermutetes, Gewertetes usw. Man sieht dann, daß die Forschung gerichtet sein muß auf eine wissenschaftliche Wesenswerkenntnis des Bewußtseins, auf das, was Bewußtsein in allen seinen unterscheidbaren Gestaltungen  selbst,  seinem  Wesen  nach, "ist", zugleich aber auf das, was es  "bedeutet",  sowie auf die verschiedenen Weisen, in denen es - dem Wesen dieser Gestaltungen gemäß - bald klar, bald unklar, bald gegenwärtigend oder vergegenwärtigend, bald signitiv oder bildlich, bald schlicht, bald denkmäßig vermittelt, bald in dem oder in jenem attentionalen Modus, und so in unzähligen anderen Formen -  Gegenständliches  meint, und es eventuell als "gültig", "wirklich" Seiendes "erweist".

Jede Gegenstandsart, die Objekt einer vernünftigen Rede, einer vorwissenschaftlichen und dann wissenschaftlichen Erkenntnis sein soll, muß sich in der Erkenntnis, also im Bewußtsein selbst bekunden und sich, dem Sinn aller Erkenntnis gemäß, zur  Gegebenheit  bringen lassen. Alle Bewußtseinsarten, so wie sie sich unter dem Titel "Erkenntnis" sozusagen teleologisch ordnen und, näher, sich den verschiedenen Gegenstandes-Kategorien gemäß gruppieren - als die ihnen speziell entsprechenden Gruppen von Erkenntnisfunktionen - müssen sich in ihrem Wesenszusammenhang und ihrer Rückbeziehung auf die zu ihnen gehörigen Formen des Gegebenheitsbewußtseins studieren lassen. So muß sich der Sinn der Rechtsfrage, der an alle Erkenntnisakte zu stellen ist, verstehen, das Wesen von begründeter Rechtsausweisung und von idealer Begründbarkeit oder Gültigkeit völlig aufklären zu lassen, und zwar für alle Erkenntnisstufen, zuhöchst für die wissenschaftliche Erkenntnis.

Was das besage, daß Gegenständlichkeit  sei  und sich als seiende und so seiende erkenntnismäßig ausweise, das muß eben rein aus dem Bewußtsein selbst evident und somit restlos verständlich werden. Und dazu bedarf es des Studiums des  ganzen  Bewußtseins, da es nach  allen  seinen Gestaltungen in mögliche Erkenntnisfunktionen tritt. Sofern aber jedes Bewußtseins "Bewußtsein von" ist, schließt das Wesensstudium des Bewußtseins auch dasjenige der Bewußtseinsbedeutung und Bewußtseinsgegenständlichkeit als solcher ein. Irgendeine Art von Gegenständlichkeit nach ihrem allgemeinen Wesen studieren (ein Studium, das Interessen verfolgen kann, die der Erkenntnistheorie und Bewußtseinsforschung fern liegen), das heißt ihren Gegebenheitsweisen nachgehen und in den zugehörigen Prozessen der "Klärung" ihren Wesensgehalt ausschöpfen. Ist hier die Einstellung auch nicht die auf die Bewußtseinsweisen und deren Wesenserforschung, so bringt es die Methode der Klärung doch mit sich, daß selbst dabei die Reflexion auf die Gemeintheits- und Gegebenheitsweise nicht entbehrt werden kann. Jedenfalls ist aber umgekehrt für die Wesensanalyse des Bewußtseins die Klärung aller Grundarten von Gegenständlichkeiten unentbehrlich und sonach in ihr mitbeschlossen; erst recht aber in einer erkenntnistheoretischen Analyse, die ja ihre Aufgabe in der Erforschung der Korrelationen sieht. Demnach befassen wir alle solchen solchen, wenn auch relativ zu trennenden Studien unter dem Titel  phänomenologische. 

Wir stoßen damit auf eine Wissenschaft - von deren gewaltigem Umfang die Zeitgenossen noch keine Vorstellung haben - die zwar Wissenschaft von Bewußtsein und doch nicht Psychologie ist, auf eine  Phänomenologie des Bewußtseins  gegenüber einer  Naturwissenschaft vom Bewußtsein.  Da es sich hier doch wohl nicht um eine zufällige Äquivokation handeln wird, so ist im voraus zu erwarten, daß Phänomenologie und Psychologie in sehr nahem Beziehungen stehen müssen, sofern beide es mit dem Bewußtsein, wenn auch in verschiedener Weise, in einer verschiedenen "Einstellung" zu tun haben; was wir dadurch ausdrücken mögen, daß es die Psychologie mit dem "empirischen Bewußtsein" zu tun habe, mit dem Bewußtsein in der Erfahrungseinstellung, als Daseiendem im Zusammenhang der Natur; hingegen die Phänomenologie mit dem "reinen" Bewußtsein, d. h. dem Bewußtsein in der phänomenologischen Einstellung.

Ist dies richtige, dann würde hervorgehen, daß unbeschadet der Wahrheit, daß Psychologie ebensowenig Philosophie ist und sein kann, als die physische Naturwissenschaft, sie doch der Philosophie - nämlich durch das Medium der Phänomenologie - aus wesentlichen Gründen näherstehen und in ihrem Schicksal mit ihr auch aufs innigste verflochten bleiben müsse. Es würde sich schließlich voraussehen lassen, daß jede psychologische Erkenntnistheorie dadurch zustande kommen muß, daß sie, den eigentlichen Sinn der erkenntnistheoretischen Problematik verfehlend, einer vermutlich naheliegenden Verwechslung zwischen reinem und empirischem Bewußtsein unterliegt, oder was dasselbe besagt: daß sie das reine Bewußtsein "naturalisiert".

Dies ist in der Tat meine Auffassung, und sie soll im weiteren noch manche Erläuterung finden.

*          *
*

Was soeben in allgemeiner Andeutung gesagt und insobesondere, was von dern nahen Affinität von Psychologie und Philosophie gesagt wurde, stimmt allerdings sehr wenig zur  modernen exakten Psychologie,  die der Philosophie so fremd ist, wie nur irgendwie möglich. Aber wie sehr diese Psychologie sich um der experimentellen Methode willen für die einzig wissenschaftliche halten und auf die "Schreibtisch-Psychologie" herabsehen mag: die Meinung, sie sie  die  Psychologie, die psychologische Wissenschaft im vollen Sinne, muß ich für eine folgenschwere Verirrung erklären. Der durchgehende Grundzug dieser Psychologie ist die Beiseiteschiebung jeder direkten und reinen Bewußtseinsanalyse - nämlich der systematisch zu vollziehenden "Analyse" und "Deskription" der in den verschiedenen möglichen Richtungen immanenten Schauens sich darbietenden Gegebenheiten - zugunsten all der indirekten Fixierungen psychologischer oder psychologisch relevanter Tatsachen, die ohne eine solche Bewußtseinsanalyse einen mindestens äußerlich verständlichen Sinn haben. Für die experimentelle Feststellung ihrer psycho-physischen Regelmäßigkeiten langt sie eben mit rohen Klassenbegriffen, wie Wahrnehmung, Phantasieanschauung, Aussage, Rechnen und Verrechnen, Größenschätzen, Wiedererkennen, Erwarten, Behalten, Vergessen usw. aus; wie freilich auch umgekehrt der Fond von solchen Begriffen, mit dem sie operiert, ihre Fragestellungen und die ihr zugänglichen Feststellungen umgrenzt.

Man kann wohl sagen, daß sich die experimentelle Psychologie zur originären Psychologie analog verhält, wie die Sozialstatistik zur originären Sozialwissenschaft. Eine solche Statistik sammelt wertvolle Tatsachen, entdeck in ihnen wertvolle Regelmäßigkeiten, aber von sehr mittelbarer Art. Deren ausdeutendes Verständnis, deren wirkliche Erklärung kann nur eine originäre Sozialwissenschaft vollziehen, d. h. eine Sozialwissenschaft, welche sich die soziologischen Phänomene zu direkter Gegebenheit bringt und ihrem Wesen nach erforscht. Ähnlich ist die experimentelle Psychologie eine Methode, eventuelle wertvolle psychophysische Tatsachen und Regelungen festzustellen, die aber ohne systematische, das Psychische immanent erforschende Bewußtseinswissenschaft jeder Möglichkeit eines tieferen Verständnisses und endgültiger wissenschaftlicher Verwertung, entbehren.

Daß hier ein großer Mangel ihres Verfahrens liegt, kommt der exakten Psychologie nicht zu Bewußtsein, und dies umso weniger, je lebhafter sie sich gegen die Methode der Selbstbeobachtung ereifert, und je mahr Energie sie daran setzt, durch die experimentelle Methode  deren  Mängel zu überwinden; das ist aber, Mängel einer Methode zu überwinden, die, wie man nachweisen kann, für das hier zu Leistende gar nicht in Frage kommt. Der Zwang der Sachen, die eben psychische sind, erweist sich aber zu stark, als daß nicht doch zwischendurch Bewußtseinsanalysen vollzogen würden. Nur sind diese dann in der Regel von einer phänomenologischen Naivität, die in merkwürdigem Kontrast steht zum unzweifelhaften Ernst, mit dem diese Psychologie Exaktheit anstrebt und in manchen Sphären (bei Bescheidung hinsichtlich ihrer Ziele) auch erreicht. Das letztere gilt überall da, wo die experimentellen Feststellungen die subjektiven sinnlichen Erscheinungen betreffen, deren Beschreibung und Bezeichnung genauso wie bei den "objektiven" Erscheinungen zu vollziehen ist; nämlich ohne jedes Hereinziehen der in die eigentliche Bewußtseinssphäre überführenden Begriffe und Klärungen; ferner wo die Feststellungen sich auf grob umrissene Klassen von eigentlich Psychischem beziehen, wie sie sich ohne tiefere Bewußtseinsanalyse von vornherein ausreichend darbieten, wofern man nur darauf verzichtet, dem eigentlich psychologischen Sinn der Feststellungen nachzugehen.

Der Grund aber des Verfehlens allen Radikal-Psychologischen bei den gelegentlichen Analysen liegt darin, daß erst in einer reinen systematischen Phänomenologie der Sinn und die Methode der hier zu leistenden Arbeit hervortritt, sowie zugleich der ungeheure Reichtum an Bewußtseinsdifferenzen, die dem methodisch Unerfahrenen unterschiedslos ineinanderfließen. Auf diese Weise wird die moderne exakte Psychologie gerade dadurch, daß sie sich schon für methodisch vollkommen und streng wissenschaftlich hält, de facto unwissenschaftlich, wo immer sie dem Sinn des Psychischen, das in die psychophysischen Regelmäßigkeiten eintritt will; wie umgekehrt in all den Fällen, wo die Mängel der ungeklärten Vorstellungen von Psychischem bei dem Bemühen nach tiefer dringenden Erkenntnissen zu unklaren Problemstellungen und demgemäß zu bloßen Scheinergebnissen führen. Die experimentelle Methode ist unerläßlich, wie überall, wo es sich um eine Fixierung von intersubjektiven Tatsachenzusammenhängen handelt. Aber sie setzt voraus, was kein Experiment zu leisten vermag, die Analyse des Bewußtseins selbst.

Die wenigen Psychologen, die gleich STUMPF, LIPPS und sonst ihnen nahestehenden Männern, diesen Mangel der experimentellen Psychologie erkannt, die den im großen Sinne epochemachenden Anstoß BRENTANOs zu würdigen vermocht haben und sich nun darum mühten, dessen Anfänge einer analytisch deskriptiven Durchforschung der intentionalen Erlebnisse fortzuführen, werden entweder von den experimentellen Fanatikern nicht als sinnvoll angesehen oder, wenn sie experimentell tätig waren, nur in dieser Hinsicht gewürdigt. Und immer wieder werden sie als Scholastiker bekämpft. Es wird künftigen Generationen verwunderlich genug sein, daß die ersten neueren Versuche, das Immanente ernsthaft und in der einzig möglichen Weise einer immanenten Analyse, doer wie wir mit besserer Einsicht sagen, einer Wesensanalyse zu erforschen, als Scholastiker gescholten und beiseite geschoben werden konnten. Es geschieht aus keinem anderen Grund, als weil die natürlichen Ausgangspunkte solcher Untersuchungen die sprachüblichen Bezeichnungen von Psychischem sind und dann, im Einleben in ihre Bedeutungen, nach den Phänomenen zunächst vage und äquivok beziehen. Gewiß auch der scholastische Ontologismus läßt sich von der Sprache leiten (womit ich nicht sage, daß alle scholastische Forschung eine ontologistische war), aber sie verliert sich darin, aus den Wortbedeutungen analytische Urteile zu ziehen, in der Meinung, damit eine Erkenntnis von Tatsachen gewonnen zu haben. Der phänomenologische Analyst, der aus den Wortbegriffen überhaupt keine Urteile zieht, sondern in die Phänomene hineinschaut, welche die Sprache durch die betreffenden Worte anregt oder sich in die Phänomene vertieft, welche das vollanschauliche Realisieren von Erfahrungsbegriffen, mathematischen Begriffen usw. ausmachen - soll  darum  auch als Scholastiker gebrandmarkt werden?

Es ist zu bedenken, daß alles Psychische, wofern es in derjenigen vollen Konkretion genommen wird, in der es für die Psychologie, wie für die Phänomenologie ein erstes Untersuchungsobjekt sein muß, den Charakter eines mehr oder minder komplexen "Bewußtseins von" hat; daß dieses "Bewußtsein von" eine verwirrende Fülle von Gestaltungen hat; daß alle Ausdrücke, die zu Beginn der Untersuchung der Selbstverständigung und objektiven Beschreibung dienen könnten, fließend und vieldeutig sind, und daß somit der erste Anfang selbstverständlich kein anderer sein kann, als die zunächst sichtlich werdenden, gröbsten Äquivokationen klarzulegen. Eine endgültige Fixierung der wissenschaftlichen Sprache setzte die vollendete Analyse der Phänomene voraus - ein Ziel, das in grauer Ferne liegt - und solange diese nicht geleistet ist, bewegt sich auch der Fortschritt der Untersuchung, äußerlich betrachtet, in einem erheblichen Umfang, in Form von Nachweisungen neuer, nun erst sichtlich gewordener Vieldeutigkeiten, und zwar an den in den vorangegangenen Untersuchungen vermeintlich schon fixierten Begriffen. Das ist offenbar unvermeidlich, weil in der Natur der Sachen wurzelnd. Danach ist die Tiefe des Verständnisses und die abschätzige Art zu beurteilen, mit der die berufenen Hüter der Exaktheit und Wissenschaftlichkeit der Psychologie von "bloß verbalistischen", bloß "grammatischen" und "scholastischen" Analysen sprechen.

In der Epoche lebendiger Reaktion gegen die Scholastik war der Feldruf: Weg mit den hohlen Wortanalysen. Die Sachen selbst müssen wir befragen. Zurück zur Erfahrung, zur Anschauung, die unseren Worten allein Sinn und vernünftiges Recht geben kann. Ganz trefflich! Aber was sind denn die Sachen, und was ist das für eine Erfahrung, auf welche wir in der Psychologie zurückgehen müssen? Sind etwa die Aussagen, die wir den Versuchspersonen im Experiment abfragen, die Sachen? Und ist die Deutung ihrer Aussagen die "Erfahrung" von Psychischem? Die Experimentalisten werden selbst sagen, das sei bloß eine sekundäre Erfahrung; die primäre liege bei den Versuchspersonen selbst und auf seiten der experimentierenden Psychologen in ihren eigenen, früheren Selbstwahrnehmungen, die aus guten Gründen nicht Selbstbeobahtungen seien, sein dürften. Die Experimentalisten sind nicht wenig stolz darauf, als überlegene Kritiker der Selbstbeobachtung und der - wie sie sagen - ausschließlich auf Selbstbeobachtung beruhenden Schreibtisch-Psychologie, die experimentelle Methode so ausgebildet zu haben, daß sie direkte Erfahrung nur in Form "zufälliger, nicht erwarteter, nicht absichtlich herbeigeführter Erfahrungen" benützt (4) und die übel beleumdete Selbstbeobachtung ganz ausschaltet. Liegt darin in  einer  Richtung, ungeachtet starker Übertreibungen, zweifellos Gutes, so ist andererseits ein, wie mir scheinen will, prinzipielles Versehen dieser Psychologie geltend zu machen: daß sie nämlich die im einfühlenden Verständnis fremder Erfahrungen vollzogene Analyse und ebenso die Analyse aufgrund der eigenen seinerzeit unbeobachteten Erlebnisse, mit einer Erfahrungsanalyse (wenn auch einer indirekten) der physischen Naturwissenschaft auf eine gleiche Stufe stellt und auf diese Weise in der Tat glaubt, Erfahrungswissenschaft vom Psychischen in prinzipiell gleichem Sinn zu sein, wie die physische Naturwissenschaft Erfahrungswissenschaft ist vom Physischen. Sie übersieht die spezifische Eigenart gewisser Bewußtseinsanalysen, welche vorangegangen sein müssen, damit aus naiven Erfahrungen (ob sie nun beobachtende oder nicht beobachtende sind, ob sich im Rahmen der aktuellen Bewußtseinsgegenwart abspielend oder in dem der Erinnerung oder Einfühlung) Erfahrungen in einem wissenschaftlichen Sinn werden können.

Versuchen wir uns das klar zu machen.

Die Psychologen meinen, alle ihre psychologische Erkenntnis der Erfahrung zu verdanken, also jenen naiven Erinnerungen oder Einfühlungen in Erinnerungen, welche vermöge der methodischen Künste des Experiments Grundlagen für Erfahrungsschlüsse werden sollen. Indessen die Beschreibung der naiven Erfahrungsgegebenheiten und die mit ihr Hand in Hand gehende immanente Analyse und begriffliche Fassung derselben erfolgt mittels eines Fonds von Begriffen, deren wissenschaftlicher Wert für alle weiteren methodischen Schritte entscheidend ist. Sie bleiben, wie einige Besinnung evident macht, bei der ganzen Natur experimenteller Fragestellung und Methode im weiteren Verfahren immerfort unberührt, und gehen somit selbst in die Endergebnisse, also auch in die prätendierten wissenschaftlichen Erfahrungsurteile ein. Ihr wissenschaftlicher Wert kann andererseits nicht von Anfang an da sein, er kann auch nicht aus den noch so gehäuften Erfahrungen der Versuchspersonen und der Versuchsleiter selbst herstammen, er kann durch gar keine Erfahrungsfeststellungen logisch gewonnen sein: Und hier ist die Stelle der phänomenologischen Wesensanalyse, die, wie ungewohnt und unsympathisch es dem naturalistischen Psychologen klingen mag, nichts weniger als empirische Analyse ist und sein kann.

Seit LOCKE und noch heute wird die aus der Entwicklungsgeschichte des empirischen Bewußtseins hergeholte Überzeugung (die also schon Psychologie voraussetzt), daß jede begriffliche Vorstellung aus früheren Erfahrungen "stammt", verwechselt mit der ganz anderen Überzeugung, daß jeder Begriff den Rechtsgrund seines möglichen Gebrauchs, etwa in beschreibenden Urteilen, der Erfahrung entnehme; und das heißt hier, daß nur im  Hinblick  auf das, was  wirkliche  Wahrnehmungen oder Erinnerungen hergeben, Rechtsgründe gefunden werden können für seine Geltung, für seine Wesenhaftigkeit oder Wesenlosigkeit und in weiterer Folge seine gültige Anwendbarkeit im vorzugebenden Einzelfall. Beschreibend verwenden wir die Worte  Wahrnehmung, Erinnerung, Phantasievorstellung, Aussage  usw. Welche Fülle von immanenten Komponenten zeigt solch ein einziges Wort an, Komponenten, die wir dem Beschriebenen es "auffassend" einlegen, ohne sie in ihm analytisch gefunden zu haben. Genügt es, diese Worte im populären Sinn, in dem vagen, völlig chaotischen zu gebrauchen, den sie sich, wir wissen nicht wie, in der "Geschichte" des Bewußtseins zugeeignet haben? Und würden wir es auch wissen, was sollte diese Geschichte uns nützen, was sollte sie daran ändern, daß die vagen Begriffe eben vage und vermöge dieses ihnen eigenen Charakters offenbar unwissenschaftlich sind. Solange wir keine besseren haben, mögen wir sie gebrauchen, darauf vertrauend, daß für die praktischen Zwecke des Lebens zureichende grobe Unterschiede mit ihnen getroffen seien. Aber hat eine Psychologie Anspruch auf "Exaktheit", welche die ihre Objekte  bestimmenden  Begriffe ohne wissenschaftliche Fixierung, ohne methodische Bearbeitung läßt Natürlich ebensowenig als es eine Physik hätte, die sich mit den Alltagsbegriffen von schwer, warm, Masse usw. begnügte. Die moderne Psychologie will nicht mehr Wissenschaft von der "Seele", sondern von den "psychischen Phänomenen" sein. Will sie das, so muß sie diese Phänomene in begrifflicher Strenge beschreiben und bestimmen können. Sie muß die nötigen strengen Begriffe sich in methodischer Arbeit zugeeignet haben. Wo ist diese methodische Arbeit in der "exakten" Psychologie vollzogen? Wir suchen danach in der ungeheuren Literatur vergeblich.

Die Frage, wie natürliche, "verworrene" Erfahrung zu wissenschaftlicher Erfahrung werden, wie es zur Feststellung objektiv gültiger Erfahrungsurteile kommen kann, ist die methodische Kardinalfrage jeder Erfahrungswissenschaft. Sie braucht nicht in abstracto und jedenfalls nicht in philosophischer Reinheit gestellt und beantwortet zu sein: Historisch findet sie ihre Antwort durch die Tat, nämlich so, daß geniale Bahnbrecher der Erfahrungswissenschaft in concreto und intuitiv den Sinn der notwenigen Erfahrungsmethode erfassen und durch ihre reine Befolgung in einer zugänglichen Erfahrungssphäre ein Stück objektiv gültiger Erfahrungsbestimmung zu Werke und so die Wissenschaft zum Anfang bringen. Die Motive zu ihrem Vorgehen verdanken sie keiner Offenbarung, sondern der Vertiefung in den  Sinn  der Erfahrungen selbst, bzw. in den Sinn des in ihnen gegebenen "Seins". Denn obschon "gegeben", ist es in der "vagen" Erfahrung nur "verworren" gegeben, daher die sich aufnötigende Frage, wie es nun wirklich sei, wie es objektiv  gültig  zu bestimmen sei; wie, d. h. durch welche besseren und wie zu bessernden "Erfahrungen" - durch welche Methode. Für die Erkenntnis der äußeren Natur wurde der entscheidende Schritt von naiver Erfahrung zu wissenschaftlicher, von vagen Alltagsbegriffen zu wissenschaftlichen Begriffen in voller Klarheit bekanntlich erst durch GALILEI vollzogen. Hinsichtlich der Erkenntnis des Psychischen, der Sphäre des Bewußtseins, haben wir zwar die "experimentell-exakte" Psychologie, die sich für das vollberechtigte Gegenstück der exakten Naturwissenschaft hält - und doch sowenig sie sich dessen bewußt ist, sie steht der Hauptsache nach  vor  der GALILEIschen Epoche.

Daß  sie sich dessen nicht bewußt ist, mag allerdings verwunderlich sein. Wir begreifen es, daß der naiven Naturkunde vor der Wissenschaft an der natürlichen Erfahrung nichts fehlte, nämlich nichts, was nicht im Zusammenhang der natürlichen Erfahrung selbst, mittels der natürlich-naiven Erfahrungsbegriff herausgestellt werden konnte. Sie ahnte in ihrer Naivität nicht, daß Dinge eine "Natur" haben, und daß diese durch gewisse exakte Begriffe in erfahrungslogischem Vorgehen bestimmt werden kann. Die Psychologie aber mit ihren Instituten und Präzisionsapparaten, mit ihren scharfsinnig erdachten Methoden fühlt sich mit Recht über die Stufe der naiven Erfahrungsseelenkunde älterer Zeiten erhaben. Zudem, an sorgfältigen, immer wieder erneuten Reflexionen über die Methode hat sie es nicht fehlen lassen. Wie konnte ihr das prinzipiell Allerwesentlichste entgehen? Wie konnte es ihr entgegen, ,daß sie ihren rein psychologischen Begriffen, deren sie nun einmal nicht entraten kann, notwendig einen Inhalt gibt, der nicht einfach dem in der Erfahrung wirklich Gegebenen entnommen, sondern auf dasselbe angewendet ist? Daß sie unvermeidlich, sowie sie dem Sinn des Psychischen nähertritt, Analysen dieser Begriffsinhalte vollzieht und entsprechende phänomenologische Zusammenhänge als gültig anerkennt, die sie auf Erfahrung anwendet, die aber der Erfahrung gegenüber a priori sind? Wie konnte es ihr entgehen, daß Voraussetzungen der experimentellen Methode, wofern sie wirklich psychologische Erkenntnis leisten will, nicht durch sie selbst begründet werden können, und daß ihr Verfahren sich kardinal von dem der Physik unterscheidet, sofern diese eben prinzipiell das Phänomenale ausschaltet, um die in ihm sich darstellende Natur zu suchen; während die Psychologie doch Wissenschaft von den Phänomenen selbst sein wollte?

Nun all das konnte und mußte ihr entgehen bei ihrer naturalistischen Einstellung, sowie bei ihrem Eifer, den Naturwissenschaften nachzustreben und im experimentellen Verfahren die Hauptsache zu sehen. In ihrem mühseligen, oft sehr scharfsinnigen Erwägungen über die Möglichkeiten psychophysischen Experiments, im Entwerfen experimenteller Versuchsanordnungen, im Konstruieren feinster Apparate, in ihrem Aufspüren möglicher Fehlerquellen usw. hat sie doch wohl versäumt, der Frage tiefer nachzugehen, wie, durch welche Methode diejenigen Begriffe, die in die psychologischen Urteile wesentlich eingehen, vom Stand der Verworrenheit zu dem der Klarheit und objektiven Gültigkeit gebracht werden können. Sie hat es versäumt zu erwägen, inwiefern das Psychische anstatt Darstellung einer Natur zu sein, vielmehr ein ihm eigenes und vor aller Psychophysik streng und in voller Adäquation zu erforschendes "Wesen" habe. Sie hat nicht erwogen, was im "Sinn" psychologischer Erfahrung liege, und welche "Forderungen" das Sein im Sinne des Psychischen  von sich aus  an die Methode stelle.
LITERATUR Edmund Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Logos - Zeitschrift für Philosophie und Kultur, Bd. 1, Tübingen 1910/11
    Anmerkungen
    1) Natürlich denke ich dabei nicht an die philosophisch-mathematischen und naturphilosophischen Streitfragen, die doch, genau besehen, nicht bloß vereinzelte Punkte des Lehrgehalts, sondern den "Sinn" der gesamten wissenschaftlichen Leistung der Disziplinen betreffen. Sie können und müssen von den Disziplinen selbst unterschieden bleiben, wie sie ja den meisten Vertretern derselben gleichgültig genug sind. Vielleicht bedeutet das Wort Philosophie in Verbindung mit den Titeln aller Wissenschaften eine Gattung von Untersuchungen, die ihnen allen gewissermaßen eine neue Dimension und damit eine letzte Vollendung geben. Aber das Wort Dimension deutet es zugleich an: strenge Wissenschaft bleibt Wissenschaft, Lehrgehalt bleibt Lehrgehalt, auch wenn der Übergang in diese neue Dimension noch unterbleibt.
    2) Vgl. meine "Logischen Untersuchungen", Bd. I, 1900
    3) HÄCKEL und OSTWALD können uns dabei als hervorragende Repräsentanten dienen.
    4) Vgl. dazu WUNDTs Logik II, Seite 170