p-4 F. SchumannG. HeymansAugustinusA. Döring    
 
ERNST von ASTER
Raum und Zeit in der Philosophie
des 17. und 18. Jahrhunderts


"Die körperlichen Dinge befinden sich in bestimmten Entfernungen voneinander und sie ändern diese Entfernungen voneinander, das heißt sie bewegen sich. Diese bestehenden Entfernungen und diese Bewegungen aber wären nicht denkbar ohne ewige, in sich unbewegliche, von den Dingen unabhängige Ausdehnung, den absoluten Raum, in dem sich die Dinge befinden und die Bewegungen sich vollziehen. Da Bewegungen und Entfernungen real sind, muß es auch der Raum sein, ohne den sie nicht wären. Da aber der Raum nicht Materie, vielmehr die Bedingung der Existenz aller Materie ist, so ist er ein  immaterielles,  ein geistiges reales Gebilde."

"Was ist nun speziell der Raum? Nicht eine reale Substanz, aber auch nicht die Eigenschaft einer solchen, sondern eine  Ordnungsform,  die Ordnung des Nebeneinander. Ihr entspricht eine andere Ordnunsform: die der Zeit oder des Nacheinander."


Man bezeichnet mir Recht DESCARTES (1596 - 1649) als den Begründer der neueren Philosophie. Er vor allem schafft das Begriffsgerüst, mit dem die Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts arbeitet. Der eine Grundpfeiler seines Systems ist der Satz von der Selbstgewißheit des Bewußtseins: in seiner Existenz unmittelbar unmittelbar gegeben und daher unbezweifelbar gewiß ist uns lediglich das eigene Ich, das heißt das eigene Bewußtsein und seine Inhalte, seine "Ideen"; alles andere, also vor allem die Körperwelt, wird nur erkannt von uns, sofern sie sich in diesen Ideen, in unseren Sinneswahrnehmungen und in unseren Begriffen, mehr oder minder adäquat und richtig widerspiegelt. Auf diesen Gedanken gründet sich weiter der Dualismus des DESCARTES: Die Wirklichkeit zerfällt in zwei ihrem inneren Wesen nach verschiedene Welten oder verschiedene  Substanzen die seelische Substanz, das heißt das Ich (bzw. die Vielheit der Iche) oder die Sphäre des Bewußtseins, und die körperliche Substanz oder die Welt außerhalb des Bewußtseins. (Über diesen beiden endlichen oder begrenzten steht dann freilich noch die "unendliche Substanz", Gott, durch deren Willen und schöpferische Kraft sie beide ins Dasein gerufen worden sind. Das Wesen der einen Substanz nun, der Seele, ihr "Attribut" ist das Bewußtsein, das heißt alle Vorgänge in oder an der Seele sind Weisen oder "Modi" des Bewußtseins: Wahrnehmen, Fühlen, Wollen, Denken - all das sind Akte, in denen ein Ich sich seines Inhalts bewußt wird. Damit ergbt sich für DESCARTES die Frage nach dem entsprechenden "Attribut", der Wesenseigenschaft der körperlichen Substanz - daß sie die Substanz außerhalb des Bewußtseins ist, ist ja zunächst nur eine negative Bestimmung. Dieses gesuchte Attribut nun findet DESCARTES in der räumlichen  Ausdehnung.  Die seelische Welt ist ihrem Wesen nach unausgedehnt, wie der Körper außerhalb des Bewußtseins: eine Wahrnehmung, ein Gedanke oder Gefühl ist nicht mit Längenmaßen zu messen oder um eine bestimmbare Strecke von anderen Gefühlen oder Gedanken entfernt. Dagegen können wir von einem Körper in Gedanken alle übrigen Eigenschaften - die Farbe, die Wärme, die Härte usw. - wegnehmen, ohne ihn selbst fortzunehmen, nur nicht die Ausdehnung: denken wir uns den Raum, den der Körper einnimmt, zu Nichts einzuschrumpfen, so haben wir den Körper selbst aufgehoben. Alle Eigenschaften des Körpers, die Farbe, Härte, Wärme usw. sind nicht denkbar ohne eine Ausdehnung, die sie erfüllen oder über die sie sich erstrecken.

Die Grundeigenschaft des Körpers ist die Ausdehnung: daraus ergibt sich für DESCARTES zunächst die Berechtigung oder die Notwendigkeit einer rein mathematischen, geometrischen, quantifizierenden Naturbetrachtung. Es gibt keine letzten Qualitäten in der Körperwelt, wie die aristotelische Physik sie annahm, sondern ale Qualitäten sind auf Modifikationen der Ausdehnung, alle qualitativen Veränderungen auf Bewegungen zurückzuführen. Farbe, Ton, Wärme sind Erscheinngen, denen Bewegungen im farbigen, tönenden Körper, die von ihm aus unser Sinnesorgan treffen, zugrunde liegen. Eine zweite wichtige Folgerung aber, die DESCARTES aus seiner Definition des Körpers als "ausgedehnter Substanz" ableitet, bezieht sich auf die Ausdehnung selbst, auf den  Raum:  es kann, da die Ausdehnung, aber auch keine Ausdehnung ohne körperliche Substanz geben (wie es kein Bewußtsein ohne ein "Ich" geben kann), ein  leerer Raum  also, ein Raum ohne wirklichen Körper, dessen Ausdehnung er ist, ist  unmöglich.  Im bewußten Gegensatz gegen die durch GASSENDI erneuerte Atomistik EPIKURs und DEMOKRITs denkt sich als DESCARTES die Materie als eine gleichmäßig ausgedehnte, ins Unendliche sich erstreckende und ins Unendliche teilbare, flüssige Masse ohne leere Zwischenräume, in der feste, das heißt in ihren Teilen zusammenhängende, nicht wie eine Flüssigkeit beliebig teilbare Körper schwimmen. Den alten Einwand, daß es ohne leeren Raum keine Bewegung geben kann, beantwortet DESCARTES durch jenen Gedanken, den wir angedeutet schon bei ARISTOTELES fanden: Bewegung ist dadurch möglich, daß ein Körper an die Stelle des anderen tritt. In der Konsequenz dieses Gedankens liegt es, daß jede Verschiebung in der flüssigen Materie des Weltraums ein Teil einer größeren oder kleineren in sich zurücklaufeden Kreis- oder Wirbelbewegung sein muß, wie sie DESCARTES daher seinen Erklärungen der astronomischen Vorgänge zugrunde legt.

Raum und Körper sind nicht zwei in Wirklichkeit voneinander trennbare Gebilde, also auch nicht der Körper und der "Ort", den der Körper einnimmt: "Die Wore  Ort  oder  Raum  bezeichnen nämlich nicht etwas on dem darin befindlichen Körper Verschiedenes, sondern nur seine Größe, Gestalt und Lage zwischen anderen Körpern." Den "Ort" eines Körpers bestimmen, heißt seine Lage in Bezug auf andere Körper seiner Umgebung bestimmen, da es einen vom Körper unterscheidbaren Raum mit bestimmten Punkten oder Örtern nicht gibt. Ein Körper nimmt denselben Ort ein, den vorher ein anderer hatte, heißt: er tritt in die Lagebeziehungen zu anderen Körpern ein, die jener vorher hatte. Jede solche Lagebestimmung ist relativ, es gibt nur einen relativen Ort und ebenso nur eine relative, keine absolute Bewegung. Ein Körper bewegt sich, heißt, daß er aus der unmittelbaren Nachbarschaft dieser in die anderer Körper übergeht, es ist aber nur eine Sache unseres Denkens, ob wir den betreffenden Körper als bewegt und seine Umgebung als ruhend oder ihn als ruhend und die Umgebung als in entgegengesetzter Richtung bewegt ansehen. Die Gleichsetzung von Raum und Körper bedingt also zugleich die nachdrücklich Betonung der Relativität aller Raumbestimmung.

Es gibt für DESCARTES im Grund nur  einen  Körper, der mit dem Raum zusammenfällt.  Einzelne  Körper entstehen in  diesem  Körper erst durch die Bewegung: ein einzelner Körper ist ein Stück  des  Körpers, dessen Teile gegeneinander ruhen und sich zusammen gegen eine weitere Umgebung verschieben: auch die Einheit des einzelnen Körpers ist etwas Relatives, durch die Beziehungen nder Teile  des  Körpers zueinander zustande kommendes, es gibt keine absoluten letzten Einheiten, keine Minima oder Monaden in der grenzenlos teilbaren Raummaterie. In eine fast paradoxe Form faßt ARNOLD GEULINCX (1624 - 1669), der Hauptvertreter der "okkasionalistischen" Richtung im Cartesianismus, diesen Gedanken: der einzelne Körper, sagt er, verhält sich zu  dem  Körper, wie die Fläche zum Körper, die Linie zur Fläche, der Punkt zur Linie: das heißt der Einzelkörper ist das Ergebnis einer durch unser Denken in  dem  Körper vollzogenen Grenzsetzung, die uns durch die beobachtete Bewegung vorgezeichnet wird; wie aber der Punkt nicht ohne die Linie, deren Endpunkt er ist, oder die Fläche nicht ohne den Körper, dessen Grenzfläche sie ist, existieren kann, so auch der Einzelkörper nicht ohne  den  Körper.

Die beiden Hauptpunkte der Cartesischen Lehre vom Raum sind die Gleichsetzung des Raumes mit der Materie und die nachdrückliche Betonung der Relativität aller Ortsbestimmung und aller Bewegung. In beiden Punkten erwächst dem französischen Philosophen und seiner Schule ein heftiger Gegner im Engländer HENRY MORE (1614 - 1687). Er stellt der Raummaterie des DESCARTES gegenüber die Behauptung auf, daß es einen ewigen, unbeweglichen, immateriellen Raum gibt, den wir nicht einmal fortdenken können, wenn wir auch die Dinge in diesem Raum vernichtet denken mögen. Der Relativität der Bewegung gegenüber lehrt er, daß Bewegung nicht bloße Beziehungsänderung ist, sondern zugleich die Kraft oder Tätigkeit bedeutet, durch die ein Körper seine Lage zu einem anderen ändert: wenn ich ruhig dasitze und ein anderer 1000 Schritte von mir weggeht, so daß  er  vor Anstrengung  rot  und müde wird, so bin doch nicht  ich  der Bewegte, das heißt ich bin nicht derjenige, der die Tätigkeit des Sich-Bewegens übt. Als sachlicher Kern steckt in diesem Argument, freilich noch unklar, der Gedanke, daß, wenn wir von der Bewegung selbst zur Frage nach den bewegenden Kräften, von der phoronomischen [bewegungstechnischen - wp] zur dynamischen Betrachtung übergehen, die Frage, ob es möglich ist, zwischen wirklicher und scheinbarer Bewegung das Problem der absoluten und relativen Bewegung unter einen neuen Gesichtspunkt gerät. MORE selbst will jedoch zwischen rein kinematischer und dynamischer Betrachtung nicht scheiden: gerade da wir bei jeder Bewegung fragen können, welcher von den beiden Körpern, die ihre Lage zueinander verändern, denn nun die Tätigkeit des Sich-Bewegens übe, scheint ihm die Relativität aller Bewegung absurd, da sie zu dem Ergebnis führt, daß derselbe Körper je nach dem Bezugskörper, auf den wir ihn beziehen, ruht oder sich in dieser oder einer anderen Weise bewegt - also zu widersprechenden Urteilen über denselben Gegenstand. Andere Widerlegungen MOREs treffen nur die spezielle Form der Bewegungsdefinition bei DESCARTES: Wenn Bewegung die Veränderung der Lagebeziehungen eines Körpers zu seiner unmittelbar ihn berührenden Umgebung ist, so dürfen wir von den Teilen im Inneren eines bewegten Körpers nicht sagen, daß sie sich bewegen. Es ist ein Überrest der aristotelischen Raumdefinition (der "Ort" eines Körpers ist die Grenze, die zwischen Ihm und dem ihn umschließenden Körper liegt) bei DESCARTES, deren zu enge Fassung sich hier in der Tat ergibt; nicht die Beziehung zu seiner unmittelbaren Umgebung, sondern die zu einem beliebigen, willkürlich als ruhend angenommenen äußeren Bezugskörper, wie das DESCARTES selbst an anderer Stelle deutlich ausspricht, gibt uns die Möglichkeit, den Bewegungszustand eines Körpers zu bestimmen. Freilich gerade das scheint MORE schlechthin als unmöglich, daß die Urteile über Ruhe und Bewegung von Körpern, um sinnvoll zu sein, die Beziehung auf einen willkürlich gewählten und als ruhend angenommenen Körper voraussetzten.

"Die körperlichen Dinge befinden sich in bestimmten Entfernungen voneinander und sie ändern diese Entfernungen voneinander, das heißt sie bewegen sich. Diese bestehenden Entfernungen und diese Bewegungen aber wären nicht denkbar ohne ewige, in sich unbewegliche, von den Dingen unabhängige Ausdehnung, den absoluten Raum, in dem sich die Dinge befinden und die Bewegungen sich vollziehen. Da Bewegungen und Entfernungen real sind, muß es auch der Raum sein, ohne den sie nicht wären. Da aber der Raum nicht Materie, vielmehr die Bedingung der Existenz aller Materie ist, so ist er ein  immaterielles,  ein geistiges reales Gebilde."

MORE, der sich in seinem Kampf gegen DESCARTES' Raum- und Bewegungslehre wesentlich auf physikalischem Gebiet bewegt hatte (auch die Entdeckung des luftleeren Raums, der GUERICKschen Experimente haben sicher bei ihm mitgewirkt), mündet nun endlich ganz in eine theologisierende Metaphysik ein. Die Grundeigenschaften des Raumes - Unendlichkeit, Ewigkeit, Unabhängigkeit, Unbeweglichkeit, Einheit - bringen ihn in eine enge Beziehung zu Gott selbst, er ist das Abbild der Allgegenwart Gottes, das "Sensorium" Gottes, wie GOCLENIUS es ausdrückte, er bildet eine Art Übergang von Gott zur Körperwelt. Aus religiösen Gründen bekämpft hier MORE den "Materialismus" des DESCARTES, er will die Unselbständigkeit, die Abhängigkeit des Materiellen von einer geistigen Welt dartun, gerät aber dabei selbst in Gedankengänge hinein, die sich stark dem Pantheismus nähern.

Seine Bestrebungen, den unendlichen Raum mit der unendlichen Substanz, mit Gott, in Beziehung zu bringen, berühren sich mit Entwicklungen, die vom Cartesianischen Standpunkt aus, in der Schule des DESCARTES, sichtbar werden. SPINOZA macht die unendliche Ausdehnung zu dem einen Attribut Gottes, der als unendliches Wesen unendlich viele Attribute hat, deren jedes in seiner Art unendlich ist. MALEBRANCHE geht davon aus, daß wir jeden einzelnen Körper als Stück des unendlichen Raums, gleichfalls aus ihm herausgeschnitten, denken müssen, der Begriff er unendlichen Ausdehung also dem der begrenzten Ausdehnung, des Einzelkörpers, vorhergeht. Ebenso aber auch: wenn wir irgendein Ding als Individuum denken, so fassen wir es als Einzelfall eines allgemeinen Begriffs, das heißt eines  unendlichen  Inbegriffs möglicher Gegenstände. Jedesmal also, wenn wir einen einzelnen Gegenstand anschauen oder denken, liegt der Gedanke des Unendlichen in einer speziellen Form als Bedingung im Hintergrund. Der Gedanke  des  Unendlichen schlechthin (der freilich nicht mehr eine "Idee", ein bestimmter Gedankeninhalt ist, sondern das, was alle einzelnen Gedankeninhalte erst möglich macht), ohne den es weder den des unendlichen Raumes, noch den des unendliche Möglichkeiten einschließenden Begriffs geben würde, das heißt der Gottesgedanke ist also die vor allem einzelnen Denken liegende, sie umschließende Voraussetzung. Um der Nähe des spinozistischen Pantheismus zu entgehen, faßt MORE seine Lehre dahin zusammen, für SPINOZA sei Gott im Raum (Gott ein ausgedehntes Wesen), für ihn der Raum in Gott (die Ausdehnung hat als unendliche Ausdehnung im platonischen Sinn an der Unendlichkeit Gottes "teil").

Erheblich ausgeprägter noch als DESCARTES vertritt der englische Philosoph THOMAS HOBBES (1588 - 1679) den von MORE so scharf bekämpften Materialismus mit seiner Vermaterialisierung des Raums. HOBBES geht von der Überzeugung aus, daß alles Wirkliche  Körper  und jeder wirkliche Vorgang  Bewegung  ist (er lehnt auch DESCARTES' unausgedehnte Seelensubstanz ab). Der "Raum" kann daher auch nur ein Akzidens der Körper sein, er ist die abstrakt gedachte Ausdehnung der Körper, es gibt keinen realen Raum ohne Körper und ebensowenig eine reale Zeit ohne Bewegung. DESCARTES und seine Schüler setzten den Raum mit der einheitlich gedachten gesamten Körperwelt gleich und machten den einzelnen Körper zum Stück, schließlich zum "Modus" des Raumes (des Körpers): daß die Einzelkörper im Raum sind, also den Raum voraussetzen, bedeutete für sie, daß sie Teile oder abhängige Modi des einen Gesamtkörpers sind. Das lehnt HOBBES ab, für ihn gibt es nur Einzelkörper, der Raum, den wir von diesen Einzelkörpern unterscheiden, ist ein bloßes Abstraktum, ein reines Phantasiegebilde - dadurch entstehend, daß, wenn wir die Dinge in eine gewisse Entfernung rücken, so daß ihre spezifischen Unterschiede verschwimmen, die bloße Vorstellung, das Bild einer undifferenzierten Ausdehnung übrig bleibt. Dieser nur für unser Bewußtsein, nicht ansich existierende Nebel, gleichsam, aus dem dann beim Näherkommen die Dinge auftauchen, ist das Urbild des "Raumes", der angeblich die Dinge "in sich befassen" und auch ohne die Dinge existenzfähig sein soll. Entsprechendes gilt dann für Zeit und Bewegung. -

Auf der anderen Seite erwächst nun der Cartesischen Raumlehre und Physik ein sehr viel bedeutenderer Gegner als in HENRY MORE in dem großen englischen Mathematiker und Physiker ISAAC NEWTON (1642 - 1727). NEWTON geht in seinen physikalischen Überlegungen vor allem von zwei Prinzipien aus: vom GALILEIschen Trägheitsprinzip und von dem von ihm selbst aufgestellten Prinzip der allgemeinen Massenanziehung, durch das es ihm gelingt, die Eigentümlichkeiten des freien Falls (dessen Gesetz GALILEI gefunden hatte) zugleich mit den KEPLERschen Gesetzen der Planetenbewegung zu erklären. Die Annahme der Massenanziehung führt unmittelbar zu einem scharfen Gegensatz zum Grundgedanken der Cartesischen Physik: nicht mehr nur in unmittelbarer Berührung, durch Druck und Stoß, wie DESCARTES und mit ihm fast alle seine Zeitgenossen es für selbstverständlich hielten, sollten die Körper aufeinander wirken, sondern es sollte eine Fernwirkung durch den Raum zum umschließenden Medium wird, in dem die Körper sich befinden und sich durch anziehende Kräfte in ihrer Bewegung beeinflussen. Zu demselben Gedanken des absoluten Raums führen NEWTON die Konsequenzen des Trägheitsprinzips. Jeder Körper soll nach diesem obersten Bewegungsgesetz in seinem Zustand der Ruhe oder gleichförmig-geradlinigen Bewegung beharren, solange keine äußeren Kräfte auf ihn wirken. Damit dieses Gesetz universell und uneingeschränkt gültig ist, muß es Sinn haben, jedem Körper einen ganz bestimmten Bewegungszustand zuzuschreiben, nicht nur in Bezug auf ein beliebig gewähltes und willkürlich als ruhend angenommenes Bezugssystem, sondern ansich muß ein Körper in Ruhe oder einer bestimmten Bewegung sein - nur für solche Bewegungen gilt das Trägheitsgesetz. Nun hatte man bisher diese Schwierigkeit nicht besonders gewürdigt, weil man die Fixsterne als absolut ruhend ansah und an die Stelle der absoluten Bewegung die auf den Fixsternhimmel bezogene Bewegung einsetzte. Für NEWTON aber werden nun die Fixsterne selbst zu Körpern, die gemäß dem allgemeinen Gesetz der Massenanziehung Bewegungen ausführen: so drängt sich ihm die Willkür auf, die in jener Voraussetzung liegt. Es muß eine absolute Bewegung für jeden Körper geben - die Bewegung des auf einem Schiff fahrenden Menschen setzt sich zusammen aus seiner Bewegung zum Schiff, der des Schiffes zur Erde und der absoluten Bewegung der Erde, das heißt  ihrer Bewegung im absoluten Raum.  Denn die absolute Bewegung setzt den absoluten Raum voraus, und zwar als wirklich existierendes reales Gebilde. So nimmt NEWTON den einen, allumfassenden, unbeweglichen, immateriellen Raum, wie ihn MORE behauptet hatte, als Grundbegriff der Physik an, fügt aber nun zugleich ihm den gleichartigen Begriff der absoluten Zeit an. "Die  absolute, wahre und mathematische Zeit  fließt, ansich und ihrer natur nach ohne Beziehung auf etwas Äußeres, gleichmäßig dahin und heißt mit anderem Namen auch Dauer: die relative, scheinbare und gewöhnliche Zeit ist ein sinnliches und äußeres Maß der Dauer, mittels einer Bewegung, wie man es für gewöhnlich anstelle der wahren Zeit braucht." "Der  absolute Raum  bleibt, seiner Natur nach ohne Beziehung auf etwas Äußeres, beständig gleichartig und unbeweglich: der relative ist irgendein beliebiges bewegliches Maß oder eine Abmessung dieses Raumes, welche von unseren Sinnen durch ihre Lage zu Körpern fixiert und für gewöhnlich anstelle des unbeweglichen Raumes gebraucht wird." Der "Ort" ist nicht mehr die Grenze des umschließenden und umschlossenen Körpers, sondern unter dem Ort ist letzten Endes der vom Körper eingenommene Teil des absoluten Raume zu verstehen; die absolute Bewegung ist die Übertragung eines Körpers von einem absoluten Ort nach einem anderen.

Was sind Raum und Zeit? Die Frage führt wie bei MORE über das Philosophische hinaus ins Metphysische, ja Theologische. Sie sind das "Sensorium Gottes", das heißt sie sind die unmittelbaren Folgen seiner Allgegenwart und Ewigkeit den Dingen gegenüber.

Nun entsteht indessen doch ein Problem: weder der absolute Raum und die absolute Zeit, noch der absolute Ort und die absolute Bewegung eines Körpers sind ansich wahrnehmbar oder der direkten Erfahrung zugänglich, auf welchem Weg also können wir uns von der wahren Lage und Bewegung eines Körpers überzeugen? Die Frage zerlegt sich in zwei Teile. Gehen wir zunächst aus von der geradlinig-gleichförmigen Bewegung, so ist klar, daß in Bezug auf zwei gegeneinander in solcher Bewegung befindlichen Körper keine Möglichkeit besteht, zu entscheiden, ob der eine ruht und der andere sich bewegt oder umgekehrt, es besteht hier in jeder Hinsicht völlige Reziprozität. Dennoch glaubt NEWTON auch hier mit Hilfe des Beharrungsgesetzes, das er als unbedingt gültig voraussetzt, die absolute Bewegung erschließen zu können: Es folgt zunächst aus dem Satz von der Erhaltung des Massenmittelpunktes, daß der Schwerpunkt der Welt im Ganzen ruht, des weiteren aber, meint er, dürfen wir auch schließen, daß sich der Schwerpunkt des von den weit entfernten Fixsternen fast unbeeinflußten Sonnensystems in absoluter Ruhe befindet. Endlich folgt aus der unveränderten Lage der Fixsterne gegen die Aphelien [sonnenfernster Punkt einer Planetenbahn - wp] und Knotenpunkte der Planetenbahnen die absolute Ruhe der Fixsterne im Raum. (Die Fixsterneigenbewegungen wurden erst von BRADLEY im Jahre 1718 entdeckt, die sogenannte Translation der Sonne von HERSCHEL 1783.) Sie sind diese Schlüsse reichlich angreifbar, so hat dagegen NEWTON eine sehr viel bessere Stellung, wenn er die Frage bezüglich der beschleunigten und Drehbewegung stellt. An dem um seine Achse sich drehenden Körper treten Fliehkräfte auf - in dem von NEWTON ausgeführten Experiment steigt das Wasser an den Wänden des schnell um seine Achse rotierenden Gefäßes in die Höhe, umso stärker, je mehr die rotierende Bewegung sich auf das Wasser überträgt. Das Auftreten dieser Fliehkräfte am Äquator der Erde etwa ist ein Beweis dafür, daß sich die Erde wirklich dreht und nicht etwa der Fixsternhimmel: an einer absolut ruhenden Erde würden jene Kräfte nicht auftreten. Hier ist also die Möglichkeit gegeben, zwischen absoluter und relativer, wirklicher und scheinbarer Bewegung empirisch zu unterscheiden, freilich nicht durch Betrachtung der Bewegung selbst (phoronomisch), sondern ihrer Wirkungen (dynamisch). -

NEWTONs Physik - seine Lehre von Raum und Zeit und der durch den leeren Raum hindurchgehenden Fernwirkung der Körper aufeinander - begegnet zunächst bei Physikern wie Philosophen heftigen Widerspruch. Unter den Gegnern, die von beiden Gesichtspunkten her ihn bekämpfen, ist der bedeutendste LEIBNIZ (1643 - 1713), der sich mit NEWTON in den Ruhm der Erfindung der Infinitesimalrechnung teilt, in der Einführung einer grundlosen Anziehungskraft der Körper aufeinander aber die Einführung eines "Wunders" in die Naturerklärung sah.

Obgleich LEIBNIZ von Anfang an wesentlich mit den Begriffen der Cartesischen Philosophie arbeitet, im besonderen also auch zunächst wie DESCARTES Körper und Seele als "ausgedehnte" und "denkende Substanz" gegenüberstellt, hat er doch nie vorbehaltlos der Gleichsetzung von Körper und Raum zugestimmt, vielmehr ist für ihn schon in seinen frühen Schriften der Körper etwas im Raum, der Raum das ansich, der Körper das durch den Raum Ausgedehnte. Der Punkt, in dem er sich hier von Anfang an von DESCARTES unterscheidet, hängt mit einer Neigung zur Atomistik zusammen: Alles substantielle Wirkliche muß aus letzten unteilbaren Einheiten bestehen, denn alles Teilbare ist ein Zusammengesetztes, eine Summe, eine Summe aber ist nur wirklich, wenn sie aus wirklichen Summanden, also schließlich aus Einheiten besteht, die nicht wieder Summen sind. In einer Jugendschrift vom Jahre 1670 führt dieses Prinzip, an dem LEIBNIZ stets festgehalten hat, ihn sogar zu der paradoxen Folgerung, auch Raum und Zeit (und entsprechend die Bewegung) seien aus letzten unteilbaren Elementen, aus Atomen zusammengesetzt, die beim Raum eine verschiedene Größe haben, bei der Zeit einander gleich sein sollten. Es gibt ein aktuell unendlich Kleines in Raum, Zeit und Bewegung, das, trotzdem es unendlich klein ist, in seiner Größe miteinander verglichen werden kann: wir erkennen den Zusammenhang jener Gedanken mit der Infinitesimalrechnung. Zwei Punkte sind es dann vor allem, die ihn im Lauf der 70er Jahre von jenen Gedanken zurückkommen lassen: die Einsicht in die Unmöglichkeit, den Punkt im Raum und den Augenblick in der Zeit anders denn als Grenze aufzufassen, also die  kontinuierliche  Natur und die unendliche Teilbarkeit von Raum und Zeit, und ferner die Einsicht in die  Relativität  aller Bewegung, solange sie wirklich als  Bewegung,  rein phoronomisch, nicht dynamisch, angesehen wird (es ist Willkür, wenn wir einen Körper als bewegt, seine Umgebung als ruhend bezeichnen, wir können ebensogut das Umgekehrte annehmen).

Damit sind nun schon die wichtigsten Punkte bezeichnet, die LEIBNIZ um die Mitte der 80er Jahre zu seiner prinzipiellen Umbildng der Cartesischen Metaphysik, zur Ersetzung des DESCARTES'schen Dualismus durch seine idealistische Monadenlehre führen. Da alles substantiell Wirkliche aus letzten Einheiten zusammengesetzt sein muß, der Raum bzw. der Körper als nur ausgedehntes Ding aber ins Unendliche teilbar ist, so kann es kein substantiell Wirkliches sein, es gibt keine "ausgedehnte Substanz". Anders steht es mit dem Bewußtsein oder der "denkenden Substanz", die als ein nicht aus äußeren teilen bestehendes, sondern mit inneren Zuständen ausgestattetes Wesen substantielle Realität besitzen kann. Es existiert also in substantieller Wirklichkeit ansich nur die Summe der "Monaden", das heißt der Seelen und seelenartigen Wesen, alles andere besteht nur in oder an diesen Monaden, das heißt als Vorstellung. Inbesondere die Körperwelt hat nur eine solche "Phänomenale", eine Existenz als Inbegriff zusammenhängender Vorstellungen in den vorstellenden Seelen und Monaden.

Was ist nun speziell der Raum? Nicht eine reale Substanz, aber auch nicht die Eigenschaft einer solchen, sondern eine  Ordnungsform,  die Ordnung des Nebeneinander. Ihr entspricht eine andere Ordnunsform: die der Zeit oder des Nacheinander. (LEIBNIZ ist in der kontinentalen neueren Philosophie der erste, der Raum und Zeit in Parallele setzt, in der Cartesianischen Lehre und Schule stand dem die Gleichsetzung von Raum und körperlicher Substanz entgegen. DESCARTES definiert die "Dauer" als den "Zustand einer Sache, sofern sie zu sein fortfährt", und nennt "Zeit" die "Dauer jener größten und gleichmäßigsten Bewegung, von der die jahre und Tage kommen".) Jede Ordnung nun fordert etwas, das gefordert wird: das sind hier zunächst die  Phänomene,  die gesehenen Farben, getastete Härte usw. Die räumliche Ausdehnung ist damit zunächst selbst ein gesehenes, getastetes, wahrgenommenes Phänomen, aber nicht das Phänomen eines Einzelsinnes, sondern des mit allen Sinnen sich verknüpfenden "Gemeinsinnes". Und damit hängt ein weiteres zusammen: die Klarheit und Deutlichkeit der räumlichen Vorstellungen, die eine Wissenschaft der Geometrie möglich machen. Es wurde von den zwei Welten, der der Substanzen oder Monaden und der der Vorstellungen gesprochen; ihnen entsprechen zwei Wissenschaften: die Metaphysik und die Naturwissenschaft. Die Aufgabe der Naturwissenschaft ist es, die Phänomene, die Vorstellungen in klare und deutliche Begriffe zu fassen, sie damit den Gesetzen der Arithmetik und Logik zu unterwerfen, sie exakt und einsichtig erkennbar zu machen. Dies ist nun eben möglich bei den geometrischen Figuren, nicht dagegen bei Farben, Tönen, Wärme und Kälte, es sei denn, daß wir ihnen Bewegungen oder Konfigurationen unterschiedeb, ansich bleiben sie "verworren".

Wie aber kommen wir nun zu dem Gedanken des einen, alle körperlichen Dinge umfassenden gleichartigen Raumes bzw. der entsprechenden Zeit? Hier müssen wir zunächst eine andere Frage stellen: Es gibt in Wahrheit eine Vielheit von vorstellenden Wesen und daher von Vorstellungswelten - wie kommen wir dazu, trotzdem von der  einen  Körperwelt zu sprechen? Wir tun das, weil die Vorstellungen in den einzelnen Monaden sich entsprechen, weil sie in einer bestimmten  Harmonie  zueinander stehen. Zeichnet sich in meinem Bewußtsein das Bild eines bestimmten Gegenstandes ab, so entsteht auch im Bewußtsein des neben mir Stehenden nicht das gleiche, aber ein entsprechendes Bild - dem "Standort" des betreffenden Menschen und der Stellung des betreffenden "Dinges" entsprechend. Alle vorstellenden Wesen stellen dasselbe "Universum" von Dingen vor, jedes von einem anderen "Gesichtspunkt" oder "Ort" im "Raum" aus. Nun ist aber weder dieses Universum noch jener Raum wirklich vorhanden, vorhanden sind nur die Vorstellungen, die sich so verhalten, als ob sie Spiegelungen desselben Dings von den Punkten eines unbeweglichen Stellensystems wären: das dingliche Universum wie das Ordnungssystem des Raums sind für sich genommen eine reine Konstruktio des Denkens, ein imaginäres Gebilde. Die ansich unräumlichen und ewigen Monaden bringen vermöge einer durch Gott in sie hineingelegten Kraft die Vorstellungen in dieser so sich entsprechenden Art und dieser Reihenfolge hervor. Noch anders: Die Vorstellungswelten der einzelnen Monaden enthalten denselben Inhalt, aber in verschiedener Projektion, das heißt in verschiedener Projektion, das heißt in verschiedenen Klarheitsgrade und bezogen auf ein kontinuierlich sich verschiebendes Klarheitszentrum, denn jede Monade stellt umso klarer vor, was ihrem "Gesichtspunkt" näher liegt. Denken wir uns den gesamten Vorstellungsinhalt in allen Teilen gleich klar vorgestellt, so haben wir das Bewußtsein der allgegenwärtigen, der göttlichen Monade.

An die Stelle des Raumes und der Zeit tritt das Neben- und Nacheinander der Phänomene. Warum nun stellen sich die Phänomene in dieser bestmmten Ordnung dar? Die Aufgabe der Wissenschaft ist es, diese Ordnung als eine gesetzmäßige, notwendige darzutun; die im Raum, das heißt nebeneinander sich ordnenden sind die zugleich seienden und damit die gegenseitig, durch Wechselwirkung in bestimmter Weise sich fordernden, die in der Zeit sich folgenden sind die durch Wechselwirkung sich ausschließenden, aber als Ursache und Wirkung sich fordernden Phänomene. Daher können nie zwei genau gleiche Inhalte zu verschiedener Zeit oder an verschiedenen Orten wiederkehren: die raumzeitliche Anordnung ist der Ausdruck eines sachlichen Zusammenhangs der phänomenalen Dinge, der jedem qualitativ bestimmten Ding seine einzig mögliche Zeit. und Raumstelle, das heißt seine Beziehung im Neben- und Nacheinander zu den sonstigen Dingen anweist.

In einem ausgedehnten polemischen Briefwechsel mit dem NEWTON-Schüler CLARKE setzt sich LEIBNIZ kritisch mit NEWTONs Raum- und Zeitlehre auseinander. Er wendet gegen sie erstens ein, daß im absoluten Raum und der absoluten Zeit zwei unwandelbare und ewige Dinge, substantieller als die Substanzen, als wirklich angenommen werden. Es müßte ferner denkbar und sinnvoll sein, auch von einem "Orte des Universums oder von einer Bewegung desselben zu sprechen, aber ein solcher Ort oder eine solche Bewegung wäre gar nicht vorstellbar, ansich wären die Punkte des Raumes und der Zeit ununterscheidbar; würde das gesamte Universum plötzlich an eine andere Stelle des absoluten Raumes gerückt, so würde niemand etwas von dieser Veränderung überhaupt bemerken können: Bewegung aber, fährt LEIBNIZ fort, gibt es nur dort, wo eine der Beobachtung zugängliche Änderung stattfindet, ist diese Veränderung durch keine Beobachtung festzustellen (das heißt entzieht sie sich nicht nur tatsächlich, sondern prinzipiell der Beobachtbarkeit), so ist sie auch nicht vorhanden. CLARKE entgegnet erstens: wenn eine Unterscheidung auch durch keine physikalische Beobachtung belegbar ist, kann es doch Sinn haben, sie zu machen. Und zweitens verweist er auf die bestimmten Fälle (beschleunigte und Drehbewegung), in denen auf dynamischem Weg eine absolute Bewegungsänderung nachweisbar ist. LEIBNIZ bestreitet ansich natürlich diese Unterschiede nicht - wenn ein Körper  in Bezug  auf einen anderen Körper, die Erde zum Beispiel, in Bezug auf den Fixsternhimmel, sich dreht, so treten an dem einen Fliehkräfte auf, am andern nicht - aber er würde es ablehnen (genau äußert er sich allerdings zu diesem Punkt nicht) von hier aus auf die Realität eines absoluten Raumes, in dem der eine Körper ruht, der andere sich dreht, zu  schließen.  -

Schon bei DESCARTES und LEIBNIZ spielt in der Untersuchung der Natur von Raum und Zeit die Beantwortung der Frage eine gewisse Rolle, woher wir dann von beiden wissen, die erkenntnistheoretisch-psychologische Frage nach dem Ursprung der Raum- und Zeitvorstellung. Sie tritt ganz in den Vordergrund in der empiristischen Philosophie JOHN LOCKEs (1632 - 1704) und seiner Nachfolger in England. Für DESCARTES gehört der klare und deutliche Begriff der räumlichen Ausdehnung, bei der Geometrie zugrunde liegt, zu den "angeborenen Ideen" des menschlichen Geistes, deren Vorhandensein LOCKE, der Philosophe des Empirismus, leugnet. Wie alle Vorstellungen, entstammen auch Raum und Zeit - Ausdehnung und Dauer - der sinnlichen und der inneren (seelischen) Erfahrung. Alles, was wir sehen und tasten, gibt sich uns als ausgedehnt, die Idee der Ausdehung ist also ein Inhalt des Gesichts- und Tastsinns;, alles was wir überhaupt erleben, sei es Sinnesempfindung, Gefühl oder Wollen, gibt sich uns als dauernd, die Idee der Dauer ist also eine solche der Sinnes- und Selbstwahrnehmung. Nachdrücklich lehnt LEIBNIZ die Cartesische Gleichsetzung von Ausdehnung und wirklichen Körpern ab: ein wesentliches Moment des Körpers ist die Undurchdringlichkeit, die Raum erfüllung;  darum ist auch ansich eine leere, dem tastenden Finger keinen Widerstand entgegensetzende Ausdehnung wohl denkbar. Ein besonderes Problem bleibt noch die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit: sie bedeutet nach LEIBNIZ nichts anderes, als die beliebige Vergrößerbarkeit jeder begrenzten räumlichen und zeitlichen Ausdehnung. Die Erfahrung zeigt uns, daß jede Linie verlänert wieder eine Linie ergibt, die abermals verlängert werden kann usw.  in infinitum  oder vielmehr  indefinitum.  Für die Cartesianer ist die begrenzte Figur ein Ausschnitt aus dem unendlichen Raum, dessen Idee sie voraussetzt, für LEIBNIZ entsteht der unendliche Raum aus der begrenzten Figur durch die Vergrößerung, die unsere Vorstellung vollzieht.
LITERATUR Ernst von Aster, Raum und Zeit in der Geschichte der Philosophie und Physik, München 1922