cr-4tb-1cr-2ReinholdHamannFriesJ. G. Fichte    
 
AENESIDEMUS
(1758 - 1828)

Über die Fundamente
der Elementarphilosophie


"Es steht nun zwar wohl nicht zu leugnen, daß vielleicht mancher Aufsatz und manches weitläufige Werk, in welchem die Kantische Philosophie bestritten worden ist, niemals gedruckt worden wäre, wenn deren Verfasser die Prämissen und Resultate dieser Philosophie genau gekannt hätten: Allein nicht weniger wahr ist es auch, daß den Behauptungen der kritischen Philosophie schon mancher wichtige Einwurf entgegengesetzt wurde, und von den Freunden dieser Philosophie entweder völlig unbeantwortet gelassen, oder mit einem Machtspruch abgewiesen worden ist, daß er in blinden Vorurteilen und im gänzlichen Mangel an Kenntnissen vom Wesen dieser Philosophie seinen Grund hat."


Vorrede

Da es überflüssig sein würde, über die Bestimmung dieses Werkes etwas zu sagen, weil solche in den ersten beiden Briefen deutlich genug angegeben worden ist; so will ich nur über den Verfasser der in demselben enthaltenen Prüfung der Prinzipien der kritischen Philosophie, welchen näher kennen zu lernen vielleicht mancher Leser begierig sein möchte, etwas anführen.

Es hat von jeher in der philosophischen Welt zwei Hauptparteien gegeben. Die eine davon glaubt im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, und solche nicht nur unverbesserlich richtig, sondern auch auf eine eigentlich für alle künftigen Zeiten gültige Art bestimmt und angegeben zu haben. Eben deswegen meint sie auch, auf die Alleinherrschaft auf dem Gebiet der Philosophie die gerechtesten Ansprüche machen zu dürfen, und sieht daher jedes Bemühen, dieser Alleinherrschaft Abbruch zu tun, als eine Folge des Mangels an Vernunft an. Man kann sie füglich die dezidierende Partei nennen, denn der Hauptcharakter derselben besteht darin, daß sie über dasjenige entscheidet, was einzig und allein und auf immer als Philosophie gültig sein, und dafür gehalten werden soll. Zur zweiten Hauptpartei gehören diejenigen Philosophen, welche nie die Alleinherrschaft irgendeines sichtbaren Oberhaupts in der philosophischen Welt anerkennen, sondern in Sachen der Philosophie sich einzig und allein den Aussprüchen der zwar unsichtbaren, aber in allen im Nachdenken geübten Menschen wirksamen Vernunft unterwerfen wollten. Charakteristisch ist bei dieser Partei der Glaube an die nie aufhörende Perfektibilität der philosophierenden Vernunft, als einen der edelsten und unverkennbarsten Vorzüge des menschlichen Geistes. Um diese Partei von jener zu unterscheiden, kann man sie die protestierende nennen; ihre Anhänger protestieren nämlich teils wider die Unfehlbarkeit und unverbesserliche Richtigkeit eines von den bis jetzt vorhandenen dogmatischen Systemen in der Philosophie, teils dagegen, daß die philosophierende Vernunft jemals aufhören soll, perfektibel zu sein. Das Verhältnis dieser beiden philosophischen Hauptparteien zueinander hat sehr große Ähnlichkeit mit dem Verhältnis, in welchem die beiden Hauptparteien, die von jeher in der christlichen Welt da waren, zueinander stehen, und davon auch die eine immer gegen die Unfehlbarkeit irgendeines sichtbaren Oberhauptes in Sachen der christlichen Religion protestierte (denn obgleich nur diejenigen Anhänger des Christentums, welche im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine mit glücklichem Erfolg gekrönten Protest gegen jene Unfehlbarkeit ablegten, ausschließlich Protestanten genannt worden sind, so existierte doch die Sache selbst schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums). Ob aber das Dasein jener beiden Hauptparteien in der Philosophie auf die Schicksale dieser einen ebenso großen Einflußt gehabt hat, als die beiden Hauptparteien im Christentum auf die Schicksale desselben unleugbar gehabt haben, weill ich jetzt nicht genauer untersuchen.

Die Skeptiker machen die eifrigsten und erklärtesten Anhänger der protestierenden Partei in der philosophischen Welt aus: und der Hauptfehler, den man ihnen vorwerfen kann, besteht wohl darin, daß sie eine gute Sache zu hitzig verteidigen, und sich deshalb in ihrem Streit gegen den auf sein unfehlbares unverbesserliches Wissen stolzen Dogmatismus oft mancher Unbilligkeit und Übereilung schuldig gemacht haben.

AENESIDEMUS, oder wer sonst Verfasser der in diesem Werk enthaltenen Beleuchtung der Prinzipien der kritischen Philosophie sein mag, gehört auch zu den eifrigsten Anhängern des Protestantismus in der Philosophie. Ob er aber gleichfalls in der Verteidigung der guten Sache seiner Partei zu weit gegangen ist, werden die unparteiischen und sachverständigen Leser dieses Werkes leicht finden und beurteilen können. Von diesen Lesern wünscht er nun gerichtet, und über seine Zweifel unterrichtet zu werden. Denn als ein echtes Mitglied seiner Partei hält er auch seine eigenen Einsichten in der Philosophie nicht für unverbesserlich richtig, noch weniger aber für unfehlbar. Vielmehr glaubt er so unerschütterlich fest an den edelsten Vorzug des menschlichen Geistes, nämlich an die beständig dauernde Perfektibilität desselben, daß er auch gegen die unverbesserliche Richtigkeit seiner Einsichten beständig ein sehr starkes Mißtrauen unterhält, und immer nach einer noch vollkommeneren Erkenntnis in der Philosophie strebt. Sollte er jenes Wunsches teilhaftig werden - ich kann versichern, daß nur die Hoffnung ihn dazu bewogen hat, seine Einwilligung zur Herausgabe dieses Werkes, das ursprünglich gar nicht zum Druck bestimmt war, zu geben, - sollte man ihm beweisen, daß er in der Beurteilung der Prinzipien der kritischen Philosophie auf einige Punkte, so derselben in ihrem Streit gegen die anderen Systeme in der Philosophie zustatten kommen, nicht Rücksicht genommen habe; so wird er auch selbst öffentlich dasjenige widerrufen, was er in diesem Werk für die noch fortdauernde Rechtmäßigkeit der Forderungen des Skeptizismus, und wider die unverbesserliche Richtigkeit der Prinzipien des kritischen Systems gesagt hat; und er hat mir ausdrücklich aufgetragen, dieses Versprechen in seinem Namen zu tun. Es versteht sich aber von selbst, daß keine Widerlegung seiner Zweifel an der kritischen Philosophie, und keine Belehrung über Sachen der Philosophie, die sich bloß auf Machtsprüche gründet, ihn zu diesem öffentlichen Widerruf bewegen wird.

der Herausgeber



Erster Brief
Hermias an Aenesidemus

Sie irren Sich mein geliebter Freund: Ich bin der Philosophie nicht untreu geworden, und es haben mich weder die Geschäfte meines Amtes, noch auch die großen Uneinigkeiten, die jetzt in der philosophischen Welt herrschen, gegen das Studium der ersten und in Anbetracht der wesentlichen Bedürfnisse unserer Vernunft wichtigsten aller Wissenschaften gleichgültig gemacht. Vielmehr habe ich mich seit einem Jahr weit eifriger und anhaltender, als jemals, mit dieser Wissenschaft beschäftigt, und Sie werden also wegen Ihres Mißtrauens gegen die Beständigkeit meines Geschmacks an derselben um Verzeihung zu bitten haben.

Doch ich kann Ihnen nicht nur melden, daß die Philosophie mich jetzt weit mehr, als ehemals, interessiert; sondern darf auch noch versichern, daß ich dem großen Zweck, der eigentlich allem Philosophieren zugrunde liegt, um vieles näher gekommen bin, daß ich die einzig wahren Prinzipien alles Wissens kennengelernt habe, und für den Eifer, mit welchem ich seit einiger Zeit die Königin der Wissenschaften studiert habe, auf eine für die Beruhigung und Zufriedenheit meines Gemüts sehr wohltätige Art belohnt worden bin.

Sie werden begierig sein, zu wissen: Wodurch diese große Veränderung in meinen Einsichten bewirkt worden ist, und welches unter den vielen Systemen, die bisher den Beifall der Weltweisen erhalten haben, nach meiner jetzigen Überzeugung allen den Forderungen Genüge tue, welche man an einem System der Philosophie zu machen berechtigt ist? - Sie brauchen nicht lange zu raten. Denn was hätte wohl die Philosophie aus den älteren und neueren Zeiten aufzuweisen, das an Gründlichkeit und wahrer Festigkeit den Resultaten des kritischen Systems gleich käme. Ja, ja, mein geliebter Freund, ich bin durch die Schriften der kritischen Weltweisen von dem alle Philosophie zerstörenden Skeptizismus völlig geheilt worden, und habe in der Vernunftkritik die beruhigendste Aufklärung über die Grenzen der menschlichen Erkenntnis gefunden.

Etwas geschwind ist diese Veränderung in meinen Einsichten und Überzeugungen allerdings zustande gekommen. Ich bin mir jedoch dabei durchaus keiner Übereilung bewußt, und muß es bloß, teils der großen Evidenz der Gründe, auf welchen die Resultate der kritischen Philosophie beruhen, teils der Beschaffenheit der Mittel, durch deren Gebrauch ich mit dem Geist dieser Philosophie und ihren höchsten Prinzipien bekannt geworden bin, zuschreiben, daß ich in so kurzer Zeit von dem auf eine kunstmäßige Unwissenheit stolzen Skeptizismus, mit dem ich mich ehemals aus Mangel an Kenntnis von etwas Gewissem und Ausgemachten in der Philosophie behelfen mußte, befreit wurde.

Doch ich darf wohl hoffen, daß Ihnen die Geschichte meiner Bekehrung zur kritischen Philosophie nicht ganz uninteressant sein wird, und melde also das Wichtigste davon.

Der Vorsatz, das System des Königsberger Weltweisen zu studieren, hatte ich, wie Sie wissen, schon vor mehreren Jahren gefaßt. Allein meiner Geschäfte wegen mußte ich die Ausführung dieses Vorsatzes immer von einer Zeit zur andern aufschieben, und es wurde mir erst im Sommer des vergangenen Jahres (1) die hierzu nötige Muße zuteil.

Um bei meinem Vorhaben nicht irre geführt zu werden hielt ich es für notwendig, mich zuerst mit der Vernunftkriti selbst bekannt zu machen. Ich fing also dasjenige Werk, welches seit zehn Jahren so große Gärungen in der deutschen philosophischen Welt verursacht hat, aber, wie ich nicht verbergen kann, in einer ganz besonderen Stimmung meines Gemüts zu lesen an. Ihr Urteil über die kritische Philosophie: Daß durch dieselbe nämlich nicht nur der alle wahre Philosophie zerstörende Hang zur Schwärmerei über Gegenstände, die ganz außerhalb der Sphäre der Erfahrung liegen, vermindert werden wird und muß, sondern auch die Spekulation über Tugend und Sittlichkeit eine ganz neue und sehr erhabene Richtung erhalten hat; berechtigte mich schon, von der Lektüre der Vernunftkritik recht viel zu erwarten. Noch weit mehr war diese Erwartung aber durch die einander gänzlich widersprechenden Aussprüche, so die berühmtesten unserer jetzt lebenden philosophischen Schriftsteller über den Wert der Kritik der reinen Vernunft bisher gefällt haben, gespannt worden; und eine Menge dunkler Ahnungen hatte sich meiner in dem Augenblick bemächtigt, als ich mit dem Lesen desjenigen Werks den Anfang machte, das nach dem Urteil einiger Weltweiser den Skeptizismus und Idealismus in einer neuen Einkleidung vorgetragen hat, nach dem Urteil anderer den Materialismus und Atheismus verteidigt und begünstigt, nach dem Urteil derjenigen aber, die mit dem Geist desselben genau bekannt zu sein vorgeben, nicht nur den Idealismus, Skeptizismus, Materialismus und Atheismus gänzlich zerstört, sondern auch die beruhigendsten, allein wahren und überzeugendsten Aufschlüsse teils über den Grund unserer Hoffnungen vom künftigen und über unsere Pflichten und Rechte im gegenwärtigen Leben, teils über die eigentlichen Grenzen des menschlichen Wissens gegeben haben sollte. Übrigens hatte ich auch im Voraus fest beschlossen, die Vernunftkritik nicht eher wieder beiseite zu legen, als bis ich mit dem Durchlesen derselben ganz fertig geworden bin, und jede von meinen Überzeugungen in der Philosophie aufzugeben, sobald sie mich eines Besseren belehrt haben würde. In dieser Stimmung des Gemüts fing ich also die Vernunftkritik zu lesen an.

Erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen die Eindrücke beschreibe, welche die meisten Stellen dieses größten und originellsten Meisterwerks des philosophischen Geistes auf mich machten. Da ich kein Anhänger irgendeines dogmatischen Systems war, so fand die Kritik der reinen Vernunft an mir einen für alle in ihr enthaltenen neuen Wahrheiten sehr empfänglichen Schüler, und von manchen ihrer Behauptungen wurde ich sogleich aufs Innigste überzeugt. Sie überführte mich davon, daß wahre Philosophie nur erst nach einer sorgfältigen Prüfung aller Zweige des Erkenntnisvermögens zustande zu bringen ist; sie machte mich mit den Gründen genauer bekannt, um welcher willen der Mensch auf alle Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände Verzicht zu leisten hat; und ich begriff, nachdem ich sie ganz durchgelesen hatte, warum es zwar ein natürlicher, aber nichtsdestoweniger sehr gefährlicher Irrtum ist, wenn den Dingen ansich dasjenige als reales Merkmal beigelegt wird, was den Vorstellungen in uns, die sich darauf beziehen, als Vorstellungen in uns, zukommt. Doch sehr viele Stellen dieses Meisterwerks waren mir, aller angewandten Mühe, sie zu verstehen und mir zu erklären ungeachtet, unverständlich; und besonders blieb mir in Anbetracht der letzten Gründe, auf welchen das ganze Gebäude der kritischen Philosophie unerschütterlich und unveränderlich fest stehen sollte, noch manches dunkel. Ich sah zwar wohl ein, daß diese Philosophie weit mehr, als jedes andere dogmatische System, auf Evidenz und Gewißheit in seinen Behauptungen Ansprüche machen kann: Allein wie die Lehren derselben über den Ursprung der verschiedenen Bestandteile unserer Erkenntnis gegen die Angriffe des alle Spekulationen zermalmenden Skeptizismus vollkommen verteidigt werden konnten, und daß die Gründe dieser Lehren über alle Einwendungen erhaben sind; dies war mir aus der Vernunftkritik selbst noch nicht einleuchtend.

Da jedoch die erste und eigentlich noch sehr unvollständige Bekanntschaft mit der Vernunftkritik schon so überaus lehrreich für mich gewesen war, und da diese Bekanntschaft mich sogleich davon überzeugt hatte, daß die neueste Philosophie nicht nur in Anbetracht ihrer Resultate, sondern auch in Anbetracht der in ihr enthaltenen Behandlungsart der philosophischen Wissenschaften ganz originell ist; so konnte ich wohl von einer genaueren und ganz vollständigen Bekanntschaft mit dem Geist der kritischen Philosophie sehr wichtige Aufschlüsse über die Bedürfnisse der spekulierenden Vernunft und über die Forderungen des Skeptizismus mit Recht erwarten, und es war mir also sehr viel daran gelegen, unter den Freunden der kritischen Philosophie einen ausfindig zu machen, der mir über das Wesen dund die Prinzipien derselben weitere Aufklärungen verschafft. Aber auch hierbei war mein Entschluß bald gefaßt. Sie hatten mir den Verfasser der Briefe über die Kantische Philosophie (2) schon als denjenigen unter den jetzt lebenden philosophischen Schriftstellern gerühmt, von welchem die wichtigsten Aufklärungen über das System der kritischen Philosophie zu erwarten wären; und ich konnte also darüber nicht ungewiß sein, bei welchem unter den vielen Auslegern und Verteidigern der Kantischen Schriften ich vorzüglich Belehrung über dasjenige zu suchen hätte, war mir in der Kritiker der reinen Vernunft noch unverständlich geblieben war. Und von ganzem Herzen weiß ich es Ihnen Dank, daß Sie mich auf diesen großen und scharfsinnigen Schüler der kritischen Philosophie aufmerksam gemacht haben. Zuerst las ich dessen Briefe über die Kantische Philosophie. Ich fand in denselben freilich noch nicht, was ich eigentlich suchte, nämlich Aufschlüsse über die letzten Gründe und Prinzipien der ganzen kritischen Philosophie: Allein die in ihnen enthaltene meisterhafte und lichtvolle Darstellung dessen, was durch die neueste Philosophie zum Besten der religiösen Überzeugungen und der Philosophie über die Religion geschehen ist, vermehrte noch mein Verlangen, mit dem echten Sinn und dem ganzen Umfang der kritischen Philosophie genau bekannt zu werden, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf das neueste Werk (3) dieses über alle meine Lobpreisungen erhabenen Schriftstellers, den der Genius der Weltweisheit selbst zur Verteidigung der Rechte, der Forderungen und der Würde dieser Wissenschaft berufen zu haben scheint. Da ich voraussetzen kann, daß Ihrer Aufmerksamkeit das wichtigste philosophische Produkt der letzten Messe nicht entgangen sein wird; so brauche ich wohl vom Inhalt und der Bestimmung desselben nichts anzuführen: Aber wie durch die Reinoldischen Beiträge der Sieg der kritischen Philosophie über den Skeptizismus bei mir nach und nach vollendet worden ist, muß ich Ihnen noch melden. Aus dem fünften Aufsatz in diesen Beiträgen, (über die Möglichkeit der Philosophie, als strenger Wissenschaft) den ich der Anweisung des Herrn Verfassers gemäß zuerst las, lernte ich  das Eine, was der Philosophie Not tut,  das von den vielen älteren Weltweisen dunkel geahnt, von KANT in der Kritik der reinen Vernunft angedeutet, in diesem Aufsatz aber aufs deutlichste und genaueste erörtert worden ist, und dessen Auffindung den Skeptizismus notwendig zerstören muß, recht bestimmt kennen. Der zweite Aufsatz (über das Bedürfnis, die Möglichkeit und die Eigenschaften eines allgemein geltenden Grundsatzes der Philosophie) machte mir begreiflich, was die Gründe, auf welchen mein Skeptizismus beruhte, mich bisher niemals hatten begreifen lassen, daß nämlich ein allgemeingeltender erster Grundsatz, auf dem das ganze Gebäude der Philosophie errichtet würde, daß eine Übereinstimmung in den Behauptungen und Aussprüchen der philosophierenden Vernunft, und daß ein immerwährender Friede unter den Verehrern der Philosophie nicht eine Idee ist, deren Realisierung man nur so lange hoffen kann, als man das Wesen des menschlichen Erkenntnisvermögens und der Philosophie gänzlich verkennt. Mit einer beim Lesen philosophischer Schriften bisher noch niemals empfundenen Unruhe des Gemüts - denn mein Skeptizismus hatte sich, wie ich voraussah, in den entscheidenden Kampf einzulassen, bei welchem für ihn entweder noch alles zu gewinnen, oder alles zu verlieren war, - fing ich hierauf die neue Darstellung der Hauptmomente der Elementarphilosophie zu studieren an, - - und die Wahrheit der in diesem Aufsatz erläuterten höchsten Grundsätze allen Philosophierens war mir so einleuchtend und evident, daß, nachdem ich ihn mehrmals gelesen und auch verstanden hatte, der Skeptizismus seine Herrschaft über meine Überzeugungen gänzlich verlor. Noch bin ich zweifelhaft, ob in diesem Aufsatz die Aufsuchung der höchsten Quelle aller Grundsätze der Elementarphilosophie im Bewußtsein, und die Ableitung der Theorie der Erkenntnis aus einer unbestreitbaren und allgemein einleuchtenden Tatsache, oder die Mißverständnisse und Zweifel aller Art verbeugende Bestimmung der Fundamentalartikel der Elementarphilosophie bewunderungswürdiger ist? Davon bin ich aber vollkommen überzeugt, daß in diesem meisterhaften Aufsatz der Schleier, welcher bisher die innerste Werkstätte der Vorstellungen, welcher die Eigentümlichkeiten und den Wert der Wirkungen der Sinnlichkeit, des Verstandes und der Vernunft den Augen der Weltweisen verbarg, so weit aufgehoben worden ist, wie er durch menschliche Kräfte nur aufgehoben werden kann; daß in demselben der künftig allgemeingeltende und durch sich selbst bestimmte Satz, der das letzte Prinzip aller Philosophie, und die höchstes Prämisse für die theoretische und praktische Weltweisheit ausmacht, wirklich aufgestellt worden ist; daß durch denselben die Grundsteine gelegt worden sind, auf welchen dereinst ein System der Philosophie erbaut werden kann und erbaut werden wird, das die wichtigen und für jeden über sich selbst nachdenkenden Menschen interessanten Fragen:  Was kann ich wissen? Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen?  auf eine die Vernunft völlig befriedigende und allgemeingültige Art beantwortet, und dadurch nicht allein allen Fehden in der Philosophie, die bei der Behandlung dieser Wissenschaft endlos sein müssten, auf immer ein Ende machen, und die Kräfte aller selbstdenkenden Köpfe zur Besorgung des  Einen, was der Wissenschaft Not tut,  vereinigen, sondern auch die Philosophie zur wahren Königin aller Wissenschaften, zur Besiegerin allen Aberglaubens und Unglaubens, und zur wahren Pflegerin der menschlichen Wohlfahrt erheben wird. Daß alle diese großen Hoffnungen über den künftigen Zustand der Philosophie nicht Schimären ausmachen, deren Realisierung teils wegen der wesentlichen Beschaffenheiten der menschlichen Vernunft, teils wegen der Mannigfaltigkeit der Umstände, die auf die Ausbildung dieser Vernunft Einfluß haben und ihr in jedem Mitglied des Menschengeschlechts eine besondere Richtung und Modifikation geben, gar nicht zu erwarten steht, davon bin ich durch die übrigen Aufsätze in den Beiträgen, zugleich aber auch durch die neue Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens (4) (denn daß ich jetzt sowohl mit dem ganzen Inhalt jener Aufsätze wie auch dieser Theorie nicht mehr unbekannt sein werde, können Sie leicht vermuten) aufs Vollkommenste überzeugt worden. Ja, ich hoffe sogar, die Einführung eines vollkommen und ewigen Friedens in die Gefilde der Philosophie dereinst noch selbst zu erleben; denn da die Präliminar-Artikel zu diesem Friedensschluß schon so unverbesserlich gut abgefaßt worden sind, so kann die Dauer eines halben Jahrhunderts unmöglich noch dazu erforderlich sein, um das Friedensinstrument völlig zu beenden. Freilich bin ich nicht so kühn, zu erwarten, daß alle jetzt lebenden Philosophen von Profession zu diesem Frieden die Hände bieten werden. Die Macht der Vorurteile und das Ansehen der Meinungen, in denen man grau geworden ist, wirkt zu stark, als daß man sich so bald von ihnen losmachen könnte. Hätte der Skeptizismus bei mir nicht Sinn und Empfänglichkeit für jede neue Wahrheit erhalten; hätte ich mir es nicht von jeher zum unverbrüchlichen Gesetz gemacht, keine philosophischen Behauptung eher zu verwerfen, als bis ich sie geprüft, und die Gründe ihrer Verwerflichkeit eingesehen hätte, so wäre die kritische Philosophie wahrscheinlich auch für mich ein auf immer verschlossenes und unzugängliches Heiligtum geblieben. Von denjenigen unter unseren jetzt lebenen Lehrern der Philosophie, welche die Schriften der kritischen Weltweisen nur in der Absicht durchblättern, um sie zu widerlegen, oder ihren Kathederwitz an denselben zu üben, und welchen es bis jetzt noch nicht einmal hat begreiflich gemacht werden können, daß man die Lehren der kritischen Philosophie verstanden haben muß, bevor man sich an eine Widerlegung derselben wagen darf, wird man also freilich nicht erwarten können, daß sie den im Gebiet der Weltweisheit bevorstehenden Frieden befördern sollten. Ihr Privatinteresse bringt es sogar mit sich, daß sie sich den edlen Bemühungen echter Weisen um Vollendung desselben entgegensetzen. Allein desto gewisser ist zu hoffen, daß die künftigen Philosophen von Profession, welche jetzt erst anfangen, sich der Königin der Wissenschaften zu widmen, und bei denen die edle Pflanze der kritischen Philosophie noch einen tragbaren, und weder durch Hirngespinste über die Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände, noch durch eine erträumte Vorstellbarkeit der Dinge ansich ausgesogenen Boden findet, die gesegneten Folgen jenes Friedens genießen, und für die Herannäherung des goldenen Zeitalters der Philosophie, dessen Wirklichkeit bei der bisherigen Art zu philosophieren freilich nicht zu erwarten steht, Sorge tragen werden.

Doch ich haben Ihnen über meine jetzigen Überzeugungen die Philosophie betreffend, und über die Art, wie ich derselben teilhaftig geworden bin, schon genug gesagt. Aber nun muß ich noch eine Frage tun, die Sie, mein edler Freund, Selbst betrifft. Halten Sie den Skeptizismus noch für das Konsequenteste von allem, was bis jetzt für Philosophie gegolten hat, und sind Sie demselben noch ebensosehr, wie ehemals, zugetan? Sind Sie noch immer davon überzeugt, daß die Philosophie noch keine allgemeingültigen und unerschütterlich fest stehenden Prinzipien aufzuweisen hat, und daß über den Zusammenhang unserer Vorstellungen mit gewissen Objekten außer denselben noch gar nichts ausgemacht und erwiesen worden ist? Soviel ich weiß, haben Sie durch den Skeptizismus niemals jene Ruhe und Unerschütterlichkeit des Gemüts bei Sich erkünsteln wollen, welche die Skeptiker für die edelste Frucht ihres unsystematischen Systems erklären, und mit deren Besitz man sich nur solange täuschen kann, als man die wesentlichsten Bedürfnisse der menschlichen Vernunft ganz verkennt: Sie sagten vielmehr stets, daß Sie den Skeptizismus eigentlich bloß dazu anwendeten, um Ihrem Geist die Empfänglichkeit für die Erkenntnis der Wahrheit zu sichern, und die Schwächung der Augen ihrer Vernunft durch einen unbegründeten Dogmatismus zu verhindern, damit auch ihnen, sobald dereinst das Gebiet der Philosopie erleuchtet werden würde, der wohltätige Anblick dieser Erleuchtung zuteil werden könnte. Nach meiner jetzigen Überzeugung nun hat der Schimmer der Morgenröte, welche den nahe bevorstehenden Anbruch des vollen Tageslichts im Gebiet der Weltweisheit ankündigt, schon angefangen, die höchsten Gegenden dieses Gebietes zu beleuchten; und der Weg, auf welchem das erhabene Ziel der Philosophie, nämlich Gewißheit in Anbetracht der Grenzen unserer Erkenntnis und in Anbetracht unserer Rechte und Pflichten in diesem, so wie unserer Hoffnungen vom zukünftigen Leben, zu erreichen steht, ist bereits auf das Richtigste beschrieben, ist schon von Männern, denen Philosophie wirklich am Herzen liegt, betreten worden. Ich kann es daher kaum glauben, daß Sie hierin mit mir nicht übereinstimmend denken sollten, und sehe nicht ein, welche Forderungen, die man an einem System der Philosophie zu machen berechtigt ist, in der kritischen Philosophie nicht erfüllt sein sollten. Doch nach einigen Äußerungen über die jetzigen Gärungen in der philosophischen Welt, welche in den letzteren Ihrer Briefe enthalten sind, zu urteilen, gehören Sie noch nicht zur Zahl derjenigen, welche die kritische Philosophie für unerschütterlich fest begründet halten. Ich muß also wohl befürchten, daß wir in unseren Einsichten von dieser Philosophie noch bei weitem nicht völlig miteinander übereinstimmen, und ersuche Sie daher, wenn dies der Fall sein sollte, mich mit demjenigen genau bekannt zu machen, was Ihr Skeptizismus gegen die Evidenz und Gewißheit der höchsten Gründe der Kantisch-Reinholdischen Philosophie noch einzuwenden hat. Sie werden freilich jetzt, wie ich Ihnen im Voraus sagen kann, an mir keinen unbewaffneten und leicht zu bekehrenden Verehrer dieser Philosophie finden: Aber Ihr Urteil über dieselbe falle auch aus, wie es wolle, so werde ich doch die Mitteilung desselben, weil es gewiß lehrreich für mich sein wird, als einen Beweis Ihrer Freundschaft und Gewogenheit verehren. -


Zweiter Brief
Aenesidemus an Hermias

Sie haben also, mein teuerster Freund, dem Skeptizismus wirklich auf immer entsagt, und sind vollkommen davon überzeugt, daß die Resultate der kritischen Philosophie auf unerschütterlich fest stehenden Gründen beruhen? Unerwartet war mir allerdings die Nachricht hiervon, und ich würde die Aufrichtigkeit Ihrer Bekehrung zur neuesten Philosophie vielleicht in Zweifel ziehen, wenn nicht der Ton, der in Ihrem Brief herrscht, dafür bürgte, und wenn Sie mich nicht sogar dazu aufgefordert hätten, entweder zu bekennen, daß auch ich schon zu den Anhängern dieser Philosophie gehöre, oder Ihnen anzuzeigen, was dieser Philosophie nach meinen Einsichten noch abgeht, um sie für das einzig wahre und dereinst allgemeingeltende System der Philosophie halten zu können, welches das Ende aller Streitigkeiten und aller Erschütterungen, die bisher nicht nur im Gebiet der Philosophie, sondern auch in allen mit dieser verwandten Wissenschaften sich von Zeit zu Zeit ereignet haben, herbeigeführt.

Zu einer Änderung meiner Überzeugungen in der Philosophie hat mich nun aber das kritische System noch nicht gebracht, und mein Skeptizismus ist weder durch die Kritik der reinen Vernunft und durch die Gründe ihrer Behauptungen über die Grenzen der Macht und Ohnmacht des menschlichen Erkenntnisvermögens, noch auch durch die neue Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens und durch die neue Darstellung der Hauptmomente der Elementarphilosophie, welche die vom Herrn Prof. KANT bereits aufgestellten Gründe der kritischen Philosophie ergänzen, und zu deren Resultaten auf einem neuen noch sichereren Weg führen sollen, besiegt worden. Ich werde mich also wohl, wenn ich kein Schuldner der Forderungen Ihrer Freundschaft von mir werden will, dazu bequemen müssen, die Sache des Skeptizismus gegen die Anmaßungen der kritischen Philosophie zu verteidigen.

So bereitwillig ich aber auch sonst zu all demjenigen bin, wodurch ich einigermaßen die Beweise Ihrer Freundschaft und Ihres Zutrauens zu mir erwidern zu können hoffen darf; so wenig konnte ich doch diesmal viele Tage hindurch darüber mit mir einig werden, ob ich Ihrer Forderung Genüge tun, und meine Zweifel an der Richtigkeit der höchsten Gründe der kritischen Philosophie Ihnen mitteilen sollte. Die Freunde dieser Philosophie haben nämlich ihren Streitigkeiten mit den Gegnern derselben bisher immer eine Wendung zu geben gesucht, wodurch die letzteren in den Augen des weniger unterrichteten Publikums notwendig verlieren mußten, und die Beendigung der obwaltenden Streitigkeiten zumindest in das Weite hinausgeschoben wurde. Denn so wenig auch sonst die Freunde des neuen Systems miteinander unter sich selbst über die Gründe und Resultate desselben einverstanden sind, so wenig auch ihre Erklärungen von dem, was in der Vernunftkritik eigentlich behauptet worden sein soll, übereinstimmen; so sind sie doch ingeseamt darüber einig, daß noch kein Gegner der kritischen Philosophie deren Prinzipien und Resultate  verstanden  hat, und daß alle Einwendungen, die bisher gegen die Lehren der Kritik der reinen Vernunft vorgebracht worden sind, ohne Ausnahme der Unbekanntschaft mit dem Geist und dem Sinn dieses unverbesserlichen Meisterwerks ihre Entstehung verdanken. Es steht nun zwar wohl nicht zu leugnen, daß vielleicht mancher Aufsatz und manches weitläufige Werk, in welchem die Kantische Philosophie bestritten worden ist, niemals gedruckt worden wäre, wenn deren Verfasser die Prämissen und Resultate dieser Philosophie genau gekannt hätten: Allein nicht weniger wahr ist es auch, daß den Behauptungen der kritischen Philosophie schon mancher wichtige Einwurf entgegengesetzt wurde, und von den Freunden dieser Philosophie entweder völlig unbeantwortet gelassen, oder mit einem Machtspruch abgewiesen worden ist, daß er in blinden Vorurteilen und im gänzlichen Mangel an Kenntnissen vom Wesen dieser Philosophie seinen Grund hat. Sollten Sie nun meinen Zweifeln an der Richtigkeit der Prinzipien und Resultate der kritischen Philosophie auf die nämliche Art begegnen, und anstatt dieselben aufzulösen und zu widerlegen, den Ausspruch tun, daß ich diese Philosophie eigentlich noch gar nicht verstanden habe, weil die Behauptungen der Kritik der reinen Vernunft, oder die Hauptmomente der Elementarphilosophie richtig fassen und solche für unerschütterlich fest stehend halten, völlig dasselbe ist; so würden auch Sie Sich dadurch von der Verbindlichkeit, jene Zweifel zu beantworten, auf einmal losgemacht, und ich noch, bevor mein Urteil über die kritische Philosophie gültig sein könnte, eine Erleuchtung meiner Einsichten abzuwarten haben, durch die aber, sobald sie mir zuteil geworden wäre, aller Forderungen, welche mein Skeptizismus jetzt noch an der kritischen Philosophie zu machen befugt zu sein glaubt, von selbst wegfallen müßten. Doch Ihr Eifer für das wahre Interesse der Philosophie, und Ihr von den Fesseln der Parteisucht freier Geist ist mir Bürge, daß Sie dann, wenn ich wirklich bewiesen haben sollte,  der Skeptizismus nehme die Gewißheit und Allgemeingültigkeit der Grundsätze und Prämissen, auf welchen die kritische Philosophie beruth, mit Recht gar sehr in Anspruch,  nicht mit der Vertröstung auf eine mir vielleicht noch bevorstehende, und durch längeres Nachdenken über die kritische Philosophie zu erreichende Aufklärung meiner Einsichten zu widerlegen suchen werden, und ich biete mich also hiermit zur Erörterung der Gründe an, welche mich noch immer abhalten, ein Anhänger der kritischen Philosophie zu sein, und ihr einen Sieg über den Skeptizismus einzugestehen.

Da Ihr Übertritt vom Skeptizismus zur kritischen Philosophie vorzüglich durch die Fundamentallehre der REINHOLDischen Elementarphilosophie bewirkt worden ist, da Sie überdies auch überzeugt sind, daß in dieser Fundamentallehre die höchsten, allgemeingültigen und dereinst allgemeingeltenden Prämissen sowohl aller Philosophie überhaupt, als auch insbesondere der kritischen Philosophie wirklich aufgestellt worden sind; so werde ich wohl, um Ihnen die Vernunftmäßigkeit meines Skeptizismus zu beweisen, nur die Hauptpunkt dieser Fundamentallehre genau zu prüfen haben, und bei der Zensur der Gründe, womit Herr Prof. KANT selbst seine Philosophie unterstützt hat, nicht lange verweilen dürfen. Freilich ist dadurch, daß gezeigt wird, die Zurpckführung aller Prinzipien der kritischen Philosophie auf den Satz des Bewußtseins, welche der Herr Prof. REINHOLD zuerst in der neuen Theorie des Vorstellungsvermögens versucht hat, und in den Beiträgen noch genauer darzustellen bemüht gewesen ist, sei nicht über alle vernünftigen Zweifel und gar nicht erwiesen, daß auch die Gewißheit derjenigen Grundsätze, auf welchen die neueste Philosophie in der Kritik der reinen Vernunft erbaut worden ist, zweifelhaft sei; und mancher Verehrer der kritischen Philosophie möchte wohl behaupten, daß die Resultate der Kritik der reinen Vernunft keiner anderen Bestätigung bedürfen, welche in diesem ganz vollendeten Meisterwerk des philosophischen Geistes schon gegeben worden ist: Allein da Sie einmal der Meinung sind, daß erst durch die Elementarphilosophie des Herrn Prof. REINHOLD die höchsten und allgemeingültigen Grundsätze geliefert worden seien, auf welchen die kritische Philosophie unerschütterlich fest steht, und daß nur durch diese Elementarphilosophie allen Mängeln und Lücken im Kantischen System, durch deren Wegschaffung es erst allgemeingeltend werden und über alle Mißverständnisse, die dessen Allgemeingültigkeit bisher so sehr hintertrieben haben, erhaben sein kann, abgeholfen worden ist; so habe ich mich wohl, wenn ich die Sache des Skeptizismus gegen die Anmaßungen der kritischen Philosophie auf eine Ihnen genugtuende Art verteidigen will, auf die Prüfung der REINHOLDischen Elementarphilosophie ganz vorzüglich einzulassen. Gelegentlich werde ich jedoch auch über die letzten Gründe der neuesten Philosophie, wie sie in der Vernunftkritik selbst angegeben worden sind, etwas zu sagen haben, und besonders die in dieser enthaltene Widerlegung des Skeptizismus beleuchten müssen.

Da ich Ihnen um mehrerer Ursachen willen meine Zweifel an der Richtigkeit und Gewißheit der Prinzipien der kritischen Philosophie gern auf einmal ganz mitteilen möchte, wegen der Kürze der Zeit aber solche noch nicht völlig habe zu Papier bringen können; so muß ich diesen Brief abgehen lasse, ohne Ihrem Verlangen schon Genüge zu tun. Nehmen Sie also diesmal mit einigen allgemeinen Bemerkungen über den Skeptizismus und über die kritische Philosophie vorlieb.
LITERATUR - Aenesidemus, Über die Fundamente der von dem Herrn Prof. Reinhold in Jena gelieferten Elementarphilosophie. Nebst einer Verteidigung des Skeptizismus gegen die Anmaßungen der Vernunftkritik, ohne Ort 1792