p-4E. DürrH. KohnK. HaslbrunerD. BraunschweigerTh. Ribot    
 
HEINRICH DOHRN
Das Problem der Aufmerksamkeit

"Die Philosophie ist eine ganz eigene Dame, der jegliche Koketterie fremd ist und die dem nicht die geringste Gunst erweist, welcher ihr, weil es die Mode nun einmal so will, in blasierter Weise den Hof macht. Selbst durch die Tarnkappe schulmeisterlichen Dünkels läßt sie sich nicht täuschen, auch dann nicht, wenn derselbe es versteht, mit philosophischen Schlagwörtern und Sentenzen seine Abhandlungen und Reden zu spicken; sondern sie verlangt die gänzliche Hingabe von jemandem, dem es nur um die *Wahrheit zu tun ist."

"Ich wüßte schon eine Strafe für alle diejenigen Geistesmörder unter den Lehrern, welche ihre pädagogische Unfähigkeit dadurch zu verstecken suchen, daß sie die armen Kinder mit Stoff überladen und zu Boden drücken. Sie müßten vom Provinzial-Schulkollegium dazu verurteilt werden, das  Meiersche Konversationslexikon,  in welchem wohl das Tabernakel ihres Götzen irgendwo steckt, in den Hundstagen auf einem Handwagen durch die Provinz zu fahren. Das würde sie schon auf andere Gedanken bringen."

"Die materiellen Nervenschwinungen des Gehörs in Vorstellungen zu verwandeln, ist Sache des Verstandes, der nach dem Kausalitätsgesetz diese Funktion vollzieht und so der Vermittler zwischen dem Physiologischen und Psychischen ist. Mächtig ist auch die Einbildungskraft in Bewegung und zeichnet mit ihrer schöpferischen Kraft die geschilderte Szene vor das geistige Auge. Auch das Gedächtnis ist nicht untätig. Es ruft schon bekannte Data ins Leben zurück."


Vorwort

Obgleich ich mir vollkommen der Schwierigkeit bewußt bin, mit welcher die Lösung des vorliegenden Problems verbunden ist, das in hohem Grad das Interesse eines jeden denkenden Lehrers in Anspruch nimmt, so kann ich es dennoch nicht unterlassen, meine Abhandlung dem geehrten Leser vorzulegen. Dies geschieht sogar auf die Gefahr hin, Tadel statt Anerkennung zu ernten. Wenn ich durch meine Arbeit nur ein Drittel von dem erreiche, was das Ziel meines Strebens ist, so werde ich mich schon reichlich belohnt fühlen.

Mit Bedauern habe ich nämlich bemerkt, daß die pädagogische Journalistik, zum größten Teil noch immer die breite Heerstraße der Alltäglichkeit wandert, wo freilich der Blick einen freien Horizont, aber auch Nichts den Reiz der Neuheit hat. Da möge mir dann der geehrte Leser auf einem Seitenpfad ins Gebirge folgen. Freilich großartige Alpenlandschaften habe ich ihm nicht zu zeigen, und noch weniger vermag ich, ihn auf Gletscherhöhen zu führen - vielleicht würde er sich in diesen eisigen Regionen nicht einmal wohl fühlen - aber ich versichere ihm, daß unser Weg uns durch manches liebliche Tal führen soll, das von anmutigen Höhen eingerahmt ist.

Wir wollen der alten weisen Vernunft einmal ein Schnippchen schlagen und uns frisch und frei wie lebenslustige Jünglinge bewegen. Nicht wahr, es geht uns Pädagogen in manchen Punkten wie den Kindern; man predigt uns mit all den Regeln schließlich ganz stumpf, so daß wir nur mit halbem Ohr zuhören und wohl gar auch Schelmenstücke sinnen.
    "Ich sage Euche, der Unterricht muß interessant sein; das haben schon  Niemeyer, Gräfe, Schwarz, Dinter  und sonst noch viele Pädagogen gesagt."

    "Was gelernt wird, muß auch gewußt werden. Was, Ihr wollt es nicht glauben? Fragt nur  Pestalozzi,  der soll's Euch bald sagen."

    "Der Mensch soll für das Leben erzogen werden, und das müßt Ihr so und so machen. Zweifelt jemand daran?  Cürtmann,  herunter vom Brett und zeige deine Autorität."

    "Harmonische Entwicklung ist das Ziel aller wahren Bildung."
Doch still, wir haben jetzt genug gehört; wir kennen das Alles schon. Deshalb ein anderes Bild.

Auch die Lebensbilder und Biographien berühmter Schulmänner sind meistens eine höchst trockene Lektüre; nicht als ob es uns an Pietät und Hochachtung vor diesen Männern mangeln würde, sondern weil wir ihre Lebensbeschreibung in einer guten Geschichte der Pädagogik, wo sie teleologisch am rechten Platz eingereiht ist, mit viel größerem Verständnis nachlesen können. Interessant können pädagogische Abhandlungen nur dadurch werden, daß sie ein neuer Grundgedanke befruchtet. Wenn das Aschensalz der Ursprünglichkeit die Mischung der alten Elemente durchdringt, dann geraten sie schnell in Fluß, und es läßt sich ein neues Gebilde daraus schaffen von wohlgelungener Mischung und gefälliger Form.

Leider fehlt dieses köstliche attische Salz auf vielen Lehrerversammlungen und die dargebotenen Gerichte sind dann über die Maßen fade. Da erzählt uns der "liebe Kollege", dem der Himmel die edle Dreistigkeit der Sprache im Überfluß verliehen hat, was wir Alle schon längst wissen; er kombiniert die Gedanken nur ein wenig anders und glaubt so Wunderdinge zu leisten. Ebenso langweilig wie die Konferenzen sind oft die Unterhaltungen mit Kollegen über ein pädagogisches Thema, indem sie Einem nur die Überreste, welche sie noch vom Seminar her gerettet haben, mit jämmerlichen Zutaten aufgewärmt, wieder vorsetzen. Deshalb ist es ohne Zweifel gewinnreicher, wenn man sich mit Laien, die ihren gesunden Menschenverstand haben, über Erziehung und Unterricht unterhält. Denn sie haben oft ganz treffliche Anschauungen, ursprüngliche und unbefangene, die mehr Stoff zum Nachdenken geben, als der langweilige Schulmeister-Gallimathias eines überklugen und von sich selbst eingenommenen Fachmannes. Was der Laie sagt, ist doch wenigstens keine Repetition aus einem pädagogischen System, sondern er schöpft seine Bemerkungen in freier Naivität aus dem großen Born des geistigen Lebens, aus welchem all unser Wissen stammt, nämlich aus der Erfahrung. Die ist unsere alleinige Lehrmeisterin und nur die Denkformen des Raumes und der Zeit sind dem Menschen angeboren. Diese beschränken aber auch zugleich seine Erkenntnissphäre; denn das Gesetz der Kausalität verliert jenseits derselben seine Gültigkeit, so wie sich der Kompaß am magnetischen Pol im Kreis dreht und seine Richtkraft verliert. Die Vernunft ist unfruchtbr, wenn sie nicht durch den Verstand zur Empfängnis kommt, sagt der Philosoph SCHOPENHAUER. Sinnreich wird dies in unserer Sprache dadurch angedeutet, daß jene als Femininum, dieser als Maskulinum bezeichnet wird. Jeder neue Gedanke, der aus der Erfahrung aufgenommen wird, erregt eine Revolution in unserem Geist und gibt ihm eine neue Elastizität. Wir preisen deshalb jeden denkenden Kopf glücklich, den das Leben in solche Verhältnisse führt, wo ihm tagtäglich geistige Anregung in Fülle zuteil wird. Zu diesen Bevorzugten gehört unstreitig der Lehrer. Die reiche Welt der Kinderseelen breitet sich offen vor seinen Augen aus und fordert ihn auf, psychologische Beobachtungen in Fülle zu machen. Manche Probleme harren hier noch der Lösung, und es ist interessant und zugleich verdienstvoll, daran zu arbeiten. Wenn die Arbeit jedoch von Erfolg gekrönt sein soll, muß das Auge des Verstandes mit der wundertätigen Salbe des "apercu" gekräftigt werden, so wie  Abdallah  die Schätze im Berg nicht eher sah, bis ihm der Mönch das Auge mit seiner Wundersalbe bestrichen hatte. Gesellt sich zum scharfen Blick der Beobachtung nun auch noch wahre Lust und Liebe zu dem, was die Grundlage aller Pädagogik ist, nämlich die Wissenschaft der empirischen Psychologie, dann wird der tüchtige Lehrer noch manche Silberader da auffinden, wo der Alltagsschulmeister nur ödes Gestein erblickt. Denn die empirische Psychologie ist noch eine verhältnismäßig junge Wissenschaft, erst etwa 50 Jahre alt, und seitdem ihr Schöpfer, der geniale BENEKE, in einer dunklen Stunde dieser schnöden Welt Lebewohl sagte, hat es niemanden gegeben, der sich mit völliger Hingabe als Priester nur ihrem Dienst weihte. Die Philosophen machen ihr sehr oft nur nebenher einen Besuch, als einer Dame, welche freilich mit zur Suite gehört, weiter aber nicht von Einfluß ist. Daß sie diesen Herren gegenüber etwas prüde ist, braucht uns nicht zu verwundern. Psychologie aus dem obersten Grundsatz eines philosophischen Systems ableiten zu wollen, ist Torheit, und man kommt auf diese Weise nur zu inhaltslosen Sätzen. Sie will im Gegenteil wie die Naturwissenschaften, wie Chemie und Physik, behandelt sein; Beobachtungen und Versuche sind ihre Hebel. Hören wir doch, was BENEKE sagt:
    "Was ich hier darzustellen unternommen habe, ist nicht meine eigene Lehre (wo ich es als eine solche ausgegeben habe, bekenne ich mich schuldig und soll durch gerechten Tadel gestraft werden!), sondern eine Naturlehre, eine aus der Natur entnommene Lehre; und ich darf daher wohl die Bitte wagen, ja darf es (der so überaus wichtigen Sache wegen, um die es sich handelt) als ein heiliges Recht fordern, daß man die vorgetragenen Sätze überall als Naturlehre (die umfassender, klarer, genauer, aufgefaßte und angemessener verarbeitete) ergänzen, verbessern oder widerlegen soll; nicht (wie leider! nur zu allgemein unter uns Sitte geworden ist) durch die Lehre KANTs oder FICHTEs oder SCHELLINGs oder sonst irgendeines Philosophen, durch eine Wissenschaft aus eigenen Begriffen." (Psychologische Skizzen, Bd. 1, Vorerinnerung)
Aus BENEKEs Werken sind zu verschiedenen Malen Auszüge gemacht, einige wohlgelungene; aber ich rate doch dem Lehre, aus der Quelle selbst zu schöpfen, denn hier strömen Wasser des Lebens in Fülle. Es ist aber nicht genug, BENEKE zu lesen und allenfalls zu studieren, sondern man soll durch ihn die wahre Anregung zum Beobachten der Kinderseele empfangen. Manchem meiner Leser wird es noch erinnerlich sein, wie es vor etwa 20 Jahren in manchen Leserkreisen Gebrauch war, teilweise auch in der pädagogischen Journal-Literatur, mit BENEKEs terminologischen Ausdrücken, als da sind:  Urvermögen, Halbreiz, Vollreiz, Überreiz, Bewußtseinsstärke, Verknüpfungsverhältnisse  usw., um sich zu werden, als ob damit der Riegel gehoben würde. Nun kann man aber alle diese Ausdrücke am Schnürchen haben, auch begrifflich in ihrem Besitz sein, ohne daß man den leisesten Gewinn davon hat. Denn es handelt sich in der praktischen Pädagogik nicht um Abstraktionen, sondern um das lebensvoll Konkrete; Wechsel sind wertlose Papieren, wenn man sie nicht gegen Kontanten [Bargeld - wp] einlösen kann. Man studiert keine Psychologie, bloß um sie zu wissen, sondern es geschieht aus dem Grund, um zu erfahren, wie man etwa zu urteilen und zu schließen hat, wenn man das geheimnisvolle Leben und Weben im menschlichen Geist, das im Gehirn zur Erscheinung kommt, beobachtet was am meisten interessiert, wenn es im ersten Werden begriffen ist, also bei kleinen Kindern und einfältigen Schülern, bei denen der Wille nicht ohne Anstrengung der Materie Vorstellungen und Gedanken abringt.

Schließlich kann ich nicht umhin, dem Lehrer sogar durch ein Paradoxon einen neuen Impuls zu geben, sich mit Eifer psychologischen Studien zu widmen. Dasselbe lautet: Gerade durch den Umstand, daß der Volksschullehrer von keinem philosophischen System befangen ist, eignet er sich besonders dazu, einzelne Probleme des Seelenlebens zur Lösung zu bringen. Denkenden Köpfen, die sich in den Fesseln eines philosophischen Systems befinden, geht es in mancher Beziehung wie denen, die an einer fixen Idee leiden. Ihr ganzer Denkprozeß erhält eine bestimmte einseitige Richtung, und alle Erscheinungen in der Wissenschaf und im Leben stellen sich ihnen dar im einfarbigen Licht ihres Systems, so daß die Unbefangenheit des Denkens, durch welche die Beobachtung nur richtig verarbeitet werden kann, verloren geht. Man denke nur an die früheren Schriftsteller der HEGELschen Schule. Keiner bestätigt aber meine Behauptung mehr als der große und doch so einseitige Philosoph SCHOPENHAUER. Alles, was er denkt, ist eine Variation seines Grundgedankes und stellt sich dar im aschgrauen Licht eines Pessimismus. Auch der geniale HARTMANN, der größe aller jetzt lebenden deutschen Philosophen, kann sich in seiner  Philosophie des Unbewußten  nicht von Einseitigkeiten freihalten, und nur mit einer gewissen instinktiven Furcht, durch seine glänzende Diktion gänzlich in seine Fesseln geschlagen zu werden, vermag man ihn zu studieren.

Wenn man zum ersten Mal die Werke des großen KANT liest mit der Aufmerksamkeit und dem scharfen Nachdenken, womit dieser Philosoph beachtet sein will, dann entstehen wunderbare Empfindungen und Gefühle in der Seele, und man glaubt sich in eine andere Welt versetzt. Unmöglich ist es mir, mit klaren Worten den Seelenprozeß zu schildern, welcher durch das Studium seiner transzendentalen Ästhetik, in mir ins Leben trat. Die lebhafte Phantasie der Jugend vermehrte die Eigentümlichkeit der Gedanken, und ich glaubte wirklich in einer Welt des Scheins zu sein und nur mit Scheinwesen zu verkehren, welche in den Formen des Raumes und der Zeit wie Schatten vorübergaukeln ins Meer der Unendlichkeit; "da wurde mir die Hülle als Hülle sichtbar."

Aber diese Seelenstimmungen sind beim Lehrer bald vorübergehend, denn der Umgang mit den Schülern korrigiert beständig seine geistige Anschauung, so daß er sich schwerlich in Abstraktionen verlieren kann. In der Tat ist die Gefahr, welche ihm aus dem Studium der Philosophie erwächst, nicht groß, der daraus entspringende Gewinn kann aber im Gegenteil für ihn ein sehr segensreicher werden; denn es verhilft ihm dazu, das von den Vätern Ererbte sich selbständiger zu erwerben, und gibt seinem Geist neue Elastizität, wenn selbiger durch das beständige Herumwühlen in den Elementen erlahmt. Der Lehrer muß, um geistig frisch zu bleiben, die Schranken des Alltäglichen durchbrechen, um der Verflachung, welche das Resultat des täglichen Verkehrs mit geistig Unreifen ist, einen Gegendruck zu geben; sonst ergeht es ihm wie dem Vogel, der, lange in einen Käfig gesperrt, seine Flugkraft verliert.

Wenn er nun glauben sollte, die Universität wäre der einzige Ort, wo eine so schwierige Wissenschaft wie die Philosophie gründlich studiert werden kann, so wollen wir ihn damit trösten, daß die Hochschule, wie sich aus der Natur der Sache ergibt, zu diesem Studium wohl die meiste Anregung gibt, übrigens aber Mathematik und Philosophie gerade die beiden Wissenschaften sind, welche sich für das Selbststudium am besten eignen. Die Philosophie ist eine ganz eigene Dame, der jegliche Koketterie fremd ist und die dem nicht die geringste Gunst erweist, welcher ihr, weil es die Mode nun einmal so will, in blasierter Weise den Hof macht. Selbst durch die Tarnkappe schulmeisterlichen Dünkels läßt sie sich nicht täuschen, auch dann nicht, wenn derselbe es versteht, mit philosophischen Schlagwörtern und Sentenzen seine Abhandlungen und Reden zu spicken; sondern sie verlangt die gänzliche Hingabe von jemandem, dem es nur um die Wahrheit zu tun ist. Dem spendet sie ihre Schätze, die nicht es Winters Raub werden, und rüstet ihn aus mit neuer Kraft, daß er den Flug ins Weite hoffnungsvoll wagen kann.

Es ist betrübt zu sehen, wie das Studium der Philosophie heutzutage im Großen und Ganzen so sehr vernachlässigt wird. Aus welchem Grund? - weil es keine positiven Resultate liefert. Und gerade die allein erachtet man des Besitzes wert; denn jetzt mach nach den Ansichten Vieler das angelernte Wissen den Mann, früher tat dies dagegen die geistige Reife und Selbständigkeit im Denken. Es ist deshalb nicht genug zu loben, daß weise Männer an der Spitze des Staates jetzt ein Einsehen haben, um die Jugend vor dem geistigen Bankrott zu retten, der bei der großen Überbürdung mit Unterrichtsstunden und häuslichen Arbeiten für die Schule, in Verbindung mit einer oft himmelschreiend schlechten Methode, bereits vor der Tür stand. Auf geistigem Gebiet gelten für das Gedeihen dieselben Gesetze, welche auf dem leiblichen maßgebend sind, wo das Gedeihen nicht allein von der Masse der Nahrungsmittel, sondern noch mehr von ihrer Güte und Zubereitung, sowie von der Verdauungsfähigkeit des Individuums abhängt.

Ich wüßte schon eine Strafe für alle diejenigen Geistesmörder unter den Lehrern, welche ihre pädagogische Unfähigkeit dadurch zu verstecken suchen, daß sie die armen Kinder mit Stoff überladen und zu Boden drücken. Sie müßten vom Provinzial-Schulkollegium dazu verurteilt werden, das  Meiersche Konversationslexikon,  in welchem wohl das Tabernakel ihres Götzen irgendwo steckt, in den Hundstagen auf einem Handwagen durch die Provinz zu fahren. Das würde sie schon auf andere Gedanken bringen und bald würde der Eifer unter den Lehrern wieder wachsen, die exakten Wissenschaften zu studieren, und die begabteren würden durch das Studium der großen Philosophen, Mathematiker und Pädagogen im Denken wieder flott werden.



Es ist kaum zu begreifen, wie das Problem der Aufmerksamkeit, in welches fast sämtliche psychische Funktionen verflochten sind, so lange einer gründlicheren Erörterung sich hat entziehen können. Für den Pädagogen gibt es in der Didaktik keine Erscheinung des Seelenlebens, die mehr sein Nachdenken erregen kann, und kaum weniger Interesse hat sie für den Psychologen. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die meisten Philosophen die Psychologie nur als eine Nebenwissenschaft behandeln und selbige früher für eine Wissenschaft aus Begriffen ansahen, die auf metaphysischem Weg zu demonstrieren ist.

KANT hat zuerst durch seine "Kritik der reinen Vernunft" der rationalen (nicht empirischen) Seelenlehre eine klaffende Wunde versetzt, von der sie sich nie wieder hat erholen können. Man lese das Kapitel von den Paralogismen der reinen Vernunft, in welchem er am Schluß sagt:
    "Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruth auf der Verwechslung einer Idee der Vernunft (einer reinen Intelligenz) mit dem in allen Stücken unbestimmten Begriff eines denkenden Wesens überhaupt."
Was nun dem Philosophen, wie sich aus dem Gesagten ergibt, fern lag, insofern das Wesen der Aufmerksamkeit sich nur auf empirischem Weg ergründen läßt, das interessiert auch den Pädagogen nicht im verdienten Maß; denn diesem ist es mehr um praktische Regeln zu tun, als um tiefsinnige Untersuchungen. So findet dann der Leser in der pädagogischen Literatur wohl Regeln genug, die er zu befolgen hat, wenn er sic hdie Aufmerksamkeit seiner Schüler erhalten will, was dieselbe aber eigentlich ist, wird ihm nicht mitgeteilt; denn, daß es sich hier nicht um eine bloße Worterklärung handelt, und auch um keine Beschreibung des äußerlichen Verhaltens während der Aufmerksamkeit, versteht sich bei einer wissenschaftliche Untersuchung von selbst. - Der mit Recht berühmte Pädagoge NIEMEYER erklärt den fraglichen Begriff so:
    "Aufmerksamkeit ist Wahrnehmung in Verbindung mit dem Bestreben, sich der Vorstellung deutlich bewußt zu werden."
Abgesehen davon, daß diese Definition zu eng ist, da sie nur auf die willkürliche Aufmerksamkeit Bezug hat, welche hauptsächlich beim Unterricht in Betracht kommt, fehlt ihr auch das Genetische; sie ist eigentlich nur eine Umschreibung. Ich kann hier die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Wissenschaft der Pädagogik in manchen Stücken gerade dadurch so langweilig und trocken wird, daß sie gar zu sehr auf der Oberfläche schweben bleibt, indem sie vergißt, daß in der Wissenschaft das Warum mehr interessiert, als das Wie, welches in der Kunst den Vorsitz führt. In der Pädagogik muß die Methode der Physik mehr eingeführt werden, welche uns die Erscheinung nicht bloß beschreibt, sondern sie auch erklärt, d. h. sie auf Naturgesetze zurückführt, deren Wesen zu untersuchen sie der Philosophie anheimstellt. So kann z. B. die Beschreibung aller Merkmale des Regenbogens, sie sie auch noch so präzise, gar wenig interessieren, wenn das Wesen desselben nicht aus der Brechung der Lichtstrahlen erklärt wird; und wie mit dieser, so mit allen anderen Naturerscheinungen. Unter den jetzt lebenden deutschen Philosophen hat EDUARD von HARTMANN das Kapitel von der Aufmerksamkeit um mehrere sehr wichtige Data bereichert. Man findet sie in seinem Hauptwerk: "Die Philosophie des Unbewußten." Da ich nicht voraussetzen darf, daß jeder Lehrer im Besitz dieses geistreichen Werkes ist, so fühle ich mich veranlaßt, die betreffenden Stellen hier mitzuteilen:
    "Eine der wichtigsten Reflexwirkungen des großen Gehirns, namentlich auf Sinneswahrnehmungen, ist derjenige zentrifugale Innervationsstrom, welchen wir Aufmerksamkeit nennen und welche alle einigermaßen deutlichen Wahrnehmungen erst ermöglicht. Derselbe entsteht als Reflexwirkung auf einen Reiz, welcher die sensiblen Nerven der Sinnesorgane trifft. Wenn das Gehirn anderweitig zu sehr in Anspruch genommen ist, um auf solche Weise zu reagieren, so bleibt diese Wirkung aus, und alsdann ist uns der Sinneseindruck entgangen, ohne zur Wahrnehmung zu gelangen." (Seite 116)

    "Die Aufmerksamkeit haben wir schon mehrfach als einen sowohl reflektorisch, als auch willkürlich zu erzeugenden Nervenstrom kennengelernt, welcher in sensiblen Nervenfasern vom Zentrum nach der Peripherie verläuft und dazu dient, die Leitungsfähigkeit der Nerven, namentlich für schwache Reize und schwache Reizunterschiede zu erhöhen. Die Aufmerksamkeit besteht mithin in materiellen Nervenschwingungen; indem diese vom Zentrum nach der Peripherie hin verlaufen, kann es unmöglich ausbleiben, daß dieselben, auch ohne auf eine Wahrnehmung getroffen zu sein, von der Peripherie nach dem Zentrum reflektiert werden; außerdem werden durch die Aufmerksamkeit für jedes Sinnesgebiet eine Menge Muskeln in Spannung gesetzt, um zu einer besseren Aufnahme der Wahrnehmung durch das Organ zu befähigen, und schließlich werden gewisse andere Muskeln, namentlich Kopfhautmuskeln, reflektorisch gespannt. Diese drei Momente stimmen darin überein, dem Organ des Bewußtseins Empfindungen durch materielle Schwinungen zuzuführen, d. h. die Aufmerksamkeit als solche ist ein Gegenstand der Wahrnehmung und foglich des Bewußtseins. ... Die Aufmerksamkeit erhöht die Reizbarkeit der Teile, welche sie trifft und erleichtert dadurch sowohl das Auftauchen der Gedächtnisvorstellungen, als auch die Wahrnehmung schwacher Reize und Reizunterschiede." (Seite 419)
Und nun folgen zunächst noch einige geistreiche Hypothese, die für unsere Betrachtung keinen speziellen Wert haben; dann scharfsinnige Unterschiede zwischen Aufmerksamkeit und Bewußtsein, die oft verwechselt werden.

Aus den angeführten Zitaten geht zu Genüge hervor, daß HARTMANN die Aufmerksamkeit hauptsächlich von der physiologischen Seite ins Auge gefaßt hat, wie er es für seinen Zweck, nämlich zur Erklärung der Entstehung des Bewußtseins, nicht anders konnte. Wir haben also auch bei ihm nicht gefunden, was wir eigentlich suchten; denn wir fassen die Aufmerksamkeit als psychisches Problem ins Auge.

Aber vielleicht kann BENEKE uns große Dienste erweisen? Wir finden im zweiten Band seiner psychologischen Skizzen, Seite 46, folgende Betrachtung über die Aufmerksamkeit:
    "Das Vermögen eines Menschen für eine sinnliche Empfindung oder Wahrnehmung im Allgemeinen also besteht in der Gesamtheit aller von früheren gleichartigen Empfindungen zurückgebliebenen Angelegenheiten, das Vermögen für eine bestimmte sinnliche Empfindung oder Wahrnehmung in der Gesamtheit der Angelegenheiten, welche zu demselben wirklich hinzufließen. Das Letztere ist es, was man im gewöhnlichen Leben durch den Ausdruck: "Aufmerksamkeit bezeichnet."
Diese Erklärung ist zumindest insofern für uns von Bedeutung, als sie die psychische Seite der Aufmerksamkeit zum Objekt hat; überdies ist sie genetisch, wie man es von einer wissenschaftlichen Definition verlangen kann. Dem theoretischen Pädagogen mag die Sache damit abgetan sein, aber dem praktischen genügt sie keineswegs; denn hier ist nur die eine Seite der Aufmerksamkeit in Betracht gezogen, ebenso wie HARTMANN dies getan hat. Die Seele wird nur in dem Augenblick betrachtet, wo die Einwirkung von außen entweder noch gar nicht erfolgt ist, oder doch zumindest noch keinen weiteren Einfluß auf sie gewonnen hat; die Aufmerksamkeit erscheint nur als eine nach außen gerichtete Funktion, als eine peripherische Bewegung, von den Reaktionserscheinungen jedoch, welche unstreitig eintreten müssen, wenn die Sinne Eindrücke von der Außenwelt oder aus dem eigenen Körper aufnehmen, ist nicht weiter die Rede. Und gerade die zentrale Reaktion - die Bewegungen, welche in der Seele als die Wirkung der empfangenen Eindrücke zu betrachten sind, interessieren den praktischen Pädagogen am meisten; denn er will ja eben erfahren, wie er in dieser Beziehung ein möglichst günstiges Resultat erzielen kann. Es geht ihm also wie dem Chemiker, welcher freilich die Flüssigkeit, deren Natur er kennen lernen will, mit Interesse beobachtet, jedoch mit viel größerer Spannung und Sorgfalt die Niederschläge und die mit ihnen verbundenen Bewegungen untersucht, welche das Resultat seiner Reagenzien sind.

So wollen wir also sehen, wie weit unsere Untersuchungen auf eigene Hand uns führen werden; leisten wir auch nur Geringes, so ist es doch etwas Selbständiges. Ehe wir jedoch unsere Untersuchungen beginnen, muß ich dem geehrten Leser noch ein Wort über die Methode mitteilen, deren ich mich bedienen werden. Es hat mir nicht wenig Überlegung gekostet, ehe ich mich entschließen konnte, der analytischen Methode den Vorzug zu geben; nicht als ob ich sie für wissenschaftlicher und aus diesem Grund für weniger populär halte, sondern die Wahl wurde mir deshalb schwer, weil jeder Lehrer mit der synthetischen Methode, der er beim Unterricht die größten Dienste verdankt, ungleich vertrauter ist als mit der analytischen. Im Laufe der Untersuchung wird sich jedoch herausstellen, daß uns diesmal die Synthesis nicht vom Bekannten zum Unbekannten, vom Leichteren zum Schwereren führen würde, worin doch ihr Hauptwert besteht, sondern, daß im vorliegenden Fall die Analyse uns diesen Dienst erweist. Überdies darf man nicht vergessen, daß wir es beim Problem der Aufmerksamkeit nicht mit einem werdenden Seelenprozeß zu tun haben, sondern daß es sich um gewisse psychische Zustände handelt, die, so verschieden sie auch in mancher Beziehung sein mögen, doch darin übereinstimmen, daß sie in gewissen Spannungsverhältnissen bestehen, welche vom gewöhnlichen Seelenzustand sehr verschieden sind. Man vergleiche am Ende die Aufmerksamkeit des Schülers beim Vortrag des Lehrers mit der des Feldherrn, welcher die sich formierenden feindlichen Truppen beobachtet, oder mit der Aufmerksamkeit des Künstlers bei der Betrachtung des neuesten Kunstwerks seines Rivalen oder mit der des Fechters, welcher die kunstfertigen Streiche eines gewandten Gegners pariert, oder aber mit der des Altertumsforschers, welcher so eben einen seltsamen Fund gemacht hat usw. usf. So verschieden die Seelenzustände in den angeführten Fällen auch offenbar sind, Eins ist doch in allen dasselbe, nämlich die Konzentrierung des psychischen Lebens nach einer bestimmten Richtung hin, und die Reaktionserscheinungen erfolgen gleichfalls nach demselben Gesetz, sobald die Einwirkung von außen geschehen ist. Was hat denn nun der Psychologe zu tun, der bei der Lösung unserer Aufgabe ja nicht einen Entwicklungsprozeß der Seele zur Darstellung bringen soll, sondern vielmehr gewisse psychische Stadien, die schon einen gewissen Grad der Entwicklung des psychischen Lebens voraussetzen, zu untersuchen hat?

Offenbar zweierlei.

Erstens hat er die in Frage stehende Erscheinung, wenn sie in normalen Verhältnissen eintritt, scharf zu beobachten und sorgfältig in ihre Elemente zu zerlegen, und zweitens dieselbe durch alle Stadien zu verfolgen, um zu erfahren, welche psychischen Elemente unter gewissen Bedingungen austreten oder neu hinzukommen. - Wenden wir diese Forderungen auf unser Thema an. Wir wählen unseren Beobachtungsposten auf dem uns bekanntesten Feld - in der Schule. Der Lehrer möge seine Schüler in der Religion unterrichten, und die Einleitung in das erste Hauptstück sei sein Thema.

Bevor er ihnen die Gesetzgebung auf Sinai erzählt, malt er ihnen den Schauplatz des Ereignisses: den gewaltigen, bis in die Wolken reichenden Berg, der in seinen Eingeweiden erbebt und dessen Spitze in Feuer und Rauchdampf eingehüllt ist; um seinen Fuß lagert sich das zitternde Volk, dessen Angst durch den grollenden Donner, der aus dem Innern des Berges erschallt, sich in Grauen und Entsetzen verwandelt. - Untersuchen wir jetzt den Seelenzustand des Schülers, der mit Aufmerksamkeit dem Vortrag folgt. Welche psychischen Kräfte sind in Bewegung?

Ich darf hier nichts übergehen, auch die physiologischen Funktionen nicht, und beginne deshalb mit der äußeren Erscheinung. Da begegnen wir zunächst der Sinnestätigkeit des Hörens; die des Sehens können wir hier übergehen, insofern sie eine Nebenfunktion ist.

Die materiellen Nervenschwinungen des Gehörs in Vorstellungen zu verwandeln, ist Sache des Verstandes, der nach dem Kausalitätsgesetz diese Funktion vollzieht und so der Vermittler zwischen dem Physiologischen und Psychischen ist. Mächtig ist auch die Einbildungskraft in Bewegung und zeichnet mit ihrer schöpferischen Kraft die geschilderte Szene vor das geistige Auge. Auch das Gedächtnis ist nicht untätig. Es ruft schon bekannte Data ins Leben zurück:  Moses  am Berg Horeb steht mit nackten Füßen und verhülltem Antlitz vor dem geheimnisvoll brennenden Busch.

Neue Begriffe, Urteile oder Schlüsse werden gebildet; mithin hat auch die Vernunft, die wir als das Vermögen sämtlicher abstrakten Erkenntnisse bezeichnen, ihre Arbeit; sie wirkt im Vergleichen und Unterscheiden. So groß nun auch das Interesse sein mag, mit welchem der Schüler dem Vortrag folgt - es erfolgt also auch eine Reaktion auf den Willen - immerhin wird sich ein leiser Schatten des Mißbehagens mit demselben verbinden, und zwar darüber, daß er durch Raum und Zeit so weit vom Schauplatz des Ereignisses getrennt ist. So finden wir dann schließlich, daß auch das Selbstbewußtsein in Aktion versetzt wird; denn durch die Vorstellungsformen von Raum und Zeit sichert sich das Individuum seine Stellung im All als Ich.

Wir finden mithin, daß das von uns bezeichnete Stadium der Aufmerksamkeit in nicht weniger als sieben Elemente zerfällt: Sinnestätigkeit, Verstand, Einbildungskraft, Gedächtnis, Abstraktionsvermögen (Vernunft im weiteren Sinne), Selbstbewußtsein und Wille. So sind dann alle psychischen Hauptkräfte in Dienst genommen und beschäftigt, so wie  Ceres  alle Himmlischen zum eleusischen Fest einlädt. Und nach einiger Überlegung wird uns die Sache nicht gar zu seltsam erscheinen; denn ein so hervorragender Seelenzustand wie die Aufmerksamkeit, bei welcher die ganze Bewußtseinsstärke von den verschiedenen Objekten, die den Intellekt beschäftigen, abgeleitet wird, um es auf eins zu konzentrieren, so wie es mit den Sonnenstrahlen durch den Hohlspiegel geschieht, muß eine Reaktion hervorrufen, die ebenfalls von kräftiger Wirkung ist - dem in der ganzen Natur geltenden Prinzip entsprechend, daß Wirkung und Gegenwirkung sich stets gleich sind und in allen Seelenvermögen eine Bewegung hervorbringen, die man mit einer Flutwelle vergleichen kann, welche alle Kanäle füllt, die das Ufer ihr darbietet. Die Funktionen aller psychischen Kräfte treten fast gleichzeitig ein, wie die verschiedenen Töne in einem Akkord; aber nach der individuellen Verschiedenheit werden bald diese, bald jene psychischen Kräfte mehr in Anspruch genommen.

Um es dem geehrten Leser nun vorläufig klar zu machen, wie verschieden die Aufmerksamkeit ihrem eigentlichen Wesen nach sein kann, führen wir ihm das Bild eines dummen Bauernburschen vor, der von der Art sein mag, wie Junker  Hans  sie mit auf Reisen nahm.

Auf gesichertem Standpunkt soll er Beobachter eines großartigen Feldmanövers sein. Nicht wahr, mit großen, stieren Augen und geöffnetem Mund betrachtet er die glänzende Erscheinung? Seine Aufmerksamkeit ist gewiß die höchst intensive, und doch tritt, ihm sozusagen, seine ganze kleine Seele in die Augen. Nur Sinnestätigkeit und Verstand sind in Aktion, wie auch überhaupt diese beiden Kräfte bei einer Erscheinung des Seelenlebens, die durch äußere Reize veranlaßt wird, nicht getrennt sein können, insofern der Verstand, wie schon bemerkt, die physiologische Tätigkeit in eine psychische verwandelt. -

Nach dieser vorläufigen Erörterung handelt es sich darum, daß wir das Verhältnis der verschiedenen psychischen Tätigkeiten im Zustand der Aufmerksamkeit gegenseitig feststellen, um zu erfahren, wie sie sich gegenseitig beschränken und bedingen. Daß dies nun ungleich schwerer ist als das Verhätnis der Kräfte in einem physikalischen Prozeß zu erforschen, geht schon daraus hervor, daß wir es bei allen psychischen Erscheinungen mit Individuen zu tun haben, in den sich das kreative mit dem traduzianischen [gesetzten - wp] Element mischt. Jeder, der sich mit eingehenden Studien physikalischer Erscheinungen beschäftigt hat, weiß, wie schwer es oft ist, in ihnen jedem Gesetz genau seinen Anteil anzuweisen, was im Grunde erst geschehen ist, wenn man den Vorgang in einer mathematischen Formel zum Verständnis gebracht hat. Die Schwierigkeit ist namentlich dann groß, wenn variable Kräfte als Faktoren auftreten, als das sind: die allgemeine Gravitation, die Imponderabilien [Unwägbarkeiten - wp] in ihren verschiedenen Manifestationen usw. Hat man jedoch das richtige Fazit gefunden, so fällt es nicht schwer, noch verschiedene andere verwandte Fragen zu beantworten, indem man einen oder mehrere Faktoren in der gefundenen Formel gleich Null setzt, oder ihnen einen konstanten Wert beilegt. Jeder Mathematiker hat mich hier sofort verstanden. Wenn wir nun so glücklich wären, in der Psychologie ein Prinzip aufzufinden, das auf diesem Gebiet ebenso allgemeine Gültigkeit hätte, wie das Attraktionsgesetz in der Physik, so würde unserem Problem schon mit größerem Erfolg beizukommen sein, und wenn sich damit auch keine numerischen Werte feststellen lassen, welche überall die individuelle Verschiedenheit nicht zuläßt, so wäre ich doch imstande, zumindest die allgemeinen Grenzen des zu untersuchenden Gebietes abzustecken.

Bevor ich jedoch dem Leser die Ableitung dieses wichtigen Gesetzes, das ich in einer glücklichen Stunde entdeckte, in mathematischer Form vorführe, möge er mit mir folgende Punkte wohl überlegen und in Erwägung ziehen:

1. Alle Erscheinungen des Seelenlebens lassen sich aus zwei Grundvermögen ableiten, dem Willen (Begehrungsvermögen in einem weiteren Sinn) und dem Intellekt. Jener äußert sich schon gleich nach der Geburt als heftiger Drang zum Leben und beschließt seine Tätigkeit erst mit dem Tod, wenn das Herz, sein Organ, seine unermüdliche und ununterbrochene Tätigkeit einstellt. In diesem, als dem einzig wahren  perpetuum mobile,  offenbart sich ein metaphysisches Prinzip. Der Intellekt offenbart sich erst allmählich seinem inneren Wesen nach, denn seine Tätigkeit ist an die Entwicklung des Gehirns gebunden, welches namentlich in seinen Vorderteilen sehr langsam weiter ausgebildet wird. Das Wachstum und Gedeihen des Gehirns ist aber wiederum vom Organ des Willens abhängig, insofern das Herz den Blutumlauf und somit die Ernährung des ganzen Organismus vermittelt. So können wir dann nicht umhin, vom physiologischen Standpunkt aus den Intellekt als ein sekundäres Vermögen aufzufassen. Alle sogenannten Gefühle, die unsere Seele bewegen, als da sind: Freude, Schmerz, Kummer, Gram, Zorn, Sehnsucht usw. sind nichts weiter als "Affektionen des Willens, sind Regung, Modifikation des Wollens und Nichtwollens, sind eben das, was, wenn es anch außen wirkt, sich als eigentlichen Willensakt darstellt.

2. Durch die Beherrschung des Intellekts von Seiten des Willens (Grundlehre der heiligen Schrift) erhält die ganze Denkweise des Individuums eine eigene Richtung. Jeder Mensch denkt seinem Charakter gemäßt, welcher das Gewand ist, in welchem der Wille als metaphysisches Prinzip zur Erscheinung kommt. Die Art und Weise, wie der Intellekt die Objekte auffaßt, gleicht nach meiner Ansicht der sogenannten Tonfarbe in der Akustik. Die Töne auf gleichartigem Instrument, seien sie auch von genau gleicher Höhe, sind doch sehr verschieden, wenn der Stoff, aus dem die Instrumente gearbeitet sind, nicht derselbe ist. Wie verschieden sind z. B. die Wirkungen auf das Gehör, wenn gleich hohe Töne auf einer Trompete aus Messing und einer solchen aus Silber erzeugt werden.

3. Nicht allein der Intellekt als solchen, sondern auch die durch seine Energie und Ursprünglichkeit bedingte freie Denkkraft oder Bewußtseinsstärke beherrscht der Wille, insofern er es in seiner Gewalt hat, sie von einem Denkobjekt abzulenken und, nachdem sie ein anderes erfaßt hat, dieses festzuhalten und durch ihr helleres Licht zu beleuchten. Unsere Aufmerksamkeit ist vom Willen abhängig. Freilich soll damit nicht geleugnet werden, daß manche Gegenstände unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken; dennoch wird man mir nach einiger Überlegung einräumen, daß wir imstande sind, auch in diesem Fall unserer Aufmerksamkeit eine andere Richtung zu geben. Nur bei kleinen Kindern, die noch nicht wissen, was sie wollen, wird dem Intellekt allein durch äußere Reize das Objekt vorgehalten. Es entsteht jetzt die Frage, ob es denn auch möglich ist, daß unser Wille sich den Gegenstand auswählt, welcher von den Erkenntnisstrahlen des Intellekts beleuchtet werden soll, oder, um in der gewöhnliche Sprache des Laien zu reden, ob wir denken können, was wir wollen, vorausgesetzt, daß die Operation unseren geistigen Horizont nicht überschreitet. Nun wird jeder im abstrakten Denken Ungeübte diese Frage sofort mit einem Ja beantworten, indem er etwa folgendermaßen kalkuliert: Ich denke jetzt an die vorgelegte Frage, im nächsten Augenblick an ihre Beantwortung, dann kommen andere Gedanken, und wenn ich darauf einmal an etwas ganz Fremdartiges denken will, so steht dem Nichts im Wege; ich kann an  Napoleon, Amerika, an Essen und Trinken, an Leben und Liebe, Gesundheit und Krankheit,  mit einem Wort an die verschiedenartigsten Dinge denken: kurz, ich kann denken, was ich will, und mein Wille kann in meinem Gehirn eine von ihm beabsichtigte Vorstellung erzeugen. So der gewöhnliche Mann. Der feine Kopf merkt jedoch schon, daß die Sache keineswegs so einfach zu entscheiden ist, und ich will ihm sofort beweisen, daß man unter keinen Umständen denken kann, was man will, um nach gewöhnlicher Weise zu reden. Es handelt sich hier um ein Kolumbus-Ei. Schon die Frage: "Kann der Mensch denken, was er will?" enthält einen logischen Widerspruch; denn der Wille als solcher kann ja überhaupt nicht denken, ist blind, um mit SCHOPENHAUER zu reden. Indem ich mir vornehme, an irgendeinen Gegenstand zu denken, hat mein Intellekt denselben schon erfaßt. Der Wille gibt also erst nachträglich dem Intellekt, sozusagen, den Konsens, bei einem Gegenstand zu verweilen. Er macht es mithin wie der blinde Mann, der den lahmen auf den Schultern trägt; dieser beschreibt jenem den Weg, den er erblickt, und der Blinde folgt nun entweder der erhaltenen Weisung, oder er steht still und zwingt seinen Reiter, einen neuen Pfad aufzuspüren. Daß unser Gleichnis mehr als eine Spielerei ist, geht aus dem Umstand hervor, daß wir zurückschrecken, wenn der Intellekt aus dem Meer der Erinnerung eine Vorstellung oder einen Gedanken auftauchen läßt, der mit einer dunklen Stunde unseres Lebens in Verbindung steht. Aber unser Intellekt ist doch frei? - Ja, was heißt den frei sein? Das Gegenteil von Freiheit ist jedenfalls Zwang, Zwang wird aber nirgends bemerkt, wo ein Wesen mit seiner inneren spezifischen Natur in Übereinstimmung dasein und wirken kann. Die Freiheit des Intellekts besteht also nur darin, daß ihn nichts hindert, seiner wahren Natur gemäß tägit zu sein; daß er sich mithin nach dem Gesetz der Gedanken-Assoziation, oder der Einwirkung durch äußere Reize in seinen Funktionen bestimmen kann. Eine andere Freiheit gibt es für denselben nicht, wenn überhaupt eine solche existiert. Ein Beispiel möge dies in ein helleres Licht stellen. Ich denke in diesem Augenblick an die Sonne, und nun will ich an etwas ganz Extremes denken - woran denn nur? Nun zum Scherz einmal an einen - Esel. So, das ist mir gelungen,  asinus  [Esel - wp] steht vor meinem geistigen Auge. Aber du jämmerliches Grautier, was machst du mir für Streiche! Wie verwirrst dur mir die Überlegung! Während ich nämlich meine Bewußtseinsstärke vom Objekt "Sonne" ablenkte und sie frei umher schweifen ließ, stieg die Vorstellung von unserem Langohr nach dem feststehenden Gesetz der Gedankenassoziation, das hier in der Form des Kontrastes der Vorstellungen, die sich gegenseitig wecken, zur Anwendung kommt, in meiner Erinnerung auf, und so entstand die Täuschung, ich habe wirklich die Vorstellung fassen wollen, während mein Wille doch weiter nichts mit diesem Bild zu tun hat, als daß er es im Bewußtsein duldet. Hätte die Erinnerung an eine leichtsinnige Handlung sich im Bewußtsein dem Willen vorgestellt, so hätte dieser den Intellekt gedrängt, mit etwas anderem seine Aufwartung zu machen. Obgleich uns nun der eigentlich tiefe Zusammenhang zwischen Wille und Intellekt, dessen Wurzeln in einen metaphysischen Abgrund reichen, wohl stets verborgen bleiben wird, so erklärt sich doch die einseitige Abhängigkeit des Intellekts vom Willen bis zu einem gewissen Grad aus dem Umstand, daß der Wille freilich die Basis ist, auf welcher der Intellekt operiert, übrigens jedoch nur mittelbar von ihm abhängig ist. Denn jener setzt zunächst nur das Herz in Bewegung, das durch den Blutumlauf das Gehirn, das Organ des Denkens, zu seiner Tätigkeit befähigt. Die physiologischen Gesetze sind aber als solche von keiner Bedeutung für die logischen Funktionen, die in einer anderen Offenbarungssphäre auch an andere Prinzipien gebunden sind. Daß der metaphysischen Kraft, der Denkkraft, ein bestimmtes Maß physiologischer Kraft entspricht, ist über allen Zweifel erhaben; wie aber die Verwandlung geschieht, wird uns so gewiß ein Wunder bleiben, wie die Erscheinung des Lebens überhaupt.
LITERATUR Heinrich Dohrn, Das Problem der Aufmerksamkeit, Schleswig 1876