ra-2H. KelsenG. LukacsT. G. Masaryk    
 
MAX ADLER
Die Staatsauffassung des Marxismus
[ein Beitrag zur Unterscheidung von
soziologischer und juristischer Methode]


"Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus, des  Feuerbachschen  eingerechnet, ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, die Sinnlichkeit  nur unter der Form des Objekts  oder der Anschauung gefaßt wird,  nicht aber als menschlich-sinnliche Tätigkeit,  Praxis, nicht  subjektiv.  Daher geschah es, daß die  tätige  Seite im Gegensatz zum Materialismus vom Idealismus entwickelt wurde - aber nur abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt."

"Mit Recht betont  Kelsen,  daß die Frage nach dem richtigen Ziel des Handelns niemals durch die Erkenntnis dessen beantwortet werden kann, was notwendig geschehen wird. Aber der Marxist schöpft aus der Antwort der Wissenschaft die Beruhigung, daß  das Programm seines Wollens und Handelns  in der Richtung der notwendigen Entwicklung des sozialen Prozesses liegt, das heißt, daß die Motive seiner Wertungen und Zwecksetzungen solche sind, die in immer größerer Massenhaftigkeit und immer stärkerer Klarheit durch den Kausalprozeß des sozialen Geschehens selbst zur politischen Wirklichkeit gebracht werden müssen. Sicherlich ist die  richtige  Zielsetzung ansich etwas anderes als die kausal notwendige; aber dies ist ein Unterschied, der nur für das unmittelbar wollende Bewußtsein gilt. Für die Kausalbetrachtung ist auch die richtige Zielsetzung nur ein Kausalvorgang und ein wissenschaftliches Objekt wie jedes andere."


Vorwort

Die nachfolgenden Untersuchungen über den Gesellschafts- und Staatsbegriff des Marxismus sind aus Anlaß der Kritik entstanden, die mein Freund, der hervorragende Staatsrechtslehrer der Wiener Universität Professor KELSEN in seiner im IX. Band des Archivs für Geschichte des Sozialismus (herausgegeben von Professor GRÜNBERG) veröffentlichten Abhandlung "Sozialismus und Staat" (unter diesem Titel auch als Buch erschienen) am Marxismus geübt hat. Bereits im Sommer 1921 habe ich an der Wiener Universität einen Vortrag über dieses Thema gehalten, in welchem die Grundgedanken kurz skizziert waren, die nun im folgenden Buch genauer dargelegt werden. Aus diesem Ursprung erklärt sich die polemische Form der vorliegenden Arbeit, die gleichwohl mehr als bloße Polemik sein will. Denn die Auseinandersetzung mit den kritischen Anschauungen KELSENs hat zugleich auf eine Reihe von Streitfragen geführt, die auch im eigenen Lager der Marxismus gegenwärtig in lebhaftester Diskussion stehen und in welchen eine begriffliche Klärung der meist nur sehr vieldeutig gebrauchten Terminologie und der oft noch viel unklareren Grundvorstellungen dringend vonnöten ist. Das gilt insbesondere von den Begriffen der Diktatur und der Demokratie, nicht minder auch von dem der individuellen und politischen Freiheit, sowie vom Verhältnis des Freiheitsbegriffs zur Gesellschaft und den auf ihn zurückführenden Ideen des Individualismus und Anarchismus. So sind eine ganze Fülle sachlicher Probleme des Marxismus, die jeweils völlig über die Polemik mit KELSEN hinausführen, der eigentliche Gegenstand dieses Buches. Wenn ich trotzdem an der polemischen Darstellung meines Untersuchungsgegenstandes festgehalten habe, so geschah es nicht nur deshalb, weil sich auf diese Weise die verschiedenen Seiten unseres Themas lebhafter und anschaulicher darstellen lassen, sondern auch wegen der Bedeutung der Kritik KELSENs. Wird doch diese im marxgegnerischen Lager vielfach als eine "vernichtende" gerühmt und empfohlen. Aber auch abgesehen davon macht sie jedenfall infolge des berechtigten und immer noch steigenden Ansehens, das KELSEN als einer der schärfsten und geistvollsten Bearbeiter des rechtslogischen Problems genieß, einen nachhaltigen Eindruck gerade auf theoretische Gemüter sowohl innerhalb wie außerhalb seiner Schule, zumal auf solche, die der Autorität dieses Denkers nicht die genügende Vertrautheit mit der Sache selbst korrigierend entgegenstellen können. Und allerdings steht KELSENs Marxkritik in einem Punkt turmhoch über der Art jener gelehrten Kampfhähne, die den angeblich längst erledigten Marxismus immer wieder aufs Neue vernichten und deren bedenkliche Kenntnis von der Sache, die sie kritisieren, offenbar wettgemacht werden soll durch die bedenkenlose Kühnheit, mit der sie ihre belanglosen aber höchst eifervollen kritischen Urteil abgeben. Die Kritik KELSENs unterscheidet sich von dieser Art wohltuend durch den redlichen, ja leidenschaftlichen Willen zur Wahrheit, der so wie alle Schriften dieses wahrhaften Forschers auch seine Marxkritik erfüllt. Die Untersuchung der Gründe, warum ihn trotzdem seine Kritik in die Irre führen mußte, macht das vorliegende Buch zu dem, was sein Untertitel besagt, zu einem Beitrag über den Unterschied von soziologischer und formaljuristischer Methode des Denkens, und hebt damit seine Bedeutung über den bloß polemischen Anlaß ins Allgemeine.

Die Aufgabe, die ich mir bei dieser Auseinandersetzung mit KELSEN gestellt habe, ist auf die Prüfung seiner Marxkritik beschränkt, hat also mit seinem eigenen rechtslogischen Standpunkt für diesmal nichts zu tun. Diese Einschränkung des Gegenstandes war nicht nur durch den Zweck geboten, der ja nicht auf einer Erörterung von KELSENs Rechts- und Staatstheorie, sondern auf die Gesellschafts- und Staatsauffassung des Marxismus ging; sondern sie war auch dadurch gerechtfertigt, daß KELSEN selbst immer wieder betonte - mit welchem Recht, wird sich zeigen - daß er nur eine  immanente  Kritik des Marxismus geben will, also eine Kritik nicht von seinem Standpunkt, sondern von dem des Marxismus selbst. Es konnte daher nicht nur, je es mußte sogar die eigene Lehre KELSENs vom Wesen des Rechts und des Staates ganz außer Betracht bleiben, womit aber nicht gesagt ist, daß eine Auseinandersetzung mit derselben nicht gerade für uns Marxisten eine dringende Notwendigkeit ist. Ich halte eine widerspruchslose Begründung des Marxismus, in dem ich ein soziologisches System erblicke, wie ich schon öfter dargelegt habe, ohne ein erkenntnistheoretisches Verständnis seiner Voraussetzungen für unmöglich. Das Kernproblem des Marxismus, die materialistische Geschichtsauffassung, das Verhältnis der Ideologie zur Ökonomie, speziell der Macht zum Recht ist nur durch eine klare Besinnung über die Funktionsweise des Geistigen überhaupt zu bewältigen, und hierzu ist Erkenntniskritik besonders in der noch wenig bearbeiteten Richtung der sozialen Erkenntnisbedingungen vonnöten. Unter den Erkenntniskritiker der Rechts- und Staatsformen nimmt KELSEN heute wohl eine erste Stelle ein; viel tiefer und viel konsequenter als die STAMMLERsche Rechtslogik nimmt er die Bearbeitung des Problems: wie ist Gesellschaft, wie ist Staat und Recht möglich? in Angriff. Aber gerade weil ich der Ansicht bin, daß auch er nicht bis zum Ende der kritischen Arbeit gelangt ist, sondern vorzeitig bei der normativen Form stehen geblieben ist, statt bis zu ihrer naturalen Form vorzudringen, in welcher sich eine transzendentale Beziehung des Individualbewußtseins auf eine immanente Vielheit von nebengeordneten Bewußtseinszentren ergibt, die noch zum seinstheoretischen Tatbestand des Einzelbewußtseins gehört - gerade deshalb halte ich eine Auseinandersetzung vom marxistischen Standpunkt mit den bedeutenden rechtslogischen Schriften KELSENs für unerläßlich. Doch dies kann keinesfalls im Rahmen der vorliegende Arbeit geschehen. Der Gewinn dieser anderen Auseinandersetzung für uns wird jedenfalls ein viel erfreulicherer sein als bei der vorliegenden. Denn während wir uns in dieser jetzigen Polemik wesentlich negativ gegen KELSEN verhalten müssen, der hier auch gar nicht mit seinem spezifischen Geist wirken kann, werden wir uns dort, selbst wo wir glauben über seine Auffassung von Recht und Staat hinausschreiten zu müssen, jedenfalls durch eine Fülle von Licht über das Wesen dieser sozialen Erscheinungen in unserem eigenen Denken bereichert und besser orientiert sehen.

Es handelt sich im folgenden um eine Darlegung der marxistischen Grundauffassung von Staat und Gesellschaft. Vielfältige Erfahrungen in öffentlicher und privater Diskussion haben mich belehrt, daß es immer noch nicht überflüssig ist, zu wiederholen, was die Richtung, die in den "Marx-Studien" vertreten ist, unter marxistischer Auffassung versteht. Das ist nicht die kümmerliche Bemühung und das eifervolle Streiten um das, was MARX und ENGELS auf den Seiten soundsovieler Schriften gesagt oder nicht gesagt haben. Dies erscheint uns vielmehr als eine wesentlich nur literaturgeschichtlich interessierende Angelegenheit, als eine theoretisch nicht weiterführende, wohl aber leicht in eine unfruchtbare Scholastik ausmündende Beschäftigung. Daher würde ein Einwand, daß irgendeine der im folgenden entwickelten Lehren sich nicht ausgesprochen bei MARX und ENGELS findet, also höchstens  Adlerismus,  nicht aber  Marxismus  ist, den Standpunkt unserer Untersuchung überhaupt nicht treffen, sofern nicht zugleich bewiesen wird, daß diese Lehre den Grundvoraussetzungen des Denkens bei MARX und ENGELS widerspricht. Denn für uns ist der Marxismus kein fertiges  System,  kein Paragraphenbuch, zu dem nur ein durch den Text des Gesetzes beschränkter Kommentar möglich ist, sondern eine grundlegende theoretische  Denkweise.  Sie verlangt, ja sie treibt uns durch ihre innere Konsequenz dazu, nicht nur über die Resultate ihrer Schöpfer weiterzudenken, sondern vor allem diese selbst aus ihrer starren Buchform in jene lebendige Einheit zu setzen, in welcher alle Widersprüche und Unvollständigkeiten, wie sie notwendig stets entstehen, wenn das Gedankenganze sich in die Beschränktheit und Zerteilung sprachlicher Mitteilung einkleidet, möglichst behoben werden. Darum schrieben wir bereits im Programmartikel dieser "Marx-Studien" (Bd. 1, Seite VII), daß wir es für unsere Aufgabe halten, in der Fortentwicklung der marxistischen Gedanken "zu sehen, nicht nur, wie immer das  Wort  bei MARX recht gehabt hat, sondern wie aber doch der  Geist,  aus dem es hervorgegangen ist, recht behält und behalten kann". Dies scheint mir allein der Weg zu sein, auf dem "Marxismus" nicht das bedeutet, als was die Gegner ihn immer noch betrachtet wissen wollen: eine Weltauffassung eines einzelnen, wenn auch bedeutenden Menschen, sondern das, als was wir ihn halten und betätigen: eine neue, nicht mehr zu verlierende Richtung unseres wissenschaftlichen Bewußtseins.

Trotz aufmerksamer Bemühung ließen sich an einzelnen Stellen des Buches Wiederholungen nicht vermeiden. Das Komplexe des Gegenstandes der Untersuchung bringt es mit sich, daß er niemals im Ganzen, sondern immer nur mit einem Teil seines Inhaltes Objekt der Erörterung ist. Nur durch eine begriffliche Zerlegung läßt sich die ungemeine Fülle des geschichtlich lebendigen Inhalts der Gesellschaft überhaupt einer theoretischen Bewältigung zuführen. Dadurch wird aber das, was zusammengehört und ein Ganzes ist, in eine unnatürliche Isolierung gebracht und widersetzt sich auch gedanklich dieser Vergewaltigung, indem es fortwährend auch begrifflich zur Ergänzung mit dem zurückstrebt, was jeweils außerhalb der theoretischen Abstraktion geblieben ist. Man kann nicht von Freiheit sprechen, ohne den Begriff der Herrschaft zu bestimmen, nicht von Anarchismus, ohne den des staatlichen Zwangs zu erörtern, nicht von Diktatur, ohne den der Revolution klar erkannt zu haben. Aber alle diese Begriffe verlangen auch wechselseitig untereinander ihre Inbezugsetzung und erzwingen so eigentlich in jedem Kapitel, das von einem derselben handelt, die Ergebnisse des anderen heranzuziehen oder vorauszusetzen. So ergeben sich Wiederholungen, die einfach unvermeidlich sind, weil sie zur Sache gehören. Sie sind nur eine Jllustration der Schwäche menschlicher Mitteilung überhaupt, die hintereinander  sagen  muß, was man auf einmal  denkt.  Da aber so viele gerade bei den hier behandelten Begriffen überhaupt nichts denken, kann es vielleicht berechtigt sein, sich mit dem Zauberwort zu trösten: Du mußt es dreimal sagen.

Schließlich muß ich noch erwänen, daß mir KELSENs jüngstes Buch "Der soziologische und der juristische Staatsbegriff", das sich übrigens nicht mehr mit dem Marxismus beschäftigt, sowie eine, wie es scheint das gleiche Theam wie dieses Buch behandelnde Schrift von HERBERT SULTAN "Gesellschaft und Staat bei Karl Marx und Friedrich Engels" erst während der Korrektur zugegangen sind, so daß ich deren Inhalt nicht mehr berücksichtigen konnte.



    Motto zur gelehrten Marxkritik

    Aus dem Dialog zwischen  Dionysodoros und  Ktesippos:

    D.: "Würden wir uns widersprechen, wenn wir von derselben Sache beide dieselbe Rede führten, oder würden wir in diesem Fall nicht dasselbe sagen?"

    K.: "Dies gebe ich zu."

    D.: "Wenn aber keiner von beiden die der Sache eigentümliche Rede redete, würden wir dann einander widersprechen, oder würde in diesem Fall nicht vielmehr keiner von uns die Sache auch nur erwähnen?"

    K.: "Auch dies gebe ich zu."

    D.: "Aber wenn nun ich die der Sache eigentümliche Rede sage,  du aber eine andere, die einer anderen eigen ist,  würden wir uns dann widersprechen? Oder steht es dann nicht vielmehr so, daß ich die Sache sagt und  du sie überhaupt nicht sagts?  Wer sie aber nicht sagt, wie kann der dem widersprechen, der sie sagt?"

                                   - Platon, Euthydemos 268 A.

I.
Politik und Soziologie

Man kennt die Sprache für gewöhnlich als ein Mittel der Verständigung. Aber die Geschichte der Philosophie und des Streites um wissenschaftliche Probleme zeigt das Gegenetil. Und das ist ein zwar altbeklagtes, aber scheinbar doch ganz unentrinnbares Verhängnis der Geistesgeschichte, welches bewirkt, daß die Erörterung so vieler Kernprobleme des Denkens schon Jahrtausende währt - man denke nur an den Streit um die Willensfreiheit - und doch immer wieder sich mit denselben Argumenten abquält, ohne weiter zu kommen, weil nicht einmal über den Wortsinn der Begriffe, zum Beispiel von Wille und Freiheit, eine Verständigung erzielt oder auch nur beabsichtigt wird. Da ist es nun freilich ein betrübender und zugleich lächerlicher Anblick, zu sehen, wie so viele dieser endlosen und zuweilen erbittertsten Streitigkeiten im Grunde bloße Wortstreitigkeiten sind, einfach hervorgerufen durch die Tatsache, daß beide Teile dasselbe Wort nennen, aber jeder etwas anderes damit meint.

Woher kommt diese doch eigentlich seltsame Erscheinung, doppelt seltsam, wenn sie sich bei Denkern findet, die sonst hervorragen durch eine besondere Schärfe ihres Geistes und die Konsequenz ihrer eigenen Gedankenentwicklung? Der Grund liegt darin, daß auch der Gelehrte, obwohl er es aus sich heraus besser wissen sollte, nur zu häufig übersieht, daß die Sprache ihre Allgemeinbedeutung, worin sie jedes persönliche Moment, jede subjektive Färbung abgestreift hat, eigentlich nur in den Floskeln des typischen Alltagsverkehrs hat, daß aber darüber hinaus  jeder seine eigene Sprache  spricht. Und das gilt gerade von der Sprache des Denkers in umso höherem Maße, je mehr er ein origineller, das heißt schöpferischer Denker ist. Wenn man also an die Worte einer Theorie nur so herangeht, wie sie dem geläufigen Sprachsinn nach dastehen, wird man nie sicher sein, auch den Geist erfaßt zu haben, aus dem sie entsprungen sind, und das Nichtverständnis ist unausweichlich, trotzdem man vielleicht für seine Meinung zahllose Zitate buchstäblich aus den Schriften des betreffenden Denkers anzuführen vermag. Die Worte eines Denkers sind eben keine fixierten Bedeutungsinhalte wie die Wörter im Wörterbuch einer Sprache. Sie sind ein lebendiges Denken, Funktionen seiner Geistesarbeit, die eine ebensolche Funktion im Hörer anregen wollen. Ohne diesen Kontakt werden diese Worte freilich zum bloßen Wortschwall und, in den Büchern gedruckt, zu bloßen Begriffen aus dem Wörterbuch der Sprache. Aber zu ihrem Verständnis genügt dies nicht, sondern man braucht dazu das  Wörterbuch des Geistes,  von dem sie ein Teil sind, die Erfassung des Ganzen jenes theoretischen Standpunktes, als dessen Elemente sich diese Begriffe darstellen. Dies umso mehr, als ihr Sinn ja vielfach jenseits der geläufigen Wortbedeutungen überhaupt zu suchen ist. Die Worte der kantischen Philosophie zum Beispiel vom Ding und von der Erscheinung, von Erfahrung und von Natur scheinen die gewöhnlichsten Wortbedeutungen zu sein, die es gibt; ein jeder führt diese Worte tagsüber unzähligemale im Mund. Aber wer es unternehmen würde, diese Worte bei KANT aus dem Sinn des deutschen Wörterbuches und nicht aus dem Geist der umstürzenden Enzyklopädie kantischen Denkens zu erfassen, müßte elend Schiffbruch erleiden. (1)

Dasselbe gilt von den Wortbedeutungen bei MARX, der, was noch immer nicht genügend gewürdigt ist, auch eine grundstürzende, aber zugleich neuen Grund legende Denkweise gegenüber einem Stück unserer Erfahrung begründet hat, gegenüber dem gesellschaftlich-geschichtlichen Leben. Noch immer gilt MARX in einem großen Teil der gelehrten öffentlichen Meinung als ein wesentlich nationalökonomischer Denker, obgleich gerade er selbst die historische und theoretische Begrenztheit des bloß nationalökonomischen Standpunktes zu überwinden bestrebt war. Nicht umsonst hat er seine beiden ökonomischen Hauptwerke Schriften zur  "Kritik  der politischen Ökonomie" genannt und damit zum Ausdruck gebracht, daß er der ganzen nationalökonomischen Problemstellung kritisch gegenübertreten wollte, und zwar nicht durch eine neue, "bessere" Nationalökonomie, sondern durch die Aufdeckung ihrer gesellschaftlichen Grundlagen und Zusammenhänge. Die Eigenbedeutung des MARX-ENGELS'schen Denkens liegt durchaus auf  soziologischem  Boden. Sie waren beide ganz und gar vom Problem des Wesens und der Gesetzlichkeit des gesellschaftlichen Lebens beherrscht. Dieses theoretische Interesse, allerdings geboren aus dem leidenschaftlichen praktischen Interesse an der Umgestaltung der bestehenden Gesellschaft, gab ihrer Denkarbeit erst die Richtung zur Kritik der Nationalökonomie, wie dann auch ENGELS selbst immer wieder in seinen biographischen Notizen über sich und MARX allen Nachdruck darauf gelegt hat, daß ihre gesellschaftliche Grundtheorie, die materialistische Geschichtsauffassung,  schon vor  dem "Kommunistischen Manifest", schon 1845, fertig ausgebildet war, so daß sich die ökonomische Theorie nur als eine  Anwendung  der gewonnenen soziologischen Grundansicht darstellte (2). Werden MARX und ENGELS nicht als soziologische Denker aufgefaßt, geht man bei jedem ihrer Begriffe nicht auf den neuen soziologischen Sinn ein, den sie in die alte Wortbedeutung haben einfließen lassen, ja, betrachtet man diese soziologische Umwertung vollends nur als ein politisches oder gar agitatorisches Beiwerk, das überhaupt nicht zur wissenschaftlichen Begriffshöhe des Problems gehört, dann muß man freilich eine Fülle von Widersprüchen und Unsinnigkeiten im Marxismus "aufdecken", nur daß man ihn eine Sprache reden läßt, die nicht die seine ist, ja, die ihm geradezu unverständlich ist.

Dies scheint mir nun der Fehler der Untersuchung zu sein, die KELSEN in seiner Schrift "Sozialismus und Staat" über das Verhältnis des Sozialismus zum Staat durchgeführt hat. (3) "Eine Untersuchung der politischen Theorie des Marxismus" nennt der Verfasser im Untertitel seine Arbeit und bezeichnet damit ziemlich genau selbst die Schranken seiner Auffassung des Marxismus. Denn dies macht gerade die für das Verständnis der Politik neue Wege erschließende Bedeutung des Marxismus aus, die aber auch für die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens überhaupt eine revolutionäre Wirkung hat, daß für seinen Standpunkt der Begriff einer Theorie der Politik als eines für sich bestehenden, von der Theorie des sozialen Lebens getrennten Systems unmöglich geworden ist. Eine "politische Theorie" des Marxismus, die man unabhängig von seiner soziologischen Theorie behandeln könnte, gibt es überhaupt nicht. Denn die Politik, das heißt die Aufstellung eigener und die Bekämpfung gegnerischer staatlicher Ziele, ist für den Marxismus  nur ein Stück des kausalgesetzlichen Gesellschaftsprozesses.  Und seinen Ablauf  auch nach den in die Zukunft reichenden Tendenzen  durch eine Verfolgung seiner Kausalfaktoren aufzuhellen, ist eben das Problem der soziologischen Theorie des Marxismus.

Freilich muß KELSEN gerade an diesem Problem vorbeigehen. Denn er interpretiert den Marxismus, von dem er mit Recht hervorhebt, daß nach dessen Lehre der sozialistische Gesellschaftszustand "nicht ein aus sittlichen Gründen anzustrebendes Ideal, sondern das naturnotwendige Ergebnis eines gesetzmäßig ablaufenden sozialen Prozesses ist, so daß durch diese Auffassung der Wille des Proletariats, sein ganzes Streben und Planen ausgeschlossen wäre (Seite 2). Aber wer so folgert, der muß sich selbst das Eingangstor zu einer widerspruchslosen Erfassung der soziologischen Grundtheorie des Marxismus, der materialistischen Geschichtsauffassung, verschließen. Allerdings handelt es sich hier um ein geradezu typisches Mißverständnis dieser Theorie, hervorgerufen durch ihre Bezeichnung als "materialistische" Geschichtsauffassung und durch ihre Tendenz, auch die gesellschaftliche Entwicklung als naturnotwendig aufzuzeigen. Immer wieder wird dabei übersehen, daß sowohl MARX wie ENGELS auf das schärfste ihren Materialismus vom naturwissenschaftlichen, ihre "Natur" von der bewußt- und willenlosen Natur der physikalisch-chemischen Vorgänge unterschieden haben (4). Die Natur, von der MARX und ENGELS sprechen, ist die  gesellschaftliche  Natur des Menschen, das heißt als die  menschliche  Natur, wie sie nur in vergesellschafteter Form möglich ist, die Natur der Vergesellschaftung. Und damit sit ein für allemal menschliches Wollen und Streben, denkendes, zweckmäßiges und sittliches Urteilen in der eigenartigen Verbundenheit der Vergesellschaftung  als ein integrierender Bestandteil dieser Natur  gesetzt. Ja, die gesellschaftliche Natur besteht überhaupt nur in diesem tätig-wertenden Verhalten vergesellschafteter Menschen. Deshalb schrieb MARX bereits in seinen genialen Thesen über Feuerbach, in denen er gleichsam den gedanklichen Aufriß seiner Theorie entwarf, die Worte nieder, die das ärgerliche Mißverständnis des marxistischen "Materialismus" und "Naturalismus" schließlich doch unmöglich machen sollten: "Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus, des FEUERBACHschen eingerechnet, ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, die Sinnlichkeit  nur unter der Form des Objekts  oder der Anschauung gefaßt wird,  nicht aber als menschlich-sinnliche Tätigkeit,  Praxis, nicht  subjektiv.  Daher geschah es, daß die  tätige  Seite im Gegensatz zum Materialismus vom Idealismus entwickelt wurde - aber nur abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt." (5) Diese tätige Seite der Natur zu erfassen, sie einzugliedern in die Kausalerkenntnis, das Naturdasein der menschlichen Gesellschaft als einen Prozeß "umwälzender Praxis" zu erfassen, das ist das eigentliche Problem des Marxismus, das MARX und ENGELS vom Anfang ihres selbständigen Denkens mit der ganzen Leidenschaft eines unbeugsamen Denkerwillens verfolgen. So hatte MARX das Verhältnis des Willensmäßigen zum Kausalen in seiner Theorie bereits klassisch in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" formuliert mit den Worten: "Wir treten der Welt nicht doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniet nieder. Wir entwickeln der Welt  aus den Prinzipien der Welt  neue Prinzipien. Wir sagen nicht: Laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen die die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr nur,  worum  sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache,  die sie sich aneignen muß,  wenn sie auch nicht will." (6) Es handelt sich also nur darum, den ganzen geschichtlichen Prozeß, der in seiner willens- und wertungsmäßigen Form, in seinen geistigen "Prinzipien", nicht nur unberührt bleibt, sondern geradezu in diesen erfaßt wird, sich  in seiner kausalen Determiniertheit,  "aus den Prinzipien der  Welt",  das heißt aber in seiner soziologischen Bedingtheit  bewußt  zu machen. Denn das Bewußtsein, von dem MARX hier spricht, ist nichts anderes, als daß man die Welt aus dem ideologischen Traum über sich selbst aufweck,  "daß man ihre eigenen Aktionen ihr erklärt."  Und so wie MARX schrieb der junge ENGELS im ersten Brief an MARX: "Solange nicht die Prinzipien logisch und historisch aus der bisherigen Anschauungsweise und der bisherigen Geschichte  und als die notwendige Fortsetzung derselben  in ein paar Schriften entwickelt sind, solange ist es doch alles noch ein halbes Dösen und bei den meisten ein blindes Umhertappen." (7)

Ganz übereinstimmend mit diesem Standpunkt der Jugendschriften drückt dann das "Kommunistische Manifest" denselben Gedanken bereits in der Sprache der materialistischen Geschichtsauffassung aus, wenn es sagt:
    "Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes,  einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung." 
Und auf der Höhe seiner wissenschaftlichen Arbeit wiederholt MARX abermals dieselbe soziologische Grundeinsicht über das Verhältnis von Politik und sozialer Erkenntnis in dem viel verlästerten, weil immer noch zumeist unverstandenen Satz:
    "Die Arbeiterklasse .... hat keine Ideale zu verwirklichen;  sie hat nur die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen,  die sich bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisie-Gesellschaft entwickelt haben." (8)
Der soziologische Standpunkt des Marxismus bedeutet also  die Einheit von Theorie und Praxis,  von Wissenschaft und Politik in dem Sinne, daß er auch in der Politik - im politischen "Bewußtsein" der Menschen - noch ein Stück des Sozialprozesses selbst sieht, vor dem die Kausalerkenntnis nicht urplötzlich abzureißen hat. Selbstverständlich steht der Politiker als wollender und handelnder Mensch ganz und gar im Bereich eines zielsetzenden, wählenden und überlegenden Verhaltens, in welchem für sein Bewußtsein kein Atom von "Naturnotwendigkeit" anzutreffen ist.  Die Sphäre des Wollens ist eben eine ganz andere als die der denkenden Erforschung dieses Wollens,  und die Kausalität ist ganz und gar eine Kategorie nur dieser letzteren Betrachtung, der  Erkenntnis  der Willensvorgänge, nicht aber der  Aktivität  des Wollens selbst (9). Das Verhältnis der Wissenschaft zur Politik im Marxismus ist nicht so zu verstehen, als ob der marxistische Politiker erst aus der Wissenschaft zu erfahren versuchte, was naturnotwendig geschehen wird, und dann sich danach sein Verhalten einrichten würde. Das war vielmehr jener Begriff der sozialen Wissenschaft, den die Utopisten hatten, die aus der Wissenschaft eine Art Rezeptbuch für die sozialrevolutionäre Tätigkeit machen wollten. Im Sinne des Marxismus bleiben Wissenschaft und Politik zwei in ganz verschiedenen Ebenen des Lebens liegende Verhaltensweisen, die erste die denkende  Betrachtung  der geschichtlichen Vorgänge, die zweite die unmittelbare  Gestaltung  derselben. Aber diese letztere hört auch in ihrer gegenwärtigen, ja sogar in ihrer zukünftigen Bedeutung nicht auf, ein Objekt der ersteren zu sein. Das heißt, das Wollen und Planen der Klassen und ihrer Gruppen und Führer, das Zweckstreben und sittliche Urteil, das unmittelbar in der vor sich gehenden Geschichte wirksam ist,  gehört ja ebenfalls als ein Kausalfaktor in die denkende Betrachtung dieses ablaufenden Prozesses  und ergibt sich dort sogar bei genügend eindringender Analyse wenigstens in den entscheidensten Grundtendenzen im voraus für die Zukunft. Hierbei kommt es jetzt, wo wir den prinzipiellen Standpunkt des Marxismus besprechen, durchaus nicht darauf an, wie sehr oder wie wenig diese Voraussicht durchführbar ist, sondern nur auf diesen theoretischen Standpunkt selbst, von dem aus die Politik nichts anderes ist als die in der Sphäre des Wollens  erlebte  soziale Kausalgesetzlichkeit selbst. Und nur so ist es möglich, jetzt aber auch notwendig, daß die Prinzipien der Erkenntnis, wie ENGELS sagte, bloß die notwendige Fortsetzung der Geschichte selbst sind.

Was "naturnotwendig" auf dem Boden der Gesellschaft ist, muß also immer noch von Menschen überdacht, gewollt, gewertet und gebilligt sein, es muß, wie ENGELS dies wiederholt sagte, alles, was in der Geschichte wirksam sein soll, "durch den Kopf der Menschen" hindurch. Die Menschen, sagt abermals ENGELS, machen ihre Geschichten selbst (10). Und  nur  die Menschen, fügen wir hinzu; es macht sie niemand, auch nicht "die ökonomische Entwicklung" für sie. Auch die "dogmatischsten" Marxisten haben die "Naturnotwendigkeit" des ökonomischen Prozesses nie anders verstanden. So schreibt KARL KAUTSKY in seinem Buch "Das Erfurter Programm", das er selbst als einen "Katechismus der Sozialdemokratie" bezeichnet:
    "Wenn man von der Unwiderstehlichkeit und Naturnotwendigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung spricht, so setzt man selbstverständlich dabei voraus, daß die Menschen Menschen sind und nicht tote Puppen: Menschen mit bestimmten körperlichen und geistigen Kräften, die sie zu ihrem Besten zu verwenden suchen. Tatlose Ergebenheit in das anscheinend Unvermeidliche heißt nicht, der gesellschaftlichen Entwicklung ihren Lauf lassen, sondern sie zum Stillstand bringen." (11)
Die Menschen werden sich daher ewig als Täter ihrer Taten betrachten müssen, als solche bewerten, bewundern und befehden. Und die Geschichte wird ewig ein Kampf der Idee sein, ein Ringen um die Verwirklichung von Idealen, ja dieses in steigendem Maß werden, zu je größerer Geistigkeit die Menschen durch ihre gesellschaftliche Entwicklung geführt werden. Aber sobald sie diesen Kampf der Ideen nicht nur führen, sondern zugleich denkend zu erfassen streben, sobald sie also gleichsam aus der Ebene des Ringenden sich wie mit einem Sprung auf die Ebene des Betrachters retten, was mitten im gewaltigsten Ringen, wie das Beispiel von MARX und ENGELS beweist, möglich ist, freilich nur durch eine große Anstrengung des Denkens, dann erscheinen all der Sturm und Drang der Seelen, ja die eigenen Wertungen und Zwecksetzungen nur mehr als ebenso viele Kausalelemente des Geschehens, die nun in der ihnen eigenen Ordnungsreihe der kausalen Naturnotwendigkeit eingestellt und erfaßt werden müssen. So gelangt dann der marxistische Politiker dazu, auch sein eigenes glühendes Wollen doch nur als Vollziehung sozialer Notwendigkeiten zu betrachten, deren theoretisches Verständnis ihm zwar nicht die Ziele setzt, aber erklärt und deren Verfolgung erleichtert. (12)

Die Ziele und Wertungen des politischen Geschehens erwachsen also nicht aus dem Marxismus, aus der Wissenschaft, sondern nur aus der Verflechtung des gesellschaftlichen Prozesses selbst. Sie sind nicht das Produkt, sondern das Objekt der wissenschaftlichen Erforschung. Und nur so viel ist richtig, aber auch entscheidend, daß die gewonnene theoretische Einsicht in den kausalgenetischen Prozeß des gesellschaftlichen Geschehens  immer mehr selbst ein Kausalmoment dieses Geschehens werden muß,  je mehr sie das Urteilen, Werten und Handeln von Menschen beherrscht. (13)

Wie man einer solchen Auffassung, die gerade auf der scharfen Unterscheidung von Urteilen und Beurteilen, von Erkennen und Werten beruth, eine "seltsame Vermengung eines theoretisch-explikativen mit einem praktisch-politischen Gesichtspunkt vorwerfen kann, wie KELSEN dies tut (Seite 2 - 3), ist mir unverständlich. Dieser Vorwurf verkennt vielmehr gerade die Problemstellung der Soziologie überhaupt, die prinzipiell schon seit SAINT-SIMONs "Savoir, pour prévoir" [Wissen, um vorherzusehen. - wp] niemals auf die Verfolgung der sozialen Kausalität auch in die Zukunft weisende Dynamik des gesellschaftlichen Lebens aufgedeckt hat. Daher geht auch ganz daneben, was KELSEN weiter dem Marxismus vorwirft:
    "Es ist geradezu ein tragischer Methodensynkretismus, die radikalste Verwischung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wert, wenn der Politiker für das Programm seines Wollens und Handelns, auf die Frage nach dem, was er  soll,  nach dem Zweck seines Strebens sich bei einer Antwort beruhigt, die allein der erklärenden Wissenschaft auf ihre Frage nach dem  Sein  und Werden gegeben ist" (Seite 3).
Aber das tut der marxistische Politiker auch gar nicht, sondern er wirkt aus dem Klasseninteresse des Proletariats heraus, also aus dem Sein, und  dieses  allein schafft ihm das Programm seines Wollens und Handelns, setzt ihm sein Soll; nur daß die Erkenntnis über das Wesen, die Bedeutung und die geschichtliche Funktion des Klassengegensatzes und Klassenkampfes sein Wollen selbst noch ganz anders bestmmt als die bloße instinktive Klassengegensätzlichkeit der unbelehrten Masse. Er beruhigt sich also gewiß nicht bei der Frage nach dem, was er soll, mit der Antwort der Wissenschaft über das, was ist oder geschieht. Mit Recht betont KELSEN, daß die Frage nach dem richtigen Ziel des Handelns niemals durch die Erkenntnis dessen beantwortet werden kann, was notwendig geschehen wird (Seite 3). Aber der Marxist schöpft aus der Antwort der Wissenschaft die Beruhigung, daß "das Programm seines Wollens und Handelns" in der Richtung der notwendigen Entwicklung des sozialen Prozesses liegt, das heißt, daß die Motive seiner Wertungen und Zwecksetzungen solche sind, die in immer größerer Massenhaftigkeit und immer stärkerer Klarheit durch den Kausalprozeß des sozialen Geschehens selbst zur politischen Wirklichkeit gebracht werden müssen. Sicherlich ist die  richtige  Zielsetzung ansich etwas anderes als die kausal notwendige; aber dies ist ein Unterschied, der nur für das unmittelbar wollende Bewußtsein gilt. Für die Kausalbetrachtung ist auch die richtige Zielsetzung nur ein Kausalvorgang und ein wissenschaftliches Objekt wie jedes andere. Die Frage, welche Entscheidungen in bestimmten sozialen Situationen jeder Klasse und Klassengruppe als richtige erwachsen müssen, ist eine auf dem Boden der Kausalforschung durchaus berechtigte und ganz und gar innerhalb ihrer Methode allein durchzuführende Untersuchung, freilich nachdem sie den Begriff des Wertens in sich als Kausalmoment aufgenommen hat. Aber sie darf die Wertungen des Handelns nicht nur, sondern sie muß sie in den Kausalnexus einführen;  denn die soziale Kausalität verläuft ja nur durch das Bewußtsein,  das heißt aber durch die wertende, Ziele setzende und verwerfende Zwecke als richtig oder unrichtig bezeichnende Richtungsbestimmtheit des Wollens (14). Aus der Kausalität folgt gewiß niemals die Berechtigung eines Zwecks; aber diese Berechtigung als eine notwendige Form, in der alle Motivation verläuft - denn der Mensch anerkennt immer etwas durch seinen Willen oder mißbilligt, bzw. verwirft es -  wird Element des sozialen Geschehens erst durch die Kausalität.  Wenn es sich also dem Marxismus darum handelt, zu zeigen, wie ein bestimmtes Ziel in der Geschichte "naturnotwendig" entstehen muß,  so ist darin immer der wertende Mensch, der dieses Ziel auch für richtig hält, als Kausalfaktor eingeschlossen.  Man könnte daher die materialistische Geschichtsauffassung auch als die Lehren von der soziologischen Motivation der Wertungen bezeichnen, und das ist ja der Sinn ihres vielgelästerten, aber wenig verstandenen Grundgedankens, daß die Ideologie, das heißt die moralischen, religiösen, künstlerischen etc. Wertungen, ein Überbau auf der ökonomischen Grundlage sind.

Es ergibt sich also eine notwendigt Verflochtenheit der normativen Richtungsbestimmtheit mit der Kausalität des Geschehens, indem die erstere die Form ist, in welcher die letztere auf der Ebene des Bewußtseins überhaupt möglich ist. Und hierin liegt auch zuletzt die Erklärung für die Vorstellung des Marxismus von der Naturnotwendigkeit einer fortschrittlichen Entwicklung des sozialen Prozesses, die so oft als Utopismus oder unkritischer Dogmatismus hingestellt wurde. Denn nun sieht man klar, wie sehr man am Wesen dessen vorbeigeht, was der Marxismus als  soziale  Naturnotwendigkeit erkannt hat, wenn man mit KELSEN meint, es sei ein Zufall, daß
    "das vom Standpunkt der sittlichen oder politischen Wertung gesetzte Ziel inhaltlich völlig übereinstimmt mit dem vom Standpunkt der Wirklichkeitserkenntnis als kausal determiniert angenommenen Ergebnis einer künftigen naturnotwendigen Entwicklung" (Seite 3)
Allerdings nur, wenn man unter marxistischer Wirklichkeit einen rein mechanischen, im wahrsten Sinne des Wortes geistlosen ökonomischen Prozeß versteht. Aber zu dieser Wirklichkeitserkenntnis gehören ja, wie wie sahen, natürlich und notwendig auch die sittlichen und politischen Werte, die ihr Ergebnis erst kausal determinieren - das heißt erst dadurch wirklich machen, daß sie als Kausalfaktoren in der Geschichte wirken. Und indem eine Kausalerkenntnis des geschichtlichen Prozesses nachweist, daß gewisse sittliche Werte und Zielsetzungen immer massenhafter aus bestimmen sozialen Lebensumständen motiviert werden, eine immer größere soziale Kraft erhalten müssen, ergibt sich zuletzt die mit dem Ideal übereinstimmende Richtung des Kausalprozesses nicht mehr als ein Zufall und auch nicht als eine geschichtsphilosophische Konstruktion, sondern als ein kausalgenetischer Zusammenhang. Gerade das aber ist die Funktion der materialistischen Geschichtsauffassung durch ihren Begriff einer Bewegung der Geschichte in Klassengegensätzen und Klassenkämpfen. Denn dem Begriff des Klassenbewußtseins und Klassenkampfes ist der Begriff sittlicher Wertung immament, ohne welchen noch keine aufsteigende Klasse ihre Ziele hat setzen und verfolgen können. Im Klassenkampf wird immer, sobald er bewußt geworden ist, auch ein Kampf des Rechts und der Moral ausgefochten. Und diese moralischen Zielsetzungen ergeben sich für den Standpunkt der soziologischen Theorie kausal aus dem ökonomischen Lebenssituationen der betreffenden Klassen fast wie eine Automatik des sozialen Mechanismus. Auf der kausalen Notwendigkeit der Entstehung immer massenhafterer moralischer Wertungen gegen den Kapitalismus, hervorgetrieben in letzter Linie aus dem ökonomischen Prozeß des kapitalistischen Wirtschaftssystems, beruth die Erkenntnis von der "Naturnotwendigkeit" des kulturellen Fortschritts, des Sieges des Sozialismus. Im Marxismus ist die Idee des Fortschritts zum erstenmal aus einem bloßen Glauben, die sie noch bei KANT ist, zu einer sicheren  Tendenz  des Kausalgeschehens geworden (15).

So also ist es um den angeblichen tragischen "Methodensynkretismus", um die "seltsame Vermengung des theoretisch-explikativen mit einem praktisch-politischen Gesichtspunkt" beschaffen, die KELSEN dem Marxismus vorwirft. Es ist nicht nur keine Spur von all dem vorhanden, sondern im Gegenteil: der Marxismus beruth gerade auf der schärfsten begrifflichen Scheidung der Geschichte als sozialen Prozesses des Geschehens und als politischen Wollens und Handelns. Nur daß er nicht verzichtet,  theoretisch  dieses letztere zugleich als ein Stück des ersteren zu erfassen, und dies zustande bringt durch seinen Grundbegriff des vergesellschafteten Menschen, der als ein durch die Vergesellschaftung motiviertes und aus ihr heraus  tätiges  Subjekt der schaffende, "umwälzende" Kausalfaktor der materialistischen Geschichtsauffassung ist. "Das gesellschaftliche Leben", heißt es in den schon erwähnten Thesen über FEUERBACH, "ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten, finden ihre rationale Lösung  in der menschlichen Praxis  und im Begreifen dieser Praxis." (16) Es gehört zu diesem Begreifen der menschlichen Praxis, zu dieser  theoretischen  Einstellung des Marxismus, daß auch die "Mysterien" der politischen Praxis herausgehoben werden aus ihrer scheinbaren Selbständigkeit und aufgelöst werden in einem Zusammenhang der allgemein menschlichen Praxis überhaupt, das heißt dargestellt werden als Elemente der tätigen menschlichen Vergesellschaftung. Wie die ökonomischen wurden auch die politischen Begriffe in der Auffassung des Marxismus zu soziologisch-historischen Kategorien umgedacht, so daß, wie wir anfangs sagten, es eine selbständige politische Theorie des Marxismus gar nicht geben kann. Vielmehr wird jede Auffassung, die sich als eine solche selbständige politische Theorie ausgibt, sofort für den marxistischen Standpunkt selbst noch ein aufzulösendes Problem seiner soziologischen Kritik und Kausalerklärung, wie z. B. die Theorie des Liberalismus oder der jetzt so beliebten staatswissenschaftlichen  Adam-Müllerei Wir werden im folgenden an der Erörterung von KELSENs Kritik dessen, was er die politische Theorie des Marxismus nennt, noch im einzelnen und in aller Deutlichkeit sehen, zu welch notwendigen Mißverständnissen der MARXschen Grundauffassungen von Staat und Gesellschaft das Vorbeigehen am soziologischen Charakter auch des "politischen" Denkens bei MARX und ENGELS führen muß.
LITERATUR - Max Adler, Die Staatsauffassung des Marxismus, Marx-Studien, Bd. 4, Wien 1922
    Anmerkungen
    1) So ist es dann auch gerade KANT, der die sowohl für ihn wie für andere neuartige Denker nur allzuwenig beachtete Mahnung erlassen hat: "Zu einer neuen Wissenschaft mit den Vorurteilen gehen, als könne man sie mittels seiner schon sonst erworbenen vermeintlichen Kenntnisse beurteilen, obgleich die es eben sind, an deren Realität zuvor gänzlich gezweifelt werden muß, bringt nichts anderes zuwege, als daß man allenthalben das zu sehen glaubt, was einem schon sonst bekannt war, weil etwa die Ausdrücke jenen ähnlich lauten, nur daß einem alles äußerst verunstaltet, widersinnig und kauderwelsch vorkommen muß, weil man nicht die Gedanken des Verfassers sondern immer nur seine eigene, durch lange Gewohnheit zur Natur gewordene Denkungsart dabei zugrunde legt." ("Prolegomene", Reclam, Seite 37)
    2) Vgl. hierüber besonders das Zeugnis FRIEDRICH ENGELS' in seiner Besprechung von MARX' Schrift "Zur Kritik der politischen Ökonomie" aus dem Jahr 1859, veröffentlich von MAX NETTLAU in den "Sozialistischen Monatsheten", 1900, Seite 38f, wo Engels die genannte Schrift als den Beginn der durch das Auftreten der deutschen proletarischen Partei hervorgerufenen wissenschaftlichen deutschen Ökonomie bezeichnet, die über die bürgerliche englisch-französische hinausschreiten konnte, und sagt: "Diese deutsche Ökonomie beruth wesentlich auf der materialistischen Auffassung der Geschichte, deren Grundzüge in der Vorrede des oben zitierten Werkes kurz dargelegt sind." Seite 40. Vgl. auch MAX ADLER, "Marx als Denker", zweite Auflage, Wien 1921, Seite 94f.
    3) Archiv für Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, herausgegeben von KARL GRÜNBERG, Bd. IX, Seite 1 - 129, und separat als Buch erschienen (Leipzig 1920). - Wir zitieren nach der Buchausgabe, deren Seitenzahlen übrigens mit dem Archiv übereinstimmen.
    4) Hierauf habe ich schon 1904 in meiner Marx-Studie "Kausalität und Teleologie" in einer ausführlichen Darlegung des Verhältnisses von MARX und ENGELS zum Materialismus aufmerksam gemacht. "Marx-Studien", Bd. I, Seite 302f, und neuerdings in meinem "Marx als Denker", Seite 52f, "Marxistische Probleme", 1922, II. Kap., schließlich "Engels als Denker", Berlin 1920, Seite 63f.
    5) Vgl. "Marx über Feuerbach", Anhang zu FRIEDRICH ENGELS, "Ludwid Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie", Stuttgart 1895, Seite 59, These I.
    6) Aus dem literarischen Nachlaß von MARX und ENGELS, herausgegeben von FRANZ MEHRING, Stuttgart 1902, Bd. 1, Seite 332
    7) Briefwechsel zwischen MARX und ENGELS, herausgegeben von BEBEL und BERNSTEIN, Stuttgart 1913, Bd. 1, Seite 1
    8) KARL MARX, Der Bürgerkrieg in Frankreich", Berlin 1891, Seite 50
    9) Vgl. MAX ADLER, "Marxistische Probleme", fünfte Auflage, Seite 197f
    10) FRIEDRICH ENGELS, "Ludwig Feuerbach" etc., Seite 43f. Ebenso MARX, "Der 18. Brumaire", dritte Auflage, Hamburg 1885, Seite 7: "Die Menschen machen ihre eigene Geschichte etc.", und schon vorher in der großen Abrechnungsschrift "Die heilige Familie", in der sich bereits die Eigenzüge des Marxismus formen, wo es heißt:  "Die  Geschichte tut nichts, sie  besitzt keinen ungeheuren Reichtum,  sie  kämpft keine Kämpfe!  Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die  Geschichte,  die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre - als ob sie eine aparte Person wäre - Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen." - MARX-ENGELS' Nachlaß II, Seite 195.
    11) KARL KAUTSKY, a. a. O., 1922, Seite 102. - Ganz im selben Sinne FRANZ MEHRING, "Über den historischen Materialismus", Anhang zur "Lessing-Legende", Stuttgart 1893, Seite 452-453, und GEORG PLECHANOW, "Beiträge zur Geschichte des Materialismus", Stuttgart 1896, Seite 225 - 227, wo geradezu ausgeführt wird, wie wegen dieser Eingliederung der tätigen, ideellen Natur des Menschen in den ökonomischen Mechanismus "für MARX das Problem der Geschichte auch im gewissen Sinn ein  psychologisches  Problem war."
    12) Und es ist prinzipiell gar nicht ausgeschlossen, daß ein marxistischer Politiker eine Politik verfolgt, deren schließliches Fehlschlagen er theoretisch erkannt hat, deren momentane geschichtliche Notwendigkeit er aber trotzdem bewußt vollzieht, so gleichsam auf einem verlorenen Posten den Dienst der Geschichte verrichtend, weil nur so jene gewaltigen Wirkungen in der Gegenwart ermöglicht werden, die durch die radikale Zerstörung des Alten eine freilich erst späte größere Zukunft vorbereiten. Vielleicht ist dies das Bewußtsein so mancher der großen Führer des bolschewistischen Sozialismus.
    13) Vgl. hierzu MAX ADLER, "Marxistische Probleme", Abschnitt "Wollen und Müssen", Seite 203f.
    14) Vgl. hierzu MAX ADLER, a. a. O., Kapitel 1.
    15) Vgl. hierzu MAX ADLER, "Der soziologische Sinn der Lehre von Karl Marx" und "Marx als Denker", Kap. VII, Seite 63f
    16) Anhang zu ENGELS, "Ludwig Feuerbach", 8. These, a. a. O., Seite 61.