p-4ra-3E. DürrH. KohnH. DohrnD. BraunschweigerTh. Ribot    
 
KARL HASLBRUNER
Die Aufmerksamkeit
als psychlogisches Problem


"Das unwillkürliche Aufmerken ist ein Zurückdrängen hemmender, ablenkender, zerstreuender Eindrücke auf Veranlassung eines äußeren, prätentiös auftretenden Eindrucks. Das willkürliche Aufmerken ist ein Zurückdrängen hemmender, ablenkender, zerstreuender Eindrücke auf Veranlassung eines mehr oder weniger mächtigen eigenen Willens."

"Wiederholt sich ein Eindruck, oder ereignet sich ein ähnlicher, so nimmt die schon im Bewußtsein vorhandene (perzipierte) Vorstellung als reproduziertes Gebilde Stellung zu einem neuerlichen Eindruck und erkennt ihn als ganz oder teilweise gleich mit dem ersten, oder als ganz oder teilweise ungleich. Im ersteren Fall wird er zum ersten, nunmehr reproduzierten, also in Form einer Vorstellung vorhandenen Reizresultate dazugefaßt und erhält seinen Platz ganz oder teilweise im geistigen Schubfach desselben. Im letzteren Fall wird ihm der Eintritt in dieses Schubfach ganz oder teilweise verwehrt. Dieses Hinzufassen ist immer mit einer im Wesen der hinzufassenden Vorstellung begründeten Modifikation der hinzugefaßten Vorstellung verbunden und heißt  Apperzeption." 


Das Wort  aufmerken  bezeichnet eine geistige Tätigkeit, die in Beziehung steht zur Tätigkeit des Merkens, was sinnverwandt ist mit "achten". Wie jede Tätigkeit ein ausführendes Subjekt erfordert, so auch ein Objekt, an welchem sie ausgeführt wird. Dazu kommt noch, daß die Tätigkeit veranlaßt oder freiwillig und daß auch das Objekt von verschiedener Art, veranlassend oder herangezogen, sein kann. Das gibt eine Reihe von Kombinationen, in denen das eine oder andere Moment des komplexen Geschehens hervortreten kann. Tritt die Richtung, nach welcher die Tätigkeit des Merkens zielt, in den Vordergrund, so sagt man  auf etwas merken, d. h. aufmerken.  In diesen Begriff ist aber für den Fall der Aktualität der Gedanke an eine gewisse Zeitdauer hineinverflochten, welche die Tätigkeit des merkenden Hinzielens erfüllt. Tritt die Episode des gleichmäßigen oder schwankenden Andauerns in den Vordergrund der Betrachtung, so spricht man von:  aufmerksam sein  oder substantiviert sie durch die Fortdauer in einen Zustand übergangene Tätigkeit, indem man dafür die Bezeichnung  Aufmerksamkeit  setzt. Die Aufmerksamkeit ist ein psychologisches Problem, welches einmütig von den Vertretern aller philosophischen Richtungen als eines der schwierigsten in der Psychologie bezeichnet wird. Es ist eben kein in sich geschlossenes Problem, sondern ist Bedingung der Apperzeption, gestützt auf Reproduktion (teilweise wenigstens) und durch fast unmerkliche oder doch schwer zu bestimmende Übergänge verbunden mit dem Interesse. Die ältere Philosophie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts vermochte eine befriedigende Erklärung nicht zu geben. Man bezeichnete sie als die stärkste Empfindung oder Idee (CONDILLAC); als zentrifugale Innervation [Erregung eines Organs oder Gewebes durch Nerven - wp]) der Hirnfaser (BONNET); als Wechselwirkung der Vorstellungen und Begehrungen (BROWN); als Übergangsstufe von der Anschauung zur Vorstellung (HEGEL'sche Schule); als Tendenz zum Steigen (HERBART). Klarer wurde sie von WAITZ beschrieben. STEINTHAL bezeichnet sie richtiger als Bereitwilligkeit einer Vorstellungsgruppe zu apperzipierender Tätigkeit. BENEKE spricht von innerlich Angelegtem oder den für eine bestimmte Auffassung begründeten Kräften. ULRICI definiert die Aufmerksamkeit als die unterscheidende Tätigkeit der Seele, sofern sie durch irgendeinen Impuls auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist. FORTLAGE erklärt sie als ein im Vorstellungsstoff bewegliches Prinzip. Die Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit hat FECHNER genau beschrieben. Relativ am klarsten behandelt das Problem VOLKMANN:
    "Auf etwas aufmerksam sein, heißt: eine Vorstellung (Vorstellungsreihe, Vorstellungsmasse), dem Drang zum Sinken entgegen, unverrückt festhalten. Die festzuhaltende Vorstellung wird von Hemmungen befreit, wobei letztere den entgegengesetzten Vorstellungen zugeschoben werden. Diese Forderung kann entweder somatisch, durch andauernden Empfindungseindruck oder psychisch durch den Eindruck wirksamer Hilfsvorstellungen erfüllt werden. Im ersteren Fall spricht man von  sinnlicher,  im letzteren Fall von  intellektueller  Aufmerksamkeit." (1)
Beide Arten werden üblicherweise noch unterschieden in unwillkürliche und willkürliche Aufmerksamkeit. Die letzte Distinktion bedarf aber einer genaueren Präzisierung, denn sie beruth auf einer Verwechslung des  Aufmerkens  mit der  Aufmerksamkeit.  Der Monismus konzediert nur eine willkürliche Aufmerksamkeit. Das ergibt sich schon aus der Definition, die bei ihm üblich ist:
    "Unter Aufmerksamkeit versteht man denjenigen  Akt der Spontaneität,  durch welchen bei einer Anzahl nebeneinander gegebener Wahrnehmungen eine Hinwendung des Bewußtseins zu einer bestimmten und eine gewisse Bevorzugung derselben erfolgt, so daß sie in den Blickpunkt des Bewußtseins gerückt ist und dem Bewußtsein in der relativ größten Helligkeit und Deutlichkeit erscheint." (2)
Die Hauptfrage bleibt bei dieser Definition, was man unter Spontaneität zu verstehen hat. Man erhält darüber keine Auskunft. Wie bei allen, über physiologische Grenzen hinausgehenden, ins rein psychische Gebiet hineinreichenden Problemen wird ein Wort gegeben statt eines Begriffs. Ähnlich steht es auch mit dem in der Lehre von der Aufmerksamkeit vorkommenden Wort  Rezeptivität.  Wer sich mit den bloßen Tatsachen begnügt und auf faktitive Potenzen nicht reflektiert, dem wird allenfalls einmal anstatt Rezeptivität "gelehriges Aufnehmen", anstatt Spontaneität "selbständiges Gestalten" indiziert, oder sie wird als Tätigkeit des Vergleichens und Beziehens hingestellt. Ist er damit noch nicht zufrieden, so wird er auf den objektiven Geist verwiesen, der seinerseits wieder Ergebnis, Summation, Kulturgut, nichts Ursprüngliches ist. Spontaneität heißt wörtlich  Freiwilligkeit.  Der freie Wille bildet aber als höherer Gattungsbegriff in der oben angeführten Definition keinen festen Angelpunkt für die Sicherung der Artunterschiede. Im Bereich der Aufmerksamkeit gibt es Fälle, in denen der eigene Wille ganz unter dem Einfluß fremden Willens steht, also abhängig und zu einem spontanen Akt unfähhig ist.

Die Vertreter dieser pspychologischen Richtung sprechen zwar von passiver (unwillkürlicher) und von aktiver (willkürlicher) Aufmerksamkeit, bezeichnen aber beides als vom Willen abhängige Fixierung des Bewußtseins auf einen bestimmten Inhalt oder Eindruck. Der Umfang des Begriffs "Wille" wird dabei allerdings derart erweitert, daß alles unbewußte Werden, wie auch rein instinktives Streben noch in denselben fallen. Deutlich drückt sich darüber KÜLPE aus in seinem Grundriß der Psychologie:
    "Der Zustand der Aufmerksamkeit ist nicht ein unabhängig vom Willen denkbarer Grad der Vorstellungsintensität, sondern recht eigentlich Tätigkeit des Willens und es besteht zwischen willkürlicher und unwillkürlicher und unwillkürlicher Aufmerksamkeit kein wesentlicher Unterschied."
Den Beweis hierfür, meint man, aus den Begleiterscheinungen ableiten zu können, in deren wohl bis dahin unerreicht vollkommenen Beschreibung hier wie bei vielen anderen Phänomenen die Stärke der positivistischen Philosophie zu suchen ist: die wesentlichen Begleiterscheinungen und Kennzeichn der Aufmerksamkeit sind Gefühle der Anstrengung und Spannung, welche bei auf Wahrnehmungen gerichteter Aufmerksamkeit in den Muskeln der in Betracht kommenden Sinnesorgane (Auge, Ohr etc.) lokalisiert sind, beim "Sich besinnen", d. h. bei der auf Vorstellungen gerichteten Aufmerksamkeit auf die ganze Kopfmuskulatur sich verbreiten. FECHNER schreibt darüber (3):
    "Das Spannungsgefühl der Aufmerksamkeit beim Gebrauch der verschiedenen Sinnesorgane scheint mir ein Muskelgefühl zu sein, indem wir die mit den verschiedenen Sinnesorganen in Beziehung stehenden Muskeln beim Gebrauch der Sinne durch eine Art Reflex mit in Tätigkeit setzen. Man kann dann fragen, an die Zusammenziehung welcher Muskeln das Spannungsgefül die Aufmerksamkeit beim angestrengten Besinnen geknüpft sein soll? - Hierüber gibt mir mein Gefühl eine sehr entschiedene Auskunft, es erscheint mir ganz entschieden nicht wie das Gefühl einer Spannung im Inneren des Schädels, sondern wie das einer Spannung der Kopfhaut mit einer Zusammenziehung derselben und einem von außen nach innen gehenden Druck auf den ganzen Schädel, unstreitig erzeugt durch eine Zusammenziehung der Muskeln der Kopfhaut, was ganz gut mit dem Ausdruck harmonisiert,  sich den Kopf zerbrechen, den Kopf zusammen nehmen." 
Diese Merkmale deuten, so behauptet der Monismus, auf die nahe Verwandtschaft der Aufmerksamkeit mit dem Willen hin. Nach der üblichen Erklärung des Problems gibt es allerdings eine willkürliche und unwillkürliche Aufmerksamkeit; doch lehrt das genauere Eingehen, daß dieser Unterschied kein wesentlicher ist. Genauere Messungen der Zeit, welche nach der Einwirkung eines Eindrucks auf unser Auge oder Ohr verfließen muß, bis wir imstande sind, die vollzogene deutliche Auffassung desselben durch Druck auf einen Taster zu registrieren, haben nämlich zunächst ergeben, daß im allgemeinen die Apperzeption eines Eindrucks immer Zeit erfordert, ein Beweis, daß in dem auffassenden Bewußtsein sich irgendwie eine innere Vorbereitung auf dieselbe vollzieht; ferner, daß diese Zeit verkürzt wird, wenn ein Eindruck von bestimmter Beschaffenheit und Stärke mit Aufmerksamkeit erwartet wird, ein Beweis, daß die Spannung der Aufmerksamkeit im Vorausnehmen jener Vorbereitung eine Anpassung des Bewußtseins an den erwarteten Eindruck bedeutet. Zahlreiche weitere Erscheinungen bestätigen die Annahme. Hiernach ist nun offenbar in allen Fällen die Aufmerksamkeit als eine aktive Betätigung aufzufassen, als eine dem äußeren Eindruck von innen her entgegenkommende Rückwirkung und der Unterschied der willkürlichen und unwillkürlichen Aufmerksamkeit lediglich darin zu suchen, daß bei der letzteren die Spannung der Aufmerksamkeit sich mit dem Eindruck gleichzeitig und spontan entwickelt, bei ersteren schon vorher. Es fällt also das Problem der Aufmerksamkeit mit dem Willen zusammen. Beide haben auch (nach WUNDT) dieselbe physiologische Grundlage in der "spontanen motorischen Innervation", welche, durch eine sensorische Reizung ausgelöst, sich teils nach den sensorischen Gebieten zurückwendet und dadurch (als Aufmerksamkeit) die Vorstellung verstärkt, teils (als Willensimpuls) auf das Gebiet der willkürlichen Muskulatur übergeht, So der monistische Voluntarismus. Die unmittelbare Evidenz dieses Beweises soll im Satz liegen: "daß im auffassenden Bewußtsein sich irgendwie eine innere Vorbereitung auf dieselbe vollzieht; ferner, daß diese Zeit verkürzt wird" usw. Daraus soll nämlich nach dem Wunsch der Voluntaristen gefolgert werden, daß die Zeit der Vorbereitung solange verkürzt wird, bis sozusagen diese Zeit in Nichts versinkt und nur der "Wille zur unwillkürlichen" Aufmerksamkeit übrigt bleibt. Evident ist aber im zitierten Satz nur, daß durch Übung eine solche Gewandtheit im willkürlichen Aufmerken erzielt werden kann, daß es einer unwillkürlichen Aufmerksamkeit, welche z. B. bei Kindern beobachtet werden kann, völlig gleichsieht. Es ist aber schlechterdings nicht einzusehen, wenn die Zeit der Raschheit weichend, sozusagen in Nichts versinkt, warum nicht auch der Wille, einer ähnlichen Raschheit weichend, gleichfalls sozusagen in ein Nichts versinken soll, so daß nur die nackte, sozusagen zeit- und willenlose unmittelbare, rein automatische Unwillkürlichkeit übrig bleibt. Wer sich die Finger unversehens verbrennt, richtet seine Aufmerksamkeit  unwillkürlich  auf den brennenden Schmerz.

In ähnlicher Weise wie die Voluntaristen erklärt DITTES die Aufmerksamkeit zu eng "als das Hinzutreten schon vorhandener Seelengebilde zu neuen Eindrücken oder Erregungen oder die  bewußte Betätigung  reproduzierter Seelengebilde als auffassende Kräfte." (4) Bei dem Umstand, daß Rezeptivität, Spontaneität, Innervation und dgl. mehr vom Monismus als Summation physiologischer Art betrachtet werden, mutet es seltsam an, wenn WUNDT fordert, "daß die komplexen geistigen Tatsachen erklärt werden müssen aus den elementaren Tatsachen desselben Gebietes, also nicht aus den materiellen Erscheinungen der bloßen Bewegungsvorgänge (Philosophische Studien, Bd. 2, Seite 365) (5) Willensvorgänge sind durchaus keine elementaren Tatsachen des geistigen Gebietes. Und EDUARD von HARTMANN hält in der Nr. 2 der "Woche" vom 12. Januar 1901 dem ihm doch gewiß sympathischen Positivismus folgendes Diktum:
    "Jede künftige Psychologie muß von den gegebenen Bewußtseinserscheinungen ausgehen; aber sie kann nicht bei diesen stehen bleiben, weil sie nichts Ursprüngliches, sondern etwas Gewordenes sind. Die Gesetze des Bewußtseinsinhaltes sind nur zu zu verstehen aus der Gesetzmäßigkeit seiner Entstehung. Eine rein auf das Bewußtsein und seine unmittelbare Erfahrung beschränkte Seelenlehre bringt es nicht einmal zur systematisch geordneten Kunde, geschweige denn zur Wissenschaft, weil von beiden Gesichtspunkte des Ordnens und Verknüpfens erfordert werden, die nicht aus der Erfahrung geschöpft werden können, sondern hypothetisch hinzugebracht werden müssen." Dem positivistischen Voluntarismus bleibt demnach nur die Wahl, vom Monismus wieder zum Dualismus überzugehen, mag er sich auch ein anderes Seelengebilde konstruieren, als das bisher in der dualistischen Seelengebilde konstruieren, als das bisher in der dualistischen Psychologie übliche. Aus physischen und physiologischen Elementen Summationen intelligibler Art abzuleiten, ist nach alledem unzulässig. "Nervenprozesse und Bewußtseinszustände sind schlechterdings unvergleichbar." (6)
Die Vertreter der physiologischen Psychologie sind durch die Methode ihrer Forschung genötigt, in den Niederungen zu verbleiben. Sie können sich zur Erklärung zweifelloser Tatsachen des psychischen Lebens nicht aufschwingen, weil sie es (wohl nur angeblich) perhorreszieren [ablehnen - wp], über sinnliche Wahrnehmung, physikalische und chemische Experimente und ihre Ergebnisse hinausgehend, metaphysischen Boden zu betreten. Wohl nur angeblich, wie bemerkt wurde, denn in der Tat gehen sie vielfach ganz willkürlich über die Erfahrung hinaus.
    "Die Erfahrung lehrt z. B. nur die Verminderung der Klarheit der Vorstellungen und das Wiederhervortreten verdunkelter Vorstellungen zu ungehemmter Klarheit. Wie diese Tatsachen mit der Einfachheit der Seele und sonst mit den wahren Begriffen des Seins und Geschehens zu vereinigen sind, lehrt sie nicht. Eine wirkliche Erklärung muß daher die Erfahrung überschreiten, also metaphysisch sein. Das ist ansich kein Fehler. Bedingung ist nur, daß eine solche Erklärung sowohl der Erfahrung wie den Forderungen der Logik gerecht wird." (7)
Man kann vom dualistischen Standpunkt aus nichts dagegen sagen, wenn sich Monisten statt der Ausdrücke "aktiv" und "passiv" bedienen. Setzen sie aber dafür "bewußt wollend" und "unbewußt wollend" und dehnen sie, um dies wenigstens mit scheinbarem Erfolg durchsetzen zu können, den Willensbegriff in unnatürlicher Weise aus, so geht schließlich die ganze Verschiedenheit zwischen dualistischer und monistischer Distinktion in dieser Sache auf einen terminologischen Streit hinaus. Übrigens wird damit nur der  Akt des Aufmerkens  getroffen, wenn man beides als Willenshandlung auffaßt, keineswegs die  Aufmerksamkeit.  Diese ist ein auf das Aufmerken folgender, durch dasselbe eingeleiteter psychischer Zustand, der sinnich oder intellektuell veranlaßt sein kann. Diesen Zustand, der den wichtigsten Teil des Begriffsinhaltes der Aufmerksamkeit darstellt, kennt der Monismus nicht, denn seine Psychologie, die eine  Psychologie ohne Seele  ist, negiert die Existenz innerer geistiger Zustände und versteht unter Aufmerksamkeit konsequent den Akt des Aufmerkens. Nur dort, wo er von Schwankungen der Aufmerksamkeit spricht, muß er  contre coeur  [widerstrebend - wp] eine Ausnahme machen, die aber nicht zugegeben wird.
    "Die Aufmerksamkeit ist ein Zustand  und als solcher durch das Vorhandensein dessen bedingt, was die Fixierung zur notwendigen Folge hat: das  Aufmerken ist die Herbeiführung dieses Zustandes  durch die  willkürliche Herbeiführung dieses Zustandes  durch die willkürliche Herbeiführung seiner Bedingungen. Der  Aufmerksamkeit  kann ein  Aufmerken  vorangegangen sein und ihr beigesellt bleiben und ist die Aufmerksamkeit, die ansich sinnlich oder intellektuell ist,  willkürlich entstanden.  sie ist  ohne Einfluß des Wollens  entstanden, wenn die Vorstellung ihre Fixierung sich gleich mitbringt oder selbst unmittelb verschafft hat" (VOLKMANN).
 Das Aufmerken  bildet jenen wichtigen Faktor in unserem Geistesleben, der die Verengung des Bewußtseins bewirkt, in die Empfindungsreize oder Vorstellungen aus dem dunklen (potenziellen) Bewußtsein eintreten oder hineingezogen werden, um ihrer Zuspitzung zu voller Klarheit zuzueilen oder zugeführt zu werden. Es ist unrichtig, wenn der Monismus behauptet, das Aufmerken verstärke die Vorstellung. Es hat vielmehr das Bestreben, alle anderen Vorstellungen zurückzuhalten, um gleichsam den Seelenraum für die erwartete Vorstellung freizuhalten. Das Gegenteil der Aufmerksamkeit ist die  allgemeine Zerstreutheit.  Diese darf nicht verwechselt werden mit der  partiellen Zerstreutheit,  die eine Begleiterin der Aufmerksamkeit ist. Der Aufmerksamste ist für alles zerstreut, was sich nicht eben in der Enge seines Bewußtseins befindet. Die landläufige Bezeichnung Zerstreutheit besagt häufig das Gegenteil dessen, was sie bezeichnen will. Allgemeine Zerstreutheit äußert sich in Interesselosigkeit, Indifferentismus, Indolenz, Schläfrigkeit und dgl. Treten mehrere Gegenstände zugleich in die Enge des Bewußtseins, so schwankt die Aufmerksamkeit von einem Gegenstand auf den anderen und umgekehrt zum Nachteil des Klarheitsgrades des einzelnen Gegenstandes. Auf je mehr Gegenstände sich der Bewußtseinskreis erweitert, destoweniger wird der einzelne Gegenstand klar.  Extensität  und  Intensität  der Aufmerksamkeit stehen in umgekehrtem Verhältnis.
    "Das Aufmerken ist keine neue Art des Fixierens, sondern nur eine neue Motivierung der beiden bekannten Arten und daher auf jene beiden Mittel verwiesen, durch die überhaupt fixiert wird: Fortdauer des Reizes und ausgiebige Hilfen" (VOLKMANN).
Das freiwillige oder willkürliche Aufmerken bekundet ein Wollen. Es will aber nicht die  Vorstellung  festhalten, sondern es will die  Aufmerksamkeit für die  Vorstellung, ist daher auch nicht, wie Monisten meinen, auf die Vorstellung gerichtet, sondern muß durch Vermittlung des andauernden Reizes oder der Hilfsvorstellungen zum Ziel gelangen. Wer aufmerken soll, muß den Willen haben, seine Organe auf die Möglichkeit fortdauernder Reize oder seine Vorstellungsmassen auf die Möglichkeit allseitiger anhaltender Hilfeleistung einzustellen.
    "Er muß wollen, daß er im einen wie im andern Fall alles hintanhalte, was die Reinheit und Stärke der Fixierung beeinträchtigen könnte. Der Erregung die rechte Leibesstelle zuwenden, der flüchtigen Vorstellung die rechten Hilfen entgegenbringen, das ist alles, was das Aufmerken in positiver, gegenstandslose Unruhe des Gemütes dämpfen, die entgegengesetzten Vorstellungen zurückdrängen, was es in negativer Beziehung vermag. Gelang es dem Wollen, durch die positiven Mittel Aufmerksamkeit herzustellen, so langen die negativen aus, die Aufmerksamkeit zu erhalten" (VOLKMANN).
Diese Mittel müssen aber gewollt werden, ohne selbst auf sich die Aufmerksamkeit zu ziehen, wobei im letzteren Fall diese von der zu erfassenden Vorstellung abgelenkt würde. Es gibt Leute, Erwachsene und Kinder, welche aus Lobhascherei oder Eitelkeit - weil sie nicht so roh erscheinen wollen, als sie sind - nur den Willen zeigen und die Pose annehmen, als ob sie aufmerkten. Ihre Aufmerksamkeit ruht aber auf der angenommenen Pose.
    "Das Aufmerken stiftet und bewacht die Aufmerksamkeit, indem es erneuert und sammelt, was der festzualtenden Vorstellung günstig ist, in allem anderen  tabula rasa  macht und erhält: es konzentriert, was vorhanden ist, weil es nur vorhanden sein läßt, was konzentrierbar ist. In der letzten Beziehung hat es mit einer Macht zu tun, deren unaufhörliches Drängen es nur durch stets erneuerte Akte abzuwehren imstande ist: Das Widerstreben der über ihren statischen Punkt gehemmten Vorstellungen. Daher das anstrengende Aufmerken, welches, da die Zahl der schnell herabgedrückten Vorstellungen und die Unangemessenheit der Stellung jeder einzelnen mit der Dauer zunimmt, sich allmählich in Unerträglichkeit steigert und das Ich endich nötigt, sein Wollen mindestens für den Moment fallen zu lassen" (VOLKMANN).
Zusammenfassend läßt sich somit sagen:
    1. Das unwillkürliche Aufmerken ist ein Zurückdrängen hemmender, ablenkender, zerstreuender Eindrücke auf Veranlassung eines äußeren, prätentiös auftretenden Eindrucks.

    2. Das willkürliche Aufmerken ist ein Zurückdrängen hemmender, ablenkender, zerstreuender Eindrücke auf Veranlassung eines mehr oder weniger mächtigen eigenen Willens.
Vor dem Eingehen in die weitere Besprechung der Aufmerksamkeit muß dem mit ihr innig zusammenhängenden Problem der Apperzeption einige Beachtung geschenkt werden. Ein Empfindungs- und Vorstellungseindruck kann ohne Veränderung, so wie er sich präsentiert, ins Bewußtsein aufgenommen werden durch  Perzeption.  Das geschieht, wenn ein Eindruck das erstemal auf das Subjekt einwirkt, nicht etwa bei Kindern bloß, sondern auch bei Erwachsenen in Gebieten, die ihnen völlig fremd sind. Der Betreffende sagt dann: Ich nehme allerdings wahr, weiß aber nicht, was ich damit anfangen soll. Wiederholt sich der Eindruck, oder ereignet sich ein ähnlicher, so nimmt die schon im Bewußtsein vorhandene (perzipierte) Vorstellung als reproduziertes Gebilde Stellung zu einem neuerlichen Eindruck und erkennt ihn als ganz oder teilweise gleich mit dem ersten, oder als ganz oder teilweise ungleich. Im ersteren Fall wird er zum ersten, nunmehr reproduzierten, also in Form einer Vorstellung vorhandenen Reizresultate dazugefaßt und erhält seinen Platz ganz oder teilweise im geistigen Schubfach desselben. Im letzteren Fall wird ihm der Eintritt in dieses Schubfach ganz oder teilweise verwehrt. Dieses Hinzufassen ist immer mit einer im Wesen der hinzufassenden Vorstellung begründeten Modifikation der hinzugefaßten Vorstellung verbunden und heißt  Apperzeption.  Unter Apperzeption versteht man demnach die durch die vorhandene Vorstellung (die Vorstellungsmassen) modifizierte Aufnahme neuer Empfindungs- oder Vorstellungseindrücke ins Bewußtsein. Mit der Größe der Vorstellungsmasse wächst auch die Größe der an den zu apperzipierenden Eindrücken vorgenommenen Modifikation. So kommt es, daß der Skeptiker an der Wahrheit der offenkundigsten Tatsachen zweifel, der echte Schulmeister jeden Menschen für einen Zögling ansieht, der Polizist hinter jedem einen Verbrecher wittert, der von seinen Angehörigen willkürlich, ungerecht behandelte Zögling sich auch vom Lehrer ungerecht behandelt wähnt, so daß es vieler gegenteiliger Eindrücke bedarf, bis den unfreundlichen Apperzeptionsmassen ein Gegengewicht geboten werden kann. Daraus erklärt sich auch die Schwierigkeit, welche die Verbreitung öffentlichen Wohlwohlens in Zeiten allgemeiner Bedrückung und Ausbeutung verursacht. Die  Perzeption  ist von staunender Willenlosigkeit, wobei dieser Zustand eine meßbare Zeit hindurch anhält, um hierauf dem Akt des  Merkens  zu weichen. In Zusammenhang mit der  Perzeption  steht die  Heterosuggestion welche später besprochen werden wird. Die apperzipierenden Vorstellungsmassen können in ihren Bestandteilen stark und zahlreich sein. Dieselben können, innig und gleichförmig verschmolzen, sich mehr oder weniger sicher und schnell bewegen. Ihr Evolutionsvermögen steht also auf tieferer und höherer Stufe, je nachdem die geistige Entwicklung des Menschen weiter fortgeschritten ist.
    "Hemmend wirken auf die Apperzeption: die Herabsetzung des Vorstellungsleben infolge somatischer Einflüsse (Trunkenheit, Schläfrigkeit, Krankheit), allgemeine Unruhe und Konzentrierung desselben auf fernabliegende dritte Vorstellungen (Erwartungen außerhalb des Vorstellungskreises der Apperzeption. Das Verhältnis kehrt sich um, wo somatische und psychische Fixierungen zugunsten der neuen Vorstellungsmassen eingreifen". (VOLKMANN)
LEIBNIZ meinte, die Apperzeption bestehe darin, daß zum Eindruck das Bewußtsein seiner Existenz in der Seele hinzutritt. KANT spricht von einer transzendentalen Apperzeption, die als eine aktive Betätigung der Seele anzusehen ist, durch welche sie die ansich isolierten Eindrücke, welche die Sinne liefern, zum Ganzen eines angeschauten Gegenstandes verknüpft. HERBART sagt, daß eine neu auftretende Vorstellung in den Zusammenhang der bereits in der Seele vorhandenen aufgenommen (angeeignet, assimiliert) werde. WUNDT faßt den Begriff der Apperzeption als Eintritt einer Vorstellung in den Blickpunkt des Bewußtseins. Der Psychophysiker MÜNSTERBERG remonstriert gegen diese Fassung, sie als eine mystische bezeichnend, weil sie mit den physiologischen Tatsachen nicht zu vereinbaren ist, zudem die Schwierigkeiten nur kondensiert, aber nicht auflöst. LAZARUS bezeichnet die Apperzeption als die Reaktion der von Inhalt erfüllten Seele gegen äußere und innere Perzeptionen. STEINTHAL weist auch darauf hin, daß im Apperzeptionsvorgang nicht immer die angeeignete, sondern oft auch die apperzipierende Vorstellungsmasse eine Veränderung und Berichtigung erfährt. LOTZE erkennt die Apperzeption als Aufnahme einer Wahrnehmung in unser Selbstbewußtsein, in den verständlichen Zusammenhang unseres empirischen Ich und spricht hierbei dem Inhalt und Umfang des letzteren, also reproduzierten Vorstellungen und Gemütszuständen eine entscheidende Bedeutung für den Verlauf der geistigen Aneignung zu. DITTES nennt sie eine durch Reproduktion geleitete und verschärfte Wahrnehmung und wirft sie mit der Aufmerksamkeit in einen unentwirrbaren Knäuel zusammen.

Zurückkehrend zum Problem der Aufmerksamkeit ist:
    1. Die sinnliche Aufmerksamkeit als derjenige geistige Zustand zu betrachten, der zwischen dem Akt des Aufmerkens und demjenigen des Merkens liegt. Sie ist ein Schauen, Beachten des somatischen Reizeindrucks.

    2. Die intellektuelle Aufmerksamkeit ist ein Betrachten, Beschauen des neuen Empfindungs- oder Vorstellungseindruckes im Leicht der bereits apperzipierten Vorstellungen (Vorstellungsmassen) zum Zweck seiner Apperzeption. Sie liegt zwischen dem Akt des Aufmerkens und demjenigen des Apperzipierens.
Zwischen diesen beiden Arten der Aufmerksamkeit findet sich keine feste Grenze. Diese schreitet vom ursprünglichsten, primitiven Beachten bis zu kritischen Betrachten des spekulativen Philosophen in einer ununterbrochenen Reihenfolge von Stärkegraden fort. Schauen, Beachten, Betrachten, Beschauen ergeben als Resultat ein Bewußtsein von der Beziehung des Ich zum beschauten Gegenstand, eine  Wahrnehmung,  zu welcher ein primitives oder apperzipierendes Merken hinzutritt. Es sind daher drei Stadien zu verzeichnen: einerseits Aufmerken, Aufmerksamkeit, Apperzipieren. Im dritten Stadium des Merkens (Apperzipierens) mengt sich in den geistigen Akt eine Gefühlserregung, die als Befriedigun, Mißfallen, Lust, Unlust und dgl. zu Bewußtsein kommt. Eine charakteristische Begleiterscheinung des zweiten Stadiums (der eigentlichen Aufmerksamkeit) ist die Selbstvergessenheit. Bei einem geringen Grad der Aufmerksamkeit (flüchtig) ist auch die Selbstvergessenheit oft unmerklich gering. Steigert sich der Grad der Aufmerksamkeit bis zur vollen Hingabe an das betrachtete Objekt, so steigt auch der Grad der Selbstvergessenheit bis zur völligen Geistesabwesenheit gegenüber allen außerhabl der Enge des Bewußtseins Befindlichem. Sowohl die zu große Flüchtigkeit, wie die Geistesabwesenheit für alles andere bilden in den wechselnden Fällen des Lebens einen Mangel, insbesondere vom Gesichtspunkt der Pädagogik, worauf hier jedoch noch nicht eingegangen werden soll. Das Empfehlenswerte liegt auch hier in der Mitte, im Gleichgewicht zwischen Intensität und Extensität.
    "Wer mit Aufmerksamkeit einen zu wähltenden Entschluß überlegt, soll wenigstens zugleich eine bestimmte Erinnerung seiner Persönlichkeit zu dieser Reflexion hinzubringen." (8)
Diese wünschenswerte Ausgeglichenheit kann im erziehenden Unterricht nur erreicht werden durch den umsichtig und zielbewußt herbeigeführten Wechsel zwischen  Vertiefung  und  Besinnung,  welche beiden Begriffe die wissenschaftliche Pädagogik zu voller Klarheit ausgebildet hat. Bei Schwankungen der Aufmerksamkeit ist Heterogenität der Vorstellungen dem Klarwerden derselben vorteilhafter, als Verwandtschaft der Apperzeptionsmassen, weil das Zurückhalten der nicht verwandten Vorstellungen dem Aufmerken leichter gelingt, wenn es der hin- und herschwankenden Aufmerksamkeit den Raum frei halten soll. Willkürliches Aufmerken wird oft durch Erregung unwillkürlicher Aufmerksamkeit (soll heißen: des Aufmerkens - K. H.) besteht darin, gewisse Bahnen der Erregung zu öffnen und andere zu schließen." (9) Daß Beschleunigungen in dieser Funktion durch planmäßige Übung erzielt werden können, wurde durch neuere Untersuchungen experimentell genau festgestellt. Dauernde gespannte Aufmerksamkeit zu erhalten bedarf übrigens keiner geringen sorgfältigen Übung, bei der sich bald Ermüdung einstellt. Die charakteristischen Begleiterscheinungen des erstens Stadiums (des Aufmerkens) sind die oben schon angeführten, vom Monismus ausführlich beschriebenen.
    "Ob es eigentliche zerebrale Empfindungen als Begleiter der Tätigkeit eines von Aufmerksamkeit geleiteten Vorstellens gibt, erscheint meiner persönlichen Beobachtung sehr ungewiß; man müßte denn diese Denkempfindungen einfach auf jene vitalen Empfindungen zurückführen, welche aus dem, solcher bewußter Tätigkeit entsprechenden, erhöhten Kraftverbrauch des Organismus hervorgehen und teils die erhöhte Blutzufur nach dem Gehirn, teils die nach einiger Zeit eintretende Ermüdung zum Ausdruck bringen." (10)
Die intellektuelle Aufmerksamkeit hängt mit dem Problem der Reproduktionsfähigkeit verdunkelter Vorstellungen, dem  Gedächtnis der Erinnerungskraft zusammen: die Treue des Gedächtnisses wird umso größer sein, je aufmerksamer die Vorstellungen apperzipiert wurden. Auch die Leichtigkeit des Gedächtnisses verdanken wir, nebst anderem, der Beweglichkeit des Aufmerkens. Die Gewandtheit, in den Elementen der freisteigenden Apperzeptionsmassen Auswahl, beziehentlich teilweisen oder vollen Umtausch rasch zu bewerkstelligen, muß durch Übung erlangt werden. DITTES erkennt diesen Zusammenhang nicht an, weil für ihn eine Erinnerungskraft nicht existiert. Die Funktionen derselben teilt er den noch nicht oder nicht mehr gebundenen Seelenelementen zu. (11) Eine schwere Aufgabe erwächst der Aufmerksamkeit aus ihrem Verhältnis zur  Phantasie,  weil von ihr nach der einen Richtung die Reichhaltigkeit der letzteren abhängt, nach der anderen Richtung aber sie in Gegengewicht bieten soll den vorschnellen Erzeugnissen der Phantasie, die, auf eine rohe Anschauung hin, geneigt, das Bild in der Erinnerung umzugestalten.
LITERATUR Karl Haslbruner, Die Lehre von der Aufmerksamkeit, Wien 1901
    Anmerkungen
    1) VOLKMANN, Psychologie II, § 114
    2) JODL, Psychologie, Seite 437
    3) FECHNER, Psychophysik II, Seite 490
    4) DITTES, Psychologie, Seite 88f
    5) FLÜGEL, Über voluntaristische und intellektualistische Psychologie, Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, Bd. 31, Seite 192
    6) JODL, Psychologie, Seite 60
    7) SCHWERTFEGER, Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, Bd. 33, Seite 192; JODL, Psychologie, Seite 444
    8) LOTZE, Medizinische Psychologie, Seite 306
    9) JODL, Psychologie, Seite 444
    10) JODL, Psychologie, Seite 513
    11) DITTES, Psychologie, Seite 65