p-4ra-1 SchopenhauerA. SpirH. HelmholtzC. ÜberhorstGoethe    
 
JOHANNES MÜLLER
Über die phantastischen
Gesichtserscheinungen


"Es kann uns gar nicht einmal einfallen zu untersuchen, ob die Netzhaut oder der Sehnerv auch ein Tastgefühl habe. Das heißt uns gerade so viel als fragen, ob der Tonnerv, der in allen seinen Zuständen sich tönend empfindet, auch noch zugleich lichtempfindlich sei. Wenn daher ein französischer Physiologe sich selbst zum größten Erstaunen durch das Experiment erwiesen hat, daß der Lichtnerv nur eine sogenannte spezifische Empfindlichkeit für das äußere Licht, aber kein Tastgefühl für eine mechanische Irritation hat, d. h. keinen Widerstand, nicht Schmerz, nicht Wärme empfindet, so wünschen wir dieser Physiologie nur den Fortschritt, daß ihr einsichtlich werde, wie der Lichtnerv das Äußere zwar nicht als Widerstand empfinde, aber gegen jedes Äußere und auch gegen das Messer als gegen einen Reiz leuchtend reagiert. Wenn aber der Sehnerv gegen jedes Äußere, gleichviel welches, leuchtet, so bleibt dem Gedanken kein vernünftiger Grund übrig, warum er auch noch Schmerz und Lust empfinden soll. Dem physiologischen Gedanken erscheint daher jene ganze Untersuchung über den Mangel des Schmerzgefühls im Sehnerven als eine Mystifikation des Untersuchenden."

Vorwort

Die gegenwärtige Untersuchung ist als eine Fortsetzung der früheren physiologischen Arbeiten des Verfassers über den Gesichtssinn (zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes des Menschen und der Tiere, Leipzig 1826) zu betrachten. Sie behandelt den Gesichtssinn in seinen höheren geselligen Verhältnissen zu den Organen, deren Lebensform wir psychisch, geistig nennen. Dem Verfasser ist die Seele nur eine besondere Form des Lebens unter den mannigfachen Lebensformen, welche Gegenstand der physiologischen Untersuchung sind; er hegt daher die Überzeugung, daß die physiologische Untersuchung in ihren letzten Resultaten selbst psychologisch sein müsse. Die Lehre vom Leben der Seele als einer besonderen Lebensform des Organismus ist daher nur ein Teil von der Physiologie im weiteren Sinne des Wortes. Dieser Teil heißt im Gegensatz der Physiologie im engeren Sinne Psychologie. Allein, was wir gewöhnlich Psychologie nennen, verhält sich zur künftigen Lehre vom Leben der Seele wie die gewöhnliche Physiologie der Verrichtungen oder Funktionen zur wahren physiologischen Wissenschaft. Sollte der Verfasser in Kürze sich darüber erklären, was ihm eine wissenschaftliche physiologische Behandlung der Psychologie sei, so würde er, wenngleich gegen den Verdacht des Spinozismus sich wohl verwahrend, doch keinen Anstand nehmen die drei letzten Bücher der Ethik des SPINOZA, welche von den Leidenschaften handeln und deren psychologischer Inhalt von den übrigen Lehren dieses Mannes als unabhängig angesehen werden kann, namhaft zu machen. Denn wenn diese Lehren auch nicht die rechten über das Leben in den Leidenschaften wären, wenn sie auch nicht die  wahre  Erklärung des Lebens in dieser Form wären, so erleidet es doch keinen Zweifel, daß sie wenigstens wirklich eine Erklärung des Lebens der Methode und dem Inhalt nach sind; was man von den meisten psychologischen Untersuchungen nicht sagen kann. Der Verfasser hat es nun hier zwar nicht eigentlich mit einer Untersuchung der Lebensformen, die wir geistig nennen, zu tun; aber die Lebensform der Sinnlichkeit, deren Untersuchung ihm Aufgabe war, steht von allen physiologischen Funktionen in so unmittelbarer wechselwirkender Beziehung zum geistigen Leben, daß die physiologische Untersuchung, wenn sie anders ihre Aufgabe erfüllt, hier nicht ohne psychologische Resultate sein kann. Schon in den früheren physiologischen Arbeiten über den Gesichtssinn glaubt der Verfasser zu manchen psychologischen Resultaten geführt zu haben. Noch deutlicher tritt diese Beziehung in der gegenwärtigen Schrift hervor, deren Aufgabe es gerade ist, den Gesichtssinn in seinem Wechselwirken mit dem Geistesleben zu untersuchen. Möge diese Arbeit nur etwas dazu beitragen, die psychologische Forschung vom sterilen Boden der sogenannten empirischen Psychologie und andererseits von allzugemächlicher und absprechender Spekulation auf das Leben, auf das Fruchtbare zurückzuführen.

Da die in dieser Schrift erläuterten Phänomene durch die Wechselwirkung des geistigen und des sinnlichen Lebens und insbesondere durch die Wirkung des Gedankens auf den Sinn entstehen, so zerfällt die Untersuchung notwendig in drei Teile. Der erste enthält von der Physiologie der Sinne ausgehend, die Theorie der phantastischen Sinneserscheinung im Allgemeinen und ist in seinem Fortgang durchaus nur in einem engeren Sinn  physiologisch.  Der zweite Teil hat in der Lebensgeschichte der phantastischen Gesichtserscheinungen den Umfang dieser Phänomene zu ermitteln. Hier war es zunächst Hauptzweck, das Genetische in der Entwicklung und Ausbildung des Phänomens von seiner ersten, vielleicht jedem Menschen zugänglichen Form aus darzustelen. Die Einteilung der verschiedenen Zustände ergibt sich dann nicht durch die Stärke und den Grad der Erscheinung, sondern durch die geselligen Verhältnisse zu anderen Geisteskräften. Darum begründet das Hellsehen unter Umständen, wo es als ein bloßer Reichtumg des Sinnes und der Phantasie vom Hellsehenden betrachtet und die Objektivität der Erscheinung nicht anerkannt wird, eine eigentümliche Stufe, mögen die Phantasiebilder selbst aus den verschiedensten inneren Gründen, im Fieber, in nervösen Krankheiten oder bei vollkommener Gesundheit gesehen werden. Da der Inhalt dieses zweiten Teils notwendig zum Teil historische ist, so ist der Fortschritt im Unterschied des ersten rein physiologischen Teils hier im gewöhnlichen Sinn  anthropologisch.  Der letzte Teil untersucht die Phantasmen, inwiefern sie durch das Geistige bestimmt sind. Die Lebensform des Sinnes war Gegenstand der physiologischen Untersuchung. Die Lebensform dieses in den Phantasmen wirkenden Geistigen ist  psychologisch.  Aber auch hier bleibt die Untersuchung im weiteren Sinne des Wortes in den Grenzen der Physiologie.



I.Die Theorie der phantastischen
Gesichtserscheinungen


I. Einleitung

1.

Wenn jemand den Fortgang der physiologischen Lehren in der Geschichte verfolgt, wird sich ihm die Erkenntnis oft wiederholen, daß die theoretischen Irrtümer in dieser Wissenschaft meist nur darauf beruhen, daß man die Erklärungsgründe aus anderen Gebieten der Naturwissenschaft übertragend auf den Organismus anwandte. Es gibt fast keine große Entdeckung eines allgemein wirkenden Wesens in der Natur, die nicht sofort das Prinzip für das Leben der organischen Welt für eine Zeitlang gegeben hätte. Und gleichwohl läßt sich schon auf bloßem Erfahrungsweg die Wirksamkeit der organischen Wesen von jeder anderen auf eine so scharfe Weise trennen, daß wer jemals diesen Unterschied klar gefaßt, für immer behütet sein wird, Erklärungen aus der Physik und Chemie, welche auf das Leben der Organismen angewandt werden, für eine Erkenntnis dieses Lebens selbst zu halten.

2.

Wenn zwei Wesen, gleich oder verschieden, aufeinander wirkend gedacht werden, so läßt sich eine dreifache Art dieser Wirksamkeit logisch einsehen. Jedermann weiß, daß es in der Natur Veränderungen gibt, in welchen das Verändernde seine eigene Qualität oder seinen eigenen Zustand auf das Veränderte überträgt. Das Bewegte, auf ein Ruhendes stoßend, macht seinen eigenen Zustand im Ruhenden geltend. Wir können diese erste Wirksamkeit schlechthin die  mechanische  nennen, ohne hier weiter untersuchen zu wollen, wie eng oder weit die Grenzen dieser Wirksamkeit sein mögen und ohne auf diese Benennung einen besonderen Wert zu legen.

3.

Es gibt ferner Veränderungen, in welchen das Eine nicht dem Andern seine Qualität oder seinen Zustand mitteilt, sondern sich mit dem Andern und seiner Qualität zu einem neutralen Produkt vereinigt, welches die Qualität des Einen und des Andern verschweigt, sich nur als ein Drittes, Eigenwirksames präsentiert. Die chemisch wirkenden Körper wirken aufeinander nur in dieser Weise. Wir können diese Wirksamkeit schlechthin die  chemische  nennen.

4.

Es ist schwieriger, die Wesenheit einer dritten Wirksamkeit festzuhalten, weil wir selbst es sind, die sie beurkunden. Es gibt Veränderungen in der Natur, in welchen das Ursächliche weder seine eigene Wirksamkeit auf das Veränderte überträgt, wie in den mechanischen Veränderungen, noch mit der Wirksamkeit des Veränderten zu einem verschieden Tätigen vereinigt, wie in den chemischen Veränderungen, sondern wo das Ursächliche in dem, auf was es wirkt, immer nur eine Qualität des letzteren zur Erscheinung bringt, die dem Wesen nach unabhängig ist von der Art der Ursache.

5.

Die Dinge, welche sich so gegen ihre Ursachen als gegen bloße Reize verhalten, sind die organischen Wesen, und alle Wirkungen, in welchen das Ursächliche nur insofern Ursache ist, als es  Reiz  ist, kann man  organische  nennen, wie auch der Begriff des  Reizes  von einer Ursache nur für diese Wirksamkeit festzuhalten ist. Dabei ist egal, wodurch ein Muskel gereizt wird, durch Galvanismus, durch chemische Agentien, durch mechanische Irritation, durch innere organische Reize, die ihm sympathisch [mitleidend - wp] mitgeteilt werden aus ganz verschiedenen Organen, auf alles, was ihn reizt, was ihn affiziert, reagiert er sich bewegend, die Bewegung ist also die Affektion und die Energie des Muskels zugleich. Es ist egal, wodurch man das Auge reizt, mag es gestoßen, gezerrt, gedrückt, galvanisiert werden, oder die ihm sympathisch mitgeteilten Reize aus anderen Organen empfinden, auf alle diese verschiedenen Ursachen, als gegen gleichgültige und nur schlechthin reizende empfindet der Lichtnerve seine Affektion als Lichtempfindung, sich selbst in der Ruhe dunkel anschauend. Die Art des Reizes ist also in Beziehung auf die Lichtempfindung überhaupt ein durchaus Gleichgültiges, sie kann nur die Lichtempfindung  verändern.  Einen anderen Zustand als Lichtempfindung und Farbenempfindung in der Affektion, oder Dunkel in der Ruhe gibt es für die Sehsinnsubstanz nicht.

6.

So ist es durchgängig mit allen organischen Reaktionen. Das chemisch Wirksame verbrennt die Haut. Nur im Verbrannten, Toten hat sich das chemisch Wirksame mit dem tierischen Stoff chemisch verbunden, an der Grenze des Lebenden reagiert das Organische gegen das chemische Agens durch organische Wirksamkeit, durch Entzündung. Mit allen Erklärungen der Wirkungsart der Nerven durch elekrtische Strömung ist daher in der Tat gar nichts gewonnen, vielmehr werden hierbei die wesentlichen Energien der Organe übersehen. Der Sinnesnerv auf jedweden Reiz, welcher Art auch immer, reagierend, hat die ihm immanente Energie; Druck, Friktion, Galvanismus und innere organische Reizung, alle diese Dinge bewirken im Lichtnerven, was sein ist, Lichtempfindung, im Hörnerven, was dessen ist, Tonempfindung, Gefühl in den Gefühlsnerven. Andererseits bewirkt alles, was auf ein Absonderungsorgan wirken kann, eine Veränderung der Absonderung, was auf den Muskel wirken kann, Bewegung. Der Galvanismus ist hier um nichts vornehmer als alles andere, was nur, gleichviel welcher Art, affizieren, reizen kann.


II. Die Energien der Sehsinnsubstanz

7.

Wir wollen diese Wahrheit hier nur festhalten, inwiefern sie vom Lichtnerven gilt. Dunkelheit ist seine Ruhe, Licht und Farbe seine Affektion. Auch die Dunkelheit ist etwas Positives, und wird nur da empfunden, wo ein Lichtnerv ist. Das Auge sieht Licht und Farben auf den mechanischen Stoß, auf den galvanischen Einfluß, es empfindet die ihm aus anderen Organen mitgeteilten Reizungen leuchtend, es sieht Blitze, wenn das Gehirn gedrückt wird, wenn das Gehirn mit Blut überfüllt wird, wie bei den Erhenkten, es sieht Nebel in Affektionen der Unterleibsorgane, die ihm sympathisch mitgeteilt werden; alle krankhaften Zustände der Sehsinnsubstanz äußern sich durch subjektive Licht- und Farbenerscheinungen.

8.

Dem Äußeren kann daher nur der Anteil an der spezifischen Empfindung gestattet werden, daß es nach seiner Verschiedenheit und verschiedenen Einwirkung verschiedene Zustände der Erregung in der Sehsinnsubstanz setze, welche verschiedene Zustände aber nur als subjektive dunklere und hellere Farben oder als Licht erscheinen. Von verschiedenen Reizen wird der eine mehr die Empfindung des Gelben, die des Blauen der andere mehr sollizitieren [aufsuchen - wp], und zwar nur dadurch, weil sie verschiedene Zustände der Erregung setzen. Ein und dasselbe, wie die mechanische Irritation durch Druck, bewirkt daher auch bald mehr die eine oder ander Farberscheinung, bald mehr die Lichterscheinung selbst, alles nach dem Maß seiner Einwirkung. Außer der Empfindung des Dunklen, der Farben und des Lichts gibt es aber sonst keine anderen Zustände und Lebensäußerungen der Sehsinnsubstanz des Auges.

9.

Es kann uns daher gar nicht einmal einfallen zu untersuchen, ob die Netzhaut oder der Sehnerv auch ein Tastgefühl habe. Das heißt uns gerade so viel als fragen, ob der Tonnerv, der in allen seinen Zuständen sich tönend empfindet, auch noch zugleich lichtempfindlich sei. Wenn daher ein französischer Physiologe sich selbst zum größten Erstaunen durch das Experiment erwiesen hat, daß der Lichtnerv nur eine sogenannte spezifische Empfindlichkeit für das äußere Licht, aber kein Tastgefühl für eine mechanische Irritation hat, d. h. keinen Widerstand, nicht Schmerz, nicht Wärme empfindet, so wünschen wir dieser Physiologie nur den Fortschritt, daß ihr einsichtlich werde, wie der Lichtnerv das Äußere zwar nicht als Widerstand empfinde, aber gegen jedes Äußere und auch gegen das Messer als gegen einen Reiz leuchtend reagiert. Wenn aber der Sehnerv gegen jedes Äußere, gleichviel welches, leuchtet, so bleibt dem Gedanken kein vernünftiger Grund übrig, warum er auch noch Schmerz und Lust empfinden soll. Dem physiologischen Gedanken erscheint daher jene ganze Untersuchung über den Mangel des Schmerzgefühls im Sehnerven als eine Mystifikation des Untersuchenden.

10.

Freilich sind diese Grundsätze, die sich auf die bewährteste Erfahrung gründen, verschieden von den sogenannten optischen Lehren und von der gewöhnlichen Ansicht. Diese Lehren beruhen aber, mit Ausnahme der rein optisch mathematischen Bestimmungen über die Bewegung des Elementarischen durch die Medien des Auges, auf den offenbarsten physiologischen Widersprüchen. Wie sollte, wenn es ein äußeres selbst Leuchtendes gäbe, dieses objektive Licht bis zum Subjektiven gelangend auch subjektiv leuchtend empfunden werden? Dies ist in Ewigkeit nicht einzusehen. Mag aber das äußere Licht leuchtend sein, wenn die Sehsinnsubstanz in der Affektion nicht selbst leuchtend ist, das Äußere wird das Markgebilde berühren, dieses wird durch jenes in Affektion sein, aber daß dasjenige, welches überhaupt nur seine Affektion, nie ein Äußeres selbst empfinden kann, hierdurch Licht sehen soll, hat es durchaus keinen Grund. Man könnte ebensogut und mit demselben Unrecht sagen, daß es töne, daß es erwärmt sei, daß es schmecke.

11.

PLATON fühlte diesen Widerspruch, er nahm ein Selbstleuchten des Auges an, dessen Licht dem äußeren auch leuchtenden Licht entgegenkomme. Wozu aber das? Wenn das Auge jede Affektion von welcher Art auch immer leuchtend empfindet, wozu bedarf es eines äußeren schon fertigen Lichtes, einer fertigen äußeren Empfindung? Das äußere sogenannte Licht kann also wirken auf welche Art auch immer, wenn es nur reizen kann, werden diese Reize dem Auge leuchtend sein, und die Natur dieser Reize, die Natur des Äußeren ist dem Auge ein völlig Gleichgültiges. Seine Lebensäußerungen sind nur an die Bewegungen des Äußeren als an die Bewegungen der reizenden Lebensbedingung gebunden. Das Licht ist also Sinnesenergie und das äußere Elementarisch könnte dann nur selbst leuchten, wenn es wie die Sehsinnsubstanz die subjektive Affektion als Selbstleuchten empfände.

12.

In der neuen Zeit hat die Platonische Ansicht nach den Fortschritten in der chemischen Erkenntnis einige Veränderungen erlitten. Man hat das Platonische Augenlicht, von dem PLATON selbst sagt, daß es ein mildes nicht brennendes und nicht verzehrendes Licht sei, in einen leuchtenden Phosphor des Auges verwandelt, wodurch die Sache nicht besser geworden ist. Nie entwickelt das Auge ein äußeres Licht, sein Licht ist nur subjektiv, und die Berufungen auf das Leuchten der Tieraugen sind ganz unstatthaft. Schon GRUITHUISEN hat (in den Beiträgen zur Physiognosie und Kautognosie, 1812, Seite 199) bewiesen, daß das Licht der Katzenaugen immer ein reflektiertes ist, was in unserem Auge erst wie alles Spiegellicht zum Leuchten kommt. Daß dem so sei, habe ich mich auf das Bestimmteste überzeugt. Auch die toten Katzenaugen leuchten, wenn sie Licht reflektieren, und ebenso lebhaft als wären sie lebendig, aber nur unter der Bedingung, daß ein anderes elementarisches Licht, aus den Augen als durch Spiegel reflektiert, auf unseren Sehsinn verpflanzt als subjektives Licht erscheint.


III. Die Extremität der
Sehsinnsubstanz als Auge


13.

Daß die Empfindung des Lichts als Energie sich bloß auf die Netzhaut als die Extremität der Sehsinnsubstanz beschränke, ist nicht anzunehmen, wenn es einmal gewiß ist, daß von dieser Extremität kein äußeres fertiges Leuchten empfunden wird. Selbst ein geringer Druck, auf das bloßgelegte Gehirn und sofort auf die inneren Fortsetzungen der Sehsinnsubstanz wirkend, bedingt in dieser subjektive Lichterscheinungen; und selbst wenn die Sehsinnsubstanz als Netzhaut für die äußeren Reize gelähmt ist, in der Blindheit bohrt sich der Geblendete noch Licht aus dem Sehnerven; wie auch bei vollkommener Blindheit noch subjektive innere Lichterscheinungen in den inneren nicht gelähmten Teilen der Sehsinnsubstanz stattfinden können, wovon später höchst merkwürdige Beispiele aufgeführt werden sollen. Die Netzhaut ist also nur die äußere Extremität der Sehsinnsubstanz für das äußere Sinnesleben. Die Sehsinnsubstanz entspringt mit lichtempfindenden Teilen im Gehirn selbst, setzt sich durch die Sehnerven fort und endet als Netzhaut, welche allein durch das Elementarische affiziert werden kann, während die inneren Teile von allen organischen Reizen affiziert werden können.

14.

In der einfachsten Form des Auges ist daher die Netzhaut auch nur eine kontinuierliche membranöse Fortsetzung eines membranösen Sehnerven und dieser des membranösen  lobus opticus  [Sehlappen - wp] im Gehirn. Bei den Fischen, solange kein Chiasma [Kreuzung - wp]der Sehnerven stattfindet, entfalten sich die  lobi optici  als vollkommene Membranen in die Sehnerven. Diese bestehen aus einer Membran, die so weit die Sehsinnsubstanz Sehnerv ist, gefaltet zusammenliegt, am Auge selbst aber sich wieder entfaltet und kontinuierlich membranös Netzhaut wird, so daß sich selbst die Ränder der Membran des Sehnerven in die Netzhaut fortsetzen, so daß selbst die Netzhaut gespalten ist.

15.

Hier lernen wir dann die Metamorphose des Auges aus den inneren Teilen der Sehsinnsubstanz kennen. Alle Teile des Sehnerven wiederholen sich in den Teilen des Auges. Die fibröse Haut des Sehnerven erscheint im Auge als fibröse Haut des Auges, Sclerortica [Lederhaut des Augapfels - wp]. Die  pia mater  [zarte Hirnhaut - wp] der Membran des Sehnerven, die in alle Falten desselben eingeht und also beiden Seiten der gefalteten Membran des Sehnerven zukommt, erscheint am entfalteten Sehnerven in der Netzhaut auch auf beiden Seiten der äußerlich und innerlich, innerlich als inneres gefäßreiches Blatt der Netzhaut, dessen Fortsetzung als Pekten [Augenfächer - wp] bei den Vögeln Pigment absondert, äußerlich als Chorioidea [mittlere Augenhaut - wp].

netzhaut

α  und  γ,  die  pia mater  der Sehnervenmembran  β,  erscheinen im Auge als  a  als inneres Gefäßblatt des entfalteten Sehnerven oder der Netzhaut  b,  und  c  als äußeres Gefäßblatt der Netzhaut oder Chorioidea.  δ  fibröses Neurilem der Sehnervenmembran im Auge  d  als fibröse Sclerotica.

16.

Die peripherischen Teile des Auges sind daher bei seiner einfachsten Form unter den Fischen nur eine Metamorphose identischer Teile des Sehnerven, die da, wo die Extremität der Sehsinnsubstanz den äußeren Reizen zugänglich sein soll, in ihre Mitte, kelchartig sich entfaltend, die durchsichtigen Teile des Auges, welche der Sehnerv nicht hat, aufnehmen.


IV. Die äußere Sinnlichkeit
der Sehsinnsubstanz


17.

So wie nun die Sehsinnsubstanz räumlich ist, und, ruhig oder affiziert, in ihrer Räumlichkeit sich entweder als dunkles oder erhelltes Sehfeld empfindet, so bedarf es auch bloß einer partiellen Affektion dieser räumlichen Lichtsinnsubstanz, daß ein flächenhaftes lichtes oder farbiges Bild im Sehfeld erscheine. Drücken wir mit einem Stäbchen die hintere Fläche des Auges, so wird auch nur ein bestimmter Teil der Netzhaut, der drückenden Fläche des äußeren Körpers entsprechend, in Affektion gesetzt, und das Auge sieht sich auch nur leuchtend in dieser bestimmten Räumlichkeit. Drückt das mit Blut überfüllte Adergeflecht der Netzhaut diese für jeden Reiz empfindliche Membran, so erscheinen die affizierten Stellen als Adergeflecht leuchtend. Ich habe in einem früheren Werk (Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtsfeldes des Menschen und der Tiere, 1826) aus solchen subjektiven Gesichtsphänomenen bewiesen, daß wir in allen Gesichtserscheinungen, auch in den objektiven, immer nur die Netzhaut im Zustand ihrer Affektion als sogenanntes Sehfeld sehen.

18.

Das Maß allen Maßes, aller scheinbaren Größen der Dinge ist die sich gleich bleibende wahre Größe des Auges und seiner Netzhaut in der unmittelbaren Anschauung ihrer selbst. Die scheinbaren Größen der Gegenstände erscheinen auf der wahren subjektiven Größe der Netzhaut als Affektionen besonderer Teile dieses Markgebildes, und die Summe der scheinbaren Größen aller Gegenstände, welche in einem und demselben Gesichtsfeld vorhanden sind, ist sich in jeder Gesichtsvorstellung gleich bei allem Wechsel der Objekte, sie ist identisch mti der wahren Größe des Auges, der Netzhaut selbst; denn die subjektiv erscheinende Netzhaut und die Summe der zugleich gebotenen Bilder als Affektionen besonderer Teile ihrer selbst sind ein und dasselbe, nämlich das subjektive Sehfeld.

19.

So wie die Netzhaut, durch mechanische Affektion in aliquoten [vereinzelten - wp] Teilen ihrer selbst in Tätigkeit versetzt, Bilder sieht, welche die Begrenzung dieser aliquoten Teile ihrer selbst haben, so wirkt auch das sogenannte äußere Licht, nach Gesetzen der Refraktion [Rückbrechung - wp] mit aliquoten Teilen der Netzhaut in Berührung gebracht, Bilder, welche die Begrenzung dieser aliqouoten Teile ihrer selbst haben. Das äußere Licht oder das Elementarische ist auch nur insofern leuchtend, als es das Auge in Affektion setzt. Was das äußere sogenannte Licht selbst ist, wissen wir nicht, wir kennen es bloß aus den Energien organischer Körper, denen es eigentümlich ist, gegen alles Äußere als gegen Reize nur in ihren eigentümlichen Qualitäten zu reagieren.

20.

Wir wissen also nur, daß dasjenige, was den Sehsinn affizierend diesen in subjektiv leuchtende Affektion setzt, auf andere Sinne wirkend ein anderes, diesem immanentes, hervorruft, den Gefühlssinn erwärmt, anderes in anderen organischen Körpern bedingt, das Wachstum der Pflanzen sollizitiert [hervorruft - wp], nur in den chemisch wirkenden Körpern, als mit diesen verbundenes, nach dem Gesetz der chemischen Wirksamkeit erscheinend. Daß wir glauben, das äußere Elementarische leuchte in der Tat selbst, rührt daher, weil wir die Natur dieses Elementarischen nicht so kennen, wie die Körperlichkeit des Holzes, das auf das Auge mechanisch wirkend auch Licht und selbst nach Maßgabe der Begrenzung Bilder hervorbringt. Vom Holz, wenn es das Auge reizend Lichtempfindugn als Energie des letzteren aufruft, wissen wir, daß es Holz ist, wir sagen von ihm nicht aus, daß es leuchte. Das elementarische sogenannte Licht wirkt aber ebensogut wie das Holz auf den Gefühlssinn, es wird von diesem in einer Energie seiner selbst,  warm  empfunden. So also verwechseln wir unsere eigenen Energien, das Licht unseres Auges mit dem was Licht hervorruft.


V. Die inneren organischen Reize
der Sehsinnsubstanz,
die innere Sinnlichkeit.


21.

Wenn die Sehsinnsubstanz in jeder Affektion sich leuchtend empfindet, wenn es gar nicht auf die Natur des Reizes ankommt, sondern nur auf das Allgemeine, daß er reizen kann, um die durch den Reiz gesetzte Affektion als Licht oder Farbe zu sehen, so müssen auch alle inneren organischen Reize, von verschiedenen Organen ausgehend, auf die Sehsinnsubstanz durch Sympathie verpflanzt, Lichterscheinungen in dieser hervorbringen. Jeder Zustand jedes Organs ist dem Sinnesorgan, auf dieses verpflanzt, ein Äußerliches, was es nur in seiner eigenen Energie empfinden kann. Die Sehsinnsubstanz gerät durch Sympathie mit erethischen [gesteigert erregbaren - wp] oder atonischen [spannungslosen - wp] anderen Organen in sympathischen Erethismus oder Atonie. Atonie und Erethismus äußern sich in ihr nur dunkel und licht.

22.

Hysterische, hypochondrische Personen sehen Nebel, Spinngewebe, Gitterwerk und die durch PURKINJE näher bekannt gewordenen subjektiven Druckbilder, wenn ihre Verdauung oder eine andere Funktion gestört ist. Im höchsten Grade finden diese sympathischen Erregungen der Sehsinnsubstanz zur Lichtempfindung in den krankhaften Zuständen des Gehirns statt. Der Druck auf das bloßgelegte Gehirn ist dem Organ als sympathische Affektion genug zur Lichtempfindung. Die mechanische Reizung eines Teils des Gehirns empfindet das Organ leuchtend. Die Photopsie [Wahrnehmung von Licht ohne entsprechendes Korrelat - wp] in so manchen Krankheiten des Gehirns beruth nur auf einer Reizung der Sehsinnsubstanz durch innere organische Reize.

23.

Zur Zeit als ich mich sehr viel mit der Wiederholung und Erweiterung der Versuche über die von PURKINJE näher beschriebenen subjektiven Gesichtserscheinungen beschäftigte, sah ich, wenn ich bei geschlossenen Augen lange Zeit das dunkle Sehfeld beobachtet hatte, oft ein schwaches Licht von einem Punkt aus rhythmisch sich über das Sehfeld verbreiten und wieder verschwinden. Diese Lichterscheinung war mit dem Ausatmen synchronisch und konnte keinen anderen Grund haben, als daß der während dem Ausatmen stattfindende Blutandrang nach dem Gehirn und die dadurch bedingte Erhebung und Bewegung des letzteren in der Sehsinnsubstanz leuchtend objektiviert wurde.

24.

Wir können es demnach als eine Grundwahrheit für unsere Untersuchung betrachten: wenn irgendein Organ des Gehirns, sei es seiner ihm selbst zukommenden Energie nach, sensitiv, oder bewegend, oder dem Bildungsprozeß oder je anderen tierischen Funktionen vorstehend, seinen Erregungszustand innerhalb seiner Funktion auf die Sehsinnsubstanz durch Sympathie verpflanzt, so entstehen in dieser nach Maßgabe der sympathischen Erregung Licht- und Farbenerscheinungen, weil die Sehsinnsubstanz in den Zuständen ihrer Erregung, sie sie sympathisch oder unmittelbar affiziert, sich nur durch Licht, Farbe und Dunkel äußern kann.

25.

Die Theorie, welche wir nun von den phantastischen Gesichtserscheinungen mitzuteilen haben, ist nur eine Konsequenz aus dem Vorhergehenden. Wenn die Zustände derjenigen Organe, welche dem Vorstellen und Einbilden vorstehen, auf die Sehsinnsubstanz durch Sympathie verpflanzt werden könnten, so könnten dieses Affekte eines in seiner Affektion vorstellenden oder einbildenden Organes in der Sehsinnsubstanz überhaupt nur Affekte ihrer Art, nämlich Lichterscheinungen hervorrufen. Wenn also das Organ, welches in seiner Affektion phantasiert, durch die exzessive Macht seiner Tätigkeit auf die Sehsinnsubstanz wirkt, so kann dies nur unter Lichterscheinungen geschehen. Das Phantastische setzt im Organ der Licht- und Farbenempfindung wie jeder Reize nur Licht und Farbe.

26.

Umgekehrt wenn das affizierte Auge seinen Affekt den Organen des Phantastischen und des Vorstellenden oder anderen Organen des Gehirns, deren Lebensform wir geistig nennen, mitteilt, so kann die Wirkung auf das Phantastische, Vorstellende, Denkende nur Steigerung und Belebung des Phantastischen, Vorstellenden, Denkenden sein. Und hier sind wir dann auf dem theoretisch empirischen Weg methodisch zu den Erscheinungen gelangt, deren Aufklärung Gegenstand der gegenwärtigen Untersuchung ist.

27.

1.  Im Dunklen ist man nie besonders geistreich.  Auch der Geist teilt das Gefühl des Mangels. Das hat gewiß jeder schon an sich erprobt, und doch ist diese Tatsache noch nicht zu allgemeiner Kenntnis gekommen und gewürdigt worden, wie sie es verdiente. Ja wir sind gezwungen, den lichten Tag zu suchen, wenn wir in lebhafter Bewegung des Gemütes oder leidenschaftlicher Bewegung der Gedanken über etwas ins Klare kommen wollen. Sich seinen Phantasien hinzugeben schließt der Schwärmer die Augen, die tiefste Meditation liebt aber den lichten Tag, wenn sie auch in das Tageslicht hinstarrend die Objekte gar nicht wahrnimmt.

28.

Das Elementarische, das wir Licht nennen, wenn es das Licht als Energie des Auges reizend aufruft, wirkt in dem seine eigene Ruhe dunkel sehenden Auge den lichten Tag. Der Lichtnerv im Zustand der Affektion wirkt als ein mächtiger Reiz auf die Organe des Gehirns, deren Lebensformen wir geistig nennen. Das äußere Licht, welches nicht existiert, erhellt hier nicht unsere Vorstellungen, sondern das Vorstellende ist lebhaft erregt durch die Erregung des Lichtnerven. Dann auch wirkt die Ordnung und Gesetzmäßigkeit oder das Logische in den Gesichtsobjekten, worin das Logistische (Organ) sein Bedürfnis erfüllt hat, ordnend und beschränkend für die Tätigkeit des Logistikon und Phantastikon, welche im Dunkeln sich selbst überlassen behaglich schwärmend von einem zum andern überspringen.

29.

2. In dem in seiner Ruhe sich dunkel anschauenden Sehorgan, auf welches alle äußere Sollizitation [Herbeiführung - wp] zur Lichterscheinung durch das Elementarische aufhört, wirken nun auch die inneren organischen Reize umso mächtiger sympathische Erregungen. Jede Störung des Blutumlaufs erscheint in dieser ruhenden aber durch ihre Ruhe höchst reizbaren Sehsinnsubstanz als Lichterscheinung. Die Strahlen, die wallenden Nebel, die Lichtflecken, die Feuerkugeln, diese sich metamorphosierenden Farbenfelder, wovon unser dunkles Sehfeld bei geschlossenen Augen nie ganz frei ist, sind nichts anderes als die Reflexe von Zuständen anderer Organe auf ein Organ, das in jedem Zustand sich entweder licht, dunkel oder farbig empfindet.

30.

Diese beweglichen Meteore des dunklen Sehfeldes sind alle plötzlich verschwunden, wenn wir die Augen öffnen, weil die äußeren Reize viel mächtiger sind. Aber in einem lange geschlossenen ausruhenden Auge, das durch nichts mehr als das Innere erregt wird, steigern sich diese inneren Meteore oft zu einer wunderbaren Lebhaftigkeit. Die Phantasie, sich selbst überlassen, knüpft diese wallenden, ihre Gestalt wechselnden Erscheinungen im dunklen Sehfeld an das, was sie sich durch eine äußere Nötigung schon einmal hat einbilden müssen, und es erscheinen der Phantasie diese anfangs harmlosen Lichtphänomene bald in bestimmten Formen, welche ihre Gestalt mannigfach wechseln und sich nicht fesseln lassen. Hier geschieht dann bei geschlossenen Augen von Seiten der Phantasie mit den Lichtmeteoren des dunklen Sehfeldes, was am Tageslicht häufig genug geschieht, wenn uns ein undeutlich Gesehenes durch die Phantasie in täuschender Lebendigkeit zu einer bestimmten Form ergänzt wird.

31.

3. Nicht der Lichtnerv allein im Zustand des Affektes wirkt als Reiz auf die Organe der Vorstellung und Einbildung. Auch das Phantastische und Vorstellende im Zustand des Affektes wirkt auf den Lichtnerven, wenn dieser ruhig von äußeren Eindrücken, in seiner Dunkelheit nur die Erregungen anderer Organe in Licht und Farben wiederstrahlt.

32.

In der Regel  begrenzt  das Phantastische seine Objekte nur im Sehfeld. Die von der Phantasie erzeugten Formen werden nur im Sehfeld begrenzt vorgestellt, wo uns überhaupt alle Formen erscheinen, im Sehfeld der Sehsinnsubstanz. Diese in der Regel nur im Sehfeld gedachten und vorgestellten Produkte der Phantasie können aber durch die Sympathie des Phantastikon und des Lichtnerven bei einem exaltierten [übereifrigen - wp] Zustand des ersteren und einem ruhenden Zustand des letzteren in der Dunkelheit des Sehfeldes innerhalb ihrer vorgestellten Begrenzung leuchtend werden.

33.

Die Phantasie, in ihrem Eigenleben sich selbst überlassen, erzeugt aus früheren Eindrücken Formen, welche sobald sie vorgestellt werden, im lichten oder dunklen Sehfeld vorgestellt werden müssen. Diese Formen sind in der Regel nicht sinnlich, es sind nur vorgestellte, gedachte Grenzen im dunklen oder lichten Sehfeld. Aber wirkt das exaltierte Phantastikon auf die ruhenden dunkle Sehsinnsubstanz, erreigt das erregte Phantastikon die letztere, so werden die sonst nur schlechthin eingebildeten Dinge innerhalb ihrer ihm Sehfeld gedachten Grenzen auch leuchtend und farbig. Hier ist nun der Ort, die Phänomene, deren Entstehung ich wissenschaftlich begründet habe, genau und treu zuerst nach vieljähriger Selbstbeobachtung zu beschreiben, um sofort die auf diesem Gebiet häufig durch Auslegung entstellten Erfahrungen anderer anzuknüpfen.


VI. Die phantastischen
Gesichtserscheinungen


34.

Es ist selten, daß ich nicht vor dem Einschlafen bei geschlossenen Augen in der Dunkelheit des Sehfeldes mannigfache leuchtend Bilder sehe. Von früher Jugend an erinnere ich mich dieser Erscheinungen, ich wußte sie immer wohl von den eigentlichen Traumbildern zu unterscheiden; denn ich konnte oft lange Zeit noch vor dem Einschlafen über sie reflektieren. Vielfache Selbstbeobachtung hat mich dann auch in die Lage versetzt, ihre Erscheinung zu befördern, sie festzuhalten. Schlaflose Nächte wurden mir kürzer, wenn ich gleichsam wachend wandeln konnte unter den eigenen Geschöpfen meines Auges. Wenn ich diese leuchtenden Bilder beobachten will, sehe ich bei geschlossenen vollkommen ausruhenden Augen in die Dunkelheit des Sehfeldes; mit einem Gefühl der Abspannung und größten Ruhe in den Augenmuskeln versenke ich mich ganz in die sinnliche Ruhe des Auges oder in die Dunkelheit des Sehfeldes. Alle Gedanken, jedes Urteil wehre ich ab, ich will bei einer vollkommenen Ruhe des Auges wie des ganzen Organismus im Hinblick auf die äußeren Eindrücke nur beobachten, was in der Dunkelheit des Auges als Reflex von inneren organischen Zuständen in anderen Teilen erscheinen wird.

35.

Wenn nun im Anfang immer noch das dunkle Sehfeld an einzelnen Lichtflecken, Nebeln, wandelnden und wechselnden Faben reich ist, so erscheinen statt dieser bald begrenzte Bilder von mannigfachen Gegenständen, anfangs in einem matten Schimmer, bald deutlicher. Daß sie wirklich leuchtend, und manchmal auch farbig sind, daran ist kein Zweifel. Sie bewegen sich, verwandeln sich, entstehen manchmal ganz zu den Seiten des Sehfeldes mit einer Lebendigkeit und Deutlichkeit des Bildes, wie wir sonst nie so deutlich etwas zur Seite des Sehfeldes sehen. Mit der leisesten Bewegung der Augen sind sie gewöhnlich verschwunden, auch die Reflexion verscheuchte sie auf der Stelle. Es sind selten bekannte Gestalten, gewöhnlich sonderbare Figuren, Menschen, Tiere, die ich nie gesehen, erleuchtete Räume, in denen ich noch nie gewesen bin. Es ist nicht der geringste Zusammenhang dieser Erscheinungen mit dem, was ich am Tag erlebt habe, zu erkennen. Ich verfolge diese Erscheinungen oft halbe Stunden lang, bis sie endlich in die Traumbilder des Schlafes übergehen.

36.

Nicht in der Nacht allein, zu jeder Zeit des Tages bin ich dieser Erscheinungen fähig. Gar manche Stunde der Ruhe, vom Schlaf weit entfernt, hab ich mit geschlossenen Augen mit ihrer Beobachtung zugebracht. Ich brauche mich oft nur hinzusetzen, die Augen zu schließen, von allem zu abstrahieren, so erscheinen unwillkürlich diese seit früher Jugend mir freundlich gewohnten Bilder. Ist nur der Ort recht dunkel, bin ich nur geistig ganz ruhig, ohne leidenschaftliche Stimmung, habe ich nur eben nicht gegessen oder geistiges Getränk genommen, so darf ich, wenn gleich an Schlaf gar nicht zu denken ist, der Erscheinungen gewiß sein.

37.

Häufig erscheint das lichte Bild im dunklen Sehfeld, häufi erhellt es auch vor dem Erscheinen der einzelnen Bilder nach und nach die Dunkelheit des Sehfeldes zu einer Art von innerem matten Tageslicht. Gleich darauf erscheinen dann auch die Bilder. Ebenso merkwürdig wie das Erscheinen der leuchtenden Bilder war mir, seit ich diesen Phänomenen beobachtend folge, das allmähliche Hellerwerden des Sehfeldes. Denn am Tag bei geschlossenen Augen nach und nach den lichten Tag von innen eintreten sehen, und im Tag des Auges leuchtende Gestalten als Produkte des Eigenlebens des Sinnes wandeln sehen, und all das im wachen Zustand, fern von allem Aberglauben, von aller Schwärmerei, bei nüchterner Reflexion, ist dem Beobachter etwas höchst Wunderbares.

38.

Wie freute ich mich nun, als ich in den  Wahlverwandtschaften  wiederfand, wie einer der sinnlich kräftigsten Menschen aus reicher Selbstbeobachtung die Lebenswahrheit auch dem kunstreichen Gebilde mitzugeben weiß. Es heißt nämlich dort von OTTILIE "Wenn sie sich Abends zur Ruhre gelegt umd im süßen Gefühl zwischen Schlaf und Wachen lebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten Raum hinein blickte. In diesem sah sie EDUARD ganz deutlich und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern im kriegerischen Anzug, jedesmal in einer anderen Stellung, die aber vollkommen natürlich war und nichts Phantastisches hatte, stehend, gehend, liegend, reitend. Die Gestalt, bis aufs Kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr, ohne daß sie das Mindeste dazu tat, ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft erregte. Manchmal sah sie ihn umgehen, besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war, als der helle Grund; aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bäume, als Gebirge vorkommen konnten. Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein."

39.

Ich kann es auf das Bestimmteste unterscheiden, in welchem Moment des Phantasma leuchtend wird. Ich sitze lange da mit geschlossenen Augen; Alles, was ich mir einbilden will, ist bloße Vorstellung, vorgestellte Begrenzung im dunklen Sehfeld, es leuchtet nicht, es bewegt sich nicht organisch im Sehfeld, auf einmal tritt der Moment der Sympathie zwischen dem Phantastischen und dem Lichtnerven ein, urplötzlich stehen Gestalten leuchtend da, ohne alle Anregung durch die Vorstellung. Die Erscheinung ist urplötzlich, sie ist nie zuerst eingebildet, vorgestellt und dann leuchtend. Ich sehe nicht, was ich sehen möchte; ich kann mir nur gefallen lassen, was ich ohne alle Anregung leuchtend sehen muß.

40.

Der kurzsichtige Einwurf, daß diese Erscheinungen wie im Traum nur leuchtend vorgestellt oder, wie man sagt, eingebildet werden, fällt hier natürlich von selbst weg. Ich kann mir stundenlang einbilden und vorstellen, wenn die Disposition zur leuchtenden Erscheinung nicht da ist, nie wird dieses zuerst Vorgestellte den Schein der Lebendigkeit erhalten. Und urplötzlich erscheint ein Lichtes, nicht zuerst Vorgestelltes gegen meinen Willen, ohne alle erkennbare Assoziation. Aber diese Erscheinung, die ich selbst im wachenden Zustand leuchtend zu sehen fähig bin, leuchtet so gewiß, als der Blitz leuchtet, den ich als subjektives Gesichtsphänomen durch Druck dem Auge entlocke.

41.

Am leichtesten treten diese Phänomene ein, wenn ich ganz wohl bin, wenn keine besondere Erregung in irgendeinem Teil des Organismus geistig oder physisch obwaltet, und besonders, wenn ich gefastet habe. Durch Fasten kann ich diese Phänomene zu einer wunderbaren Lebendigkeit bringen. Nie habe ich sie bemerkt, wenn ich vorher Wein getrunken hatte.

42.

Daß jeder Mensch wenigstens Spuren dieser Erscheinungen habe, dessen bin ich mir sicher. In der tat sind unsere Traumbilder, die uns ja gewöhnlich auch im hellen Sehraum erscheinen, nichts anderes als die Fortsetzung dieser Erscheinungen vor dem Einschlafen, und so wie diese in die Traumbilder übergehen, so bleiben sie auch oft nach dem Erwachen eine kurze Zeit im Sehfeld haften, worauf sie allmählich in Licht- und Nebelflecken erlöschen, verscheucht durch die stärkere Anregung der Sehsinnsubstanz von Außen.

Wer am Tag nicht zu diesen Erscheinungen disponiert ist, wird wenigstens vor dem Einschlafen darauf aufmerksam sein können, wenn er es nicht schon gewesen ist. Wem sie vor dem Einschlafen nicht erscheinen, dem ist dasselbe Phänomen doch im Traum gewiß.

43.

Daß diese Erscheinungen aber bei unzähligen Menschen mit einer blendenden Lebhaftigkeit und manchmal selbst am hellen Tag bei offenen Augen vorkommen, beweist die Geschichte ihrer verkehrten Auslegungen als Visionen, Spektra, magische Erscheinungen, magnetisches Hellsehen. Dem Arzt sind sie längst bekannt als sogenannte Halluzinationen in Fiebern, in Krankheiten des Gehirns, in der Hysterie, Hypochondrie, Katalepsie, bei Irren, in der Ekstase und verwandten Zuständen.

44.

Es kommt hier aber vor allem auf eine vorurteilsfreie durchaus nüchterne Selbstbeobachtung im ganz gesunden Zustand an, diese war der Zweck der eben mitgeteilten Darstellung. Mögen wir uns nun auch derjenigen erinnern, denen diese Erscheinungen im gleichen Grad zugänglich oder lebendiger noch gewohnt, und die gleichwohl, das einfache Phänomen weder durch Schwärmerei noch Aberglauben entstellend, es als einen Reichtum ihres sinnlichen Wesens betrachteten.

45.

CARDANUS erzählt im 18. Buch  de subtilitate  von sich selbst: [ .... ] CARDANUS glaubt den inneren Grund dieser Phänomene zu kennen und beruft sich dabei auf eine Stelle bei AVERRHOES, welche allerdings auf den wahren Grund derselben hindeutet.

46.

Dem Zeugnis des wunderlich merkwürdigen CARDANUS stellen wir billig ein anderes des nüchternsten vor allem Wunderbaren scheuen Tiefdenkers SPINOZA entegegen: [...] B. d. S. Opera posthuma. Epistola XXX. Viro doctissimo ac prudentissimo Petro Balling B. d. S.

47.

Auch aus neuerer Zeit werde einer treffenden vorurteilsfreien Darstellung dieser Phänomene des Schlafwachens erwähnt, die ein Ungenannter in MORITZ und POCKELs "Magazin der Erfahrungsseelenkunde", Bd. 5, 2. Heft, Seite 88 gegeben hat. NICOLAIs Phantasmen am hellen Tag, die in einem krankhaften Zustand Monate lang anhielten, sind allgemein bekannt geworden. Bei NICOLAI traten im Zustand der Gesundheit die leuchtenden Phantasiebilder nur zwischen Schlaf und Wachen ein. Berlinische Monatsschrift von BIESTER, 1799, Seite 350. Daß die Traumbilder Lebensäußerungen der Sinnesorgane sind, hat GRUITHUISEN in seiner an trefflichen Selbstbeobachtungen reichen Schrift: Beiträge zur Physiognosei und Cantognosie, München 1812, Seite 236, aus eigenen und fremden Erfahrungen zu zeigen gesucht. Eine sehr treffende mit meiner früher gegebenen Darstellung im wesentlichen ganz übereinstimmende Selbstbeobachtung über die Phantasiebilder vor dem Einschlafen hat NASSE in der Zeitschrift für Anthropologie, 1825, 3. Heft, Seite 166, gegeben. Daß PURKINJE auch an diesen subjektiven Gesichtserscheinungen reich sein müsse, erschließen wir aus seiner Abhandlung über das Nachbild als Inhalt des Gedächtnisses. Beiträge zur Kenntnis des subjektiven Sehens, Seite 166.

48.

Höchst erfreulich ist es, daß eben diese Schrift GOETHE veranlaßt hat, aus der eigenen lebendigen Erfahrung seiner Phantasie mitzuteilen, was ihm zu jenen merkwürdigen einer kunstreichen Schöpfung verwebten Stellen über die Phantasiebilder in den Wahlverwandtschaften, worauf wir mehrfach zurückkommen werden, vielleicht Anregung gewesen ist.

"Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schloß und mit niedergesenktem Haupt mir in die Mitte des Sehorganes eine Blume dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie legte sich auseinander, und aus ihrem Innern entfalteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen Blättern; es waren keine natürlichen Blumen, sondern phantastische, jedoch regelmäßig wie die Rosetten der Bildhauer. Es war unmöglich, die hervorsprossende Schöpfung zu fixieren, hingegen dauerte sie solange als mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte sich nicht. Dasselbe konnte ich hervorbringen, wenn ich mir den Zierrath einer buntgemalten Scheibe dachte, welcher dann ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sich immerfort veränderte, völlig wie die in unseren Tagen erst erfundenen Kaleidoskope." GOETHE zur Morphologie und Naturwissenschaft.

49.

Diese Freiheit des inneren Sinnenlebens mag uns denn auch als die höchste Stufe erscheinen, von welcher bis zur einfachsten Form des Phänomens, die ich zuerst aus eigener Erfahrung beschrieben habe, eine große Mannigfaltigkeit gegeben ist, deren Einsicht uns sicher sein muß, wenn wir einmal die Grundphänomene befestigt haben. Die Beispiele einer willkürlichen Einbildung in den Sinn sind gewiß höchst selten, aber auch die höchsten reinsten Blüten der Sinnlichkeit und des sinnlichen Lebens, hoch erhaben über jene befangenen Visionen, in welchen die Superstition als religiöse Schwärmerei oder Aberglaube die Geschöpfe des Eigenlebens unserer Sinne entweder verehrt und anbetet oder fürchtet.

50.

Damit jenes letzte Beispiel der höchsten Freiheit im sinnlichen Leben nicht vereinzelt stehe, sei abermals jenes schon einmal berufenen merkwürdigen Mannes erwähnt. CARDANUS erzählte von sich selbst, daß er vor seinen Augen habe sehen können, was ihm in den Sinn gekommen ist, was er nur gewollt habe. Wie denn auch im Altertum hier und dort ein Beispiel einer solchen vorurteilsfreien inneren Sinnlichkeit erscheint. Eines solchen Mannes gedenkt irgendwo in den  Parvis naturalibus  ARISTOTELES, und vom Maler THEON von Samos erzählt QUINTILIAN: Concipiendis visionibus, quas phantasias vocant, Theon Samius praestantissismus. Quint. XII. 10. 6. VI. 2. 29

51.

Wie groß nun auch der Umfang dieser Erscheinungen in der Geschichte des Lebens sein mag, so sind im bisherigen Bericht doch nur solche Zeugnisse erwähnt worden, in welchen eine verkehrte durch Mystifikation entstandene Auslegung vermißt wird. Wir wollten nur die Stimme solcher Zeugen hören, welche die Geschichten ihres Sinnes ohne Leidenschaft, ohne Vorurteil als Lebensäußerungen betrachteten. Diese waren weder magnetische Hellseher, noch entzückte Asketen, noch Dämonische. Erst nachdem wir das Phänomen nach allen Seiten begrenzt haben, mögen wir die Zustände untersuchen, in welchen seine Erscheinung begünstigt wird.

52.

Es kann nun schon jetzt nicht mehr zweifelhaft sein, daß jene Phantasmen wohl nicht durch Wirkung der Einbildungskraft aus den im Sehorgan haftenden Lichtflecken, Nebeln und Farben ergänzt werden, in der Art wie wir am hellen Tag durch Wirkung der Einbildungskraft das Unvollkommene zum Vollkommenen ergänzen. Ich habe zwar oft bemerkt, wie mir bei geschlossenen Augen aus den im Sehfeld haftenden Lichtflecken und Nebeln besondere Gestalten wurden. Unter diesen Umständen war aber der Lichtflecken, in dem die Einbildung bald eine Wolke, bald ein Tier sah, zuletzt doch haftend. Er verschwand nicht bei allem Wechsel des Eingebildeten, er blieb, und ich konnte bei seiner Ausdauer über die Unwahrheit des Eingebildeten reflektieren.

53.

Die Phantasmen entstehen vielmehr am häufigsten urplötzlich, nicht aus Lichtflecken, sie selbst in scharfer Begrenzung der Gestalt sind die Lichtflecken. In einem ganz dunklen Sehraum, in den ich voll Erwartung der kommenden Erscheinung hineinstarre, stehen plötzlich Gebäude, Pflanzen da. Diese Bilder verschwinden ebenso schnell mit dem Eintritt der Reflexion, die leichteste Bewegung der Augen hebt sie auf. So tüchtig wie die phantastischen Vorstellungen entstehen, verschwinden sie. Wenn daher auch aus Lichtflecken Phantasmen entstehen, so verhalten sich die leuchtenden Meteore zu den aus ihnen entstehenden Phantasmen doch nur, wie ein Phantasma zum andern, das sich aus ihm hervorbildet.
LITERATUR Johannes Müller Über die phantastischen Gesichtserscheinungen - eine physiologische Untersuchung - Koblenz 1826