ra-1tb-2Fred Bonvon MoellerJ. BaumannR. Richter    
 
PAUL KANNENGIESSER
Dogmatismus und Skeptizismus
[Eine Abhandlung über das methodologische
Problem der vorkantischen Philosophie]


"Dogmatismus ist die unkritische Anwendung der dogmatischen Methode in der Philosophie. Es handelt sich hier aber nur um Voraussetzungen und  Annahmen,  nicht um eine aus der genauen Prüfung unseres Erkenntnisvermögens gezogene Begründung; Dogmatismus ist die Anwendung der aus [sogenannten] Vernunftprinzipien deduzierenden Methode ohne Erkundigung der Art und des Rechts, wodurch sie dazu gelangt ist."

"Beim Naturforscher ist es die Macht der Tatsachen, welche eine Skepsis zumindest praktisch unmöglich macht und auch theoretisch die sogenannten Vernunftgründe des Zweiflers in das Reich der grillenhaften Hirngespinste verweist; dem Philosophen aber, muß sich naturgemäß das Bedürfnis aufdrängen, die theoretischen Bedenken des Skeptikers auch theoretisch zu widerlegen, sie durch Vernunftgründe unmöglich zu machen. Eine solche, gegen alle Skepsis gefeite Gewißheit und Evidenz kann aber seinen Sätzen nur dadurch verliehen werden, daß er sie aus Gründen herleitet, die ein Anderssein unmöglich machen."

"Zuerst ist ein  Vergleich  des gesammelten Materials erforderlich, um unter seinen Einzelheiten gewisse, zu allgemeinen Gesetzen zusammenfassende Gleichartigkeiten aufzufinden. Daß eine solche Vergleichung überhaupt nur unter der Bedingung möglich ist, daß dieses Material  tatsächlich  durch durchgängige Gleichförmigkeiten einheitlich gegliedert ist, liegt auf der Hand: ohne eine solche, unserem Begriffsvermögen angemessene und in diesem Sinn zweckmäßige Harmonie der Erscheinungen wäre eine denkende Verarbeitung derselben überhaupt ein Unmöglichkeit: es ist dies das Gesetz der Spezifikation, die Hypothese von der Begreiflichkeit der Natur, welche als das erste Postulat jeder wissenschaftlichen Erkenntnis dasteht."

"Es ist die Unfehlbarkeit des ersten Gliedes wissenschaftlicher Tätigkeit, der Aufnahme des zu verarbeitenden Materials in unser Begriffsvermögen, welche vom Skeptiker in Frage gezogen wird."


Einleitung

Obwohl diese Abhandlung ein einheitliches Ganzes bildet, ist sie doch zugleich dazu bestimmt, als Grundlegung für eine größere Arbeit zu dienen, welche unter dem Titel: "Das methodologische Problem des kantischen Kritizismus" etwa in Jahresfrist erscheinen soll. Sie entlehnt daher auch ihren leitenden Gesichtspunkt vom Zweck dieser letzteren, und so erscheint es als notwendig, denselben hier sogleich in Kürze darzulegen.

Gewiß ist es mehr als ein bloßes Paradoxon, wenn man für die Philosophie einen Fortschritt darin erblickt, daß die rückwärts auf KANT gerichtete Strömung gegenwärtig unsere philosophische Literatur fast allgemein beherrscht und bereits eine Anzahl recht gediegener Leistungen zutage gefördert hat (1). Denn in diesem historischen Zug spricht sich in der Tat die Anerkennung des einzig wahren Mittels aus, durch welches die Philosophie wieder zu ihrer alten Macht und zugleich zum Rang einer Wissenschaft erhoben werden kann, jenes Mittels, welches bereits ADOLF TRENDELENBURG ergriff, indem er, von den "originalen und originellen Seitenwegen" abbiegend, die Philosophie wieder auf die Bahn einer stetigen, das Vorhandene organisch weiter bildenden Entwicklung zurückzuführen suchte (2). Es ist in der Tat ein Fortschritt, daß in das wissenschaftliche Bewußtsein die Einsicht Eingang gefunden hat, daß die Philosophie nicht in jedem Kopf neu ansetzen und wieder absetzen darf, sondern vor allem einmal die Aufgabe zu lösen hat, aus den Leistungen der Vergangenheit den haltbaren "Bestand" herauszuheben und für den Aufbau einer philosophischen Wissenschaft allererst eine solide, dem Zwist der Parteien entrückte Basis zu gewinnen. Und es darf gewiß als ein weiterer Fortschritt angesehen werden, daß man allmählich auch darüber einig geworden ist, diese historische Neubegründung an die Betrachtung desjenigen Systems anzuknüpfen, welches anerkanntermaßen (3) der Ausgangspunkt für alle bedeutenderen philosophischen Richtungen der Neuzeit gewesen ist und selber mit der Verheißung auftrat, eine für alle Zeiten haltbare, einen ewigen Frieden unter den Denkern vermittelnde Grundlage philosophischer Wissenschaft darzubieten.

Kann daher auch nur der blinde Parteieifer jener Originalstandpunkte zu einem Urteil verleiten, welches in der gegenwärtig herrschenden Kantströmung nichts anderes, als einen "krankhaften Zug der Zeit" erkennt, (4) so darf man nun doch auch andererseits nicht außer Acht lassen, daß diese Strömung nur dann einen wirklich bedeutenden Gewinn herbeizuführen vermag, wenn sie auf ein bestimmtes, dem Bewußtsein aller Arbeiter klar und deutlich vorschwebendes Endziel hinstrebt, und daß ein solches Endziel gegenwärtig noch nicht aufgestellt ist. Es fehlt unserer Kantliteratur an einem obersten Gesichtspunkt, dem alle einzelnen, auf Darstellung oder Kritik der kantischen Philosophie ausgehenden Arbeiten gemeinschaftlich sich unterordnen, um so für die Erreichung von ein und demselben wissenschaftlichen Endzweck zusammenzuwirken.

Es bedarf kaum eines besonderen Hinweises darauf, wie wenig man sich noch darüber klar ist, was man eigentlich bei KANT zu suchen und in welcher Weise man ihn zu behandeln hat. Gewiß nicht wenige Abhandlungen werden lediglich aus dem Grund über KANT geschrieben, weil es neuerdings der Modeton nun einmal so mit sich bringt; es wäre z. B. sonst unbegreiflich, wie die Schrift EDUARD RÖDERs "Das Wort  a priori",  jemals hätte entstehen können. Aber auch diejenigen Werke, welche von tiefer liegenden Ideen aus in das Innere des kantischen Systems eindringen und zum Teil auch wirklich recht belehrende Aufschlüsse über einzelne Partien desselben geben, wie besonders COHENs bekannte Arbeit über "Kants Theorie der Erfahrung", lassen noch die Unterordnung unter einen dominierenden Gesichtspunkt vermissen, durch welchen zugleich ein innerer Zusammenhang mit anderen Leistungen vermittelt würde. Oder sollte es wirklich letzter Endzweck des des Kantstudiums sein, "diesen Heros des deutschen Geistes in seiner Größe als Denker und in seiner Würde als Charakter dem Bewußtsein der Zeitgenossen zu erschließen"? Dann möchte allerdings auch wohl eine philologische Interpretation für die einzig richtige Behandlungsweise seiner Philosophie gelten dürfen. Aber jener Zweck ist ebensowenig Endzweck, wie die philosophische Interpretation das eigentliche Wesen des Kantstudiums ausmachen darf. Es handelt sich vielmehr um die rein sachliche Lösung der Aufgabe, aus dem kantischen System den eigentlich dauerhaften Kern herauszulösen, an welchen die Weiterbildung einer philosophischen Wissenschaft ansetzen kann: diese Aufgabe aber kann nur durch eine einschneidende Kritik gelöst werden, und die philologische Betrachtung hat sich in den Dienst dieser letzteren zu stellen, indem ihr die Aufgabe obliegt, für sie das nötige Material zu sammeln und zu sichten. Wenn sich in diesem Sinne die Kantphilologie in Zusammenhang mit der Kritik setzen und diese selber wiederum von einem festen Gesichtspunkt aus in einer geraden Richtung weitergeführt würde, dann würde in der Tat das neuerwachte Studium der kantischen Philosophie eine einheitliche, echt wissenschaftliche Arbeit darstellen, aus der früher oder später ein festes, dauerhaftes Gesamtprodukt hervorgehen müßte.

Daß man von der Philologie zur Kritik weiterzugehen hat, ist nun allerdings eine Ansicht, die gegenwärtig immer mehr Boden bei den Kantforschern zu gewinnen scheint (5), wie ja überhaupt die philologische Erklärung niemals ausschließlich geherrscht hat. Aber diese Kritik, wie sie tatsächlich heute geübt wird, zersplittert sich in eine Anzahl von Untersuchungen, die von ganz verschiedenen Prinzipien und Zwecken ausgehend, aller gemeinsamen Beziehungen entbehren. Nicht nur Detailarbeiten, wie KNAUERs Berichtigung der Kategorientafel und HARTMANNs Kritik des Dings ansich (6) stehen so beziehungslos nebeneinander, sondern selbst solche Werke, welche tief in das Mark der kantischen Philosophie eindringen, um eine möglichst vielseitige und umfassende Beurteilung derselben zu geben, laufen in so divergierende Richtungen aus, daß man vergebens nach Punkten sucht, wo sie ineinandergreifen und unter welchen man ihre Resultate zu einem Gesamtfazit zusammenfassen könnte.

Dem so bezeichneten Mangel, durch welchen der Kantliteratur das entzogen wird, was man die innere Einheit nennen könnte, durch Aufstellung eines obersten Gesichtspunktes abzuhelfen, ist nun ein Plan, der den Verfasser dieser Abhandlung schon seit längerer Zeit ernsthaft beschäftigt und den er in eben jener oben erwähnten Arbeit über das methodologische Problem des kantischen Kritizismus zur Ausführung zu bringen hofft.

Dieselbe geht nämlich von dem Gedanken aus, daß eine einheitliche Kritik der kantischen Philosophie die Grundidee ins Auge zu fassen hat, welche diese Philosophie selbst beherrscht und um derentwillen sie als Kritizismus, als ein reformatorisches und grundlegendes Werk angesehen werden will. Die Aufsuchung dieser Grundidee, der Nachweis, wie durch dieselbe wenigstens ursprünglich der Aufbau der beiden Hauptwerke, der Kritik der reinen und der der praktischen Vernunft, bestimmt wird, und schließlich die Erklärung der Gründe, welche KANT im weiteren Verlauf seiner Darstellung von dieser Grundidee abgetrieben und andere Gesichtspunkt in den Vordergrund gedrängt haben - das ist die Aufgabe, welche ich in jener Arbeit zu lösen gedenke.

Diese eigentliche Grundidee des Kritizismus aber, wie sie sich unter der Berührung mit den entgegengesetzten Standpunkten des philosophischen Dogmatismus und Empirismus, d. h. dem sogenannten Skeptizismus DAVID HUMEs - siehe hierüber den Anfang des zweiten Kapitels - in KANTs Geist ursprünglich herausgebildet hat, ist die endgültige Entscheidung des eigentümlichen Streites, der sich zwischen jenen beiden gegensätzlichen Standpunkten ausspannt: dieser Streit aber dreht sich nicht um die Behauptung dieser oder jener Weltanschauung, sondern er ist rein propädeutischer [vorschulischer - wp] Natur, indem er sich lediglich auf die Frage bezieht, welche Methode die Philosophie als Wissenschaft anzuwenden hat - die der apriorischen Vernunftdeduktion oder die empirische Methode der Beobachtung und Induktion. Die Differenz zwischen beiden Standpunkten ist also durchaus  methodologischer  Art; ganz denselben Charakter aber trägt ursprünglich der auf einen endgültigen Austrag zwischen beiden gerichtete Kritizismus KANTs:  das Problem, das ihm zugrunde liegt, ist methodologisch. 

Bevor nun dieses methodologische Problem als die leitende Grundidee des kantischen Kritizismus nachgewiesen wird - womit der erste Teil der erwähnten Arbeit sich beschäftigen soll - ist nun offenbar erst die Aufgabe zu lösen, die methodologische Natur jener beiden Standpunkte selbst, auf welche er Bezug nimmt, ausführlich darzulegen. Nicht als ob es sich um die Begründung einer ganz neuen Behauptung handeln würde - denn auch schon PAULSEN hebt es im Eingang seines wertvollen "Versuches einer Entwicklungsgeschichte der kantischen Erkenntnistheorie" hervor, daß der wesentliche Unterschied zwischen beiden Standpunkten methodologischer Art ist; es kommt vielmehr darauf an, die  Voraussetzungen und Gründe  bloßzulegen, auf welche der Dogmatismus einerseits und der Empirismus andererseits ihre Ansichten hinsichtlich der in der Philosophie zu befolgenden Methoden stützen. Denn eben diese Voraussetzungen und Gründe sind es, von deren eingehender Prüfung KANT ausgegangen ist, um das Problem selbst in seinen Wurzeln anzugreifen. Auf die Darstellung derselben richtet daher die nachstehende Abhandlung ihr besonderes Augenmerk.

Eben dieser besondere Zweck ist es, der sie in einen innigen Zusammenhang mit jener größeren Arbeit setzt und ihr in Bezug auf dieselbe den Charakter einer grundlegenden Einführung verleiht. Hieraus aber ergibt sich ferner, daß sie die Darstellung jener beiden gegensätzlichen Standpunkte im Wesentlichen auf diejenigen ihrer Vertreter zu beschränken hat, auf welche KANT selbst unmittelbar Bezug genommen hat, nämlich die LEIBNIZ-WOLFFische Schule  einerseits und DAVID HUME andererseits. Wenn nichtsdestoweniger die Erklärung des dogmatischen Standpunktes zuweilen über diesen Kreis hinausgreift, um auch PLATO und ARISTOTELES herbeizuziehen, so wird dies am Ort selbst durch die Natur der Sache als gerechtfertigt erscheinen.  Ein  Mißverständnis möge aber sogleich hier vermieden werden: es handelt sich um keine historische Entwicklung, sondern lediglich um eine in die Lebenswurzeln eindringende  Charakteristik  beider Standpunkte. Jedem derselben soll ein besonderes Kapitel gewidmet werden.


Erstes Kapitel
Charakteristik des Dogmatismus

Zum Ausgangspunkt möge uns hier eine Stelle aus der Vorrede zur zweiten Ausgabe der "Kritik der reinen Vernunft" dienen, welche deutlich das eigentümliche Wesen des Dogmatismus hervorhebt. KANT erklärt dort (7) nämlich:
    "Die Kritik ist nicht dem  dogmatischen Verfahren  der Vernunft in ihrer reinen Erkenntnis, als Wissenschaft entgegengesetzt (denn diese muß jederzeit dogmatisch, d. h. aus sicheren Prinzipien  a priori  streng beweisend sein), sonderm dem  Dogmatismus,  d. h. der Anmaßung, mit einer reinen Erkenntnis aus Begriffen (der philosophischen) nach Prinzipien, sowie sie die Vernunft längst im Gebrauch hat, ohne Erkundigung der Art und des Rechtes, wodurch sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen.  Dogmatismus ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens." 
Es leuchtet sofort ein, daß der Gesichtspunkt, unter welchem hier der Dogmatismus betrachtet wird,  methodologisch  ist: der Begriff, auf den die Definition sich stützt, ist der des  dogmatischen Verfahrens,  d. h. der  dogmatischen Methode,  deren Wesen wir vorläufig mit KANT in der strengen Ableitung wissenschaftlicher Lehrsätze aus sicheren Methoden  a priori  erblicken wollen. Was nun aber die charakteristische Eigentümlichkeit des Dogmatismus ausmacht, ist der Umstand, daß er diese Methode für die Philosophie schlechthin in Anspruch nimmt, ohne vorher zu untersuchen, ob und bis zu welchen Grenzen sie in derselben überhaupt anwendbar ist.

Wir können daher sagen:  Dogmatismus ist die unkritische Anwendung der dogmatischen Methode in der Philosophie.  - Anhand dieser Definition wollen wir jetzt tiefer in den Gegenstand selbst einzudringen versuchen, um die Voraussetzungen aufzudecken, auf welche er sicht stützt. Denn so viel ist bereits von vornherein klar, daß es sich hier eben nur um Voraussetzungen und Annahmen, nicht um eine aus der genauen Prüfung unseres Erkenntnisvermögens gezogene Begründung handeln kann; Dogmatismus ist ja eben die Anwendung der aus Vernunftprinzipien deduzierenden Methode "ohne Erkundigung der Art und des Rechts, wodurch sie dazu gelangt ist." Eine solche deduzierende Methode wird aber immer nur unter ganz besonderen Bedingungen möglich sein, die der Dogmatismus zugleich mit der Möglichkeit jener Methode selbst voraussetzt und in deren Voraussetzung er seine Wurzeln hat. Um diese Bedingungen nun zu entwickeln, ist es notwendig, zuerst etwas näher auf das Wesen des deduktiven Verfahrens überhaupt einzugehen.

Einer jeden Wissenschaft schwebt mehr oder weniger bestimmt das Ideal vor, ihre Lehrsätze derartig miteinander zu verketten, daß sie alle von einem obersten, allgemeinsten Grundgesetz ihre Erklärung und Gewißheit erhalten und durch ihre gemeinschaftliche Beziehung zu demselben ein einheitlich geschlossenes, systematisches Ganzes bilden.

Alle streben nämlich über die Stufe des bloß Zufälligen und Wahrscheinlichen sich zu erheben, indem sie ihre Lehrsätze als feste, unumstößliche Wahrheiten darzustellen suchen. Dies kann aber nur dadurch geschehen, daß man sie als notwendig und allgemeingültig nachweist (8). Nun kann einem Satz dieser Charakter der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit nicht auf dem Weg der bloßen Beobachtung von Tatsachen und der Heraushebung und Verallgemeinerung ihrer wahrgenommenen Gleichförmigkeiten, d. h. auf  induktivem  Weg verschafft werden; denn die beobachteten Tatsachen für sich allein zeigen uns niemals zugleich die Notwendigkeit ihres Eintretens, und die häufig wahrgenommene Gleichförmigkeit ihres Zusammenseins oder ihrer Aufeinanderfolge gibt uns niemals Gewißheit darüber, ob dieses Zusammensein oder Aufeinanderfolgen auch noch mehr, als ein häufig bemerktes und eben auch nur häufig stattfindendes Verhältnis, ob es eine  stetige, konstante Beziehung  von Tatsachen ist, die in einem bestimmten Gesetz ausgedrückt werden kann. Vielmehr vermögen wir eine solche Notwendigkeit und Stetigkeit nur dann festzustellen, wenn es uns gelingt, die wahrgenommenen Erscheinungen als die besonderen Fälle anderer, bereits bekannter Gesetze nachzuweisen: sie sind dann in diesen allgemeineren Gesetzen schon mit inbegriffen und lassen sich auf dem Weg eines logischen Schlußverfahrens aus denselben ableiten, d. h.  a priori  beweisen. (9) Sie erhalten durch diese Ableitung denselben Grad der Notwendigkeit und Gewißheit, den ihre Prämissen bereits besitzen. Eben diese Ableitung bildet das Wesen des deduktiven Verfahrens.

Nun leuchtet es aber ein, daß die also  a priori  bewiesenen Lehrsätze die gewünschte Notwendigkeit auch nur gerade in demselben Grad erhalten, den die Prämissen mit sich führen, und daß, solange diese selbst nichts Anderes als bloße Verallgemeinerungen aus der Beobachtung von Tatsachen, d. h. als bloß  empirische  Gesetze von nur komparativer Allgemeinheit sind, auch allen aus ihnen hergeleiteten Schlußsätzen nur eine komparative Allgemeinheit und relative Gewißheit zukommt. Um hier also den höchstmöglichen Grad von Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit zu erreichen, muß man auch für die Prämissen wiederum ein Erklärungsprinzip suchen, welches dann seinerseits zu seiner eigenen Feststellung wieder eines noch allgemeineren Gesetzes bedarf usw. Diese Notwendigkeit, zu den aufgestellten Erklärungsprinzipien immer wieder noch höhere und allgemeinere aufzusuchen, würde den Forscher  in infinitum [ohne Ende - wp] weitertreiben und die Ankettung seines wissenschaftlichen Systems an letzte, feste Grundprinzipien in eine unerreichbare Ferne rücken, wenn nicht doch schließlich sein Wissensdrang bei irgendeinem Punkt ihn Halt machen ließe. Dieser Punkt aber ist erreicht, sobald es ihm gelungen ist, ein Grundgesetz zu entdecken, welches die ganze Mannigfaltigkeit der auf sein Forschungsgebiet bezüglichen Lehrsätze als Einzelfälle in sich schließt und daher einen hinreichenden Erklärungsgrund für sie alle darzubieten vermag. Ein solches Grundgesetz ist allerdings selbst wiederum nichts anderes als eine Verallgemeiner aus den Daten der Erfahrung, die anfangs nur als Hypothese aufgestellt wird. Aber der Umstand, daß diese Hypothese auf alle Fälle der Wirklichkeit sich als anwendbar erweist und die ganze Fülle der auf dem bezüglichen Gebiet auftretenden Erscheinungen zu erklären vermag, erhebt dieselbe, obwohl sie einer aprioristischen Beweisführung entbehrt, zu einem so hohen Grad der Gewißheit, daß alle Skepsis gegen sie ohnmächtig ist. Ist und bleibt diese Gewißheit also auch immer subjektiv, so drängt sie doch allen Subjekten, soweit sie sich mit der Erkenntnis des betreffenden Erscheinungsgebietes beschäftigen, mit gleicher Notwendigkeit auf und befriedigt so allgemein den wissenschaftlichen Forschungstrieb. Dieselbe Gewißheit aber erlangen nun auch die einzelnen Lehrsätze, sobald es gelingt, dieselben auf jenes oberste Grundgesetz zurückzuführen; ist dieses Ziel erreicht, so bilden sie ein den Wissensdrang des Menschen vollständig befriedigendes System (10).

Da nun eine jede Wissenschaft danach strebt, ihren Sätzen diesen Grad von Gewißheit zu verleihen, so ist es allerdings naturgemäß, daß alle Wissenschaften nicht allein die Tendenz haben, deduktiv zu werden, sondern auch darauf ausgehen, die Deduktion an ein letztes, alle Einzelheiten des gesamten Forschungsgebietes gleichmäßig umfassendes Grundgesetzes anzuknüpfen. (11) Für die Astronomie z. B. ist dasselbe bereits gefunden in dem alle Bewegungen der Himmelskörper gleichmäßig umfassenden Gravitationsgesetz (Vgl. MILL, Logik II, Seite 183).

Diese systematische Durchführung der deduktiven Methode ist nun aber ein Ideal, das, wenn auch von allen Wissenschaften erstrebt, doch für die meisten derselben noch in weiter Ferne liegt und nur ganz langsam und allmählich erreicht werden kann. Der Grund hiervon liegt in dem Umstand, daß das ganze deduktive Verfahren auf der Grundlage des induktiven ruht und somit,
    "obgleich alle Wissenschaften immer mehr und mehr deduktiv zu werden streben, sie darum um nichts weniger induktiv bleiben, indem doch jeder Schritt in der Deduktion immer noch eine Induktion ist." (12)
Auch diese Beziehung des deduktiven Verfahrens zur Induktion müssen wir uns hier klar machen.

Es sind hier hauptsächlich zwei Punkte hervorzuheben.

Erstens müssen nämlich die allgemeinsten, an die Spitze des Systems zu stellenden Grundsätze, wie dies oben schon angedeutet wurde, selbst erst aus der Erfahrung, auf induktivem Weg gewonnen werden: MILL weist in seiner Logik (13) nach, daß selbst die Grundprinzipien der Mathematik, nämlich die Definitionen und Axiome, ursprünglich "Verallgemeinerungen aus der Erfahrung", "Erfahrungswahrheiten" sind. Wenn man nun auch dieser letzteren Wegen ihrer "bis zum Überfluß begründeten und einleuchtenden Evidenz" leicht und sicher habhaft geworden ist, so haben doch die meisten Wissenschaften, z. B. alle diejenigen, welche sich auf die stoffliche Seite der Natur richten, erst ganz allmählich sich zu ihren obersten Prinzipien emporzuarbeiten, indem sie von der ersten, rohen Stufe ganz verstreuter Beobachtungen ausgehend, durch die Vergleichung derselben allmählich eine Anzahl Gleichförmigkeiten unter ihnen entdecken und in (empirische) Gesetze fassen, diese Beobachtungen und Verallgemeinerungen durch eine Zuhilfenahme und Vervollkommnung des Experiments im Laufe der Zeiten immer mehr anwachsen lassen und durch fortgesetzte Vergleichung der bereits gewonnenen Induktionsgesetze diese selbst in eine immer kleinere Anzahl allgemeinerer Gesetze aufzulösen suchen, um sich so, gleichsam pyramidisch, nach oben zuzuspitzen, bis dann schließlich auf der Höhe, im Kopf irgendeines genialen Entdeckers, das Grundgesetz aufblitzt, welches alle Sätze umfaßt, ihnen Festigkeit und Beweiskraft verleiht und der ganzen Wissenschaft ihren systematischen Abschluß gibt. Ein solcher Endprozeß vollzog sich auf dem Gebiet der Astronomie, als ISAAK NEWTON auf den Gedanken kam, die Bewegungen aller Körper des Sonnensystems insgesamt zu betrachten als Merkmale  einer  Bewegung um  einen  gemeinsamen Mittelpunkt, mit einer Zentripetalkraft, die in geradem Verhältnis mit ihrer Masse und im umgekehrten Verhältnis mit dem Quadrat ihrer Entfernung von jenem Mittelpunkt wechselt. Um zu dieser allumfassenden Grundidee zu gelangen, bedurfte es aber auch erst jener Vorstufe auf welche KEPLER die Wissenschaft gebracht hatte, indem er das wirre Durcheinander ihrer bisherigen Erklärungsversuche in jene wenigen, einfachen Gesetze auflöste, die unter seinem Namen allgemein bekannt sind. Aber auch solche Vorstufen können eben nur erst ganz allmählich erreicht werden, und für manche Wissenschaften, wie z. B. die Chemie, liegen auch sie jetzt noch in weiter Ferne. (14)

Was nun aber zweitens die Durchführung des deduktiven Verfahrens für die meisten Wissenschaften besonders schwierig macht und ihren systematischen Abschluß so weit in die Ferne rückt, ist der Umstand, daß die abzuleitenden Lehrsätze allerdings alle miteinander im obersten Grundgesetz, als besondere Fälle desselben, inbegriffen sind, aber aus demselben, allein genommen, sich keineswegs herausholen lassen. Dasselbe enthält eben nur die oberste, allgemeinste Bestimmung, die sie alle miteinander gemein haben, nicht aber die Besonderheiten, durch welche sie sich voneinander unterscheiden und welche gerade ihren individuellen, neu zu gewinnenden Inhalt ausmachen. Diese Besonderheit besteht nämlich darin, daß sie von dem Forschungsgebiet, auf welches jenes Grundgesetz, ohne Rücksicht auf seine Einzelheiten, sich nur ganz allgemein bezieht, eine bestimmte Klasse von Erscheinungen behandeln. Diese Erscheinungen selbst aber müssen, da das Gesetz von ihnen nicht besonders redet, erst durch die Erfahrung gegeben und die ihr eigentümliches Wesen ausdrückenden Bestimmungen durch Beobachtung und Abstraktion, kurz auf  induktivem  Weg, gewonnen werden. Erst wenn diese so  a posteriori [im Nachhinein - wp] gefundenen Bestimmungen unter jenes allgemeine Grundgesetz subsumiert worden sind, lassen sich aus eben dieser Subsumtion, auf dem Weg des Syllogismus, weitere, die Eigentümlichkeit der betreffenden Erscheinungsklasse bestimmende Gesetz  a priori  ableiten. So würde die Astronomie mit dem Gesetz der Gravitation,
    "daß jedes Teilchen des Weltalls jedes andere Teilchen mit einer Kraft anzieht, welche sowohl der Masse des anziehenden wie auch des angezogenen Teilchens proportional ist und sich im umgekehrten Verhältnis des Quadrats der Entfernung zwischen beiden verändert" -
keinen Schritt von der Stelle kommen, wenn sie nicht die einzelnen, aus der Zusammensetzung solcher Teilchen bestehenden Körper im Weltall aufsuchen und durch Beobachtung und Messung ihre Massen und gegenseitigen Entfernungen bestimmen würde, um auf die gewonnenen Bestimmungen dann das Gravitationsgesetz anzuwenden. Allerdings kann man dann mit Hilfe desselben die Bahnen der so  a posteriori  bestimmten Körper berechnen; ja man vermag sogar das Vorhandensein anderer, bisher noch nicht bekannter Körper von hier aus  a priori  zu bestimmen, indem man, wenn die Beobachtung ergibt, daß die wirklichen Bahnen jener mit den ihnen durch Berechnung beigelegten nicht in Einklang stehen, zu dem Schluß geführt wird, daß die wirklichen Bahnen durch Einwirkung eines Körpers modifiziert werden, der bisher noch nicht bekannt und also in der Rechnung auch nicht mit angesetzt war. Aber zu dieser Schlußfolgerung ist eben wiederum  Beobachtung,  nämlich die der wirklichen Bahnen der bereits bekannten Körper, sowie die  Entdeckung der weiteren Tatsache  erforderlich, daß die Resultate der Beobachtung mit denen der Berechnung nicht übereinstimmen. Eben die Resultate solcher Beobachtungen und Entdeckungen geben die  Mittelglieder  zu der Kette von Schlüssen her, welche die abzuleitenden Wahrheiten mit den allgemeineren und durch diese schließlich mit dem obersten Gesetz selbst verknüpfen.

Es scheint uns ferner wichtig, noch die Bemerkung hinzuzufügen, daß die Anzahl der zur Deduktion erforderlichen empirischen Mittelglieder in dem Grad wächst, in welchem sich die abzuleitenden Gesetze spezifizieren. Denn je spezieller diese werden, umso größer wird die Zahl eigentümlicher Einzelheiten, auf welche sie Bezug haben und deren besonderes Verhältnis zueinander sie zum Ausdruck bringen. So betrachten die tiefer in die Einzelheiten der Physik eindringenden Forschungen ihren besonderen Gegenstand wiederum in seinem Verhalten zu anderen, eigentümlichen Erscheinungen. Da es sich hierbei um die Frage handelt, welche Veränderungen er durch die Einwirkungen derselben erfährt oder welche er in ihnen hervorruft, diese Veränderungen aber abhängig sind von den Kräften der einwirkenden Erscheinungen einerseits und der Reaktionskraft der leidenden andererseits, so müssen offenbar, bevor die erfragte Wirkung berechtnet werden kann, erst die die Rechnung bestimmenden beiderseitigen Kräfte selbst, d. h. nichts anderes, als das  besondere Wesen  der verschiedenen zusammenwirkenden und aufeinander wirkenden Gegenstände erkannt werden. Die dieses besondere Wesen der einzelnen Erscheinungen ausdrückenden Bestimmungen sind die  Definitionen und sie müssen allemal auf  induktivem  Weg aus dem Grund der Dinge selbst hervorgeholt werden, weil nur die Erfahrung uns über die charakteristischen Eigenschaften derselben zu belehren vermag. Erst wenn diese Definitionen induktiv gewonnen und auf ein allgemeineres, sie gleichmäßig umfassendes Gesetz bezogen worden sind, lassen sich aus ihrer Kombination Spezialsätze  a priori  ableiten, welche den betreffenden Gegenstand in seinem Verhalten zu den anderen besonderen Erscheinungen näher bestimmen. (15)

Wir sehen also, daß in der Tat das deduktive Verfahren, sowohl was die Entdeckung der obersten Grundgesetze als auch die Auffindung der die Ableitung weiterer Lehrsätze bedingenden Mittelglieder anbetrifft, von der Erfahrung abhängig ist; es stützt sich durchweg auf Induktionen und wird von solchen durchkreuzt.

Wenn daher auch, wie oben gezeigt wurde, alle Wissenschaften naturgemäß die Tendenz haben, deduktiv zu werden, so streben sie doch keineswegs nach einer gänzlichen Beseitigung der Induktionen; sie suchen dieselben nur auf eine möglichst kleine Anzahl zu reduzieren, indem sie die empirisch aufgefundenen Gesetze in einfachere, umfassendere aufzulösen suchen. Ihr eigentliches Endziel ist daher, kurz gesagt: aus der Kombination möglichst weniger und einfacher Induktionen das ganze Gewebe der auf ihr besonderes Forschungsgebiet bezüglichen Gesetze herauszuspinnen. Auch die Mathematik verfährt nach diesem Prinzip, und es gelingt ihr die sichere und konsequente Durchführung desselben nur aus dem Grund, weil durch die einfache Natur ihres Gegenstandes die nötigen Induktionen so nahe gelegt und zu einer so klaren Evidenz erhoben werden, daß die eigentliche Schwierigkeit nur allein in der richtigen Verknüpfung derselben liegt, während die der stofflichen Seite der Natur zugewandten Wissenschaft die ihrigen erst mit großer Mühe und vielem Zeitaufwand aus der unerschöpflichen Fülle der Erscheinungen herauszuarbeiten haben und daher dem Ziel ihrer systematischen Verknüpfung zum Teil noch sehr fern stehen (16).

Diese Darstellung des deduktiven Verfahrens und seiner notwendigen Beziehungen zur Induktion setzt uns nunmehr in den Stand, unseren eigentlichen Gegenstand selbst in seinen Wurzeln zu erfassen; denn die charakteristischen Eigentümlichkeiten und Voraussetzungen, auf welche der Dogmatismus sich gründet, werden sich jetzt klar und deutlich an derselben abheben.

Während, wie wir sahen, die meisten Wissenschaften erst durch einen ganz allmählichen, langen Entwicklungsprozeß hindurch dem Ziel ihrer systematischen Vollendung sich zu nähern vermögen, meint der Dogmatiker die Philosophie demselben ungleich schneller entgegenführen zu können; er glaubt imstande zu sein, diese Wissenschaft in seinem eigenen Kopf zu beginnen und auch zum Abschluß zu bringen. Die Geschichte der Philosophie, soweit sie auf dogmatischem Boden dahin läuft, zeigt uns nichts als eine fortgesetzte Reihe immer neuer Originalversuche, ein philosophisches System auf den Trümmern des andern, vom Fundament bis zum Giebel hinaus, emporzuführen. Diese immer neuen Versuche aber wurzeln in einer methodologischen Ansicht, die, wenn auch noch nicht das ganze Wesen des Dogmatismus, so doch zumindest eine durchaus charakteristische Seite dieses Wesens ausmacht.

Bei den auf die stoffliche Seite der Natur gerichteten Wissenschaften ist es, wie gezeigt wurde, vornehmlich die Auffindung der die Deduktion stützenden empirischen Elemente, was ihren systematischen Abschluß so schwer und langwierig macht: eben dieser zeitraubenden Bemühung aber glaubt der Dogmatiker enthoben zu sein, indem er der Ansicht ist, die Deduktion und Systematisierung seiner philosophischen Lehrsätz  ganz ohne Beihilfe der Induktion  zustande bringen zu können. Damit ist nun die soeben angedeutete, eine charakteristische Seite des Dogmatismus im Allgemeinen bezeichnet und umschrieben: sie besteht nämlich in der eigentümlichen, methodologischen Voraussetzung,  das deduktive Verfahren in der Philosophie unabhängig von aller Erfahrung durchführen zu können,  woraus dann unmittelbar die praktischen Versuche hervorgehen, diese Durchführung tatsächlich ins Werk zu setzen. - Diese charakteristische Eigentümlichkeit des Dogmatismus, die sich so speziell auf die in der Philosophie zu handhabende  Methode  bezieht, haben wir nunmehr ihren Einzelheiten nach uns eingehender zu vergegenwärtigen; eine zweite, auf den Gegenstand der philosophischen Erkenntnis bezügliche Seite desselben wird uns später entgegentreten. -

Von diesem Standpunkt aus begnügt man sich nämlich für die Feststellung eines philosophischen Systems noch nicht mit jenem Grad subjektiver oder moralischer Gewißheit, wie sie die durchgängige Übereinstimmung seiner Lehrsätze mit den Erscheinungen der Wirklichkeit z. B. dem Naturforscher gewährt. Beim Letzteren ist es die Macht der Tatsachen, welche eine Skepsis zumindest praktisch unmöglich macht und auch theoretisch die sogenannten Vernunftgründe des Zweiflers in das Reich der grillenhaften Hirngespinste verweist; dem Philosophen aber, der von jeher vornehmlich mit Vernunftbeweisen operiert und häufig schon durch die intelligible Natur seines Gegenstandes der Möglichkeit einer Rückverweisung auf die Tatsachen sich beraubt sieht, muß sich naturgemäß das Bedürfnis aufdrängen, die theoretischen Bedenken des Skeptikers auch theoretisch zu widerlegen, sie durch Vernunftgründe unmöglich zu machen. Eine solche, gegen alle Skepsis gefeite Gewißheit und Evidenz kann aber seinen Sätzen nur dadurch verliehen werden, daß er sie aus Gründen herleitet, die ein Anderssein unmöglich machen: denn eben in der Behauptung, daß dieser oder jener Beweis nicht die Möglichkeit ausschließt,  daß es auch anders sein kann,  besteht ja das Wesen der Skepsis; sie kann also auch nur beseitigt werden, indem man die Vernunft zur Anerkennung des Behaupteten mit einer Notwendigkeit zwingt, die jedes Anderssein als unmöglich ausschließt. Auf diese Weise werden  Notwendigkeit  und  Unmöglichkeit des Gegenteils  gleichwertige Begriffe:  to d'anangkaion ouk endechetai allos echein [Notwendigkeit setzt voraus, daß etwas anderes nicht möglich ist. - wp], sagt ARISTOTELES, und für LEIBNIZ gilt als charakteristisches Merkmal der notwendigen Wahrheiten, daß  leur opposé est impossible [ihr Gegenteil ist unmöglich - wp] (17). In diesem Zusammenhang erhält auch erst der Begriff der  Allgemeingültigkeit,  den wir bereits oben als Korrelat des Begriffs der Notwendigkeit einführten, seine eigentlich strikte Bedeutung: die Gültigkeit eines notwendigen Satzes besitzt hiernach eine für alle mit uns in einer Denkgemeinschaft stehenden Wesen gleich bindende Allgemeinheit,  so daß auch kein Skeptiker sich ihr entziehen kann. 

Wie aber ist diese strikte Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit zu erreichen?

Bedenkt man, daß die wissenschaftliche Tätigkeit überhaupt auf die begriffliche Verarbeitung eines bestimmten, je nach der Natur des Gegenstandes verschiedenen, Vorstellungsmaterials gerichtet ist, welches teils durch Beobachtung und Zergliederung äußerer Vorgänge, teils durch Reflexion auf die Erscheinungen des Geisteslebens dem Denken zugeführt wird, so findet man, daß sich dieselbe wesentlich aus drei verschiedenen Grundtätigkeiten zusammensetzt. Die erste besteht eben in der  Aufnahme  des Materials selbst in unser Vorstellungsvermögen, und zwar gehören zu diesem Material nicht nur die Begriffe, die wir von der äußeren oder inneren Erfahrung abziehen, sondern auch die Gesetze, die wir aus der häufigen Beobachtung bestimmter Zusammenhänge geistiger oder körperlicher Vorgänge unmittelbar gewonnen haben, d. h. die unmittelbar  empirischen Gesetze.  Diese Material, welches durch fortgesetzte Beobachtung und Erfahrung einen immer frischen Zuwachs erhält, gilt es nun zu einem,  allmählich  immer einheitlicher zu gestaltenden Ganzen zu verknüpfen. Da eine solche Verknüpfung aber in der Zurückführung einzelner Regeln auf allgemeinere Gesetze, welche die ihnen allen gemeinsamen Gleichförmigkeiten ausdrücken, sowie in der Ableitung weiterer Einzelgesetze aus der Kombination höherer Allgemeinheiten besteht, so ist zuerst ein  Vergleich  des gesammelten Materials erforderlich, um unter seinen Einzelheiten gewisse, zu allgemeinen Gesetzen zusammenfassende Gleichartigkeiten aufzufinden: dies ist das zweite Glied der wissenschaftlichen Tätigkeit. Daß eine solche Vergleichung gänzlich abhängig ist von der eigentümlichen Beschaffenheit des Materials selbst, daß sie überhaupt nur unter der Bedingung möglich ist, daß dieses Material tatsächlich durch durchgängige Gleichförmigkeiten einheitlich gegliedert ist, liegt auf der Hand: ohne eine solche, unserem Begriffsvermögen angemessene und in diesem Sinn zweckmäßige Harmonie der Erscheinungen wäre eine denkende Verarbeitung derselben überhaupt ein Unmöglichkeit: es ist dies das Gesetz der Spezifikation, die Hypothese von der Begreiflichkeit der Natur, welche als das erste Postulat jeder wissenschaftlichen Erkenntnis dasteht. (18) - Auf der durch die beiden ersteren Tätigkeiten dargebotenen Grundlage entfaltet nun die eigentlich  synthetische Kraft des Denkens  ihre Wirksamkeit, welche das aufgenommene Material mittels der entdeckten Gleichförmigkeiten zu einer begrifflichen System verknüpft, uns so das vorhandene Inventar von Vorstellungen und Lehrsätzen nicht allein einheitlich gliedert, sondern auch  a priori  bereichert, indem sie aus der Verbindung bereits bekannter Sätze eine Anzahl neuer herleitet. Diese verknüpfende Tätigkeit ist nicht mehr abhängig von der Beschaffenheit ihres konkreten Gegenstandes, sondern vollzieht sich lediglich gemäß der logischen Natur des Denkens selbst: auch hier zeigt die Natur eine dem Denken so durchaus konforme Übereinstimmung, daß, wenn ihre Erscheinungen überhaupt erst einmal in das Vorstellungsvermögen aufgenommen und in begriffliche Regeln umgesetzt sind, sie nun in dieser begrifflichen Gestalt vom Denken, lediglich seinen eigenen, d. h. den  logischen  Gesetzen gemäß verarbeitet werden können, mit der Gewißheit, dß das begriffliche Produkt, - falls es nur auf dem Weg einer richtigen Logik zustande kommt, - allemal ein reales Naturergebnis darstellen wird. Dieses begriffliche Produkt aber erzeugt das Denken durch die ihm eigentümliche Tätigkeit des Schließens, welche, da sie solidarisch mit der Natur des Denkens verwachsen, mit ihm identisch ist, auch für jedes einzelne Denken, d. h. für alle einzelnen Denkwesen sich mit gleicher Notwendigkeit vollzieht: Die Konsequenzen einer richtigen Syllogistik sind notwendig in dem Sinn, daß sie das Denken selbst nicht anders denken kann, ohne mit sich in Widerspruch zu kommen; sie sind allgemein gültig und somit auch für einen Skeptiker zwingend. Auf diesem Gebiet der rein logischen Tätigkeit ist für die Skepsis überhaupt kein Raum. Aber auch zwischen die soeben als wissenschaftliches Postulat von uns besprochene Parallelität von Denken und Sein vermag sie sich nicht einzudrängen: der Gedanke, daß das Letztere dem streng logischen Begriffslauf ganz beziehungslos gegenübersteht und nur zufällig, wenn auch sonderbarerweise bisher noch immer, mit ihm übereingestimmt hat, so daß wir niemals sicher sein dürfen, ob es nicht plötzlich unseren denkrichtigen Deduktionen ein höhnisches Mephistoantlitz zeigen wird - dieser Gedanke ist kein auf Gründe gestützter Zweifel, sondern ein kapriziöser [schrulliger - wp] Einfall. (19) Die gesunde Skepsis - und dazu wollen wir hier auch den extremen Standpunkt des Pyrrhonikers rechnen - wurzelt vielmehr in einem ganz anderen Bedenken. Wenn nämlich auch die Konsequenzen eines Syllogismus sich mit Notwendigkeit aus ihren Prämissen ergeben, so ist ihre Wahrheit doch insofern immer nur hypothetisch, als sie von der Wahrheit der Prämissen abhängig ist: steht die der Letzteren fest, so ist auch die der Schlußsätze nicht in Zweifel zu ziehen, aber was verbürgt eben die Wahrheit jener Prämissen? Ein wissenschaftliches System mag noch so syllogistisch durchgeführt und somit der Form nach durchweg richtig sein, seine Wahrheit, d. h. die Übereinstimmung desselben mit der Wirklichkeit wird doch nur in dem Fall gegen alle Zweifel gesichert sein, wenn die seine Deduktionen stützenden  obersten Prinzipien und Mittelglieder allgemeingültig und notwendig  sind. Sie bilden daher den eigentlichen Gegenstand aller wahren Skepsis; es ist die Unfehlbarkeit des ersten Gliedes wissenschaftlicher Tätigkeit, der Aufnahme des zu verarbeitenden Materials in unser Begriffsvermögen, welche vom Skeptiker in Frage gezogen wird. Was sichert uns also die Richtigkeit der aus der äußeren oder inneren Wahrnehmung gezogenen Gesetze und Definitionen, aus welchen wir das wissenschaftliche System entwickeln? - Das ist die Grundfrage aller Skepsis. Der Naturforscher begnügt sich hier mit Recht, auf die Bewahrheitung  a posteriori,  durch die Tatsachen hinzuweisen; der dogmatische Philosoph aber sucht auch für seine obersten Prinzipien und Mittelglieder den unerschütterlichen Boden der Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit zu gewinnen, um alle Skepsis als eine Denkunmöglichkeit von seinem System fernzuhalten.

Da nun die Erfahrung eine solche Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit überhaupt nicht zu gewähren vermag (siehe oben), so ist die Möglichkeit einer aller Skepsis trotzenden philosophischen Wissenschaft an die Bedingung geknüpft, daß die Vernunft nach ihrer eigenen Natur die zum Aufbau des Systems erforderlichen obersten Prinzipien und Mittelglieder aus sich selbst erzeugt. Zu ihrem Wesen gehört somit, dieser Bedingung gemäß, ein Denken, welches nicht allein nach den ihm eigentümlichen, logischen Gesetzen ein dargebotenes Begriffsmaterial bearbeitet, sondern ein solches auch selbständig aus sich erzeugt und zwar seiner Natur nach mit Notwendigkeit erzeugen muß, so daß dieses Material allen Denksubjekten durch das Denken selbst mit unabweisbarem Zwang aufgedrungen wird. Insofern es aber dasselbe in spontaner Tätigkeit und somit unabhängig von aller Erfahrung aus sich selbst hervorbringt und lediglich seinen eigenen Gesetzen gemäß zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft, würde dieses Denken ein  reines Denken  genannt werden müssen. Das von ihm geschaffene Material aber wäre, da es von keiner Erfahrung erst abgezogen ist, im Gegensatz zu einem so  a posteriori  gewonnenen Erkenntnisinhalt, ein durchweg  aprioristisches:  es bestände aus Sätzen, die, als die obersten Prinzipien der Beweisführung, selbst keiner Deduktion mehr bedürftig sind, d. h. aus  Axiomen und zweitens aus letzten, der Vernunft unmittelbar verständlichen und wegen ihrer primitiven Einfachheit nicht weiter definierbaren  Begriffen aus deren Verbindung sich die weiteren Begriffe zusammensetzen, deren Definitionen die in die Deduktion hineintretenden Mittelglieder ausmachen: diese Axiome sowohl als auch die einfachen und zusammengesetzten Begriffe der Vernunft wären  rein,  weil sie mit keinen Erfahrungselementen versetzt sind, oder  Grundsätze und Begriff a priori. (20) Das System der Philosophie selbst aber, welches unabhängig von aller Erfahrung aus solchen Grundsätzen und Begriffen  a priori  durch die alleinige Tätigkeit des reinen Denkens aufgebaut würde, wäre eine  reine Vernunftwissenschaft,  die nunmehr ihrem durchweg aprioristischen Charakter gemäß alle Skepsis im Prinzip aufhebt: "Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit" sind auch bei KANT mit dem Begriff der Apriorität "unzertrennlich" verknüpft.

Was nun die in dieser Wissenschaft zur Anwendung zu bringende Methode anbelangt, so würde sie durchweg in jenem  "streng dogmatischen"  Verfahren bestehen, dessen Eigentümlichkeit wir oben mit KANT in der strengen Ableitung der Lehrsätze "aus sicheren Prinzipien  a priori"  erblickten. Es müßte sich allerdings dabei zuerst darum handeln, durch Reflexion über die Tätigkeit der Vernunft das durch sie erzeugte Begriffsmaterial zu sammeln und so für die weitere Verarbeitung allererst gegenständlich zu machen; aber eben weil die Vernunft selbst dieses Material bereits  a priori  in sich birgt, wird sie desselben auch leicht und sicher habhaft werden und es vor sich hinstellen können; man dürfte die Begriffe und Grundsätze hier nach dem Voranschreiten des platonischen  Theaetet  mit jenen Vögeln vergleichen, die man bereits im Käfig sitzen hat; man braucht nur hineinzugreifen, um sie zu fassen, während der auf die Erfahrung angewiesene Forscher die seinigen erst nach langem Jagen im unermeßlichen Reich der Ntaur einzufangen vermag. (21) Der eigentliche Schwerpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit wird somit hier ganz in das Geschäft der systematischen Begriffsverknüpfung fallen. Es wird darauf ankommen, die Begriffe der Vernunft durch unmittelbar einleuchtende und weiter nicht zu beweisende Definitionen in ihre einfachen Bestandteile  a priori  auseinanderzufalten, um sodann aus der Kombination der so gewonnenen Definitionen und der Axiome das System der Wissenschaft abzuleiten: das Hauptgewicht würde hier auf die richtige Handhabung des Syllogismus zu legen sein und die  Logik  wäre somit das eigentlich wissenschaftliche Werkzeug der Vernunftwissenschaft.

In der Tat setzt nun der Dogmatismus die Anwendbarkeit einer solchen streng dogmatischen Methode und mit ihr die Möglichkeit einer Philosophie als reiner Vernunftwissenschaft voraus und gründet diese Voraussetzung auf die kritiklose Annahme der Wirklichkeit der Bedingungen, welche die Anwendbarkeit jener Methode selbst erst möglich machen, nämlich des Vorhandenseins gewisser oberster Vernunftprinzipien und eine Anzahl von Begriffen  a priori.  Diese letzte Annahme bildet somit die eigentliche Wurzel des Dogmatismus, soweit wir ihn bisher seinem allgemeinen Wesen nach charakterisiert haben. Zugleich erklärt sich aus dem soeben Entwickelten auch die denselben mehr begleitende als seinen Charakter bedingende Eigentümlichkeit, daß die Repräsentanten dieses Standpunktes eine so bedeutende Arbeitskraft auf die Ausbildung der Logik, als des wissenschaftlichen Organons, und besonders auf die ausführliche Behandlung des Syllogismus, des eigentlichen Hebels der Vernunftdeduktion, verwandt haben. Wir erinnern nur, was das Altertum anbetrifft, an ARISTOTELES, und für die neuere Zeit an CHRISTIAN WOLFF (22). Und es ist von hier aus auch der weitere Umstand erklärlich, daß ein logisch einigermaßen geschulter Kopf sich zutrauen konnte, das ganze System der Philosophie aus seinem Gehirn herauszuspinnen und allen in der "Vernunftkunst" etwas bewanderten Dilettanten mit überzeugender Sicherheit vor Augen zu stellen, so daß die Philosophie als eine leicht zu erlernende Fertigkeit galt und an den Höfen und in den Salons des 18. Jahrhunderts eine Zeit lang die Erörterung metaphysischer Fragen einen unentbehrlichen, geistigen Luxusartikel der "Gesellschaft" bilden konnte. (23)
LITERATUR - Paul Kannengiesser, Dogmatismus und Skeptizismus, Elberfeld 1877
    Anmerkungen
    1) Eine Zusammenstellung der neueren Kantliteratur gibt F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, 2. Buch, 1. Abschnitt, Anm. 1. - Von später erschienenen Arbeiten sind besonders zu erwähnen: E. MONTGOMERY, Die Kant'sche Erkenntnisslehre widerlegt vom Standpunkt der Empirie, München 1871. - WITTE, Beiträge zum Verständnis Kant's, Berlin 1874. PAULSEN, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Kantischen Erkenntnisstheorie, Leipzig 1875. - STADLER, Die Grundsätze der reinen Erkenntnisstheorie in der Kantischen Philosophie, Leipzig 1876. - RIEHL, Der philosophische Kritizismus und seine Bedeutung für die positive Wissenschaft, Bd. 1, Leipzig 1876. - LAAS, Kant's Analogien der Erfahrung. Eine kritische Studie über die Grundlagen der theoretischen Philosophie. Berlin 1876. - Vgl. Bd. XII der "Philosophischen Monatshefte" 1876, Heft 10: VAIHINGER, Zur modernen Kantphilologie. - Im 2. Heft der "Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie", hg. von AVENARIUS befindet sich eine Abhandlung von WINDELBAND, Über die verschiedenen Phasen der kantischen Lehre vom Ding-ansich. - Auch NOIRÉ hat unter dem Motto "von Kant zu Kant" seine "Grundlegeung einer zeitgemäßen Philosophie" (Leipzig 1875) an eine kritische Darlegung der kantischen Erkenntnislehre angeknüpft. Einige andere Schriften werden weiter unten Erwähnung finden (Anm. 6).
    2) Siehe TRENDELENBURG, Logische Untersuchungen, dritte Auflage, Leipzig 1870. Vorrede zur zweiten Auflage Seite VIIIf.
    3) Vgl. KUNO FISCHER, Die beiden kantischen Schulen (1862) und dessen Geschichte der neueren Philosophie, Bd. V, Heidelberg 1869, Seite 25-30; ferner CARL GOERING, System der kritischen Philosophie, erster Teil, Leipzig 1874, Seite 288; JÜRGEN BONA-MEYER, Kants Psychologie, Berlin 1870, Einleitung Seite 2, sowie WITTE, a. a. O., Seite 2.
    4) Verhandlungen der philosophischen Gesellschaft zu Berlin, 2. Heft, Leipzig 1876, Seite 32 (LASSON), siehe Seite 2 und 39 (MICHELET); dagegen ebd. Seite 18f die treffende Bemerkung von FREDERICHs.
    5) So erklärt GOERING in seinem "System der kritischen Philosophie", daß nun auch die Philosophen ihrerseits an der Kritik der reinen Vernunft Kritik üben sollen, um die durch dieses Werk angebahnte Reform der Philosophie zu vollenden (Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik", Bd. 65, Seite 99. - "Meine Absicht", sagt RIEHL in der Vorrede zu seiner a. a. O. genannten Arbeit, "ist daher auf Kritik und Fortbildung der Philosophie Kants gerichtet." Und bei LAAS. a. a. O., Seite 2, heißt es: "So verdienstlich die neue schon vielbändig sich darstellende Kantphilologie ist" - "so kann hier so wenig wie sonst Philologie letzter wissenschaftlicher Zweck sein." "Es bedarf, je vertrauter uns Kant wieder wird, umso mehr der kritischen Vorsicht, der selbständigen Prüfung und wo es nötig scheint der Weiter- oder Umbildung." (a. a. O. Seite 3)
    6) KNAUER, Konträr und kontradiktorisch, nebst konvergierenden Lehrstücken festgestellt und KANTs Kategorientafel berichtigt, Halle 1868. - EDUARD von HARTMANN, Das Ding-ansich und seine Beschaffenheit. Kantische Studien zur Erkenntnistheorie und Metaphysik, Berlin 1871.
    7) IMMANUEL KANTs sämtliche Werke in chronologischer Reihenfolge, hg. von HARTENSTEIN, Leipzig 1867 und 1868, Bd. III, Seite 27
    8) vgl. SIGWART, Logik, Bd. I, Tübingen 1863
    9) vgl. JOHN STUART MILL, System der deduktiven und induktiven Logik, übersetzt von GOMPERZ, Gesammelte Werke, Bd. II, Seite 1f; siehe auch LEIBNIZ, Opera Philosophica, ed. ERDMANN, Berlin 1840, Seite 195; 465a. KANT III, Seite 64f
    10) vg. MILL, a. a. O., Bd. II, Seite 102f. Die so erlangte Gewißheit vermag allerdings die Einwendungen des verstockten Pyrrhonianers nicht durch mathematisch überzeugende Vernunftgründe zurückzuweisen, wird aber durch dieselben auch nicht erschüttert. Es ist jene "moralische Gewißheit", auf "gewisse, sichere Gründe" gestützt, wie sie auch DAVID HUME (siehe darüber Kapitel 2 unten) der Erfahrungserkenntnis zugesteht und welche LEIBNIZ (Seite 378b) bezeichnet als  une connoissance de la vérité, avec laquelle on n'en peut point douter par rapport á la pratique sans folie [eine Erkenntnis der Wahrheit, mit der verglichen jede andere Art von Praxis der reine Wahnsinn wäre - wp].
    11) MILL, a. a. O., Bd. I, Seite 232; Bd. II, Seite 1-10; Seite 166f, 180f, 193f.
    12) MILL, a. a. O., Bd. I, Seite 233, zweites Buch, Kap. III, § 3-7 und Kap. IV, § 1f.
    13) MILL, a. a. O., zweites Buch, Kap. V, § 4, Kap. VI, § 1.
    14) MILL, Bd. I, Seite 234ff; Bd. II, Seite 179; Bd. I, Seite 235, siehe 233, 236 und öfter.
    15) vgl. MILL, a. a. O., drittes Buch, Kap. XIf und Kap. XVI, besonders § 2.
    16) MILL, ebd, Kap. IV, § 1; zweites Buch, Kap. IV, § 4.
    17) LEIBNIZ, Opera, Seite 707b, siehe 558a und öfter. Vgl. WOLFF, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen etc., fünfte Auflage § 36: "wenn das, was einem Ding entgegengesetzt wird, unmöglich ist, so ist dasselbe Ding notwendig."
    18) KANT, Kritik der Urteilskraft, Werke V, Seite 187-192. Siehe auch HELMHOLTZ, Über die Erhaltung der Kraft, Berlin 1847, Seite 3.
    19)  "Absolut  unmöglich", heißt es bei LAAS, Analogien etc. a. a. O., Seite 48, "ist der Eintritt eines solchen Falles nicht; aber bisher war alles, was von Menschen erfahren und erlebt wurde, nachweislich der Art, daß der Verdacht, der gesunde Verstand könne einmal durch das Sein mit einem absoluten Nonsens überrascht werden, zu den allerwindigsten und leersten Möglichkeitsträumen gehört, die den Denkenden umso weniger zu beunruhigen brauchen, als bei der Verwirklichung einer solchen Möglichkeit das Reale sofort dem Denken gleichgültig werden oder es ertöten würde." _ LAAS legt diese Worte allerdings einem "Nicht-Kantianer" in den Mund; aber auchvom Standpunkt der Kritik der reinen Vernunft aus ließe sich wohl schwerlich eine andere Antwort geben, da selbst der Nachweis von der konstituierenden Natur der aprioristischen Verstandesregeln die Möglichkeit nicht "absolut" ausschließt, daß plötzlich der gesetzmäßige Faden der Naturbegebenheiten abbricht und statt desselben ein denksprödes Chaos wirrer Mannigfaltigkeiten an uns vorübertanzt. - Übrigens biegt auch LAAS aufgrund seiner kritischer Erörterung der "Analogien" der Hauptsache nach auf den empirischen Standpunkt des Nichtkantianers zurück (siehe als Resultat dort besonders Seite 207f.
    20) Vgl. TRENDELENBURG, Elementa logices Aristoteleae, § 50f und LEIBNIZ, Meditationes de cognitione etc. Seite 78b und Nouveaux Essais" Seite 306a. Über die Bezeichnung "rein" und "a priori" siehe KANT, III, Seite 33f.
    21) PLATO, Theaetet, 197C-198A und KANT III, Seite 11.
    22) Überall das Verhältnis der Logik und besonders der Apodeiktik zur Metaphysik bei ARISTOTELES. PRANTL, Geschichte der Logik im Abendland, Bd. I, besonders Seite 104. - WOLFF bezeichnet in seinen "Vernünftigen Gedanken von den Kräften des menschlichen Verstandes" (Vorbericht § 10) die Logik nach LEIBNIZens Voranschreiten als  Vernunftkunst  und behandelt sie in diesem Sinne. Welchen Wert übrigens auch LEIBNIZ auf die Logik als auf ein wesentliches Mittel zur Erweiterung der Erkenntnis legt, ersieht man am Besten aus seinem Schreiben an GABRIEL WAGNER vom Nutzen der Vernunftkunst oder Logik (Opera, Seite 418-426). "Unter Logik oder Denkkunst" versteht er hier nach Seite 419b "die Kunst, den Verstand zu gebrauchen, also nicht allein, was vorgestellt, zu beurteilen, sondern auch, was verborgen ist, zu erfinden." Siehe besonders 421b und 424, auch 415b, wo er die Logik bezeichnet als  la science de raisonner, de juger, d'inventer [die Wissenschaft der Vernunft, der Urteilskraft, der Erfindung - wp], sowie 138b.
    23) "Es war eine Zeit", sagt EULER im 25. seiner Briefe an eine deutsche Prinzessin, "wo die Streitigkeiten über die Monaden so lebhaft und so allgemein waren, daß sie sich aus den Schulen bis in die Frauenzimmergesellschaften verbreiteten. Am Hof war beinahe keine Dame, die sich nicht für oder wider die Monaden erklärt hätte." Wer damals am System der prästabilierten Harmonie zu zweifeln sich vermaß, galt für einen Ignoranten (Brief 83). Vgl. u. a. auch JUSTI, Leben Winkelmanns, Bd. I, Seite 70f.