ra-2tb-4H. CorneliusK. SchefflerA. Schlesinger    
 
TOMÁŠ GARRIGUE MASARYK
Die Ideale der Humanität

"Philosophie, Kunst, Religion  und  Staat,  alles was wir geistiges Leben im allerweitesten Sinne des Wortes nennen, ist nach der Lehre des ökonomischen Materialismus Ideologie, nichts reales, sondern bloß ein  Reflex,  ein Abklatsch, Abglanz der wirtschaftlichen Verhältnisse."

"Auf der Grundlage des historischen oder ökonomischen Materialismus ergibt sich die weitere Folgerung, daß  die Masse  der Proletarier, nicht das Individuum (auch nicht das proletarische Individuum), der eigentliche Mensch ist, und zwar nicht bloß die Masse eines einzelnen Volkes, sondern der gesamten Menschheit."

"Die  Saint-Simonisten  führten, um die Menschen fester aneinanderzuknüpfen und in Liebe zu bestärken, die Sitte ein, die Knöpfe an den Röcken rückwärts zu tragen, damit schon beim Zuknöpfen der  Bruder  dem andern helfen muß."

"Kant, Fichte  und ihre Nachfolger, waren Idealisten. Das Wort  Idealismus  bedeutet hier keinen sittlichen, sondern einen philosophisch-erkenntnistheoretischen Idealismus, also soviel wie Subjektivismus. Sie hielten die Idee, oder genauer gesagt, das Bewußtsein für realer als die Dinge; diese haben erst in zweiter Linie Wirklichkeit, wenn sie überhaupt eine Wirklichkeit haben."


I.
Wesen und Entwicklung
des Humanitätsgedankens

Der moderne Mensch hat ein zauberhaftes Schlagwort: "Humanität" - "Menschlichkeit" - "Menschentum", - mit welchem Schlagwort er all sein Dichten und Trachten ähnlich bezeichnet, wie der Mensch im Mittelalter all sein Sinnen und Trachten im Wort  Christ  zusammengefaßt hat. Dieses Humanitätsideal, die Menschlichkeit, ist die Grundlage aller Bestrebungen unserer Zeit und vornehmlich auch der nationalen, wie wir es schon aus dem Ausspruch JÁN KOLLÁRs entnehmen: "Rufest du, Sklave, immer möge sich melden der Mensch."

Von der Renaissance und der Reformation ausgehend, ersteht dieses neue ethische und soziale Ideal neben dem christlichen; dieses Ideal wird bald zu einem anti-christlichen und überchristlichen: der Mensch - die Humanitätsidee, der Humanitismus.

Dieses Ideal entwickelt sich allmählich. Durch die  Reformation  wird die Vernunft teilweise befreit, es entsteht die Moral ohne Askese, Wirtschaftlichkeit und Arbeitsamkeit wird zur Tugend, zugleich finden die Menschen mit der Verbreitung der Kenntnis des Lesens und speziell der heiligen Schrift Gefallen an der alttestamentarischen Energie. Gleichzeitig würdigt die  Renaissance  und der  Humanismus  die klassischen Lebensideale, vornehmlich die römischen politischen Tugenden und die künstlerische Lebens- und Weltanschauung. Es entwickelt sich fortan auch  die Wissenschaft  und  die neue Philosophie,  die die Vernunft von der gegebenen kirchlichen Autorität befreit.

In der Neuzeit hat der  Staat,  zuvörderst der absolutistische Staat, eine große praktische Bedeutung; er macht sich die Kirche untertan, d. h. er legt größeren Wert auf die politischen Vorzüge als auf die christlichen Eigenschaften; das römische Recht und seine Grundsätze werden ein Bestandteil der modernen Anschauungen und der modernen gesellschaftlichen Organisation. Der neue Staat wird im Laufe der Zeiten immer mehr und mehr  demokratisch  und  volkstümlich,  und dieser  volkstümlichere  Staat proklamiert im 18. Jahrhundert  die Menschen-  und  Bürgerrechte.  (Die amerikanische und französische Revolution) Aus diesen Menschenrechten gehen dann die Rechte der  Nationalität  und der  Sprache  hervor, es keimen die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Rechte (z. B. das Recht auf Arbeit, auf das Existenzminimum u. a. m.) und schließlich werden schon  die Rechte der Frau und des Kindes  modifiziert (das moderne Familienrecht).

So entwickelt sich die Humanitätsidee und verkörpert sich im neuzeitlichen Leben der Gesellschaft.

Das Wesen dieses neuen Humanitätsideals ersehen wir auch darin, daß es als natürlich erklärt wird. Die neue Denkrichtung sucht die Grundlagen der  natürlichen  Religion und Theologie, des  Naturrechts  und der  natürlichen  Sittlichkeit, des  natürlichen  Urzustandes der Gesellschaft und des Staates, und schließlich gründet sich auch die Philosophie auf den  natürlichen  ("gesunden", "gemeinen") Verstand. Auch die neue Kunst strebt immer bewußter nach der  Natur Das Humanitätsideal ist, mit einem Wort, ein neues Ideal gegenüber dem historisch gegebenen, alten.

Im XIX. Jahrhundert offenbart sich das humanitäre Streben am deutlichsten in den verschiedenen Versuchen um eine  Religion der Humanität.  (COMTE, FEUERBACH u. a.) Überhaupt: alle neuere Philosophie, alle neuere Literatur aller Völker, alle fortschrittliche Politik sucht das Ideal reinen Menschentums auszugestalten und zu verwirklichen.

Dieses Ideal ist nach Epochen und nach Völkern verschieden.  Die Engländer  haben es bisher am allseitigsten ausgebildet, philosophisch, ethisch, sozial und religiös.  Die Franzosen  legen auf die politische Seite Gewicht,  die Deutschen  auf den philosophischen und literarischen Gehalt.

Unter den  slawischen  Völkern haben  die Russen  ein religiös-soziales Humanitätsideal,  die Polen  ein national-politisches und wir  Böhmen  ein kulturell-aufklärerisches. Bei uns war KOLLÁR der Verkünder reiner Menschlichkeit und ebenso SAFARIK, auch PALACKÝ, HAVLICEK und schließlich AUGUSTIN SMETANA. KOLLAR von der älteren deutschen Philosophie, hauptsächlich von HERDER ausgehend, formuliert das Humanitätsideal im Geist der Aufklärungsphilosophie, doch schon SMETANA gibt ihm ein soziales Gepräge. Unser böhmischer Humanitismus ist die natürliche Fortsetzung der Ideale unserer böhmischen Bruderschaft.

Die Tatsache, daß unsere Erwecker auf die humanitäre  Aufklärung  ein solches Gewicht legten, begreift man nach dem Wirken der katholischen Gegenreformation - Aufklärung, Kultur, Bildung war das Schlagwort des Volkes, das sich aus geistiger und sittlicher Finsternis emporzuraffen strebte. Darum sind auch die Humanitätsbestrebungen des XVIII. Jahrhunderts aus der deutschen Literatur (LESSING, SCHILLER, GOETHE, HERDER usw.) und des  Josephinismus  zu uns gedrungen. Die Kunst und insbesondere die schöne Literatur hat für das gesellschaftliche Leben eines jeden Volkes eine große, erzieherische Bedeutung: die großen Massen des Volkes schöpfen aus der Kunst und besonders aus den Dichtern ihre sittlichen und sozialen Ideale. Die Poesie übt auf das gesamte Leben, auf das soziale und politische Streben einen gewaltigen Einfluß - das sehen wir am deutlichsten an den Koryphäen der polnischen und russischen Poesie, das sehen wir am Einfluß BYRONs u. a.

In unseren Tagen offenbart sich die Humanitätsidee als  Nationalitätsidee.  Man beginnt dies in letzter Zeit bei uns zu begreifen, daß nämlich die Humanitätsidee nicht der Nationalitätsidee entgegensteht, sondern daß gerade die Nationalität, gleichwie der einzelne Mensch, human, humanitär sein soll und sein kann. Die Menschlichkeit ist keine Abstraktion, die irgendwo im Reich der Gedanken über den wirklichen Menschen thront - die Völker sind, wie HERDER sagt, ein natürlicher Teil der Menschheit. In diesem Sinn begründeten KOLLÁR und PALACKÝ die Nationalität auf der Humanitätsidee. KOLLÁR, durch FICHTE belehrt, arbeitete an einer umfassenden humanitären Nationalerziehung.

Wir fassen in unseren Tagen die Idee der Humanität und Nationalität  volkstümlich, sozial  auf.  Das Volk  ist für uns etwas anderes und mehr als  die  (nur politische)  Nation,  Volkstum wird unsere Devise, das nächste Ideal unseres Sinnens und Trachtens.

Der Sozialismus  überhaupt ist, ebenso wie die Nationalitätsidee, der Ausdruck derselben Humanitätsidee. Allein vom Sozialismus werden wir im besonderen sprechen müssen, hier wollen wir noch ein anderes Element der Humanitätsidee berühren.

Ich denke an den  Internationalismus  und den  Kosmopolitismus.  In der Humanitätsidee liegt es, daß jede Nation ein gleiches Recht darauf besitzt, das Menschentum zu verwirklichen; daraus geht der Gedanke einer Weltorganisation der ganzen Menschheit hervor. Praktische Bedürfnisse führen Schritt für Schritt zu dieser Organisation. Heute sind die Wissenschaft, die Kunst, aber auch die Volkswirtschaft, der Kapitalismus und die einzelnen Stände international organisiert.

Mit der Humanitätsidee ist nicht allein die Nationalitätsidee, sondern auch der Kosmopolitismus emporgekommen. Allein zwischen Kosmopolitismus und Kosmopolitismus ist ein Unterschied. Der Engländer, der Franzose, der Deutsche, der Russe versteht und Kosmopolitismus eigentlich die Herrschaft der eigenen Nation und Sprache; die kleineren und kleinen Nationen befinden sich jedoch in einer anderen Situation. Aber auch sie können sich der Weltorganisation nicht entziehen. Bei uns kam zugleich mit der Nationalitätsidee der slawische Kosmopolitismus auf, wie HAVLICEK unseren Slawismus ganz richtig benannt hat. Die Geschichte lehrt, daß nicht bloß im kleinen, sondern auch im größeren und im großen der einseitige Zentralismus schädlich ist, daß er Leben erhalten muß durch die Autonomie der natürlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und auch der nationalen Organisationen. Heute macht der ältere Kosmopolitismus, wie ihn der  Liberalismus  formulierte, einer richtigeren Bewegung zu einer ungezwungenen internationalen Organisation selbständiger Kulturvölker Platz. Damit tritt auch der Staat vor der Nationalitätsidee in den Hintergrund.


II.
Der Sozialismus

Die sozialistische Bewegung ist in ihren Endzielen eine der zahlreichen Humanitätsbewegungen. Das Wort  Sozialismus  bedeutet ungefähr: die Vereinigung, die intime Vergeseelung der Menschen.

Zu Ende des XVIII. Jahrhunderts wurden  die Menschenrechte  proklamiert. Im Namen der Menschenrechte wurde sodann proklamiert und gefordert und wird bis jetzt proklamiert und gefordert die Freiheit, Gleichheit, die Brüderlichkeit. Die Gleichheit - diese humanitäre Forderung ist die Grundlage des Sozialismus. Allein die Gleichheit und Brüderlichkeit kann mannigfach und in verschiedener Weise aufgefaßt werden; auch begnügen sich viele Menschen mit dem Schlagwort, mit der Menschlichkeit  in abstracto.  Allein es handelt sich darum, selbst Mensch zu sein und den Nächsten in seinen Rechten als Menschen tatsächlich anzuerkennen. Und deswegen forderte und fordert man im Namen der Menschlichkeit die politischen und sozialen Rechte. Zum Beispiel wird das allgemeine Wahlrecht schließlich und endlich nur aufgrund der Menschlichkeit, der Gleichheit des Menschen mit dem Menschen, gefordert. Und so fordert man auf demselben Grund nicht bloß politische, sondern auch wirtschaftliche Rechte, und dies ist die eigentliche Bedeutung der sozialen Bewegung in der letzten Zeit. Aufgrund der politischen Idee der Brüderlichkeit und Gleichheit fordert man nicht eine Gleichheit im allgemeinen, sondern die wirtschaftliche Gleichheit. So stellt man aufgrund der Humanitätsidee, die praktisch verkörpert werden und nicht bloß abstrakt bleiben soll, die Forderung der wirtschaftlichen Gleichheit auf - die Brüderlichkeit bedeutete Kommunismus. Diesen Begriff machen sich von der Humanität die Sozialisten aller Schulen.

Es versteht sich, daß die sozialistische Humanitätsidee und der kommunistische Humanismus sich im Laufe der Zeit ändern. Auch der Kommunismus kann sehr mannigfach aufgefaßt und durchgeführt werden. Das, was der Sozialismus heute ist, war er keineswegs vor fünzig und mehr Jahren. Der ältere Sozialismus, wie er vornehmlich im vergangenen Jahrhundert in Frankreich und England seinen Anfang nimmt, war vorzugsweise sittlich und geradezu religiös und heute noch gibt es genug von diesem Sozialismus  (der christliche Sozialismus).  Neben und nach diesem Sozialismus entsteht aber fortan eine mehr wirtschaftliche und politische Bewegung und ihre typische Vertretung findet sie gegenwärtig in allen zivilisierten und wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern im Marxismus und in der  Sozialdemokratie

Diesen Sozialismus begrüneten hauptsächlich MARX und ENGELS. Sein philosophischer Ursprung stammt vorzugsweise aus dem System HEGELs.

In den Dreißiger- und Vierzigerjahren hatte die Philosophie HEGELs einen riesigen Einfluß auf die jüngeren Geister. Aus dieser Philosophie ging vornehmlich LUDWIG FEUERBACH hervor, der das Humanitätsideal auf einer religiösen Grundlage formulierte. Freilich war FEUERBACHs Religion bereits nur eine Religion der Humanität. Von diesem, ich will nicht sagen materialistischen, doch dem Materialismus sehr nahe verwandten Humanismus FEUERBACHs gehen MARX und ENGELS aus. In ihrer Schrift: "Die heilige Familie bekennen sich beide zum "realen" Humanismus.

Mit dem Wort "real" bezeichnen sie den Humanismus als nicht utopistisch.

Die metaphysische Grundlage der HEGELschen Philosophie bildete der Pantheismus, die Lehre, daß das Individuum, die Völker, die ganze Menschheit und die Natur, alles in der Gesamtheit Gott ist. Diesen allgemeinen Pantheismus hat besonders FEUERBACH und die radikaleren Hegelianer zu einem humanistischen Pantheismus umgeformt, der Mensch und die Menschheit wurde Gott. Das Ideal, welches die Christen in Gott suchen, finden jene im Menschen, der Mensch wird zum Gott erhoben. Aber nicht einmal dieser Gott genügte den politischen Nachfolgern FEUERBACHs, MARX und ENGELS; sie sehen den Menschen im Proletarier und ganz besonders wird die Masse der Proletarier - kurz gesagt - zum Gott erhoben.

Die grundlegende metaphysische Lehre von MARX ist der sogenannte historische Materialismus; einige sprechen vom "ökonomischen" Materialismus. Es ist das vor allem der metaphysische Materialismus, also der Atheismus und der sogenannte psychologische Materialismus, der Glaube, daß der Mensch keine (unsterbliche) Seele hat. Dieser Materialismus war in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in Europa stark verbreitet, und keineswegs aus philosophischen, sondern aus politischen Gründen. Der Materialismus ist nämlich häufig die Reaktion gegen die religiöse Reaktion. So erstarkte der Materialismus auch zur Zeit, als die politische Revolution unterdrückt worden war (1848), als das Konkordat und die reaktionären Mächte überhaupt in Deutschland und Österreich ihr Unwesen zu treiben begonnen hatten.

Das zweite Element des ökonomischen Materialismus läßt sich mit den Worten FEUERBACHs ausdrücken: "Der Mensch ist, was er ißt." Der Geist, jegliche geistige Arbeit, ist eine Wirkung und eine Frucht des Körpers; der Körper wird durch die Nahrung erhalten, darum ist der Geist nichts anderes als eine Wirkung der Nahrung, und weil die Nahrung durch Arbeit gewonnen wird, ist also schließlich der Geist ein Ausfluß der Arbeit und der wirtschaftlichen Produktion überhaupt. Der Mensch ist, was er produziert. ENGELS und MARX gelangten so vom HEGELschen Pantheismus und FEUERBACHschen materialistischen Humanismus zum wirtschaftlichen Materialismus, zur Lehre, daß die Produktionsverhältnisse (die Art und Weise der Arbeit usw.) die reale Grundlage allen gesellschaftlichen Lebens und insbesondere all dessen ist, was die Marxisten "Ideologie" nennen. Das Wort "Ideologie" deutet auf einen französischen Ursprung hin; NAPOLEON I. z. B. pflegte heftig gegen die Ideologen loszuziehen und über sie Witze zu machen, indem er unter Ideologie den unrealen und unpraktischen Utopismus verstand. Philosophie, Kunst, Religion und Staat, alles was wir geistiges Leben im allerweitesten Sinne des Wortes nennen, ist nach der Lehre des ökonomischen Materialismus eine solche Ideologie, nichts reales, sondern bloß ein "Reflex", ein Abklatsch, Abglanz der wirtschaftlichen Verhältnisse. Das einzige reale Leben ist das wirtschaftliche Leben. Die ganze Geschichte, jegliche Entwicklung hängt davon ab, wie sich der Mensch die Nahrung verschafft und was er sich überhaupt zur Befriedigung seiner leiblichen Bedürfnisse zu verschaffen vermag. Auch die Sittlichkeit und Moral ist nur Ideologie, sie haben keine reale Bedeutung. So wie MARX und ENGELS später auf die sittlichen Bestrebungen und Ideale kein Gewicht legten, so hören wir auch heute sehr häufig in sozialistischen Versammlungen gegen das "Moralpauken" losziehen, als ob alles Predigen von Moral nur eine Art, sagen wir, Verbrämung der bestehenden, sehr unsittlichen wirtschaftlichen Verhältnisse wäre.

Auf dieser Grundlage des historischen oder ökonomischen Materialismus ergeben sich einige weitere Folgerungen. Vor allem die, daß  die Masse  der Proletarier, nicht das Individuum (auch nicht das proletarische Individuum), der eigentliche Mensch ist, und zwar nicht bloß die Masse eines einzelnen Volkes, sondern der gesamten Menschheit. Daher MARX' internationales Losungswort: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Das bedeutet: das Individuum, das persönliche "Ich" verliert vor der Masse seine Bedeutung, oder, wie ENGELS sagt, das Individuum ist lumpig. Der Sozialismus ist auf dieser Grundlage des historischen Materialismus bewußt anti-individualistisch. Daher hat für ihn das Bewußtsein und gegebenfalls das Gewissen des Einzelnen keine Bedeutung, bloß das Bewußtsein und das Gewissen der kollektiven, versteht sich, der proletarischen Masse. Da es Proletarier weit mehr als Kapitalisten gibt, so wird vom Sozialismus, nach dem übrigens allgemein anerkannten Grundsatz der Majorität, die Menschheit und Menschlichkeit in der proletarischen Masse und ihren Wünschen und Bestrebungen gefunden.

Auf den ersten Blick macht so ein schroffes Abweisen des Individualismus stutzig und doch erbringt da der Sozialismus nichts wesentlich Neues. Derjenige, der die Nation und Nationalität als Repräsentanten der Menschlichkeit und der Menschheit so ansieht wie unsere Humanisten, der wendet sich im Grunde auch gegen den Individualismus. Jeder politische Redner hat Erfolg, wenn er gegen unbequeme Einzelne oder Parteien im Namen des Volkes wettert und niemand fragt ihn, ob und mit welchem Recht er im Namen des Volkes sprechen darf und woher er weiß, wie das Volk über die gegebene Sache urteilt. Und was bedeutet in diesem Sinn die Kirche für einen Gläubigen? Alles - das Individuum nichts. So sehen wir also, daß derselbe Gedanke uns in verschiedenartigsten Nuancen erscheint; der Nationalismus und die Kirchengläubigkeit sich gleichfalls anti-individualistisch.

Und doch bietet sich die Frage von Selbst: wenn das Individuum gar keinen Wert hat, wie die kollektivistischen Ansichten betonen, woher hat die Masse der Individuen dann ihren Wert? Wenn das Individuum keinen Wert hat, wenn sein Bewußtsein und sein Gewissen bedeutungslos ist, weshalb sind dann tausend Individuen nicht bloß etwas, sondern zuletzt alles? Die Übertreibung des Kollektivismus ist offenbar; - und jetzt schon können wir uns ins Gedächtnis einprägen, daß es eine der brennendsten Fragen unserer Zeit ist, sich des Widerstreits zwischen dem Invididualismus und Kollektivismus bewußt zu werden, ob dieser nun national, kirchlich, sozialistisch usw. formuliert wird.

Die Sozialisten behaupten auf, daß es eine Sittlichkeit und Moral, die für jeden Menschen, jedes Volk, jede Zeit gelten würde, nicht gibt, es existiert bloß eine Klassenmoral und -Sittlichkeit, weil die ganze Gesellschaft auf einem Klassenkampf beruth; jede (wirtschaftliche) Klasse hat ihre Sittlichkeit und sittlichen Ziele, der Kapitalist, der Proletarier, der Gewerbsmann, der Arbeiter. Eine allgemeine Moral, die den Reichen mit dem Armen einigen könnte, gibt es nicht. Ich glaube, auch das ist eine Übertreibung. Es ist wahr, es gibt viele Klassen mit eigenen Interessen, das wird niemand in Abrede stellen, und daß sich dieselben besonders lieben, wird auch niemand behaupten wollen. Aber soviel läßt sich doch sagen, daß trotz aller Unterschiede einige allgemeine sittliche Grundsätze anerkannt werden. Es ist Tatsache, daß der wohlhabendere Mensch, der Reiche, der Mensch mit mittelmäßigem Besitz, und wiederum der Arbeiter, jeder seine Sitten, seine Lebensart hat, die sich von Generaton auf Generation vererbt. Es ist wahr, auch die Völker unterscheiden sich durch ihre  Sitten.  Doch kann man nicht behaupten, daß sie sich in den  wesentlichen sittlichen Anschauungen  absolut unterscheiden - zumindest kann man das nicht von den arischen Völkern behaupten. Gerade die Geschichte der Humanitätsidee zeigt uns, daß die Völker in diesem Ideal eins sind. Jeder gestaltet sich dieses Ideal etwas anders, aber es ist genug daran, daß die Menschheit so ein allgemeines und verbindendes Ideal besitzt. Man muß darauf ausdrücklich all jenen gegenüber verweisen, die da behaupten, daß die Menschen, welche die ältere, insbesondere die christliche und kirchliche Moral verlassen, sich vollends atomisieren, in einzelne Individuen zerbröckeln. Das ist nicht richtig; aber auch die Lehre der Sozialisten, es gäbe nur eine Klassenmoral, ist nicht richtig.

Die Marxisten selbst geraten mit dieser übertriebenen Behauptung in eine Sackgasse. Das allererste Ziel der Marxisten ist die wirtschaftliche Gleichheit. Allein diese Forderung beruth auf sittlichen Humanitätsidealen. Wenn aber die Menschen diese Ideale nicht anerkennen, wer und wie soll man die Gleichheit ausführen? Darauf gibt der Marxist die Antwort: der Staat, - man verlasse sich nicht auf die Sittlichkeit, der Staat soll die Forderung der Gleichheit durchführen. Was ist aber der Staat? Nach den Marxisten ist auch der Staat eine "Ideologie", also unreal, wirkungslos, und doch soll er die weitreichendste Veränderung der Gesellschaft bewirken und ausführen. Zu einem solchen offenbaren Widerspruch nötigt der übertriebene ökonomische Materialismus.

Eine speziellere Frage ist die: Soll man die wirtschaftliche Gleichheit friedlich oder revolutionär durchführen? Auch darin widerspricht sich MARX. Wie alle radikalen Sozialisten predigte er die Revolution; aber in der Folge ließ er selbst, und ganz besonders ENGELS, ausdrücklich von der Revolution ab und anerkannte die Möglichkeit einer friedlichen Verständigung. Doch die Frage, ob Revolution oder Reformation, kann hier des weiteren nicht ausgeführt werden.

Doch wir gelangen derart zur letzten Phase der marxistischen Bewegung. Die denkenden Marxisten entsagen nämlich dem übertriebenen ökonomischen Materialismus und billigen die Ideologie in diesem, sagen wir, schicklichem Umfang, wie sie von jedem denkenden Menschen anerkannt wird. Darin besteht eben "die Krise im Marxismus", die schließlich und endlich darauf beruth, daß man die Ideologie, vornehmlich die ethische, anerkennt, daß Sittlichkeit und sittliche Strebungen als nicht weniger real anerkannt werden als die wirtschaftlichen Bestrebungen, ja daß die wirtschaftlichen Bestrebungen schließlich als sittliche erkannt werden. So ist es geschehen, daß der Marxismus zu seinem "realen" Humanismus zurückgekehrt ist. Ich habe nie daran gezweifelt, daß dies eintreffen wird. ENGELS und auch wohl MARX selbst haben eigentlich das Humanitäts-, das ethische Ideal niemals aufgegeben. ENGELS strebte immerfort nach der - wie es an einer Stelle seiner Schrift gegen DÜHRING heißt - "wirklich menschlichen" und nicht bloß Klassenmoral. BERNSTEIN und mehrere jüngere Marxisten anerkennen immer mehr die Notwendigkeit und Berechtigung der Sittlichkeit und Moral, speziell des Humanismus. Übrigens berufen ja die radikalsten Sozialisten stets das Naturrecht. Was ist denn Recht? Wird es nicht gänzlich der Macht gleichgesetllt, so muß zugegeben werden, daß es schließlich auf einer Sittlichkeit und Moral, auf der Anerkennung sittlichen Bewußtseins begründet wird.

Ich habe niemals ein Geheimnis daraus gemacht, daß ich ein entschiedener Gegner jedes Materialismus bin; doch würde ich ungerecht sein, wenn ich nicht, ich will nicht sagen, seine Berechtigung - was unrichtig ist, kann nie berechtigt sein! - sondern nur soviel anerkennen würde, daß gegen die Einseitigkeiten der  un materialistischen, hauptsächlich der kirchlichen Richtungen, auf der anderen Seite eben diese materialistische Einseitigkeit aufgekommen ist. Ich anerkenne nicht minder, daß der Marxismus eine große Wirkung dadurch ausübt, daß er nicht bloß unter der Masse der Arbeiter, sondern allüberall Veranlassung gibt, sich im Ernst nicht nur mit wirtschaftlichen, sondern auch mit philosophischen und religiösen Fragen zu beschäftigen. Ich anerkenne, daß er uns gewöhnt hat, auch die sittlichen Fragen, die Fragen des sittlichen Ideals praktischer aufzufassen, als jenes Moralisieren, wie wir es alle so gern betreiben. Der alte Sozialismus moralisierte allerdings auch. Zum Beispiel war einst die SAINT-SIMONsche Schule überaus verbreitet; auch in Böhmen besaß sie Einfluß. Die SAINT-SIMONisten führten z. B., um die Menschen fester aneinanderzuknüpfen und in Liebe zu bestärken, die Sitte ein, die Knöpfe an den Röcken rückwärts zu tragen, damit schon beim Zuknöpfen der "Bruder" dem andern helfen muß. Derartige Moralspielereien gibt es gar viele, und wir alle nähen unseren Brüdern gerne die verschiedenen Knöpfe rückwärts an und womöglich so, daß man sie gar nicht zuknöpfen kann. Gegen derartige Utopien und Spielereien kehrte sich der Marxismus mit Recht. Aus dem Widerwillen gegen diese unwerktätige Moral geht dann das entgegengesetzte Extrem, der Amoralismus hervor, wie ich den Standpunkt nennen würde, der die Morals als "ideologisch" unberücksichtigt lassen will.

Bei uns ist der Sozialismus älteren Datums, trotzdem die Leute erst jetzt zu begreifen anfangen, daß der Sozialismus besteht und worin er besteht. Schon in den Dreißiger- und Vierzigerjahren gab es bei uns Arbeiterunruhen. Die Revolution des Jahres 1848 hatte einen starken sozialistischen Einschlag. Wenn die Barrikaden von 1848 von unseren Demokraten verherrlicht werden, erinnert sich niemand daran, daß sie von Arbeiterhänden errichtet und von Arbeitern hauptsächlich verteidigt worden sind. Auch die sozialistischen Theorie bestanden bei uns schon in älteren Zeiten. AUGUSTIN SMETANA, den wir jüngst gefeiert haben, hat bei uns zu allererst der böhmischen Philosophie und dem böhmischen Denken die Aufgabe gestellt, sozial zu denken. Und auch SMETANA geht wie MARX und ENGELS von FEUERBACH aus. Ein interessanter Parallelismus. Ferner ist KLACEL, den man mit Unrecht vergißt und der schon im Jahr 1849 seine Briefe über den Ursprung des Sozialismus und Kommunismus geschrieben hat; er bringt hauptsächlich den französischen Sozialismus zu uns herüber. SABINA war mehr Anarchist, besonders in seinem Roman "Morana" aus dem Jahr 1874. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren bricht sich der christliche Sozialismus Bahn, vornehmlich in den Industriezentren, in Brünn und Prag. Wie überall, war der Sozialismus auch bei uns zu Anbeginn religiös und erst aus und auf ihm entsteht der marxistische Sozialismus. Nur das Nichtbeobachten unserer Entwicklung ist daran schuld, daß ein bedeutender Teil der Intelligenz in der letzten Zeit durch das starke Anwachsen des Sozialismus überrascht wurde; allein der Sozialismus hat sich bei uns ähnlich wie in anderen Ländern entwickelt, wie es übrigens nicht anders sein konnte in einem Land, das das industriereichste  in Österreich  ist. Und wenn wir uns dieser Industrie freuen, so müssen wir auch mit ihrer natürlichen Konsequenz, dem Sozialismus, rechnen.

Ich würde ungern den Eindruck hervorrufen, daß meine Gegnerschaft wider einige theoretische Aufstellungen des Marxismus auch der Arbeiterschaft und ihren Massen gilt. Und es wäre sehr ungerecht, die große moralische Kraft, die Opferwilligkeit der Arbeiterschaft nicht anzuerkennen. Die Arbeiterbewegung völlig zu verurteilen, weil wir mit einigen theoretischen Anschauungen oder mit einigen politischen Fehlern nicht einverstanden sind, das ist mehr als einseitig. Wir haben uns bislang um die Massen nicht gekümmert und nun sind wir davon überrascht, daß sie sich selbst und zum Teil gegen uns organisieren.

Und noch eines! Der Liberalismus hatte und hat auch seine Unlust an der Moral. Alle liberalen Theoretiker, vornehmlich die Nationalökonomen, welche, wenn auch nicht ganz klar und deutlich, die Moral verwerfen, sind und waren auch Lehrer des Marxismus.

Auch möchte ich nicht behaupten wollen, daß bei uns, unter den nicht-sozialistischen Klassen mehr Sittlichkeit herrscht. Die Sittlichkeit darf man nicht immer bloß danach abschätzen, was für eine Theorie jemand hat, und noch weniger nach dem Gehaltsbogen oder der Auflage des Steueramtes.

In der letzten Zeit wächst auch bei uns das Interesse an wirtschaftlichen Fragen und schon seit dem Jahr 1848 wird das Schlagwort ausgegeben: reich zu werden. Ein praktischer Mensch wird dem nicht opponieren; allein "reich werden" kann doch nicht das höchste Ziel unseres Lebens sein, es handelt sich darum, wie die Menschen ihren Reichtum zu gebrauchen verstehen. Es gibt Leute, die reich werden wollen und es werden, aber Sklaven ihres Geldes werden. Und so wie CHRISTUS es ausgesprochen hat, daß er der Herr des Sabbaths sei, so muß auch das Volk und jeder einzelne Herr seines Reichtums sein. Das heißt: dem Materialismus nicht verfallen, mag er auch mit noch so schönen sittlichen, religiösen und sonst anderen Phrasen behängt sein, sondern Herr seines Geldes sein, auf ehrbare Weise das Geld zu verdienen und auf edle Weise es auszugeben verstehen. In einem Roman DOSTOJEWSKIs erörtern einige junge Leute die Probleme des ökonomischen Materialismus; einige haben das glühende Verlangen, ROTHSCHILDe zu werden. Aber mit Recht wendet ihnen einer ein: "Gut, der Mensch ißt sich satt - aber  was wird er dann machen?"  Es ist gar sehr nötig, darüber nachzudenken, wie man seine freie Zeit verwenden, wie man mit dem Reichtum fertig werden soll. Die Not und das Beispiel nötigt wohl sehr viele zur Arbeit, und man kann im großen Ganzen sagen, daß die Menschen fleißig arbeiten; allein denjenigen, die Erfolg haben, erwachsen Schwierigkeiten, denn sie wissen nicht immer, wie sie ihre freie Zeit ausfüllen sollen. Ein Mensch, der sich vom Morgen bis zum Abend in der Fabrik, in der Schreibstube, an einem Buch abplagt - der ist nicht gefährlich! Die Gefahr beginnt erst, wenn keine Arbeit ist, aber eben darum beginnt die Gefahr auch beim Satten! Es ist ein schweres soziales und sittliches Problem - das Problem der Arbeitslosigkeit, in ihm gipfelt die Aufgabe des Sozialismus, aber es umfaßt auch das ganze Problem unseres Volkes.


III.
Der Individualismus

Bei der Besprechung des Begriffs  Humanismus,  eigentlich Humanitismus, habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß es viele Humanitätssysteme gibt. Dasselbe gilt auch vom Individualismus. Es gibt auch viele individualistische Systeme.

Dem Individualismus steht der Sozialismus gegenüber und beide sind Äußerungen der Humanitätsbestrebungen. Ich mache nochmals darauf aufmerksam, sich durch Namen und einzelne Anschauungen nicht irre machen zu lassen, sondern stets der Sache auf den Grund zu gehen.

Als philosophischer Repräsentant des Individualismus gilt gewöhnlich STIRNER. Ein Philosophe, der erst in den letzten Jahren durch NIETZSCHE und die modernen literarischen und philosophischen Bestrebungen bekannt geworden ist.

In den Vierzigerjahren gab es in Berlin einige freisinnige und liberale Richtungen und Parteien. Unter diesen war die Linke der Hegelianer die radikalste; und da damals in Preußen noch kein Parlament bestand, verfolgten die liberalen literarischen Parteien, wenngleich oft indirekt, politische Ziele. Eine besondere Bedeutung hatten damals die "Freien", der Kreis BRUNO BAUERs, die in der  Zabbelschen Weinstube  zusammenzukommen pflegten; unter ihnen waren in den Jahren 1841 - 1842 hie und da auch MARX und ENGELS, ganz besonders aber STIRNER.

Sein Hauptwerk, "Der Einzige" ist seiner Frau und Geliebten MARIE DÄHNHARDT gewidmet, die noch bis zum Jahr 1898 in London gelebt hat. Einer der modernen Individualisten, der anarchistische Schrifsteller MACKAY, hat die Biographie STIRNERs herausgegeben und sich bemüht, auch etwas von seiner Frau zu erfahren. Diese aber erzählte sehr wenig und nur ungern, weil sie mit ihrem Mann unschön auseinandergekommen war. Erst durch MACKAYs Bemühungen haben wir etwas weniges über STIRNER erfahren. Sein Grab wurde vergessen, bis MACKAY und HANS von BÜLOW ihm einen neuen Stein setzen ließen.

In kurzem ist STIRNERs Gedankengang folgender: FEUERBACHs Mensch und Humanität schienen ihm viel zu abstrakt, zu unreal. Ebenso wie MARX und ENGELS eine reale Humanität gewollt haben, so will auch STIRNER den Menschen realistisch und nicht mehr idealistisch fassen. "Idealistisch" ist bei STIRNER so viel wie abstrakt und unreal, und selbstverständlich will er derart die ganze idealistische Auffassung der deutschen Philosophie treffen. Will ich den Menschen realistisch erfassen, so (deduziert STIRNER) muß der Zwiespalt zwischen dem, was sein soll, und dem, was ist, aufhören. Nicht der Mensch im allgemeinen ist der Mensch, sondern  Ich,  der ganz genau bestimmte Mensch - ich MAX STIRNER, bin Mensch, der Mensch. Menschlich ist, was  ich  tue, denke, fühle. Dieser ganz genau bestimtmte Mensch, dieses Individuum ist das Maß aller Dinge.  Ich,  das ist der Maßstab von allem. Damit dieses realistische Erfassen des Humanitätsideals möglich wird, verlant STIRNER eine ganz andere Kritik, als die, welche von der bisherigen Philosophie geübt wurde.

Die bisherige philosophische Kritik, wenngleich dieselbe die kritische Kritik nannte (so benannte sie der Freund der spätere Gegner STIRNERs BRUNO BAUER), war doch nur eine dienende Kritik, eine Kritik im Dienste allgemeiner, abstrakter Begriffe. Wir benötigen aber, meint STIRNER, eine einzige Kritik, die Kritik eines ganz bestimmten Einzelnen, dieses einzigartigen Ich. Erst eine solche Kritik beseitigt vor allem alle Hierarchie, unter welchem Namen STIRNER jegliche Autorität von Personen und Ideen begreift. Bin ich das Maß aller Dinge, folgert STIRNER, und alles, was mir recht ist, ist Recht. Das Recht ist das, was ich will und was ich tue. Weil bisher die Menschen, vornehmlich durch die positive Religion im Bann der Ideen, der Ideale und Autoritäten gehalten wurden, ist es vor allem nötig, diese Grundlage wegzuschaffen. Doch genügt es nicht, nur die positive Religion abzuschaffen, man muß überhaupt alle Begriffe von Heiligkeit vernichten. Die Aufgabe der wahren STIRNERschen Kritik ist also: Entgöttlichen - der Mensch muß aufhören, im Bann der Gespenster zu stehen. Sämtliche allgemeinen Begriffe, religiösen Ideale, politischen und sonstigen Ideen sind für STIRNER schließlich nichts anderes als Gespenster. So nämlich formuliert STIRNER die Lehre seines Meisters FEUERBACH vom anthropomorphen Wesen der Religion.

Von diesem Gesichtspunkt aus kann es begreiflicherweise keine Geschichte, kein sozialhistorisches Ideal geben. Die Geschichte und die Zukunft des Staates, der Kirche, des Volkes, das alles bedeutet für  den Einzelnen  nichts. STIRNER ist jedoch trotzdem Hegelianer genug und bietet daher eine Art Geschichtsphilosophie, deren Inhalt wir uns leicht vorstellen können. Alles, was bisher war, ist eine Frucht der Jllusion; STIRNER spricht von der Vergangenheit nur mit Verachtung. Die älteste Zeit ist für ihn die Zeit der Neger, das Christentum ist ihm Chinesen- oder Mongolentum und hat seinen hauptsächlichen Fehler darin, daß es den Menschen besser machen will. Der Einzige haßt jedes Reformieren. STIRNER verwirft darum nicht bloß die Griechen, Römer und das Mittelalter, er haßt auch die Reformation und die Humanitätsversuche der neueren Zeit. Auch der Liberalismus ist ihm in jeder Form unerträglich. Vor allem der politische Liberalismus. STIRNER verwirft den Staat überhaupt: der Staat ist die Vergewaltigung des Einzelnen und darum ist der politische Liberalismus, der eine Besserung des Staates anstrebt, ein Fehler an sich selbst. Der Staat, lehrt STIRNER, steht an und für sich und überhaupt für nichts, darum darf man ihn auch nicht reformieren wollen. Darin äußert sich wiederum nur das christliche Mongolen- und Chinesentum. STIRNER verwirft auch die Republik; die Republik ist ein Staat und ist darum auch um nichts besser als die absolute Monarchie. Bloß der konstitutionelle Staat behagt ihm ein wenig, weil er in ihm die Auflösung des Staates sieht. Auch der soziale Liberalismus (der Kommunismus) mißfällt STIRNER nicht minder, weil der Kommunist, der Sozialist noch das das Gespenst: Gesellschaft glaubt. Die Gesellschaft ist auch eine Abstraktion - also weg mit ihr! Und schließlich befriedigt STIRNER auch der humanitäre oder kritische Liberalismus nicht. Und so ergibt sich schließlich für die sämtliche Praxis des  Einzigen  die einzige Norm - Macht, und zwar selbst und nur selbst zu haben. Macht ist Wahrheit, Macht geht vor Recht, Macht steht über dem Recht. Der einzige, der seine Macht erstrebt und gebraucht, ist vollkommen. Menschen mit Fehlern oder gar Sünder gibt es nicht - wir alle, proklamiert STIRNER, sind allzumal vollkommen.

Das sind in Kürze STIRNERs Ideen, die wir nun sachlich und historisch analysieren wollen.

Historisch betrachtet ist die Philosophie STIRNERs, wie gesagt, ebenso wie die Philosophie von MARX und ENGELS aus der HEGELschen Philosophie und vornehmlich ihrem linken Flügel hervorgegangen. FEUERBACH und seine Humanitätsphilosophie war der nähere Ausgangspunkt sowohl des STIRNERschen Anarchismus, wie des marxistischen Sozialismus. HEGEL erhob das Weltall zu Gott. FEUERBACH sieht Gott im Menschen, in der Menschheit. MARX und ENGELS machen den Proletarier, die Masse der Proletarier zum Gott, STIRNER aber sagt: Nein, Gott bin ich. Aus dem pantheistischen Gott HEGELs wurde derart der individualistische Gott STIRNERs. Der Kern und Sinn alles extremen Individualismus ist: Gott bin ich.

Diesem extremen Individualismus steht auf der anderen Seite der extreme Sozialismus von MARX und ENGELS gegenüber: das Individuum, das Ich, ist nichts. Zwischen MARX, ENGELS und STIRNER brach frühzeitig ein literarischer Kampf aus, und seither ist der Sozialismus ein entschiedener Gegner des Individualismus. Wie bereits MARX und ENGELS, so treten bis heute die bedeutendsten Marxisten gegen den Individualismus auf. Erst kürzlich verwarf der Russe PLECHANOW aus Anlaß der letzten Attentate ganz entschieden den Anarchismus, überhaupt erklären sich die Sozialisten in bestimmter Weise gegen Anarchismus der Tat. Der Sozialismus auf der einen, der Anarchismus auf der anderen Seite repräsentieren uns heute zwei extreme Richtungen der Humanitätsideale. Es ist wahr, auch der Anarchismus predigt manchmal den Kommunismus und es gibt verschiedene Versuche, die beiden Gegensätze zu versöhnen, jedoch in der Hauptsache stehen diese zwei Richtungen einander schroff gegenüber.

Und nun werden wir leicht verstehen, wie sich neben dem Sozialismus der Individualismus aus dem modernen Geistesleben entwickelt hat. Was vor allem das Wort  Anarchismus  anlangt, sei daran erinnert, daß es Herrschaftslosigkeit bedeutet; also ein System, das keine Regierung, insbesondere keine staatliche Regierung, aber des weiteren auch keine religiöse, wirtschaftliche, kurz gar keine Regierung, keine Autorität anerkennt. (Der Franzose PROUDHON hat dem Wort "Anarchismus" Verbreitung geschaffen.) Häufig wendet man neben dem Wort  Anarchismus  auch die Bezeichnung  Individualismus  an. Wenn man dem Ding auf den Grund sieht, ist es ein und dasselbe.

In der Gestalt, wie uns STIRNER den Individualismus bietet, ist er ein rein deutsches philosophisches System. Ich lege Nachdruck darauf, daß dies ein deutsches und philosophisches System ist. Die deutsche Philosophie in der modernen Zeit, vornehmlich ihre größten Vertreter: KANT, FICHTE und ihre Nachfolger, waren nämlich Idealisten. Das Wort  Idealismus  bedeutet hier keinen sittlichen, sondern einen philosophisch-erkenntnistheoretischen Idealismus, also soviel wie Subjektivismus. Sie hielten die Idee, oder genauer gesagt, das Bewußtsein für realer als die Dinge; diese haben erst in zweiter Linie Wirklichkeit, wenn sie überhaupt eine Wirklichkeit haben. Das, was erkenntnistheoretisch STIRNER predigte, lehrten alle deutschen Philosophen. Und vornehmlich die deutschen Philosophen. In anderen Ländern war die Philosophie anders geartet, nicht so subjektivistisch, so individualistisch, wie die deutsche. Freilich hat STIRNER aus dem Subjektivismus noch seine eigenen und hauptsächlich ethischen Formeln abgeleitet. Wenn nämlich, so argumentierte STIRNER, nur das Subjekt, das "Ich" und nichts anderes real ist, so folgt hieraus, daß der Mensch, d. h. wiederum Ich, absoluter Egoist sein muß. Ist der Mensch das Maß aller Dinge, so muß er ein entschiedener Egoist sein.

Wer ist aber das  ego,  das STIRNERsche  "Ich"?  STIRNER ist nicht nur bei HEGEL, sondern auch bei FEUERBACH in die Schule gegangen. Nicht die Ideen, nicht das Bewußtseins, sagt STIRNER, sondern mein Körper, das ist die Hauptsache an mir. Der extreme Subjektivismus schläft derart höchst unlogisch in einen extremen Materialismus um. Der extrem individualistische Egoismus wird zugleich Materialismus. Nicht der Geist, nicht Ideen, nicht Ideale - mein wirkliches  Ich,  mein Leib, das ist das Maß der Dinge. Der Materie, dem Körper behagt aber nur die eigene Lust, daher die weitere Forderung des STIRNERschen Materialismus, der Einzelne habe sich bloß darum zu kümmern, was ihm lieb und angenehm ist. Wenn sich aber das Ich, der Körper, bloß um sich selbst, um seine Lust kümmert, wird der STIRNERsche Egoismus zum entschiedenen Nihilismus. Wie schon das Wort Nihilismus besagt: alles übrige außer meinem Körper ist das reine Nichts. "Ich hab' mein Sach auf nichts gestellt", zitiert STIRNER in seinem Sinn mit Vorliebe.

Die Philosophie KANTs und seiner deutschen Nachfolger war, wie der Haupttitel seines Werkes  "Kritik der reinen Vernunft"  zeigt, Kritizismus, die Kritik aller hergebrachten Ideen und Einrichtungen. Dieses Element akzepiert auch STIRNER, nur daß er nicht KANTs Kritik, sondern eine Kritik seines "Einzigen" haben will - die absolute Negation aller Dinge mit Ausnahme des Ich-Körpers.

Der gegenwärtige Anarchismus hat aber auch andere als STIRNERsche Elemente. Vor allem kommt der Positivismus in Betracht; das werden wir an NIETZSCHE sehen. Sehr oft wird dem Liberalismus zum Vorwurf gemacht, daß er der Vater des Anarchismus ist. Bis zu einem gewissen Maß läßt sich das behaupten, soweit der (wirtschaftliche) Liberalismus gegen den Staat war und verlangte, der Staat soll bloß negativ eingreifen, um für die Reichen Nachtwächterdienste zu leisten. STIRNER hat diesen Gedanken des wirtschaftlichen Liberalismus aufgegriffen, nur geht er weiter und behauptet: nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet hat der Staat nichts zu suchen, er hat überhaupt keine Berechtigung. Doch nicht nur politisch, auch in philosophischer Richtung kann man den Liberalismus als eine der Quellen des Anarchismus auffassen.

In späterer Zeit und vornehmlich in der jüngsten - und davon hatte STIRNER selbst keine Ahnung - entsteht aus dem philosophischen, theoretischen Anarchismus der Anarchismus der Tat, der Terrorismus, die Attentate auf Einzelne. Dieser Anarchismus hat, wenn wie die Masse der ungebildeten Anarchisten berücksichtigen, seine Ursachen, die man nicht mit der Laterne zu suchen braucht. Man kann in der Schrift ZENKERs "Über den Anarchismus" (eines konservativen Schriftstellers!) die richtige Aufzählung der Ursachen dieses Anarchismus auffinden: die Ungerechtigkeit der öffentlichen Einrichtungen führt die Mehrzahl der Anarchisten ohne jede Philosophie zur Auflehnung. Sicher gibt es dort, wo eine größere Freiheit herrscht, keinen terroristischen Anarchismus. In England existiert kein heimischer Anarchismus, bloß die fremden Anarchisten kommen dort zusammen - in England herrscht politische Freiheit. Dafür gibt es in Frankreich, wo keine politische Freiheit herrschte und bisher nicht herrscht, oder gar in Russland viele Anarchisten. Ebenso nährt Österreich zahlreiche Anarchisten, wenn sie auch nicht immer sichtbar sind, weil sie sich unter dem Namen irgendeines Sozialismus verborgen halten. Es gibt also neben dem philosophischen oder theoretischen Anarchismus, wie man ihn nennt, einen politischen und wirtschaftlichen, einen praktischen, den Anarchismus der Tat. Es ist allerdings nicht immer und überall leicht, einen scharfen Unterschied zwischen dem bloß theoretischen und dem Anarchismus zu machen, wo die Tat, die Tätlichkeit schon beginnt. Die Sache ist wichtig, und darum wird es gut sein, das Wesen des Anarchismus nochmals schärfer ins Auge zu fassen.

Und zwar nehmen wir noch einmal STIRNER vor: was ist das eigentliche Wesen seines Anarchismus?

Die Anhänger verherrlichen STIRNER gar sehr. Der erwähnte MACKAY glaubt sogar, STIRNERs Buch werde die Bibel verdrängen, "Der Einzige" werde das Evangelium der Zukunft werden. Ein kritischer Mensch kann eine solche Übertreibung nicht billigen. Das, was sich bei STIRNER findet, findet sich schon bei älteren Philosophen. Ja, man wird es bei ihnen noch weit kräftiger gesagt finden. STIRNERs Anarchismus ist überhuapt kein Anarchismus der Energie. Wer die Entwicklung moderner Gedanken nicht genauer kennt, mag seine Ausführungen beim ersten Anhören für stark und originell halten; sieht man genauer zu, so schält sich aus diesem Anarchisten eigentlich der Philister heraus. Solche anarchistische Philister gibt es heute sehr viele in der Welt! Das sind Leute, die mit großen Worten alles mögliche vernichten, in Wirklichkeit aber keine Ahnung davon haben, was sie sprechen. Zu diesen Leuten gehört STIRNER. Er ist nach meiner Meinung ein typischer Repräsentant des Indifferentismus, der Gleichgültigkeit. Nehmen wir BYRON und lesen wir seinen "Kain" oder "Manfred". In BYRON steckt auch ein Stück Anarchismus, aber welche Kraft und Energie liegt in ihm, welcher Widerstand, welcher Kampf gegen all das, was er als ungerecht anerkennt! Bei STIRNER ist vom Kampf gar keine Rede. STIRNER hat es am besten durch sein Leben bewiesen, wie sich sein System aus bloßen Worten aufbaut. Sein Hauptwerk wurde im Jahr 1845 geschrieben. Damals bereitete sich bereits die Revolution vor; es brach das Jahr 1848 heran, aber STIRNER nahm an ihr keinen Anteil. Charakteristisch ist eine Erinnerung bei ALFRED MEISSNER. (Prag war damals mit Berlin und Deutschland überhaupt eng verbunden). ALFRED MEISSNER kam nach Berlin und brachte das Manuskript seines Epos "Zizka" mit. Er gab es auch der anerkannten Autorität STIRNER zu lesen; dieser aber erklärte dem erstaunten Dichter, er hätte aus ZIZKA keinen Helden, sondern eine komische Figur machen sollen - religiöse Probleme seien schon lange überwunden! Das paßt ganz gut zum Übersetzer von ADAM SMITH und RICARDO.

STIRNER war alles gleichgültig, er will Ruhe haben und nichts weiter. Er verwirft, er negiert alles, was unangenehm ist, aber er tut dies eben bloß aus dem Bedürfnis nach Philistermuße. Deshalb ist er mit seiner Theorie, mit seinem Buch verschollen, aus dem, um unseren Volksausdruck zu gebrauchen, nicht geschossen wird. Erst neulich hat man sich durch NIETZSCHEs Einfluß auf STIRNER erinnert und aus ihm eine philosophische Koryphäe gemacht. Ich leugne nicht: STIRNER ist ganz interessant als Repräsentant der deutschen Philosophie und speziell dadurch, daß er den extremen Idealismus ad absurdum geführt hat.

Auch STIRNERs Nachfolger sind großenteils ähnliche theoretische Anarchisten. Über NIETZSCHE werde ich später sprechen; hier erwähne ich nochmals MACKAY, von den jüngeren Schriftstellern PANIZZA, der mit viel Aplomb [Dreistigkeit - wp] den Unsinn ausführt, HUS und der Anarchist CASERIO seien gleichwertig, weil beide ihrer Idee das Leben "geopfert" haben. Ich führe z. B. auch einen jüngeren Schriftsteller, HIRSCHBERG, an, der mit großen Worten "das Recht zu sündigen" verkündigt. In Wirklichkeit sind das häufig recht unbedeutende Leute, die mit gewaltigen Worten aussprechen, was ohnehin jeder Mensch weiß; dieses "Recht zu sündigen" z. B. bedeutet nichts anderes, als daß jeder Mensch schwach ist, daß er irrt, sündigt - "das Recht zu sündigen" lautet allerdings wie eine Fanfare. Kraftmeierei, keine Kraft.

Neben dem theoretischen Anarchismus betont man häufig den  ethischen  Anarchismus und als Typus desselben stellt man TOLSTOI oder gar CHRISTUS hin. TOLSTOI will faktisch keine Kirche, auch keinen Staat und überhaupt keine äußere Autorität; aber er will eine neue Sittlichkeit und Religion und ist darum kein Anarchist, davon ganz abgesehen, daß er kein ausgesprochener Subjektivist ist. Ähnliches gilt von IBSEN, zumal dem älteren IBSEN.

Man spricht auch noch vom  Aristokratismus.  Es ist dies eine literarisch-künstlerische moderne Richtung des Anarchismus und Individualismus, die am meisten in Frankreich vertreten ist. Eine ziemlich dekadente Pariser Richtung.

Des weiteren wollte ich auf den  russischen Anarchismus  (Nihilismus) verweisen. In der russischen Politik und Literatur des letzten Halbjahrhunderts ist die Frage des Anarchismus eine der brennendsten. Als Begründer des russischen Anarchismus kann man BAKUNIN ansehen; er hat viel von PROUDHON übernommen. Bei uns war er im Jahre 1848 der Führer der sogenannten Prager Revolution, aber HAVLICEK wies schon damals seine Philosophie ab, indem er ihm vorwarf, er sei ein politischer Jesuit. BAKUNIN verkündete nämlich, wie auch ein anderer russischer Anarchist, NECAJEV, die Revolution heilige alle Mittel ohne Unterschied. Darin erblickte HAVLICEK den Jesuitismus, und mit Recht. Seit BAKUNINs und NECAJEVs Auftreten entwickelte sich in Russland der terroristische Anarchismus. Und darum beschäftigt sich die russische Literatur mit dem anarchistischen Problem so angelegentlich. TURGENJEW (Väter und Söhne) hat dem Anarchismus den Namen  Nihilismus  gegeben. Es ist dies ein Name, der so recht den russischen Anarchismus kennzeichnet. TURGENJEW selbst analysiert den russischen Nihilismus als einer der ersten in der Hälfte der Fünfzigerjahre und noch später im Roman "Neuland". Aber nicht bloß TURGENJEW, sondern alle großen russischen Schriftsteller beschäftigen sich mit diesem Problem. Zum Beispiel PISEMSKIJ in einigen Romanen, SALTYKOV, LESKOV, GONCAROV, DOSTOJEWSKI und TOLSTOI. Von DOSTOJEWSKI kann man sagen, daß alle seine nachsibirischen Romane eine Auseinandersetzung mit dem Nihilismus sind. DOSTOJEWSKI zeigt besonders (ich gebe zu, daß er in vielem ungerecht ist), wie das absolute Ich zur Selbstapotheose [Selbstvergötterung - wp] übergeht. Und was tut dann dieser neue Gott? Schaffen kann er nicht, denn so ein materialistischer, so ein leiblicher Gott ist ein überaus hinfälliges Wesen, schwach und ungeschickt, uns so bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu negieren und zu vernichten - Revolution und Terrorismus. Gewalttätigkeit - das ist das letzte Aushilfsmittel des nihilistischen Gottes. "Alles ist erlaubt" - verkündet DOSTOJEWSKIs Anarchist.

In der böhmischen Literatur und im böhmischen Leben spielt der Anarchismus auch eine Rolle, jedoch bei unseren eigentümlichen kulturellen und literarischen Zuständen eine andere als in Russland. Wo sich bei uns der Anarchismus theoretisch bemerkbar macht, hat er eine größere Ähnlichkeit mit dem deutschen Anarchismus.

Einer der ersten Anarchisten war SABINA; schon im Jahre 1848 trat er als Anarchist auf, später bekannte er sich dann zum Nihilismus in dem schon erwähnten Roman "Morana".

Neben dem politischen und sozialen Anarchismus zeigt sich in unserer Literatur neuerer Zeit ein individualistischer Zug, eine Art Aristokratismus. Und das ist wieder deutscher, geradezu STIRNERscher Einfluß. Aber hauptsächlich war es NIETZSCHE, der bei uns die jüngere Generation beeinflußt hat, neben NIETZSCHE auch einige Franzosen mit ihrem RENANschen Aristokratismus. Gegen Ende der Achtzigerjahre wurde der bekannte Artikel des jungen Schriftstellers SCHAUER als nationaler Nihilismus erklärt. Dieser rein nationalistische Nihilismus spukt immer noch fort und es gibt Schriftsteller, wie SIMACEK, die bis heute das Bedürfnis in sich fühlen, das Vaterland und das Volk gegen ihn zu verteidigen und, versteht sich, rein nationalistisch, ohne tieferen Ideenunterbau.

Bei uns ist der Anarchismus, heiße er wie er wolle, nicht böhmisch. Das böhmische Denken wird, soweit ich den böhmischen Menschen zu verstehen imstande bin, immer eher sozial sein.

Ich kann die Sache hier nicht eingehender zergliedern; es genügt der Hinweis, wie unter dem Namen, sei es des Individualismus, Subjektivismus, Anarchismus oder Nihilismus, sich uns gar viele Ideensysteme darbieten. Ich halte jeden extremen Individualismus für verfehlt. Deshalb, weil kein Mensch, kein "Ich" selbst besteht oder bestehen kann. Der Gedanke STIRNERs ist falsch wegen seiner Maßlosigkeit. Der Mensch ist kein Gott. Was ist das für ein Gott, der in der Familie geboren und von und in der Gesellschaft großgezogen wird? Wer sieht dies nicht ein? Nur theoretisierende Kurzsichtigkeit kann bei aller scheinbaren Schärfe den Einzelnen so isolieren wollen, wie dies STIRNER versucht hat. Bloß ein Individuum zu sein, ohne irgendeine Verbindung mit anderen Individuen, ist einfach unmöglich. Es gibt kein Ich nur an und für sich selbst. Der extreme Individualismus fällt moralisch und theoretisch dadurch, daß er das Ich über die Welt und Gott gleichstellt.

Damit soll nicht gesagt sein, daß die Bestrebungen vieler moderner Individualisten, starke  Individualitäten  großzuziehen, unberechtigt sind. Das ist etwas ganz anderes als die Propaganda des extremen Individualismus! Der mäßige, der wirklich philosophische und ethische Individualismus will, daß  in der Gesellschaft mit vereinten Kräften  auf der Grundlage der Liebe scharf gesonderte  Typen, Charaktere, Persönlichkeiten  herangebildet werden.
LITERATUR - Tomá Garrigue Masaryk, Die Ideale der Humanität, Wien 1902