p-4de BiranF. Brentano    
 
ELISABETH BAUMGARTNER
Intentionalität

"Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die  intentionale  (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die  Beziehung  auf einen Inhalt, die  Richtung  auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die  immanente Gegenständlichkeit  nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, im Urteil etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, im Haß gehaßt, im Begehren begehrt usw."

Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es, der Bedeutung und Verwendung des Begriffs "Intentionalität" in der Psychologie nachzugehen.

Angeregt wurde ich zu dieser Fragestellung durch die Beschäftigung mit der Psychologie FRANZ BRENTANOs. Er bezeichnete  Intentionalität  als das Charakteristikum der psychischen Phänomene. Einmal auf diesen Begriff aufmerksam geworden, entdeckte ich nun "Intentionalität" sehr häufig als Terminus in psychologischen Abhandlungen. Der theoretische Rahmen und der Sachzusammenhang waren dabei sehr unterschiedlich.

In dieser Arbeit versuche ich nun zu untersuchen, wie und wo BRENTANOs Intentionalitätsbestimmung aufgegriffen wurde. Ich werde auch die Wandlungen, Verzerrungen und den gegebenenfalls falschen Gebrauch des Begriffs "Intentionalität" bei verschiedenen Schulrichtungen, Autoren und Gegenstandsgebieten aufzeigen. Bei meinem Literaturstudium bemerkte ich die Gefahr, die mit einem falschen Gebrauch oder einer Inflationierung von Bedeutungen eines Begriffs verbunden sind. Solche Kontaminationen dienen weder der Klarheit von Aussagen, noch der Verständigung der Wissenschaftler untereinander. Zu überprüfen, ob überhaupt und in welchem Zusammenhang BRENTANOs Intentionalitätsbestimmung noch für die heutige Psychologie fruchtbar sein kann, das ist das Anliegen dieser Untersuchung.

"Intentionalität", von FRANZ BRENTANO als Begriff in die Psychologie eingeführt, in der Philosophie freilich mit einer langen Geschichte, verweist auf den Bereich des Bewußtseins. Ich möchte mich nun allerdings in dieser Arbeit nicht mit einer Darstellung der klassischen Bewußtseinspsychologie, sondern die Brauchbarkeit des Begriffs  Intentionalität  bei der Beschreibung und Erklärung psychischer Vorgänge untersuchen.

Seit der vielzitierten "kognitiven Wende" oder gar "kognitiven Revolution" (Herzog 1984, Seite 20f) in der Psychologie (die freilich nur diejenigen vollziehen mußten, die vorher in die falsche Richtung gegangen waren) finden sogenannte "mentalistische" Begriffe wie z. B.  Intentionalität  wieder Eingang in die Fachliteratur. "Cognitive Psychology" (Neisser 1974, Anderson 1975) "Die dritte Kraft" (Maslow 1970) haben eine Neuorientierung bewirkt. "Die Reise wird wohl einmal in Richtung auf eine Psychologie des intentionalen Handlungssubjekts gehen", meint HERMANN (1982a, Seite 13).

Die Schwerpunkte der Ausführungen werden in der Allgemeinen Psychologie liegen, geht es doch um die Bereiche Wahrnehmung, Denken (oder Kognition) und Motivation. Dort wird ein breites zeitliches Spektrum angesprochen; die Ansätze zur Beantwortung heute aktueller Fragen, beispielsweise der Motivationspsychologie reichen bis zu ACH (1905), LEWIN (1928b), DEMBO (1931), OVSIANKINA (1928), HOPPE (1930), JUCKNAT (1937) zurück (Metzger 1982, Seite 678).

Historische Kontinuität aufzuzeigen kommt zwar "der ausgesprochenen Neuerer-Attitüde mancher Kognitivisten wohl kaum entgegen" (Hermann 1982a, Seite 4), ist aber notwendig und hilfreich für die Begriffsanalyse.

Ferner ist der genetische Aspekt zu behandeln: wann und wie entsteht "Intentionalität"? Die Frage nach dem "wie" wird eher bei tiefenpsychologisch orientierten Autoren thematisiert, etwa in der Schule der Neo-Psychoanalyse (Schultz-Hencke 1972, Horney 1954) oder bei WYSS (1982, Seite 546) sowie in den älteren Werken zur Persönlichkeitspsychologie (Stern, 1923a) besonders der Schichttheorie (Lersch 1966).

Auch in der Entwicklungspsychologie wird Intentionalität als Begriff gebraucht. Bei der Frage nach dem "Wann" finden wir Antworten im Zusammenhang mit Forschungen auf dem Gebiet des moralischen Urteils bzw. der Entwicklung der Werthaltungen.

Die Humanistische Psychologie greift bei der theoretisch-philosophischen Begründung ihrer psychotherapeutischen Praxis u. a. auf den Existentialismus zurück. Auch in diesem Zusammenhang wird "Intentionalität" thematisiert. Dem wird in Kapitel 5 nachgegangen.

Das Problematische bei dem Unternehmen, eine Analse der "Intentionalität" vorzunehmen, liegt im sprachlichen Bereich. So wie es einen "engen" und einen "weiten" Bewußtseinsbegriff gibt (Pongratz 1967, Seite 85f), verhält es sich auch mit der "Intentionalität". Der Begriff, ursprünglich auf bewußte Vorgänge beschränkt (Kunz, 1966, Seite 162-200), wurde erweitert durch die Hereinnahme von "Vorbewußtem" und "Unbewußtem" (Schöpf, 1982, Seite 136). Durch seine subjektive Bestimmtheit ist er für systemtheoretisch orientierte Wissenschaft unbrauchbar (vgl. Hermann 1977, Seite 230 und 1982a, Seite 3). Es bleibt aber die Möglichkeit der handlungstheoretischen Interpretation (vgl. Bischof 1891, Seite 36), die in der Psychologie durch HEIDERs  Naive  Verhaltensanalyse angeregt wurde. Die Beachtung des Handlungsaspektes gegenüber dem Erkenntnisaspekt wird gar als Paradigmenwechsel (z. B. SUAREZ 1981, Seite 110) der zeitgenössischen Psychologie beschrieben (vgl aber auch WESTMEYER 1981, Seite 115-126).

Neben den begrifflichen Uneindeutigkeiten ist mit einer zweiten sprachlichen Schwierigkeit zu rechnen. Die weitgehend phänomenologischen Arbeiten aus dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts gelten Vielen als "spekulativ" und "semantisch überfrachtet" (z. B. Scherer 1891, Seite 306). Gerade aus dieser Zeit - und aus dieser philosophischen Schule - stammen wichtige Arbeiten zum Intentionalitätsproblem. Einem empirisch ausgerichteten Psychologen, der begriffliche Beziehungen nur als quantitative Abhängigkeiten (Müller 1980, Seite 339) zu sehen gelernt hat, werden diese Ausführungen wenig sagen. Als "empirisch" abreitend empfanden sich aber auch viele der Philosophen-Psychologen, die sich zum Intentionalitätsproblem geäußert haben (z. B. BRENTANO und HUSSERL). Empirische Erfahrungswissenschaft sollte die Psychologie nach BRENTANO sein.
    "Die Definition als Wissenschaft von der Seele ist in neuerer Zeit als  metaphysisch,  was soviel sagen soll, als durch keine Erfahrung gerechtfertigt oder gar als  scholastisch  gebrandmarkt worden. Man hat aber doch nur seiner eigenen Unfähigkeit Ausdruck gegeben, der wirklichen Erfahrung analytisch gerecht zu werden." (Brentano 1982, Seite 147)
Was "frühere" und "heutige" empirische Psychologen unterscheidet, sind die Methoden, "Erfahrungen" zu machen.


1. Wurzeln des Intentionalitätsbegriffs in der Philosophie
    [Intentionalität als Begriff]


Hier soll nicht eine eingehende philosophie-historische Untersuchung versucht, sondern nur ein kurzer Überblick über die Geschichte des Begriffs "Intentionalität" vorangestellt werden.

Spätestens seit HEGEL sind wir darauf aufmerksam geworden "daß auch Begriffe ihre Bewegung haben, daß sie nicht Petrefakte sind, sondern flüssig." (Lübbe 1975, Seite 8) LÜBBE bezieht sich in diesem Zusammenhang auf HEGELs
    "Metapher von der Anstrengung des Begriffs, die es nahelegt, Begriffe unter Handlungsaspekten zu betrachten. Diese Metapher läßt uns Begriffe unter dem Aspekt, daß sie Hervorbringungen sind, ansehen. Sie veranlaßt uns, Begriffe als Produkte unserer Tätigkeiten zu begreifen und ihre Verwendung als eine spezielle Praxissorte." (Lübbe 1975, Seite 9)
Ist dieser Auffassung auch keine einhellige Zustimmung sicher: "Eine Geschichte haben die Termini und die Probleme. Nicht eigentlich der Begriff als solcher" (Rothacker 1957, Seite 9), so scheint mir damit doch ein Ansatz zur Interpretaion des Bedeutungswandels von "Intentionalität" möglich zu sein.

Ein Begriff ist ein Terminus, freilich von einer bestimmten Generalisierungsstufe. Unter dieser Voraussetzung gibt SCHULTZ Hinweise zum methodischen Vorgehen bei begriffsgeschichtlichen Studien. [...] Ich werde darstellen, ob Wort und Sachverhalt in den verschiedenen Epochen unverändert bleiben, ob ein neues Wort für den gleichen Sachverhalt gefunden oder aber mit dem gleichen Wort (Intentionalität) andere Sachverhalte bezeichnet werden. Die Benutzertradition zu erforschen wird methodisch am schwierigsten sein, der konnotative [inhaltliche - wp] Gehalt eines Begriffs wird nicht expliziert wie der denotative [sein Umfang - wp]. Zeit- und wissenschaftsgeschichtliche Überlegungen können hier Interpretationshinweise geben.

Unterschiedliche Standpunkte oder die Zugehörigkeit zu verschiedenen philosophischen Schulrichtungen beeinflussen wo sie überhaupt vorgenommen werden - die geschichtliche Herleitung des Intentionalitätsbegriffs. Ich werde die "Väter" in historischer Reihenfolge nennen und ihren Beitrag zu unserer Problematik im vorher beschriebenen Kontext darstellen.


1.1. Platon

Das  Dictionary of Behavioral Science  bezieht sich unter dem Stichwort "intentionality" auf PLATON.
    "Quelle des Intentionalitätsbegriffs ist die klassische Konzeption in der ein Individuum mit einem Objekt interagiert und zwar so daß die Wahrnehmung eines Objekts eine Fusion der  eidola  [des Bildes - wp] dieses Objekts und den Lichtwellen die von diesem Objekt ausgehen."
Außer auf Wahrnehmung wird auf Denken hingewiesen: "Auf der Denkebene bedeutet die Natur der Intentionalität die Beurteilung  von etwas. "' (Wolman, 1973, 198) Bei der dort angegebenen Stelle ist in der SCHLEIERMACHER-Übersetzung von "vorstellen" die Rede, im griechischen Original (Theaitetos 189A) kann man entnehmen: kein Sehender ohne Gesehenes, kein Hörender ohne Gehörtes, kein Vorstellender ohne Vorgestelltes. Die "intentionale Beziehung", die Grundlage der Aktpsychologie FRANZ BRENTANOs, ist hier angedeutet.

JOSEPH MOREAU glaubt, Phänomenologen hielten "Intentionalität" für eine neue, für ihre Entdeckung. Dem hält er Stellen aus  Politeia  und  Parmenides  entgegen. Erneut wird die intentionale Beziehung des Bewußtseins auf ein "etwas" angesprochen. "Es gibt kein Wissen, das kein Objekt hätte, das nicht Wissen  von etwas  wäre." (Moreau 1961, Seite 219).

MOREAU führt noch ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Intentionalitätsbegriff an: das des intentionalen Gegenstands und seiner Existenzform. Die platonische Auffassung hierzu ist nach MOREAU die der Existenz der Idee, unabhängig von der Art der sinnlichen Wahrnehmung und der gedanklichen Erfassung. "Da ist ebenso eine Anerkennung daß ein Objekt  ist;  sonst könnte es nicht gewußt werden." (Moreau 1961, Seite 219).


1.2. Aristoteles

Nicht die Worte, aber die Sachverhalte "intentionale Beziehung des Bewußtseins" und "intentionale Inexistenz" lassen sich auch bei ARISTOTELES entdecken (z. De Anima II, 6, § 4, Seite 418, a, 24).

MOREAU verweist darauf, daß ARISTOTELES Wissen immer in Beziehung zu etwas setzt, sprachlich den Genitiv gebrauchend:  episteme tinos  (Moreau 1961, Seite 216). Das  Dictionary of Behavioral Science  macht ARISTOTELES zum Vater der intentionalen Inexistenz:
    "Innerhalb von  Aristoteles ' naivem Realismus und seiner Substanztheorie des Geistes, setzen Objekte einen Eindruck ihrer Form im Geist, der die Fähigkeit hat jede beliebige Form anzunehmen. Die Form des Objekts aber wurde intentional im Gedächtnis zur Existenz gebracht. Das ist bekannt unter der Doktrin der intentionalen Inexistenz." (Wolman 1973, Seite 198; vgl. auch Pongratz 1967, Seite 123)
FRANZ BRENTANO bezieht sich bei seiner Einführung des Terminus  intentionale  Inexistenz auf die Scholastiker des Mittelalters (Brentano, 1973, I, Seite 124), erwähnt jedoch auch ARISTOTELES:
    "Schon  Aristoteles  hat von dieser psychischen Einwohnung gesprochen. In seinen Büchern von der Seele sagt er, das Empfundene als Empfundenes sei im Empfindenden, der Sinne nehme das Empfundene ohne die Materie auf, das Gedachte sei im denkenden Verstand." (Brentano 1973, Seite 125).
Eher von ARISTOTELES als von der Scholastik scheint die Formulierung des Intentionalen bei BRENTANO geprägt (Hedwig 1978, Seite 70).


1.3. Lateinische Tradition

Bei LUCIUS ANNÄUS SENECA findet man in den  Quaestiones naturales  die Stelle: "Quid est aliud, quo animus noster agitur? Quis est ille motus nisi intentio?" [Gibt es noch etwas anderes, was die Seele bewegt? Ist diese Bewegung Intention? - wp] (vgl. PONGRATZ 1967, Seite 123).

Dies ist die ursprüngliche Verwendung von  intentio,  die SPIEGELBERG als die praktische Bedeutung bezeichnet und die Hinstreben, Absicht, Anspannung, die Verbindung mit dem Willen und seinen Zielen beinhaltet (Spiegelberg 1969, Seite 190-192; ENGELHARDT 1976, Seite 466f).

Beispiele für diesen Gebrauch finden sich bei SENECA, bei THOMAS von AQUIN (Intentionalität als actus voluntatis), bei AUGUSTINUS (Intentionalität als Aufmerksamkeit), bei ALEXANDER von HALES (Intentionalität als Wille) (Anzenbacher 1972, Seite 142).


1.4. Arabischer Einfluß

Eine abweichende (bei SPIEGELBERG "außerpraktische", bei ENGELHARDT "im weitesten Sinn theoretische") Bedeutung von "intentio" taucht durch die Übersetzung von arabischen philosophischen Schriften auf. Beispiel ist die Übersetzung des Aristoteleskommentars von IBN SINA = AVICENNA (980-1037) durch DOMINICUS GUNDISSALINUS und JOHANNES HISPANUS im 12. und 13. Jahrhundert. Das aravuscge  ma'na  (das ist die Übersetzung von  logos  ist), und "Sinn, Bedeutung, Idee, Begriff, Sache" bedeutet, wird als "intentio" übersetzt. "... was die Seele an den Gegenständen erfaßt" - diese Übersetzung von SPIEGELBERG (1969, Seite 192) deutet die intellektuelle Seite des Begriffs an, doch steht  ma'na - intentio  auch für "animalische Lebensbedeutsamkeit ... so hat das Schaf eine Intentionalität von der Bedrohlichkeit des Wolfes und von der  concordia  mit seiner  socia."  (Engelhardt 1976, Seite 470).

Auf AVICENNA geht eine in der Scholastik wirksam werdende Unterscheidung zurück, die in  intentiones primae  und  intentiones secundae. Intentiones primae  bezeichnen "die sinnlichen Anschauungsbilder (species sensibiles, auch: species intentionales oder intentiones)" (Pongratz 1967, Seite 123), "die erkannten Sachen selbst" (Spiegelberg 1969, Seite 192), intentiones secundae sind die logischen Allgemeinbegriffe. Statt AVICENNA wird auch al-FARABI als Urheber dieser Unterscheidung genannt (Gyekye 1971, Seite 38), doch soll diese Frage hier nicht weiter beschäftigen.


1.5. Die Scholastik

In der Scholastik werden die Termini "intentio", "intentionale" und "intentionalitas" zu zentralen Begriffen, vor allem der Erkenntnislehre. Es ist diese Tradition, auf die die Psychologie FRANZ BRENTANOs, die phänomenologischen Schulen im Anschluß an EDMUND HUSSERL und existentialistische Richtungen zurückgehen (Brentano, 1973, Seite 124; Hedwig 1978, Seite 68; Merleau-Ponty 1966, Seite 14).


1.5.1. intentio

Bei THOMAS von AQUIN sind "intentiones ... die in die Seele aufgenommenen  Ebenbilder, similitudines  oder sogar  imagines."  (Spiegelberg 1969, Seite 192) Hier ist auf die intentionale Inexistenz, die Existenz der Objekte  im  Bewußtsein hingewiesen. Existieren die Gegenstände nun zweifach, einmal im Bewußtsein und einmal in der Realität? Der alte Streit zwischen "Realismus" und "Idealismus" entfaltet sich am Konzept der Intentio neu. THOMAS von AQUIN kann der "realistischen" Seite zugerechnet werden, denn er behauptet nur die Existenz eines Bildes des Gegenstandes im Bewußtsein "Lapis autem non est in anima, sed forma lapidis" [Der Stein ist nicht in der Seele, sondern die Form eines Steins. - wp] (Marras 1976, Seite 131).

In der Hochscholastik wurde die thomistische Abbildtheorie der Erkenntnis und mit ihre die Spezieslehre durch den Nominalismus in den Hintergrund gedrängt. "Intentio" erhält eine neue Qualität. DUNS SCOTUS sieht  intentio  "als Akt, und zwar als  actus rationis  (actus intellectus)" (Spiegelberg 1969, Seite 195).

Bei DUNS SCOTUS und später bei WILHELM von OCKHAM steht äquivok für  intentio  auch  conceptus  (Engelhardt 1976, Seite 474). Im 19. Jahrhundert wird jener Begriff von WILLIAM JAMES aufgegriffen (vgl. Kapitel 3).

"Prima intentio" und "secunda intentio" sind jetzt psychologische, mentale Phänomene:
    "... eine Intention ist etwas in der Seele, das als Zeichen natürlich etwas bezeichnet, für das es stehen kann oder das Teil einer intellektuellen Aussage. Ein solche Zeichen ist zweifach. Einmal ist es das Zeichen für etwas, das selbst kein Zeichen ist ... und das wird eine  primäre Intention  genannt, also berechenbare Intentionen, die in der Seele jedes Mensch stattfinden, wie etwa die von etwas Weißem oder Schwarzem usw. ... Eineine sekundäre Intention ist nun eine, die als Zeichen für eine primäre Intention steht, Intentionen wie  genus, species  und dgl." (Gyekye 1971, Seite 34)
Von den Zeitgenossen, etwa von PETRUS AUREOLUS, wird diese Auffassung - vor allem was die zweiten Intentiones, die logischen Gegenstände betrifft - als Psychologismus verworfen (Spiegelberg 1969, Seite 196). Unter dem Stichwort "Produktionsaspekt" werden wir diese Streitfrage später wiederfinden.


1.5.2. intentionalitas

Der Terminus "intentionalitas" wird von HERVAEUS NATALIS eingeführt. Damit wird die Eigenschaft der  intentio,  eine Relation zu sein, bezeichnet. Es besteht ein "Verhältnis" (habitudo) ... zwischen der erkannten Sache und dem Erkennen." (Hedwig 1978, Seite 75) Die hier angesprochen Reflexivität des Denkes via Begriffsbildung, die erkenntnismäßige Bedeutung von  intentio  ist kennzeichnend für die Verwendung des Terminus in der Scholastik.


1.5.3. Das Intentionale

Die Bedeutung von "esse intentionale" ändert sich in der Zeit der Scholastik. Bei THOMAS von AQUIN wird "esse intentionale" dem "esse reale" gegenübergestellt. Diese Entsprechung ergibt sich aus seiner Abbildlehre. In der Spätscholastik wird dann "esse intentionale ... zu einem bloß aktbedingten, sogar von willentlichen Akten des Subjekts abhängigen Sein." (Spiegelberg 1969, Seite 204) Da es sich um das Sein erkenntnismäßiger Gebilde handelt (bei den secundae intentiones) ist hier der Einfluß der nominalistischen Richtung deutlich; primae intentiones werden, z. B. bei OCKHAM als "res realiter existens" bezeichnet (Spiegelberg, 1969, Seite 204).


1.5.4. "Praktische Bedeutung von intentio

Neben der oben geschilderten Verwendung der "außerpraktischen" intentio im Zusammenhang mit Logik und Epistemologie, als geistiger Akt (Beziehung des Objekts zum Akt, nicht des erkennenden Subjekts zum Gegenstand) besteht weiterhin die sogenannte praktische intentio. Bei THOMAS von AQUIN werden beide Möglichkeiten unterschieden. (Einen Überblick über die vielfältige Verwendung von  intentio  bei THOMAS von AQUIN bietet Anzenbacher 1972, Seite 226f). Für die Psychologie wird später mit BRENTANO diese Beziehung zum Gegenstand von Analysen und Untersuchungen; die philosophische Fragestellung befaßt sich eher mit der zweiten für die Ontologie relevanten Bedeutung, vor allem mit dem Problem der intentionalen Inexistenz.

Die erste Bedeutung von  intentio  greift z. B. PONGRATZ auf, wenn er meint: "Es ist das Verdienst der scholastischen Philosophie, daß sie die Grundstruktur unseres Bewußtseins (des psychischen Lebens überhaupt), das  tendere in aliquid  [die Neigung zu etwas - wp] erkannt hat". (Pongratz, 1967, Seite 124)


1.6 Spinoza

Entgegen der Ansicht, der intentionale Charakter des Bewußtseins sei nach der Scholastik bis zu BRENTANOs Wiederentdeckung in der Philosophie unberücksichtigt geblieben (Pongratz 1967, Seite 124; Spiegelberg 1969, Seite 189), seien einige "Aufklärer" angeführt, die dieses Problem sehr wohl thematisierten. Im Sinne der  secundae intentiones"  spricht z. B. SPINOZA von der Idee oder vom Begriff, der "eine Tätigkeit des Geistes" (Spionza 1967, Seite 49) ist, "den der Geist bildet." (Produktionsaspekt) Und auch die intentionale Inexistenz ist beschrieben: "Daseinsformen des Denkens (Bewußtseins) als: Liebe, Begierde, oder welche sonst mit dem Namen eines Seelenaffekts bezeichnet werden, gibt es nur, wenn es in demselben Individuum eine Idee des geliebten, begehrten usw. Dinges gibt." (Spinoza 1967, Seite 50; vgl. auch Moreau 1961, Seite 216) Später wird von BRENTANO ganz ähnlich argumentiert zur Klassifikation der psychischen Phänomene. Die Beschäftigung SPINOZAs mit Fragen des Bewußtseins war angeregt durch DESCARTES.


1.7. Descartes

Die Auswirkungen des Cartesischen Dualismus  res cogitans - res extensa  [Realität des Bewußtseins, körperliche Realität - wp] auf die Entwicklung der Psychologie (Bewußtseinspsychologie) sollen hier nicht ausgeführt werden (vgl. Pongratz 1967, Seite 30; Graumann 1974, Seite 82; Müller 1967, Seite 104f), sondern nur Implikationen unserer intentionalen Thematik in seinem Werk aufgespürt werden. "Die  Intentionalität  bei Descartes" (Husserl 1969, Seite 91) ist die  cogitatio  (Erfahren, Denken, Fühlen, etwas Bewußthaben). Die  modi cogitandi  als psychische Prozesse verlangen ein  cogitatum,  ein Objekt, auf das sie sich richten. Die Realität dieser Objekte ist in verschiedenen Abstufungen gegeben: "Da ist mehr objektive Realität in der Idee von einem Menschen, von einem Tier oder von einem Stein als in der Idee von Länge, von Qualität oder von Beziehung." (Moreau 1961, Seite 217) Dies ist jedoch nicht der springende Punkt, sondern das  cogitatum qua cogitatum  [Denken des Gedankens - wp]: Die Intentionalität des Bewußtseins benötigt kein real existierendes Objekt; Bewußtsein von etwas bedeutet lediglich "present to thought" [im Gedanken präsent - wp] (Moreau 1961, Seite 221)

Man sieht auch hier eine fortschreitende Abstraktion von den primae zu den secundae intentiones (von Wahrnehmungen zu Begriffen), doch ist es kein genetisches Verhältnis, vielmehr ist die Seele mit eingeborenen Ideen ausgestattet.

Der cartesische Dualismus, die strikte Trennung in Seele (Bewußtsein" und Welt (Materie), führte vielmehr, z. B. in der klassischen Psychologie, dazu, die Sinnesempfindungen, die ja als Bewußtseinsinhalte bevorzugte Untersuchungsgegenstände waren, als "außerweltlich" zu klassifizieren (vgl. Pongratz 1967, Seite 31).

Wie im Eingangskapitel schon erwähnt, gilt weithin FRANZ BRENTANO als derjenige, der die Intentionalität in die Psychologie eingeführt hat. In seine Zeit fallen die Bestrebungen, die Psychologie von der Philosophie zu lösen und als eigenständige WIssenschaft zu begründen. Auch FRANZ BRENTANO unterstützte diesen Trend; er fordere 1874 in Wien die Einrichtung eines Instituts für experimentelle Psychologie (Wilhelm Baumgartner 1983, Seite 168), was aber nicht gewährt wurde, so daß erst 1879 mit WILHELM WUNDTs Institutsgründung in Leipzig experimentelle Psychologie in einer deutschen Universität etabliert wurde.


2.1. Die Einteilung der Psychologie bei Franz Brentano

BRENTANO unterteilt die Psychologie in Psychognosie und genetische Psychologie.
    "Die Psychologie ist die Wissenschaft vom Seelenleben des Menschen, d. h. von jenem Teil des Lebens, welcher in innerer Wahrnehmung erfaßt wurde. Sie sucht die Elemente des menschlichen Bewußtseins und ihre Verbindungsweisen (nach Möglichkeit) erschöpfend zu bestimmen und die Bedingungen anzugeben, mit welchen die einzelnen Erscheinungen ursächlich verknüpft sind. Das Erste ist Sache der Psychognosie, das Zweite fällt der genetischen Psychologie anheim." (Brentano 1982, Seite 1)
Psychognosie, als "Deskriptive Psychologie", "beschreibende Phänomenologie" (Brentano 1982, Seite IX und 129), "reine Psychologie" (a. a. O., Seite 1) bezeichnet, ist das Feld, in dem die Bestimmungen des Intentionalen ihren Platz haben. Ihre Methode ist, wie schon der Name sagt, die Deskription der Phänomene.
    "Unter Phänomene aber (verstehe ich) das, was von uns wahrgenommen wird, und zwar im stengen Sinn der Worte wahrgenommen wird ... Dies ist zum Beispiel bei der Außenwelt nicht der Fall." (Brentano 1982, Seite 129)
BRENTANO sagt zur Methode: "Im allgemeinen (ist sie) die der Naturwissenschaft mit Erfahrung als Grundlage." (Brentano 1982, Seite 154) Er sieht auch die Schwierigkeiten dieser Bestimmung: "Beschränkung des direkten Erfahrungsgebietes auf eine Person ... Folgen (sind) bloß analoge Gültigkeit der Seelenerkenntnis (Autognosie) für jeden anderen." (Brentano 1982, Seite 155) Für BRENTANO geht jede Erfahrungswissenschaft von evidenten Tatsachen aus. Evidente Tatsachen "besitzen wir aber nur in der Wahrnehmung unserer psychischen Zustände, d. h. in der Erkenntnis dessen, was uns  psychisch  erscheint." (Brentano 1982, Seite 158) Darauf zielt die Analyse und Deskription.

Das Aufgabengebiet der genetischen Psychologie ist ein anderes:
    "Erfahrungsgemäß sind das menschliche Bewußtsein und seine verschiedenen Erscheinungen in ihrem Auftreten an gewisse physiologische Vorgänge gebunden, welche wir als chemisch-physische Prozesse zu begreifen gelernt haben. Wenn es also, wie wir sagten, Sache der genetischen Psychologie ist, uns mit den Bedingungen bekannt zu machen, unter welchen die einzelnen Erscheinungen eintreten, so ist es klar, daß die genetische Psychologie nirgendwo voll und eigentlich ihre Aufgabe lösen wird ohne Mitangabe chemisch-physischer Prozesse und der Namhaftmachung anatomischer Gebilde." (Brentano 1982, Seite 1f).
Die genetische Psychologie ist nach BRENTANO notwendig inexakt.
    "Die Gesetze des Werdens, die sie aufstellt, gelten nicht so streng allgemein, daß sie nicht mehr oder weniger häufig eine Ausnahme erleiden. Wie die Meteorologie muß die genetische Psychologie um wahr zu sprechen die Präzision eines jeden Satzes durch ein  häufig, meist  und dgl. verringern."
Und an anderer Stelle:
    "Die Sätze der genetischen Psychologie sind, man kann sagen, durchwegs unexakt. Sie gelten nur für den Durchschnitt der Fälle. Irgendeine Ausnahme bleibt möglich." (Brentano 1982, Seite 4 und 154)
Hier ist also eine Einteilung der Psychologie vorgegeben, die später, z. B. von WINDELBAND, als "idiographische" und "nomothetische" Psychologie methodisch unterschieden wurde (Hermann 1979, Seite 16). Es handelt sich jedoch um kein Ausschließungsverhältnis der beiden Richtungen, sondern beide Aspekte bilden "die Psychologie", wobei der genetischen Psychologie eine Art Hilfsfunktion für die Deskriptive Psychologie zukommt (Brentano 1982, Seite 6f.

Ich habe diese Einteilung der Psychologie durch BRENTANO ausführlich zitiert, um deutlich zu machen, auf welchem Hintergrund er das Intentionale behandelt. Wir können von "Intentional" nur im Bereich innerer Wahrnehmungen sprechen.


2.1.1. Innere Wahrnehmung

    "Unter Wahrnehmung verstehen wir nur die, welche wahrhaft und eigentlich den Namen verdient, und das ist nur diejenige, welche man, im Gegensatz zur sogenannten äußeren Wahrnehmung, innere Wahrnehmung zu nennen pflegt. Die Gegenstände der inneren Wahrnehmung sind wahrhaft und ansich, z. B. unser Denken, unsere Freude, unser Schmerz ist  ansich."  (Brentano 1982, Seite 130f)

    "... die Psychognosie ... lehrt nichts über die Ursachen, welche das menschliche Bewußtsein erzeugen und welche machen, daß eine gewisse Erscheinung jetzt eintritt, jetzt unterbleibt oder verschwindet: sie geht auf nichts anderes aus als uns einen allgemeinen Begriff vom gesamten Bereich des menschlichen Bewußtseins zu geben, indem sie die sämtlichen Grundbestandteile angibt, aus welchen alles, was irgendwann von einem Menschen innerlich wahrgenommen wird, sich zusammensetzt, und die Verbindungsweisen, welche zwischen diesen Teilen möglich sind, aufzählt." (Brentano 1982, Seite 2)
BRENTANO vertritt die Auffassung, daß es keine psychische Tätigkeit gibt, die nicht in innerer Wahrnehmung erfaßt werden kann. Freilich sind als Voraussetzungen z. B. nötig: Aufmerksamkeit, sich Beschäftigen, Interesse, Wachheit etc. Faktoren, die die Wahrnehmung beeinträchtigen, nennt BRENTANO aus seiner Kenntnis der zeitgenössischen (genetisch)-psychologischen Forschungen (Brentano 1982, Seite 121-128).

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem empirischen Material des Bewußtseins verlangt, daß man erlebt, bemerkt, fixiert, induzierend verallgemeinert, intuitiv erfaßt und schließlich deduktiv verwertet (Brentano 1982, Seite 28 und 65). So gelang der "Psychognost" zu seinen Aussagen. Äußere Wahrnehmung, Sinneswahrnehmung ist nach BRENTANO unzuverlässig, "blind, nicht logisch gerechtfertigt, keine Erkenntnis" (Brentano 1973, Seite LXXV), was er anhand des Farbensehens illustriert (Brentano 1982, Seite 15f. Doch sie ist Material der inneren Wahrnehmung, primäres Objekt. Dem "nihil est in intellectu, quod prius fuerit in sensu" [Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. - wp] des JOHN LOCKE stimmt BRENTANO zu (Brentano 1982, Seite 147), wenn er auch ergänzt ", nisi intellectus ipse" [außer der Verstand selbst - wp] (Brentano 1968, Seite 138).

Zuverlässig, evident hingegen ist die Tatsache, daß ich es bin, der etwas zum primären Objekt hat (sieht, hört, für wahr hält, fühlt), gleichgültig, ob es sich beim primären Objekt um real existierende oder etwa geträumte, halluzinierte Gegenstände handelt: "Erläuterungen des Ausdrucks  Objekt etwas innerlich Gegenständliches ist gemeint. Draußen braucht ihm nichts zu entsprechen." (Brentano 1982, Seite 22)


2.1.2 Das Intentionale

Das Intentionale wird von BRENTANO eingeführt zur Unterscheidung psychischer von physischen Phänomenen. In seiner "Psychologie vom empirischen Standpunkt" von 1874 analysiert er die Unterschiede. Physische Phänomene sind für BRENTANO z. B. "... eine Farbe, eine Figur, ... die ich sehe; ein Akkord, den ich höre; Wärme, Kälte, Geruch, die ich empfinde; sowie ähnnliche Gebilde, welche mir in der Phantasie erscheinen." (Brentano 1973, Seite 112)

Psychische Phänomene hingegen sind Akte, "Also das Hören eines Tons, das Sehen eines farbigen Gegenstands, das Empfinden von warm und kalt ... Ferner jedes Urteil, jede Erinnerung, jede Erwartung, jede Folgerung, jede Überzeugung oder Meinung, jeder Zweifel ... jede Gemütsbewegung, Freude, Traurigkeit, Furcht, Hoffnung, Mut, Verzagen, Zorn, Liebe, Haß, Begierde, Willen, Absicht, Staunen, Bewunderung, Verachtung usw." (Brentano 1973, Seite 111f). Dieser Phänomenendeskription, aufbauend auf der Klassifikation der psychischen Phänomene in Vorstellungen, Urteile und Gemütsbewegungen, folgt die verallgemeinernde Begriffsbestimmung, die dem Namen BRENTANO in den Lehrbücher der Psychologie einen festen Platz begründet hat.
    "Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, im Urteil etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, im Haß gehaßt, im Begehren begehrt usw." (Brentano 1973, Seite 124f).
In dieser Bestimmung sind zwei Thesen enthalten; eine ontologische: die intentionale Inexistenz und eine psychologische: die Beziehung auf ein Objekt als Unterscheidungskriterium der psychischen und physischen Phänomene (vgl. Chisholm 1967a, Seite 201 und 1967b, Seite 6). Die ontologische These ist problematisch, sie hat zu vielen kontroversen Diskussionen innerhalb der Philosophie angeregt. Ansatzpunkt der Kritik war beispielsweise die Scholastikrezeption BRENTANOs selbst (W. Baumgartner 1983, Seite 58), sowie BRENTANOs Revision der eigenen Lehre in der "Abkehr vom Nichtrealen" ab 1902 (vgl. W. Baumgartner 1983, Seite 39).

BRENTANOs Schüler HUSSERL und MEINONG hielten an BRENTANOs ursprünglicher Lehre fest und entwickelten sie "zur  Phänomenologie  und  Gegenstandstheorie (Oskar Kraus in Brentano 1973, Seite 269); aus der revidierten Lehre entsprachn die anglo-amerikanische Konzeption der "Ontology of Mind" (Moore 1969, Ryle 1949).

Nach BRENTANOs späterer Lehre können nur Realia Objekte unseres Bewußtseins sein (Brentano 1971 und O. Kraus in Brentano 1973, Seite 296). Mit der Aufgabe der immanenten Gegenständlichkeit war freilich, wie SPIEGELBERG meint, auch die Aufgabe des Intentionalitätsbegriffs durch BRENTANO verbunden, denn "die mentale Inexistenz, nicht die Beziehung auf etwas als Objekt, macht ihm das Wesen der Intentionalität aus." (Spiegelberg 1969, Seite 207) Dieser Interpretation stimmt auch MOHANTY zu: "... Brentanos  intentional  ist ein Attribut des Objekts und nicht des bewußten Aktes: was dann in diesem Fall den bewußten Akt zum Richtungsbezug zum Objekt macht." (Mohanty 1972, Seite 10).

Die zweite These zur oben angeführten Bestimmung psychischer Phänomene, die psychologische These (die  Beziehung  auf ein Objekt), wurde von BRENTANO beibehalten und auch in seinem Spätwerk immer wieder aufgegriffen. Es muß jedoch festgestellt werden, daß die Bezeichnung "intentional" seltener wird. So schreibt BRENTANO 1911 nur noch: "Das Charakteristische für jede psychische Tätigkeit besteht, wie ich gezeigt zu haben glaube, in der Beziehung zu etwas als Objekt." (1971, Seite 133) So hat BRENTANO zwar der modernen Psychologie den Begriff der Intentionalität wieder vorgestellt; in seiner eigenen Lehre aber später nicht mehr in Verbindung mit den Akten, den psychischen Beziehungen gebraucht, da er "intentional", im Sinne der Scholastik, als Attribut des Gegenstandes sah, die Beziehung auf ein Bewußtseinsobjekt aber nicht mehr als immanent, sondern transzendent deutete.


2.1.3. Die psychische Beziehung
    "Jedes Bewußtsein, primär auf was auch immer für ein Objekt gerichtet, geht nebenher auch auf sich selbst. Im Vorstellen der Farbe also zugleich ein Vorstellen des Vorstellens. Schon  Aristoteles  betont, daß im psychischen Phänomen selbst das Bewußtsein von ihm mitbeschlossen ist." (Brentano 1982, Seite 22)
Der Bezug auf ARISTOTELES im Zusammenhang mit der psychischen (intentionalen) Beziehung wird von BRENTANO häufig genannt; als Beleg gelten ihm Stellen aus "De anima" (Brentano 1982, Seite 169; 1973, Seite 183).

Diese zweite, sekundäre psychische Beziehung (die Beziehung auf mich, der ich etwas als primäres Objekt habe) wird freilich nicht immer offenbar. Nur wenn ich mein Denken beobachte, wenn ich "bemerke", "apperzipiere", in der Reflexion also, wir mir dieses Verhältnis deutlich. Zur Vorstellung des Gegenstandes kommt ein Urteil (Bestätigen und oder Verwerfen des Gegenstandes). Ebenso verhält es sich bei Gemütsbewegungen: das Objekt einer Gemütsbewegung (Lieben-Hassen; Gefallen-Mißfallen; positives-negatives Interessenphänomen) wird vorgestellt und - positiv oder negativ - beurteilt. Dabei handelt es sich um Gemütsbewegungen in innerer Wahrnehmung, um sekundäres Bewußtsein, das notwendig reflexiv ist. Nur über diese psychische Beziehung kann gesagt werden, daß sie intentional ist. BRENTANO behauptet nicht, Gefühle per se seien intentional (als solche sind sie Gegenstand der genetischen Psychologie); im Rahmen seiner Deskriptiven Psychologie sind Gemütsbewegungen/Gefühle nur als bewußt vorgestellte abgehandelt (jemand, der sich bewußt liebend/hassend auf etwas als Objekt bezieht). Nur so läßt sich die Erläuterung von OSKAR KRAUS in der "Einleitung" zu BRENTANOs "Psychologie vom empirischen Standpunkt" (Bd. 1) verstehen, wo er davon spricht, daß "jede Empfindung ... ein Bewußtsein" ist und auch sein Satz "Empfinden ist im selben Sinn ein intentionales Erlebnis, wie jedes andere Bewußtsein." (Brentano 1973, Seite LXVIII)

Im oben Beschriebenen sind die von BRENTANO so klassifizierten drei Grundklassen der psychischen Phänomene oder Akte: Vorstellungen, Urteile und Gemütsbewegungen genannt. Dabei ist der Akt der Vorstellung der grundlegende, auf dem Urteil und Gemütsbewegung aufbauen (Brentano 1972, Seite 127f). "Psychisches Phänomen" steht für "Bewußtseinsvorgang, Bewußtseinszustand" (Kraus in Brentano 1973, Seite 143).

Wie diese "Beziehung" zu beschreiben ist, darüber gibt BRENTANO im Anhang der Ausgabe des Jahres 1911 der "Psychologie vom empirischen Standpunkt" Auskunft. Die Charakterisierung der psychischen Tätigkeit als Beziehung auf ein Objekt oder Objekte erscheint als Relation, "etwas Relatives", als Vergleich zweier unabhängig vorhandener Gegenstände. Dies trifft auf die psychische Beziehung nicht zu.
    "Denkt einer etwas, so muß zwar das Denkende, keineswegs aber das Objekt seines Denkens existieren; ja, wenn er etwas leugnet, ist dies in allen Fällen, wo die Leugnung richtig ist, geradezu ausgeschlossen. So ist dann das Denkende das einzige Ding, welches die psychische Beziehung verlangt. Der Terminus der sogenannten Relation muß gar nicht in Wirklichkeit gegeben sein. Man könnte darum zweifeln, ob hier wirklich etwas Relatives vorliegt, und nicht vielmehr etwas in gewissem Betracht einem Relativen Ähnliches, was man darum als etwas  Relativliches  bezeichnen könnte." (Brentano 1971, Seite 134)
Die intentionale Beziehung ist also "subjektivisches Verhalten" (Brentano 1969, Seite 16), (nicht wie bei Spiegelberg 1969, Seite 208 steht: "subjektives Verhalten").


2.1.4. Resumee

Die Einführung der Intentionalität als Begriff hat die moderne Psychologie zweifelsohne FRANZ BRENTANO zu verdanken. "Intentionalität" verwendet er freilich nicht, er spricht nur vom "Intentionalen".

Dieser Ausdruck findet sich bei BRENTANO als Attribut in zwei Zusammenhängen: intentionale Inexistenz und intentionale Beziehung. Die intentionale Inexistenz der Gegenstände unserer psychischen Akte ist der Terminologie der Scholastik entnommen, worauf BRENTANO selbst hinweist. Von der Lehre der intentionalen Inexistenz oder immanenten Gegenständlichkeit rückt der später BRENTANO ab. Er möchte damit nicht die Seinsweise eines Objekts im Bewußtsein beschreiben, sondern versteht den Ausdruck "als eine unklare Beschreibung der Tatsache, daß ich etwas (ein Ding, Reales, Wesen) zum Objekt habe, mich seelisch mit ihm beschäftige, mich darauf beziehe". (Kraus in Brentano 1973, Seite 269; vgl. auch Spiegelberg 1969, Seite 207) Die intentionale Beziehung als Charakteristikum der psychischen Akte wird von BRENTANO beibehalten, jedoch nur noch selten als "intentionale", sondern als "psychische" Beziehung beschrieben. Dazu erklärt BRENTANO: "Dieser Ausdruck (intentional E. B.) ist in der Art mißverstanden worden, daß man meinte, es handle sich dabei um Absicht und Verfolgung eines Zieles. So hätte ich vielleicht besser getan, ihn zu vermeiden." (Brentano 1973, Seite 8; vgl. auch Sodan 1958, Seite 32) Diejenigen, die BRENTANO mißverstanden, dachten an den "praktischen" Gebrauch des intentio-Begriffes, wie ihn die Scholastik auch kannte (vgl. Kapitel 1).

Das "Intentionale" ist im Rahmen von BRENTANOs Deskriptiver Psychologie (Phänomenologie, Phänomenognosie) zu sehen. Das Charakteristische alles Psychischen, das Intentionale, wird in der bewußten Reflexion sichtbar. (Ich, der ich mich vorstellen, urteilend, liebend/hassend auf etwas beziehe). Nur über bewußte Akte kann die Deskriptive Psychologie Aussagen machen. BRENTANO steht damit in der Tradition seiner Zeit. (Vgl. Graumann 1974, Seite 79; über die Gleichsetzung bewußt = bemerkt, Seite 97f wird in Kapitel 3 näher eingegangen). Grundlagen seines Denkens sind die alten Philosophen, von denen ihm ARISTOTELES und DESCARTES, aber auch LEIBNIZ Anregungen zu "seiner"  characteristica univeralis  des Psychischen geben. Cartesisch ist seine Konzeption in der von BRINKMANN (nach Graumann 1974, Seite 82) analysierten Weise:
    1. Trennung Seele - Welt (= psychisches und physisches)

    2. Trennung des (immanenten) Bewußtseins vom Körper (Psychologie und Physiologie)

    3. Doppelung der Welt in eine stofflich-wirkliche und eine seelisch repräsentierte.

    4. Doppelung der Methoden zur Erforschung der beiden Bereiche phänomenognostische = deskriptive und genetische Psychologie

    5. "Rationalisierung" des Bewußtseins durch Subsumption aller Bewußtseinserscheinungen unter den Oberbegriff der  cogitatio. 
Der Einfluß von LEIBNIZ ist bei BRENTANOs Bewußtseinskonzeption festzustellen: "Perzipieren, Apperzipieren, deutlich Apperzipieren, kopulativ Apperzipieren, transzendent Apperzipieren" lautet ein Kapitel seiner "Deskriptiven Psychologie" (Brentano 1982, Seite 162f). Damit sind gewissermaßen Techniken der psychischen Akte beschrieben, die von verschieden starker Steuerung durch das Ich abhängig sind.


2.1.4.1. BRENTANO anerkennt in der LEIBNIZschen Tradition (vgl. Graumann 1974, Seite 83) die Perspektivität und Selektivität des Bewußtseins. In seiner "Deskriptiven Psychologie" (1982) beschreibt er dies: "wegen Mangels genügenden Erfahrungsmaterials" (1982, Seite 30), weil etwas "uns in gar keiner Weise auffällt" (a. a. O., Seite 31), "Das neue, das die Gewohnheit Durchbrechende, Außerordentliche ist ja das Auffallende" (a. a. O., Seite 35), es kann "für gewisse Fälle eine Gewohnheit, auf ein Phänomen nicht aufmerksam zu sein, sich bilden" (Seite 39), "man kann nicht recht aufmerken, wenn man zu sehr ermüdet ist" (Seite 40), "das Vorhandensein einer geeigneten Gemütsverfassung, Affekt, Angst, Zorn und andere leidenschaftliche Erregungen verwirren alles" (Seite 40), "Bestehende Vorurteile müssen zerstört werden" (Seite 41), "Irreführungen durch sprachliche Ausdrücke" (Seite 41).


2.1.4.2. Auch den Aspekt des "appetitiv (motivational)-perzeptiven" Bewußtseins sensu [im Sinne von - wp] LEIBNIZ (Graumann 1974, Seite 83) kennt BRENTANO, etwa wenn er von "Absicht" (Brentano 1982, Seite 39) beim Bemerken spricht. Besonders deutlich werden Perspektivität und motivationale Komponente in folgender Beschreibung:
    "Mancher hat eine gewisse theoretische Abneigung gegen eine Tatsache, welche bemerkt werden soll. Er wünscht, sie sei nicht, denn sie paßt nicht in seine Hypothese. Solche Wünsche sind mächtig, nicht die Tatsachen zu beseitigen, aber sie nicht so leicht merklich zu machen ... Könnte man sein theoretisches Interesse völlig läutern, oder könnte man ihm zeigen, wie sich an die Tatsache neben unangenehmen auch ihm theoretisch angenehme Konsequenzen knüpfen, oder könnte man die irrigen Hypothesen, um deretwillen er abgeneigt ist die Tatsachen zu sehen, wie sie ist, ihm von anderer Seite vorher minder wertvoll machen, so wäre er ungleich besser disponiert. Ich glaube gefunden zu haben, daß in den psychognostischen Fragen bedeutende Forscher, die sich sonst durch Unbefangenheit auszeichnen, in einzelnen Fällen dadurch wesentlich gehemmt werden." (Brentano 1982, Seite 45f)
Bewußtes "Bemerken" ist "ein Anspornen zur Anstrengung, nicht bloß durch Hervorheben der Wichtigkeit, sondern auch der Schwierigkeit." (Brentano 1982, Seite 47) Diesen Gedanken äußerte BRENTANO in seinen Vorlesungen von 1890/91. Es dauerte 20 Jahre, bis NARZISS AUCH 1910 verschiedene Schwierigkeitsgrade experimentell beim Wollen untersuchte (Ach 1910a, Seite 252; Schwierigkeitsgesetz der Motivation, vgl. Hillgruber 1912); 48 Jahre bis KURT LEWIN den gleichen Sachverhalt in einer Formel darstellte:  f = Va (G) x Po (G) / e,  in Worten: psychologische Kraft (f) = Valenz des Zieles, die von einer Bedürfnisspannung der Person abhängt  x  Potenz des Zieles, ausgedrückt als persönliche Wichtigkeit dividiert durch die Entfernung des Ziels; 82 Jahre bis WEINER "Aufgabenschwierigkeit" als Faktor der Kausalattribuierung von Erfolg und Mißerfolg wiederum in die Motivationsforschung einführte (Weiner 1972; dt. 1976).


2.1.4.3. Die dritte Charakterisierung des Bewußtseinsbegriffs in der Tradition von LEIBNIZ, daß er "kontinuierlich zwischen dem, was man heute  bewußt  und  unbewußt  zu nennen pflegt", anzusiedeln sei (Graumann 1974, Seite 83), ist auch für BRENTANOs Bewußtseinsbegriff zutreffend. Zwar lehnt BRENTANO "Unbewußtes" im aktiven Sinn ab (vgl. Brentano 1973, Seite 143f und 168), doch zeigen seine oben zitierten Ausführungen zu Aufmerksamkeit, Ermüdung und zur Gemütsverfassung, daß er Grade und Abstufungen dessen kennt, was heute als Bewußtheit bezeichnet würde.

"Das Unbewußte ist das Unbemerkte" (Graumann 1974, Seite 97) - dieser Definition BORINGs könnte sich auch BRENTANO anschließen.

Eine eigene "Instanz", die die Bewußtseinsvorgänge steuert, braucht BRENTANO nicht einzuführen: seine Konzeption des Psychischen als Akte des Bewußtseins beschreibt ja das Bewußtsein "als ein  ich sehe, ich höre, ich urteile, ich liebe, ich hasse",  und Akte sind "bewußt und ichhaft". (Pongratz 1967, Seite 137) Gerade darin liegt der hohe Wert der Psychognosie: Sie legt einerseits die Basis für die genetische Psychologie, andererseits hat sie einen Wert in sich: "1. Sie macht uns bekannt mit den Gebilden unseres eigenen Selbst, 2. und darin mit dem Edelsten und Höchsten, was das Reich der Erfahrung aufweist." (Brentano 1982, Seite 76.



2.1.4.4. Bewußtsein nach LEIBNIZ ist "nicht getrennt von, sondern wesenhaft verbunden mit dem Leib, in dem die Struktur der Wahrnehmung vorentworfen ist" (Graumann 1974, Seite 83). Ungeachtet der Vermutung, daß mit dieser Formulierung BRINKMANN/GRAUMANN den LEIBNIZschen Bewußtseinsbegriff der Gestalttheorie ein wenig zu nahe rücken wollen, können Parallelen zu BRENTANO auch hier nachgewiesen werden.

Ein Widerspruch zu Punkt 2 des cartesischen Bewußtseinsbegriffs ist nur scheinbar. Logisch lassen sich für BRENTANO ein psychischer (immanenter) und physischer (physikalischer) Bereich trennen, doch psychologisch ist die Funktionstüchtigkeit der psychischen Akte an die Funktionstüchtigkeit des Körpers (der Sinnesorgane) gebunden. "Bemerkt", also wahrgenommen und vorgestellt kann nicht werden beim "rudimentären Seelenleben" (Brentano 1982, Seite 30), bei "unüberwindbarer individueller Unfähigkeit, a) angeborener Mangel an Begabung, b) (vielleicht) erworbene Unfähigkeit." (Brentano 1982, Seite 64)

BISCHOF interpretiert, ausgehend von BRENTANOs Unterscheidung von "innerer" und "äußerer" Wahrnehmung, das "Anschaulich-Seelische" ("meine Gefühle, Stimmungen, Strebungen, Motive, die Gebilde meiner Phantasie und die Inhalte meines Denkens") sei "auf unklare Weise vermittelt durch das beiden zugehörige Gefäß des erlebten eigenen Leibes." (Bischof 1974a, Seite 25)


2.1.4.5. BRENTANOs psychologische Konzeption hatte bei Zeitgenossen wenig Widerhall gefunden. Das lag sicherlich einerseits an seinem Rückzug aus dem akademischen Leben und seiner Zurückhaltung, zu veröffentlichen (vgl. Baumgartner 1983, Seite 171).

Einen zweiten Grund nennt PONGRATZ (1967, Seite 125):
    "Er hat die Aufgabe der Psychologie allzu eng in der Klassifikation der psychischen Phänomene gesehen und darüber seinen großen Fund, die Intentionalität des Bewußtseins, vernachlässigt."
BRENTANOs Klassifikation war umstritten; WUNDT macht ihm den Vorwurf des "Logizismus" (Brentano 1971, Seite 8), da BRENTANO auch für die Gemütsbewegungen eine ihnen zugrundeliegende Vorstellung postuliert. Dennoch gab es mit WUNDT Gemeinsamkeiten der Auffassung über Psychologie:
    "Sie stimmten darin überein, daß die Psychologie einen hohen Platz einnimmt in der Gemeinschaft der Wissenschaften und daß sie logisch betrachtet  vor  den Naturwissenschaften kommt. Sie stimmen überein in ihrer Ablehnung des Substanzbegriffs und beschränken darauf, ein Phänomenals in Rechnung zu nehmen. Sie lehnen das Unbewußte als Prinzip der Psychologie ab. Sie definieren die Einheit des Bewußtseins im Grunde genommen mit denselben Begriffen. So weit die Übereinstimmung: und obwohl die Übereinstimmung hauptsächlich formaler Natur ist, und obwohl einiges davon seinen negativen Grund in einer Reaktion gegen  Herbart  hat, dient sie nichtsdestoweniger dazu, das Universum eines gemeinsamen Diskurses zu markieren." (Titchener 1976, Seite 81f)
So hat BRENTANO selbst für den Fortschritt der Psychologie zunächst wenig bewirkt. Er hat Probleme aufgewiesen, die systematische Erforschung dieser Probleme ist nur sporadisch erfolgt. Im Vorwort zum Band "Allgemeine Psychologie" des "Handbuch der Psychologie in 12 Bänden" bedauert der Herausgeber diesen Umstand.
    "Die Beiträge dieses Bandes beschäftigen sich eingehend mit der Lehre vom Wahrgenommenen, dagegen nur sehr wenig mit der Lehre vom Wahrnehmen, d. h. von den Tätigkeiten oder Akten, die die Subjektseite des Wahrnehmens ausmachen - man könnte auch sagen, von den Arten und Weisen des Umgehens des Wahrnehmenden mit dem Wahrzunehmenden und Wahrgenommenen. Sie bringen nur bescheidene Ansätze zur Lehre vom Aufmerken, In-den-Blick-Fassen, Festhalten, Sich-Vertiefen, Sich-Konzentrieren, von der Beachtung, von den verschiedenen Arten der Auffassung und ihres Wechsels, vom Schätzen, Vergleichen, Suchen, vom Zusammenfassen und Herausfassen, vom Abstrahieren und schließlich vom Beurteilen, das unter Umständen aus einem Wahrnehmenden erst ein Erkennen macht. Das mag befremdlich erscheinen, nachdem  Franz Brentano (1874) diese Tätigkeiten in scharfsinnigen Überlegungen als den eigentlichen Gegenstand der Psychologie bezeichnet hatte." (Metzger 1974, Vorwort)
METZGER sieht es als Versäumnis an, daß keine "systematische Phänomenologie der fraglichen Verhaltensweisen unter experimentell festgelegten und variierten Bedingungen" auf die Analyse BRENTANOs folgte (Metzger 1974, Vorwort). So blieb es EDMUND HUSSERL vorbehalten, den Gedanken der Intentionalität des Psychischen - allerdings von BRENTANOs Konzeption abweichend - in das System der Phänomenologischen Psychologie einzubringen, auszubauen und zu erweitern.

Wird FRANZ BRENTANO das Verdienst zugesprochen, Intentionalität als Terminus in die Psychologie eingebracht zu haben, so muß als nächster EDMUND HUSSERL genannt werden, der diesen Begriff analysiert und als Grundbegriff des Psychischen in seiner Phänomenologie aufweist.

Als Schüler BRENTANOs 1884-86 in Wien ist er mit dessen Systematik der "Deskriptiven Psychologie" vertraut. Seine ersten Veröffentlichungen "Über den Begriff der Zahl. Psychologische Analysen" (Habilitationsschrift Halle 1887) und "Philosophie der Arithmetik. Logische und psychologische Untersuchungen" (1891) weisen in Fragestellung und Arbeitsweise auf BRENTANOs Einfluß hin (Ströker 1975, Seite XIf). Im weiteren Verlauf seiner Forschungen, vor allem zur Logik, wandelte sich HUSSERLs Auffassung. Eine psychologische Begründung der Logik erscheint ihm nicht mehr ausreichend. Hatte er seine Phänomenologie zunächst (1901) noch als "deskriptive Psychologie" bezeichnet, so erhob er dagegen schon 1903 Einspruch und kritisierte die Bezeichnung als "irreführend" (Ströker 1975, Seite XVIII). Entsprechend die Reaktion auf der Gegenseite: BRENTANO, der für sein System zunächst die Bezeichnungen Phänomenognosie, Phänomenologie und deskriptive Psychologie gleichbedeutend verwandte, ließ die ersten beiden Bezeichnungen fallen, um sich von HUSSERL abzugrenzen (zum Verhältnis BRENTANO-HUSSERL vgl. Spiegelberg 1981, Seite 119-143; Husserl 1919, Seite 153-167).
LITERATUR Elisabeth Baumgartner, Intentionalität, Würzburg 1985
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          1968: Über die Zukunft der Philosophie, Hamburg
          1971: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Bd. 2, Hamburg (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1925)
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