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LEO TOLSTOI
Über Erziehung und Bildung

"Die klugen und guten Menschen dachten und drückten ihre Gedanken in drei verschiedenen Richtungen aus: in einer religionsphilosophischen, einer empirischen und einer logischen Richtung. Diese drei Typen der Wissenschaften genügen dem Kriterium der menschlichen Verbrüderung, sie sind alle kosmopolitisch und allen Menschen zugänglich. Alle diese Wissenschaften sind wirkliche Wissenschaften, bei welchen es kein Halbwissen geben kann, - entweder man beherrscht sie oder nicht. Alle Wissenschaften aber, welche diesen Forderungen nicht genügen, wie die theologischen, juristischen und speziell historischen, sind schädliche Wissenschaften und müssen ausgeschlossen werden."

"So seltsam das uns auch vorkommen mag, so ist doch die vollständigste Unterrichtsfreiheit, d. h. daß der Schüler oder die Schülerin nur auf eigenen Antrieb zum Unterricht kommen, eine Grundvoraussetzung jedes fruchtbaren Unterrichts, ebenso wie es eine Grundvoraussetzung der Ernährung ist, daß der sich Ernährende essen will. Der Unterschied besteht nur darin, daß in den materiellen Dingen der Schaden aus der Verletzung der Freiheit sofort zum Vorschein kommt, indem sich Erbrechen und Bauchschmerzen einstellen; bei den geistigen Dingen aber die schädlichen Folgen nicht sofort, sondern vielleicht erst nach Jahren zum Vorschein kommen."


I.

Die Grundlage allen menschlichen Lebens ist die religiöse Lebensauffassung. Auf der Grundlage der Religion bildet sich das ganze Leben des Menschen und auf sie wird seine ganze Tätigkeit gelenkt. Es ist darum begreiflich, daß die Erziehung, d. h. die Vorbereitung der Menschen zum Leben und zur Tätigkeit - auf der Religion beruhen muß.

In unserer sogenannten Kulturwelt aber ist die Religion weder die Grundlage der Erziehung, noch gilt sie überhaupt als ein wichtiger und nötiger Unterrichtsgegenstand, sondern gehört zu den allerletzten, unnützen Dingen, und wird, wie die Überbleibsel des Altertums (woran niemand ernst glaubt), nur anstandshalber in den Schulen gelehrt. Es ist begreiflich, daß unter solchen Bedingungen die Erziehung keine vernünftige, sondern nur noch eine verkehrte sein kann, und daß man bei den Erziehungsfragen alles von Anfang beginnen muß.

Die Grundlage der Erziehung müßte eine solche der Religionslehre sein, die mit dem Aufklärungsgrad der Menschen ohne Unterschied der Nationalität und Lebenslage in Übereinstimmung wäre.

Diese Religionslehre kann weder der Katholizismus, noch die Orthodoxie, noch der Protestantismus, noch der Islam, noch das Judentum oder der Buddhismus sein, welche sich auf den Glauben an gewissen Propheten stützen, sondern nur noch jene Lehre, deren Wahrheit aus der Vernunft, dem Herzensdrang und der Lebenserfahrung eines jeden Menschen hervorgeht. Diese Lehre ist die christliche Lehre in ihrer einfachsten und vernünftigsten Ausdrucksform. Die religiöse Grundlage unseres religiösen Lebens besteht darin, daß unser Leben keinen anderen Sinn hat, als die Erfüllung jenes unendlichen Urquells, als dessen Teil wir uns erkennen; der Wille dieses Urquells aber besteht in der Einigung aller Lebewesen, in der Brüderlichkeit aller Menschen untereinander, in ihrem gegenseitigen Dienst.

Die Einigung und der gegenseitige Dienst sind der Sinn und das Werk des Lebens, denn so ist der Wille jenes Urquells, welcher die Welt regiert, leitet und die Grundlage unserer Existenz bildet. Die ganze Tätigkeit der Erziehung darf nicht nur auf dieser Grundlage beruhen, sondern sich auch von derselben leiten lassen: alles, was in der Erziehung zur Einigung der Wesen, zur Verbrüderung der Menschen beiträgt, muß gefördert, alles Trennende aber muß beseitigt werden. Alles dasjenige, was diesem Ziel mehr dienlich ist, muß vorangesetzt werden, was weniger dienlich ist, dahinter.

Was aber ist die Erziehung, und worin besteht sie?

Um diese Frage genau zu beantworten, muß man vorerst die Eigenschaften der menschlichenTätigkeit überhaupt bestimmen.

Es ist dies eine Eigentümlichkeit jeglicher Tätigkeit - und die Psychiater wissen es wohl -, daß der Mensch, wenn er sich im Zustand der Hypnose oder des Idiotismus befindet, d. h. keine inneren Tätigkeitsmotive hat, sich der ersten Eingebung unterwirft und entweder das Geschehene nachahmt, oder das von ihm selbst Getane wiederholt. Wenn ihm gesagt wird, daß er gehen soll, geht er ohne aufzuhören, und bewegt, an der Wand angelangt, die Beine so, als ob er ginge. Reicht man ihm einen Löffel an den Mund, so wird er den Löffel fortwährend an den Mund bringen, bis man ihn davon zurückhält. So handeln die Hypnotisierten oder die Idioten; aber auch alle gesunden Menschen haben die Eigenschaft, der fremden oder eigenen Eingebung zu gehorchen. Wenn wir ein Wort mehrmals wiederholen, dann aber unsere Aufmerksamkeit abwenden, so werden wir dasselbe Wort unbewußt weiter wiederholen. Dasselbe ist auch mit den Handlungen der Fall. Und diese Eigentümlichkeit, die beim Idioten eine so klägliche ist, ist sonst eine für die Menschen sehr wichtige und nötige Eigenschaft. Wenn der Mensch über seine Handlung nachdenken müßte, so würde er sich nicht dem Gang seiner Gedanken hingeben, und die Fragen der Wissenschaft und des Lebens lösen können. Die Fähigkeit, sich der Eingebung der anderen Menschen, sowie seiner eigenen zu unterwerfen, gibt dem Menschen die Möglichkeit zu denken.

Jeder von uns führt nur einen kleinen Teil seiner Handlungen bewußt aus, während er sonst nach eigener oder fremder Eingebung handelt. Je stärker der Mensch geistig ist, desto weniger ist er der fremden Eingebung unterworfen, sondern unterliegt der eigenen Eingebung, und umgekehrt. Abgesehen von der angeborenen größeren oder geringeren Geisteskraft des Menschen, unterwirft er sich destoweniger den fremden Einflüssen, je älter er ist, und destomehr, je jünger er ist.

Auf dieser Eigenschaft der Menschen beruht die Erziehung.

Die Fähigkeit der Kinder, leicht suggeriert zu werden, liefert sie der vollständigen Macht der Erwachsenen aus, und es ist darum klar, welchen großen Wert es für die Kinder hat, daß sie nicht falschen und schlechten, sondern nur wahren und guten Eingebungen unterworfen werden.

Alles das, woraus die Erziehung zusammengesetzt wird, - aus Gebeten, Fabeln, Mathematik, Tanz, bis zur moralischen Beurteilung der fremden und eigenen Handlungen, wird durch die Eingebung eingeprägt. Alles, was wir die Kinder mit Absicht lehren, wie die Wissenschaften und das Handwerk, - ist bewußte Suggestion; alles das, was die Kinder nachahmen, - namentlich auf dem Gebiet unserer Handlungen, die sie als gut oder schlecht abschätzen, - ist unbewußte Suggestion.

Die bewußte Suggestion ist die sogenannte Bildung; die unbewußte Suggestion ist dasjenige, was allgemein Erziehung genannt wird, ich aber Aufklärung nenne, zum Unterschied vom allgemeinen Begriff "Erziehung", welche sowohl die eine, wie auch die andere Suggestion in sich einschließt.

Auf die Bildung sind in unserer Gesellschaft alle Kräfte gerichtet, die Aufklärung aber ist vernachlässigt, weil unser Leben schlecht, d. h. unaufgeklärt ist.

Für gewöhnlich verbergen die Erwachsenen ihr Leben vor den Kindern, indem sie sie in besondere Anstalten (Korps, Institute usw.) stecken, oder aber sie übertragen alles das, was unbewußt vor sich gehen dürfte, in das Gebiet des Bewußten; sie schreiben religiöse und sittliche Vorschriften vor, wobei man aber hinzufügen muß:  fais ce que je dis, mais ne fait pas ce que je fais. [Sie tun was ich sage, aber nicht das, was ich tue. - wp] Daher kommt es, daß in unserer Gesellschaft die Bildung so weit fortgeschritten ist, während es an einer wahren Aufklärung geradezu mangelt. Wenn sie noch irgendwo anzutreffen ist, dann nur in armen Arbeiterfamilien, wenn die Mitglieder dieser Familien nicht die Opfer der Armutslaster geworden sind. Von den beiden Formen der Einwirkung ist aber zweifellos für die Einzelnen sowohl, wie auch für die Gesamtheit die unbewußte moralische Aufklärung wichtiger.

Da lebt eine Rentier-, Gutsbesitzer-, Beamten-, Künstler-, Schriftstellerfamilie, lebt nach den bürgerlichen Tugenden, ohne zu trinken, auszuschweifen, sich zu zanken und die Menschen zu beleidigen, hält sich für sittlich und will auch den Kindern eine sittliche Erziehung angedeihen lassen. Trotz des aufrichtigen Wunsches und Strebens gelingt es aber niemals. Es gelingt dies aber darum nicht, weil das unsittliche Leben der Familie, welche unbrüderlicher die Arbeit der anderen Menschen ausnutzt, von den Erwachsenen zwar, weil sie sich daran gewöhnt haben, unbemerkt bleibt, den Kindern aber schroff auffällt und ihre Vorstellungen vom Guten verdreht. Die Kinder hören die Vorschriften über Moral, über Menschenachtung, allein sie eignen sich nur die Regel an, daß die einen Menschen dazu berufen sind, die Stiefel und die Kleider zu beschmutzen, die andern, sie zu reinigen, die einen, die Speisen zu bereiten, die andern, sie zu essen usw. Es ist ebenso unmöglich, den Kindern, die in einer solchen Umgebung leben, einen wahren Begriff der Sittlichkeit einzuprägen, wie ein Kind, welches um sich herum nur Trinker sieht und welchem man zu trinken gibt, in Liebe zur Nüchternheit zu erziehen. Das Kind fühlt die Gradation, das spezifische Gewicht der Tugend, es sieht klar, was die Erwachsenen nicht mehr sehen, daß die Grundlage aller Tugenden die Brüderlichkeit aller Menschen ist. Wenn aber diese Brüderlichkeit dadurch aufgehoben ist, daß man ihm für Geld eine Bonne [Kindermädchen - wp] und ein Dienstmädchen zustellt und sie ihren Familien entreißt, so beschließt er sicher, wenn auch unklar, daß alle übrigen Tugenden unnötig sind und glaubt an nichts mehr.

Keine religiösen oder moralischen Vorschriften werden die Kinder der Leute, welche für das Geld und aus der Arbeit ihrer Mitmenschen leben, von der unbewußten Eingebung befreien, die sie ihr ganzes Leben hindurch beherrscht und alle ihre Urteile über die Erscheinungen des Lebens auf den Kopf stellt.

Damit also die unbewußte Suggestion, d. h. die Erziehung, eine gute, moralische ist, muß das Leben der Erzieher ein gutes sein. Und zwar müssen nicht einige Einzelheiten dieses Lebens, sondern ihre Grundlage sittlicher Natur sein. Das tadellose Leben von Mördern, welche von den Früchten des Mordes leben, kann keinen moralischen Einfluß auf die in ihrer Mitte erzogenen Kinder ausüben. Nun wird man aber fragen: welches Leben ist ein sittliches?

Die Stufen der Moral sind unendlich, ein Hauptzug aber ist jeglichem sittlichen Leben eigen, und das ist das Streben nach Vervollkommnung durch die Liebe. Wenn das bei den Erziehern vorhanden ist und die Kinder davon angesteckt sind, so wird die Erziehung keine schlechte sein.

Damit die Erziehung der Kinder eine erfolgreiche sein soll, müssen sich die Erzieher selbst erziehen, sich immer mehr gegenseitig helfen, um das zu verwirklichen, wonach sie streben. Dazu kann es, außer der Arbeit eines jeden Menschen an seiner Seele, sehr viele Mittel geben. Diese muß man suchen, anwenden, erstreben. Ich denke, daß der Kritizismus, welcher bei den Perfektionisten in Gebrauch ist, ein gutes Mittel ist. Es ist gut, die unglücklichsten Menschen, welche physisch und moralisch von sich abstoßen, aufzusuchen und ihnen zu dienen. Es ist gut, denke ich, mit den Feinden, die uns hassen, zusammenzukommen. Das schreibe ich aufs Geratewohl  au courant de la plume  [mit der Leichtigkeit einer Feder - wp], ich denke aber, daß es ein ganzes und wichtiges Wissenschaftsgebiet ist, welches in unserer Zeit ganz vernachlässigt wird, für die Erziehung aber notwendig ist. Wenn wir nur die Bedeutung dieser Seite der Erziehung erkennen würden, so würden wir sie auch ausarbeiten. (Das sind Andeutungen auf die eine Seite der Sache - Erziehung.)

Das ist in allgemeinen Zügen dasjenige, was ich von der Erziehung denke. Und das sind keine allgemeinen Betrachtungen, welche nur Worte bleiben sollen. Erkennen wir aber die Wahrheit dessen an, so werden wir zweifellos mit allen uns zu Gebote stehenden Kräften die Mittel auszuarbeiten suchen, um die Erziehung der Erwachsenen zu immer größerer Vollkommenheit zu ermöglichen.

Diese Mittel sind vorhanden und man braucht sie nur zu einer Einheit zu bringen. Wenn wir nur einsehen werden, daß es eine wichtige Wissenschaft ist, so werden wir auch die Mittel finden können, um dieselbe zu begründen und zu entwickeln.

Soviel über die Erziehung.

Jetzt wende ich mit der Frage der Bildung zu.

Von der Bildung denke ich folgendes: Die Bildung oder überhaupt die Wissenschaft ist ja nichts anderes als die Mitteilung dessen, was die klügsten und besten Männer auf verschiedenen Gebieten gesagt und gedacht haben. Die klugen und guten Menschen dachten und drückten ihre Gedanken in drei verschiedenen Richtungen aus:
    1. in einer religionsphilosophischen Richtung: indem sie sich über den Wert des allgemeinen und des persönlichen Lebens ausließen (Religion und Philosophie);

    2. in einer empirischen Richtung: indem sie aus den Beobachtungen Schlußfolgerungen zogen (Naturwissenschaften, Mechanik, Physik, Chemie, Physiologie);

    3, in einer logischen Richtung: indem sie Schlußfolgerungen aus den Voraussetzungen ihres Gedankens machten (Mathematik und mathematische Wissenschaften).
Diese drei Typen der Wissenschaften genügen dem Kriterium der menschlichen Verbrüderung, sie sind alle kosmopolitisch und allen Menschen zugänglich. Alle diese Wissenschaften sind wirkliche Wissenschaften, bei welchen es kein Halbwissen geben kann, - entweder man beherrscht sie oder nicht. Alle Wissenschaften aber, welche diesen Forderungen nicht genügen, wie die theologischen, juristischen und speziell historischen, sind schädliche Wissenschaften und müssen ausgeschlossen werden.

Außerdem, da es drei Gebiete der Wissenschaften gibt, sind auch drei Formen der Mitteilung dieser Wissenschaften vorhanden.

Die erste gebräuchlichste Form ist die der wörtlichen Wiedergabe in verschiedenen Sprachen, so daß noch eine Wissenschaft, die Sprachwissenschaft, - gemäß dem Kriterium der Menschenverbrüderung - entsteht- (Vielleicht ist auch der Unterricht des Esperanto notwendig, wenn Zeit dazu da ist).

Die zweite Form ist die plastische Kunst wie die Malerei und Bildhauerei, die Wissenschaft darüber, wie man das Wissen durch den Gesichtssinn mitteilt.

Die dritte Form ist die Musik, der Gesang, die Wissenschaft darüber, wie man die Stimmung, das Gefühl wiedergibt.

Außer diesen sechs Unterrichtszweigen muß noch ein siebenter eingeführt werden, der Unterricht in einem Handwerk, und zwar wiederum gemäß dem Kriterium der Brüderlichkeit, in einem gemeinnützigen Handwerk: in der Tischlerei, Zimmerei, Schneiderei ...

Der Unterricht zerfällt somit in sieben Gegenstände. Wieviel Zeit man für jeden Gegenstand, nach Abzug der für die Selbstbedienung nötigen Arbeit, verwenden muß, hängt ganz von der Neigung jedes Schülers ab.

Ich stelle mir die Sache folgendermaßen vor: die Erzieher verteilen die Stunden unter sich, die Schüler aber können nach Belieben kommen oder nicht.

So seltsam das uns auch vorkommen mag, so ist doch die vollständigste Unterrichtsfreiheit, d. h. daß der Schüler oder die Schülerin nur auf eigenen Antrieb zum Unterricht kommen, eine  conditio sine qua non  [Grundvoraussetzung - wp] jedes fruchtbaren Unterrichts, ebenso wie es die  conditio sine qua non  der Ernährung ist, daß der sich Ernährende essen will. Der Unterschied besteht nur darin, daß in den materiellen Dingen der Schaden aus der Verletzung der Freiheit sofort zum Vorschein kommt, indem sich Erbrechen und Bauchschmerzen einstellen; bei den geistigen Dingen aber die schädlichen Folgen nicht sofort, sondern vielleicht erst nach Jahren zum Vorschein kommen.

Nur bei der absoluten Freiheit kann man die besten Schüler bis zu den Grenzen bringen, welche sie erreichen können, ohne daß sie von den Schwachen aufgehalten werden. Diese besten Schüler sind aber die allernützlichsten. Nur durch die Freiheit kann die allgemeine Erscheinung vermieden werden, daß die Schüler die Gegenstände verabscheuen, die sie sonst vielleicht lieben würden; nur durch die Freiheit kann man erfahren, zu welchem Fach der Schüler die Neigung hat; nur die Freiheit verletzt nicht den Einfluß der Erziehung. Widrigenfalls sage ich dem Schüler, daß man im Leben keine Gewalt anwenden soll, vergewaltige ihn selbst aber geistig.

Wohl weiß ich, daß es schwer ist, allein jede Abweichung von der Freiheit ist für das Werk der Bildung schädlich. Am Ende ist es gar nicht so schwer, wenn man sich fest entschlossen hat, keine Dummheiten zu begehen. Ich denke mir, daß man es folgendermaßen machen muß:  A  erteilt Unterricht in Mathematik von 2 - 3 Uhr,  B  unterrichtet von 3 bis 5 in Zeichnen usw. Und die Allerkleinsten? wird man fragen. Die allerkleinsten Kinder lieben die Ordnung, d. h. sie unterliegen der Hypnose der Nachahmung: Gestern war nach der Mittagstunde Unterricht und heute verlangt das Kind zur selben Zeit wieder danach.

Im allgemeinen stelle ich mir die Verteilung der Zeit und der Gegenstände auf folgende Art vor: Insgesamt ist der Mensch 16 Stunden wach. Die Hälfte davon bestimme ich für die Erziehung, im engeren Sinn für die Aufklärung, d. h. die Arbeit für sich, die Familie und die Mitmenschen, die Arbeit für Reinigen, Tragen, Kochen, Hauen usw., wobei Zwischenpausen dem Alter entsprechend für Spiel und Ruhe eingeschoben werden.

Die zweite Hälfte bestimme ich für das Lernen, wobei ich es dem jungen Menschen überlasse, einen der sieben Gegenstände nach Herzensneigung zu wählen. Ich schreibe dies alles, wie Sie sehen, nur nachlässig nieder, hoffe aber mit Gottes Hilfe es noch umzuarbeiten.

Ich will noch etwas hinzufügen über Zeichnen und Musik. Der Klavierunterricht ist das schroffe Zeichen der falschen Erziehung. Sowohl im Zeichnen, wie auch in der Musik müssen die Kinder so unterrichtet werden, daß sie die allerzugänglichsten Mittel anwenden (im Zeichnen - die Kreide, Kohle, den Bleistift, in der Musik - die eigene Kehle). Das ist der Anfang. Wenn aber später - was sehr zu bedauern ist - einige eine besondere Veranlassung bekunden, so kann man auch Ölfarben oder teuere Musikinstrumente in Anwendung bringen.

Um in den Grundprinzipien der Malerei und Musik zu unterrichten, gibt es, wie ich weiß, gute neue Anleitungen.

Von den Sprachen soll man so viele wie möglich lernen, und zwar die französische, unter allen Umständen die deutsche, die englische und womöglich auch Esperanto. Der Unterricht muß so vor sich gehen, daß man ein dem Inhalt nach bekanntes Buch zu lesen vorlegt und den allgemeinen Sinn zu verstehen sucht, wobei hin und wieder auch den Vokabeln, Wortwurzeln und grammatikalischen Formen die Aufmerksamkeit zugewendet werden soll.


II. (1)

Über die Erziehung habe ich viel nachgedacht. Es gibt Fragen, bei welchen man zu zweifelhaften Antworten kommt, und wiederum Fragen, deren Ergebnisse endgültige sind, an welchen man nichts ändern und welchen man nichts hinzufügen kann. Das sind die Ergebnisse, zu welchen ich bei der Frage über die Erziehung gekommen bin. Es sind folgende:

Die Erziehung ist eine verwickelte und schwere Sache, solange wir die Kinder erziehen wollen, ohne uns selbst zu erziehen. Sobald wir aber begreifen, daß wir die anderen nur durch uns selbst erziehen können, verschwindet die Frage über die Erziehung und es bleibt nur noch die Frage über das Leben: Wie sollen wir selbst leben? Ich kenne keine einzige Handlung der Erziehung, welche nicht die Selbsterziehung enthält. Wie sollen wir die Kinder erziehen, ernähren, schlafen legen, unterrichten? Ebenso wie uns selbst. Wenn der Vater und die Mutter mäßig essen, schlafen, sich bescheiden kleiden, arbeiten und lernen, so werden auch die Kinder dasselbe tun.

Zwei Regeln würde ich zur Erziehung geben: immerwährend an seiner eigenen Vervollkommnung zu arbeiten und nichts aus dem eigenen Leben vor den Kindern verborgen zu halten. Es ist besser, daß die Kinder die Schwächen ihrer Eltern kennen, als daß sie fühlen sollten, daß ihre Eltern ein doppeltes Leben führen. Alle Schwierigkeiten der Erziehung kommen davon, daß die Eltern nicht nur ihre Fehler nicht gut machen, sondern dieselben nicht einmal zugeben, bei ihren Kindern dagegen die Fehler wohl sehen. Darin liegt die ganze Schwierigkeit und der ganze Kampf mit den Kindern. Die Kinder sind moralische viel entwickelter als die Erwachsenen; ohne es zu bekunden, mitunter sogar ohne es selbst zu fühlen, sehen sie nicht nur die Fehler ihrer Eltern, sondern auch den allerschlimmsten Fehler der Eltern, die Heuchelei, und verlieren jede Achtung vor ihnen und jedes Interesse für ihre Vorschriften.

Die Heuchelei der Eltern bei der Kindererziehung ist die allergebräuchlichste Erscheinung; die empfindlichsten Kinder bemerken sie sofort, wenden sich von ihnen ab und werden verdorben. Die Wahrheit ist die erste Grundbedingung aller geistigen Einwirkung und ist darum die erste Bedingung der Erziehung. Damit wir aber den Kindern die ganze Wahrheit unseres Lebens zeigen können, müssen wir unser Leben gut oder zumindest weniger schlecht gestalten. Die Erziehung der andern ist darum in der Selbsterziehung enthalten, die nun auch alles ist.


Die Erziehung ist die Einwirkung auf die Herzen derjenigen, die wir erziehen. Man kann aber nur durch die Hypnotisierung, durch das ansteckende Beispiel einwirken. Das Kind sieht, daß ich zornig werde und die Menschen beleidige, daß ich die andern das tun lasse, was ich selbst tun kann, daß ich sinnlich bin, für die andern nichts tue und nur noch Vergnügungen nachjage, daß ich stolz und eitel bin, den Leuten Böses nachrede, heuchle und falsch bin, usw. oder aber das Kind sieht von meiner Seite Demut, Fleiß, Selbstaufopferung, Enthaltsamkeit, Wahrhaftigkeit, und es wird von diesen oder jenen Handlungen hundertmal stärker beeinflußt, als von den beredtsamsten und vernünftigsten Belehrungen. Die ganze Erziehung oder 0,999 der Erziehung wird demnach auf das Beispiel und die Selbstvervollkommnung zurückgeführt.

Somit wird der Mensch bei der Erziehung der Kinder von außen zu demselben Punkt gebracht, wozu er von innen aus angetrieben wurde. Was wir zuerst für uns selbst wollten, ohne eigentlich den wahren Grund zu kennen, ist uns nunmehr im Interesse der Kinder geboten.

Von der Erziehung verlangt man gewöhnlich zuviel und zuwenig. Es ist unmöglich, von den Zöglingen zu verlangen, daß sie dieses oder jenes erlernen, gebildet werden, ebenso unmöglich, wie daß sie moralisch werden. Wohl können aber die Erwachsenen an der Verdorbenheit der Kinder unschuldig bleiben, das ganze Leben hindurch auf sie einwirken und sie durch das Beispiel des Guten anstecken. Ich denke, daß es nicht nur schwer, sondern unmöglich ist, die Kinder gut zu erziehen, wenn man selbst schlecht ist, und daß die Kindererziehung nur die Selbstvervollkommnung ist, zu welcher niemand soviel beiträgt, wie die Kinder selbst. Ebenso wie das Verlangen der Menschen, welche rauchen, trinken, zuviel essen, nicht arbeiten und die Nacht in den Tag verwandeln, das Verlangen, daß der Arzt ihre Gesundheit herstelle, lächerlich ist, ist auch das Verlangen der Menschen lächerlich, welche wissen wollen, wie sie ihren Kindern eine moralische Erziehung geben sollen, während sie selbst unmoralisch sind. Die ganze Erziehung besteht in der immer größeren und größeren Erkenntnis der eigenen Fehler und der Selbstbefreiung von ihnen. Das kann nun jeder in jeder Lebenslage tun. Und das ist auch das mächtigste Werkzeug, welches der Mensch hat, um auf die anderen Menschen und die Kinder einzuwirken.  Fais ce que dois advienne que pourra  [Tu, was du tun mußt, was auch immer die Konsequenzen sind. -wp] - bezieht sich in erster Linie auf die Erziehung.


Beide Fragen, die über die Erziehung, sowie die über unser Verhältnis zu den Mitmenschen, laufen nur noch auf die eine Frage hinaus, wie wir uns den Menschen gegenüber zu verhalten haben, ob wir Eigentum besitzen dürfen, ob wir das Recht haben, die Menschen in gute und schlechte einzuteilen. Wenn diese Frage gelöst ist und das Leben des Vaters dieser Lösung gemäßt gestaltet ist, so ist in diesem Leben des Vaters die gesamte Erziehung der Kinder erhalten. Das Wissen der Kinder ist nur noch eine nebensächliche Sache. Wenn das Kind eine Veranlagung für irgendetwas hat, so wird das Kind es unter allen Umständen erlernen. Die sogenannte Bildung aber enthält mehr als zur Hälfte Betrug und Böses, und je mehr man sich von dieser Bildung (welche in unseren Unterrichtsanstalten eingeprägt wird) fern hält, desto besser ist es für das Kind. Die ganze Frage besteht nur noch darin, wie der Vater die Frage des praktischen Lebens für sich löst.


Gestern sprach ich von der Erziehung. Warum schicken die Eltern ihre Kinder in das Gymnasium? Das ist mir plötzlich klar geworden.

Wenn sie die Eltern zuhause behalten würden, würden sie an ihren Kindern die Folgen ihres unmoralischen Leben sehen. Sie würden sich selbst in ihren Kindern, wie in einem Spiegel, sehen. Der Vater trinkt Wein mit den Freunden beim Mittagessen, der Sohn trinkt im Wirtshaus. Der Vater ist auf einem Ball, der Sohn auf einem Kränzchen. Der Vater tut nichts, der Sohn tut ebensowenig. Hat man aber das Kind in das Gymnasium geschickt, dann ist der Spiegel verhängt, in welchem die Eltern sich selbst sehen.


Die Eltern, die selbst ausschweifend, unenthaltsam sind, müßig leben und die Menschen nicht achten, verlangen von den Kindern Enthaltsamkeit, Fleiß und Achtung für die Menschen. Die Sprache des Lebens, des Beispiels ist aber weit hörbar und den Großen, sowie den Kleinen, den Eigenen, sowie den Fremden klar.


Ob nun das liebevolle (nicht das gewalttätige) Umgehen mit den Kindern für den äußeren Erfolg vorteilhaft oder nachteilig ist, wir können nicht mit den Kindern anders umgehen. Das eine ist sicher, daß das Gute in den Herzen der Menschen Gutes weckt, wenn auch diese Wirkung unmerkbar ist, wenn die Erzieher beim Verlassen ihrer Zöglinge vor Schmerz weinen würden, so würde dieses Drama allein in den Herzen der Kinder tiefere Spuren hinterlassen, als hundert Vorschriften.


Fürchterlich ist die Entartung der Vernunft, welcher die Regierungen für ihre Zwecke die Kinder aussetzen. Das Reich des bewußten Materialismus wird nur dadurch erklärt. Dem Kind wird soviel Unsinn eingeprägt, daß die materialistische, beschränkte, falsche Auffassung der Dinge später als eine gewaltige Errungenschaft des Geistes erscheint.


Jeder Mensch lebt nur dazu, um seine Individualität zum Vorschein zu bringen. Die moderne Erziehung verwischt sie.


Heute war ein Gespräch darüber, daß man einen Knaben mit schlechten Neigungen aus der Schule verwiesen hat, und daß man ihn am besten in eine Besserungsanstalt stecken sollte.

Es ist dies dasselbe, wie wenn ein unhygienisch lebender Mensch im Krankheitsfall sich an den Arzt um Hilfe wendet, ohne zu bedenken, daß seine Krankheit ein wohltätiger Fingerzeig für ihn ist, daß sein Leben schlecht ist, und geändert werden muß.

Dasselbe ist mit den sozialen Krankheiten der Fall. Jedes kranke Mitglied der Gesellschaft bringt uns in Erinnerung, daß das ganze Leben der Gesellschaft falsch ist und einer Änderung bedarf; wir aber glauben, daß es für jedes Mitglied eine Anstalt geben muß, die uns von diesem Mitglied befreien oder es korrigieren soll.

Nichts hemmt so sehr den Fortschritt der Menschheit, wie diese falsche Überzeugung. Je kränker die Gesellschaft ist, desto mehr Anstalten sind für die Heilung der Symptome vorhanden und umso weniger ist man um die Änderung des gesamten Lebens besorgt.


Es ist schrecklich zuzusehen, was die reichen Leute mit ihren Kindern tun.

Wenn der Mensch jung, dumm und leidenschaftlich ist, wird er in das schlechte Leben hineingezogen, an dasselbe gewöhnt und wenn er nachher an Händen und Füßen gefesselt ist und nur noch durch fremde Arbeit leben kann, werden ihm die Augen geöffnet und er kann nur entweder ein Märtyrer oder ein Lügner sein.


Die Kinder sind noch darum gut, daß sie nichts zu tun haben, sondern darauf bedacht sind, den Tag gut zu verleben. So muß man sie auch erziehen. Wir sind aber beeilt, sie an eine Arbeit zu gewöhnen, damit sie anstatt der ewigen Arbeit vor Gott und vor dem Gewissen eine konventionelle Arbeit der Menschen tun.


Wenn ich die Wahl hätte, die Erde mit Heiligen oder mit Kindern zu bevölkern, oder mit den gegenwärtigen Menschen aber mit dem ständigen Zufluß von frischen Kindern, - so würde ich letzteres wählen.


Man braucht sich nur mit der Erziehung befassen, um seine eigenen Fehler wahrzunehmen. Hat man sie aber erblickt, so beginnt man sie zu verbessern.

Die Selbstvervollkommnung ist das beste Erziehungsmittel für Kinder wie auch für Erwachsene.

Soeben las ich den Brief von  N.  darüber, daß die medizinische Hilfe keine Wohltat ist, daß die Fortsetzung vieler eitler Menschenleben mehrere Jahrhunderte hindurch viel weniger wichtig ist, als das "Einblasen" des Funkens der göttlichen Liebe in das Herz  eines  Menschen. In diesem  "Einblasen"  liegt die ganze Kunst der Erziehung.


Ich habe ein italienisches Werk über den Unterricht des kirchlichen Christentums in der Schule gelesen.

Es ist dies ein herrlicher Gedanke, daß der Religionsunterricht eine Vergewaltigung ist, - jene Versuchung der Kinder, von welcher  Christus  sprach. Welches Recht haben wir, das zu lehren, was von den meisten Menschen bestritten wird: die Dreieinigkeit, die Wunder  Mohammeds, Buddhas, Christi?  Das einzige, was wir lehren dürfen, ist die Moral.


Ein Lehrer erzählte, daß ein Knabe schlecht lernt, weil er nicht mit Worten die Rechnungsaufgabe erklären konnte. Ich sagte darauf, daß das Verlangen, die Aufgabe zu erklären, ein Verlangen nach einem sinnlosen Auswendiglernen ist, - der Knabe hat die Aufgabe begriffen, kann aber keine Worte zur Erklärung finden. Er stimmte zu und sagte: "Ja, wir Lehrer sind verpflichtet, die Formen sogar auswendig lernen zu lassen. Wir lehren beispielsweise, daß jede Erklärung einer Rechenaufgabe mit  wenn  beginnen müßte." Wenn man mir gesagt hätte, daß man auf diese Art in Japan von 1000 Jahren unterrichtet hat, so würde ich es kaum glauben, und doch geschieht es bei uns durch die frischen Kräfte der Universität.


Das Wort ist eines der natürlichsten, verbreitetsten und leichtesten Mittel der Gedankenmitteilung. Leider ist dieses Mittel auch ein sehr trügerisches, darum war und wird in der Erziehung das wirksamste und beste Mittel das persönliche Lebensbeispiel des Erziehers sein ... Das Beispiel und das eigene Leben schließen auch das Wort in sich ein. Das Beispiel lehrt leben und sprechen. Das Wort aber schließt in sich das Beispiel nicht ein.


Um gut zu erziehen, muß man vor jenen gut leben, die man erziehen will. Darum muß man auch in der Frage über den Geschlechtsverkehr nach Kräften rein und wahrhaftig sein: hält man den geschlechtlichen Umgang für eine Sünde und lebt man keusch, so kann und darf man den Kindern die Keuschheit predigen; strebt man aber nach Keuschheit, ohne sie zu erlangen, so soll man es auch den Kindern sagen. Lebt man aber unkeusch und kann und will man nicht anders leben, so wird man es unwillkürlich vor den Kindern verbergen und ihnen nichts davon sagen. So geschieht es auch in der Tat.


Die Erziehung ist die Folge des Lebens. Für gewöhnlich wird angenommen, daß die Menschen einer gewissen Generation es wissen, wie die Menschen überhaupt sein müssen, und sie darum zu einem solchen Zustand vorbereiten. Das ist gänzlich falsch: erstens wissen die Menschen nicht, wie die Menschen sein sollen, sie erkennen im besten Fall das Ideal, nach welchem sie streben; zweitens aber sind die Erzieher selbst niemals mit ihrer Erziehung fertig, sondern bewegen sich immer weiter fort und vervollkommnen sich, solange sie leben.

Die ganze Erziehung wird darauf zurückgeführt, daß man selbst gut lebt, d. h. sich vervollkommnet: nur dadurch wirken die Menschen aufeinander und erziehen sich.

Die einzige Erziehung ist die Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit den Kindern gegenüber.

Die Pädagogik aber ist die Wissenschaft darüber, wie man auf die Kinder einen guten Einfluß haben könnte, wenn man selbst schlecht lebt, so wie die Medizin eine Wissenschaft davon ist, wie man gesund sein kann, wenn man auch den Gesetzen der Natur entgegen lebt. Es sind dies leere und eitle Wissenschaften, die niemals ihr Ziel erreichen.


Man muß immer bald den einen, bald den anderen Spruch des Evangeliums an die Spitze stellen. So ist mir jetzt besonders wichtig und teuer der Hinweis auf die Heiligkeit der Kinder und die furchtbare Sünde der Verführung derselben, wenn wir Kompromisse schließen und nicht Buße tun, sondern uns noch für gerecht halten.


Die öffentliche Erziehung, wie sie bei uns geleitet wird, ist direkt darauf gerichtet und geschickt dazu organisiert, um die moralische Entartung der Kinder herbeizuführen. Man muß darum alle Opfer bringen, um nur noch nicht die Kinder in dieses Verderben zu stürzen. Bei der jetzigen Einrichtung der Schulen aber braucht man auch keine großen Opfer zu bringen, denn gebildete Eltern können ihren Kindern zuhause mehr Wissen beibringen, als es in der Schule geschieht. Das sage ich nur für den Fall, daß beide Eltern miteinander einverstanden sind.


Damit unser Leben ein volles ist, muß es sich nach zwei Richtungen hin betätigen: es muß die Gesetze des eigenen Lebens erfüllen und muß durch die Predigt auf die anderen Menschen einwirken.

Bei Ihnen sind diese beiden Seiten des Lebens vorhanden. Ich spreche und denke, und man glaubt, daß ich durch meine Predigt auf die Menschen eine Wirkung habe: ich werde in alle Sprachen übersetzt und gelesen. Allein Sie haben Kinder, welche Ihre ganze Seele, Ihre besten Gedanken in sich aufnehmen und sie in die Welt hinaus tragen werden.

Meine Tätigkeit ist eine lärmende und darum eine äußerliche und zweifelhafte, die Ihrige aber, welche auf die Kinder gerichtet ist, ist eine ruhige, unsichtbare, unterirdische, darum aber auch eine unaufhaltsame, ewige, zweifellos und selbstlose. Man soll sich nur den Kindern gegenüber religiös verhalten. Mich hat Gott dieser Tätigkeit beraubt ...

... Die meisten Menschen, nicht nur die Ihnen Fernstehenden, sondern auch die Nahestehenden werden Ihr Leben nicht schätzen, sondern es eher verurteilen; nur die Kinder werden es verstehen, wenn sie immer eine Atmosphäre der Liebe um sich empfinden werden. Sie müssen nur soviel wie möglich Freiheit haben, allerdings nicht Schulfreiheit, sondern christliche Freiheit. Wie man das alles machen soll, weiß ich nicht, weil ich es nicht erlebt habe, ich sehe aber die Wichtigkeit und Bedeutung dieses Werkes ein. Ich sehe, daß es viel wichtiger ist, einen lebendigen aufgeklärten Menschen in die Welt zu schicken, als hundert Schriften.


Sehr seltsam ist jene Rechtfertigung des Lebens, die man häufig von den Eltern zu hören bekommt. "Ich brauche nichts, sagt der Vater, mir ist das Leben zur Last, da ich aber die Kinder liebe, so tue ich es für sie." Das will sagen, daß ich zweifellos weiß, daß unser Leben ein unglückliches ist und darum ... die Kinder so erziehe, daß sie ebenso unglücklich sein sollen, wie ich selbst. Deswegen bringe ich sie in eine Stadt voll physischer und moralischer Krankheiten, übergebe sie fremden Leuten, welche bei der Erziehung derselben nur materielle Zwecke verfolgen, und verderbe meine Kinder physisch, sittlich und intellektuell. Und diese Überlegung soll als Rechtfertigung des unvernünftigen Lebens der Eltern selbst dienen.


Die Erziehung, die Mitteilung des Wissens ist nur dann eine richtige, wenn ein wichtiger nötiger Inhalt (die religiöse Lehre) in einer klaren, vernünftigen und begreiflichen Form (Wissenschaft) mitgeteilt wird und zwar so, daß der Inhalt blendet und durch seine Aufrichtigkeit die anderen Menschen mitreißt (Kunst).

Bei uns aber wird die religionsmoralische Lehre unklar und unaufrichtig in der Form des Religionsunterrichts mitgeteilt; die Wissenschaft, ohne moralischen Inhalt, wird getrennt gelehrt; die Kunst ist wiederum ein Unterrichtsgegenstand für sich.


Ich kann mich nicht freuen, wenn bei den reichen Klassen Kinder geboren werden, denn es wachsen nur Nichtstuer heran.


Jedes Kind aus den begüterten Klassen gerät durch die Erziehung selbst in die Lage eines Schurken, der sich durch sein unehrliches Leben mindestens 500 Rubel das Jahr erwerben muß.


Ursprünglich glaubte ich, daß es paradox ist, wenn gesagt wird, daß die Fähigkeit des Lernens ein Zeichen des Stumpfsinns ist; ich wollte ganz besonders deswegen nicht daran glauben, weil ich selbst schlecht lernte. Jetzt aber habe ich mich überzeugt, daß es vollständig wahr ist. Um fremde Gedanken aufzunehmen, muß man keine eigenen haben.

Die Somnambulen lernen am besten.


Man kann sich keine schrecklicheren Verbrechen vorstellen, als wie sie in den militärischen Anstalten vorkommen. Hier nehmen nicht nur alle Schrecken, Quälereien, Morde, Raubanfälle, die in der Welt vorgehen, ihren Anfang, sondern hier werden in frechster Weise die Seelen der heranwachsenden jungen Leute direkt zugrunde gerichtet.


Ist die Frauenbildung gut? Ja. Sind die Kurse gut? Nein. Warum? Weil sie wie jede Schule überhaupt die Menschen in eine Lage versetzen, die sie der Hypnose zugänglich macht. Alle Schulen sind Hypnose. Die wahre, unschädliche Bildung erwirbt jeder Mensch allein, d. h. nicht allein sondern mit Gott.


Es gibt drei pädagogische Zweige, weil es drei Formen des Denkens gibt: 1. die logische, 2. die empirische, 3. die künstlerische. Die Wissenschaften, das Lernen ist nichts anderes, als die Aneignung dessen, was die klugen Menschen vor uns gedacht haben. Die klugen Menschen dachten immer in diesen drei Formen: sie machten entweder logische Schlußfolgerungen aus ihren Gedanken oder sie machten Beobachtungen und zogen Schlüsse über die Ursachen und Folgen der Erscheinungen; oder sie beschrieben, was sie sahen, wußten, vorstellten. Mit anderen Worten: 1. sie dachten, 2. beobachteten und 3. drückten aus. Darum gibt es drei Arten der Wissenschaften: 1. mathematische, 2. empirische und 3. Sprachen.


Bei meinem Suchen nach der Ursache des Bösen in der Welt vertiefte ich mich immer.

Zuerst hielt ich die bösen Menschen für die Ursache des Übels, alsdann die schlechte, soziale Ordnung, alsdann die Gewalt, welche diese Ordnung erhält, alsdann die Anteilnahme der Menschen am Heer, alsdann den Mangel der Religion bei den Menschen, und nunmehr bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß die Wurzel aller Übel die religiöse Erziehung ist. Um das Böse zu beseitigen, muß man darum nicht die Menschen verändern, nicht die Gewalt aufheben, nicht die Menschen von der Teilnahme an der Gewalt zurückhalten, nicht die falsche Religion bekämpfen und die wahre predigen - sondern  die Kinder in der wahren Religion erziehen. 


III.

Seit der Zeit - es ist schon 20 Jahre her - als ich klar erkannte, wie die Menschheit glücklich leben soll und kann, während sie sich jetzt sinnlos quält und eine Generation nach der andern ins Verderben treibt, verschob ich die eigentliche Grundursache dieses Wahnsinns und dieses Verderbens immer weiter und weiter. Zuerst glaubte ich, diese Ursache beruth auf der falschen wirtschaftlichen Lage; dann erblickte ich sie in der Gewalttätigkeit der Regierung, die diese Lage aufrechterhält; jetzt aber bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß die Grundursache allen Übels die falsche Religionslehre ist, die man uns durch die Erziehung aufdrängt.

Wir sind an die religiöse Lüge, die uns umgibt, so gewöhnt, daß wir die schreckliche Dummheit und Grausamkeit nicht einmal merken mit der die kirchliche Lehre vollgespeichert ist.  Wir  bemerken sie freilich nicht, aber die  Kinder  bemerken sie, und ihre Seele wird von dieser Doktrin unrettbar verunstaltet. Wir sollten uns nur klar machen, was wir tun, wenn wir den Kindern den sogenannten Religionsunterricht beibringen, um vor dem entsetzlichen Verbrechen zurückzuschrecken, das aus dieser Lehre hervorgeht. Rein und unschuldig wendet sich das Kind an uns, die wir das Leben kennen und alle der Menschheit bekannt gewordenen Wissenschaften zu eigen gemacht haben oder zu eigen machen können, und fragt nach den Grundsätzen, nach denen der Mensch sein Leben einrichten soll. Und was antworten wir ihm? Oft antworten wir ihm gar nicht, sondern kommen seinen Fragen zuvor, damit er schon eine fertige Antwort habe, wenn bei ihm eine Frage entsteht. Wir tischen ihm eine plumpe, unlogische, oft blöde und vor allen Dingen grausame hebräische Legende auf, die wir ihm entweder im Original oder, was noch schlimmer ist, in unserer eigenen Übersetzung erzählen. Wir lassen es das als heilige Wahrheit glauben, was wir selbst für unmöglich halten und was für uns keinen Sinn hat, nämlich folgendes: Vor 6000 Jahren fiel es einem seltsamen wilden Geschöpf, das wir Gott nennen, ein, die Welt zu schaffen; er schuf  sie  ebenso wie den  Menschen;  der Mensch hat gesündigt; der böse Gott hat ihn dafür bestraft, und uns alle mit ihm; dann hat er selbst die Sünde durch den Tod seines Sohnes gebüßt, und nun besteht unser Hauptziel darin, diesen Gott zu besänftigen und uns von den Leiden zu befreien, zu denen er uns bestimmt hat.

Wir glauben, das sei nichts, ja, es sei sogar einem Kind nützlich, und mit Vergnügen hören wir es alle diese Greuel wiederholen, ohne an die schreckliche Umwandlung zu denken, die wir nicht bemerken, weil sie geistiger Natur ist und die sich dabei in der Seele des Kindes vollzieht. Wir denken, die Seele des Kindes sei ein unbeschriebenes Blatt, auf das man schreiben kann, was man will.

Doch das ist ein Irrtum. Es lebt im Kind eine dunkle Ahnung davon, was jener Anfang aller Dinge ist, jene Ursache seiner Existenz und die Kraft, der es unterworfen ist; es hat jene unklare, nicht durch Worte ausdrückbare, aber vom ganzen Leben erkannte Vorstellung von jenem Urquell, welche allen vernünftigen Menschen eigen ist. Stattdessen sagt man ihm plötzlich, dieser Anfang wäre nur ein tolles, schreckliches und bösartiges Geschöpft, der hebräische Gott.

Das Kind hat eine richtige, aber unklare Empfindung vom Ziel dieses Lebens und sieht dasselbe in dem durch die Liebesvereinigung erzielten Glück. Stattdessen sagt man ihm, das Hauptziel dieses Lebens bestände darin, die Launen dieses Gottes zu befriedigen, und das persönliche Ziel eines jeden von uns wäre es, sich von den ewigen Strafen zu befreien, die einigen vorbehalten sind, sowie von den Leiden, die dieser Gott allen auferlegt hat.

In jedem Kind schlummert die Erkenntnis, die Pflichten der Menschen wären sehr verwickelt und gehörten der moralischen Ordnung an. Stattdessen sagt man ihm, seine Pflichten beruhten hauptsächlich auf dem blinden Glauben, auf den Gebeten, auf dem Aussprechen bestimmter Worte in einem bestimmten Moment, im Verspeisen einer Mischung von Wein und Brot, die das Blut und den Leib Gottes darstellen soll. Von den Heiligenbildern, den Wundern, den unmoralischen Erzählungen der Bibel, die unseren Handlungen als Beispiele vorgehalten werden, den evangelischen Mirakeln und der ganzen unmoralischen Auffassung, die in der heiligen Geschichte enthalten ist, ganz zu schweigen. Wir glauben, das sei nicht ernst, und doch ist diese Lehre, die man Religionsunterricht nennt, und die wir den Kindern angedeihen lassen, das größte Verbrechen, das man sich denken kann. Der Mord, die Rohheit, die Gewalttätigkeit gegen die Kinder ist nichts, im Vergleich zu diesem Verbrechen.

Die Regierung, die Regierenden, die mächtigen Klassen bedürfen dieser Lüge; sie schafft ihnen ihre Macht, und darum sind die herrschenden Klassen stets dafür, daß diese Lüge den Kindern beigebracht wird, und auch auf die Erwachsenen einen starken Hypnotismus ausübt. Die Menschen, die nicht die Aufrechterhaltung der falschen sozialen Ordnung, sondern im Gegenteil ihre Veränderung wünschen, vor allem aber die, die das Gute für die Kinder, mit denen sie in Verbindung treten, wollen, müssen sich mit allen ihren Kräften bemühen, die Kinder von diesem schrecklichen Betrug zu befreien. Die vollständige Gleichgültigkeit der Kinder den religiösen Fragen gegenüber, und die Regierung aller Religionsformen, selbst wenn an ihre Stelle keine positive Religionslehre tritt, sind dem vollendetsten hebräisch-kirchlichen Unterricht bei weitem vorzuziehen.

Ich glaube, für jeden Menschen, der eingesehen hat, wie wichtig es ist, wenn eine falsche Lehre für eine heilige Wahrheit ausgegeben wird, kann über das, was er tun muß, kein Zweifel obwalten, selbst wenn er dem Kind keine positive Religionsüberzeugung einzuprägen hat. Wenn ich weiß, was Betrug ist, so darf ich unter keinen Umständen, einem Kind, das mich mit naivem Glauben fragt, sagen, daß es eine heilige Wahrheit ist.

Es wäre ja besser, wenn ich auf alle Fragen, auf die die Kirche so falsche Antworten gibt, mit der Wahrheit antworten könnte; wenn ich es aber nicht kann, so darf ich deshalb nicht die Lüge als Wahrheit ausgeben, denn nur wenn man sich an die Wahrheit hält, kann etwas Gutes herauskommen. Außerdem ist es nicht wahr, daß ein Mensch einem Kind von der positiven religiösen Wahrheit, die er bekennt, nichts mitteilen könnte.

Jeder aufrichtige Mensch kennt das Gute, in dessen Namen er lebt; das erzähle er dem Kind oder zeige es ihm; dann wird er recht handeln und dem Kind gewiß nicht schaden. Ich habe ein Buch geschrieben, betitelt "Die christliche Lehre", in welchem ich mein Bekenntnis so klar und einfach wie möglich niederlegen wollte. Dieses Buch erwies sich als den Kindern unzugänglich, obwohl ich besonders die Kinder im Auge hatte, als ich es schrieb. Müßte ich aber einem Kind auf der Stelle die Prinzipien der Religionslehre, die ich für die Wahrheit halte, auseinandersetzen, so würde ich ihm folgendes sagen: Wir sind auf diese Welt gekommen, und leben hier nicht durch unseren Willen, sondern durch den Willen dessen, den wir Gott nennen; darum wird uns nur dann wohl sein, wenn wir diesen Willen erfüllen. Dieser Wille besteht darin, daß wir alle glücklich sein sollen; damit wir aber glücklich werden, dafür gibt es nur ein Mittel; jeder Mensch muß gegen die andern so handeln, wie er selbst gern behandelt werden möchte.

Was die Fragen betrifft: Wie ist die Welt entstanden? Was wird aus uns nach dem Tod? so würde ich auf die erste mit dem Geständnis meiner Unwissenheit antworten, und eine solche Frage als unrichtig bezeichnen (in der buddhistischen Lehre existiert diese Frage nicht); auf die zweite würde ich antworten, daß der Wille dessen, der uns zu unserem Wohl in dieses Leben gerufen hat, uns auch über den Tod hinaus wahrscheinlich zu demselben Zweck führt.
LITERATUR - Leo Tolstoi, Über Erziehung und Bildung, Berlin 1902
    Anmerkungen
    1) Auszüge aus den Briefen und Tagebüchern für die Jahre 1887 - 1901.